XIV. Cousin, der französische Philosoph, über Musik.

[251] Herr Cousin hat in der Revue des deux mondes eine Rangordnung der Künste aufgestellt, und der Musik den letzten Platz angewiesen. Das dürfte einen Tonkünstler wohl ein wenig verdrießen.

Sehen wir, ob er Recht hat.

»Das große Gesetz in den Künsten ist der Ausdruck. Auf diese Weise ist der Gegenstand« – soll heißen Zweck – »nicht das Vergnügen; der höhere oder geringere Genuß, den eine Kunst verschafft, kann nicht der Maßstab ihres Werthes sein. Dieser Maßstab ist kein anderer als der Ausdruck; da nun aber eben der Ausdruck der höchste Zweck ist, so muß die Kunst, die sich diesem am meisten nähert, die erste unter allen Künsten sein.«[251]

Und das sei die Poesie.

Wer hat Herrn Cousin gesagt, der Ausdruck sei der höchste Zweck der Kunst? Die Kunst ist da, um Eindruck auf den Menschen zu machen. Das bewirkt sie durch den Ausdruck. Folglich ist dieser Mittel und nicht Zweck.

Ein Mittel kann nicht den Maßstab des Werthes einer Kunst geben, sondern das, was durch das Mittel erreicht wird, der Eindruck, und zwar der Eindruck, der Genuß bereitet, denn unangenehmer Eindrücke wegen sucht Niemand die Kunst auf. Der höhere oder geringere Grad des angenehmen Eindrucks, des Vergnügens, gäbe daher allerdings einen Maßstab für den Werth ab, wenn man darthun könnte, daß die eine Kunst absolut höhere und edlere Genüsse hervorzubringen vermöge als die andere. Aber wie will man das bewerkstelligen! Vor allen Dingen müßte man zum Wettstreit einladen, von jeder Kunst die höchsten und schönsten Productionen; denn das miserabelste Gedicht kann doch nicht besser sein, weil es zur Poesie, als die beste Sinfonie, weil sie zur Musik gehört? Nun müßte man sehen, von welcher Kunst die stärksten und schönsten Eindrücke bewirkt würden. Diese wäre die erste. So beobachtete man weiter, und je[252] nach den abnehmenden Graden dieser Eindrücke würde die Rangordnung zu bestimmen sein.

Wer aber soll über diese Grade entscheiden?

Erstens kein Künstler. Denn wo fände sich wohl einer, der von einer anderen als seiner Kunst mächtigere Eindrücke und höhere Genüsse empfangen könnte? Wird Rafael dem schönen Bildwerke eine geringere Wirkung zusprechen lassen, als dem schönen Dichtwerke? Wird Mozart weniger Genuß empfinden beim Anhören einer schönen Musik, als beim Anschauen eines schönen Gemäldes? Und so fort.

Zweitens darf überhaupt Niemand darüber entscheiden, denn welcher Mensch trüge gleiche Empfängniß-, Verständniß- und Genußfähigkeit für alle Künste in sich? »Jeder Mensch« – sagt Herder – »hat seine Einbildungskraft, wie er ein eigener Mensch ist; bei Diesem sind die Töne mächtig, bei Jenem Farbe, Gestalt, Wort, Handlung.«

So ist es. Und jenachdem das Eine oder das Andere in dem Menschen mächtig ist, als Gebender (Künstler) oder als Empfangender (Hörer, Beschauer), wird sich die Macht dieser oder jener Kunst erweisen.

Herr Cousin z.B. giebt der Poesie den ersten Rang, wahrscheinlich, weil er für sie die meiste Verständniß-[253] und Genußfähigkeit in sich trägt. Er wird aber Mendelssohn Bartholdy nimmer überreden, die Poesie bringe tiefere Eindrücke und höhere Genüsse hervor als die Musik.

Kurz: in jeder Kunst kann die tiefste Wirkung und der höchste Genuß empfunden werden bei der rechten Empfänglichkeit, und es giebt daher objectiv keine erste, zweite und letzte, subjectiv aber für jeden eine andere Rangordnung.

So unhaltbar wie Herrn Cousin's Gründe für den Werth der Künste sind viele seiner im Verlaufe der Abhandlung entwickelten Ansichten über Musik, z.B. »Wir Neueren sind nicht so empfänglich für das Schöne, als die Alten es gewesen.«

So hätten Goethe, Rafael, Canova, Mozart weniger Empfänglichkeit dafür gehabt als Euripides, Apelles, Phidias, Amphion?

Vielleicht hat das Volk der alten Griechen das Schöne lebhafter empfunden als die neuere Menschheit, vielleicht auch nicht. Wenn die äußere Theilnahme entscheidet, so werden die Alten nicht häufiger zu ihren Kunstwerken geströmt sein als die Neueren. Wenn es aber auf die innere Theilnahme ankommt, so mag das Alterthum seine Kunstgenußheuchler gehabt haben wie die moderne Welt.[254]

Ich kann mir überhaupt von der höheren Bildung jener alten Welt, die so Viele angepriesen, keine rechte Vorstellung machen. Welche religiösen Dummheiten und Täuschungen sie sich hat aufbürden lassen, durch plump betrügerische Orakel, Wahrsagungen aus den Eingeweiden der Thiere u.s.w., ist bekannt. Und hat sie nicht einen Tonkünstler verbannt, weil er es gewagt, der Lyra eine Saite mehr hinzuzufügen? Und hat sie nicht heute ihre Erdengötter in den Himmel erhoben und morgen in den Staub getreten? Und hat sie nicht einen ganzen Himmel mit falschen Göttern bevölkert, die vor der Bildung der späteren Zeit in Nichts zerflossen?

Von der Musik sagt er unter Anderm auch: »Deshalb muß man nicht glauben, daß die Größe der Wirkungen (hier fällt ihm endlich ein, daß die Künste eine Wirkung bezwecken) sehr complicirte Mittel voraussetzt: nein, je weniger geräuschvoll die Musik ist, umsomehr dringt sie zur Seele.«

Welcher abgeschmackte, nachgebetete Gemeinplatz!

Was versteht Herr Cousin unter geräuschvoller Musik? Starke Instrumentalmassen? Dann müßte »Blühe liebes Veilchen« auf dem Pianoforte begleitet tiefer in die Seele dringen, als Händel's Halleluja?![255]

Versteht er aber unter geräuschvoll etwa verwirrte, unfaßbare Klänge, so können die von wenigen Instrumenten ebenso hervorgebracht werden, wie im Gegentheil sehr klare von sehr vielen Instrumenten.

»Gebt dem Pergolese einige Noten, gebt ihm besonders einige reine, liebliche Stimmen, und er versetzt euch in den Himmel, er versetzt euch in unaussprechliche Träumereien.«

Mag sein. Haben solche Wirkungen aber Mozart, Beethoven nicht hervorgebracht, weil sie mehr als einige Noten und mehr als einige Singstimmen, weil sie große Massen von Instrumenten oft verwendet?

»Die eigenthümliche Macht der Musik besteht darin, der Einbildungskraft eine Laufbahn ohne Grenzen zu eröffnen!«

Es giebt viele herrliche Musikstücke, die uns in einen ganz bestimmten und recht engen Kreis von Vorstellungen und Gefühlen bannen und also unsere Einbildungskraft nichts weniger als ins Unbegrenzte treiben. Von der Art sind die allermeisten Schilderungen bestimmter Charaktere, Situationen und Gefühle in den Opern, Oratorien, dem Liede u.s.w. Von der Art sind selbst viele Musikstücke in der reinen[256] Instrumentalmusik, der Trauermarsch in Beethoven's Sinfonia eroica zum Beispiel.

Weiter soll ihre eigenthümliche Macht darin bestehen, sich mit einer erstaunenswürdigen Schmiegsamkeit in die Neigungen eines Jeden zu versetzen, bei dem Tone der einfachsten Melodie unsere gewohnten Gefühle, unsere Lieblingsneigungen zu reizen oder einzuschläfern.

Angenommen, mein gewohntes Gefühl sei Melancholie. So wird sie bei dem Tone der einfachsten Melodie, gleichviel welche Art von Ausdruck sich darin kundgebe, entweder noch peinlicher für mich aufgereizt oder aber eingeschläfert? Welches nun von beiden? Das Einschläfern könnte ich mir gefallen lassen, die Musik befreit mich dann von einem quälenden Zustande. Aber das Aufreizen und Steigern durch dieselbe? Dann wäre ich, sie aufsuchend, ein Selbstpeiniger. Wenn ich nicht ganz schwachsinnig wäre, müßte ich sie fliehen, denn des Menschen erste Pflicht ist, sich peinlichen Zuständen zu entziehen und angenehme an ihre Stelle zu setzen.

Sie soll unsere Lieblingsneigungen reizen oder einschläfern?

Sie würde demnach den Wollüstling entweder[257] noch wollüstiger machen, oder seine Begierden einschläfern. Thäte sie das Letztere, so könnte man sie dulden, thäte sie das Erstere, so müßte sie von Polizei wegen verboten werden. Oder meint Herr Cousin, sie reize die gewohnten angenehmen Gefühle und schläfere die bösen ein? Er hat das nicht gesagt. Er läßt uns zwischen Entweder und Oder die Wahl, und wie wir wählen, wir wählen falsch. Denn weder thut die Musik das Eine, noch das Andere, oder soll es wenigstens nicht thun. Die Kunst ist überhaupt keine Dienerin unseres gewohnten Daseins, sondern eine Gebieterin darüber. Dadurch eben ist sie Kunst; dadurch eben unterscheidet sie sich von dem gewöhnlichen Leben und Treiben, daß sie uns aus diesem heraus in ein vorgespiegeltes höheres, schöneres, idealeres versetzt. Dringt in ihr vorgespiegeltes unser gewöhnliches reales ein, so ist sie eine ohnmächtige Kunst, versteht ihre Aufgabe nicht, und mag lieber schweigen.

»Wie sie erscheint«, sagt Herder, Metakritik S. 122, »gebietet nicht nur unser Geist, sondern der Geist des Dichters, des Künstlers«; welcher echte Dichter und Künstler aber möchte sein Leben und seine Kräfte dazu verwenden, unsere Lieblingsneigungen, worunter so viele böse, zu hätscheln, oder gar noch ärger aufzustacheln?[258]

»Die ausgezeichnetste Kunst, diejenige, welche alle anderen übertrifft, weil sie ohne Vergleich die ausdrucksvollste ist, ist die Dichtkunst.«

Wie oft hört man Dichter ausrufen: Nicht vermag ich mit Worten auszudrücken, was ich fühle! Und fängt die Ausdruckskraft der Musik nicht da erst an, wo die des Wortes, der Poesie aufhört?

»Denkt daran, welche Welt von Bildern, Gefühlen, Gedanken, deutlich und verwirrt zugleich, dies einzige Wort in Euch erregt: »Vaterland!« und dies andere kurze und unermeßliche Wort: »Gott.« Giebt es Klareres und zugleich Tieferes und Unermeßlicheres? Sagt dem Architekten, dem Bildhauer, dem Maler, dem Musiker selbst, er solle so mit einem einzigen Schlage alle Gewalt der Natur und der Seele hervorrufen, sie können es nicht, und dadurch erkennen sie die Ueberlegenheit des Wortes und der Poesie an.«

Dieser Satz klingt, von verschiedenen Seiten betrachtet, so seltsam, daß ich lange nachgeforscht habe, ob nicht ein anderer Sinn dahinter liege.

Man denke sich einen Concertsaal, mit dem ausgesuchtesten, gebildetsten, feinfühlendsten, erregbarsten Publikum angefüllt. Jetzt tritt etwa ein Declamator hervor, stellt sich würdevoll vor das harrende Publikum.[259] Allgemeine Erwartung – Stille. Plötzlich ruft er in den Saal hinein:


Vaterland!


und tritt gravitätisch wieder ab.

Und nun regte sich in den Anwesenden eine Welt von Bildern, Gefühlen, Gedanken, deutlich und verwirrt zugleich? Nichts Anderes wird dieses Wort bewirken, als unmäßiges Gelächter. Vielleicht aber hat die Masse keinen Sinn für das Wort. Der Declamator versucht es mit einem andern. Er tritt noch einmal hervor, und spricht mit erhöhter Stimme das andere kurze Wort aus:


Gott!


Es giebt in der That nichts Klareres, Tieferes und Unermeßlicheres, als dieses Wort; wird sich nun jene versprochene Welt von Bildern, Gefühlen, Gedanken, deutlich und verwirrt zugleich, in den Zuhörern regen und bewegen? Nichts davon wird sich regen, auch kein Gelächter wird losbrechen, tiefe, mitleidvolle Stille wird eintreten, denn Alle werden glauben, der Declamator sei übergeschnappt.

Herr Cousin sagt ganz ausdrücklich »dies einzige Wort: Vaterland, Gott.« Er meint die versprochene Wirkung müsse hervorkommen, wenn es so ganz nackt und isolirt hingestellt, gleichviel unter welchen[260] Umständen, gleichviel von wem ausgesprochen, gleichviel gegen wen. Wenn das aber wahr wäre, so wäre ja jedes einzeln ausgesprochene bedeutende Wort ein Gedicht, und Jeder, der es ausspräche, wäre ja ein Dichter.

Das, was der Dichter mit einem solchen einzigen Worte soll bewirken können was aber nur ein Hirngespinnst des Herrn Cousin ist, das soll ihm nun der Architekt, Bildhauer, der Maler, Musiker mit einem einzigen Schlage nachmachen.

Wer kann mir sagen, was Herr Cousin mit diesem einzigen Schlage des Architekten, Bildhauers, Malers, Musikers eigentlich meint?

Weil aber der Architekt, Bildhauer, Maler, Musiker mit einem einzigen Schlage nicht machen kann, was – der Dichter mit einem einzigen Worte, nackt und isolirt hingestellt, auch nicht kann, darum steht die Poesie allen anderen Künsten voran!

Endlich: »Welche Poesie! ruft man aus beim Anblick eines Gemäldes, einer edlen Melodie, einer ausdrucksvollen, dem Leben ähnlichen Statue. Dies ist keine willkürliche Vergleichung, es ist ein natürliches Urtheil, welches aus der Poesie den Typus der Vollkommenheit aller Künste macht, diejenige[261] Kunst, welche alle übrigen versteht, nach der alle streben, und die keine erreichen kann.«

Herr Cousin erlaube zu bemerken, daß man sagt: Welch ein Maler ist dieser Homer! welcher Wohlklang, welche Musik in diesem Gedicht!

Wenn »welche Poesie!« beim Anhören einer Melodie keine willkürliche Vergleichung ist, ist dann: »welche Musik des Worten« eine?

Was hat Herr Cousin mit seinem Aufsatze bewiesen?

Daß er die Poesie allein vorzieht, weil er von ihr allein Etwas versteht, von den anderen Künsten aber Nichts. Daß er diese seine individuelle Kenntniß und Empfänglichkeit als ein absolutes Gesetz genommen und darnach den Werth der Künste bestimmt hat, woraus hervorgeht, daß Herrn Cousin's Philosophie, Philosophie genommen als Ergründerin des wahren Wesens der Dinge, eine außerordentlich schwache ist, und daß, wenn er niemals besser als in diesem Aufsatze philosophirt hat, er auf sehr billige Art zu seinem Ruhme gekommen ist.[262]

Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 251-263.
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