Quecksilber

[1] Quecksilber (Hydrargyrum, Hydrargyrus, Argentum vivum, Mercurius, Mercurius vivus) ein bekanntes Metall von Silberglanze und 14,110 spezifischem[1] Gewichte, welches in der Wärme unsrer Atmosphäre immer geschmolzen bleibt, und nur bei einer Kälte von 40° Fahr. gestehet und sich dann hämmern läßt. Bei einem die Schmelzhitze des Bleis etwas übersteigenden Feuergrade (600° oder vielmehr 700° Fahr.) kocht es und zerstreuet sich in Dünste, welche immer metallisches Quecksilber bleiben, nur höchst fein zertheilt; bei geringerer Hitze der Luft ausgesetzt, verwandelt es sich in einen rothen Kalk, welcher bei stärkerer Hitze feuerflüchtig ist.

In der Erde wird es nur in sehr kleiner Menge rein und laufend (Jungferquecksilber, Mercurius virgineus), öfterer mit andern Substanzen, vorzüglich mit Schwefel verbunden (Cinnabaris nativus) angetroffen in Europa, vorzüglich bei Almaiden in Spanien, bei Idria in Krain, in der Pfalz, im Zweibrückischen und in mehrern andern Ländern.

Da man sich des Quecksilbers zur Arznei (und zu physikalischen Werkzeugen) nur in ganz reiner Gestalt bedienen kann, so muß man wissen, daß es im Handel gewöhnlich nur verfälscht angetroffen wird, am öftersten mit einem Zwölftel Blei, und wie man behauptet, auch mit Wismuth versetzt. Das Durchdrücken des unreinen Quecksilbers durch Leder oder dichten Barchent kann es wohl von äußerlich anhängendem Staube befreien, aber die fremden Metalle gehen mit hindurch, wenn ihr Verhältniß nicht allzu groß ist; selbst das Blei im obigem Verhältnisse bleibt nicht zurück, selbst dann, wenn kein Wismuth dabei zugegen ist. Um es von diesen Metallen zu befreien, räth man es, aus einer eisernen oder irdenen Retorte, oder in kleinere gläserne vertheilt, überzutreiben, so daß der Hals der Retorte so eben das vorgeschlagene Wasser in der Vorlage erreicht, und die im Sandbade stehende Retorte immer im Kochen erhalten werde; der Rückstand in der Retorte ist das fremde Metall. Da aber diese Arbeit doch kein völlig reines Produkt giebt, und das kochende Quecksilber einiges fremdes Metall (wenigstens 1/160 des Quecksilbergewichts mit herüberführt, so hat man die Wiederherstellung des Quecksilbers aus Zinnober durch Zusatz von Eisenfeile, Pottasche oder lebendigem Kalke, ebenfalls vermittelst einer Destillation aus dem Sandbade auf letztgedachte Weise, mit Recht vorgezogen, um ein ganz reines Quecksilber (mercurius purificatus, revivificatus) zu erlangen. Weniger kostbar und doch eben so rein wird das Produkt, wenn man das gewöhnliche käufliche Quecksilber mit einem Zehntel seines Gewichts Zinnober gemischt aus einer Retorte übertreibt; das Zinn, den Wismuth, oder das Blei erhält man im Rückstande vererzt, und aus dem Zinnober ist das Quecksilber reduzirt.

Auf dem nassen Wege erhält man das reinste Quecksilber, wenn man eine gesättigte Auflösung des Aetzsublimats in einem blankgescheuerten eisernen Kessel etwa eine Stunde lang kocht oder so lange bis ein in die Flüssigkeit getauchtes blankgefeiltes Stück[2] Eisen nicht mehr mit Quecksilberkügelchen behangen wird. Schon das Reiben des mit Wasser befeuchteten Aetzsublimats in einem eisernen Mörsel erreicht die Absicht bei kleinern Portionen.

Um aber das gewöhnliche käufliche Quecksilber von seinem Gehalte an fremden Metallen auf nassem Wege zu befreien, kocht man es mit einem Achtel wohl krystallisirten und von freier Säure rein abgespühlten Quecksilbersalpeters, in destillirtem Wasser aufgelöst, etwa zwei Stunden lang, unter Ersetzung des verdampfenden Wassers. Das zersetzte Metallsalz ist nun, wie gewöhnlich, größtentheils zu Bleisalpeter geworden, und das Quecksilber ist ein sehr reines Metall.

So entsteht aus dem gewöhnlichen verfälschten Quecksilber, welches immer matt auf der Oberfläche und mit einem farbigen Häutchen bezogen ist, auf Holz oder Porzelain träge lauft, einen Schwanz hinter sich zieht, der einen schwärzlichten Staub hinterläßt, beim Befühlen die Finger beschmutzt, und auf einer geneigten Schale Zäpfchen stehen läßt, oder sich in Kügelchen zertheilt, die sich ungern wieder vereinigen, – ein reines Quecksilber vom hellesten Spiegelglanze, dessen stets kugelförmigen Tropfen ungemein geschwind rollen, bei der geringsten Berührung sich augenblicklich vereinigen, und keinen Schmutz auf einer Porzelainschale hinterlassen, ein Quecksilber, welches einer von freier Säure nicht verunreinigten Quecksilbersalpeterauflösung, die eine Stunde über ihm gekocht hat, kein fremdes Metall mittheilt, welches sich als weißer Kalk daraus von selbst absonderte (Zinn) oder welches bei Verdünnung der Auflösung mit destillirtem Wasser als Wismuthweiß, oder durch zugesetzte Glaubersalzauflösung als Bleivitriol niedergeschlagen würde, ein Quecksilber, welches folglich weder Zinn, noch Wismuth, noch Blei enthält.

Bloß zu Salben und Pflastern kann das ungereinigte gebraucht werden, zu innerlichen Arzneien aber bloß das reine.

In laufender Gestalt hat man das Quecksilber in Wasser gekocht als ein Wurmmittel gebraucht, und dienlich gefunden, ungeachtet man keinen Gewichtabgang am Metalle wahrnimmt; auch in antivenerischen Tränken mit gekocht. Laufend hat man das Quecksilber bei der Darmgicht von zwei bis zu zwanzig Unzen zuweilen mit Erfolg einnehmen lassen; doch hat es auch in dieser Gestalt zuweilen Speichelfluß bewirkt.

Am häufigsten aber bedient man sich desselben in Zubereitungen. Durch sehr langweiliges Schütteln vor sich, (Aethiops per se) ungleich weniger mühsam aber mit andern Substanzen gerieben, die seine Trennung erleichtern, verwandelt es sich in einen schwarzen Halbkalk, welcher sich leichter als das laufende Metall in Säuren, selbst in der Essigsäure auflöst. In dieser Gestalt ist es vorhanden in den Abreibungen mit Krebssteinen (Merc. Aethiops alcalisatus),[3] mit Harzen, Balsamen, Manna, Zucker (Merc. Aethiops saccharatus) mit gereinigtem Weinstein (Merc. Aethiops tartarisatus) oder mit arabischem Gummi (Mercurius gummosus, Liquor s. Mucilago mercurialis Plenckii), bei welcher letztern Bereitung das Metall mit einem doppelten Gewichte dieses Gummi's (besser wäre es, Tragantgummis) unter allmählicher Zusetzung einer Flüssigkeit langwierig dergestalt gerieben wird, daß alles eine Auflösung zu seyn scheint, ungeachtet sich selbst bei sorgfältigster Bereitung gar bald ein Theil Metall wieder daraus zu Boden setzt: ein sehr ungleich wirkendes Präparat, welches, obgleich schweren venerischen Fällen oft nicht gewachsen, doch nicht selten Speichelfluß erregt.

Mit verschiednen Fettigkeiten, vorzüglich aber dem Schweinefette zusammengerieben, entweder mit Beihülfe des Terpenthins (Unguentum mercuriale tere binthinatum, Ung. neapolitanum) oder des Hammeltalgs oder Wachses (Unguent. mercuriale, Edinb.) und so mit verschiednen andern Zusätzen, bildet das Quecksilber eine Menge Merkurialsalben, die zwar nach ihrer verschiednen Bereitungsart und der mehr oder weniger mühsamen Sorgfältigkeit beim Reiben eine sehr ungleiche Menge Quecksilberhalbkalk enthalten, im allgemeinen aber, wenn sie an schicklichen Stellen gelind in die Haut gerieben werden, leicht in die Säftmasse dringen, und große Heilkräfte, innerlich gegebenen Merkurialmitteln ähnlich, in dem Körper ausüben, obgleich unter mancherlei großen Nachtheilen bei nicht sehr vorsichtigem Gebrauche, – worunter schleichende Abzehrungen, schmerzhafte um sich fressende Geschwüre und häufiger Speichelfluß nicht die geringsten sind. Sie sind gegen venerische Krankheiten überhaupt, und insbesondere gegen venerische Drüsengeschwülste, Wasserkopf, Tetanus, Leberentzündung, mancherlei Hautausschläge und Läuse aller Art gerichtet.

Die einfachste, wirksamste und sich immer gleiche Merkurialsalbe ist die der Bremer, aus Hahnemannischem schwarzem Quecksilberkalke und Schweinefett zusammengesetzt; sie macht alle andre entbehrlich.

Eben so ist das Quecksilber in roher Gestalt in die Zusammensetzung mehrerer Merkurialpflaster genommen worden, welche, auf eine große Fläche des Körpers aufgelegt ebenfalls nicht verfehlen, Speichelfluß zu erregen, übrigens aber viel zertheilende Wirkung bei mancherlei Geschwülsten erweisen.

Mit bloßem Feuer bearbeitet unter Zugang der atmosphärischen Luft entstehet das sogenannte vor sich verkalkte Quecksilber (Mercurius calcinatus, Mercurius praecipitatus per se) ein aus flimmernden, durchscheinenden, kleinen Schuppen bestehendes Präparat von ähnlicher, aber schönerer und höherer rothen Farbe als der aus Quecksilbersalpetersalz bereitete rothe Präzipitat von scharfem metallischem Geschmacke, welches selbst in der Essigsäure auflöslich, im Glühefeuer eine große[4] Menge Lebensluft aus sich entwickelt und in verschlossenen Gefäßen als metallisches Quecksilber wieder übergeht. Um es zu bereiten, beschlägt man mit Lehmkitt die etwa drei bis vier Zoll weite Kugel einer Setzphiole, deren Hals vier Fuß lang und deren Mündung mit Papier locker verbunden ist, schüttet wenigstens ein halbes Pfund völlig reines Quecksilber hinein, stellt die Phiole auf den Lampenofen ( unter Oefen) und zündet so viel Dochte an, daß das Quecksilber einen bis höchstens zwei Fuß hoch in den Hals immerwährend getrieben wird, und von da stets wieder zurückläuft. In ein Paar Monaten ist das Quecksilber in rothen Quecksilberkalk verwandelt mit sechs Prozent Gewichtszunahme; Andre sagen zehn Procent. Man schätzt es vorzüglich in England zu einem halben bis ganzen Grane auf die Gabe als eins der wirksamsten antivenerischen Mittel; in größern Gaben soll es drastisch von oben und unten wirken, wenn nicht die betrügliche Unterschiebung des gemeinen rothen Präzipitats Ursache dieser Heftigkeit gewesen ist.

Die Alten verfertigten auf gleiche Weise ein ähnliches Präparat (Azoth, Aurum vitae,) durch langwierige Erhitzung eines Amalgams aus Quecksilber und dem vierten Theile Gold.

Durch Zusammenreiben des rohen Quecksilbers mit gleichen Theilen schmelzenden Schwefels entstehet der gewöhnliche mineralische Mohr, (Aethiops mineralis empyrus) und durch anhaltendes Zusammenreiben gleicher Theile Schwefelblumen und Quecksilber im gläsernen Mörsel bis zur gänzlichen Verschwindung aller Kügelchen, der ohne Feuer bereitete mineralische Mohr (Aethiops mineralis apyrus s. sine igne paratus) beides schwarzfarbige geschmacklose Präparate, wovon aber letzterer mehr Arzneikraft als ersterer besitzt, doch nur größtentheils, obgleich selten als innerliches Mittel gegen Krätze und als wurmtreibendes Mittel für Kinder angewendet wird, aber zuweilen Speichelfluß erregt hat. Man hat die Verhältnisse des Schwefels gegen das Quecksilber bei Bereitung beider Theile vielfach abgeändert; doch lassen sich im Feuer nicht mehr als sieben Theile und im Kalten nicht mehr als vier Theile Quecksilber mit einem Theile Schwefel gleichartig zum Mohr vereinigen.

Ein sehr ähnliches Präparat ist der auf nassem Wege bereitete sogenannte schlafmachende Mohr (Aethiops narcoticus, pulvis hypnoticus) welcher entstehet, indem man das Metall aus einer gesättigten Quecksilbersalpeterauflösung mit einer Schwefelleberlauge niederschlägt, die durch Sieden bis zur Auflösung zweier Theile Schwefelpulver in einer Lauge entstehet, welche aus drei Theilen Potaschlaugensalz, eben so viel gebranntem Kalke und vierzig Theilen Wasser bereitet worden. Das so geschwefelte Quecksilber fällt als ein schwarzes feines Pulver zu Boden, welches öfters ausgesüßt, dann auf dem Filtrum getrocknet und aufbewahrt wird. Man hat ihn zu[5] 10 bis 20 Gran zu gleichen Behufen wie den mineralischen Mohr gegeben und eine (vermuthlich eingebildete) schlafmachende Wirkung von ihm erwartet.

Verfertigt man aber einen mineralischen Mohr mit dem kleinstmöglichen Verhältnisse Schwefel, und sublimirt das Gemisch, so entstehet der künstliche Zinnober (Cinnabaris factitia, artificialis, Hydrargyrum sulphuratum rubrum). Gewöhnlich wird zwar der Zinnober schon fertig von den Holländern gekauft, und es ist kaum glaublich, daß er nicht ächt seyn sollte, wenn man ihn in ganzen Stücken von schöner braunrothen Farbe aus glänzenden Nadeln zusammengesetzt erhält. Ist aber der Apotheker außer Stande, ganzen Zinnober zu erhalten und kömmt ihm kein anderer als gemahlener in die Hände, so ist er genöthigt, ihn selbst zu verfertigen, um allen fremden, schädlichen Beimischungen zu entgehen, denen der fein gemahlene Zinnober (Vermillon) gewöhnlich ausgesetzt ist.

Was hilft es und wie schlüpfrig ist es nicht, ihn auf eine zu befürchtende Beimischung des rothen Arseniks, oder der Mennige zu probiren? des Drachenbluts, des Ziegelsteinmehls, des Kolkothars nicht einmahl zu gedenken. Was hilft es, den schädlichen Rauch des auf glühende Kohlen geworfenen Zinnobers in die Nase zu ziehen, um einen Arsenik andeutenden Knoblauchsgeruch auszuwittern; was hilft es, den damit gekochten Essig zu kosten, ob er von einer Beimischung an Mennige süß geworden, oder die Flüssigkeit mit Glaubersalz zu mischen und zu sehen, ob Bleivitriol niederfalle? Wird er auf diese Proben nichts verrathen, so bleibt er dennoch vielleicht einer andern noch unbekannten Verfälschung verdächtig, und der gewissenhafte Apotheker muß ihn dann doch selbst bereiten, wenn er ihn zu einer Arznei bedarf, und keinen Zinnober in Broden bekommen kann. Blos zum Verbrauche als Farbe könnte es allenfalls nutzen, wenigstens die Probe auf Blei anzustellen, wenn die Schönheit seiner Farbe nicht schon selbst für seine Tauglichkeit hiezu redet. Auch zu äußerlichen Mitteln kann der käufliche gemahlene noch hingehen; aber zum innern Gebrauche muß ihn der Apotheker, in Ermangelung eines Zinnobers in Broden, selbst zu verfertigen wissen.

Zu diesem Ende erhitzt man sieben Pfund Quecksilber so weit, daß man kaum die Hand darin leiden kann, gießt es unter ein Pfund in einem eisernen Mörsel schmelzenden, aber wieder vom Feuer hinweggenommenen Schwefel und rührt die Mischung wohl unter einander, bis zur völligen Vereinigung. So bald die Verbindung innig zu werden anfängt, schwillt die Masse auf, es entsteht eine Art Aufbrausen, es steigt ein stärkerer Rauch empor, und die Masse geräth, obgleich vom Feuer entfernt, in starke Entzündung. Man läßt es etwa eine Minute brennen, und bedeckt dann den Mörsel genau. Die erkaltete und zerschlagene schwarze Masse trägt man nun[6] in einen langhälsigen Kolben, dessen Kugel unten zur Hälfte mit einem Kitt aus Lehm und Rinderblut (zusammengeknetet) beschlagen, und gerade so hoch in einem Windofen dem freien Feuer blos gestellet ist, welches nachgehends angezündet und allmählich bis zum Glühen verstärkt wird. Um die Mitte des Kolbens herum ist der Ofen dicht verklebt, so daß über die Hälfte der Kugel keine Glut heran streichen kann. Die Mündung des Kolben halses ist mit einem Stück Ziegel bedeckt. Man unterhält das Feuer so stark als es nur die gläserne Retorte aushalten kann, etwa acht Stunden lang, und fühlt gegen das Ende der Arbeit mit einem langen eisernen Drathe zu, ob etwa der Hals vom sublimirten Zinnober verstopft werde, welches zur Vermeidung des Zerspringens verhütet werden muß. Bei einer so kleinen Portion ist ein länger anhaltendes Feuer, wie Einige gerathen haben, unnütz. Man trennt, wenn alles erkaltet ist, den Boden des Kolbens mit dem Rückstande vom obern Theile, der den Sublimat enthält, mittelst eines glühenden Sprengeisens oder einem umgelegten und angezündeten Schwefelfaden, nimmt den Sublimat behutsam heraus und schabt alle schwärzlichten Theile und Quecksilberkügelchen davon ab.

Die erhaltene harte, zerreibliche, braunrothe Masse von glänzend strahligem, gleichsam nadelförmig krystallisirtem Gewebe, etwas durchscheinend an den Kanten von 7,000 spezifischer Schwere, und ohne Geruch und Geschmack ist der verlangte Zinnober, welcher recht fein gerieben, oder, (besser) unter Befeuchtung mit Weingeist, fein präparirt die schönste Karmesinfarbe bekömmt, und nun zu innern Arzneien vorbereitet ist.

Eine Menge Aerzte haben dem Zinnober alle Arzneikraft abgesprochen, vermuthlich weil sie nicht einsahen, wie er im menschlichen Körper aufgelöset wer den könne. Da man dieß aber eben so wenig vom innerlich gebrauchten reinen Schwefel einsehen kann, dessen Kraft alle Theile des Körpers doch so mächtig durchdringt, wie die Aerzte wissen, und da ferner der ganz fein präparirte Zinnober in mehrern damit digerirten Flüssigkeiten auch außer dem Körper nicht unauflösbar ist, z.B. in Potaschlaugensalze, in Minderersgeiste, im versüßten Salpetergeiste, im Kalkkochsalze, dem Eau de Luce u.s.w., so läßt sich schon nach Theorie seine Auflösbarkeit in den thierischen Säften nicht ableugnen. Welches aber seine eigne arzneiliche Kraft sei, ist unbekannt. Die Alten schrieben ihm eine Nerven beruhigende Eigenschaft zu; aber dies muß genauer geprüfet und durch den Gebrauch eines selbst bereiteten Zinnobers bestimmt werden, ob jene Tugenden nicht von einem mit Mennige verfälschten Zinnober herrührten, da das Blei eine große, obgleich nicht unschuldige, antispasmodische Kraft besitzt.

In Räucherungen örtlich angewendet (wobei sorgfältig die Einziehung des Dampfes in die Lungen vermieden werden muß) ist[7] der Zinnober für die verhärtetsten Drüsengeschwülste ein vortreffliches Auflösungsmittel; sie werden gewöhnlich dadurch in Eiterung gesetzt. Man macht ihn mit Kohle zu Räucherkerzen und bringt mit einem Trichter den Dampf an dem leidenden Orte an, indeß man, in einem luftigen Orte, das Gesicht wegwendet. In ältern Zeiten hat man allgemeine Räucherungen des ganzen Körpers damit angestellt, um die venerische Seuche damit zu heilen; aber Abzehrungen und Tod sind oft die Folge gewesen.

So unerbittlich feind ich allem Substituiren bin, so mache ich es doch dem Apotheker zur Pflicht, wo gegrabner Zinnober (Cinnabaris nativus) verordnet wird, stets den unter seinen eignen Augen, künstlich bereiteten oder sonst in Broden sublimirten dafür zu nehmen, der ungewissen, oft schädlichen Beimischungen und Nebenerze wegen, die der gegrabne Zinnober fast immer bei sich hat, Wismuth, Silber, Arsenik, u.s.w.

Wenn der aus Quecksilbersalpeterauflösung durch reine Laugensalze gefällte Präzipität, oder das vor sich verkalkte Quecksilber, oder der durch Reiben entstandne Halbkalk des Quecksilber (Aethiops per se), wie Keyser that, in Essigsäure gekocht wird, so entstehet beim Erkalten, ein sehr schwer auflösbares Quecksilberessigsalz (Mercurius acetosus), welches in silberglänzenden Flimmern zu Boden fällt, und von den ältern Aerzten theils für schwere venerische Fälle unzureichend, theils drastisch im Speisekanale wirkend, befunden, aber von Keysern zur Bereitung seiner Pillen und Trageen (Pilulae, Trageae Keyseri) mit Manna und Mehl versetzt angewendet worden ist, Präparate die jetzt in Vergessenheit gerathen sind.

Obengenannte Quecksilberkalke lassen sich vom gereinigten Weinstein, unter Zusatz von Wasser während mehrstündigem Kochen auflösen, und es entsteht ein leicht auflösbares Quecksilbersalz (Mercurius tartarisatus) welches in Auflösung gebraucht (Merc. tartarisatus liquidus, Eau végétale mercurielle) als antivenerisches Mittel ehedem sehr gerühmt worden, aber eben so sehr in Vergessenheit gesunken ist.

Am leichtesten löset sich das Quecksilber in Salpetersäure auf. In der Kälte und mit starker Säure bereitet, fällt das Quecksilbersalpetersalz (Hydrargyrum nitratum, Mercurius nitratus, crystallisatus) schon während der Auflösung nieder, als schrägwürflichte Krystallen mit abgestutzten Kanten und Spitzen, ein Salz, welches sich von dem in der Hitze bereiteten, theils durch die mehr nadelförmige Gestalt des letztern, theils durch seine Auflösbarkeit in Wasser unterscheidet, welche bei ersterm weit geringer ist. Auch läßt das in der Kälte bereitete bei der Auflösung in destillirtem Wasser seinen etwanigen Inhalt an kochsalzsaurem Quecksilber völlig niederfallen, und schlägt aus jeder Flüssigkeit alle kochsalzsaure Salze vollkommen[8] nieder, welches von dem in der Hitze bereiteten weit unvollkommener geschieht. Das in der Kälte bereitete läßt bei seiner Auflösung im Wasser ein Drittel seines Gewichts an gelben Pulver fallen, welches mit kochendem Wasser abgespühlt gelbgrünlich wird, dem Turbith ähnlich; das bei starker Hitze verfertigte Salz feuchtet an der Luft, enthält einen großen Ueberschuß an freier Säure und löset sich in reinem Wasser fast ohne Rückstand auf, wenn auch die dazu angewendete Salpetersäure mit Kochsalz und Vitriolsäure verunreinigt gewesen wäre.

Man hat die unkrystallisirte Auflösung des Quecksilbers in Salpetersäure (Solutio merc. vivi in aqua forti, solutio mercurialis, mercurius liquidus, aqua mercurialis) verschiedentlich verdünnt (Liquor Belostii, aqua grisea) oder unvermischt und noch heiß unter Schweinefett gerührt (Unguentum citrinum), aber beide nur äußerlich gebraucht; die in vier Theilen Wasser aufgelößten Krystallen des Quecksilbersalpetersalzes (Mercurius nitrosus Sellii) aber auch innerlich gegeben, zweimal täglich zwei Tropfen mit vielem Wasser verdünnt, ein Verfahren, welches nicht viele Nachfolger gefunden hat.

Vor sich in einem irdenen verdeckten Geschirre dem freien Feuer ausgesetzt, läßt das Quecksilbersalpetersalz seine Säure fahren, und verwandelt sich nach dem Verlust aller Säure in einen rothen Kalk (rother Präzipitat, Merc. praecipitatus ruber, s. corrosivus ruber), welcher, wenn das Quecksilber ganz rein und die Säure des Salzes reine Salpetersäure gewesen, auch die Hitze beim Kalziniren anhaltend genug war, die schöne Röthe des vor sich verkalkten Quecksilbers erhält, mit dem er dann auch in Absicht seiner arzneilichen und chemischen Eigenschaften und dem herben Metallgeschmacke übereinstimmt. Dieß zu bewirken, schüttet man in einen dünn beschlagenen Kolben mit langem Halse die zu bearbeitende Menge ganz reinen Quecksilbers mit der zur Auflösung erforderlichen Menge ganz reiner Salpetersäure, stellt ihn in eine tiefe Sandkapelle im Windofen, kittet einen Helm auf, dessen langer Schnabel mit seiner Mündung unter das Wasser der locker angelegten Vorlage ragt, und giebt nur sehr allmählich verstärkte Hitze. Wenn nach vollendeter Auflösung die Säure wiederum fast gänzlich übergetrieben ist, und die Tropfen seltener zu fallen anfangen, so wird das Feuer bis auf den äußersten Grad verstärkt, bis die im Bauche angeflognen erst grauen, dann gelben Blumen zuletzt pomeranzenfarbig und ziegelroth werden, der rothe Dampf sich verliert und der Kolben sich aufzuhellen anfängt. Dann wird das überflüssige Feuer weggeräumt, die Vorlage abgenommen, und der Ofen von untenher geschlossen. Man hebt den rothen Quecksilberkalk vor dem Tageslichte verwahrt auf, wodurch sonst seine Röthe verdunkelt wird.

Der bei uns hie und da bereitete ist gewöhnlich nur gelb und[9] glanzlos ausgefallen (der schönen flimmernden Röthe des Holländischen gar nicht ähnlich), weil man mit Blei vermischtes Quecksilber, gewöhnlich mit Kochsalz- und Vitriolsäure verunreinigtes Scheidewasser und nicht Hitze genug zum Kalziniren nahm, indeß die Holländer reines, aus der ersten Hand gekauftes Quecksilber, von der salpetersauern Quecksilberauflösung abstrahirte, das ist, reine Salpetersäure und ein anhaltendes gleiches Torffeuer dazu anwenden.

Der gut verfertigte rothe Präzipitat enthält fast keine Spur von Salpetersäure, erträgt wie der vor sich bereitete Quecksilberkalk ein stärkeres Feuer als das laufende Metall, entwickelt aber beim Glühen, wie letzterer, eine große Menge Lebensluft und stellt sich wieder zulaufendem Quecksilber her, löset sich auch in siebender Essigsäure auf.

So lange der rothe Präzipitat, wie jetzt, bloß zu äußerlichen Behufen in unreinen Geschwüren, Hautausschlägen, in triefenden Augen, der Psorophthalmie und der Verdunkelung der Hornhaut, vorzüglich in Salben angewendet wird, ist die besorgliche Verfälschung des käuflichen rothen Präzipitats mit Mennige und Zinnober theils unhinderlich, theils läßt sich ein merklicher Zusatz dieser Substanzen, wenn verändertes Ansehen und Farbe es nicht schon verriethe, bald dadurch ausmitteln, daß man eine Probe davon mit einem gleichen Theile schwarzem Flusse eine Viertelstunde lang weiß glühen läßt. Das verrauchte Quecksilber wird, wenn eine solche Verfälschung vorgegangen war, einen Rückstand hinterlassen, welcher, wenn entweder blos Mennige zugegen gewesen, blos Bleikügelchen enthält, war aber blos Zinnober die Verfälschung, von zugegossenem Essig als reine Schwefelleber, unter Geruch der faulen Eier und unter Niederschlag eines leicht verbrennlichen Schwefels aufgelöset wird; verbrennt der Niederschlag nicht als reiner Schwefel, so wird er mit Kohlenstaub bedeckt, in einem glühenden eisernen Löffel, (welcher das geschwefelte Blei zersetzt) ein Bleikorn geben, wenn außer Zinnober zugleich Mennige darin vorhanden gewesen.

Sollte aber der rothe Präzipitat dereinst in innern Gebrauch gezogen werden, wie vorzüglich einige der ältern Aerzte, von Vigo und Matthioli an, thaten, (die ihn zu etlichen wenigen Granen in der Luftseuche gaben, nicht ohne widrige und heftige Nebenwirkungen), oder sollte man sich desselben zur Bereitung anderer innern Merkurialpräparate bedienen, so würde es nicht wohl gethan seyn, sich des käuflichen dazu zu bedienen, selbst nicht nach angestellter Prüfung auf obgedachte Beimischungen; man würde ihn nach obiger Anleitung durchaus selbst verfertigen müssen.

Man suchte die Schärfe des rothen Präzipitats durch darüber kochenden oder abgebrannten Weingeist zu mildern, und nannte ihn dann rothes Merku rialpulver (Arcanum corallinum, Mercurius corallinus) aber vergeblich, da sein scharfer metallischer[10] Geschmack und seine drastischen Wirkungen im menschlichen Körper immer dieselben bleiben. Eben so bleibt er, wenn er durch vieles Wasser und Potaschlaugensalz abgesüßt worden, ehe man Weingeist darüber abbrennt (Pulvis principis, Mercurius praecipitatus antivenereus Hartmanni, Turbith minerale rubrum) von gleich heftiger Natur, und wird noch drastischer, wenn er vor diesen Aussüßungsarbeiten mit Königswasser digerirt und so noch mit Kochsalzsäure verunreinigt worden (Aurum horizontale).

Die Auflösung in Scheidewasser von acht Theilen Quecksilber und eine andre von einem Theile Kupfer in gleicher Säure, zusammengemischt, und bis zur Trockenheit abgedunstet, doch so, daß wenig oder keine Säure davon geht, geben ein grünes Pulver (Merc. praecipitatus viridis, corrosivus viridis) ein fressendes, überflüssiges Präparat.

Aus der Auflösung in Salpetersäure schlägt man das Quecksilber auf mancherlei Art nieder. Von hinzugegossenem zerflossenem Potaschlaugensalze entsteht das braune Quecksilberpräzipitat (Mercurius fuscus Wurzii) welches sorgfältig, das ist, mit ganz reiner Salpetersäure, reinem Quecksilber und reinem vegetabilischen Laugensalze bereitet, so daß der Niederschlag weder Vitriol- noch Kochsalzsäure und kein Blei enthalten kann, allerdings ein schätzbares Präparat ist, so wie man es auch in neuern Zeiten häufig gebraucht hat. Aber der aus andern Quecksilbersalzlaugen (z.B. den nach Fällung des weißen Präzipitats mittelst Kochsalz übrig bleibenden Laugen niedergeschlagene (wie einige Neuere vorschreiben) verdient diesen Namen nicht, da er häufig mit kochsalzsaurem Quecksilber gemischt ist.

Wenn die (ohne Vermeidung einer Erhitzung veranstaltete) Auflösung eines gewöhnlichen (eben nicht gereinigten) Quecksilbers in Scheidewasser mit gewöhnlichem, luftsäurehaltigem Salmiakgeiste niedergeschlagen wird, so entsteht ein aschgrauer Quecksilberniederschlag (Mercurius cinereus Blackii, Pulvis mercurii cinereus) indeß noch viel durch milde Alkalien nicht zu fällender Quecksilberkalk zurückbleibt, durch die hier reichlich abgeschiedne Luftsäure in der Lauge aufgelöst. Jener Niederschlag ist ein ziemlich nützliches Präparat in venerischen Krankheiten, wiewohl er noch mit weißem Präzipitate und Mineralturbith verunreinigt ist.

Eine Verbesserung dieses Präparats ist das schwarze Hahnemannische auflösliche Quecksilber (Turpethum nigrum, Mercurius solubilis Hahnemanni) seiner Leichtauflöslichkeit in Essigsäure wegen also genannt. Hiezu wird ganz reines, durch Kochen mit wenig Wasser in einem eisernen Geschirre aus dem Aezsublimat abgeschiedenes Quecksilber und möglichst reine starke Salpetersäure zur Auflösung genommen, die unter Vermeidung aller Erhitzung im Kalten veranstaltet wird. Das krystallisirte Salz wird mit etwas Wasser abgespült,[11] auf Fließpapier getrocknet, fein zerrieben, wieder mit Weingeist zweimahl sorgfältig ausgesüßt, dann in destillirtem, kaltem Wasser durch Reiben in einem gläsernen Mörsel aufgelößt und mit kaustischem ganz luftleerem Salmiakgeiste so lange niedergeschlagen, als der Niederschlag noch schwarz ausfällt, das nachmahls mit vielem destillirtem Wasser ausgesüßte Präzipitat im Schatten an der Luft auf Fließpapier getrocknet und vor dem Tageslichte verwahrt, wovon seine Schwärze sich in Grau umzuändern pflegt.

Die hier entstehende Auflösung des reinsten (unter Entfernung aller Wärme bereiteten) Quecksilbersalpetersalzes ohne freie Säure, hält kein oder nur höchst wenig vitriol- und kochsalzsaures Quecksilber, welches beim Präzipitiren etwa niederfallen und das Präparat verunreinigen könnte, ein Umstand, der ihm einen entschiednen Vorzug vor dem Blackischen aschgrauen Quecksilber giebt. Auch ist es jetzt fast in ganz Europa das geschätzteste Quecksilberpräparat in den schwierigsten venerischen Fällen. Seine Verfertigung in der Wärme ist von einigen Scheidekünstlern vorgeschlagen, aber von den praktischen Aerzten verworfen worden. Ein halber bis ganzer Gran in vier und zwanzig Stunden und das tägliche Steigen um einen Gran, bis man die tägliche Portion von fünf Gran erreicht hat, in Pulver, mit etwas gepülvertem Süßholz und mit einem drittel bis halben Gran Mohnsaft gemischt, (letzteres um den allzu flüssigen Leib zu hemmen) sind seine Gebrauchsart bis zur Entstehung eines eignen Uebelbefindens, des Merkurialfiebers, vergesellschaftet mit Kälte, kleinem Pulse, Mattigkeit, Ekel vor Fleisch und unüberwindlichem Abscheue vor dem Mittel.

Die übrigen Niederschläge aus dem Quecksilbersalpetersalze sind größtentheils Verbindungen dieses Metals mit Küchensalzsäure.

So, wenn man die Auflösung des Quecksilbers durch Salpetersäure im Sandbade, das ist, mit ansehnlicher Hitze und siedend veranstaltet hat, und dann in die Auflösung Küchensalzsäure gießt, so fällt zwar ein weißer Präzipitat nieder, aber er löset sich größtentheils wieder auf, als wahrer Aetzsublimat, den man daraus durch Abdampfen und Anschießen, oder (nach Abdestillirung der Salpetersäure) durch Sublimation des Rückstandes erhalten kann.

Gießt man hinwiederum zu der in der Kochhitze bereiteten Auflösung eines Civilpfundes Quecksilber in Salpetersäure eine kochendheiße Auflösung von neun Unzen Kochsalz, so fällt ein weißer Nieder schlag zu Boden, welcher, mit kochendem Wasser ausgesüßt, Scheelens versüßtes Quecksilber (Mercurius praecipitatus dulcis Scheelii) darstellt, höchstens ein und zwanzig Loth an Gewichte, indeß wenigstens noch 16 Loth Aetzsublimat in den Laugen bleiben. (War bei der Auflösung des Metalls in der Säure starke, rothe Dämpfe ausstoßende Hitze gebraucht worden, und war viele überschüssige Säure vor der Niederschlagung[12] darin, so löset sich fast aller Niederschlag wieder auf, den man durch Abdampfen und Krystallisiren zu Aetzquecksilber darstellen kann.) Jener weiße Niederschlag kömmt allerdings mit den besten weißen Quecksilberpräzipitaten andrer Bereitung in Güte überein, hat aber keinen Vorzug vor ihnen. Er wirkt gar nicht so mild, als das beste versüßte Quecksilber, wie sich der sonst vortreffliche Urheber einbildete, sondern drastisch und giftartig, wie andrer weißer Präzipitat; wird aber durch die Sublimation, wie auch letzterer, zu versüßtem Quecksilber, wenn man das zuoberst angeflogne Sublimat ätzenden Quecksilbers davon trennt.

Oekonomischer und besser ist der Prozeß, weißen Präzipitat (Mercurius praecipitatus, Praecipitatum album, Mercurius cosmeticus, Calx hydrargyri alba, Lac mercuriale) kalt zu verfertigen. Man läßt ein Pfund Quecksilber in doppeltem Scheidewasser unter Vermeidung aller Wärme auflösen, die Auflösung, an die freie Lust gestellt, abdunsten, und die so entstandenen, erst mit etwas Wasser, dann zweimahl mit hinlänglich viel Branntwein ausgesüßten und auf Fließpapier getrockneten Krystallen in lauem destillirtem Wasser durch Reiben im gläsernen Mörsel auflösen, worauf man eine Auflösung von neun Unzen Kochsalz in destillirtem Wasser auf einmal dazu gießt und den entstandenen Niederschlag mit vielem destillirten Wasser aussüßt und trocknet. Sind die Quecksilbersalpetersalzkrystallen durch jenes Aussüßen ganz aller freien Säure beraubt worden, so fällt alles Quecksilber aus der Auflösung im Wasser nieder, dergestalt daß selbst die Alkalien fast nicht das mindeste mehr aus der rückständigen Lauge fällen können.

Dieses heftig und beim innern Gebrauche drastisch wirkende, schon zu drei Gran gewöhnlich tödtliche, etwa 1/7 Salzsäure enthaltende Präparat dient größtentheils zu äußerlichem Gebrauche, vorzüglich gegen Hautausschläge in Salben, und kann sehr wohl zur Bereitung des versüßten Quecksilbers verwendet werden, wenn man es sublimirt, wobei sich das Aufsteigende in versüßtes Quecksilber und in Aetzsublimat trennt, wovon letzterer als der zu oberst angeflogene sorgfältig entfernt, und ersteres auf die beim versüßten Quecksilber zu erwähnende Weise von allem Antheile an Aetzsublimate gereinigt wird.

Man darf seine Verfälschung nicht befürchten, da es jedem Apotheker obliegt, ihn selbst zu verfertigen.

Ein mehr gemischtes Präparat ist das von Wiegleb als verbessertes weißes Präzipitat vorgeschlagene, wo zu einer stark mit Wasser verdünnten Auflösung von 8 Loth Quecksilber in Scheidewasser, mit einer Auflösung von 2 Loth Salmiak vermischt, eine Lauge von reinem Potaschlaugensalze doch nur bis zur eben hinreichenden Sättigung, damit das Präparat nicht gelb werde, hinzugetröpfelt, und der Niederschlag wohl ausgesüßt wird. Das Produkt ist kochsalzsaurer Präzipitat[13] mit weißem Quecksilberkalke vermischt, den das hier entwickelte flüssige Laugensalz gefällt hat.

Die mit dem völlig verkalkten oder oxydirten Quecksilber verbundene Salzsäure stellt das Aetzquecksilber dar (Aetzsublimat, Merc. sublimatus corrosivus, Sublimatum corrosivum, Hydrargyrum muriatum) ein Salz, welches in schiefwinklichten Prismen, oder schiefwinklichten Parallelepipeden mit zweiflächiger Abdachung anschießt, und in Weingeist leicht, in kaltem Wasser schwer auflöslich ist. In einer Unze Wasser lösen sich bei 52° Fahr. 30 Gran – bei 621/2° Fahr. 33 Gran, und bei der Siedehitze 1381/2 Gran, in einer Unze Weingeist aber bei 65° Fahr. 192 Gran, und in der Siedehitze 424 Gran Aetzsublimat auf. Er sublimirt sich ohne Zersetzung, enthält zwischen 60 bis 70 in Hundert Metall und wird durch Kalkwasser mit Pomeranzenfarbe zersetzt.

Der älteste Prozeß, ihn zu verfertigen, war der venetianische oder Tachenische, in welchem 280 Pfund rohes Quecksilber mit 50 Pfund unreinen Sublimatbroden von vorigen Arbeiten, dann aber mit 400 Pfund zur Röthe gebranntem Eisenvitriol, 200 Pfund Salpeter und 200 Pfund verknistertem Kochsalz zusammenreibt und in 8 großen niedrigen Kolben mit Helm und Vorlage erst das Scheidewasser übertreibt und dann die Sublimation binnen fünf Tagen und fünf Nächten vollendet. Das Produkt ist 360 Pfund Sublimat. Die Arbeit findet aber jetzt keine Nachahmer, da sie kostspielig ist in Absicht der Ingredienzen, der Gefäße und der Feuerung.

Vorzüglicher ist der von Kunkel erfundene Prozeß, wo man gleiche Theile rohes Quecksilber und konzentrirte Vitriolsäure (Vitriolöl) in einem Kolben im Sandbade bei hinreichender Hitze und Umrühren mit einem gläsernen Stabe zu einem weißen Pulver (übersaurer Turbith) zerfressen und die Masse noch so lange in der Hitze läßt, bis sie ziemlich trocken geworden. Diese Masse reibt man mit eben so viel Küchensalz als das Gewicht des Quecksilbers beträgt, innig zusammen (unter sorgfältiger Vermeidung des aufsteigenden Dunstes) und eilet, es in den von außen beschlagenen Kolben zu bringen, dessen Bauch etwa zum Drittel damit angefüllet wird. Man setzt ihn auf zwei eiserne Stäbe in den freien Windofen, und bauet die Oefnung um dem Kolben herum dergestalt zu, daß keine Flamme daneben heranschlagen könne, und die Hälfte der Kugel des Kolbens frei aus dem Ofen hervorrage. Man läßt das Kohlenfeuer sachte angehn, und verstärkt es allmählich bis zu dem hohen Grade, daß aller Sublimat sich in dem obern Theil der Kugel des Kolbens ansetze. Während die Sublimation vor sich geht, bleibt nicht nur die Mündung des Halses offen, sondern man bringt auch eine bis auf den Boden des Gefäßes reichende gläserne Röhre ein, und zieht sie, wenn der Sublimat die innere Oefnung des Halses zu verstopfen droht, von Zeit zu Zeit etwas[14] auf und nieder, um das Zerplatzen zu verhüten.

Ist der Ofen und das Gefäß erkaltet, so theilt man die untere Hälfte der Kugel des Kolbens von der obern sorgfältig, um in den Rückstand nichts von dem Sublimate fallen zu lassen. Ein ringsum gelegter und angezündeter Schwefelfaden, oder ein behutsam angehaltener und herum geführter Wachsstock wird diese Absicht vollkommen erreichen. Das Sublimatbrod besteht aus zusammen gefügten glänzenden Spießchen.

Viele pharmazeutische Schriftsteller warnen vor der Selbstverfertigung des Aetzsublimats als vor einer gefährlichen Arbeit, und wollen lieber den holländischen gekauft wissen, doch mit genauer Prüfung desselben auf einen etwanigen Arsenikgehalt, (in diesem übeln Rufe steht der käufliche holländische, wenn er gepülvert ist; in ganzen Broden aber gekauft, deren Textur aus glänzenden Spießen zusammengesetzt ist, läßt sich ein solcher Zusatz schwerlich annehmen). Nun ist es zwar wahr, daß man ihn auf diese gefährliche Beimischung genau prüfen kann, wenn man in einer Unze des stärksten siedenden Weingeistes 400 Gran fein gepülverten Sublimat auflößt, und die Auflösung hell von dem Reste abgießt, (wenn sich einer findet) welcher, auf glühende Kohlen geworfen, einen Knoblauchsgeruch verbreitet, im Fall es Arsenik ist –; oder, wenn man Hahnemanns Weinprobe in eine Auflösung tröpfelt, die von 100 Gran feinen Sublimatpulver, in vier Unzen destillirtem Wasser gekocht, vollständig verfertigt worden, und sieht, ob das Präzipitat eine gelbe dem geschwefelten Arsenik eigne Farbe behält, oder ob, wie es bei reinem Sublimate geschieht, der braune Präzipitat durch Rühren schnell weiß wird; – oder besser, wenn man aus einer solchen wässrigen Sublimatsauflösung (sie muß vollständig seyn, damit kein Pulver unaufgelößt zurückbleibe, welches Arsenik seyn könnte) durch kaustischen Salmiakgeist allen Quecksilberkalk fällt, und eine gesättigte Auflösung von Grünspan in luftsäurehaltigem Salmiakgeiste in die hell abgegossene Lauge tröpfelt, da dann ein niederfallendes gelbgrünes Präzipitat (scheelisches Grün) den Arsenik beweisen wird, welches auf Kohlen geworfen durch den aufsteigenden Knoblauchsgeruch den gefährlichen Gehalt noch zum Ueberflusse an den Tag legen wird. Es ist zwar wahr, daß man ihn auf diese Art auf Arsenik prüfen kann. Aber theils hilft diese Ueberzeugung nichts, wenn man keinen andern haben kann, theils gehört zu dieser Prüfung fast eben so viel Genauigkeit und Mühe, im Fall sie beweisend seyn soll, als zur eignen Verfertigung des Aetzsublimats selbst gehört. Da man nun unter gehöriger Sorgfalt auf angezeigte Art ohne Gefahr dieses unentbehrliche innere Heilmittel verfertigen kann, so sehe ich nicht ein, warum ein rechtlicher gewissenhafter Apotheker sich der Selbstverfertigung entziehen sollte. Mir deucht, es bliebe keine andre[15] Ausflucht übrig, als daß er im Kleinen verfertigt etwas theurer zu stehen kömmt, als der im Handel. Wahrlich eine solche kleinliche Ausflucht sollte bei einer so wichtigen Sache gar nicht gehört werden.

Hielte sich aber auch der Apotheker für unfähig, das Aetzquecksilber durch Sublimation zu bereiten, so kann er ihn noch bequemer, obgleich etwas theurer auf nassem Wege verfertigen. Man siedet zwei Pfund einfaches Scheidewasser mit einem Pfunde gereinigtem Quecksilber bis zur Auflösung, und dampfet die Auflösung bei starkem Feuer fast bis zur Trockenheit ein. Man löset die Masse in einer siedend heißen Flüssigkeit auf, die aus zwei Pfund destillirtem Wasser und zwei Pfund gemeinem Kochsalzgeiste bestehet, und läßt den Sublimat aus der hell abgegossenen Lauge in der Kälte zu dolchförmig spießigen Krystallen anschießen. Der aus der Lauge abdestillirte Salpetergeist hinterläßt noch eine Salzmasse, welche durch Auflösung in siedendem Wasser und Anschießen den Rest des Aetzquecksilbers liefert. Beide Portionen müssen durch Auflösen, Abdampfen und Anschießen nochmahls gereinigt werden.

Das Aetzquecksilber besitzt einen unerträglichen, ätzenden Geschmack. Er ist eins der heftigsten Gifte, oder mit andern Worten, eine Arznei von der heftigsten Wirkung, welche in Pulverform nicht gereicht werden kann, ohne schon in der Gabe eines Grans tödlich zu werden. Laugensalze, zerflossene Potasche, Lauge von Holzasche oder Seifenauflösung sind die hülfreichsten Gegengifte, die ihn zersetzen. Eine gesättigte Auflösung in Weingeiste zieht, auf die Haut gebracht, fast augenblicklich Blasen. Bei seiner Pülverung (die nur in gläsernen, porphyrnen, oder agathnen Mörseln geschehen kann, wenn er nicht zerstört werden soll) müssen Augen, Nase und Lungen sorgfältigst gegen seinen Staub verwahrt werden, w.s. Gift und Pulvern.

Seiner starken Wirkung ungeachtet ist er dennoch nicht nur äußerlich angewendet als stark verdünnte Auflösung (gegen Hautausschläge und faule Geschwüre ein Gran Sublimat in einer Unze destillirtem Wasser, oder für triefende Augen, Psorophthalmie und Hornhautflecke, in vier Unzen destillirtem Wasser aufgelößt) sondern auch als inneres Arzneimittel gepriesen worden, (ein Gran Sublimat in zwei Unzen dünnem Weingeist aufgelößt, zu einem Eßlöffel voll auf die Gabe, Solutio Swietenia mercurii sublimati) doch so, daß selbst bei anhaltendem Gebrauche, bei stärkerer Angewöhnung, und bei den robustesten Personen nie über einen Gran Sublimat in 24 Stunden, selbst in der verdünntesten Auflösung gegeben, gestiegen werde. Nicht nur diese Auflösung in Branntwein, sondern auch verschiedne Auflösungen in Wasser sind gegen mancherlei Krankheiten, vorzüglich gegen die venerische Krankheit angewendet worden; ungeachtet er oft gegen schwere Fälle dieses Uebels unzureichend befunden[16] wird. Er wirkt weniger auf Speichelfluß und öfterer auf die Ausdünstung als mehrere andre Quecksilbermittel.

Seine Auflöslichkeit in Wasser wird ungemein erhöhet durch einen Zusatz von Salmiak, (Alembrothsalz, Sal Alembroth), eine Verbindung, welche das Besondre hat, daß sich beide Salze weder durch Sublimation, noch durch Krystallisation wieder von einander trennen. In ältern Zeiten schrieb man gleiche Gewichte von beiden Salzen zu diesem Gemische vor; indeß will Baume fünf Unzen Aetzsublimat schon durch einen Zusatz von neun Quentchen Salmiak in drei Unzen kochendem Wasser auflösbar gemacht haben.

Aus dem von gleichen Theilen beider Salze entstehenden Alembrothsalze fällte Lemery seinen weißen Präzipitat (Merc. praecip. albus, Lemeryi), indem er der Auflösung in Wasser Potaschlaugensalz zusetzte; es fällt hier eigentlich kochsalzsaures weißes Quecksilber-Präzipitat und auch ein Theil durch luftsalzsaures Ammoniaklaugensalz gefälltes, zusammen nieder.

Nach einer altfränkischen Vorschrift verbindet man ein Quentchen Aetzsublimat mit einem Pfunde Kalkwasser und etwas Weingeist, und nennt dieses Gemisch, wodurch alles vorhandne Quecksilber als rothbrauner Kalk gefället wird, phagedänisches Wasser (Aqua phagedaenica, Aqua divina Fernelii); eine verdünnte Auflösung dieses Metallsalzes in reinem Wasser ist zuverlässiger in ihrer Wirkung.

Hundert Theile Aetzquecksilber mit fünf und siebenzig Theilen laufendem Quecksilber erst durch Reiben, und dann durch Sublimation verbunden, nennt man versüßtes Quecksilber (Mercurius dulcis, Mercurius sublimatus dulcis, Hydrargyrus muriatus mitis, Aquila alba). Zu dieser Absicht reibt man zwölf Theile Aetzquecksilber mit neun Theilen rohem, reinem Quecksilber unter Befeuchtung mit etwas Weingeist in einem erwärmten gläsernen Mörsel dergestalt zusammen, daß alle Kügelchen verschwinden, und das Ganze zum grauen Gemische wird, welches man aus dem Sandbade in einem Kolben auftreibt, dessen Kugel etwa zum Drittel davon voll wird; der Hals des Kolbens wird blos mit Papier locker verbunden.

Das beschwerliche Zusammenreiben zu vermeiden, wovon der Dunst den Lungen so gefährlich ist, hat Hagen das bloße Zuschütten des rohen Quecksilbers zu dem fein gepülverten Sublimät gerathen und glücklich seine Absicht erreicht.

Da aber, wenn die Reinheit des Aetzsublimats von Arsenik in Verdacht kömmt, eine vorgängige Selbstbereitung des Aetzquecksilbers die Arbeit verdoppeln würde, so umgeht man diese Schwierigkeit am besten dadurch, daß man zwölf Unzen reines Quecksilber durch starke Digestion im Sandbade und Umrühren mit zwölf Unzen Vitriolöl zerfressen läßt und die Feuchtigkeit so weit verdünstet, daß die Masse noch etwas feucht bleibt. Hierunter reibt man zuerst so viel Quecksilber,[17] als sich damit bis zur Tödung oder Verschwindung der Kügelchen verbinden läßt, wenigstens neun Unzen, wo möglich zwölf Unzen, dann aber fünf Unzen verknistertes Kochsalz, wobei das Gemisch von selbst warm zu werden und scharfe Dämpfe auszustoßen pflegt, wogegen man die Lungen sorgfältig verwahren muß. Man treibt auf lezt angezeigte Weise das Gemisch auf, und sondert das Sublimat von dem Rückstande durch oben angegebene Trennung des obern Theiles von dem untern Theile der Kugel des Kolbens.

Man kann das Aufgetriebene noch einmahl sublimiren.

Noch bequemer erhält man das versüßte Quecksilber durch Auftreibung des weißen Präzipitats, vorzüglich des kalt bereiteten oben beschriebenen. Da dieser das höchstmögliche Verhältniß an Quecksilber und die kleinstmögliche Menge Küchensalzsäure enthält, so findet man bei der Sublimation desselben fast alles in reines versüßtes Quecksilber aufgetrieben, und nur sehr wenig Aetzquecksilber darüber.

Man nimmt lieber weißgläserne Kolben zur Sublimation, weil sich von diesen das Sublimat reiner und leichter ablöst.

Die Brode des gut bereiteten versüßten Quecksilbers sind graulicht weiß, kaum durchscheinend, aber doch krystallinisch und glänzend von Gewebe, und 12,350 eigenthümlichen Gewichts. Es wird im Reiben gelb, und zeigt dabei im Dunkeln einen phosphorescirenden Schein. Es ist völlig geschmacklos, gänzlich im Wasser unauflöslich und verwandelt sich durch Reiben mit ätzendem Salmiakgeiste in einen schwarzen Quecksilber-Kalk (Mercurius cinereus s. niger Saunderi); er wird schwarz durch Reiben mit Kalkwasser.

Da aber das käufliche, von dem über demselben angesetzten Aetzsublimate nicht sorgfältig abgesonderte sogenannte versüßte Quecksilber oft mehr durchsichtig und wegen seiner Annäherung an die Natur des Aetzsublimats nicht selten unbändiges Erbrechen, und ähnliche traurige Zufälle erregte, so suchte man ihn stärker mit Quecksilber dadurch zu sättigen, daß man ihn öfterer sublimirte, vor jeder Sublimation mit etwas rohem Quecksilber zusammengerieben. Geschahe dieß sechs bis siebenmahl nach einander, so nannte man das Produkt Kalomel (Calomel, Calomelas) und geschahe es neun bis zehnmahl, und man digerirte das Produkt drei Wochen in Weingeist, oder brannte ihn darüber ab, so führte es den Nahmen Quecksilberpanazee (Panacea mercurialis). Da aber bei jeder neuen Sublimation ein Theil des versüßten Quecksilbers sich zersetzt, so daß ein Theil lebendiges Quecksilber davon geht, während das Sublimat in gleichem Verhältnisse sich zu Aetzquecksilber umändert, und daher mehrere Sublimationen gerade die Absicht hindern, die man erreichen will, so hat man in neuern Zeiten eingesehen, daß ein selbst durch die erste Sublimation erhaltenes versüßtes Quecksilber von obbeschriebener[18] Güte allen mehrmahls sublimirten vorzuziehen sei.

Da aber jedem Brode des versüßten Quecksilbers, wenn es auch von dem darüber locker angeflogenen Aetzsublimate sorgfältig abgesondert wird, doch gewöhnlich noch ein Theil von letzterm fressenden Metallsalze anhängt, so kann man kein versüßtes Quecksilber für völlig zum Arzneigebrauche tauglich ansehn, welches nicht, zum feinsten Staube zerrieben, und so in einem zehnfachen Gewichte Wasser eine Viertelstunde lang gekocht worden, worin man vorher ein Loth Salmiak, auf jedes Pfund Quecksilber gerechnet, aufgelöset hat, theils um die Ausziehung des Aetzsublimats zu erleichtern, theils das Grauwerden des versüßten Quecksilbers zu verhindern.

So gereinigt verdient es erst eigentlich den Nahmen des (besten) präparirten versüßten Quecksilbers und Kalomels, (Merc. dulcis praeparatus, Calomel praeparatum) eines Präparats, welches zwar bei anhaltendem Gebrauche leicht Speichelfluß erregt, sonst aber sich sehr mild erweist. Man gebraucht es als ein sehr zuverlässiges Leib eröffnendes Mittel, und übrigens zu jedem andern Behufe, wozu gute Quecksilberpräparate anwendbar sind, in der venerischen Seuche, im Wasserkopfe, in einigen Quartanfiebern, in der sthenischen Wassersucht, gegen Eingeweidewürmer u.s.w. zu wenigen Granen auf die Gabe, oft mit Mohnsaft versetzt. Man hat eine Verbindung des versüßten Quecksilbers mit kochsalzsaurem Eisen (Mercur. dulcis martialis Hartmanni) dadurch zu bewirken gesucht, daß man gleiche Theile versüßtes Quecksilber und Rückstand von der Bereitung der Eisensalmiakblumen mit einander gemischt aufsublimirte; besser wäre es, beide nur durch einfache Vermischung zu verbinden.

Mit gleichen Gewichten konzentrirter Vitriolsäure bei ansehnlicher Hitze digerirt und mit einem gläsernen Stabe umgerührt, verwandelt sich das rohe Quecksilber in einen weißen Brei, welcher in eine ansehnliche Menge heißes destillirtes Wasser getragen, und umgerührt und so von der überflüssigen Vitriolsäure befreit, ein hochgelbes Sediment absetzt, mineralischen Turbith (Turpethum minerale, Mercurius flavus, s. praecipitatus flavus, s. emeticus flavus, s. corrosivus flavus, s. praecipitatus luteus), welcher nochmahls mit heißem destillirtem Wasser abgesüßt, getrocknet und zum Gebrauche aufgehoben wird.

Wird kochsalzhaltiges Brunnenwasser zum Absüßen genommen, so wird die gelbe Farbe wieder in Weiß umgeändert, so wie von kaltem Wasser das Präzipitat gleichfalls weiß bleibt.

Das erste Absüßungswasser enthält außer der Vitriolsäure noch einen ansehnlichen Theil Quecksilber, und es entsteht beim Abdampfen desselben ein Quecksilbervitriolsalz (Vitriolum mercurii, Hydrargyrus vitriolatus), welches an der Luft zerfließt und dann den Nahmen Oleum mercuriale enthält, wiewohl die alten unter diesem Nahmen[19] ein anderes Präparat hatten aus Aetzsublimat, Zucker und Eisenfeile verfertigt und mit starkem Feuer bearbeitet – eine Art kochsalzsaures Eisen.

Der mineralische Turbith, welcher nur wenig Säure, aber desto mehr Grundstoff der Lebensluft enthält, ist ein äußerst drastisches Merkurialpräparat, welches jetzt aus der innern Praxis verbannt ist. Es erregt außer andern lebensgefährlichen Zufällen, vorzüglich geschwind Speichelfluß, und hat noch einigen Ruhm bei der Wasserscheu innerlich zu wenigen Granen gegeben, überdem äußerlich mit andern Pulvern gemischt zu 1/8 bis zu 1/4 Gran als Schnupfpulver im schwarzen Staare.

In neuern Zeiten hat man einiges Aufheben vom phosphorsauren Quecksilber (Mercurius phosphoratus, s. phosphoreus, Hydrargyrus phosphoratus) gemacht, und behauptet, er lasse sich in einem vollkommen auflösbaren Mittelsalze darstellen. Ob es nun gleich wahr ist, daß sich etwa acht Gran rother Quecksilberkalk in einem Quentchen starker Phosphorsäure auflösen, woraus durch Abdampfen ein leichtauflösliches Salz entsteht, so ist es doch ausgemacht, daß dieses leicht an der Luft zerfließende Salz eine Menge überschüssige Säure enthält, und daß das vollkommene Quecksilberphosphorsalz mittelst eines phosphorsauren Neutralsalzes, des Sodaphosphorsal zes oder des schmelzbaren Harnsalzes, aus dem vollkommenen Quecksilbersalpetersalze (beide in Auflösung zusammen gemischt) als ein weißes, fast gänzlich im Wasser unauflösliches Pulver niedergeschlagen wird. Das Niedergeschlagene wird gehörig mit Wasser ausgesüßt. Beide wurden zu einem halben bis ganzen Grane auf die Gabe (das erstere gewöhnlich in Auflösung) in allen den Fällen angewendet, wo man sonst Quecksilberarzneien anzuwenden pflegt. Das vollständige, pulverförmige soll doch leicht nicht nur Speichelfluß, sondern auch Erbrechen erregen, das leichtauflösliche aber mit überschüssiger Säure, wie man sagt, gewöhnlich ohne Beschwerde wirken.

Die positive Wirkung des Quecksilbers und seiner selbst mildesten Präparate in dem menschlichen Körper überhaupt besteht darin, daß es die Lebenskraft in hohem Grade mindert, oft mehrere Ausleerungen, besonders Ausfluß eines stinkenden Speichels erregt, und den Puls sehr erniedrigt, über das Heilziel aber und überhaupt längere Zeit fortgebraucht den Zusammenhang der organischen Faser aufhebt und den plastischen Stoff des Bluts mindert, wodurch Zerstörung fast aller Theile des Körpers, runde, schnell um sich fressende, sehr schmerzhafte Geschwüre der innern und äußern Theile, Knochenfraß, Taubheit, Blindheit, Verlust der Nase und der Gaumendecke, Lungensucht und tödliche Abzehrungen erfolgen, oder doch langwierige Schwäche, Skirrhen, allgemeines Zittern,[20] Geschlechtsunvermögen, Melancholie, Hypochondrie, u.s.w.

Das schnelleste Gegengift des Quecksilbers und aller seiner Salze ist schwefelleberlusthaltiges Wasser (als laues Bad, als Einhauchung und getrunken), vorzüglich aber der innere Gebrauch der Schwefelleber selbst, am bequemsten der kalkartigen im Feuerwege bereiteten. Die noch übrigen Nachwehen hebt Mohnsaft, und das Dekokt von einigen scharfen Pflanzen, des Quajakholzes, des Kellerhalses, u.s.w.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 2. Abt., 2. Teil, Leipzig 1799, S. 1-21.
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