Blei

[134] Blei (Plumbum, Saturnus), ein in Ganggebirgen häufiges blauschwärzliches Metall von geringem Glanze und Klange, und sehr geringer Härte und Dehnbarkeit. Es hat 11,3 bis 11,479 eigenthümliche Schwere, schmilzt bei 540° Fahr. und giebt mit allen Säuren ein süßes Salz. Es wird im Feuer leicht zu Kalke, und läßt sich dann durch Kochen in großer Menge und leicht in fetten Oelen auflösen; Vitriol- und Küchensalzsäure scheidet es daraus.

Wenn es im Schmelzen oft umgerührt wird, so verwandelt es sich gar bald in einen grauen Kalk, den man Bleiasche (cinis saturni) nennt, und ehedem unter die Pflaster nahm.

Läßt man diesen grauen Kalk noch eine oder ein Paar Stunden in diesem Feuergrade, als zum Schmelzen des metallischen Bleies erforderlich ist, stehen, so nimmt er eine mehr oder weniger schöngelbe Farbe an, und wird dann Massikot, oder Bleigelb (cerussa citrina) genannt, aber blos von Mahlern gebraucht.

Wird ferner dieses Bleigelb 48 bis 72 Stunden unter öfterm Umrühren in einer Hitze von 400° bis 450° Fahr. erhalten, so entsteht der schönrothe Bleikalk, den man Mennige (minium) nennt, ein Fabrikat, welches ausser dem nürnberger Gebiete und England fast nirgend verfertigt wird; ersteres hat den Vorzug. Einem etwas stärkern Feuer unterworfen, wird die Mennige, welche 1/10 an Gewichte Zuwachs im Feuer angenommen hat, wieder zu Bleigelb.

Bleiasche, Bleigelb und Mennige fließen in einem heftigen Feuer zu Glas, welches, wenn ein Luftstrom darüber geht, wie beim Abtreiben des Silbers geschieht, sich in grauweißliche und graugelbliche glänzende Schuppen zertheilt, und dann Glätte (lithargyrium) oder nach der Verschiedenheit dieser beiden Farben, wiewohl ganz unnöthigerweise Silber- und Goldglätte (lithargyrium argenti, lithargyrium auri) genannt wird.

Ich brauche diese und die folgenden Bleibereitungen nur obenhin anzugeben, weil der Apotheker selten in dem Falle ist, sie selbst zu verfertigen.

Setzt man dünn gegossenes oder Rollenblei in verschlossenen Gefäsen, worin weingährungsfähige Materien, Weintrestern, Obsttrestern u.s.w. am Boden enthalten sind, einer vierwöchentlichen Wärme von etwa 100° Fahr. aus, so zerfrißt die sich entwickelnde Luftsäure das metallische Blei ganz oder zum Theil zu Bleiweiß (cerussa alba), welches ein in Wasser höchst schwer auflösliches Metallsalz, ein luftsaures Blei (Bleisauerluftsalz) ist, in 100 Theilen aus 74 Blei und 26 Luftsäure (mit Wasser verbunden) zusammen gesetzt.[134]

Die reinsten Sorten kommen entweder in kleinen höchst schweren Kegeln (venetianisches Bleiweiß genannt) oder in anderthalb Linien starken Schirbeln (schifera alba, cerussa in lamellis, Schieferweiß) zu uns, welche letztere gewöhnlich mit Stärkemehlkleister in diese Form gebracht worden sind. Man wählt ersteres zu arzneilichen Absichten. Es muß, wenn es nicht mit Kreide verfälscht worden, mit Oel durchknetet, in einem glühend erhaltenen eisernen Löffel ganz zu einem Bleikorne zusammenschmelzen.

Der Zentner kann nicht unter 12 Thalern verlassen werden; die wohlfeilern Sorten sind sehr schlecht.

Wird dieses reine Bleiweiß in destillirtem Essige aufgelöst und bis zur gehörigen Konsistenz abgedampft, so entsteht unter einigen Handgriffen ein aus mattweißen, glänzenden, nadelförmigen Krystallen bestehendes metallisches Mittelsalz (Bleiessigsalz), der von seinem adstringirend süßen Geschmacke so benannte Bleizucker, Bleisalz (saccharum saturni, sal saturni). Es muß in wohlverstopften Flaschen aufbewahrt werden, sonst wird es mit der Zeit fast ganz zu einem graugilblichen Bleiweiße. Frischer Bleizucker muß sich ohne Bodensatz in destillirtem Wasser auflösen, und wenn er ächt, darf er in einen glühenden Tiegel geschüttet, nicht vor sich verpuffen; sonst enthält er Bleisalpeter.

Ein Quentchen guter Bleizucker giebt in sechs Unzen destillirtem Wasser aufgelöst, das zuverlässigste Bleiwasser (aqua vegetomineralis Goulardi) von stets gleicher Stärke. Es ist wasserhell, und trübt sich nur dann weiß, wenn der Bleizucker alt und verlegen war, oder das Wasser luftsaure Kalkerde enthielt, wie das gewöhnliche Brunnenwasser.

Lößt man aber Mennige oder Bleiglätte bei der Wärme in Essig auf (die gesättigte und die Lakmustinktur nicht mehr röthende Auflösung nennt man Bleiessig, acetum saturni), und dampft die metallsalzige Lauge bis zur Dicke eines Sirops ab, so krystallisirt sich kein Bleizucker, wie vom Bleiweiße entstand, sondern das Bleiessigsalz bleibt flüssig unter dem Namen des Bleiextrakts oder des Bleibalsams (balsamum saturni, extractum saturni). Es muß hellfarbig, und wenigstens von 1,500 spezifischer Schwere seyn. Aus dem Bleiextrakte, welcher jedoch nie von gleicher Stärke ist, bereitete man ehedem das Bleiwasser, durch Verdünnung mit etwa (mehr oder weniger) 48 Theilen Wasser.

Man dampft auch das Bleiextrakt bis zur Trockenheit ab (extractum saturninum Goulardi siccum); es ist aber weniger gebräuchlich.

Diese Bleibereitungen werden häufig als äusserliche Arzneimittel gebraucht, doch nicht das metallische Blei, nicht die Bleiasche, noch auch das Massikot; die Glätte und Mennige nur in Zusammensetzungen, nie vor sich. Das Bleiweiß wird als trocknendes, kühlendes Mittel in Geschwüre, oder besser aufhaut lose, wunde Stellen gestreut.

Innerlich wird der Bleizucker von heroischen Aerzten im Blutspeien und Uebeln von krankhafter Erhöhung der Reizbarkeit zu wenigen[135] Granen gebraucht, wobei große Behutsamkeit erforderlich ist. Aeusserlich nimmt man ihn, wie gesagt am sichersten, statt des Bleiextraktes zur Verfertigung des Bleiwassers, einer Bleiessigsalzauflösung, welche Hautentzündungen sehr wirksam hebt, und nur auf große hautlose Stellen gelegt, zuweilen eingesaugt worden ist, und Bleikolik verursacht hat.

Glätte und Mennige werden in Essig aufgelöst zum Bleiextrakte, in siedenden Oelen aber aufgelöst zum Bleipflaster (w.s.), weil das metallische Blei sich in Gewächssäuren und Oelen nur sehr schwer auflöst.

Ein ziemlich vergessenes Bleipräparat ist das sogenannte gebrannte Blei (plumbum ustum), ein schweres, schwarzbraunes Pulver, ein geschwefeltes Blei. Man legt dünne Bleiplättchen schichtweise mit Schwefel in einen Schmelztiegel, und wenn alles geschmolzen, so rührt man die Mischung so lange, bis ein ganz feines Pulver entsteht. Man süßt es mit Wasser aus. Es soll ehedem mit Nutzen in unreine Geschwüre gestreut worden seyn.

Schon in mäsiger Menge in die Verdauungswege gebracht, richtet das Blei viel Schaden an, es mag auch in irgend einer Gestalt seyn, als Metall, als Kalk, oder in Auflösung. Es entsteht (die Bleikolik) eine fast unbezwingliche Hartleibigkeit und unerträglich zusammenziehende Schmerzen in den Gedärmen ohne Entzündungssymptomen, wobei der Unterleib konvulsivisch eingezogen wird. War die Menge Blei zu groß, oder wird das Uebel durch bleihaltige Dinge öfters erneuert, so entsteht ein Gliederreißen, welches zuletzt in Kontraktur und Lähmung ausartet.

Es muß daher bei Verfertigung der Arzneien sorgfältig vermieden werden, daß dieß heimtückisch schädliche Metall nicht unter die innern Arzneien gerathe.

Bleierne Kessel und bleierne Mörsel können blos zur Verfertigung von Bleimitteln gebraucht werden.

Eben deshalb sind die irdenen inwendig mit Bleiglätte glasurten Gefäse und die verzinnten Geschirre, weil zum Verzinnen nach Malouin gewöhnlich Blei zu gleichen Theilen mit Zinn versetzt genommen wird, zur Verfertigung und Aufbewahrung der Arzneien durchaus verwerflich.

Wie Blei in Flüssigkeiten zu entdecken sey, sehe man in Weinprobe.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 1. Abt., 1. Teil, Leipzig 1793, S. 134-136.
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