298. Der Scheinheld, oder Cartouche und Alexander.

[386] (Trenks s. Schr. 6. B. S. 20.)


Was Alexander nicht, der Asten besiegt,

Das, was Cartusch einst war, der auf dem Rade liegt?

Ich will es dir ganz klar durch die Vernunft erweisen,

Daß man an Dieben straft, was wir an Helden preisen.

Den Pöbel macht der Wahn verlarvter Dinge blind,

Der Kluge kennet nur, was ächte Helden sind.

Es soll That gegen That in der Vergleichung zeigen,

Daß Helden, wie Kartusch, zum Ehrengipfel steigen;

Denn beider Werk ist gleich: wo steckt der Unterscheid?

Mich dünkt, in unserm Wahn, und in der Helden Neid.


Kartusch, der stehlen geht, braucht nichts als Kunst und Finger;

Und Philipps großer Sohn, der starre Weltbezwinger,

Raubt ohne Schwerdt und Mord Darius Länder nicht,

Und dennoch heißt er Held, und jener Bösewicht.

Dies nennt man Bubenstück, das andre Heldenthaten;

Der führt ein Diebskomplot, und der ein Heer Soldaten:

Kartusch heißt ein Filou, der Griechen Fürst ein Held;

Der raubt um Ehr' und Rahm, und jener nur um Geld;

Der Straßenhabicht stiehlt, Soldaten machen Beute;

Der Dieb heißt Galgenaas, und dies sind Kriegesleute;

Der Held heißt Mareschal, Kartusch heißt ein Bandit;[387]

Vor jenem knieet man, wenn man vor diesen flieht;

Den lohnt ein Ordensband, und diesen Sklavenketten,

Als ob die Helden mehr, als er, verdienet hätten!

In der Benennung steckt der Irrthum nur allein:

Was man von Dingen glaubt, das scheinen sie zu seyn.


So geht es in dem Staat, so in Religionen!

Ein jedes Volk glaubt ja, Gott soll im Himmel wohnen:

Der eine nennt ihn Bel, ein andrer Astharoth,

Sichut und Jupiter, Apis und Zebaoth;

Und in sich selbst stimmt doch der Hauptbegriff zusammen,

Den man sich von ihm macht; man zankt sich nur um Namen. –


Just so betrügt man sich auch bey der Helden Ehre,

Und glaubt, daß dem Kartusch kein gleicher Ruhm gehöre.

Auch Er war Held an Muth, und hatte Helden-Recht;

War klug bey der Gefahr, verwegen im Gefecht:

Sonst ist kein Unterschied in Beyder That zu sehen:

Der siegt mit funfzig Mann, und dieser mit Armeen.


Kartusch ist tapferer, als Philipps kühner Sohn:

Denn, schlägt Ein Anschlag fehl, so ist der Strang sein Lohn;

Hingegen wenn der Held auch wirklich unterliegt,

So leidet nur sein Volk, wenn ihn der Feind besieget.

O, wär er in Gefahr des Galgens, wenn nichts glückt,

Es wäre mancher Held nicht in das Feld gerückt!

Ein Hahn, der mit dem Hahn um seine Hüner kämpfet,

Ein Hirsch, der in der Brunst des Spießers Geilheit dämpfet,[388]

Zeigt ächtern Heldenmuth, als der von Ferne steht,

Wie der besiegte Feind vor seinem Heere flieht.


Vor Zeiten, da man nichts von Monarchien kannte,

Da man das Oberhaupt des Hauses Vater nannte,

Fand sich ein böser Mensch, der faul zur Arbeit war,

Nahm Waffen in die Hand, und wagte die Gefahr,

Trieb seinen Nachbar fort, und raubte seine Güter.

Weil ihm der Streich gelang, so fanden sich Gemüther

Von eben solcher Art: Er ward ihr Oberhaupt;

Dann ward ein ganzes Dorf von ihnen ausgeraubt.

Der Haufen mehrte sich; sie wagten sich auch weiter;

Ein Theil ging nur zu Fuß, die andern wurden Reiter.

Dann griffen sie mit Macht der Städte Mauern an,

Und machten sich ein Land gewaltsam unterthan.

Ihr Führer wollte denn auch einen Titel führen:

Man hieß ihn Fürst und Herr. Er fing an zu regieren,

Bezwang die Nachbarn auch, und weil ihm alles glückt,

Ward bald des Siegers Haupt mit Kronen ausgeschmückt.

Dann hieß er schon Monarch; die Andern wurden Sklaven:

Da kam der Adel auf, Marquisen, Knesen, Grafen:

Da fiel die dumme Welt ins Joch der Dienstbarkeit,

Da rüstet schon der Held die Heere für den Streit;

Und der durch Räuberey den ersten Thron bestiegen,

Sah einen Menschenschwarm zu seinen Füßen liegen.

Sein eigner Werth blieb gleich, nur nicht die Scheingestalt:

Nun hieß er König, Fürst, und hatte mehr Gewalt.

So hat die Büberey sich auf den Thron geschwungen!

Ein Räuber schlug sodann des andern Räubers Macht:

Just hiedurch ward die Kunst zu kriegen aufgebracht.[389]

Dann mußte gleich der Pfaff dem Volke glauben lehren:

Man soll den Fürsten so, wie Ihn, in Gott verehren;

Weil sie an Gottes Statt die Herrn auf Erden sind.

Hiedurch ward allgemach des Pöbels Auge blind:

Die Kinder wurden schon in diesem Wahn erzogen.

Der Kingen Zahl war schwach, die Einfalt ward betrogen;

Und der, der wie Kartusch, als Menschenfeind gelebt,

Hieß ein gesalbtes Haupt, wofür ein jeder bebt.

Da ward die Majestät gepriesen und vergöttert,

Und was der Fürst erwürgt, hat Gottes Zorn zerschmettert.

Man trug sein Geld herbey, sobald der Herr nur droht:

Der Günstling fraß das Fleisch, die Tugend suchte Brodt.

Die Fühlung seines Werths sein Vorrecht vor den Thieren

Sah der verlarvte Mensch mit Stolz in Fesseln führen.

Durch Irrthum ward er gar aus Ehrgeiz ein Soldat,

Der für des Räubers Zweck auf Brüderleichen trat.

Beyspiel und Rednerkunst kann Dumme leicht betrügen,

Und lehrt im Bürgerblut für Held und Priester siegen.

Dem Pöbel lehrt sein Pop' das, was er selbst nicht glaubt,

Wo Aufruhr Tugend heißt, wenn er für Götter raubt. –

Was wirkt der Glaube nicht! Geht nur die Bibel lesen!

Ist David nicht ein Schelm, so wie Kartusch, gewesen?

Weit ärger! – Dennoch heißt ihn Christ und Jude fromm;

Und kein Kaligula hat das gethan in Rom,

Was dieser böse Mensch, der heil'ge Mann vollbrachte;

Und heilig heißt er noch, weil er viel Psalmen machte.


Erschrecklicher Betrug, wenn uns das edel dünkt,

Was ein geglaubter Wahn mit falscher Tugend schminkt!

Versteht man nur die Kunst, sich listig zu verstellen;[390]

So bleibt Kartusch doch Mond, troz aller Hunde Bellen:

So wie ein Liebling auch die Peitsche für den Staat,

Der Millionen stiehlt, doch nichts zu fürchten hat.

Und wo es Richter giebt, die klein im Großen stehlen,

Da wirds dem Galgen nie an armen Schelmen fehlen.

Den Kleinen henkt man auf, dem Großen geht es wohl:

Sein Neid bestrebt sich nur, daß niemand stehlen soll.

Der Titel, Excellenz, bedeckt schon sein Verbrechen:

Von großen Herren soll man nie die Wahrheit sprechen:

Sie bleiben excellent: es sey nun in Betrug,

Verläumdung oder Witz, man ehrt sie nie genug.


So geht es, leider, auch in unsern Polizeyen!

Welch Laster ist so groß, das die Soldaten scheuen?

Der Held, derselbe Fürst, der sich in seiner Stadt

Der ächten Tugend Ruhm mit Recht verdienet hat,

Der Laster menschlich straft, der Großmuth fürstlich lohnet,

Als Vater Ordnung hält, bey Kindern liebreich wohnet.

Wird selbst der Ordnung Feind: vergießt aus Ruhmsucht Blut,

Und thut mehr als Kartusch durch seine Kriegeswuth.


Wer fröhlich lachen kann, wenn er viel Menschen schlachtet,

Und vieler Tausend Blut, die er erwürgt, nicht achtet,

Der achtet auch gewiß der Unschuld winseln nicht,

Wenn er in seinem Reich ein Bürgers-Urtheil spricht,

In seinen Augen sind die Menschen seine Bienen,

Die Gott geschaffen hat, ihm nur allein zu dienen:

Sein Wille ist ihr Recht; der tapfre Heldenmuth,

Der nichts als Waffen kennt, gewöhnt zuletzt zur Wuth.

Wer mit der Menschen Glück und ihren Köpfen spielet:[391]

Was wunder, wenn er nichts von ihren Seufzern fühlet!

Hiedurch wird ein Tyrann im edlen Geist gewöhnt,

Daß er sich, wie Kartusch, durch Heldenthaten krönt.


Kartusch stiehlt sein und klug, dem Büttel zu entweichen:

Und was thut denn der Held, um Feinde zu beschleichen?

Er überrumpelt sie auch wehrlos in der Nacht,

Und heißt ein Partisan, der kluge Streiche macht.

Er lauscht so, wie Kartusch, im hohlen Weg und Büschen,

Und mordet was er kann, um Beute zu erwischen.

Dann prangt er in dem Heer mit Lorbern auf dem Helm;

Und thut Kartusch just das, so heißt er doch ein Schelm.

Schlägt er sich gegen zehn, so heißt er doch Kanallje;

Und schlägt der Held den Feind, das nennet man Batallje.

Stirbt dieser in der Schlacht, so wie ein hauend Schwein,

Das selbst in Eisen rennt, um nicht besiegt zu seyn,

Dann bauet ihm die Welt von Marmor Ehrensäulen;

Und an Kartuschens Rad hängt man ein Dutzend Keulen.

Der fühlt doch jetzt soviel an seinem Galgenpfahl,

Als Cäsar in der Gruft von seinem Ehrenmahl.


Kartusch ist sehr beliebt bey seinem Diebsgesinde:

Wodurch? Bald war er scharf, bald ernsthaft, bald gelinde.

Den einen machet er durch Schmeichelworte blind,

Dem andern schenkt er Geld, damit er ihn gewinnt,

Den küßt, den prügelt er, den dritten läßt er henken:

Er kennt der Menschen Herz, und weiß, wie Sklaven denken:

Hiedurch hat Herr Kartusch just seinen Zweck erlangt,

Hiedurch hat Ammons Sohn in Lorbern auch geprangt!
[392]

Dem Stolzen predigt er von nichts, als Ruhm und Ehre;

Den Dummen zwingt der Pfaff durch strenge Kirchenlehre.

»Dient – ruft der Tempelfuchs – dient eurem Herren treu!

Thut alles, was er will; denn Gott selbst steht ihm bey:

Er ist Vikarius der Gottheit hier auf Erden;

Strebt ihr für seinen Ruhm, dann sollt ihr selig werden!«

So spricht der Held und Dieb mit seinem Unterthan,

Damit er, was er sucht, durch ihn erhalten kann. –


Was thut der große Held, der Städte bombardiret?

Das, was Kartusch gethan, dem Rad und Strang gebühret:

Die That in sich ist gleich: denn der verarmte Mann,

Der, was er hat, verliert, fleht doch den Himmel an

Und seufzt: Gott strafe den, der mir mein Haus verbrennet!

Ob er ihn im Gebet Schelm oder Helden nennet,

Fürwahr, das weiß ich nicht: ich habe nie gefragt,

Was blöder Pöbel denkt, nur was der Weise sagt.


Der Held sucht nichts als Ruhm, und wo will er ihn finden?

Vielleicht in seiner Kunst, die Menschen recht zu schinden?

Was ist der Ruhm? der Heldenruhm? – Ein Schattenspiel,

Das sich ein jeder mahlt, so wie er selber will.

Im Beyfall kluger Welt steckt nur die ächte Ehre:

Die weiß, wem Schimpf und Strang, wem Ruhm mit Recht gehöre.

Wenn gleich ein siegend Heer den Held mit Lorbern krönt;

In ihren Augen bleibt Held und Kartusch verhöhnt. –


Weiß nun der Held gewiß, daß ihn kein Kluger ehrt;

Wo sucht er denn den Ruhm? Im Volk, das er bethört?[393]

Auch hier mislingt sein Zweck! Wenn Hundert ihn erheben,

So werden Tausend seyn, die ihm das Lob nicht geben.

Preißt gleich ganz Griechenland des Philipps großen Sohn;

So wünscht ihm Asien doch einen Strick zum Lohn.


Wo sucht er denn den Ruhm? – In sich und seinen Gaben?

Wahrhaftig! hier wird er ihn just so wenig haben.

Sein Herz sagt ihm gewiß: Du bist ein Menschenfeind,

Der wie ein Tiger denkt, und gleißend edel scheint!

Held! suchst du nun den Ruhm im Tode zu erringen?

Soll dich ein Federkiel zum Heldengipfel schwingen?

Was fühlst du in der Gruft von dieser Phantasey?

Ein Plato nennet doch die Herrschsucht Raserey!

Ein Autor mahlt dich groß, wenn dich drey andre tadeln:

Der schimpft den Heldengeist, ein andrer wird ihn adeln. –

Und hätte Nero den, der von ihm schrieb, bezahlt,

Er wäre, wie Trajan, der Nachwelt vorgemahlt.


Gesezt auch, daß der Ruhm ganz unpartheyisch wäre:

Was nützt dem, der sie sucht, die hoch bestrebte Ehre?

Er opfert ihr sich selbst; und das, was er erzielt,

Erlangt er in der Gruft, da, wo er nichts mehr fühlt.


Indessen hat der Held nichts anders ausgerichtet,

Als Thränen ausgepreßt, und Zwietracht ausgesichtet,

Viel Menschen arm gemacht, wofür er nichts gewinnt,

Als daß viel Sklaven ihm gezwungen dienstbar sind,

Die ihn im Herzen doch wie Gift und Pest verfluchen,

Und nur Gelegenheit, sich loszureißen, suchen.
[394]

Kartusch, der böse Mensch, der lebend schädlich war,

Befreyt durch seinen Tod die Menschen von Gefahr,

Und schadet Keinem mehr; doch, ach, wenn Helden sterben,

Dann bricht der Rachstrohm aus auf seines Reiches Erben:

Ein jeder sucht mit Recht sein ihm entrißnes Gut;

Und dann steigt erst der Krieg zur allerhöchsten Wuth;

Selbst Alexander hat nicht so viel Blut vergossen,

Als erst aus seiner Gruft auf Asien gestossen.


Kartusch verbrennt ein Haus, wo man sein Volk verrieth:

Was thut der Partisan, der sich verrathen sieht?

Der Mann, der, um sein Gut dem Räuber zu entreißen,

Dem Schutzherrn Nachricht bringt, wird ein Spion geheißen.

Nicht gnug, wenn ihn der Held an einen Baum aufhenkt;

Es wird die ganze Stadt in Schutt und Staub versenkt,

Wo er ein Bürger war. – Wenn sich ein Bauer wehret

Und gegen Räuber schützt, dann wird das Dorf verheeret,

Wohl gar ein ganzes Land: – warum? weil der Soldat

Privilegiret ist und Recht zum Plündern hat.

Man sagt: der Bauer muß sich niemals widersetzen.

So recht! – Wo steht der Satz in den Naturgesetzen?

Ein Bär beschützet sich, dem man die Jungen raubt:

Ist Menschen weniger, als jedem Thier erlaubt?

Der Haase läuft davon, wenn ihn die Hunde jagen;

Der Bauer soll nicht fliehn, wenn ihn Soldaten plagen

Er soll geduldig seyn; und hat er nicht Geduld,

Dann büßt, der nie gefehlt, für eines andern Schuld.

Viel Tausend müssen dann des Helden Rachsucht stillen:

Warum? Er kennt kein Recht, als seinen starren Willen,

Und schont die Unschuld nicht. Sein Privilegium[395]

Macht Galgenvögel kühn, und Themis blind und stumm.

Ein Laster, das er liebt, soll jeder Tugend nennen:

Man soll an Ammons Sohn nichts menschliches erkennen,

Der doch ein schwacher Sklav der Leidenschaften ist,

Und bey dem Götterstolz die Menschlichkeit vergißt.

Wir sollen schüchtern seyn, und was die Helden wollen,

In blinder Ehrfurcht thun, weil wir gehorchen sollen.

Das dumme Thier, der Storch, verläßt sein Vaterland,

Wo es im Winter friert: der menschliche Verstand

Soll ohne Fühlung seyn, und nicht wie Störche wittern,

Wo solche Grenzen sind, da keine Sklaven zittern,

Die Zwang und Unrecht kränkt. – Verdammte Heldenbrut!

Das thut ja kein Kartusch, was ihr aus Herrschsucht thut. –

Quelle:
Laukhard, Friedrich: Zuchtspiegel für Eroberungskrieger, Advokaten und Aerzte. In: Zuchtspiegel für Fürsten und Hofleute, Paris [i.e. Leipzig] 1799, S. 386-396.
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