An Stelle eines Vorwortes

Wo wir sind, ist oben


Etikette ist »ein weites Feld«

Erstaunlich, in wie vielen Lebenslagen sich die Richtigkeit dieser beharrlichen Feststellung bestätigt, mit der Vater Briest hilflos und resignierend zugleich die Verstöße seiner Tochter Effi gegen den guten Ton kommentierte.

Die Weite des Feldes der menschlichen Beziehungen zueinander ist unendlich oft durchgeackert worden. Viele haben gesät, und nicht wenige haben geerntet. Zumindest wohlwollende Anerkennung, wenn nicht gar bleibenden Ruhm. So wie Adolf Freiherr Knigge. Ein Mann, der auch heute noch – mehr als einhundertfünfzig Jahre nach seinem Tode – beharrlich stets dann zitiert wird, wenn es gilt, Verstöße gegen gesellschaftliche Regeln zu rügen und dieser Rüge zugleich etwas Absolutes zu geben. Ein Name, der sich einem Menetekel gleich zu beschwören scheint, wann immer uns einmal die Kartoffel von der Gabel gleitet, in die Cumberland-Sauce fällt und dem eigenen blütenweißen Hemd ein pastellfarbenes Batikmuster von erstaunlicher Unregelmäßigkeit verleiht. Der Klassiker guten Benehmens, von dem eine uralte Anekdote berichtet, er selbst habe gegen die von ihm gepredigten Gesetze zumindest einmal verstoßen, als er sich nämlich – über Bord gefallen – eines Haifisches mit Hilfe eines Messers erwehrte, worauf besagter Räuber indigniert ausgerufen habe: »Aber Herr von Knigge – Fisch mit Messer??«

Ich sagte schon – die Geschichte ist uralt. Sie wurde hier auch nicht Knigges wegen erwähnt. Bemerkenswert erscheinen vielmehr der Haifisch und seine formvollendete Anrede des berühmt gewordenen Hofmannes, der bekanntlich nicht »von«, sondern schlicht »Freiherr« war, dennoch aber in der Unterhaltung Anspruch auf ein korrektes »Herr von ...« hatte. Das als kurzen Beitrag zum Thema: Etikette unter der (Wasser-) Oberfläche.

Wenn der Gute geahnt hätte, daß er als Erfinder vollendeter Manieren in die Geschichte eingehen sollte! Obwohl er von all dem nie etwas geschrieben hat. Sein »Umgang mit Menschen« – den jeder gefahrlos zitiert, weil ihn niemand gelesen hat – sagt nämlich nicht das geringste aus etwa über die einzig mögliche Art, Artischocken formvollendet zu [20] verspeisen. Er ist vielmehr eine Sammlung philosophisch-resignierender Ratschläge für die geschickte Anpassung an die Umwelt, von der er auf Grund trüber Erfahrungen nicht viel gehalten haben dürfte. Bereits der erste Satz seines Buches – »Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als wozu er sich selbst macht.« – enthält eine recht bittere Erkenntnis, auch wenn er sie als »goldenen Spruch« bezeichnet, dessen Wahrheit »auf die Erfahrung aller Zeitalter gestützt« sei. Die Erfahrung, daß ein Halbgelehrter getrost wagen dürfe, »über Dinge zu entscheiden, wovon er nicht früher als eine Stunde zuvor das erste Wort gelesen oder gehört hat«. Eine Erfahrung, die es dem »empordringenden Dummkopf« erlaube, »sich zu den ersten Stellen im Staate hinaufzuarbeiten« und »die verdienstvollen Männer zu Boden zu treten«, ohne daß jemand komme, »der ihn in seine Schranken zurückwiese«. Eine Erfahrung, »durch welche sich Windbeutel und Menschen ohne Talent und Kenntnisse bei den Großen der Erde unentbehrlich zu machen verstehen«.

Knigge hat diese Kunst nicht beherrscht, wobei sich die Geschichtsschreibung nicht recht einig ist, ob er sie aus ethischen Gründen ablehnte oder nur deshalb verdammte, weil ihm selbst der Aufstieg »zu den höchsten Stellen im Staat« versagt blieb, so daß er sich als »zu Boden getretener verdienstvoller Mann« fühlen und darob in Verbitterung geraten mußte – eine Verbitterung übrigens, die man beinahe als listig bezeichnen könnte. Fragt er doch, ob denn jene Erkenntnis – daß nämlich jeder Mensch nur so viel gelte, »als wozu er sich selbst macht« – gar nichts wert sei? (Vor diesem Satz ruft er übrigens wie ein Verschwörer aus: »Doch still –!«) Und siehe, sie ist etwas wert, sehr viel sogar. (»Ja, meine Freunde!« schreibt der Anstandsvater.)

Und er rät uns, »nie ohne Not unsere wirtschaftlichen, moralischen und intellektuellen Schwächen aufzudecken«, sondern statt dessen »nicht die Gelegenheit zu verabsäumen, sich von seiner vorteilhaftesten Seite zu zeigen« – allerdings »ohne sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen Lügen herabzulassen«.

So ist denn sein Buch ein Kompendium des Umganges mit Menschen aller Stände und Klassen, aller Gemütsarten, Temperamente und Stimmungen des Geistes und des Herzens. Des Umganges mit Menschen aller Altersklassen und Verwandtschaftsgrade, mit Vorgesetzten und Untergebenen, mit Frauen und Freunden, mit Hauswirten und Nachbarn, Lehrern und Schülern, Gläubigern und Schuldnern, mit den Reichen und den Großen der Erde, mit Gelehrten und Künstlern.

Ja, das alles auf Ehr' wußte Knigge – und mehr.

Was er schrieb, hat bis auf den heutigen Tag Gültigkeit und wird sie auch weiterhin haben:

»Zeige Vernunft und Kenntnisse – nicht so viel, um Neid zu erregen, und nicht so wenig, um über sehen zu werden.«

»Mache dich rar, ohne daß man dich für hochmütig halte.«

»Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen deiner Mitmenschen, um dich zu erheben.«

[21] »Schreibe nicht auf deine Rechnung das, wovon anderen das Verdienst gebührt.«

»Sei lieber das kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eigenem Licht erhellt, als der große Mond einer fremden Sonne.«

»Klage dein Leid, deine Schwäche niemand als dem, der helfen kann, selbst deinem treuen Weibe nicht. Wenige helfen tragen. Viele treten zurück, sobald sie sehen, daß dich das Glück nicht anlächelt.«

»Eine einzige abgeschlagene Wohltat macht tausend wirklich erzeigte im Augenblick vergessen.«

»Nichts in der Welt erscheint den Leuten so witzreich, so weise, als wenn man sie lobt.«

Mit diesen zeitlosen Weisheiten hat Knigge Seiten gefüllt. Und die Tatsache, daß er hinsichtlich der Auflagenhöhe seiner Bücher erfolgreicher war als sein Zeitgenosse Goethe, beweist, in wie hohem Maße die Allgemeingültigkeit seiner Erkenntnisse damals bereits anerkannt wurde.

Und es wäre durchaus denkbar, daß sich Schopenhauer – der Philosoph des Pessimismus, der 1788, also im gleichen Jahr geboren wurde, da Knigge seinen »Umgang« schrieb – durch die Überlegungen des hannoverschen Freiherrn zu seinem berühmten Gleichnis von den Igeln anregen ließ, mit dem er »Höflichkeit und feine Sitte« deutlich machen wollte. Jener Igel, die dicht aneinanderrückten, weil sie froren, die sich jedoch an ihren Stacheln verletzten und geraume Zeit benötigten, ehe sie – den richtigen Abstand zueinander herausgefunden hatten.

In zwei Punkten jedoch, möchte man sagen, wurde Knigge von der Zeit überspielt. Da sind zunächst die »gelehrten Weiber«. Der Freiherr gesteht, daß ihn »immer eine Art von Fieberfrost« befallen habe, wenn man ihn »in Gesellschaft einer Frau an die Seite setzte, die großen Anspruch auf Schöngeisterei und Gelehrsamkeit machte«. »Was hilft es ihnen«, ruft er aus, »mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie nicht gewachsen sind!«

Nun – die holde Weiblichkeit wird ihm diese Verkennung verzeihen.

Sie ist im Reich der Nobelpreisträger mit mehr als zwei Dutzend Namen vertreten und hat damit recht eindringlich bewiesen, daß sie nicht nur drinnen züchtig zu walten versteht.

Und dann blieben als zweiter Punkt die Schlußsätze des letzten Kapitels, das sich mit dem Umgang mit – Tieren befaßt. Der Hofmann mit der spitzen Adlernase, dem hervorspringenden Kinn und einem – wenn man zeitgenössischen Stichen glauben darf – keineswegs attraktiven Profil, wettert da zunächst gegen Pharisäer und »süße Seelchen«, deren »Federn und Zungen mit moralischem Gift und Dolch den Feind und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen – zertreten werden könne«. Eine Empörung, die wir vollauf teilen.


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[22] Und für den Satz: »Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben kann, Tiere in Käfigen und Kasten einzusperren!« möchte ich persönlich mir seinen Umgang gelegentlich in Ganzleder binden lassen.

Dann aber, wie gesagt, kommt der ein wenig überholte Schluß des Buches.

»Indessen scheinen manche Tiere in besserem Rufe zu stehen als andere. Niemand scheut sich zu bekennen, daß er Flöhe habe; Läuse hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich führen, und doch ist beides Ungeziefer, und an Geselligkeit geben die letzteren den ersteren nichts nach.«

Verübeln wir ihm diese zeitbedingte Toleranz gegenüber einer species, der wir heute nur noch in miniatur-circensischen Spielen begegnen, nicht allzu sehr. Was wußte der Freiherr von Flit und DDT, von Shampoon und desodorierender Seife, von Fliesenbädern und Birkenhaarwasser? Er lebte zur Zeit des Rokoko, jenes Kunststils, dessen Name von dem französischen »rocaille« (Muschelwerk) abgeleitet ist. Jener Epoche, die das Barock vollendete und verfeinerte – in der man die architektonische Gliederung der Bauten mit Schmuck und Muscheln überspielte – in der die Maler sentimentale Schäferszenen liebten – und man in Gesellschaft kunstvoll geschnitzte Elfenbeinstäbchen [23] bei sich führte, mit deren Hilfe man ebenso oft wie ungeniert jene kleinen Plagegeister, die unter der Perücke in wohliger Geborgenheit ihr munteres Spiel trieben, zur Ruhe mahnte.

Soviel über Adolf Freiherr Knigge, von dem Ernst Heimeran, der jüngst verstorbene geistreiche Verleger und Schriftsteller, einmal schmunzelnd sagte: »Er hat nicht geschrieben, damit wir uns gegenseitig vorwerfen sollen, ihn nicht gelesen zu haben.«


Nun hat er sich also doch plötzlich in die Unterhaltung gemischt, obwohl wir eigentlich von anderen Dingen reden wollten, eben weil er nur zu einem geringen Teil jene Themen behandelt hat, die man ihm gewöhnlich nachsagt. Aber dieses Buch will ja versuchen, über den nüchternen Rahmen starrer gesellschaftlicher Formeln hinaus den Hintergründen dessen nachzuspüren, was man Etikette nennt. So wird es sich denn zwar an eine sorgfältige Gliederung halten, dennoch aber häufig Randgebiete aufsuchen, weil kleine Ausflüge in weniger bekanntes Gelände zuweilen recht vergnüglich sein können. Und dann – die Ausdrucksformen menschlicher Beziehungen haben oder hatten zumindest einmal ebensolche, häufig allzu menschliche Hintergründe. Sie allein lassen verständlich werden, was im ersten Augenblick hie und da als sinnlos erscheinen mag.

Der Begriff Etikette ist bekanntlich französischen Ursprungs und umfaßt »die Regeln über feines Benehmen bei Hof oder in Gesellschaft«. So wenigstens pflegen sich Lexika auszudrücken. Und doch scheint dieser Kürze ein wesentliches Ingrediens zu fehlen: das Moment der Menschlichkeit. Denn – »feines Benehmen in Gesellschaft« ist mehr als die Hand, die man nicht küßt, weil sie einer unverheirateten jungen Dame gehört, mehr als das Geräusch, das man nicht macht, wenn man Suppe ißt.

Und so erscheint eine andere Definition weitaus glücklicher. Sie steht am Beginn eines kleinen Büchleins, das vor rund einhundertzwanzig Jahren in London erschien, 1947 erneut verlegt wurde und den Titel trägt »Hints on Etiquette«, was man, wenn auch unzureichend, vielleicht mit »Hinweise auf gutes Benehmen« übersetzen könnte. Das Büchlein beginnt mit den Worten:

»Etikette ist jene Schranke, mit der sich die Gesellschaft umgibt, um sich gegen Übergriffe zu schützen, die vom Gesetz nicht zu erfassen sind – ein Schild gegen das Sichaufdrängen der Unverschämten, der Unschicklichen, der Gewöhnlichen – ein Schutz gegen jene Stumpfen und Beschränkten, die sich infolge Mangels an Begabung und Feinfühligkeit fortwährend in den Kreis von Leuten drängen, denen ihre Anwesenheit – infolge Verschiedenheit ihrer Empfindungen und Gewohnheiten – möglicherweise lästig, wenn nicht gar unerträglich ist.«

Vielleicht möchte man jetzt ausrufen, daß all das unsinnig sei – daß es keinen Zweck [24] habe, weiterzulesen, weil Etikette ein Privileg bleiben müsse – jenen vorbehalten, die das Geld hätten, sich abzusondern und mittels einer Schranke »unter sich«, den wenigen Auserwählten, zu bleiben.

Wenn ich nun Knigge wäre, adliger Hofmann des 18. Jahrhunderts, dann würde ich erwidern: »Mitnichten, Freunde!«

Hier liegt vielleicht der verhängnisvollste gesellschaftliche Irrtum unserer Tage, insofern nämlich, als eine Unzahl von Menschen ernsthaft glaubt, sich Etikette »nicht leisten« zu können.

Nun – korrektes, vorbildliches Benehmen kostet erstaunlicherweise keinen Pfennig, bringt jedoch nicht selten ein Vermögen ein, weil es Freunde gewinnen hilft, die Unebenheiten des Lebensweges glättet und damit zur unerläßlichen Voraussetzung eines jeden dauernden Erfolges wird. Nur sollte man es am Tisch einer schlichten, sauberen Wohnküche nicht weniger gut beherrschen als im »Dolder« in Zürich, im »Dorchester« in London oder im »Waldorf Astoria« in New York. Dort macht es sich zumindest ebenso gut wie hier. Denn dort – in der bescheidenen Umgebung eines einfachen, mit der ehrlichen Arbeit der Hände täglich neu erkämpften Lebensraumes – kann es echtes Bedürfnis sein. Geboren aus dem natürlichen Drang des Herzens nach einer Kultivierung des Alltags, nach einer beglückenden Verfeinerung der menschlichen Beziehungen. Hier jedoch – wo sich die »Crème de la Crème«, die »Upper ten«, die »Fivehundred« ein Stelldichein geben – ist es häufig nicht mehr als ein lästiger Zwang, den durchaus nicht immer das Herz zu diktieren braucht, dem man vielmehr gehorcht, weil »man« im Brennpunkt der Öffentlichkeit steht oder sitzt und sich keinerlei Blößen geben darf – mit Ausnahme jener, die von Dior befohlen wurden.

Das Herz aber muß in zahlreichen Fragen des vielseitigen Gebietes Etikette die entscheidende Rolle spielen. Sein Schlag formt das Gesicht der Zeit. Seine Wärme bestimmt das Klima des Alltags, in den wir hineingestellt wurden. Seine Güte mildert das Leid, das uns auferlegt wird, damit wir für das Glück empfänglich bleiben. Und seine Kälte läßt uns einsam werden.

Sagen wir es noch einmal ganz deutlich: der Verstand mag unser Verhalten zur Umwelt überwachen – diktieren sollte es das Herz.

Vorausgesetzt, daß man eines hat.

Korrektheit auch im bescheidensten Rahmen der Einsamkeit, des Alleinseins mit uns selbst, vermittelt uns ein Gefühl der Genugtuung. Und es gibt kein beglückenderes Bewußtsein, als zu jeder Stunde erneut um Vorbildlichkeit zu ringen – sei es auch nur die Vorbildlichkeit gegenüber dem eigenen zweiten Ich.

Vor genau 350 Jahren erschien in München die »Hof Schul«, ein Büchlein von Antonius de Guevara über »gantz schöne, anmuthige, zierliche und kurtzweilige unterrichtungen und Historien, wie sich nicht allein die Junge angehende vom Adel und Herrn zu Hof [25] in Adelichen Sitten, Zier und Hofzucht sonder auch die Räth, Officier und Beampten in einem und anderen zu erzeigen, damit sie der Könige und Fürsten Gnad erwerben können«.

Und 200 Jahre ist es her, seit in Nordhausen die »fünfte vermehrtere Auflage« eines »Neuen und wohleingerichteten Complimentir- und Sitten-Buches« herausgegeben wurde, »darinnen gezeigt wird, wie sich sonderlich Personen bürgerlichen Standes bei denen im gemeinen Leben vorfallenden Begebenheiten in Worten und Werken so klug als höflich verhalten und durch gute Aufführung beliebt machen sollen. Alles durch geschickte Complimente, Anleitung zur guten Aufführung, und Höflichkeit überhaupt als auch was jedes Ortes in besonder in Acht zu nehmen ausgeführt, und nebst einem Trenchier-Büchlein mitgetheilt«.

Auch im Jahre 1800 kamen die sicheren Erfolgsaussichten bereits im Buchtitel zum Ausdruck. So veröffentlichte in Leipzig G.C. Claudius eine »Kurze Anweisung zur wahren feinen Lebensart nebst den nötigen Regeln der Etikette und des Wohlverhaltens in Gesellschaften für Jünglinge, die mit Glück in die Welt treten wollen«.

Kein Wunder also, wenn auch heute »Etikette« und »Erfolg« in einem Atemzug genannt werden, weil letzterer durch die Beherrschung der ersteren tatsächlich außerordentlich erleichtert wird, wenn er sie nicht gar zur unerläßlichen Voraussetzung hat. Nur sollte man sie beherrschen lernen oder sich ins Gedächtnis zurückrufen, weil sie an sich ein natürliches menschliches Anliegen ist – und nicht nur, weil sie den Weg zum Erfolg ebnet.

Man muß Kant nicht unbedingt gelesen haben, um seinem »Categorischen Imperativ der Sittlichkeit« zu gehorchen. Wobei die hier gemeinte Sittlichkeit mit dem Eros nur wenig zu tun hat. Man braucht weder Diplomat noch Wirtschaftskapitän zu sein, um sich innerlich wie äußerlich gut benehmen zu können. Doch sollte man – daran hat sich in Jahrhunderten nichts geändert – sich gut benehmen, so man dieses oder ähnliches werden will.

Die Anlage trägt ein jeder in sich. Sie ist im Menschlichen begründet und bedarf nur einer gewissen Pflege. Sie mag zuweilen sogar ein wenig verschüttet sein, doch kann sie unschwer freigelegt werden, sobald Herz und Verstand die Mühe nicht scheuen. Wo sie allerdings hoffnungslos verkümmert ist, da brächte – sagen wir es ruhig – auch das beste »Complimentirbüchlein« keine »Hülfe«, und diesen Unglücklichen, deren jedoch nur wenige sind, wird es versagt bleiben, »mit Glück in die Welt zu treten«.


England darf für sich in Anspruch nehmen, den »Gentleman« erfunden zu haben, worunter wir den nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich vorbildlichen »Herrn« verstehen, dessen korrektes Erscheinungsbild nur die äußere Ergänzung charakterlicher Untadeligkeit und wahren Seelenadels ist.

[26] Wir sprachen vorhin von jenen noch heute geschätzten englischen »Hints on Etiquette«. Ihr anonymer Verfasser schließt mit einer bemerkenswerten Definition, die sich besonders jene einprägen sollten, die da glauben, das weite Feld der Etikette sei ausschließliche Domäne eines bevorzugten Kreises:

»Wahre Vornehmheit (gentility) liegt weder in Geburt und Gebaren noch im Äußeren der Kleidung (fashion). Hohes Ehrgefühl – die Entschlossenheit, niemals jemanden in niedriger Weise zu übervorteilen – striktes Festhalten an Wahrheit, Feinfühligkeit und Höflichkeit gegenüber jenen, mit denen du irgendwelchen Umgang haben magst – das sind die unerläßlichen und charakteristischen Merkmale eines Gentleman.«

Selbst wenn wir diese Forderungen noch deutlich um eine erweitern, die hier nur zwischen den Zeilen zu lesen steht, wiewohl sie selbstverständlich ist – die Hilfsbereitschaft nämlich –, bleibt doch eine Erkenntnis: Die Kunst, ein Gentleman zu werden, wird nicht vom Geldbeutel bestimmt! Herz und Charakter sind das Kapital, dessen es bedarf. Weder das einhundertfünfzigpferdige Sportcabriolet noch die Villa mit Swimmingpool vermögen aus einem Flegel einen Herrn zu machen.

Ebensowenig, wie die letzte und teuerste Schöpfung Jacques Faths eine Dame, die zuvor keine war, in eine solche zu verwandeln vermag.


An Stelle eines Vorwortes. Wo wir sind, ist oben

Sie kann – günstigstenfalls – eine Zeitlang wie eine solche aussehen. (Wozu es wiederum nicht des Kleides bedurft hätte.)

Nicht selten sind echte Perlen in der Krawatte und Platinhalsband über tiefem Dekolleté nur prunkvolle Fassade vor einem eiskalten Herzen, das seinen Namen nur insoweit zu Recht führt, als er sich auf die anatomische Struktur bezieht.

Andererseits kann sich hinter der bescheidenen Hülle eines schlichten Arbeitsanzuges trotz der Unauffälligkeit des äußeren Rahmens ein Charakter verbergen, der in überreichem Maße all jene Attribute sein eigen nennt, wie sie den »Gentleman« auszeichnen.

[27] Auch Amerika hat seinen Knigge. (Was hätte Amerika nicht?) Und ein amerikanischer Knigge hat eine nicht minder amerikanische Verbreitung. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß rund zweihundert Millionen Menschen englisch sprechen. Seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1922 hat er rund achtzig Auflagen erlebt, ist in acht Millionen Exemplaren verkauft worden und steht in der Liste der Weltbestseller – die von der Bibel geführt wird – an vierter Stelle. Nicht einmal der »Wind« hat es von seinem Platz verwehen können.

Sein Autor ist – eine Frau.

Ihr Werk »Etiquette« – »das blaue Buch gesellschaftlicher Gepflogenheiten« – umfaßt die Regeln korrekten Verhaltens in sämtlichen nur erdenklichen Situationen des Alltags, von der Vorstellung über die Party bis zum Benehmen während größerer Kriege.

Letztgenanntes Thema ist in unserem Buch nicht vorgesehen.

Das mit der »Kriegs-Etikette« mag unwahrscheinlich klingen, aber es ist Tatsache: Der Ausgabe des Jahres 1943 wurde als Appendix ein »Wartime supplement«, eine »Ergänzung für Kriegszeiten« angefügt, deren Zweck der Hinweis auf die »Notwendigkeit der Wachsamkeit« war, »damit uns nicht feindliche Wölfe im weißen Schafspelz unversehens überrumpeln«. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Behauptung, zahlreiche Schiffe mit »Etiquette«-Exemplaren für die in Deutschland, Frankreich und England stationierten GIs müßten auf Minen gelaufen sein, von einem Zyniker stammt, der vergessen hatte, daß Soldaten – welcher Nation sie auch immer angehören mögen – grundsätzlich keinen Knigge im Tornister tragen. Leider. Vermutlich nimmt der Marschallstab zuviel Platz weg. Hoffen wir, daß sich noch einmal ein Philanthrop finden möge, der einen »Umgang mit Feinden« schreibt. Er hätte ein großes Vorbild – den Autor des »Souvenir de Solferino«. Es war der Schweizer Henri Dunant, Gründer des Roten Kreuzes.

Ein solches Buch müßte Bibel-Auflage erreichen. Sämtliche Uniformträger der Welt hätten es auswendig zu lernen – gegebenenfalls auf Kosten einer Vernachlässigung der Vorschriften über »Verminderung der Brandgefahr beim Anheizen unverkleideter eiserner Öfen in hölzernen Baracken ohne feuerfesten Anstrich«.

Und dann, ja, dann müßte es all denen, die sich so eifrig über den Umgang mit Feinden informiert hätten, ergehen wie dem Helden in einer Fabel des chinesischen Weisen Dschuang Dse.

»Ein Ehrgeiziger« – so heißt es in dieser Fabel – »gab sein ganzes Vermögen dafür hin, um von Meister Dschi Li Yü das Drachentöten zu lernen. Drei Jahre lang übte er unverdrossen, dann war er in dieser Kunst bewandert, doch – nirgends fand sich Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu beweisen.«

Hoffen wir, daß die Synthese zwischen der Nutzanwendung eines chinesischen Märchens [28] und einem modernen Wunschtraum doch noch einmal überraschende Wirklichkeit werden möge.

Doch wir sprachen von der amerikanischen »Mrs. Knigge« – Emily Post. Auch sie wird – wesentlich häufiger noch, als wir es mit unserem hannoverschen Anstandsvater tun – unablässig zitiert. Ihr Name ist in aller Mund. Wann immer es gilt, in der Zeitung, im Funk, im Theater oder in einer Kurzgeschichte menschliche Beziehungen negativ oder positiv zu beleuchten, dient er als eindeutig illustrierender Hinweis. Will jemand zum Beispiel ein Stimmungsbild vom New Yorker U-Bahn-Verkehr während der Hauptgeschäftszeit geben, dann schreibt er:

»... Aufmerksam glitt ihr Blick über den überfüllten Wagen mit seinen mürrisch, gelangweilt und stumpfsinnig dreinblickenden Fahrgästen, die wie gewöhnlich die Lehren Emily Posts bereits auf der obersten Stufe der U-Bahn-Treppe ausnahmslos vergessen hatten ...«

Woraus sich übrigens neben der Popularität der amerikanischen Zeremonienmeisterin unschwer erraten läßt, daß es auch jenseits der Freiheitsstatue Verkehrsprobleme gibt.

Amerika und seine Bewohner, über die wir uns später noch ausführlicher unterhalten werden, lieben es, sich die Notwendigkeit gewisser Handlungen glasklar beweisen zu lassen. Und Emily Post hat das getan – brachte sie doch das Kunststück fertig, ihren Landsleuten auf dem Umweg über den Verstand die Vorzüge eines gewissen Vorrats an Gefühlen nahezubringen. Selbstverständlich ganz sachlich.

»Man neigt gewöhnlich zu der Annahme, Etikette habe für den Durchschnittsbürger nicht mehr Wert als etwa ein Zylinderhut – von Bedeutung vielleicht für junge Männer bei der Hochzeit, für Diplomaten, für Neureiche und gerade gewählte Politiker. Und doch tun, sagen, wählen, gebrauchen oder denken wir nichts, was nicht den Gesetzen des Geschmackes, des Taktes, der Ethik, der guten Manieren, der Etikette – wie immer man es nennen will – entweder gehorcht oder aber ihnen zuwiderläuft.«

Jeder, so folgert die Autorin weiter, wird ohne Ausnahme Nutzen ziehen aus einer korrekten, höflichen und verbindlichen Annäherung an die Umwelt – es sei denn, er lebe als Eremit ohne jede Beziehung zu anderen menschlichen Wesen. Und jeder, der sich verdrießlich, arrogant und unverbindlich gibt, wird gesellschaftlichen Schiffbruch erleiden.

Das größte Kapital eines Menschen – ob Mann, Frau oder Kind – ist Charme. Charme aber ist ohne gutes Benehmen nicht denkbar. Wobei unter gutem Benehmen nicht so sehr die sklavische Befolgung bestimmter Regeln als vielmehr jene Manieren verstanden sein wollen, deren ständige verbindliche Beachtung das gesellschaftliche Getriebe weich und reibungslos laufen läßt.

Nicht wahr, etwas weniger Sand in der Maschinerie des Alltags könnte nicht schaden? [29] Nun – wir haben es selbst in der Hand. Reden wir uns nicht darauf hinaus, Etikette sei kostspielig, zeitraubend und nur unter bestimmten sozialen Voraussetzungen zu »erlernen«. Gewiß – der Frack ist nicht für alle erschwinglich und nur für wenige von echtem Nutzen, und wer mit vierzehn Jahren in die Lehre ging und ein solides Handwerk erlernte, wird weder Zeit noch Lust gehabt haben, Homer zu lesen. Aber wir erfuhren ja schon aus Erzählungen längst verblichener Generationen, daß elegante Kleidung, formales Wissen und irdische Reichtümer noch keineswegs den Gentleman, die Lady ausmachen. Es gibt bekanntlich Leute, die unendlich viel Geld benötigen, um vornehm zu tun, und andere, die fast gar nichts brauchen, um es zu sein. Und ebenso gut, wie Klugheit durchaus widerlich sein kann, ist Dummheit nicht selten erquickend.


Es wäre schön, wenn wir uns bereits jetzt verstanden hätten.

Das Erdendasein birgt viele Freuden, die sich unschwer erschließen lassen – von arm und von reich. Man muß es nur verstehen oder lernen wollen. Mir fällt da ein Münchner Straßenbahnfahrer ein, den ich Wochen und Monate hindurch täglich beobachten konnte. Bei jeder Haltestelle, zu jeder Tages- und Nachtzeit, in den verkehrsreichen Stunden nicht minder als in den verkehrsarmen, trat er von seinem Führerstand zum Ausgang, öffnete für Fahrgäste die Tür bzw. das Fallgitter, griff jung und alt beim Betreten oder Verlassen des Wagens hilfreich unter den Arm, stützte sie, nahm Pakete ab und stellte sie hinein oder gab sie hinaus, hob Kinder hoch, bis die Mütter aus- oder eingestiegen waren und reichte sie behutsam hinterher. Im Winter bei Glatteis stieg er aus und stützte die Passagiere, um Stürze zu vermeiden. Tagaus, tagein – an jeder Haltestelle – mit der gleichen ernsten Beflissenheit und einem freundlichen: »So, geht's nachat?« Und als er eines Tages bei seinen sichtlich anstrengenden Bemühungen von einem alten Griesgram mit den knurrigen Worten abgewiesen wurde: »So weit kimmt's no, daß i mi eini helfen laß!«, da fragte ich ihn nach den Gründen seiner doch wohl nicht immer anerkannten Hilfsbereitschaft. Und er antwortete, ein wenig verlegen: »Ja mei – weil's mi halt freut ...«

Er hat sicherlich eine Frau, vielleicht drei Buben – auf keinen Fall jedoch große Aussicht, Direktor der Münchner Verkehrsbetriebe zu werden. Und doch bin ich sicher, daß ihn das Leben über kurz oder lang für seine Herzensgüte belohnen wird. Seine Jungens aber werden einmal – unabhängig von dem Beruf, den sie ergreifen – die Kurzsichtigkeit der Behauptung beweisen, ein Gentleman könne man erst in drei Generationen werden.

Wie vage übrigens diese Annahme ist, beweist auch jenes Gespräch am englischen Hof, in dessen Verlauf einmal ein Lord aus altem Adelsgeschlecht Bernard Shaw mit mokantem Lächeln fragte, ob es stimme, daß er der Sohn eines kleinen Schneiders sei. Als [30] Shaw zustimmend nickte, fuhr der Lord boshaft fort: »Und – warum sind Sie nicht auch einer geworden?« Shaw erwiderte: »Verzeihung – Ihr Vater war doch ein Gentleman, nicht wahr?« »Selbstverständlich!« versicherte der Sproß aus altem Geschlecht, »Nun«, wunderte sich Shaw, »und warum sind Sie keiner geworden?«


Wenn wir einmal vergleichen, was früher und heute, bei uns, auf Inseln und jenseits großer Meere über Etikette gesagt wurde, dann werden wir zu der erstaunlichen Feststellung gelangen, daß sie eigentlich international ist und nur in einigen ihrer äußeren Merkmale schwankt. So ist es denn auch kein Wunder, wenn sich die »gleichgestimmten Seelen« überall trotz sprachlicher Verschiedenheit erkennen und zueinander finden. Sie alle haben erkannt, daß die Unterordnung unter Gesetze, die Herz, Gemüt und Vernunft diktieren, jedem einzelnen zugute kommt. Die Achtung vor dem anderen, der mit den gleichen Sehnsüchten nach stiller Harmonie und bescheidener Freude durch das Dasein wandert, läßt jeden natürlich empfindenden Menschen ohnehin den rechten Abstand wählen – wie die Igel des Herrn Schopenhauer.

Da jedoch die Beziehungen zueinander – und das gilt insbesondere für unser Zeitalter der Technik, der hohen Bevölkerungsdichten und der geschrumpften Entfernungen – immer intensiver und enger wurden, bedurfte es einer breiten Basis, auf der ein Mit- und Nebeneinander reibungslos möglich ist. Die Menschheit hat sich im Verlaufe ihrer Entwicklung daher nicht nur Gesetze gegeben, die das Leben in der Gemeinschaft ermöglichen und alle Verstöße gegen Leib und Seele, Gut und Ehre, ahnden, sondern sie ist auch, wenngleich weniger deutlich, übereingekommen, bestimmte Formen einzuhalten, mit deren Hilfe sie die Wahrung der eigenen Belange sichert, indem sie die Umwelt achtet. So ist denn die Etikette im idealen Sinne des Wortes »die Schranke gegen Übergriffe, die das Gesetz nicht zu erfassen vermag« und als solche unentbehrlich. Laufende Verstöße gegen ihre gewöhnlich ungeschriebenen Regeln werden unerbittlich geahndet, indem die Gesellschaft – d.h. der Kreis aller Menschen mit Herz, Charakter und einem natürlichen Sinn für Korrektheit – ihre Tore vor den Außenseitern schließt. Und der Ausschluß aus dieser Gemeinschaft der »hommes de bonne volonté«, der Menschen guten Willens, kann nicht selten ebenso nachhaltige Folgen haben wie der harte Laut, mit dem sich die Tür einer Zelle hinter einem Manne schließt, der da glaubte, geschriebene Gesetze straflos mißachten zu können.

Nicht immer vermag der Kreis jener, die sich den Regeln der Etikette freiwillig und gern unterordnen, zu erkennen, ob Verstöße gegen das, was er als richtig erkannt hat, aus bewußter Mißachtung oder aber nur aus bloßer Unkenntnis begangen wurden. Erstere ist glücklicherweise der seltenere Anlaß. Um so bedauernswerter wäre es, wenn die wesentlich häufigeren Fälle, in denen mangelndes Wissen um Technik und innere Zusammenhänge der Etikette und ihrer Regeln zu unliebsamem Aufsehen führen, nachteilige [31] Folgen für den »Sünder« hätten – nur weil er nicht wußte, was andere als selbstverständlich voraussetzten. Nur weil der »Sünder« bislang noch keine Gelegenheit hatte, sich in ein Gebiet einführen zu lassen, das unendlich weitläufig ist, in dessen verschlungenen Pfaden man sich daher allein und ohne Kompaß nur allzu leicht verirrt.

So hat sich denn dieses Buch das Ziel gesetzt, bei der Neu- oder Wiederentdeckung eines unendlich wichtigen Gefildes Hilfestellung zu leisten. Es bedarf hierfür von seiten derer, die sich an diesem Ausflug in ein vergessenes oder gar noch unbekanntes Land beteiligen wollen, nur des guten Willens zum Verständnis und der inneren Bereitschaft, einzusehen, daß jede Gemeinschaft ihre Gesetze haben muß. Und daß diese Gesetze letztlich nicht etwa Erzeugnisse überspannter Phantasie oder Rudimente überlebten Kastengeistes sind, sondern – von wenigen Ausnahmen abgesehen – tieferen Sinn haben.

Die feinsten Verästelungen des Baumes Etikette laden weit aus. Sie berühren das Private ebenso wie das Berufliche – das Alleinsein nicht weniger als die Öffentlichkeit. So wurde denn der Bogen dessen, was auch nur entfernt in den Rahmen des Themas gehört, weit gespannt.

Und wir hoffen, daß er gerade auf Grund seiner bunten Vielfalt vielen etwas geben möge.

Hüten wir uns vor dem verhängnisvollen »Wo wir sind, ist oben!«. Wo wir sind, bestimmt nämlich zu einem gut Teil die Umwelt – die geschlossene Gemeinschaft jener, die übereingekommen sind, nach bestimmten bewährten und daher gültigen Regeln mit- und nebeneinander zu leben. Sie liebt die Außenseiter nicht, zumal sie für sich eine ethische Berechtigung ihrer Grundsätze in Anspruch nehmen darf.

So wollen wir denn gemeinsam versuchen, verstehen zu lernen, was durchaus nicht immer verständlich erscheinen mag. Es kann interessant sein und vergnüglich zugleich. Und daß es mannigfache Zinsen trägt – aber das wollten wir ja nicht besonders erwähnen, um dem Ganzen nicht doch noch einen betont kommerziellen Charakter zu verleihen.

Jenen aber, die da glauben, es werde ihnen auf Grund der äußeren Umstände doch stets an Gelegenheit für die – nach Wilhelm Busch – »Moral und überaus köstliche Nutzanwendung« fehlen – nun, ihnen sei abermals der Spruch eines chinesischen Weisen auf den Weg gegeben.

»Kränke dich nicht, so du kein Amt hast – trachte danach, eines Amtes fähig zu werden. Kränke dich nicht darüber, nicht bekannt zu sein – bemühe dich, eines berühmten Namens wert zu werden.«


Der Weise hieß Kung Dse.

Quelle:
Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 20-32.
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