Fechter

[114] Ein Florettassaut ist eine zierliche Unterhaltung mit der Degenspitze! So oder ähnlich hat einmal Meister Barbasetti, Wien, sich über das Florettfechten geäußert, und man wird nicht leicht einen glücklicheren Ausdruck finden, um das Wesen dieser Fechtkunst auszudrücken. Wie Frage und Anwort, Andeutung und Ablehnung huschen die blitzenden Klingen hinüber und herüber; nichts von roher Gewalt, nichts von brutaler Überlegenheit[115] des Muskels, der Geist ist es, der in diesem Sport den Sieg erringt. Vielleicht ist allerdings die Mühelosigkeit, die durch die Eleganz der Bewegungen vorgetäuscht wird, nur eine scheinbare, und hinter den spielenden Bewegungen der Klingen verbirgt sich spähende List und feste Entschlossenheit? In der Tat setzt die Klingenführung der leichten Waffen nach der modernen italienischen Schule ein hohes Maß technischen Könnens voraus, und ein Meister dieser Schule zu werden, erfordert Mühe, Ausdauer und langes Studium. Aber die Technik ist es doch nicht allein, die, wie in der Gymnastik, auch hier den Gewinn bringt, zwischen zwei Gegnern von gleich hoher Technik wird stets der feinere Kopf der Sieger sein.


Fechter

Nun wird in der heutigen Zeit der Schußwaffe die Fechtkunst nicht mehr allein maßgebend sein. Aber nur wenige Arten des Sports vermögen den gesamten Körper so durchzubilden, die Muskeln zu stählen, die Sehnen zu straffen, die Nerven zu stärken und die Tätigkeit von Herz, Lungen, Magen und Haut so günstig anzuregen, wie das Fechten. Es erzieht zu harmonischen, beherrschten Bewegungen, verleiht Gewandtheit und Eleganz der Haltung und erhält die schlanke, elastische und jugendliche Figur, die den Mann von Welt und Sportsman kennzeichnet.


Fechter

Für Geist und Charakter beruht der Wert des Fechtens darin, daß es die vornehmlich für den Soldaten wertvollen Eigenschaften des Mutes und Selbstvertrauens, der Kaltblütigkeit, der Raschheit im Denken und Handeln, der Entschlußfähigkeit und Willenskraft fördert und seinen Anhängern einen ritterlichen Geist und chevalereske Gesinnung einhaucht. Wie erfrischend und anregend wirkt nach den Mühen des Tages, nach langen Stunden der Bureauarbeit ein fröhlicher Zweikampf auf dem Fechtboden, der die durch das ausgedehnte Sitzen träg gewordenen Säfte wieder rascher durch die Adern treibt und empfänglich macht für die Erholung und Freuden des Abends. Sollte nicht dieser Sport, dessen Ausübung von keiner Witterung abhängig ist, keine weiten Reisen und keine hohen Kosten erfordert, von jung und alt betrieben werden? Unsere eleganten jungen Mädchen und Frauen sollten sich auch dieses graziösesten aller Sports bemächtigen; es sollte Mode werden, zu fechten, wie es Mode ist, Tennis zu spielen, zu rodeln, zu reiten und Auto zu fahren.

Dipl. Ing. Meienreis.[116]

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 114-117.
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