Der Handschuh

[40] Vor wenigen Jahren galt es als Zeichen von Wohlanständigkeit, daß »bessere« Herren auf der Straße Handschuhe trugen. Es ist heute keineswegs unelegant, ohne Handschuhe im öffentlichen Leben zu erscheinen, wenn auch solide Herren nie auf dieses einfache Mittel verzichten werden, ihre »Gediegenheit« zu dokumentieren. Bestimmt kann man aber etwas gegen die Herren sagen, die ständig ihre Handschuhe in der Hand tragen. Vielfach zwei Nummern kleiner, lediglich als Schaustück. Und zum Ballstaat? Schön, lassen wir das als Ausnahme durchgehen! In den Pariser Theatern richten ja viele weißgantierte Männerhände die Operngläser auf die Beine der Choristinnen.

Man wird vieles einwerfen. Daß man, wenn man ohne Spazierstock geht, wenigstens etwas in der Hand hat. Daß die gelben, waschledernen Handschuhe prachtvolle Farbenkontraste zu blauen, braunen, grünen Sakkostoffen sind. Daß überhaupt kein Grund vorläge, sie nicht zu nehmen, wenn man sie einmal hat; man könnte sie ja auch gebrauchen. Für den Gentleman kommen nur wildlederne graue oder braune, im Sommer gelbe Handschuhe in Betracht, für den Gent zum Anzug, Stiefeleinsätzen oder Schlipsen passende verschiedenfarbige Glacés, für den Dandy weiße, hellgraue, cremefarbige mit tiefschwarzen Raupen. Die dänischen (schwedischen) Handschuhe, bei denen statt der Haarseite die Fleischseite nach außen liegt, sind gebräuchlicher für Damen als für Herren. Schwarze Handschuhe, die von Herren als Zeichen der Trauer getragen werden, passen nur zu etwas extravaganten, aparten blonden Frauen. (Yvette Guilbert brachte sie in Mode.) Weiße Handschuhe sollten von Herren nur zum Abenddreß, von den Frauen ausschließlich getragen werden.


Der Handschuh

Einer provençalischen Sage zufolge soll der Ritter Jwein den Handschuh in Mode gebracht haben, indem er ihn als Zeichen der Herausforderung dem Gegner vor die Füße warf. Das Aufheben des Handschuhs galt als Annahme der Forderung. Im Ritterwesen[41] spielte der Handschuh bis ins 16. Jahrhundert eine bedeutende Rolle als Symbol der Investitur, der Belehnung, der Standeserhöhung. –

Soweit Brockhaus' Konversationslexikon. Gewiß, das dürfte viele Leute interessieren. Auch, daß die Cavalieri Handschuhe aus Hermelinpelz trägt und daß in Paris wieder Handschuhe mit Stickereien in Mode kommen. – ... In der Theaterpause sah ich sie zum ersten Male. Sie lagen auf dem roten Polsterrand zwischen der Nebenloge, einem Opernglase und einem kleinen Fächer. Der Zipfel einer blauen Bonbontüte bedeckte sie und die langen Stiele dreier Rosen. Zwei wunderschöne, lange Handschuhe, aus weißem sämischen Leder. Ein eigener Duft ging von ihnen aus – eine Mischung von dem Geruch des gegerbten Felles, einem leisen Parfüm, dem Handschuhpuder. Leicht zusammengefaltet lagen sie auf der Logenbrüstung und redeten ihre eigene Sprache. Die stark zerknitterten Falten an den inneren Ellenbogen, die glatte Fläche des Armes, die versteckten Finger – alles verriet die vertraute Berührung mit einem weißen, schlanken Frauenarm mit rosigen Grübchen. Sie waren nicht neu – die Handschuh' – oh nein – neue Handschuhe haben keine Physiognomie.

Als ich sie zum zweitenmal sah, griffen zitternde Händchen nach den Knöpfen, nestelten in nervöser Hast die blaßpolierten Finger vergeblich am Handgelenk – sie blieben offen dort, und statt des kleinen, runden Kreises schimmerten die blauen Pulsadern neben dem weißen Leder. Auf den Fingern der Handschuhe traten runde und eckige Erscheinungen zutage – die Abdrücke der Ringe. Aber sie blieben fest und umkleideten wie zum Schutze die zarten Arme. Die Hände mußten sie ja freigeben, nachdem die Nervosität einen Teefleck auf die Hand gemacht hatte, die die durchsichtige japanische Tasse nicht ruhig halten konnte. Die Hände waren frei – blasse, feingegliederte Finger mit viel zu schweren kostbaren Ringen, und unter dem. Handgelenk bauschte sich, hineingesteckt in großen Falten, das Leder. Und dieser Wulst, die Ringe und der bekleidet gebliebene Arm, ließen die kleinen Hände noch kinderhafter erscheinen noch zierlicher, noch graziöser. –

Zum dritten Male sah ich sie dann ganz in Form, ganz offizielle gesellschaftliche Dienste tuend. Ich sah im Spiegel des Vestibüls wie die eine, schon tadellos gantierte Hand den anderen Handschuh straffte, ganz oben zur Schulter hin – fest schmiegte sich das Leder[42] an den Oberarm, ein schmales Gummiband umklammerte ihn. Den ganzen Abend über sah ich ihn seine Funktionen verrichten – streng und ernst. Nur beim Tanzen berührte ich ihn in flüchtiger Bewegung. Und drückte ihn beim Abschied auf Wiedersehen – und küßte ihn. – Wußte ich denn, daß ich ihn eine Stunde später zu Haus' in meiner Manteltasche wiederfinden würde? In der häßlichen, schwarzen Manteltasche, zu sammen mit schmutzigen Schlüsseln und Kleingeld? – – »Handschuhe werden gegenwärtig aus Pelzwerk, Seide, Wolle, Baumwolle, Leinen, hauptsächlich aber aus Leder verfertigt, die waschledernen aus Hirsch-, Reh- und Schafleder, sowie aus Gems-, Bock- und Kalbleder.« Soweit Brockhaus' Konversationslexikon. –


Der Handschuh

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 40-43.
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