Nach Bayreuth

1876–1878


Nicht Gut, nicht Gold

Noch göttliche Pracht;

Nicht Haus, nicht Hof

Noch herrischer Prunk;

Nicht trüber Verträge

Trügender Bund

Noch heuchelnder Sitte

Hartes Gesetz,

Selig in Lust und Leid

Läßt die Liebe nur sein.

R. Wagner.

(Götterdämmerung.)


Der Abschied von Richard Wagner wurde uns durch den festen Glauben an nächstjährige Festspiele einigermaßen erleichtert. Festspiele, die wir erhofften, wünschten, und die ich von Wagner beharrlich begehrte. Daß er sie wünschte, war sicher; daß er aber schon damals diesem Wunsche pessimistisch gegenüberstand, wurde mir erst klar, als ich von dem ungeheueren Defizit des ersten Unternehmens Kenntnis erhielt. Zum Glück ahnten wir das beim Abschiednehmen nicht und zogen mit fester Zuversicht auf erneute Vereinigung und erneutes Gelingen fröhlich aus Bayreuth.

Schon auf dem Bahnhof war man dem Alltagsleben wiedergegeben. War das einst markgräfliche Nest schon schwer zu erreichen, weil ihm jedwede gute Eisenbahnverbindung fehlte, so wurde die Abfahrt geradezu lebensgefährlich. Einige Stunden vor Abgang des Berliner Zuges hatten sich mehrere hundert Menschen auf dem Bahnhof angesammelt. Billetts wurden auch genügend ausgegeben. Beim Queumachen am Billettschalter erwischte mich Franz Abt, der mir einige Lieder zu widmen wünschte, sich aber ganz bescheiden dahin äußerte: daß ich sie mir alleine wohl besser machen könne! – Das konnte ich nun nicht, da mir nie der Sinn nach komponieren stand, und ich nur einmal aus ganz besonderem Grunde ein Lied »verbrach«, das man gegen meinen Willen – wie es mir auch manchmal schon mit meinen Schreibereien ging – fortnahm und einfach drucken ließ, ohne mich zu fragen. Aber ich kann wohl sagen, daß ich mich dafür selber zum Strang verurteilte,[3] auch wenn es nur einem Leser unterkam, und ich »den Räuber und Drucker gegen meinen Willen« ganz unsanft in die Hölle fluchte.

Die Billetts also hatten wir; als aber das Zügelchen mit den wenigen Wagen – auf die alles losstürmte – langsam angeschoben kam, fand niemand Platz. Noch sehe ich Niemanns sechsjährige Tochter auf einem großen Haufen Plaids, Schachteln und Koffern geduldig stundenlang sitzen; sehe ein kunterbuntes Treiben, höre schreien und fluchen. Die wenigen Kupees I. Klasse waren alle »bestellt«. Nach langem Umherirren hatten wir das Glück, von Graf Wilhelm Pourtalès – der in seinem bestellten Kupee unserer Not gewahr wurde – aufgenommen zu werden, und konnten, als wir endlich saßen, mit der Pompadour ausrufen: »Après nous le déluge!« Was aus den andern wurde, kümmerte mich tatsächlich nicht mehr. Graf Pourtalès, der uns manchmal durch seinen Besuch erfreute und meine Mutter ganz besonders hoch schätzte, rechnete zwar nicht zu unseren intimen Bekannten, wohl aber zu unseren ritterlichsten. Abgeschlossen von der lauten Menge durften wir unsere noch nachzitternden Empfindungen mit dem so feinfühlenden Manne austauschen, diese Rückreise einen würdigen Abschluß des uns beglückenden Ereignisses nennen, sowie der Hoffnung auf die weitere Entwicklung Bayreuths Ausdruck geben.

Kaum in Berlin angekommen, fing die alte Repertoiretretmühle wieder an, die mir lange Zeit wie Hohn auf alles, was wir gehört und gesehen hatten, erschien. Meine Mutter, in dieser Beziehung noch unduldsamer als ich, die ich doch wenigstens das Interesse an der eigenen Arbeit hatte, behauptete von einigen neueren Werken, sie könne den »Dreck« gar nicht hören und konnte sich lange zu einem Theaterbesuch nicht entschließen. Ach ja, ein Festspiel, wie es Wagner vorgeführt, war freilich etwas anderes als eine Opernfabrik, aber es war selbst für ihn so unendlich schwierig, daß es ein zweitesmal lange nicht gelingen wollte.

Für mich jedoch entwickelte sich aus diesem Bayreuther Festspiel ein Ereignis, das mir schweren Kummer brachte und mich viele Jahre unfähig machte, ein glückliches Menschenkind zu sein.

Während der Proben 75 stellte uns Wagner in Wahnfried den jungen Sohn Carl Brandt's vor, der plaudernd uns den Rücken[4] wandte. Sich schnell uns zukehrend, empfanden wir beide einen elektrischen Schlag, der, wie es schien, von einem auf den andern wirkte. War Wagner vielleicht die Kraft, die in uns ausströmte, und wir nur günstige Objekte? Ich weiß es nicht und finde auch heute noch keine Antwort auf die mir selbst so oft vorgelegte Frage. Wie konnten wir uns gegenseitig – so plötzlich, ohne uns je zuvor gesehen oder gesprochen zu haben – lieben? Nicht einmal von einem Eindruck konnte die Rede sein, so schnell war es über uns gekommen, das große Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Nicht Sänger noch Schauspieler, nicht Maler noch Instrumentalist und dennoch alles in allem Künstler vom Kopf bis zu den Füßen, war Fritz Brandt ein Theaterkind im besten Sinne, dessen innerstes Leben die Bühnenkunst ausfüllte. Wagner liebte ihn, seine ideale enthusiastische Natur, die ihm dienstbar war und ihm treu blieb, solange er lebte.

Wir sprachen nicht; keiner verriet dem andern, wie es in seinem Innern stand; es brauchte auch nicht der Worte. Die Aufgabe, die wir für Wagner zu lösen hatten, sagte genug und band uns fest aneinander, bis nach dem Bayreuther Festspiel das Schweigen gebrochen, der Herzensbund geschlossen wurde.

Für mich, die ich zum ersten Male liebte, so rein, so ideal von der Liebe des Mädchens zum Manne dachte, war es ein Weg zur Vervollkommnung meines Ichs und Daseins, wie ich es mir höher, reiner nicht vorstellen konnte. Ich weiß, daß auch er nicht anders dachte und fühlte. Mein Vertrauen war unerschütterlich, denn Streben, Fleiß, Energie und Festigkeit seines Charakters, Liebe und Hochachtung, mit der Fr. meinem innersten Menschen sowohl als der Künstlerin begegnete, schienen mich vor jeder Enttäuschung sicherzustellen. Unsere Briefe – wir waren fast immer getrennt – wurden von Tag zu Tag inhaltsvoller durch den Stoffreichtum neuer Musik und Bühnenkunst, die Wagner eben ausgesät hatte, uns bis ans Lebensende auszufüllen versprach. Was hatten wir auch in Bayreuth erlebt, was alles in uns aufgenommen, das verarbeitet werden mußte, um die Früchte, die Wagner von der Saat erwartete, zur Reife zu bringen!

Da trübte eine furchtbare Leidenschaft den glücklichsten aller menschlichen Seelenzustände und untergrub langsam, aber sicher[5] unser beider Glück. Eifersucht, grundlos blinde Eifersucht, zernagte F. das Hirn. Eifersüchtig, auf wen? auf was? auf alles, auf das Unmöglichste!

F. lebte für gewöhnlich bei seinen Eltern in Darmstadt, arbeitete mit seinem Vater, reiste sehr viel, kam aber nur nach Berlin, wenn ihn seine Arbeit dorthin rief, und so sahen wir uns äußerst selten. Für Ed. Devrient, der im Viktoriatheater beide Faustteile zu geben beabsichtigte, sollte F. die Mysterienbühne und Dekorationen einrichten. Mit größtem Interesse folgte ich der reizvollen Arbeit, deren sämtliche Skizzen bereits fertig waren, als sich die Sache für Devrient und somit auch für ihn zerschlug. – War er bei mir, so konnte ich seiner grundlosen Eifersucht einigermaßen Herr werden, waren wir aber getrennt, stand ich ihr machtlos gegenüber. Dabei wußte F. mich von meiner Schuld so beredt zu überzeugen, daß ich schließlich daran glauben und vor mir selber strafbar erscheinen mußte. In meiner Redlichkeit zermarterte ich mir Herz und Sinn, die mir unsichtbaren Gründe aufzufinden, grämte mich und wurde immer trauriger, immer unglücklicher.

Zu diesem unbehaglichen Zustand, aus dem ich Stolze in meiner Herzensreinheit keinen Ausweg fand, trat noch etwas weit Schlimmeres. Meine Mutter wurde mir fremd. Sie grämte sich um mich, mit mir, ohne den Grund meiner Trauer – die entsetzliche Eifersucht F.'s – zu kennen, da ich ihr meine Tränen verheimlichte, die ihr indessen nicht verborgen blieben. Sie konnte sich nicht mehr freundlich zu F. stellen, haßte ihn endlich meinetwegen und häufte damit nur noch größeres Leid auf meine Schultern. Sie schien nur Unglück in dem Bund für mich zu sehen, war trostlos und ungerecht gegen ihn und mich. In welch bedauerlichem Zustand befand sich damals mein sonst so tapferes Herz! Von blinder Eifersucht seelisch mißhandelt, von den schmerzlichsten kindlichen Gefühlen gefoltert, glich ich mir bald selbst nicht mehr; und je schärfer sich die Verhältnisse zuspitzten, je trauriger wurden wir alle drei, die wir doch gleichmäßig darunter litten, weil eins das andre leiden sah.

Durch öffentliche Verlobung hoffte ich der Eifersucht einen Riegel vorzuschieben, die ganze Lage zu bessern. Aber ich irrte, es wurde nicht besser auf der einen und schlimmer nur noch auf der andern Seite.[6]

Da faßte ich eines Tages Mut, sprach lange mit meiner lieben guten Mutter, schüttete ihr mein Herz aus, beschwor sie, sich in das Unvermeidliche zu fügen, sagte ihr, wie wir nicht voneinander lassen würden, unschuldig seien an dem großen Gefühl, das man sich doch nicht selber geben oder nehmen könne. Die vollkommene Versöhnung, um die sich F. auch redlich bemühte, erreichten wir nicht. Die Stimmung aber wurde milder, denn ich hatte meine liebe, liebe Mutter für mich wenigstens wiedergewonnen. Bitten und Abbitten waren nie meine Sache gewesen; in dieser Stunde hatte ich's gelernt. In dieser Stunde lernte ich meinen Stolz besiegen, lernte die Demut, das Bewußtsein seelischer Vollendung kennen, die wie kein andres Gefühl mich die Größe menschlicher Liebe verstehen lehrte.

Sein Leben und das meine bedrohte bald darauf ein schwerer Unfall. Riezl und ich waren in Ems zur Kur, von wo meine Schwester nach Cöln zur Hochzeit ihrer Freundin eilte, und ich die beiden Tage benützte, um meinen zukünftigen Schwiegereltern in Darmstadt einen Besuch abzustatten, wozu mich F. abholte. Wir reisten mittags mit dem Expreßzug, der nur 3 Wagen erster Klasse und nicht mehr als 5–6 Passagiere führte. Ungefähr 20 Minuten vor Darmstadt fing unser Zug an zu stockern und zu springen. Etwas war geschehen, aber wir wußten nicht was, nicht was noch kommen würde. Die Ungewißheit, die Hilflosigkeit im engen abgesperrten Raum war unbeschreiblich; und keinem Verbrecher wünsche ich die kurze Minute, die sie gedauert hat. Ich sah, wie das alte französische Ehepaar, das unser Kupee teilte, die Beine hochzog, eine Vorsichtsmaßregel, deren ich im Augenblick nicht achtete; sah, wie plötzlich hinter F., der mir vis-à-vis stand, die Wand des Waggons sich abtrennte, fühlte wie F. meine Arme, die ich eben durchs Fenster strecken wollte, an sich riß und mich eisern umklammert hielt, damit ich keine Torheit beging; fühlte, wie sich etwas in meinen Rücken bohrte, und merkte, wie endlich nach qualvollen Sekunden der Zug stille stand. Wir waren gerettet, wir lebten! Nur langsam kamen wir zur Besinnung, als wir von der Station Stimmen herüberschallen hörten, die uns unserer Starrheit entrissen. F. küßte mich unter Tränen, und nun konnten wir daran denken, uns zu befreien. Die Eisenstange des Netzes[7] war mir in den Rücken gedrungen, hatte mich aber nur leicht verletzt, und auch mein Gesicht war geritzt. Das Fenster, das während der Fahrt offen gewesen, hatte sich zugeschoben, die Kupeetür war während des Springens der Lokomotive auf- und wieder zugeschlagen und hatte F.'s Rock fest eingeklemmt; Hilfebringenden gelang es nur mühsam, sie wieder aufzustemmen. Das Kupee war ganz demoliert, ohne uns vier Passagiere zu zerquetschen! Dennoch hatte unser Leidensgefährte einen Stoß gegen die Füße bekommen und mußte herausgetragen werden; ein anderer war schwer verletzt worden und starb daran. Endlich befreit, sahen wir erst, was geschehen. Das Unglück war durch Schienenbruch erfolgt. Metertief stak die Lokomotive in der Erde, der Gepäckwagen lag direkt umgekehrt mit den Rädern nach oben. Der erste Wagen hatte sich auf den zweiten, in dem wir saßen – ein Stück weit hinaufgeschoben und würde uns einen Augenblick später unfehlbar getötet haben. In dem am wenigsten beschädigten dritten Wagen wurde der einzige Passagier zu Tode verletzt. In haarnadelgroßen Stücken lagen die Schienensplitter weithin fortgeschleudert, das Ganze ein Bild gräulichster Verwüstung, und nur ein Glück mußte man noch dabei preisen, daß der Zug so wenig besetzt gewesen. Nach einstündigem unliebsamen Aufenthalt wurden wir von einem Zuge, der von Darmstadt beordert wurde, langsam nach dort hinein geschoben, wo man noch nichts von dem Unfall wußte, und wo auch wir erst zur Erkenntnis des Unglücks sowohl als zum Dank- und Glücksgefühl über unsere Rettung kamen. Herzlichste Aufnahme seitens der Eltern und F.'s liebevolle Fürsorge für mich machten mir den kurzen Aufenthalt wertvoll. In der Nacht erst empfand ich die starke Nervenerschütterung, fand auch noch viele Tage keine Ruhe, bis ich in meiner Mutter Armen lag, die erst viel später von dem Unfalle unterrichtet ward. In Darmstadt konnte ich mich leider der Einsicht nicht verschließen, daß man daselbst F.'s eifersüchtigen Regungen und der gelobten Besserung sehr skeptisch gegenüberstand. Der Vater sagte mir gerade heraus, daß er mich bemitleide.

Als ich im Laufe der nächsten Zeit von einem Konzert zurückkam, fand ich meine arme Mutter schwer krank darniederliegend, die vielen Aufregungen hatten einen Herzkrampf verursacht. Obwohl[8] die Gefahr bereits geschwunden war, wirkte die Angst geradezu niederschmetternd auf mich, da es mich zum ersten Male in meinem Leben an den möglichen Verlust meiner Mutter mahnte. Zum erstenmal wurde ich daran gemahnt und vergaß es nur zu schnell, als ich sie wieder gesund sah! Bis dahin aber war's eine traurige Zeit, die nichts Erhebendes unterbrach. Und als sie sich nur eben erholt hatte, warf mich ein Schicksalsschlag nieder, unter dessen Last ich fast zusammenbrach. Noch immer glaubte ich an mein künftiges Glück, als mich F. davon unterrichtete, daß er mit Jul. v. Werther für Mannheim kontraktlich abgeschlossen und unter seiner Leitung große Ideale zu verwirklichen hoffe. Von diesen Idealen wußte ich aber, daß mindestens ein König Ludwig II. dazu gehörte, und daß sie sich nicht gar so leicht würden verwirklichen lassen, und daß Mannheim und Jul. von Werther nicht Bayreuth und nicht Wagner waren. F. betonte, daß unserer Vereinigung nun nichts mehr im Wege stände, er die Trennung von mir nicht länger ertrüge, und bat mich flehentlich, alles zu ordnen, um ihm augenblicklich zu folgen. Ich sprach mit Hülsen, welcher der Heirat nichts entgegensetzen, mich aber meines Kontraktes keinenfalls entbinden wollte. Ich war also gezwungen, F. mitzuteilen, daß an ein schnelles Fortkommen von Berlin nicht zu denken sei, und bat ihn, sich im Engagement – das er noch nicht einmal angetreten – erst zurecht zu finden, zu erproben, ob es sich mit J.v.W. so arbeiten ließe, wie er erhoffe, dann würden wir weiter sehen. Meine Bitten blieben erfolglos. Trotzdem er kein Vermögen besaß und das meine nicht ausreichte, bestand er auf seiner Forderung und stellte mich allen Ernstes vor die Alternative: entweder, oder!

Wohl fühlte ich, daß mein »nein« mein Glück zertrümmerte, und doch blieb mir Vernunft genug, es auszusprechen. Was es mich gekostet, wußte nur ich. Mein Leben schien für lange Zeit vernichtet.

Wenn mich die Gedanken daran quälten, frug ich mich immer wieder, ob ich mit Lachen und Scherzen nicht besser gefahren wäre als mit meinem tiefen Ernst, meiner Wahrheitsliebe und dem guten Glauben an andere? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Mir freilich wäre viel erspart geblieben![9]

Im Jahre 1884 zeigte mir F. seine Verlobung mit einer jungen Dame meiner Bekanntschaft, Frl. v.B., an. Ich sollte die Erste sein, der die Freudenbotschaft zukäme, weil er der Billigung seiner Wahl von meiner Seite gewiß sei. Gewiß billigte ich sie von Herzen. Daß es ein keinesfalls schön zu nennendes, aber sehr ernstes und gebildetes Mädchen war, freute mich doppelt, denn es zeugte von der Bevorzugung inneren Wertes. Auch wußte ich F. im Schoße ihrer Familie für Zukunft und Beruf geborgen. Aber auch hier war Eifersucht die Zerstörerin der sonst so schönen Harmonie. Als sie eines Abends in großer Gesellschaft ihrem alten Großvater am Klavier die Noten umblätterte und sich auch hieraus eine Eifersuchtsszene entwickelte, löste sie ohne weiteres das Verhältnis, das auch sie nicht mehr zu ertragen vermochte.

F.B. starb bald darauf, während er in Weimar als Oberregisseur mit dem Titel Professor engagiert war, an den Folgen einer Operation in Jena.

Frage ich mich, was diese schwerwiegende Episode, die so glücklich begann, in mein Leben brachte, was hinterließ, so muß ich ehrlich bekennen, daß der Schmerz die Härte meines Charakters milderte, meine noch unentwickelten Gefühle weckte, mich veredelte, da ich gleichzeitig lieben und leiden lernte. Sie hinterließ trotz der Erkenntnis nur Mitleid mit einem Unglücklichen, der es nicht verstand, sich und andere mit seinen sonst so glänzenden Eigenschaften glücklich zu machen, dessen blinder Eifersucht alles, was er liebte, zum Opfer fallen mußte. Meine Kunst gewann durch das, was mich als Mensch so schmerzlich, aber auch so herrlich berührt hatte, und solchem Gewinn darf man nicht hart, nicht lieblos sich verschließen. Nur, daß auch meine liebe Mutter so schwer darunter litt, ist dasjenige Gefühl, das am längsten schmerzte, das mir immer unvergessen, ihm unverziehen bleiben wird. Wie tief griff es doch noch in mein weiteres Leben ein!


Wen einmal du geliebt, der sei für alle Zeit,

In jedem Lebensdrang dir heilig und geweiht.


Ob er der Liebe, die du einst für ihn getragen,

Auch wert gewesen sei? das hast du nicht zu fragen.[10]


Steht doch das Eine fest: du hast ihn einst geliebt!

Das ist's, was ihm ein Recht, ein ew'ges auf dich gibt.


Wär' er der Schonung auch ganz unwert zu erklären,

Du müßtest das Gefühl, das du ihm weihtest, ehren.


Und ehren kannst du's nur durch immer gleiche Huld

Für jenen, dem es galt, wie groß auch seine Schuld.


Nicht lieben sollst du ihn, ist falsch und schlecht sein Wesen;

Doch auch vergessen nicht, daß er dir lieb gewesen.


Wenn eine ird'sche Kron' so große Macht schon hegt,

Daß unverletzlich wird, wer sie auch immer trägt!


Wie möchtest du ein Haupt wohl zu verletzen wagen,

Das einst das Diadem der Liebe hat getragen!


(Betty Paoli.)

Quelle:
Lehmann, Lilli: Mein Weg. Leipzig 1913, S. 1-11.
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