Wie weit?

[162] Wie weit?

Wir fragen uns nicht: »Sein oder nicht sein?« wie der pessimistische Hamlet. Wir sagen ja zum Leben. Wir »wagen zu sein« und gehen mit naiver Unverfrorenheit durchs Leben durch, wie durch einen blühenden Garten, entschlossen, alle Blumen zu pflücken, alle Früchte zu ernten, die wir in erreichbarer Höhe finden. Wir schämen uns gar nicht mehr unseres Körpers, der neue Adam versteckt sich vor seinem Schöpfer nicht mehr wegen seiner Blöße, er ist eher imstande, kindisch stolz zu fragen: »Bin ich nicht ein Prachtexemplar?« Wir sind uns unseres Ich sehr bewußt, wenn auch große Geister uns gelehrt haben, an die Gemeinschaft zu denken, ja uns gelegentlich sogar für sie aufzuopfern. Dennoch sind wir sehr geneigt, für unser neuentdecktes herrliches »Ich« alle Grenzen zu sprengen, die uns im Lebensgenuß behindern möchten. »Was liegt denn dran?« fragen wir, wenn ein seelisches Hindernis genommen werden muß. Weil unsere tapferen Pioniere kein »Unmöglich« anerkennen, wenn es um neue Erkenntnisse, Versuche und Wissensgebiete geht, glauben wir, für unsern kleinen Alltag denselben Maßstab anlegen zu dürfen. Wir leben in Superlativen: Wir freuen uns schrecklich, ein Nadelstich tut wahnsinnig weh, es regnet hundsgemein, der Ofen hat eine mörderische Hitze. Das Maßhalten haben wir verlernt. Alle blähen wir uns mehr oder weniger auf wie der Frosch in der Fabel, der einem Ochsen gleichen wollte, und daß wir dabei nicht wie er zerplatzen, ist nur ein Wunder[162] von Gottes Barmherzigkeit. Wir sind aber nahe daran, uns zu überschlagen. Griesgräme behaupten sogar, überzuschnappen, das ist aber, wenn es auch wahr sein kann, doch unhöflich.

Gesunde Gemüter fragen schon ein befreiendes: Wie weit? Sie suchen in großen und in kleinen Fragen wieder Grenzen aufzurichten, um den »Da-bin-ich-Trieb« etwas zur Räson zu bringen. Nicht Hemmungen, nicht Hindernisse wollen diese Philanthropen aufstauen, sie wollen nur klare Zielsetzungen.

Es ist immer zwecklos, übers Ziel hinauszuschießen, mit der Zeit wird es sogar gefährlich. Wozu das Pulver vergeuden? Unser Pulver ist unsere vitale Kraft.

Wie weit also sollen wir uns um unsern heiligen Leib kümmern? So weit, meint der Anstand, bis du ihn wie ein edles Reittier gebändigt hast und ihn nicht mehr als deinen Herrn fühlst, sondern als gehorsamen Diener deines geistigen Wollens.

Wie weit soll man Sport treiben? Diese Frage beantwortet sich einfach: Nicht weiter, als dein Herz, deine Lunge, deine Nerven es vertragen. Tagtäglich das Letzte aus sich herauszuholen, sozusagen als Training, ist höchste Unklugheit. In der Stunde der Not hast du dann keine Energiereserven mehr, du bist ausgepumpt, wenn es ernst wird. Und aus ausgepumpten Sportlern kann das Vaterland keine schlagkräftige Armee mehr herausholen. Man übersieht es auch zu oft, daß stark beanspruchte Nerven bald »durchgehen«, bald wieder uns im Stiche lassen, und will dann nicht erkennen, wo die Ursache liegt. Meistens stammt das aus der Zeit, da wir, sei es aus Übermut, sei es aus Prahlsucht, sei es aus falsch verstandenem Sportgeist das Letzte aus uns herauspreßten. Das Ziel der körperlichen Ertüchtigung darf nicht der Rekord sein, sondern Gesundheit fürs ganze Leben, Mut und Durchschlagskraft bis ins Alter des Methusalem.[163] Wer aber mit dreißig Jahren dank seiner Herzerweiterung ausrangierter Star ist, hat weder sich noch seinem Volk einen Dienst erwiesen. Suzanne Lenglen, die berühmte Tennisspielerin, selbst in jungen Jahren verstorben, gibt in ihrem Buch vom weißen Sport eine erschreckend lange Liste solcher in tiefste Nacht versunkener Sterne. Also Schach dem Rekordwahn im Sport!

Schach auch denen, die die ausgegebene Parole von der körperlichen Ertüchtigung mißbrauchen und die ihnen anvertrauten Kräfte ziellos hetzen, bis einer einen Leck fürs Leben kriegt. Diese Menschen sind Verräter an einer großen Idee.

Wie weit soll man überhaupt die Kraft pflegen?

So weit, lieber Nachbar, daß deine Muskeln nicht dein Gehirn und dein Herz aufsaugen. Die Kultur eines Volkes hängt nicht vom Bizeps seiner Boxer ab, sondern vom Gedankenflug seiner geistigen Führer. Selbst die Macht ist letzten Endes ein Ding der Geistigkeit, die sich der Kraft genial bedient.

Wie weit soll die Stärke der Frau reichen?

Neuerdings will die Frau nicht mehr zum schwachen Geschlecht gehören, sie hat darauf verzichtet, sich aus ihrer physischen Unzulänglichkeit eine Waffe der Koketterie zu schmieden, wie ihre Großmutter das noch tat. Auch sie will »ihren Mann stellen«, und kann es auch, ob der Menschheit zum Glück, kann man noch nicht sagen, aber sie tut es. Freilich fragt sie hie und da schon verstohlen: Wie weit? und kratzt sich hinterm Ohr, denn es dämmert ihr schon, daß es beglückender war, nicht über jede Schwäche erhaben zu sein. Es wäre für sie und ihren Partner doch gut, könnte sie manches ihm allein überlassen.

Oft möchte sie beichten: Jetzt kann ich wirklich nur mehr mit höchster Anstrengung weiter, und du, Adam bewältigst noch spielend[164] dein Werk! Es wäre mir recht, wolltest du dich erinnern, daß ich nicht als Herkules zur Welt gekommen bin. Willst du mir nicht helfen? Einigen dämmert es wohl, daß man Heldenmutter sein kann, ohne selbst ein Dragoner zu sein. Und damit haben wir die Grenze gezogen: Kraft darf nicht auf Kosten der mütterlichen Anmut gezüchtet werden. Ein Frauenarm soll so stark sein, daß er leicht ein Kind zu tragen vermag, nie aber so hart, daß es nicht weich darin gebettet wäre.

Wir wollen ranke, aber nicht ausgemergelte Gestalten, offene, freie Gesichter, aber keine versteinerten Züge, kurz und gut, vollendete Frauen, nicht jedoch Halbmänner, und dazu gehört sehr viel Mut, und vor allem seelische Kraft.

Nicht der gute Ton allein protestiert gegen jedes plump lärmende, betont männliche Auftreten, sondern das ganze gesunde Volksempfinden, das diese Art von Zwitterwesen ablehnt.

Wie weit soll man kameradschaftlichen Verkehr zwischen den Geschlechtern gutheißen?

So weit, daß der Mann dadurch seine Ritterlichkeit nicht verlernt und seine natürliche Rücksicht auf die weiblichen Schwächen nicht aufgibt, so weit, daß die Frau an Würde und an Wert dadurch nicht verliert. Kameradschaft darf, um schön zu bleiben, nie zur Hemmungslosigkeit herabsinken. Ein Rest von Scham muß uns vor Häßlichkeit und Gemeinem bewahren. Selten sind es übrigens die Männer, die die Grenzen überschreiten, viel häufiger bringen die Frauen den Partner in Verlegenheit.

Wie weit darf man flirten?

Hm hm – das ist eine heikle Frage. Der spanische Student, der seinen Mantel vor die Türe wirft, damit die Angebetete darüberschreitet, wenn sie die Schwelle des Hauses betritt, der flirtet augenscheinlich. Das halbnackte Mädchen, das am[165] Meeresstrand im Schwimmkostüm mit seinem Partner engumschlungen einen schmachtenden Tango tanzt, flirtet auch. Der Student zwingt uns eine gewisse scheue Bewunderung ab, das Mädchen aber bestenfalls ein nachsichtiges Achselzucken. Es gibt eben Flirt und Flirt. Wer die Liebe ernst nimmt, ist nie ein großer Freund des Flirts, denn der gibt zu wenig und nimmt zuviel. Wer zu lieben versteht, zahlt beim Flirt immer drauf, er gibt Gold gegen Blech. Wer es versteht, sich zu amüsieren, dem muß sein Gefühl für den eigenen Wert die Grenze angeben, und er muß sich bewußt bleiben, daß man ihn nicht höher einschätzt, als er selbst es tut. Wer sich hinwirft, macht keinen Anspruch auf die Wertschätzung der andern.

Wie weit darf die Frau dem Manne entgegenkommen und ihm zeigen, daß sie ihn liebt?

Achtung! Immer sich bewußt bleiben, daß wirkliche Männer lieber selber erobern und sich nicht ködern lassen. Zumindest darf der Mann die gute Absicht nicht merken, sonst wird er verstimmt. Heiterkeit, Liebenswürdigkeit – kein Neckischtun und keine lauten Temperamentsausbrüche! – sind immer gestattet, kleine Aufmerksamkeiten, die aber unpersönlich wirken müssen, all das kann gut mit natürlicher Zurückhaltung gehen. Zuhören muß man können. Die netteste, gescheiteste Frau ist beim Manne immer die, bei der er seiner eigenen Gescheitheit sich erst bewußt wird. Natürlich gibt es Fälle, da die Frau das Recht hat, dem Manne den ganzen Weg entgegenzugehen. Wenn die Ehe ihr Opfer auferlegen würde, die er nicht verlangen darf, wenn ihre Stellung so viel besser ist, daß er als Mann den ersten Schritt nicht wagen kann, und schließlich, wenn er so schüchtern ist, daß er an ihre Liebe zu glauben nicht wagt, dann darf die Frau, was ihr sonst verübelt werden könnte,[166] dem Manne zu Hilfe kommen. Solche Schwerenöter sind aber in unseren Landen sicher in der Minderzahl. Im großen ganzen sollten Mädchen und Frauen sich immer daran erinnern, daß Türen, die stets offen stehen, nicht zum Eintritt verlocken, daß man im Gegenteil nur vor verschlossenen Toren träumt.

Wie weit dürfen sich Eheleute alles offen sagen?

Zwischen starken und überlegenen Menschen ist volle Offenheit das beste Fundament der Ehe. Weil es aber nicht lauter Herkulesse gibt, muß man sich sehr überlegen, ob die seelische Erschütterung, die manche Wahrheit mit sich bringt, mit ihrer tatsächlichen Wichtigkeit im richtigen Verhältnis steht. Man darf seinen Partner nicht aus reinem Bekennerfanatismus irre machen oder in Verzweiflung stürzen. Niemals darf man einen Dritten preisgeben. Diskretion ist mit sehr wenigen Ausnahmen Verpflichtung. Auch gegenseitig schulden sich die Gatten Diskretion. Keiner von beiden hat von vornherein das Recht, die Briefe des andern zu öffnen und zu durchstöbern. Vertrauen sich die Eheleute, so werden sie sich alles Wichtige ohnehin zur richtigen Zeit zu sagen wissen, doch darf die Offenheitspflicht nicht zur Sklaverei ausarten.

Wie weit dürfen sich Eltern in die Angelegenheiten ihrer erwachsenen Kinder einmengen?

Das ist eine heikle Sache. Heute ist man vielfach der Ansicht, die Eltern haben die Kinder nur in die Welt zu setzen und zu füttern. Diese Philosophie diskreditiert den Elternberuf ein wenig.

Eltern haben, solange sie für das Fortkommen der Kinder verantwortlich sind, das Recht, zu wissen, welche Wege sie gehen, was ihr Tun und Treiben ist, und haben da auch mitzureden. Solche Fürsorge wird nicht in Kleinigkeiten sich erschöpfen,[167] in Rechthaberei oder in peinlicher Spionage. Auch eines Kindes Stolz verdient Achtung und darf nicht, besonders nicht vor Kameraden, gedemütigt werden. Das liebe »Ich« läßt man am besten ganz aus dem Spiel. »Ich verbiete dir« – das weckt auch den Trotz des Halberwachsenen. Und ganz abscheulich ist das Schnüffeln. Lieber geradezu fragen als Schleichwege. Auch das Kind hat ein Recht auf vornehmes Entgegenkommen. Man kann das auch mit der nötigen Strenge verbinden, darf aber Würde und Haltung nie verlieren.

Wie weit hat die Rücksicht der Kinder gegen die Eltern zu gehen?

Soweit als irgend möglich. Wer seinen natürlichen Führern Achtung und Rücksicht gezeigt hat, hat es nie bereut. Tyranneneltern gibt es in unserer Zeit kaum mehr, und sie waren wohl nie so häufig, als eine gewisse Literatur uns glauben machen will. Gute Eltern sind nach all den Opfern, die sie bringen, jeder Ehre und Rücksicht wert. Diese Rücksicht wird die Entfaltung und das Weiterkommen des Kindes nicht beeinträchtigen dürfen, doch kann man Opferwilligkeit des Kindes bis zu dieser Grenze unbedingt fordern. Vielleicht ist unsere Generation zu sehr bereit, das Zurücktreten der Eltern hinter dem Kind als das Richtige anzusehen, ohne zu bedenken, daß es auch in der Familie nur Treue um Treue und Liebe um Liebe gibt. Das Mädchen, das es übers Herz bringt, die kranke Mutter daheim allein liegen zu lassen, nur damit es die Skitour nicht versäumt, wird weder eine treue Kameradin noch eine liebende Gattin, noch weniger eine aufopfernde Mutter werden. Auch der Sohn, der nicht auf ein Vergnügen verzichten will, selbst wenn er damit dem Vater einen Dienst erwiese, wird sich in der Gemeinschaft nicht bewähren.[168]

Wie weit darf man sich in der Öffentlichkeit amüsieren?

Vom ganzen Herzen, aber immer als Mensch und nicht als – na, sagen wir, einer, der die Grenzen des guten Geschmacks vergißt. Der Anblick einer johlenden, täppischen Gesellschaft, die zu tief ins Glas geguckt hat, ist für einen nüchternen Menschen immer abstoßend. Freude und echte Fröhlichkeit verschwinden in dem Augenblick, in dem die Menschen die Herrschaft über sich selbst verlieren. Nichts ist so peinlich als der Anblick eines gebildeten Menschen mit gläsernen Augen, lallendem Mund und stierem Gesichtsausdruck. Das ist sicher nicht mehr amüsant. Man darf nur so lange trinken, bis man spürt, daß in der Gesellschaft das Eis auftaut, ohne daß noch alle Hemmungen beseitigt wären. Ein altes Sprichwort sagt: Wo das Gemeine ist, ist kein Pläsier. Man könnte ebensogut sagen: Wo die Scham aufhört, ist kein Pläsier.

Wie weit dekolletiert sich eine anständige Frau?

Eben so weit, als eine anständige Frau es sich erlauben darf. Weniger ist für die Schönheit meistens mehr, und da auch die Sehnsucht meistens mehr ist als die Erfüllung, so ist die Diskretion wirkungsvoller als üppige Offenheit.

Wie weit soll eine Frau ihrer Schönheit nachhelfen?

So weit, als sie sich damit nicht verrät. Daß eine Eva sich pudert, ihre Wimpern etwas nachdunkelt und den blassen Mund belebt, ist heutzutage kein Zeichen moralischer Verkommenheit. Geschieht es diskret, so ist es gewiß kein Verstoß gegen den guten Ton. Es wäre nicht einzusehen, warum man unansehnliche Brauen, die den Ausdruck des Auges beeinträchtigen, nicht nachdunkeln sollte, warum eine fette Haut nicht durch etwas Puder trockengelegt werden dürfte. Man sieht doch viel gepflegter aus. Dazu genügt so wenig! Nur muß man solche Mittel[169] sparsam anwenden, damit der andere das Gefühl hat: Sie sieht besser aus – aber woran liegt das wohl?

Man soll diese Korrekturen nicht in voller Öffentlichkeit vornehmen. Mädchen, die sich in der Schule ihre Brauen auszupfen, Frauen, die die Puderquaste in den Kaffee ihres Nachbarn ausstauben oder in der Trambahn den Lippenstift spazieren führen, dürfen keinen Anspruch auf gute Manieren erheben.

Wie weit fehlt es unserer Kultur überhaupt an Anstand?

Mit unserer Kultur ist es eine merkwürdige Sache. Ist sie zu jung, so hat sie dieselben Fehler, wie wenn sie zu alt ist: Zu jung und zu alt ist sie mehr Zivilisation als Kultur, denn diese bedingt geistig-seelische Werte, sie hat nicht nur materialistische Erkenntnisse und Fortschritte, nicht nur Hygiene und Ästhetik, sondern Ethik – inneren Anstand. Bei hoher Kulturstufe wurde dieser Maßstab der Ethik auch an die Ästhetik angelegt. Der Anblick des Kunstwerkes durfte selbst in der Tragik nicht abstoßend, gemein oder niedrig wirken. Man schützt das Ideelle im Werk, das Erhabene. Kunst war auch Dienerin großer Ideen, nicht nur Augenweide.

Langsam kehren jetzt diese Auffassungen wieder zurück, doch müssen sie die große Masse erst ergreifen. Vorläufig ist man noch allgemein geneigt, zu glauben, es sei für die Kultur genug geschehen, wenn man eine Zahnbürste benützt und sich im Badezimmer eine Kalt- und Warmwasserleitung einbauen läßt. Sport und Hygiene sind den meisten das Um und Auf der Kultur. »Lebe gefährlich«, sagt zwar Nietzsche, aber er meint damit sicherlich nicht: Leben von Sensationen und Nervenkitzel. Man hat zu Unrecht dieses kühne Wort seiner Geistigkeit entblößt. Nietzsche wollte die Menge nicht an die Schaustellung[170] der Roheit, am allerwenigsten bezahlter Roheit, gewöhnen, und wollte auch nicht, daß man ausgerechnet das Rom der Dekadenz nachahmen sollte. Wenn unsere modernen Gladiatoren nicht den Kampf bis zum Tod des Gegners fortsetzen, so geschieht das vielleicht nur dank einem Rest großväterlicher Bedenklichkeit. Denn niemand zuckt mit der Wimper, wenn einer der Kämpfer mit zertrümmertem Kinnbacken, eingedrücktem Brustkorb und verbogenen Gliedern aus der Arena getragen wird. Wir sind schon so weit, daß wir ein Rennen, bei dem nichts passiert, uninteressant finden, weil wir im Grunde unseres Herzens fieberhaft auf den Schauder und das Mysterium der Katastrophe gewartet haben.

Auch sonst haben wir das Maß verloren. Sehen wir um uns, was die Reklame leistet. Wie sie mit ihren Plakaten um jeden Preis den Konkurrenten zu überschreien trachtet, in der Größe, in der Farbe, in der Darstellung. Sie verfolgt uns auf der Erde, im Himmel, in der Stadt, in der Landschaft. Der Mensch selbst wird von ihr erdrückt und wird, um sich zur Geltung zu bringen, am Ende selbst Plakat. Um gesehen und gehört zu werden, muß man übertreiben und die Überschwenglichkeit pflegen. Das ist auch der Grund, warum uns im Lebenskampf so oft die Ritterlichkeit fehlt. Zwar lehnt man die Devise: Der Zweck heiligt das Mittel, entrüstet ab, jedoch man handelt danach. Man schiebt beiseite, was im Wege steht, man will hinauf und steigt über die Rücken der anderen, man ignoriert ihre Leistung oder bestreitet sie. Man legt die Absicht des andern bewußt falsch aus, man mißdeutet seine Taten, und tut man es selbst nicht, so duldet man es wissend bei anderen. Wir wagen nicht, der Illoyalität entgegenzutreten und zu sagen: Bis hieher und nicht weiter. Wir empfinden den inneren Widerstand[171] nicht mehr, der den wahren Kulturmenschen hindert, solche Wege mitzugehen. Die einfache Selbstachtung, unser Stolz müßte uns verbieten, da noch mitzutun oder zuzusehen, aber – wir wissen nur zu oft nicht mehr, »was sich gehört«, was nach Form und Inhalt unwürdig und unwahr ist. Unsere Großeltern wußten noch, was sich gehört, und wenn unsere Zivilisation sich wieder daran erinnern wird, und sich zum »guten Ton« bekehren wird, der nicht Etikette, sondern Anstandsgefühl und innere Haltung ist, dann ist sie erst wieder auf dem Wege zur Kultur.[172]

Quelle:
Haluschka, Helene: Noch guter Ton? Graz 1938, S. 162-173.
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