XII. Das Ideal.

[238] Man hört oft sagen: dem Ideal könne der Künstler sich nur annähern, es erreichen niemals.

In diesem Satze liegt ein schädliches Element verborgen, welches junge Künstler leicht auf Abwege führen kann.

Was heißt Ideal?

Die höchste denkbare Vollkommenheit eines Gegenstandes, in der Kunst also des Kunstwerkes.

Wer sucht diese Vollkommenheit?

Erstens der producirende Künstler.

Woraus schöpft dieser die Entscheidung, ob die Vollkommenheit in seinem Werke erreicht worden ist oder nicht?[238]

Aus seiner gewonnenen oder nicht gewonnenen Befriedigung.

Sollte demnach obiger Satz wahr sein, so dürfte nie ein Künstler vollständige Befriedigung über sein geschaffenes Werk empfunden haben, oder empfinden können.

Ist wohl Beethoven an seiner A-dur-Sinfonie z.B. Etwas zu wünschen übrig geblieben? Sollte er bei ihr nicht volle Befriedigung empfunden haben? Wenn aber, so hätte er wenigstens diesmal sein Ideal von der Sinfonie erreicht gehabt.

Zweitens entscheidet über erreichtes oder nicht erreichtes Ideal der Genießende. Und ist nur Einer unter Unzähligen einmal vollkommen befriedigt worden, so hat dieser ein erreichtes Kunstideal wirklich geschaut. Es wird wohl Manchen geben, der bei Anhörung der A-dur-Sinfonie vollkommene Befriedigung gefunden und also ein erreichtes Ideal der Sinfonie gehört hat.

Aber es ist die Frage, ob das der Sinn obigen Satzes sei. Denn in diesem Sinne giebt es viele, sehr relative Ideale, nach den verschiedenen Zeiten und Individuen. Das Ideal eines Meisterwerks vor hundert Jahren war ein anderes als das unserer Zeit, und das eines Italieners unserer Zeit ist[239] wieder ein anderes als das eines jetzigen Deutschen.

Ist obiger Satz vielleicht absolut gemeint?

Was wäre ein absolutes Kunstideal?

Ein für alle Zeiten und alle Völker geltendes Muster der höchsten Vollkommenheit des respectiven Kunstwerkes, z.B. der vollkommensten Sinfonie?

Heißt das nun weiter: die Idee, oder das Ideal, oder das vollkommenste Kunstwerk steht klar vor dem Geistesauge der Kunstwelt, aber niemals kommt ihr die Kraft, sie eben so vollkommen auszuprägen?

Oder heißt es: das Ideal existirt, aber es enthüllt sich dem Künstler zu keiner Zeit in voller Klarheit; es erscheint theils in mystischem Dunkel und darum ist es auch niemals vollkommen auszuprägen?

Oder heißt es ferner: das Ideal enthüllt sich nach und nach den vorschreitenden Künstlern mehr und mehr, aber immer bleiben sie etwas dahinter zurück mit ihrer Ausprägungskraft? So hat diese Zeit z.B. das von einer früheren nicht erreichte Ideal sogar überholt, aber sie selbst steht wieder vor einem höheren, das auch sie nicht vollkommen darstellen kann. Kurz, in dem Maße, als man ihm zuschreitet, weicht[240] es zurück, und so geht es fort bis – wie weit? bis in alle Ewigkeit?

Hier sind wir an dem Punkte angelangt, der uns einige praktisch fördernde Gedanken zuführen kann.

Die Geschichte der Malerei, Plastik u.s.w. lehrt uns, daß diese Künste schon bis in unsere Zeit herauf ununterbrochen nicht vorwärts gegangen, daß sie einen Punkt der Vollkommenheit erstiegen, von da aber wieder rückwärts gegangen sind. Um nur Ein Beispiel anzuführen aus der Sculptur: der Apollo von Belvedere ist niemals überboten worden. Und noch hat sich Niemand herausgenommen, diesem Kunstwerke die vollkommen ausgeprägte Idee, das Ideal, das vollkommene Muster göttlicher Mannesschönheit abzusprechen. Wir dürfen also annehmen, daß es einen ewigen Fortschritt irgend einer Kunst zu immer höherer Vervollkommnung nicht gebe, daß vielmehr jeder ein Punkt angewiesen sei, ein: Bis hierher und nicht weiter!

Fassen wir diese Erfahrungswahrheit ins Auge, so können wir sagen:

Es giebt ein Ideal, das sich der Künstlerwelt aus gänzlichem Dunkel nach und nach mehr und mehr enthüllt, jemehr sie ihm nachstrebt. Lange Zeit flieht es, aber es wird heller im Fliehen. Endlich[241] kann es nicht weiter; es muß still halten, sich in vollem Glanze enthüllen, und nun rücken die bevorzugtesten Geister heran, erreichen und conterfeien es ab.

Wer aber sagt uns, wann es erreicht ist?

Wenn höhere Productionen von allen höchsten nachkommenden Genien einer Kunst zusammengenommen nicht mehr erzielt zu werden vermöge. Es ist nicht anzunehmen, daß die Natur dieser Zeit viele Genies, einer anderen gar keines schenke. Sondern man darf mit mehr Wahrscheinlichkeit denken, daß die Grenze der Erreichbarkeit menschlicher Kunstvollkommenheit zu einem Zeitpunkte erreicht sei.

Nun findet wohl die Kunstbildungskraft ihre Grenze, nicht aber die Kunstüberbietungslust. Der Künstler möchte immer weiter, es genügt ihm nicht, das Vorhandene erreicht zu haben, er möchte es übertreffen. So lange die Kunst ihren Gipfel noch nicht erstiegen hat, ist dieser Trieb heilsam, weil fördernd zum Vollkommenen. Ist er aber erreicht, so schlägt derselbe Trieb ins Schädliche um. Denn kann der Kunsttrieb das Schöne nicht mehr innerhalb des Kreises der ewigen und unveränderlichen Kunstgesetze überbieten, so versucht er es gern durch Ueberschreiten dieser Grenzen, er sucht ein noch höheres[242] Ideal über diese hinaus, wo es gar keines mehr giebt, und damit ist der erste Schritt zum Rückgang einer Kunst gethan. Das vollkommen geschaute und vollkommen erreichte Ideal verdüstert sich nach und nach wieder, wie es sich früher nach und nach enthüllt hatte.

Diese Erfahrungen mögen den Kunstjünger warnen, ein unendlich fortschreitendes Ideal anzunehmen, wo denn freilich jede Neuerung in der Kunst auch als eine Vervollkommnung derselben dargestellt und vertheidigt werden könnte. Die Natur, von der wir soviel lernen könnten, wenn wir die in ihren Bildungen liegenden Schaffensmaximen deutlich zu ergründen suchten, schafft ihre schönsten und vollkommenen Werke von Ewigkeit her immer nach denselben und begrenzten Gesetzen. Sie hat z.B. zu allen Zeiten schöne Menschen geschaffen, aber sie ist niemals über ihre dabei festgestellten Gesetze hinausgegangen Niemals hat sie z.B. die Menschenschönheit im Uebermaß, sondern stets im Ebenmaß, niemals im Mißverhältniß der Theile, sondern stets im richtigen Verhältniß gesucht. Sie hat den Menschen nicht noch schöner zu machen versucht durch Vergrößern der Nase, durch Verkleinern des einen Armes u.s.w. Im Gegentheil, stellt[243] sie einmal eine Abnormität in der Menschenbildung auf, so ist es ein mißlungenes Werk, eine Mißgeburt.

Manche Kunstmißgeburt kommt dadurch, in die Welt, daß ihr Schöpfer das erreichte Ideal, wie es sich durch die besten Geister offenbart hat, noch durch ein über dieses hinausgehendes überbieten will.[244]

Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 238-245.
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