3. Der Tanz

III. Der Tanz.

[43] Tanzen, gut tanzen muß ein junger Mann können, um die Gunst der Damen zu erlangen. Der Tanz an sich ist eigentlich[43] nichts, als ein ziemlich roher Ausdruck der Fröhlichkeit. – Die Mode und das Vergnügen, das der Tanzende darin finden, hat ihn aber dennoch nicht nur aufrecht erhalten, sondern, durch zierliche, den Anstand nicht beleidigende Figuren, immer mehr in der Gunst der feinen Welt gehoben und ihn so zu einem Hauptvergnügen derselben sanctionirt.

Man wird meine Meinung, daß der Tanz immer ein rohes Vergnügen sey, vielleicht sonderbar finden, sie ist aber dennoch wahr; ein fremder vernünftiger Mann, der noch nie den Tanzsaal betreten hätte, dem also das unbefangenste Urtheil zuzutrauen wäre, würde sogar sicher, wenn er zum erstenmale einen Wiener Walzer mit ansähe, den Verstand der Tanzenden in starken Zweifel ziehen.

Wie sehr das jetzt allgemein beliebte zu schnelle Tanzen der Gesundheit schadet,[44] haben verständige Aerzte (leider, ohne gehört zu werden!) vielfach und nachdrücklich bewiesen, ich will es daher bei dieser kleinen Erinnerung bewenden lassen. Auch den größten Nachtheil, der aus dem zu hastigen Trinken gleich nach dem Tanze entsteht, will ich hier nur kurz berühren, und nur die Bemerkung hinzufügen, daß sowohl warme als kalte Getränke bei Erhitzung äußerst ungesund sind – das am wenigsten schädliche ist ein Glas Mandelmilch, langsam getrunken, nicht aber hinuntergestürzt.

In Bezug auf die Damenwelt sey man besonders artig gegen dieselbe, man suche so viel als möglich zu ihrer Unterhaltung beizutragen. Der Anstand verbietet, sogleich mit der Dame, die man auf den Ball führte, oder mit welcher man genauer bekannt ist, zu tanzen, sondern man tanze erst einige Tänze mit andern Damen; der[45] Artige bittet nicht nur die als vorzügliche Tänzerinnen bekannten Frauenzimmer um einen Tanz, er tanzt auch mit denen, welche nicht so zierlich tanzen, und giebt den Damen, welche durch Zufall oder sonstige Ursachen sitzen bleiben, durch die Aufforderung zum Tanze einen überwiegenden Beweis seiner Achtung, welcher dann auch immer freundlich anerkannt wird, und dem Artigen zuweilen sehr zu gut kommt.

Mehrere Male nach einander mit derselben Dame zu tanzen ist gegen den Anstand; eben so das Darbieten von Bonbons und andern Süßigkeiten.

Kennt man ein anwesendes Frauenzimmer auch genau, ist es uns sogar erlaubt, ihr den süßen Namen: Freundin geben zu dürfen, so geziemt es sich auf dem Balle dennoch nicht, durch irgend ein Zeichen, oder auch nur ein Wort auf ein vertrautes, inniges Verhältniß hinzudeuten; dieß[46] würde die Dame in Verlegenheit bringen, vielleicht gar die Augen Anderer auf uns ziehn und zu Plaudereien und Klatschereien Veranlassung geben. Die böse Welt sieht nie den Balken in ihrem Auge, während sie den Splitter in dem ihres Nebenmenschen unbarmherzig ans Licht zieht, und sogar da, wo nur ein kleiner Schein zu bemerken ist, diesen nach Gutachten deutelt, vergrößert und verschlimmert, so daß endlich, während sich der (nicht mit den Händen, sondern mit giftiger Zunge) Beklatsche nichts weniger als dieß träumen läßt, die ehrenrührigsten Urtheile über ihn und andere sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt, das ganze Krähwinkel, verbreiten; die Frauenzimmer haben eine bewundernswürdige Virtuosität im, im – Plaudern.

Eine sonderbare, für den Fremden oder mit den Damen wenig Bekannten sehr unangenehme Gewohnheit ist das Engagiren[47] für drei, vier oder noch mehr Tänze. Wer einige Minuten nach dem Anfange den Ball besucht, sieht sich bisweilen, nachdem er eine Menge Körbe seufzend eingesteckt hat, in die ärgerliche Nothwendigkeit versetzt, entweder gar nicht zu tanzen, oder sich durch ihm unangenehme Tänzerinnen den Abend verderben zu lassen.

Dieß ließ sich noch allenfalls entschuldigen, denn wer tanzen will, mag auch zur rechten Zeit kommen, und sich um Tänzerinnen bemühen – die großen Unordnungen aber, die bei dergleichen weitreichenden Engagements entstehen, sey es nun aus Vergeßlichkeit oder liebenswürdigem (sehr oft vorkommenden) Trotze, oder vorsetzlicher Zerstreutheit, – diese Unordnungen und die Mißhelligkeiten, die daraus folgen, sind gar nicht geeignet, Vergnügen oder Lust am Tanzen, was doch der Zweck des Balls ist, zu gewähren und zu[48] erwecken. Freilich hat das Engagiren auch viel angenehmes, dieß beruht aber nur auf Egoismus, der doch sonst von der feinen Welt dem Anstande aufgeopfert wird; man versetze sich nur in die Stelle eines Auswärtigen, der den Ball besucht, und einen vergnügten Abend, so wie artige Tänzerinnen zu finden hofft, leider aber bald fühlt, daß er ersteren aufgeben muß, indem letztere sämmtlich versagt sind.

Zu meinem nicht geringen Aerger weiß ich leider wohl, daß dieser mein Wunsch, das leidige sechs Tänze voraus Engagiren abzuschaffen, eben nur ein Wunsch bleiben wird, indem sich unsre jungen Elegants nie entschließen werden, ihn zu realisiren – und schlage daher den Damen vor (denn die Herren werden aus Artigkeit schon ein starkes Gedächtniß haben), sich, wie es in Paris geschieht und auch in Deutschland hie und da löbliche Sitte geworden ist, kleiner Täfelchen[49] zu bedienen, auf welche die Namen ihrer Tänzer verzeichnet werden; der leere Platz, der auf diesen Täfelchen etwa bleibt, könnte dann zu witzigen, denk- und merkwürdigen, oder dem Herzen theuren Bemerkungen und Memoiren verwandt werden, welche nachher angenehme Rückerinnerungen erwecken. An den jungen Männern ist es, diese Sitte allgemeiner zu machen, und den Damen dergleichen, möglichst elegante, Täfelchen anzubieten – ein freundlicher Dank wird ihr Lohn seyn.

Man hüte sich ja, einen Tanz anzutreten, dessen Touren nicht völlig in unsrer Gewalt sind; weniger aber gut tanzen ist viel besser, als alle Tänze schlecht, plump, ohne Grazie durchtrottiren – große Verlegenheiten entstehen daraus, wenn auch nur einer der Tanzenden der Touren nicht mächtig ist, alles kommt dadurch in Verwirrung und sieht und zürnt auf den Unachtsamen[50] oder Unbeholfnen, oder schlechten Tänzer.

Besonders nehme man sich bei dem Russischen oder sogenannten Hopswalzer sehr in Acht und tanze ihn ja nicht, wenn man die Pas nicht versteht, man spielt sonst eine sehr traurige Figur, und ich kenne nichts, was komischer ins Auge fällt, als die vergeblichen Bemühungen und Sprünge eines jungen Mannes, der den russischen Walzer nicht tanzen kann, und durch dieselben den richtigen Tact zu gewinnen strebt.

Beim Cotillon wähle man nicht immer dieselbe Dame zum Tanzen, man macht sich einer zu großen Vorliebe für diese verdächtig, scheint die Uebrigen geflissentlich zu vernachlässigen, und giebt Veranlassung zu den früher berührten Klätschereien.

Contre, Ecossaise, Anglaise, Française, Tempête, nehmen sich sehr schön aus, wenn gute Tänzer sie durchführen,[51] sind aber sehr schwierig, wenn sie mit Grazie und Leichtigkeit getanzt werden sollen, auch erhitzen sie außerordentlich, und sind auf dem Ball-Repertoir an den meisten Orten entweder ganz gestrichen, oder werden doch nur selten getanzt; Menuet, dieser wirklich sehr schöne und äußerst grazieuse Tanz, so wie die Polonoise, welche ebenfalls zu den zierlichsten Bewegungen und Stellungen, wenn sie gut vorgetanzt wird, Gelegenheit giebt, sind leider beide fast ganz außer Gebrauch gekommen.

Ein großer Unterschied ist zwischen den öffentlichen und Privat-Bällen zu machen; bei ersteren wird ein ungezwungenes, ungenirtes (aber den Anstand dennoch beobachtendes) Betragen, Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit am rechten Orte seyn, während bei Privatbällen schon mehr Aufmerksamkeit auf sich selbst, ein gesetzteres Benehmen, feinere Artigkeit gefordert wird.[52]

Bei einem öffentlichen Balle bekümmert sich Niemand darum, ob der den Ball Besuchende wenig oder viel tanzt, wenig oder etwas mehr trinkt, ob er früh oder spät weg geht. Dieß ist bei Privatbällen ganz an ders, auf alles dieses wird genau gesehen, und ein Mißgriff oft hart gerügt. Hier muß sich theils Achtung gegen die Gesellschaft, theils Dankbarkeit für den fröhlichen Abend, den uns der Einladende bereitete, theils die bescheidenste Sitte – in jedem unsrer Worte, in jeder Bewegung aussprechen.

Weit entfernt bin ich, unter einem bescheidenen Betragen Kriecherei zu verstehen, diese ist des Mannes unwürdig und macht ihn verächtlich, aber Geschmeidigkeit, ruhige Fröhlichkeit und freundschaftliches Zuvorkommen sey auch bei dieser Gelegenheit seine Hauptregel; es wäre sehr übel angebracht, bei einer solchen Festivität, wie[53] überhaupt in Gesellschaften, ernst und streng auf jedes uns etwa beleidigende oder so scheinende, Wort zu achten, und sogleich Rechenschaft zu fordern – brutal würde es seyn, die Gelegenheit zu Mißhelligkeiten zu suchen, weil uns etwa böse Laune plagt; auch ein sauertöpfiges, kopfhängerisches Wesen würde uns bei Privatbällen und Gesellschaften die Herzen nicht gewinnen, man würde dem Träumer, dem Mißvergnügten, der so das Vergnügen Anderer stört, aus dem Wege gehen, wogegen der Fröhliche, Unbefangene überall gesucht und vorgezogen wird – die meisten Menschen, und fast alle Frauenzimmer, haben von der Natur den Trieb zur Fröhlichkeit, ihr gutes Herz, wenn es noch nicht durch Erziehung oder Unglück oder selbstverschuldeten Trübsinn, gegen die Freude verhärtet ist, sucht gleichgestimmte Gemüther, und eine offne Fröhlichkeit, die aber[54] bei Privatgesellschaften ja nicht in Ausgelassenheit übergehen darf, ist ihnen weit lieber und anziehender, als Mißmuth, oder scharfe, nichts schonende, Spöttelei.

Bei dieser Gelegenheit kann ich das Betragen vieler jungen Leute nicht übergehen, welche in immerwährenden, beißenden wohl auch boshaften, Witzspielen andere zur Zielscheibe ihres Spottpfeile machen. Diese haben fast immer ein böses Herz, kein Gefühl für Geselligkeit und Freundschaft, meinen wohl gar große Geister, geborne Genies zu seyn, und sind doch nichts, als kalte, gleichgültige Geschöpfe, die die Armuth ihres Herzens mit schleichender Bosheit, die keines guten Namens schont, und mit, (wie sie in ihrer thörigten Eitelkeit meinen), schlagenden geistvollen Witzworten zu verdecken suchen. Hüte sich doch ein jeder junge Mann vor dergleichen unglücklichen, bedaurenswürdigen Leuten, die[55] wenig Freunde oder vielmehr keinen einzigen wahren Freund haben, und entweder den, der sich ihnen mit warmer Herzlichkeit nahet, durch kalten Spott zurückstoßen, oder ihm nur deßhalb ihre Freundschaft, d.h. ihre äußere Hinneigung, schenken, um ihn entweder zu ihren Zwecken, die nicht immer die Besten sind, zu gebrauchen, oder was gewöhnlich der Fall ist, um immer Jemanden zu haben, an dem sie sich reiben, und ihren Witz anbringen können.


Quelle:
Hoffmann, Karl August Heinrich: Unentbehrliches Galanterie-Büchlein für angehende Elegants. Mannheim 2[1827], S. 43-56.
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