Phosphor

[209] Phosphor (Phosphorus) und zum Unterschiede von andern leuchtenden Körpern auch Harnphosphor (Phosphorus urinae, auch animalis, glacialis, anglicanus) genannt, ist jene etwas zähe, in reinem Zustande weiße und helldurchsichtige, bei längerer Aufbewahrung aber gilbliche, und röthlich gilbliche, blos durchscheinende Substanz, die, an die Luft gelegt, unter Verbreitung eines knoblauchartigen Dunstes im Dunkeln leuchtet, bis sie durch diese allmähliche Verbrennung sich völlig in eine Säure eigner Art, die Phosphorsäure, zersetzt hat. Bei größerer Wärme (76° Fahr.) oder bei starkem Reiben bricht der Phosphor vor sich in eine helle Flamme mit Geräusch aus und verbrennt sehr schnell mit Knoblauchsgestank unter Hinterlassung gedachter Säure. In heißem Wasser (von 70° Reaum.) schmilzt er und fließt als ein Oel am Boden des Gefäßes; beim Erkalten des Wassers erhärtet er wieder. Er löset sich in ätherischen und fetten Oelen und im Aether auf und theilt ihnen eine im Dunkeln leuchtende Eigenschaft mit; von Weingeist oder Wasser läßt er sich in dicht verstopften Gefäßen nicht auflösen.

Die ersten Erfinder (Brand, Kunkel) im vorigen Jahrhunderte bereiteten ihn äußerst mühsam durch Destillation des eingedickten Harns. Marggraf lehrte die Bereitung abkürzen, durch Anwendung des schmelzbaren Harnsalzes (Ammoniakphosphorsalzes) mit einem Viertel geglüheten Kienruße und etwas Sande gemischt. Aber den neuern Zeiten (Gahn im Jahre 1769) war es aufbehalten, die Phosphorsäure aus Knochen zu ziehen, und so aus einem weit[209] wohlfeilern Material den Phosphor zu bereiten.

Diese eigenartige Säure (Phosphorsäure, Acidum phosphori), welche außer andern chemischen Besonderheiten im Weißglühefeuer nicht flüchtig ist, sondern zu einer Art Glas schmelzt, welches an der Luft wieder zur tropfbaren Säure zerfließt, und mit brennbaren Substanzen in der Glühhitze destillirt sich in Phosphor verwandelt, diese Säure ward jedoch aus den Knochen von ihren anfänglichen Bereitern noch immer mit einigen Umschweifen durch Beihülfe nicht nur der Vitriol- sondern auch der Salpetersäure verfertigt, bis Nicolas zuerst bloße Vitriolsäure und schwarzgebrannte Knochen, Wiegleb aber (besser) die weißgebrannten Knochen nächst der Vitriolsäure anwendete. Die Art des Auslaugens der Masse hatte aber bis jetzt immer noch die Schwierigkeit, daß allzu viel Gyps unter der Phosphorsäure blieb, welche dann beim Schmelzen ein oft nur wenig auflösliches Glas, folglich in der fernern Behandlung nur wenig Phosphor lieferte.

In dieser Rücksicht ist folgende mir gewöhnliche Bereitungsart vorzuziehen. Man benetzt sechs Pfund ungepülverte, weißgebrannte Knochen mit sechs Pfund Wasser in einem steinzeugnen oder porzellainenen Geschirre und gießt, wenn es durchgezogen ist, sechs Pfund Vitriolöl allmählich darüber. Man rührt das Gemisch stark um, bis es sich zu einem dicken, feinen Breie vereinigt hat. Statt nun das Ganze, wie gewöhnlich, mit vielem Wasser zu verdünnen, und so eine Menge (in der immer vorstechenden Vitriolsäure leicht auflöslichen) Gyps in das Colat zu bringen, wird nach einigen Stunden der Brei mit sechs Pfund Weingeist (von etwa 0,900 Schwere) verdünnt, welcher die überschüssige Vitriolsäure versüßt und den Gyps daraus niederschlägt. Dieses Gemisch wird in einen Sack von derbem Zwillich gebunden und in einer hölzernen Presse allmählich ausgepreßt, der Rest nochmals mit eben so viel, gleichen Weingeistes verdünnt und ausgepreßt, und so wiederum, aber mit sechs Pfund Wasser, etwa noch vier bis sechs Mal verdünnt und eben so oft ausgepreßt, bis keine sonderliche Säure mehr an dem Durchgepreßten zu spüren ist. Die Weingeistlauge, und die mit Wasser veranstaltete, wird, jede besonders, hingestellt, und nach 24 Stunden das Helle von beiden unter Zurücklassung des etwa niedergesenkten Gypses abgegossen, eine Lauge die in einem kupfernen oder porzellainenen Geschirre möglichst abgedampft, zuletzt aber in einem porzellainenen Schmelztiegel, oder ähnlichem tiefen porzellainenen Geschirre glühend geschmolzen und eine Stunde im Feuer gehalten wird, bis kein vitriolsaurer Dunst mehr emporsteigt. Diese Phosphorsäure (welche hier mehr als ein Pfund zu betragen pflegt) ist so frei von Kalkerde, daß sie bald nach der Erkaltung an freier Luft feuchtet, und allmählich ganz zerfließt.

Um sie nun zur Bereitung des Phosphors anzuwenden, gießt man die glühend fließende Phosphorsäure in einen heiß gemachten Mörsel von Glockenguth oder Porphyr[210] aus, pülvert sie noch ganz warm zu feinem Pulver, und hebt das Pulver entweder, wenn die Phosphorbereitung verschoben werden soll, in einer wohl verstopften gläsernen Flasche auf, oder mischt sogleich ein Drittel an Gewichte Kienruß oder Kohlenstaub innig darunter, füllt eine beschlagene waldenburger (oder, wie Einige gut gefunden, gläserne) Retorte mit dem Gemische so an, daß ein Viertel Raum übrig bleibt, stellt sie in einen Reverberirofen dergestalt, daß der Retortenhals fast senkrecht abwärts zu stehen kömmt und in der angelegten großen Vorlage unter die Oberfläche des darin vorgeschlagenen Wassers mit seiner Mündung ragt. Eine aus der Wand der Vorlage in ein Glas mit Wasser herüber steigende krumme Röhre (oder so wie in der Vorrichtung, Artikel Destillation, gezeichnet ist) wird alle Gefahr des Zerspringens, und jeden Verlust verhüten, der bei der gewöhnlichen Oefnung im Kitte unvermeidlich ist. Die Fugen werden mit Lehm und Firniß, zum Teige geknetet, verkittet, und die mit Kohlen über und über umgebne Retorte ganz allmählich ins Glühen gebracht. Der in leuchtenden Nebelströhmen sowohl als in Tropfen übergehende Phosphor bildet eine Rinde über dem Wasser, die wenn sie dicker wird, zu Boden fällt. Ein sechsstündiges starkes Glühen wird die Arbeit beendigen. Man erhält von drei Pfunden solcher Phosphorsäure etwa ein Pfund Phosphor.

Gewöhnlich ist er aber von dieser ersten Arbeit noch schmutzig an Farbe, und muß nochmals übergetrieben werden. Auch in Hirschleder gebunden und in fast kochendes Wasser gehangen, bis er geschmolzen ist, wird er durch noch ganz heißes Auspressen von den farbigen und schmuzigen Theilen gereinigt.

Um ihn in Stängelchen zu formen, thut man die Phosphorklümpchen in einen mit Wasser gefüllten Scheidetrichter, der eine lange allmählich sich verdünnernde Röhre hat, oder sonst in eine gläserne, nach dem einem Ende hin sich etwas erweiternde gläserne Röhre, verstopft die untere Mündung, und stellt sie so lange in warmes Wasser, bis der Phosphor zusammen fließt und die Gestalt der Röhre annimmt. Man schiebt ihn heraus, wenn er erkaltet ist, und hebt die Stängelchen, zum Gebrauche, in einer wohl verstopften gläsernen Flasche auf, die gänzlich mit Wasser angefüllt ist, und im Dunkeln stehen bleibt, da der Phosphor im Sonnenscheine röthlich wird.

Um ihn zu pülvern, thut man zwei Quentchen Phosphor in ein Vierunzenglas, und gießt drei Unzen Wasser dazu. Dieses stellt man in ein Geschirr mit warmem Wasser, bis der Phosphor im Glase geschmolzen ist. Dann nimmt man das Glas heraus, verstopft es schnell mit einem Korke, und schüttelt es plötzlich und stark, bis es erkaltet und der Phosphor sich in Pulver verwandelt hat.

So in Pulver unter irgend eine Konserve gemischt, hat man sich des Phosphors zu einem, zwei, bis drei Gran auf die Gabe (auch in Vitrioläther aufgelöst) hie und da als eines nervenstärkenden,[211] alexiterischen, krampfwidrigen Mittels in bösartigen Fiebern, in der Manie, Epilepsie und in den Nachwehen von Blättern bedient. Er scheint viel zu versprechen.

Wenn die Phosphorsäure dereinst innerlich gebraucht werden sollte (wie bei einigen Unverdaulichkeiten, auch wohl beim Blasenstein wahrscheinlich ist), so wird man sich der reinst möglichen bedienen müssen, die man dadurch erhält, daß man zerschnittenen Phosphor in den weiten Theil eines gläsernen Trichters legt, ihn mit einem feinen dünnen Tuche (den Staub abzuhalten) bedeckt das Trichterrohr in eine Flasche steckt, und das Ganze in den Keller stellt solange, bis er gänzlich zur Säure zerflossen ist, die man in der Flasche findet.

Aeußerlich hat man sich der Phosphorsäure bis jetzt blos gegen Knochenfras zu bedienen angefangen, wozu obige aus Knochen gezogene völlig hinreichend ist.

Die gebräuchlichen Neutralsalze von dieser Säure sehe man unter Harnsalz, schmelzbares, und Sodaphosphorsalz nach.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 2. Abt., 1. Teil, Leipzig 1798, S. 209-212.
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