E. Verkannte Generationen

[124] Liebe Mutter!


Wir werden nun auf Grund eines dummen Zufalls ausgerechnet Deinen fünfzigsten Geburtstag nicht gemeinsam feiern können, obwohl wir doch normalerweise kaum eine Stunde voneinander entfernt wohnen. So muß ich mich darauf beschränken, Dir aus mehr als tausend Kilometern Entfernung von wirklich ganzem Herzen alle guten Wünsche zu übermitteln. Aber – vielleicht ist es ganz gut, daß ich diese Aufgabe einmal brieflich erfüllen muß, denn eine mündliche Gratulation wäre sicherlich eine unverblümte Liebeserklärung geworden, und Du wirst doch immer so schnell rot.

Kürzlich fand ich unter den Leserbriefen einer großen Zeitung erregte Stellungnahmen zu der Gattung »Schwiegermutter«. Die schnitt ich aus, um sie Dir zum heutigen Tage zu überreichen, damit Du siehst, wie andere über Dich denken. Zufällig habe ich die Abschnitte eingesteckt und schicke sie Dir also. Es scheint so, als sei ich nicht der einzige, der auf dem Standpunkt steht, daß man sich mit Schwiegermüttern gut vertragen könnte – sogar mit der eigenen. Und daß es außer Dir noch andere Exemplare dieser vielgeschmähten Gattung gibt, die die Männer ihrer Tochter becirct haben.

Wenn ich zurückdenke, dann fällt mir auf, daß sich die wesentlichen Stationen des Lebens, soweit sie uns gemeinsam angehen, in Dezennien zusammenfassen lassen: Vor fünfzig Jahren wurdest Du geboren, vor vierzig Jahren war ich dran, vor dreißig Jahren kam Renate, vor zwanzig Jahren machte ich Vorexamen, und vor zehn Jahren heiratete ich Deine Tochter. Und in diesem Jahr kam Dein Enkel in die Schule.

[124] Eigentlich sind wir doch in den zehn Jahren unseres Schwiegerverhältnisses recht gut miteinander ausgekommen, und ich frage mich anläßlich des heutigen Briefes, warum eigentlich das Problem Schwiegermutter überhaupt eines ist. Wir haben uns doch wesentlich häufiger gesehen, als es allgemein üblich ist, und damit dem Gesetz der Distanz genau zuwidergehandelt, das sonst immer gepredigt wird. Wir haben sogar länger als zwei Jahre zusammengewohnt. Noch dazu in einer Zeit, deren Wirren nicht gerade zu Toleranz, Rücksichtnahme und Verständnisbereitschaft erzogen.

Daß es trotzdem so gut gegangen ist, daß es trotzdem nie Reibungen gegeben hat, war fast ausschließlich Dein Verdienst. Der heutige Tag scheint mir daher der rechte Anlaß, das einmal ausdrücklich festzustellen. Wenn ich Dir das persönlich gesagt hätte, würdest Du vermutlich ungeduldig abgewinkt und gemeint haben, das sei gar kein Verdienst, lediglich das Ergebnis eines gesunden Verhältnisses zwischen Herzensgüte und Lebensklugheit. Aber wenn man sich umschaut – muß man dann nicht zu der Überzeugung kommen, daß eben dieses Verhältnis ein Stein der Weisen ist, den nur wenige finden?

Ich weiß noch ganz genau, was Du sagtest, als Du Dich nach der Hochzeit von uns verabschiedetest. Du meintest damals, Du seist noch zu jung, um uns weise Ratschläge geben zu können. Und deshalb, sagtest Du, würde es zwischen Dir und uns auch kaum zu Meinungsverschiedenheiten kommen.

Nun, liebe Mutter, ich glaube trotzdem, Dir zu Deinem Festtag mit reinem Gewissen das Kompliment machen zu können, daß Du sehr weise warst – trotz Deiner schwiegermütterlichen Jugend. Darin liegt wohl das im Prinzip so einfache Geheimnis unseres harmonischen Nebeneinanderlebens, und vielleicht macht es Dir gerade heute ein wenig Freude, wenn ich Dir – auch im Namen Renates – sage, daß wir hoffen, unser Verhältnis zueinander möge auch weiterhin so eng bleiben, wie es bislang war. Und damit Du auch weißt, warum ich Dich kaum weniger liebe als meine schon lange verstorbene Mutter, obwohl Du doch »nur« eine Schwiegermutter bist, will ich Dir Deine wesentlichen Vorzüge hier einmal einzeln aufzählen. Vielleicht kommst Du eines Tages in die Lage, anderen – falls sie Dich nach dem Geheimnis fragen sollten – einige praktische Winke zu geben. Du bist ein Mordsmädchen, weil Du


keinen Augenblick lang so getan hast, als seist Du mit mir verheiratet,


rechtzeitig eingesehen hast, daß auch das eigene Kind einmal erwachsen ist,


die hausfraulichen Schnitzer Deiner eigenen Jugend nie vergessen hast,


nie unerwünschte Ratschläge gabst,


nie versucht hast, Tochter und Schwiegersohn gegeneinander auszuspielen,


die große Kunst des Schweigens beherrschst,


[125] Dir immer darüber klar warst, daß außer Dir noch jemand Deine Tochter aufrichtig liebt,


stets freimütig zugabst, daß auch andere Leute Geschmack haben können,


Verständnis dafür hattest, wenn Eltern ihre Kinder gern allein erziehen,


anläßlich der Hochzeit Deiner Tochter nicht gejammert hast: »Ich habe ein Kind verloren!«, sondern jubeltest: »Ich habe ein zweites dazu bekommen!«


mit feinem Instinkt stets erfaßtest, wann Deine Anwesenheit ein Geschenk war und wann Du störtest,


häufiger Verständnis für uns aufbrachtest, als solches von uns zu verlangen,


immer wußtest, daß verheiratete Frauen in erster Linie ihren Männern gefallen sollten.


Ja, liebe Mutter, nach diesen Erkenntnissen hast Du stets gehandelt. Und so gebührt in erster Linie Dir das Verdienstkreuz für Erhaltung verwandtschaftlichen Friedens.

Nach weiteren zehn Jahren werden wir, sicherlich in gleicher Harmonie und hoffentlich bei gleich guter Gesundheit, Deinen Sechzigsten und meinen Fünfzigsten feiern. Und dann wirst Du mir vielleicht bestätigen können, daß auch ich – von Deinem Beispiel getragen – stets versucht habe, den von Dir so klug und taktvoll eingeschlagenen Weg zu gehen. Zumindest war im stets bemüht,


auch in Dir eine Mutter zu sehen,


mich weder bei Dir über Deine Tochter noch bei Deiner Tochter über Dich zu beklagen,


nicht zu vergessen, daß eine junge Frau gern den Mann gewinnen möchte, ohne deshalb die Mutter zu verlieren,


in Deinen Worten und Taten vor allem ehrliche Hilfsbereitschaft und Anteilnahme zu sehen,


Dich zu nehmen, wie Du bist,


Meinungsverschiedenheiten ohne Stimmaufwand zu diskutieren,


auch Deinen Standpunkt dann und wann gelten zu lassen,


Dich gar nicht so selten um Rat zu fragen,


mich selbst nicht grundsätzlich für unfehlbar zu halten,


meine grundsätzliche Toleranz gegenüber der Umwelt auch auf Dich auszudehnen,


Anflüge von Launen nie an Dir auszulassen,


Dich wie eine Dame zu behandeln.


[126] Inwieweit es mir gelungen ist, dieses Soll in die Praxis umzusetzen, das, liebe Mutter, magst Du selbst entscheiden. Ich werde es Dir jedenfalls nicht im geringsten übelnehmen, falls Du mir erklären solltest, in diesem oder jenem Punkte hapere es bei mir noch ein bißchen. Was mich angeht, so habe ich jedenfalls während der ersten zehn Ehejahre an Dir nichts auszusetzen gehabt – obwohl Du doch »nur« eine Schwiegermutter bist.

Nochmals herzliche Grüße und alle guten Wünsche


Dein Herbert


Großeltern wissen vieles besser! Weht nicht ein geheimnisvoller Zauber um das Wort Großeltern! Erinnerungen werden wach an vertraute Gesichter, in deren Falten lächelnde Güte stand. An zwei alte, besinnlich schlagende Herzen, die für alles Verständnis hatten. An zwei Augenpaare, deren mahnender Blick mehr traf als ein strenges Wort. An zwei Menschen, denen man all seine kleinen und großen Sorgen anvertrauen konnte. An selige Kindheitstage, in denen das Leben noch Spiel war.

Und diese freundliche Erinnerung hält sich ein Leben lang, mögen wir auch längst selbst Kinder haben und eine Generation älter sein. Dann und wann wandern die Gedanken zurück in jene Zeiten, da wir noch Kinder waren – und mit dem Stolz paart sich eine leise Wehmut.

So aber, wie für uns die Großeltern der Inbegriff verstehender Güte waren, so sollten es unsere Eltern auch für unsere Kinder sein. Kann es da schwerfallen, das Verhältnis so harmonisch wie möglich zu gestalten?

Dieses Familienband, das die Generationen eng umschlingt, ist so leicht fest zu knüpfen. Wir brauchen uns unserer eigenen Jugend nur zu erinnern, und diese Erinnerung wird uns das rechte Verhältnis zu unseren Eltern, den Großeltern unserer Kinder, finden lassen. Zudem ist es eine weise Einrichtung der Natur, daß sie den Generationen auch noch in hohem Alter eine Aufgabe stellt: Hort zu sein für die Enkel, wenn die Eltern verreist oder krank sind, wenn weiterer Familienzuwachs erwartet wird oder sonstige Gründe vorliegen. Nirgends sind die Kinder besser aufgehoben als im großelterlichen Haus, deshalb machen die Eltern von dieser Möglichkeit gern Gebrauch. Nirgends werden sie mehr verwöhnt, deshalb gehen die Enkel so gern zu Opa und Oma. Und nirgends wird unbeschwertes Kinderleben so sehnsüchtig erwartet wie bei den Großeltern, die sich immer wieder freuen, wenn die Enkel kommen, auch wenn sie das unterste zu oberst kehren.

[127] Doch vergessen wir eines nicht: Auch wenn Großeltern gewillt sind, über alle Schwächen der nachfolgenden Generation hinwegzusehen, weil sich im hohen Alter Weisheit mit Güte paart, sollten wir ihren Lebensabend nicht allzu selbstsüchtig belasten. Ihrem guten Willen sind körperliche Schranken gesetzt. Sie kann bereits anstrengen, was uns noch leichtfällt. Ein verspielter Tag mit den Enkeln – das geht an. Bevor man ihnen jedoch zumutet, die Kleinen häufig oder allzu lange zu beaufsichtigen oder gar ganz zu sich zu nehmen, sollte man sorgsam prüfen, ob ihnen eine derartige Belastung zugemutet werden kann. Großeltern stehen am Abend des Lebens. Und abends sind viele Menschen müde.

Auch sollte die finanzielle Seite stets taktvoll und zufriedenstellend gelöst werden. Es zeugt nicht von Verantwortungsbewußtsein, wenn man von den alten Leuten erwartet, daß sie ihre nur selten großen Ersparnisse den Enkeln opfern, für deren Unterhalt die Eltern zu sorgen hätten. Oft mag nur Gedankenlosigkeit die Schuld daran tragen, daß wir Selbstverständliches unterlassen – um so leichter sollte es uns fallen, auch hier unsere Pflichten nicht zu vergessen.

Doch die Großeltern sind mehr als nur die von ihren Enkeln geliebten gütigen alten Leute. Sie sind auch unsere Eltern! Und als solchen gebührt ihnen all die fürsorgliche Anteilnahme, die wir ihnen schuldig sind.

Jetzt naht die Zeit, da wir die Güte, die wir einst empfingen, mit Zins und Zinseszins zurückgeben können. Jetzt erst, da wir selbst Nachwuchs haben, vermögen wir zu ermessen, wieviel sie einst für uns taten. Jetzt erst erfassen wir, wieviel Sorgen wir ihnen einst gedankenlos bereiteten. Jetzt – da wir mit unseren Kindern vor den gleichen Problemen stehen.

So werden denn auch wir das Unsere tun, um ihnen ihren Lebensabend mit dem goldenen Strahl wärmender Kinderliebe zu verschönen. Wir werden sorgfältig über ihre Gesundheit wachen. Wir werden stets daran denken, daß ihr Leben und Schaffen uns galt und es jetzt noch unsere vornehmste Pflicht ist, ihnen alle Sorgen abzunehmen, die sie selbst nicht mehr meistern können. Wir werden sie regelmäßig besuchen und unauffällig Sorge tragen, daß ihr Alltag friedlich und harmonisch bleibe.

Eines aber werden wir nicht tun: sie mit unseren Sorgen belasten. Was wir an Freude schenken können, wollen wir gern geben – selbst wenn es nur unter Opfern möglich wäre. Was jedoch an Sorgen zu tragen ist, tragen wir allein. Wir selbst sind alt genug, und die alten Leute haben sich ihre Ruhe redlich verdient.

Hier und da werden wir sie um Rat fragen. Selbst dann noch, wenn wir mit der jeder Generation eigenen Verbissenheit auf dem Standpunkt stehen sollten, daß die Älteren zu alt, »verkalkt«, unmodern, gegenwartsfremd wären. Wir werden [128] es tun, weil einmal dieser Standpunkt fast immer voreilig und falsch ist. Zum anderen, weil alte Leute eine unbändige Freude daran haben, wenn man ihren Rat noch schätzt. Nicht zuletzt aber, weil sie tatsächlich vieles besser wissen und stets noch etwas zu geben haben – und sei es auch nur die abgeklärte Ruhe einer in langem Leben erworbenen menschlichen Erfahrung.

Sollten wir nicht überhaupt ein wenig in uns gehen? Gerade unsere Generation, die im Zuge einer beängstigend schnellebigen Zeit das Alter zu mißachten droht? Wer hätte sich träumen lassen, daß diese Mißachtung zu der immer gebräuchlicher werdenen Auffassung führen würde, ein Mensch über Vierzig sei als Arbeitskraft nicht mehr vollwertig?

So wollen wir denn, zusammen mit unseren Kindern, helfen, unseren betagten Eltern durch tätige Liebe, zuvorkommende Aufmerksamkeit und ständige Sorge auch an ihrem Lebensabend viel Freude zu schenken. Diese Gabe, so oft wie möglich gereicht, vermittelt den alten Leuten – und nicht nur an Festtagen – das beglückende Bewußtsein, daß die Generationen nach ihnen Dank wissen für das, was sie einst taten.

Quelle:
Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 124-129.
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