Trocknen

[333] Trocknen (Exsiccatio) ist eine äusserst wichtige Verrichtung bei der Apotheke. Das sehr langsame Trocknen der Kräuter, Wurzeln, Rinden und Blumen im kalten Schatten läßt eine Art von Verderbniß (Schwarzwerden, Schimmeln, Faulen) in dem Safte der Gewächse entstehen, wodurch ihre Arzneikraft größtentheils zu Grunde geht. Sie müssen vielmehr in sehr kurzer Zeit bei merklicher Wärme getrocknet werden, wenn sie möglichst alle ihre Kraft behalten sollen. Es schrumpfen hiebei die Blätter zusammen, und die Vegetabilien werden zertreiblich; und obgleich ihr Geruch in diesem trocknen Zustande geringer zu seyn scheint, so zeigt er sich doch sogleich wieder, sobald sie aus[333] der Luft wieder einige Feuchtigkeit angezogen haben.

Zum Trocknen im Sommer wählt man sich einen reinlichen Boden (Trockenboden), dessen eine Dachfläche Vormittags, die andere Nachmittags von der Sonne beschienen werden kann, wo folglich hinreichende Wärme vorhanden ist. An den beiden entgegengesetzten Enden bringt man eine große Fensteröfnung an, welche mit engem Dratgitter bezogen ist, wodurch zwar kein Vogel und keine Katze hereinkommen kann, dem reichlichen Luftzuge aber freier Spielraum verstattet wird. Hier werden an vier Stricken (den Zugang der Ratten und Mäuse zu verwehren) horizontal aufgehangene hölzerne Rähmen mit engmaschichtem Netzgeflechte von Bindfaden bezogen, etwa zwei Fuß breit, worauf die Kräuter locker ausgebreitet werden, dergestalt, daß wo das eine Kraut aufhört, und ein neues anfängt, immer ein vierkantiger hölzerner Stab zur Gränze zwischen beiden querüber gelegt werde, auf dem der Nahme des Krautes entweder aufgeschrieben oder aufgeklebt zu finden ist. Werden die auf diesem Netzgeflechte locker ausgebreiteten Kräuter täglich wenigstens zweimahl umgewendet, so trocknen sie weit gleicher und schneller als die in Bündeln aufgehangenen; das Trocknen in Bündeln gehört höchstens für die saftlosen Gewächse, Thymian, u.s.w.

Die Rinden und die dünnen Wurzeln werden auf eben diesen Netzrahmen getrocknet; die dickern Wurzeln aber der Länge hin gespalten, oder bei saftigen, markigen, schleimigen Wurzeln, besser, querdurch, oder schräg in Scheiben zerschnitten, und auf Bindfaden gereihet, die man über einen gleichfalls horizontal hängenden Rahmen querüber zieht, so viel möglich fest angezogen, damit die straff gespannte Schnur verstatte, die Wurzelscheiben eine von der andern etwas zu entfernen, so daß keine die andre berühre, welches bei locker herabhängenden Schnüren nicht wohl angeht.

Hat man Gelegenheit in freiem Sonnenscheine zu trocknen, an einem Platze der vor Windstürmen gesichert ist, so kömmt man geschwinder zu Ende und erreicht seine Absicht eben so vollkommen, wenn man jede Sorte Kraut oder geschnittene Wurzel, jedes auf einem besondern Tuche ausbreitet, woran der auf einem Zettel geschriebene Nahme angeheftet ist. Hier muß ununterbrochen eine zuverlässige Person zugegen seyn, von der die Vegetabilien beständig umgewendet werden, welche die nachtheiligen Thiere davon abwendet, das völlig Getrocknete von Zeit zu Zeit abnimmt und am gehörigen Orte verwahret (damit durch allzu langen Einfluß der Sonnenstrahlen die flüchtigen Theile nicht allzusehr verdünsten) und welche auch, wenn ja ein Gewitter einfallen sollte, die Tücher einzeln unter einen nahen Schuppen unter Obdach schnell tragen könne.

Eben dieses Trocknen an der Sonne ist auch sehr wohl anwendbar bei schon lufttrocknen Vegetabilien, die die Trocknung zum Pülvern erhalten sollen. Alle noch so lufttrocknen Gewächse ziehen beim Aufbewahren wieder[334] einen gewissen Theil Feuchtigkeit aus der Luft an, wodurch ihre Textur wieder zäher wird. Um sie fein zu pülvern, müssen sie diese Feuchtigkeit wieder verlieren durch eine neue Trocknung bis dahin, daß die Blätter sich zwischen den Händen gröblich zerreiben lassen bis die Stengel sich knicken lassen, und die Wurzeln beim Biegen, obgleich etwas schwierig zerbrechen. Hiezu sind die Sonnenstrahlen ein gutes Hülfsmittel; wenn dieß aber die Witterung nicht erlaubt, so muß künstliche Wärme angewendet werden. Hiezu dient jedoch nicht nach altfränkischer Weise das Dörren in oder auf einem Bäckerofen, wo die Hitze bald zu schwach, bald zu stark ist, wo sich Staub und Unreinigkeiten aller Art, leichtfertige Kinder, Katzen, Hunde, Ratten, Spinnen und andres Ungeziefer (vorzüglich ohne Gegenwart des Apothekers) vereinigen, die köstlichen Hülfsmittel zur Wiederherstellung der Gesundheit des Menschen zu verderben, zu besudeln, oder unter einander zu wirren, daß sie niemand wieder genau von einander sondern kann. Dieser Apothekerempirismus sollte gänzlich abgeschaft werden.

Vielmehr dient zu dieser Harttrocknung bei Mangel an Sonnenscheine vorzüglich die Ausbreitung der Vegetabilien auf gleichen mit Netzgeflechte bezogenen Rähmen, welche in der Wärmestube (w.s.) neben oder über einander hinlaufen, auf denen sie öfters umgewendet werden, bei einer Heitzung des Ofens, wodurch die Luftwärme dieses Zimmers nach den in der Mitte aufgehangenem Thermometer auf 120° Fahr. steigt. Hier gehören wenige Stunden dazu, seine Absicht vollkommen zu erreichen.

Zu dieser Trocknung in der Wärmstube muß man auch bei frischen Gewächsen seine Zuflucht nehmen, wenn nasse, stürmische Frühlings- oder Herbstwitterung keine Aussicht verstattet, die grünen Gewächse binnen zwei oder drei Tagen völlig lufttrocken zu machen, zum Aufbewahren geschickt. In großen Offizinen könnte zum Trocknen frischer Kräuter eine Darre ohne Rauch, mit Dratgitter, vortrefliche Dienste leisten, worüber Bastmatten oder Binsendecken gezogen sind.

Hat man nur kleine Quantitäten zu trocknen, wo es nicht der Mühe und den Aufwand lohnte, die Wärmstube zu heitzen, da bedient man sich der unter dem Artikel Oefen angegebnen Trockenanstalt im sandleeren Digestorium, oder der damit in Verbindung gesetzten eisernen Trockenplatte, der man die Hitze von 100° Fahr. giebt.

Diese Vorrichtung ist zur Trocknung der Blumenblätter und blühenden, aromatischen Krautspitzen sehr dienlich, welche bei langsamer Trocknung auf dem Hausboden, unter einfallender kalten und regnichten Witterung, sehr viel an Farbe, Geruch und Kräften zu verlieren pflegen. Im Sommer aber, bei anhaltendem Sonnenscheine, können sie sehr wohl auch auf dem beschriebnen Trockenboden im heißen, luftigen Schatten binnen einem oder zwei Tagen getrocknet werden, wenn man sie, auf Papierbogen (mit[335] kastenförmig aufgebogenen Rändern) locker ausgebreitet auf dem Netzgeflechte der Rähmen hinstellt, gewöhnlich ohne daß es nöthig wäre, sie oft um zu wenden; wie denn, z.B. die Hollunderblüthen unumgewandt weniger von ihrer natürlichen Farbe verlieren.

Wie die frischen Vegetabilien durch Ablesen des Verdorbenen, durch Abputzen der unnützen Theile und Abspühlen in Wasser gereinigt und zum Trocknen vorbereitet werden, sehe man nach unter dem Artikel: Sammeln, und in Absicht ihrer Aufbewahrung, den Artikel: Gefäße.

Mehrere Kräuter ertragen ohne Verlust aller ihrer arzneilichen Bestandtheile das Trocknen gar nicht am wenigsten die kreßartigen, worunter die aus den Gattungen Lepidium, Erysimum, Cochlearia und mehrere Arten von Sisymbrium sind; eben so unnütz ist das getrocknete Kraut von Bachbungenehrenpreiß, Herzfreudboretsch, Petersilgeppich, Glattbingel und andrer. Man bedient sich ihrer am besten nur frisch. Selbst einige Wurzeln können das Trocknen nicht vertragen, ohne kraftlos zu werden, wie die von der Pfingstrosenpäone, dem Fleckenaron, dem Schlangenaron und dem Märrettig. Diese müssen im trocknen Sande verscharret, im Keller aufbewahrt, und so jederzeit frisch zum Gebrauche herbei geholt werden. Einige Kräuter werden größtentheils nur frisch zu Präparaten oder zur Gewinnung der Produkte von ihnen, verbraucht, weil sie bei jeder Art von Trocknen allzu viel von ihren duftenden Gewürztheilen verlieren z.B. die Hirnkrautbasilie, der Erdepheugunderman, die Zitronmelisse, der Skordiengamander, u.s.w. Einige Blumen verlieren durchs Trocknen ihren ganzen Geruch, z.B. die Lindenblüthen, die Blumenblätter der Weißlilie, der Kronveilrebe, des Weißjasmins; blos frisch kann man sie zu destillirten Wassern nutzen.

In ihrer völligen Reife abgenommene Samen bedürfen keines Trocknens, blos der Aufbewahrung in verschlossenen trocknen Behältern.

Einige Pflanzen, deren arzneiliche Kraft blos auf leicht verfliegbaren, an der Luft bald vergänglichen Grundtheilen beruht, müssen gleich nach dem ersten Trocknen gepülvert, und so in verkorkten Flaschen aufbewahrt werden, z.B. der Fleckenschierling.

Geruchvolle feine Pflanzen, welche jährlich frisch zu haben sind, dürfen nicht über Ein Jahr aufgehoben werden; alle Jahre muß man von ihnen den nöthigen Vorrath frisch trocknen, die überjährigen Kräuter dieser Art aber wegschütten oder verbrennen.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 2. Abt., 2. Teil, Leipzig 1799, S. 333-336.
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