Warum nicht schriftlich?

[119] In diesem Abschnitt – der Leser ahnt es schon – möchten wir ein wenig für die Schriftlichkeit plädieren. Wir haben festgestellt, daß in den letzten Jahrzehnten das private Briefeschreiben weitgehend aus der Mode gekommen ist. Dies ist ein großer Verlust, den man nur darum nicht beklagt, weil man seiner kaum bewußt ist. Für das (weitgehende) Aussterben des Briefeschreibens gibt es mindestens drei Gründe.

Der erste Grund: Das Telefon, vor fünfzig Jahren noch für Notwendiges und Unaufschiebbares reserviert, und deshalb von vielen Leuten (auch von Kindern) einigermaßen gefürchtet, ist heute zur Selbstverständlichkeit geworden. Kinder und Erwachsene gebrauchen es gleichermaßen für kurze Mitteilungen wie für lange Plaudereien. Wer mit einem Freund, einer Freundin, einer Liebsten kommunizieren will, wird deshalb heute kaum mehr einen Brief schreiben, sondern sich des Telefons bedienen. Siehe auch unseren Abschnitt »Am Telefon«.

Der zweite Grund, zusammenhängend mit dem ersten: Das [119] Telefon bietet, was heute sehr gefragt ist, sofortige Wunscherfüllung. Zwar ist das Verlangen danach schon uralt. In Goethes »Römischen Elegien« heißt es von der alten römischen Götterwelt:


In der heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten,

Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier.


Also: Die Götter wollten ihre erotischen Wünsche sofort verwirklicht sehen. Schon um 1290 berichtet der »Vater der englischen Dichtung«, Geoffrey Chaucer, in seiner »Erzählung des Müllers«, wie ein Student der Zimmermannsfrau, bei der er wohnt, Anträge macht:


»And heeld hire harde by the haunchebones,

And seyde: »Lemman, love me al atones«.


Er hielt sie kräftig bei den Hüftknochen und sagte:

»Schätzchen, liebe mich augenblicklich!«


Doch dies sind eher Ausnahmen. In der Regel war ein Liebhaber, eine Liebhaberin, bereit, geduldig zu warten (zum Beispiel drei Jahre, wie es im Volkslied heißt). Und während dieser Durststrecke waren ihr und ihm Briefe – geschriebene und empfangene – vielleicht der einzige Trost.

Heute sind wir wie gesagt im Zeitalter der sofortigen Wunscherfüllung. Gleichsam auf Knopfdruck hin sollen die Wünsche sofort verwirklicht werden. Lebenslauf eines jungen Mannes von heute: Mit sieben ein Walkman, mit zwölf eine Filmkamera, mit vierzehn ein Mädchen, mit achtzehn ein Auto. Und möglichst kein Intervall zwischen Wunsch und Erfüllung.

E. Kowalski hat dieses Thema in seinem (leider im Moment vergriffenen) Buch »Die Magie der Drucktaste«) aufgenommen und diskutiert5. Wir glauben übrigens, daß Frauen auch [120] heute noch mehr Geduld haben und ruhiger – auf Liebe, auf Nachrichten, auf irgendetwas – warten können.

Dem Verlangen nach sofortiger Wunscherfüllung kommt das Telefon selbstverständlich besser entgegen als die Post. Es braucht auch in der Regel weniger Zeit – obwohl manche Menschen am Telefon so lange zu plaudern pflegen, daß man in dieser Zeit den längsten Brief schreiben könnte.

Und der dritte Grund. Auch er ist allgemein kultureller Art. Heute herrscht weit herum der Analphabetismus; das heißt, viele Menschen haben ganz allgemein mit dem Lesen und Schreiben Mühe und sind deshalb nicht mehr in der Lage, einen einfachen Brief so zu schreiben, daß er dem Empfänger Freude macht. In der Schweiz kommt erschwerend noch das ›Code-Switching‹ hinzu: das Umstellen vom einen, mündlichen Code (Lokaldialekt) auf den für Schriftliches notwendigen anderen (Hochdeutsch).

Das sind die drei Gründe – der erste ist technischer Natur, der zweite und der dritte liegen in allgemeinen Zeitströmungen – weshalb das Kommunizieren in Briefen so etwas seltenes geworden ist. Wir meinen aber, man sollte wieder lernen, wider den Strom zu schwimmen und mehr private Briefe zu schreiben.

Der Brief hat gegenüber dem Ferngespräch manche Vorteile. Erstens kann ich seinen Zeitpunkt auswählen: Ich kann ihn schreiben, und ich kann den empfangenen Brief dann lesen, wenn ich gerade in der richtigen Stimmung bin. Und eben: Ich kann einen Brief wieder und wieder lesen und mich daran erfreuen – wir reden hier von freundschaftlichen Briefen, von anderen ist am Schluß dieses Abschnittes noch kurz die Rede. Das heißt, ein Brief lebt und wirkt noch, wenn auch das schönste Telefongespräch längst verrauscht ist. Wir haben davon bereits in dem Abschnitt »Reden mit Trauernden« gesprochen.

Aber auch beim ersten Lesen haben schriftlich formulierte Worte etwas Gewichtigeres und Aufregenderes als ein mündlich gesprochener Satz – man denke an ein schriftliches Lob, an einen schriftlichen Dank, an eine schriftliche Liebes- oder [121] Freundschaftserklärung. Kein Wunder, daß Werther die Briefe seiner Lotte geküßt hat – einmal hatte sie zu viel Streusand drauf, »und die Zähne knisterten mir«.

Der Brief hat etwas Verbindliches, das heißt, Geschriebenes bindet den Schreiber. Wenn ich mündlich sage: »Ich liebe Dich«, oder »Ihre Dissertation ist ganz ausgezeichnet«, so erfreut das den Hörer einen Moment lang ungeheuer, ist aber rasch verhaucht und schließlich wie nie gewesen. Wenn man aber die gleichen Worte schriftlich gibt, so sind sie »perennierend«: sie sind Jahre hindurch gleich wahr und gewichtig. Hier sehen wir übrigens einen weiteren Grund, warum manche Leute keine Briefe schreiben wollen: weil sie, wenn sie den Brief wählen, zum Geschriebenen stehen müssen und nicht im Unverbindlichen verweilen können. In unserer Zeit des Schnupperns, des sich-nicht-binden-Wollens sind diese Menschen besonders zahlreich – im Grunde sind sie einfach Feiglinge, aber sie haben den Trend der Zeit als Rückenstärkung.

Da wir der Meinung sind, persönliche Briefe seien etwas Wertvolles, raten wir dazu, mehr Briefe zu schreiben. Und da es ganz offensichtlich ist, daß viele Menschen mit dem Briefeschreiben Probleme haben, geben wir im folgenden ein paar einfache Regeln:


Man muß lernen, kurze Briefe zu schreiben. Ein kurzer Brief macht unter Umständen mehr Freude als ein langer. Wenn jemand zum Beispiel folgendes schreibt:


Ihr Artikel in der »Zeit« – einfach großartig. Nehmen Sie meinen herzlichen Glückwunsch!

Stets Ihr X.Y.«


dann ist das bereits ein richtiger Brief, von dem der Empfänger begeistert sein wird. Die gebildeten Engländer beherrschen die Kunst des kurzen Briefes. Wir im deutschen Sprachgebiet haben sie leider fast verlernt. Wir quälen uns oft mit einer Antwort, und wenn wir uns dann endlich zum Schreiben durchringen, meinen wir gleich Nägel mit Köpfen machen zu müssen – [122] und tun es nicht unter drei Seiten. Das ist für den Leser bereits mühsam.

Hieraus ergibt sich die nächste Regel: Immer an den Empfänger denken. Der Empfänger will nicht bloße Information, er will, daß man sich in dem Brief auf ihn bezieht. Deshalb liest man auch die heute üblichen und »praktischen« Rundbriefe »An alle unsere Freunde« selten ohne eine gewisse Frustration. Weil diese Zirkulare an Dutzende von Leuten gehen, fehlt der Bezug auf den individuellen Empfänger fast ganz. Wir raten deshalb dazu, Rundbriefe überhaupt zu vermeiden, es sei denn, die Verfasser befinden sich in irgend einem entfernten Land, wo alles anders und objektive Information für alle Leser notwendig ist. Ein Rundbrief ist sicher viel besser als gar nichts, man kann ihn einmal im Jahr, etwa zu Weihnachten schreiben, aber er ersetzt den individuellen Brief nicht.

Was macht nun den individuellen Brief zu einem solchen. Es ist anzuraten, daß man am Anfang nicht von sich selber spricht, sondern vom Empfänger. Daß man seinen reizenden Brief mit großer Freude mehrmals gelesen hat. Ob wohl die dort erwähnten Probleme schon gelöst sind? Wie es dem anderen gesundheitlich und sonst gehen mag? Daß man an seinem Geburtstag an ihn denken wird. Es ist genau wie bei der Konversation (siehe Seite 45): Aus einem gewissen Zwang, sich für den Partner zu interessieren, ergibt sich bald ein echtes Interesse. Nach einem solchen Bezug auf den Empfänger darf man dann zu Informationen über sich selbst und über den eigenen Kreis übergehen.

Die Japaner, von denen wir noch vieles an Höflichkeit lernen können, beherrschen diese Kunst, es dem Leser wohl werden zu lassen, meisterhaft. Die vielen japanischen Briefe, die wir erhalten haben, begannen meist mit einem längeren Vorspann, der sich auf uns, die Empfänger bezog. Erst dann kamen Nachrichten vom Absender. Und noch etwas kann man von den Japanern lernen. Ihre Briefe beginnen sehr oft, noch vor der Erkundigung nach dem Ergehen des Empfängers, mit einer kurzen Natur- und Jahreszeit-Schilderung, die zudem auf den Empfänger bezogen sein kann. Also etwa so:


[123] Nun hat sich der Frühling voll entfaltet. Gewiß blüht jetzt bei Ihnen wieder der schöne Amelanchier-Baum, der uns bei unserem letzten Besuch so viel Freude gemacht hat.


Dieses Anfangen mit Natur und Jahreszeit ist etwas sehr Schönes. Denn es geht von einer Naturbeschreibung eine große Ruhe aus – was immer nun der Brief an Nachrichten bringen wird, fröhliche oder traurige, die Natur wird bleiben und uns trösten und erfreuen.

Diese Natur- und Jahreszeiten-Bezüge gehen in Japan auf eine alte Tradition zurück. Das Haiku, das bekannte Dreizeilen-Gedicht, verbindet auch immer Natur, Jahreszeit und Stimmung.


Etwa:


Im Frühlingsregen gehen

Tief im Gespräch ein Mantel

Und ein Schirm vorüber.


Oder:


Die Blätter streifend, fällt

Eine weiße Kamelienblüte

In den dunklen Brunnen.6


Selbstverständlich sind wir Westler nicht so »blumig« wie die Japaner. Aber die Idee, einen Brief mit dem (ewigen) Fluß der Jahreszeiten beginnen zu lassen, damit die menschlichen Probleme in den richtigen Proportionen erscheinen, hat sicher etwas für sich.


Zum Schluß noch etwas Wichtiges, was die Frage: Mündlich oder schriftlich? allgemein betrifft. Wenn man jemand lobt, soll man das möglichst schriftlich tun; wenn man jemand tadelt, [124] so soll es (mindestens beim ersten Mal) mündlich geschehen. Meistens halten es die Leute umgekehrt: Für ein Lob geben sie sich nicht die zusätzliche Mühe des Schreibens. Wenn sie andererseits etwas zu tadeln, zu rügen, zu fordern haben, machen sie es des Nachdrucks halber gern schriftlich. Dies ist sicher falsch. Ein Lob in schriftlicher Form ist, wie oben ausgeführt, kräftiger und dauerhafter, gerade auch wegen der zusätzlichen Mühe, die sich der Schreibende machen mußte. Einen Tadel, eine negative Kritik, einen Vorwurf sollte man wenn immer möglich so halten, daß ein Einrenken der Beziehung nachher noch möglich ist. Und das ist viel leichter, wenn der Tadel mindestens zuerst mündlich ist.

Ein Professor sagte halb humoristisch, halb zornig zu einer Assistentin: »Sie sind schon das dümmste Roß, das herumläuft.« Es kam nicht einmal zu einer Verstimmung, weil die so Angesprochene den Sprecher und seinen Affekt leibhaftig vor sich hatte und sah, daß hier eine momentane Überreaktion vorlag, also kein Anlaß zu dauerndem Beleidigtsein. Man denke sich nun die gleichen Worte schriftlich. Da wird es nun ernst und tragisch. Ein Brief, das bedeutet: wohlüberlegt, nicht mehr bloß aus einem momentanen Ärger heraus, sondern sozusagen eine absolute Qualifikation, die zudem nicht vergessen werden kann, weil der Brief beständig da ist; es sei denn, man verbrenne ihn, was auch wieder Emotionen schafft. Also noch einmal: der Tadel sei mündlich.


ZU BEACHTEN


Man muß wieder mehr Briefe schreiben. Daß dies für viele Menschen schwierig ist, und daß es keine »sofortige Wunscherfüllung« bringt, spielt keine Rolle.


Der Empfänger will nicht unbedingt wissen, was der andere treibt. Aber er will unbedingt wissen, ob und wie der andere an ihn denkt.


[125] Darum ist ein Brief dann gut, wenn er das Interesse des Absenders am Empfänger bekundet.


Rundbriefe »An alle unsere lieben Freunde« sind deshalb nur ein Notbehelf; sie können den persönlichen Brief nicht ersetzen.


Kurze Briefe tun ihren Dienst oft besser als lange.


Ein Lob sei schriftlich, ein Tadel mündlich.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 119-126.
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