Geschenke geben.

[100] »Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft« – pflegt man zu sagen. Das ist nun wohl nicht wörtlich zu nehmen, sondern man will damit ausdrücken, daß die freundschaftliche Gesinnung sich nicht nur in Worten, sondern durch Handlungen bethätigen soll. Das kann ich aber ebenso gut, indem ich u. A. dem Freunde eine Stunde meiner Zeit opfere, die mir vielleicht sehr werthvoll ist, oder einen unangenehmen Gang für ihn übernehme, einen Brief für ihn schreibe, ihm bei irgend einer Arbeit Beistand leiste oder solche für ihn ausführe.

Alles dieses und noch weit mehr ist unter den Geschenken verstanden, die die Freundschaft erhalten und Jeder wird mir zustimmen, wenn ich behaupte, daß solche[100] Gaben unter Umständen viel werthvoller für uns sein können als irgend ein geschenkter Gegenstand, sei er noch so kostbar.

Auf diese Weise ist es auch den weniger Bemittelten so leicht gemacht, Gaben der Liebe auszutheilen, Gefälligkeiten zu erweisen wo und wie die Gelegenheit sich bietet. Gaben, die ohne mit klingender Münze erworben, doch oft so hoch geschätzt werden. Ja, ich möchte sagen, daß das alte Wort: »Geben ist seliger, denn nehmen« – ganz besonders auf diese Beweise der Freundschaft der Nächstenliebe Anwendung findet.

Was nun die thatsächlichen Geschenke anbetrifft, so liegt ihr Hauptwerth in der freundlichen Absicht des Schenkenden, den Andern zu erfreuen. Daher suchen wir zu erforschen, was ihm wirklich Freude bereiten kann und wählen wir nicht nur nach unserm eignen Bedürfniß und Geschmack, sondern nach dem seinen.

Ich kenne einen Herrn, der, weil er selbst gern Gänseleberpasteten ißt, auch Andere damit erfreuen will, die seinen Geschmack durchaus nicht theilen. Eine Dame liebt die Hyacinthen leidenschaftlich und vergißt immer wieder, daß ihre Freundin, der sie ein Geburtstagsgeschenk mit solcher Blume macht, Kopfschmerzen von dem Duft bekommt. – Oder ich schenke Jemanden eine Blumenvase, der schon lange sich nach Ersatz seiner zerbrochenen Caffeekanne gesehnt hat, die ihm selbst schwer zu beschaffen war, oder ich schenke einer jungen Mutter ein Kinderhäubchen, ohne zu beachten, daß ihr Kind uns schon lange die blonden Locken präsentirt. Also man suche das Richtige zu finden, um wirklich Freude zu machen.

Damit ist nun nicht gesagt, daß man jeden auch unbescheidenen Wunsch des Andern zu erfüllen hat.

Man wähle aber auch die richtige Zeit und säume nicht zu der bestimmten Stunde das Geschenk in die Hände des Empfängers gelangen zu lassen. Jede Verzögerung, die durch unsere Schuld, bei Ueberreichung eines Geschenkes, eintritt, legt Zeugniß ab von der Lauheit des Schenkenden. Ja, manche Gaben werden, wenn sie zu spät eintreffen, oftmals Aerger anstatt Freude[101] erregen, oder indem wir ihrer nicht mehr bedürfen, ihren Zweck gänzlich verfehlen.

Freundlich sei auch die Form, in der wir schenken; ein paar begleitende Worte, ein Ausschmücken des Weihnachts- oder Geburtstagstisches ist so leicht zu ermöglichen und wirst einen hellen Liebesschein auch auf die einfachsten Gaben. Ich muß immer wieder sagen, es kommt nicht darauf an was wir schenken, sondern wie wir schenken.

Darum rechne man nicht und denke Dieser und Jener hat mir für so und so viel geschenkt, das muß ich nun auch, ja, ich will lieber noch eine Mark mehr anwenden, damit er nur keine Ausstellung macht. Und so steigert man sich gegenseitig und die Freude des Schenkens geht verloren.

Es giebt ja Fälle, bei denen wir Leuten viele Verbindlichkeiten oder wirkliche Dienste schuldend, uns nun bei einem eintretenden Familienfest revanchiren müssen, dagegen will ich nichts sagen. Man beobachte dabei nur, daß es am passendsten ist, reichen oder vornehmen Leuten einen Gegenstand zu verehren, der Kunstwerth hat oder selten zu finden ist, während weniger Bemittelten ein nützliches, praktisches Geschenk, wie ein Lehnstuhl, Schreibtisch, oder eine hübsche Standuhr gewiß willkommener ist als etwa ein Silberstück, welches zu ihrer übrigen Einrichtung nicht paßt.

Eine liebenswürdige Form ist ganz besonders zu beobachten, wenn man Jemanden ein Geldgeschenk macht.

Es ist dabei keine Rede von einem Bettler, dem man ein Geldstück reicht, oder der armen Familie, die man unterstützt. Das alles sind Almosen, die hier nur in so fern in Betracht kommen, als auch bei ihnen ein praktischer Sinn mit einem mitleidigen Herzen Hand in Hand gehen muß, daß man hier ebenfalls suchen soll, durch das Almosen wirklich zu erfreuen, d.h. zu nützen und nicht zu schaden.

Das Schenken zu Geburtstagen, zu Confirmationen u.s.w. wird immer mehr Sitte und damit legt man sich oft gegenseitig eine lästige Steuer auf, bei der wiederum die Freude der freien Gabe fortfällt. Ich[102] schlage vor, dieses so viel als möglich einzuschränken und lieber, wünscht man Jemanden durch ein Geschenk zu erfreuen, nicht gerade den Geburtstag dazu auszuersehen. Dadurch legt man dem Andern die Verpflichtung auf, auch unserer in gleicher Weise an diesem Tage zu gedenken und besinnt sich oft vergebens, etwas Passendes zu finden, während doch leicht, außer der Zeit, sich hie und da Gelegenheit bietet.

Noch eins: Zu kostbare Geschenke, die der Andere nicht erwidern kann, vielleicht sogar mit Aufsehen überreicht, verletzen leicht das Zartgefühl. Hat man diese zu übergeben, sei es in der Stille und ohne daß man darüber gegen Dritte spricht.

Quelle:
Kistner, A.: Schicklichkeitsregeln für das bürgerliche Leben. Guben 1886, S. 100-103.
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