XI. Aus dem Kriegsjahre 1870.

[103] Juli war es und gewitterschwüle Luft. Am Himmel ballten sich Wolken zusammen, dunkel und schwer, und doch wußte man noch nicht, wird das drohende Wetter vorüberziehen und die Sonne uns wieder lachen, oder soll unser Vaterland ein Sturm durchbrausen, der das gesamte Volk erfaßt und den jeder einzelne durchzuringen hat!

Was sich zu Ems in jenen Tagen abspielte, weiß ein jeder, ich wiederhole es daher nicht. Die Wogen der Empörung und der Begeisterung, die bei den Nachrichten von dort in Wechselstimmung die Gemüter bewegten, hatten auch mich mit ihrer vollen Kraft erfaßt, und doch, in der Hoffnungsfreudigkeit, die meiner Natur eigen ist, hielt ich mich noch immer daran, daß die Wetterwolke vorüberziehen würde. Mir graute vor einem neuen Kriege.

Die täglichen Briefe, die ich mit meinem Manne austauschte, zeigten mir, wie er unter der Spannung litt, die diese Tage mit sich brachten, und unter der Tatsache, durch das Kommando gefesselt und nicht beim Regiment zu sein für den Fall, daß der Krieg ausbräche. Gewohnt, alles mit ihm zu teilen, was uns in Freud und Leid, in der Alltäglichkeit wie in den großen Ereignissen des Lebens begegnete, wurde durch seine Briefe ein Zwiespalt in meinem Wünschen und Hoffen geweckt. In sorgendem Bangen hätte ich ihn gern vor den Gefahren des Krieges bewahrt gewußt, und doch fühlte ich mich so sehr eins mit ihm, daß ich[103] sein Hinausdrängen nicht nur völlig begriff, sondern auch gewissermaßen teilte.

Meiner geliebten Mutter, die ich in dieser Zeit zur Seite hatte, konnte ich dieses Durcheinanderwogen der Gedanken anvertrauen, sie verstand ihr Kind. Im ruhigen Aussprechen und stillen Nachdenken glätteten sich die hochgehenden Wogen des Empfindens. Das eigene kleine Ich trat zurück, denn die ernsten und hohen Anforderungen jener Zeit ließen keinen Raum für selbstsüchtige Gedanken. Immer deutlicher wurde mir nun doch die Gewißheit, daß der Sturm losbrechen würde, aber auch immer fester hielt ich mich an der unerschütterlichen Überzeugung: »Es kann mir nichts geschehen, als was Gott hat ersehen und was mir heilsam ist!«

Ich hatte ja schon auf dem eigenen, schweren Krankenlager, wie in den zwei Kriegeszeiten, die Wahrheit des alten Liedes, das ich so gerne sang, erfahren dürfen: »In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott.« So konnte ich denn alles persönliche Klagen und Sorgen niederkämpfen, denn ich hatte es betend in des Herrn Hand gelegt und wollte nun alle Kraft zusammennehmen, um mit seiner Hilfe den Pflichten des Augenblicks genügen zu können. Wenn ich über die Eindrücke der großen Zeit 1870 und über das eigene Empfinden dabei ausführlicher schreibe, als es vielleicht für den engen Rahmen dieses Buches angängig scheint, so geschieht es, weil ich dadurch am besten ein lebenswarmes Bild jener Zeit wiedergeben kann. In dem, was man selbst damals innerlich durchgemacht hat, spiegelt sich das Gesamtfühlen unseres deutschen Volkes zu einer Zeit, die den einzelnen über sich selbst erhob.

Ich war mit meinen Eltern am 15. Juli in Flensburg gegen Abend in das Sommertheater gefahren, nicht um der Aufführungen willen, sondern nur, um im Kreise der Bekannten die spannenden Fragen des Tages besprechen und die neuesten Nachrichten austauschen zu können. Das hatten wir denn auch redlich getan, und mein Vater stand noch immer, sich eifrig unterhaltend, in einem Kreis von Offizieren, obgleich der erste Akt schon begonnen hatte.

Was sich auf der Bühne abspielte, interessierte mich nicht, gedankenverloren blickte ich nur auf die Gruppe der Offiziere. Da wurde meinem Vater eine Depesche gebracht, die er hastig aufriß. Lebhafte Bewegung unter den Herren, die sich eilig zerstreuten. Alle Köpfe wandten sich ihnen zu, eine große Unruhe entstand, und ein Murmeln ging durch die Reihen. Ich weiß nicht, hatte ich das Wort gehört und sprach es unbewußt nach, oder war es nur die Ahnung des Kommenden, die mich[104] sagen ließ: »Der Krieg ist da«, während ich meiner Mutter Hand erfaßte.

Die Musik schwieg, der Vorhang ging herunter, um sich gleich darauf wieder zu heben. Da stand mein Vater auf der Bühne, die Depesche in der Hand. Mit lauter, aber tief bewegter Stimme las er die Kriegserklärung Frankreichs vor und brachte ein Hoch auf Se. Majestät aus. So stürmisch waren die Hoch- und Hurrarufe, so jubelnd die Begeisterung, daß alles andere darin unterging. Stehend wurde die Nationalhymne gesungen und »Fest steht und treu die Wacht am Rhein«. Dann drängte alles nach Hause. Wer hätte auch noch Theater spielen oder im Theater bleiben mögen in dieser mächtig bewegten Stimmung. Mir war zumute wie im Traum, als ich nach Hause kam. Auf den Sturm der Begeisterung, der auch mich erfaßt hatte, folgte das Bangen der Frauennatur. Alles, was ich 1864 und besonders 1866 innerlich durchlebt hatte, trat wieder lebhaft vor meine Seele, und mir graute vor der nächsten Zukunft. Aber der Psalm, den ich noch in später Nachtstunde las, gab mir wieder mein Gleichgewicht zurück.

»Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hülfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben«, heißt es da in dem 46. Psalm und weiter: »Darum fürchten wir uns nicht – der Herr Zebaoth ist unser Schutz.«

Noch heute, wenn ich in meiner Einsegnungsbibel den Psalm aufschlage, unter den ich das Datum des 15. Juli 1870 geschrieben habe, steht mir lebhaft jener Abend und die ganze Kriegszeit vor der Seele.

In früher Morgenstunde erhielt mein Vater das Telegramm zur Mobilmachung der ganzen Armee, und von diesem Augenblick an begann nun auf allen Punkten die angestrengteste Tätigkeit. Die große Maschine des Mobilmachungsplanes war nun einmal in Bewegung gesetzt, und mit wahrhaft bewunderungswürdiger Genauigkeit arbeitete überall das weitverzweigte Getriebe. Jeder Tag zeigte die schon lange vorher aktenmäßig befohlene Tätigkeit, und so fand denn auch bald jeder seinen Platz.

In den Herzogtümern sah man mit einiger Besorgnis nach Dänemark hinüber, denn man erkannte in diesem Nachbarn einen natürlichen Verbündeten des französischen Kaisers und sagte sich, daß eintretenden Falles gerade hier viele schwache Punkte vorhanden, die den Dänen genau bekannt waren und mit ihrer Hilfe zu unserem großen Nachteil hätten ausgebeutet werden können. Doch traf schon in den nächsten Tagen die Neutralitätserklärung Dänemarks ein, und die dortigen Truppen waren der Sorge enthoben, zum Schutz der Herzogtümer zurückbleiben zu müssen.[105]

Die 18. Division wurde der großen Operationsarmee zugeteilt, und nur das Regiment 25 sollte zur vorläufigen Besetzung von Sonderburg zurückbleiben, das 36. Regiment von der 17. Division trat an seiner Stelle ein.

Die Division setzte sich zusammen aus der 35. und 36. Brigade, den Infanterieregimentern Nr. 36, 84, 11 und 85, dem Lauenburgischen Jägerbataillon Nr. 9, dem Schleswig-Holsteinschen Husarenregiment Nr. 16, dem Magdeburgischen Dragonerregiment Nr. 6, der ersten Fußabteilung des Feldartillerieregiments Nr. 9 und dem Schleswig-Holsteinschen Pionierbataillon Nr. 9.

Bald waren alle Vorbereitungen getroffen, der Tag der Abreise stand vor der Tür.

Am 24. Juli, am Tage von Tauberbischofsheim, wollten wir noch alle einmal zum Abendmahl gehen. Fast das ganze Flensburger Offizierkorps fand sich an dem Sonntagmorgen in der Kirche zusammen, und es war wohl keiner unter uns, den die Weihe der Stunde nicht tief bewegte. Das Abschiednehmen schloß sich daran; die Offiziere kamen zu meinen Eltern, um meiner Mutter und mir Lebewohl zu sagen. Die feierliche Stimmung von der Kirche her klang mehr oder weniger noch bei uns allen nach. Deutlich in der Erinnerung, ich möchte sagen wie ein photographisches Bild, steht vor mir einer der jungen Offiziere, mit dem ich in den letzten Tagen oft über ernste Dinge gesprochen hatte. Während die anderen sich von meiner Mutter verabschiedeten, war er an mich herangetreten. »Heute rot, morgen tot«, sagte er, »es ist was Schönes um einen frischen Soldatentod, aber wenn es nicht gleich zu Ende ist und man blutend daliegt, dann muß es einem das Sterben leichter machen, sobald man weiß, daß ein Herz uns betend zur Seite bleibt und uns so hinübergeleitet. Wollen Sie für mich beten? mich so geleiten?« bat er.

Die Augen waren mir feucht geworden, als ich ihm die Hand reichte und versicherte: »Ich verspreche es Ihnen.«

Es war ein fester Handdruck, mit dem wir voneinander schieden. – Einer der ersten, der auf Frankreichs Boden den Heldentod starb, war er.

Am 26. nachmittags fuhren meine Mutter und ich von Flensburg ab, mein Vater wollte tags darauf mit der Truppe folgen. Wir hatten unbeschreiblich viel Handgepäck, denn Wertsachen sollten nicht in Flensburg zurückbleiben. Ein Diener stand nicht mehr zu unserer Verfügung und Kofferträger waren nicht aufzutreiben, man mußte alles allein tragen und allein besorgen. Etliche Pakete unter den Armen, mein Kind an der einen Hand, an der anderen die Leine, mit der ich den Hund meiner[106] Eltern nach mir zog, so versuchte ich in dem Menschengewühle durchzukommen. Aber es ging nicht, ich mußte mir anders helfen. Der Humor sollte auch zu seinem Rechte kommen. Das Paket wurde in die Hand, der Hund unter den Arm geklemmt, was Effi sehr ungnädig aufnahm. Je fester ich ihn an mich drückte, desto energischer legte er Protest ein, bellte ohrenzerreißend und schnappte nach rechts und links. Das schaffte uns Platz, und trotz meiner gewiß sehr ernsten Stimmung mußte ich doch mit meinem Kinde um die Wette lachen über das kleine schwarze Ungetüm, das uns Bahn brach. Selbstverständlich war in Altona alles überfüllt. Da ich kein Bett für das Kind bekam, legte ich mein Töchterchen in das meine und streckte mich auf dem Teppich aus. Hart und unbequem war das Lager, aber ich empfand das mit einer gewissen Genugtuung in dem Gedanken, daß unsere Soldaten gewiß oft ein viel schlechteres Lager haben würden und ich nun auch einen ganz kleinen Vorgeschmack davon zu kosten bekäme.

Am Mittag des anderen Tages langte mein Vater in Altona an, wir erwarteten ihn auf dem Bahnhof, konnten aber nur einen flüchtigen Abschied nehmen, denn mein Vater hatte vollauf zu tun. Der Empfang des Festkomitees, das Verladen der Pferde auf die Dampffähre, die Begrüßung mit dem Kommandeur des 36. Regiments Oberst von Brandenstein, der die Offiziere seines Regiments vorstellte, das alles nahm ihn voll in Anspruch. Wir trennten uns daher bald und fuhren am Abend heim.

Am 28. früh kamen wir in Berlin an. Es war mein Geburtstag, und es wurde mir doch etwas wehmütig zu Sinn, als wir, vergebens auf irgendein Gefährt wartend, umringt von unseren Habseligkeiten, einsam und verlassen dasaßen. Aber den Kopf durfte ich nicht hängen lassen, mein Mutterchen hatte es augenblicklich ja schwerer als ich, und ich mußte auch für meinen Mann frisch bleiben, wenn er jetzt bald nach Potsdam zur Ersatzschwadron kam, während sein Regiment vor dem Feinde stand.

In Potsdam fand ich alles mit Blumen geschmückt. Mein Schwager, der jüngere Bruder meines Mannes, der auch für mich immer wie ein Bruder gewesen ist, hatte das angeordnet. Er stand ebenfalls bei dem 3. Gardeulanenregiment und hatte mich gebeten, noch vor dem Abmarsch zum letzten Lebewohl in Potsdam zu sein.

Es war mir lieb, daß ich rechtzeitig hatte kommen können. Er hatte die Überzeugung, daß er verwundet würde, und nahm mir das Versprechen ab, mich in Potsdam nicht zu fest in den Lazaretten zu binden, denen ich mich zur Verfügung stellen wollte; denn er selbst wünschte die Schwester zur Pflegerin zu haben, wenn er verwundet heimkäme.[107]

Als ich nun hier meinen Schwager und verschiedene Offiziere des Regiments sprach und zugleich die vorwärtsdrängenden Briefe meines Mannes erhielt, stand es bei mir fest, daß ich ihn nie mit einem Worte zurückhalten wollte, wenn er versuchen würde, zur kämpfenden Truppe zu kommen.

Am Tage vor dem Ausmarsch begegnete ich unserem Kommandeur, dem Prinzen Hohenlohe. Er gratulierte mir, daß mein Mann bei der Ersatzschwadron bleiben könne; »ich wäre gewiß glücklich darüber«, meinte er.

Ich schüttelte den Kopf. »Wenn ich an meinen Mann denke, kann ich mich nicht darüber freuen, denn es wird ihm natürlich sehr schwer.«

Der Prinz sah mich scharf an. »Aber weder Sie noch Ihr Mann werden irgendwelche Schritte tun, daß er der Armee nachkommt«, drängte er. »Versprechen Sie mir das?«

Wieder konnte ich nur den Kopf schütteln. »Durchlaucht, als Frau meines Mannes kann ich in diesem Punkt nur tun, was er wünscht, und darf ihn und mich nicht binden.«

Wir schieden. Ob ich unseren Kommandeur erzürnt hatte? Ich weiß es nicht, fast schien es mir so, aber wie hätte ich ihm anders antworten können!

Am Abend saßen Mutterchen und ich auf unserem Balkon. Unter den hohen Bäumen vor unserer Tür sah man die verschiedensten Uniformen mit der Herzallerliebsten nach Sanssouci herunter wandern, oder abschiednehmend unter den Bäumen stehen. In der tiefen Abendstille schallte manch zärtlich Wort bis zu uns herauf.

»Behüte dich Gott, mein Herzensjunge«, hörten wir unter uns Frau von Gutstedt von ihrem Balkon aus ihrem Sohne zurufen.

Der junge Ulanenoffizier stand vor dem Gitter, er winkte ihr mit beiden Händen zu. »Lebewohl, mein Mutterchen!«

Mein Schwager hatte sich von den Kameraden freigemacht und kam zu uns. Nun saßen wir noch bis zu später Stunde in der weichen Sommernacht auf dem Balkon. Dann kam das Abschiednehmen vom Bruder. Sein letztes Wort war: »Denke an dein Versprechen, wenn ich verwundet werden sollte.«

Tags darauf rückten die Truppen von Potsdam nach Berlin. Es war ein grauer Morgen, weiche, träumerische Luft. Wie stille Wehmut lagerte es über der Welt, milderte den Abschiedsschmerz und dämpfte die jubelnde Begeisterung, die zugleich mit dem vollen Begriff von dem Ernst der Lage jedes Herz bewegte. »Gott ist mit uns und mit der gerechten Sache, darum vorwärts mit Ihm«, das war der Gedanke, der alle Gemüter erfüllte, und der Grundstein, auf dem sich die Gefühle aufbauten.[108] In diesem, von den Franzosen so absichtlich heraufbeschworenen Krieg gelobte es sich wohl jeder einzelne der Hinausziehenden, bis auf den letzten Blutstropfen für König und Vaterland zu kämpfen.

Niemand, der diese Zeit durchlebt hat, wird den überwältigenden Eindruck jener Tage vergessen. Nur ein Herzschlag schien im weiten Vaterlande zu pulsieren, ein festes Band hoch und niedrig zu verbinden, und in gleichen Gefühlen, gleichem Gebet wußte man sich eins mit sonst fremden Menschen.

Auf den Straßen wogte es an jenem Morgen hin und her, man wollte den Fortziehenden noch einen Abschiedsblick zuwerfen und ein stilles »Behüt Gott« nachrufen.

So manche heiße Träne war wohl heute geflossen, so manches begeisterte Wort von jugendlichen Lippen geströmt! Nun war der letzte Kuß, der letzte Händedruck ausgetauscht, und mit klingendem Spiel ging es fort, freudig und todesmutig dem Kampfe entgegen.

Gleich nachdem das Regiment Potsdam verlassen hatte, kam mein Mann von seinem Kommando zurück, um die Ersatzschwadron zu übernehmen. Was für widersprechende Gefühle mischten sich diesmal in unsere Wiedersehensfreude, aber wir haben uns ja immer verstanden und verstanden uns auch diesmal!

Und nun kamen die ersten Siegesnachrichten: Weißenburg, Spichern, Wörth! – War das ein Jubel und zugleich ein Bangen und Sorgen um die teuren Angehörigen, die dieser und jener bei den Truppen hatte, die mit gekämpft, geblutet und gesiegt hatten.

Von meinem Vater bekamen wir gute Nachrichten. Am 10. August war er auf Forbach zu marschiert und hatte dort einen großen Teil des Schlachtfeldes durchquert. Er war mit seinem Adjutanten, dem Major Lust, aus der muldenförmigen Einsenkung der Spicherer Höhen auf einem schlechten Feldwege nach dem Plateau des Schlachtfeldes geritten und hatte dort, wahrhaft erschüttert durch die Größe der Leistungen, die Abhänge gemustert, die unsere Bataillone erstürmt hatten. Überall waren die Spuren eines verzweifelten Kampfes zu sehen gewesen, und als mein Vater dort, in ernste Gedanken versunken, um ein Gebüsch bog, traf er ganz unerwartet mit dem Könige zusammen. Der Hohe Herr hatte die Gnade, meinem Vater freundlich zuzunicken, mit ihm den größten Teil des Schlachtfeldes zu bereiten und ihm an Ort und Stelle die einzelnen Gefechtsmomente zu zeigen, wie diese nach den eingereichten Berichten ihren Verlauf gehabt haben mußten. Am Abend war mein Vater in das von Truppen und von Gefangenen überfüllte Forbach gekommen. Er schrieb, daß er in dem Zimmer wohne, in dem Frossard am 6. beim[109] Frühstück gesessen, als man ihm die erste Meldung vom Angriff der Preußen gebracht habe. Er soll dazu gelacht und, ohne sich im Frühstück unterbrechen zu lassen, erklärt haben, daß diese Geschichte nur als eine Tollheit der Prussiens bezeichnet werden könne. Auf die zweite Meldung, die ihm das Vorgehen des Feindes gegen seine rechte Flanke brachte, soll er zwar das Satteln bestellt, aber vorläufig noch gemächlich seinen Sekt weiter getrunken haben. Als er nun endlich bereit gewesen sei, zu Pferde zu steigen, wäre die dritte Meldung gekommen und die hätte gelautet, das Plateau sei erstürmt. General Frossard soll dann gesagt haben: »Nun, so ist es zu spät«, hätte eiligst seinen Wagen bestellt und wäre seinen fliehenden Truppen voran gen Südwesten gefahren.

Weiter schrieb mein Vater, wie sich nun unaufhaltsam die große Heeresmasse nach Westen wälzte und die vorgeschobenen Kavalleriedivisionen feste Fühlung mit dem Feinde hielten.

In warmen Worten sprach mein Vater in diesen Briefen noch aus, welch eine ganz besondere Freude es ihm sei, in diesem Kriege jetzt die Söhne dem Feinde entgegenzuführen, mit deren Vätern er 1848 und 49 im Schleswig-Holsteinschen Kriege gekämpft hatte. Er rühmte, daß trotz der durch die Hitze sehr anstrengenden Märsche die Leute trefflich ausgehalten hätten und in gehobenster Stimmung gewesen wären. Auch von der opferfreudigen Bereitwilligkeit, mit der die Soldaten in den Quartieren aufgenommen würden, erzählte mein Vater viel. Das Staunen der Bewohner über die Masse der Truppen soll groß gewesen sein. In Rockenhausen hatte sein Wirtstöchterlein gemeint: »Ich glaube, wenn der König von Preußen an den Bäumen schüttelt, so fallen da Soldaten herunter, denn sonst könnte er doch nicht so viele haben.« –

In Potsdam wurden die verlassenen Kasernen in Lazarette umgewandelt. Wir Offiziersfrauen, die wir noch in der Stadt weilten, hatten uns bereitwillig für den Samariterdienst gemeldet, damit wir, je nach Kräften und Anlagen, dort verwendet werden könnten. Wie auf Verabredung hatte jede von uns fortgetan, was in ihrer Kleidung an die verwöhnten Offiziersfrauen der Garde erinnern konnte, und trug sich so schlicht und einfach wie möglich. Auch die Locken, die ich damals frei über den Nacken hängen ließ, mußten sich in Zöpfe verwandeln, die fest am Hinterkopf aufgesteckt wurden. Drei Tage in der Woche hatte sich meine Mutter für die Pflege im Lazarett gemeldet, die übrigen ich. Eine von uns wollte immer daheim sein bei unserem kleinen blonden Liebling, und diese eine mußte dann zu Hause wenigstens einen Soldatenstrumpf gestrickt oder eine überwältigende Masse Scharpie gezupft haben. Einstweilen waren aber die Lazarette noch leer, und vorläufig wäre ich[110] doch noch nicht hingegangen, denn jetzt brauchte mein Mann ganz besonders sein »Sonnenkind«, wie er mich so gern zu nennen pflegte. Lange würde es doch nicht mehr sein, sagte ich mir, denn es stand in Aussicht, daß er fortkäme.

Da langte die Siegesnachricht vom 18. August in Potsdam an. Alt und jung, hoch und niedrig drängte sich auf den Straßen zusammen. Man freute sich und dankte, man hoffte und sorgte miteinander.

Dicht umlagert waren die Anschlagsäulen, an denen die neuesten Depeschen standen, und jubelnd rief einer dem anderen die Siegesnachrichten zu. Da stand die vornehme Dame der ersten Gesellschaft neben dem alten Mütterchen aus dem Volk, der ernste Professor neben dem lustigen Schusterjungen, und ein jeder tauschte eifrig mit dem anderen, gleichgültig gegen Rang und Altersunterschied, seine Freude, seine Hoffnungen, seine Sorgen aus.

»Ein Band vom Throne bis zur Hütte«, das Wort aus den Befreiungskriegen wandelte sich jetzt wieder zur Tat.

Der Jubel über die Siegesnachrichten wurde gedämpft durch die schweren Verluste, welche die glänzenden, aber blutigen Siege vom 14., 16. und 18. August verzeichneten. Die Garde hatte sich hier ihre Lorbeeren gepflückt, und viele tapfere Herzen besiegelten mit ihrem Blut ihre Vaterlandsliebe. Darum ging auch zugleich mit dem Begeisterungsrausch ein Wehklagen durch die Stadt.

»Gott helfe weiter«, hatte der teure König am Schluß der Depesche gesagt, und »Gott helfe weiter«, so betete jedes treue deutsche Herz, das sich eins wußte mit seinem vielgeliebten Herrscher und mit dem großen Pulsschlag des Volkes.

Unser Potsdam prangte im Flaggenschmuck und leise zog der Wind durch die Fahnen. Das rauschte und wogte so geheimnisvoll, als wollten diese stummen Verkünder der Freude auch in ihrer Weise teilnehmen an dem, was heute jede Brust bewegte. Ich stand im Garten am Gittertor und wartete auf die Rückkehr meines Mannes. Die Prinzessin Karl, die in unserem Hause bei Frau von Gustedt gewesen, war eben weggefahren, als mein Mann mit der letzten großen Siegesnachricht heimgekommen war. Er hatte sich gleich auf das Pferd geworfen, um der Hohen Frau nachzujagen und ihr die frohe Botschaft zu bringen.

Jetzt kam er auf dampfendem Rappen zurück. Freudig bewegt sah er aus und, den Arm um mich legend, zog er mich ins Haus.

Die Prinzessin, hoch beglückt durch die Nachricht, hatte dem König telegraphisch ihre Glückwünsche gesandt und dem Telegramm zugefügt: »Die Siegesnachricht überbrachte mir der Leutnant von Liliencron von[111] den 3. Gardeulanen, den Du, als er verwundet in Horsitz lag, Deiner Huld versichertest. Er ist beim Ersatz und sehnt sich brennend danach, bei der kämpfenden Armee zu sein. Ich würde ihm diese Freude wünschen!«

»Glaubst du«, fragte mich mein Mann, als er mir das erzählte, »daß dieser, von der Prinzessin ausgesprochene Wunsch für mich von Bedeutung sein kann?«

»Ich weiß nicht«, antwortete ich ihm leise, denn das Sprechen wurde mir schwer, »aber zur Armee kommst du doch noch, daran habe ich eigentlich nie gezweifelt.« Fünf Tage später – ich las die Nachricht zuerst in einem amtlichen Blatt – war mein Mann zum Adjutanten bei der 2. Gardeinfanteriedivision ernannt. Ob infolge jenes Telegrammes, oder ob es schon vorher bestimmt gewesen war, das haben wir nie erfahren.

Der Kauf eines neuen Pferdes, die Besorgung der Kriegsequipierung und die Abmeldungen, das alles drängte sich in vierundzwanzig Stunden zusammen. Es fand sich keine Zeit, um der Abschiedsstimmung Raum zu geben, es galt nur, zu denken und zu handeln. Aber in der Stille der Nacht konnten wir doch noch die letzten Wünsche und Worte austauschen.

»Wenn ich verwundet oder krank werden sollte und nicht transportfähig wäre, dann versuche es möglich zu machen, zu mir zu kommen«, bat er mich. »Ich glaube, ich ertrüge es kaum, in solcher Zeit dich entbehren zu müssen.«

»Mit Gottes Hülfe werde ich schon bis zu dir durchkommen, wenn du mich brauchst«, versicherte ich ihm. »Habe ich nur deine Erlaubnis, dann weiß ich ja, was ich zu tun habe.«

Am frühen Morgen des anderen Tages hatte mein Mann bewegten Abschied von meiner Mutter genommen, unser schlafendes Kind geküßt und fuhr nun mit mir zur Bahn. Die Pferde waren schon den Tag vorher verladen worden und mit dem Burschen abgefahren. Was wir uns noch zu sagen gehabt, das war daheim in stiller Zwiesprache ausgetauscht worden, nun kam nur noch die letzte Umarmung, das letzte Lebewohl, das der schrille Pfiff der Lokomotive jäh unterbrach. Das schwarze Ungetüm setzte sich in Bewegung und trennte – trennte uns!

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 103-112.
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