Neunzehntes Kapitel

[298] Je weniger ich mich indes imstande fühle, eine kunstgerechte Beschreibung der Operationen zu geben, wodurch Angriff und Verteidigung nach dem Urteil aller Kenner mit gleichem Aufwande an Genie, Wissenschaft, Mut und Beharrlichkeit fortgeführt wurden, desto geratener ist es wohl, die Einzelheiten, in welchen ein Tag dem andern sich hierin immer mehr oder weniger ähnlich sah, zu übergehen. Des Feindes bewunderungswürdige Tätigkeit hatte am Ende des Maimonats an der Ost-wie an der Westseite der Festung – dort bis hart an den Strand, um sich gegen die Angriffe von der Seeseite besser zu schützen, hier bis über Sellnow hinaus – in einem großen Halbmonde umher nicht weniger als fünfundzwanzig große und kleine Schanzen, Batterien und Fleschen zustande gebracht und untereinander in Verbindung gesetzt, hatte künstliche Dämme auf mehr als einem Punkte begonnen und die Laufgräben an verschiedenen Orten, zunächst aber gegen die Wolfsbergschanze eröffnet.

Unsrerseits bot man die größte Wachsamkeit auf, unsern Gegnern jeden kleinen Vorteil, um den sie rangen, aufs hartnäckigste streitig zu machen. Die Überschwemmungen wurden nach und nach in ihrem weitesten Umfange ins Werk gerichtet und dienten trefflich dazu, uns den Feind in einer ehrerbietigen Ferne zu halten und die Fortführung seiner Laufgräben, wenn er sie nicht voll Wasser haben wollte, zu zügeln. Fragte mich der Kommandant: »Wie steht's, Nettelbeck, können wir nicht noch einen halben Fuß höher stauen?« – so fehlte es nicht an einem bereitwilligen: »Ei nun, wir wollen sehen!« und ich sorgte und künstelte so lange, bis ich den Wasserstand noch um so viel höher brachte. Die meiste Not machte mir der Müller Fischer, der stets mehr Wasser verbrauchte, als mir lieb war, bis ich mich endlich genötigt sah, ihm vier starke eiserne Bolzen über den Aufzugsschützen in solcher Höhe einzuschlagen, als ihm ohne Nachteil für die Inundationen eingeräumt werden konnte. Indem ich aber dies Werk allmählich immer höher und höher trieb, mußte es denn freilich wohl seinen letzten Zielpunkt erreichen, und so war mirs ein betrübender Anblick, als ich eines Tages wahrnehmen mußte, daß an der Stauschleuse die mittlere Schütte bedenklich auf die Seite zu weichen begann. Die Gefahr war groß, und zugleich regnete es[298] Vorwürfe von allen Seiten! – Was war zu tun, als flugs Hand an ein neues Bollwerk und Schütte etwas weiter oberwärts zu legen und so den Andrang an die beschädigten Wasserwerke zu brechen? – Es geschah und leistete wenigstens notdürftig, was es sollte; denn freilich blieb es ein unvollkommenes Werk, da ihm der feste Grund mangelte und das Wasser unten durchsickerte.

Noch zwar konnte die fast tägliche und oft ziemlich lebhafte Beschießung der Stadt für kein eigentliches Bombardement gelten; aber doch führte sie den Ruin gar vieler Häuser herbei, und die Beispiele von aufgehenden Brandflammen sowie von verunglückten oder entsetzlich verstümmelten Menschen in Häusern und auf den Gassen wurden immer häufiger. Man durfte sich nirgends mehr in den Wohnungen und im Freien für ganz sicher halten, und je mehr Gebäude durch Bomben und Granaten unwohnlich gemacht worden waren, um so höher stieg auch die Zahl der Unglücklichen, denen es an Obdach wie an Mitteln zum Unterhalt fehlte. Schon zu Anfang April hatte Loucadou einige wiewohl unzureichende Veranstaltungen getroffen, eine Anzahl unnützer Menschen, Arme und die für ihren Unterhalt auf keine Weise sorgen konnten, aus der Festung und auf Booten nach Rügenwalde zu schaffen; aber noch immer waren viel zu viel Leute dieser Art vorhanden, die dem Ganzen zur Last fielen und denen des Kommandanten Menschenfreundlichkeit ihr unglückliches Los durch eine gezwungene Auswanderung nicht noch mehr erschweren mochte.

Diese bedauernswerten Menschen irrten nun häufig in den Straßen umher, während die feindlichen Kugeln immerdar über ihren Köpfen wegzogen, und alte Männer und Frauen, Kinder, Verlassene und Kranke füllten die Luft mit ihrem Geschrei und Wimmern. Mich jammerte dies Elend, und ich ging zu Gneisenau, ihn aufmerksam darauf zu machen. Mein Vorschlag zu einstweiliger Unterbringung dieses Menschenhäufleins fand auch sofort das freundlichste Gehör. Es gab nämlich eine Kasematte unter dem Walle links des Stockhauses, worin zwar einige Gefangene aufbehalten wurden, die aber leicht im Stockhause selbst untergebracht werden konnten. Froh über die Erlaubnis, meine irrenden Schäflein in diese sichere Zuflucht einweisen zu dürfen, mußte ich nun zunächst bemüht sein, diesen Aufenthalt von einem mit nichts zu vergleichenden Schmutz zu säubern und zu einem erträglich gesunden Wohnort für Menschen wieder herzustellen. Dies geschah, indem ich die feuerfeste Kasematte mit zwei Schock Stroh anfüllen und dieses anzünden ließ, so daß Wände und Gewölbe rein ausgeglüht wurden, und die dumpfe Feuchtigkeit sich verzehrte. In diese schwarze Höhle konnten nunmehr gegen zweihundert Obdachlose aller Art und Geschlechts einquartiert werden, und bis zum Ende der Belagerung begehrte auch kein einziger, von dannen zu weichen.

Eine andre Not tat sich uns auf in dem Mangel klingender Scheidemünze, wodurch der tägliche Verkehr, besonders des gemeinen Soldaten mit der Bürgerschaft,[299] sehr erschwert und die regelmäßige Zahlung der Löhnungen beinahe unmöglich gemacht wurde. Das Gouvernement, nachdem es die Bürger vergeblich zu einer baren Anleihe aufgefordert (wozu zwar die Armen ihr Scherflein willig darbrachten, während die großen Kapitalisten dermalen nicht zu Hause waren), dachte auf einige Abhilfe durch Einführung einer eigenen Not- und Belagerungsmünze, wozu das Metall einer zersprungenen großen metallenen Kanone angewandt werden sollte. Allein es verstand sich niemand in der Stadt aufs Prägen, und es war auch nicht die geringste Vorrichtung dazu vorhanden. Da erinnerte ich mich, daß ich vormals im holländischen Amerika eine Art von Papiergeld zur Erleichterung des kleinen Verkehrs unter den Pflanzern im Gange gefunden hatte, und ich fand es zweckmäßig, die Einführung ähnlicher, obrigkeitlich gestempelter Münzzettel zu einem bestimmten Werte zu empfehlen. Der Vorschlag wurde beachtet und durch eine aus Seglerhausverwandten und Bürgerrepräsentanten zusammengesetzte Kommission wirklich ausgeführt. Die Billetts von zwei, vier und acht Groschen im Werte und auf der Rückseite durch den Stempel des königlichen Gouvernementssiegels autorisiert, fanden willigen Eingang, wurden in der Folge eingelöst und viele als Denkzeichen der überstandenen Drangsale innebehalten oder selbst über ihren Nennwert als Seltenheiten an zu uns hereingekommene sächsische Offiziere und andere Fremde verkauft.

Vom 5. Junius an ward es immer unverkennbarer, daß dem Wolfsberge ein regelmäßiger Angriff drohte, indem die feindlichen Laufgräben sich diesem Außenwerke allnächtlich mehr zu nähern suchten. Schon mit dem Abend dieses Tages begann diese fortgesetzte Arbeit mit einem solchen Eifer, daß unsrerseits die volle Kraft aufgeboten werden mußte, dies Vorrücken zu verhindern. Es kam daher von allen Werken und Schanzen im Bereich jenes Postens zu einer gegenseitigen Kanonade, welche die ganze Nacht durch anhielt, stärker war, als wir sie in aller Zeit bisher gehört hatten und sowohl uns als dem Feinde viele Menschen kostete.

Dennoch schien man französischerseits nur die Vollendung einer neuen, uns ziemlich auf den Leib gerückten Batterie am sogenannten »Hasenwied« erwartet zu haben (welche trotz dem schrecklichsten Regenwetter am 10. Junius zustande kam), als auch sofort in aller Frühe des nächsten Morgens das gefürchtete Ungewitter gegen die Wolfsschanze wirklich losbrach. In Zeit von einer Stunde zählte man dreihunderteinundsechzig Schüsse, die gegen diesen einzigen Punkt gerichtet waren. Dann aber begannen auch alle übrigen Batterien der Reihe nach bis zur Altstadt hinauf ein mörderisches Kanonen- und Bombenfeuer gegen die Stadt und ihre Wälle auszusprühen. Überall regnete es Kugeln und Granaten; Schaden und Unglück waren beträchtlich. Dreimal schlug das Feuer vormittags und einmal nachmittags in lichten Flammen bei uns auf, die jedoch immer bald wieder unterdrückt wurden. Bei diesem Ernst des Feindes wurden denn auch neue Maßregeln der Vorsicht nötig, und durch Trommelschlag erging der Befehl[300] an die Hausbesitzer, vor den Türen und auf den Böden gefüllte Wasserfässer zum Löschen bereitzuhalten.

Indem nun die Belagerer uns auf solche Weise im Platze selbst überflüssig zu tun gaben, erreichten sie ihre Absicht, uns, wiewohl wir unaufhörlich mit Kanonenkugeln in ihre Kolonnen schossen, eine kräftigere Unterstützung der Wolfsschanze zu wehren. Die Besatzung mußte ihrer eigenen Tapferkeit und dem freilich nicht zureichenden Schutze der schwedischen Fregatte, welche sich dem Strande wieder näher gelegt hatte, überlassen bleiben. Bis um fünf Uhr nachmittags hielt sie sich mit rühmlicher Entschlossenheit, dann aber waren ihre Verteidigungsmittel erschöpft, und mit harter Betrübnis sahen wir sie die weiße Fahne aufstecken, nachdem bereits eine starke Bresche geschossen worden und der Ausgang eines Sturmes nicht mehr zweifelhaft war. Ein fünfzehnstündiger Waffenstillstand und demnächst eine Kapitulation für dies Werk ward abgeschlossen, vermöge deren dasselbe dem Feinde eingeräumt werden sollte, die preußische Besatzung aber zusamt ihrem Geschütze freien Abzug in die Festung erhielt.

Der Verlust dieses Postens konnte von entscheidenden Folgen für unser Schicksal werden, weshalb der Kommandant für notwendig hielt, von diesem Ereignis den schleunigsten Bericht an den König zu erstatten. Der Schiffer Stechow lag eben auf der Reede zum Absegeln nach Memel fertig, und ich erhielt den Auftrag, seine Abfahrt so lange zu verzögern, bis die neuen Depeschen für ihn fertig geworden. Nachdem ich ausgerichtet, was mir befohlen worden und mich eben auf dem Rückwege zur Stadt befand, erhob sich mir zur Seite plötzlich ein furchtbares Kanonen- und Bombenfeuer von unsern Wällen herab, das sämtlich gegen die kaum verlassene Wolfsschanze gerichtet war, und wenige Minuten später ward es auch aus den feindlichen Werken jener Gegend mit einem Ungestüm erwidert, daß mir Hören und Sehen verging und ich mich wacker zu sputen hatte, um nicht in die Schußlinie zu geraten. Der Erdboden unter mir bebte, und die Schüsse fielen mit einer Schnelle, daß sie kaum mehr zu zählen waren.

Was konnte dies zu bedeuten haben? War doch bis zum nächsten Morgen ein Waffenstillstand in Kraft! – Doch eben diesen hatte der Feind, wie ich nun erst vom Kommandanten erfuhr, gebrochen, indem er augenblicklich die Ausbesserung der eroberten Schanze vertragswidrig begonnen und darum in diesem Vornehmen durch unser Geschütz hatte gestört werden müssen, was indes auch acht unsrer Mitbürger, die sich zuversichtlich hervorgewagt hatten, das Leben kostete. Mich selbst erwartete daheim ein unlieblicher Anblick. Eine Bombe war in der Nähe meines Hauses niedergefahren und beim Zerspringen derselben nicht nur meine Haustüre in Trümmer gegangen, sondern auch dicht dahinter auf der Flur eine Bauerfrau getötet worden.

Indes fuhren die Belagerer fort, sich in der Wolfsschanze immer fester zu[301] setzen, ja sie gänzlich umzuwandeln und Schießscharten nach unsrer Seite hin zu eröffnen, während sie sich auch andrer Orten in ihren Schanzarbeiten nicht minder fleißig erwiesen. Sie unterstützten diese Operationen durch ein anhaltendes Feuer auf unsre Wälle, die denn auch nicht säumig waren, diese Grüße nach Kräften zu erwidern. Leider aber offenbarte sich seither und noch mehr bei den gegenwärtigen, verdoppelten Anstrengungen der große Nachteil, an welchem unsre ganze Festungsartillerie krankte, so daß es eigentlich als ein Wunder gelten muß, daß noch soviel damit ausgerichtet und ein gewisser Respekt beim Feinde erhalten werden konnte. Ein Transport neuen und guten Geschützes aus dem Berliner Zeughause war für Kolberg bestimmt gewesen und im vorigen Sommer auch wirklich nach Stettin gelangt. Bevor aber die Seefracht von dort nach unserm Platze bedungen und die Genehmigung des damaligen Kriegskollegii in allen herkömmlichen Formalitäten erlangt werden konnte, war Monat auf Monat verstrichen, bis endlich die Franzosen sich unversehens Stettins und zugleich des uns zugedacht gewesenen Geschützes bemächtigten, und so geschah es, daß wir nunmehr zum Teil mit diesen unsern eigenen Stücken, sowie mit unsrer eigenen Ammunition beschossen wurden.

Was wir also an Kanonen und Mörsern besaßen, war reiner Ausschuß und zudem das Eisen derselben von einer so spröden Gußmasse, daß gewöhnlich nach neun oder zehn schnellen Schüssen das Springen des Stücks befürchtet werden mußte. Wirklich traf nur zu viele derselben dies Schicksal, welches zugleich einer größern Menge von Artilleristen auf den Wällen das Leben kostete, als durch feindliche Kugeln hingerafft wurden. Ohnehin bestand die Zahl derselben von Anfang an nur aus einer Kompanie, deren Dienst allmählich so schwer und anstrengend wurde, daß die armen Leute sich zuletzt kaum mehr auf ihren geschwollenen Füßen zu erhalten vermochten. Eine erwünschte Erleichterung erhielten sie indes durch den freiwilligen Hinzutritt einer Anzahl von Bürgersöhnen, welche sich in der Bedienung des Geschützes bald ebenso anstellig als eifrig bewiesen.

Wenn aber der zunehmende Mangel an brauchbaren Stücken in einem Augenblicke, wo wir deren mehr als jemals bedurften, uns mit nicht unbilliger Sorge erfüllte, so mag man sich auch unsre freudige Überraschung vorstellen, als am 14. Junius die Meldung einging, daß ein englisches Schiff sich der Reede nähere welches uns eine Anzahl neuen Geschützes samt dazu gehöriger Munition zuführe. Doch ebenso schnell auch ward uns diese Freude wieder getrübt durch den Zusatz: das Schiff sei in dem stürmischen Wetter unter den Wind geraten und habe die Reede nicht mehr gewinnen können, sondern sich ostwärts wenden müssen, wobei es unweit Henkenhagen der Küste sich zu sehr genähert, und nun in Gefahr stehe, entweder zu stranden und so den Franzosen in die Hände zu fallen, oder doch von ihnen auf Booten geentert zu werden.[302]

Ich flog mehr, als ich ging, um nach der Münde zu kommen und Rat zu schaffen, daß das Schiff gerettet würde. Als ich ankam, war es die alte Geschichte! Viel Mundaufsperrens, viel Fragens, viel Beratens: und dennoch kein Entschluß! Die Lotsen schoben's auf die stürmische See und wolltens nicht wagen, sich näher nach dem Schiffe umzusehen; allein es mochte ihnen, wie ich leicht spürte, wohl noch mehr vor den Franzosen als vor dem empörten Elemente grauen. Nun schalt ich und das nicht wenig! Als aber nichts bei den Memmen anschlug, fiel mir kein besseres Mittel ein, sie zu beschämen, als mich auf der Stelle an vier ihrer Weiber zu wenden, die nach hiesigem Brauche des Ruderns beim Prahmen (d.h. Beladen und Entlasten der Schiffe auf der Reede) wohl erfahren und handfest sind. »Trine und ihr andern«, rief ich, »wollt ihr mit?« – »Flugs und gern, Herr, wenn Er geht!« – Dann packte ich noch einen Lotsen am Arm, dem ich noch die meiste Courage zutraute, zog ihn, gern oder ungern, ins Boot, und heidi! ging es auf Henkenhagen zu.

Freilich ließ es das böse Wetter, nachdem ich glücklich an Bord des Schiffes gekommen war, noch eine Zeitlang unentschieden, ob ich es gegen den Wind würde in den Hafen bringen können, oder mich begnügen müssen, es nur weiter in See und den Franzosen aus den Krallen zu entführen. Endlich gelang mir das erstere dennoch, und das neue Geschütz ward nun im Triumphe nach der Festung abgeführt. Es waren fünfundvierzig Kanonen und Haubitzen, zwar eisern, aber vom schönsten Gusse, meist kurze Karronaden, sechs-, acht- und zwölfpfündig. Der dazu gehörigen Kugeln und Granaten war nicht minder eine ansehnliche Menge. Nur eins hätte uns leicht unsre ganze Freude daran verderben können! Kanonen hatten unsre Verbündeten uns zwar geschickt, aber nicht die dazu gehörigen Lafetten, für welche es vielleicht an hinreichendem Raum in dem Fahrzeuge fehlte oder die sonst in der Eile vergessen worden. Man weiß, wie schlecht wir selbst damit versehen waren, oder was wir etwa noch vorrätig hatten, paßte nicht zu dem Kaliber. Doch unsre Artilleristen machten aus der Not eine Tugend und wußten sich zu helfen. Wo die Schildzapfen für unsre Gestelle zu dünne waren, fütterten sie die Pfannen so lange mit Lumpen und altem Hutfilz aus, bis die Röhren ein festes Lager fanden und mit einiger Sicherheit gerichtet werden konnten. Unsre Gegner aber blieben den Wirkungen dieses Geschützes nach weit entfernt zu ahnen, wie kümmerlich es um dasselbe stände.

Noch hielt der Sturm tosend und unter dem heftigsten Regen an; die Nacht auf den 15. Junius ward finsterer, als sie in dieser Jahreszeit bei uns zu sein pflegt, und alles dies begünstigte ein Unternehmen, an welches, wie gewagt es auch scheinen mochte, sich dennoch große Hoffnungen knüpften. Es galt einen Ausfall, der uns die Wolfsschanze zurückgeben sollte. Das Grenadierbataillon v. Waldenfels, welches sie sich hatte müssen nehmen lassen, wollte sie auch wieder gewinnen, und der über alles brave Befehlshaber desselben, zu diesem nächtlichen[303] Sturme vom Kommandanten ausersehen, setzte sich mit hohem Enthusiasmus an die Spitze seiner Leute. Ihm von ferne nachzueifern, konnte ich wohl nicht weniger tun, als nach gewohnter Weise dem Bataillon mit ein paar Wagen zu folgen und mir die Sorge für die zu erwartenden zahlreichen Verwundeten angelegen sein zu lassen.

In tiefster Stille zogen wir aus, und uns den feindlichen Posten nähernd, hatten wir das Glück, fast den Graben desselben unbemerkt zu erreichen. Jetzt aber ward plötzlich Lärm, das Feuern begann von beiden Seiten; überall kam es zum Handgemenge, und überall floß Blut. Unsre Leute stürmten wie begeistert, ihnen voran flog ihr edler Führer und war im raschen Anlauf der erste auf der Höhe der feindlichen Brustwehr. Indem er sich umkehrt, indem er seine Grenadiere aufmuntert, ihm zu folgen, trifft ihn eine Flintenkugel in die Schulter, die ihn entseelt zu Boden streckt. Allein des Führers Fall, anstatt die Seinen zu entmutigen, steigert ihre Tapferkeit zur Erbitterung; sie dringen unwiderstehlich nach, und die Schanze ist erobert. Ein Obrist, mehrere andre Offiziere und zwischen zwei- bis dreihundert Franzosen werden zu Gefangenen gemacht.

Ein noch empfindlicherer Verlust aber traf das Belagerungsheer, dem bei diesem Kampfe sein Anführer, der Divisionsgeneral Teullié, getötet wurde, und der darauf in Tramm sein einstweiliges Begräbnis fand. Uns aber reichte dies nicht hin, die Einbuße unsers ebenso wohldenkenden als heldenmütigen Vizekommandanten zu verschmerzen, der stets mit seinem edlen Vorgesetzten ein Herz und eine Seele war und dem wir nichts vorzuwerfen hatten, als daß er früherhin bei allem seinem überbrausenden Mute den schwachen Loucadou nicht besser in Atem zu setzen versucht hatte. Ost genug tadelte ich ihm ins Angesicht diese unzeitige Nachgiebigkeit, aber er wußte mich immer wieder zu begütigen, indem er mich fragte: was denn bei fortbestehendem Subordinationsverhältnis durch offne Fehde des Guten nicht noch viel mehr gehindert als gefördert worden wäre?

Erobert war die Schanze allerdings, hätte sie nur auch länger als wenige Augenblicke behauptet werden können! Eine neue feindliche Kolonne, entschlossen, ihres Heerführers Tod zu rächen und des verlornen Postens um jeden Preis wieder Herr zu werden, rückte unverzüglich heran. Das Gefecht begann wiederum und ward bei der überlegenen Zahl der Angreifenden bald so ungleich, daß keine andre Wahl übrig blieb, als uns fechtend in die Stadt zurückzuziehen. – Vorhin und jetzt hatten wir an Offizieren und Gemeinen mehr als zwanzig Tote und Verwundete gehabt, und nur mit harter Mühe war mir's gelungen, die letzteren aufzunehmen. Am Morgen zeigte ich mich, mit einem weißen Tuche an meinen Stock befestigt, als Parlamentär den feindlichen Vorposten nächst jener Schanze und bat um die Vergünstigung, unsre noch umherliegenden Toten aufsammeln zu dürfen. Das bedurfte wie gewöhnlich endloser Formalitäten, doch[304] erreichte ich zuletzt meinen Wunsch, und so brachte ich unsre tapfern Gefallenen nach der Stadt und zu Grabe.

Ich übergehe hier wiederum eine Menge kleinerer Vorfälle, Angriffe, geglückter und mißlungener Ausfälle, welche keinen bedeutenden Einfluß auf die Verbesserung oder Verschlimmerung unsers Zustandes äußerten. Selbst die glücklicheren Unternehmungen, wo einzelne feindliche Posten überwältigt, Kanonen vernagelt und andere Vorteile gewonnen wurden, mußten doch immer wegen der nachdringenden Übermacht des Gegners schnell wieder aufgegeben werden. Überhaupt konzentrierte sich der erbitterte Kampf jetzt mehr auf der Ostseite; aber auch nach Sellnow hin zeigte sich das Schillsche Korps unermüdet, den Feind von der Maikuhle aus zu beunruhigen und seine Arbeiten zu stören.

Wie unendlich viel uns jedoch zur Behauptung des Platzes am Besitz der Wolfsschanze gelegen sein müsse, das stand nicht nur unserm einsichtsvollen Kommandanten und allen Verständigeren klar vor Augen, sondern auch der große Hause fühlte es instinktartig, und es war selbst unter den gemeinen Soldaten von nichts als der Notwendigkeit die Rede, die selbe um jeden Preis zurückzugewinnen. Am 19. Juni erklärte das brave Bataillon v. Waldenfels, unaufgefordert und aus eignem Antriebe, sich bereit zu einem solchen Unternehmen. Es habe sich den Posten nehmen lassen, und seine Ehre gebiete ihm, diese Scharte blutig wieder auszuwetzen. Eine gleiche Forderung ließ das Füsilierbataillon v. Möller an den Befehlshaber ergehen, weil der Zufall es gewollt, daß dasselbe bisher im Festungsdienst noch nie zu einer wichtigeren Gelegenheit ins Feuer geführt worden. Wer hätte der tapfern Doppelschar nicht freudigen Beifall zugewinkt? – Der Ausfall ward beschlossen und noch des nämlichen Tages vor abends ins Werk gerichtet, weil man gerade in dieser Zeit den Feind am unvorbereitetsten zu finden hoffte.

Dieser Ausfall sollte wiederum von der schwedischen Fregatte unterstützt werden, und da sich's bei früheren Gelegenheiten gezeigt hatte, daß dieselbe aus Unkennntnis der Reede die rechte Stellung zu einem kräftigen Feuer nicht hatte finden können: so entschloß ich mich gern, an Bord des Schiffes zu gehen und ihm für diesmal als Pilot zu dienen. Ich führte die Fregatte, soweit es irgend die Tiefe erlaubte, der feindlichen Schanze nahe. Ihr Geschütz begann zu donnern, und nicht weniger als hundertsiebenundfünfzig Schüsse wurden in Zeit von einer Stunde gegen diesen Punkt gerichtet, während auf der andern Seite die Artillerie der Festung gegen denselben ein lebhaftes Feuer unterhielt. Unter dem Schutze beider rückten unsre Bataillone entschlossen zum Sturme an, und immer noch herrschte in der Schanze eine Totenstille. Erst als jene fast unter die Palisaden vorgedrungen waren, wurden sie mit einem Kartätschenfeuer empfangen, dessen Wirkungen gräßlich waren. Dennoch verloren die Angreifenden den Mut ebensowenig als die Angegriffenen die Besonnenheit zur nachdrücklichsten[305] Gegenwehr. Man kam auf der Brustwehr selbst zum lebhaften Handgemenge, und Wunder der Tapferkeit geschahen von beiden Seiten. Allein den Feind in seinem vorteilhaften Posten zu überwältigen, ward trotz der beispiellosesten Anstrengungen mit jedem Augenblicke des verlängerten Gefechts unmöglicher befunden. Mehr als vierhundert unsrer Gefallenen lagen auf dem Platze, und von den Grenadieren, deren Zahl bereits durch frühere Verluste ansehnlich geschmolzen war, stand nur noch ein geringes Häuflein übrig. Mit bitterm Schmerze mußte man sich entschließen, den Rückzug anzutreten, und das edelste Blut war fruchtlos vergossen!

Nicht geringer war unsre Betrübnis, die wir am Bord der Fregatte waren und unsre Leute endlich weichen sahen. Sobald sie sich indes eine kleine Strecke unverfolgt entfernt hatten, erneuerte auf mein Zutun unser Schiff sein Feuer, und so wurden noch fast an zweihundert Kugeln auf die Schanze geschleudert. Während dieser Kanonade verhielten sich die Franzosen wiederum mäuschenstille. Wir empfingen nicht einen einzigen Schuß zurück, und ich brachte endlich, da nichts weiter auszmiehlen war, die Fregatte auf ihre alte Ankerstelle vor dem Hafen zurück.

Am andern Tage gab es ein vielfältiges Parlamentieren um die Vergünstigung, unsre Toten abzuholen und zu begraben; allein man mute mir nicht zu, eine Beschreibung von diesem über alles erbarmenswürdigen Anblick zu geben. Denke sich vielmehr ein jeder selbst, wie es auf einem Platze von kaum zweihundert Schritten aussehen mußte, wo zwischen vier- und fünfhundert Leichname neben- und aufeinander und zum Teil aufs gräßlichste verstümmelt und zereissen umher lagen, so daß selbst der Freund oft des Freundes blutige und zerschmetterte Gestalt nicht mehr zu erkennen vermochte und auch die rohesten Seelen sich von den hie und da noch zuckenden Gliedmaßen mit Entsetzen abwandten. Es war fürwahr eine traurne Pflicht, die wir als Totengräber der Unsrigen erfüllten!

So blieb denn leider der Wolfsberg fortan für uns verloren; denn jeder neue Versuch würde die Zahl unsrer Streiter in einem Maße vermindert haben, daß wir uns selbst zur notdürftigsten Abwehr unfähig gemacht hätten; aber jeder neue Versuch, selbst wenn wir keine Opfer hätten sparen wollen, bot von Tage zu Tage auch immer mindere Hoffnung des Gelingens dar, da das Werk unter den geschäftigen Händen der Belagerer trotz unsrer Artillerie und ihrer zerstörenden Wirkungen täglich eine verstärkte Festigkeit erhielt. Sie nannten es jetzt »das Fort Loison«, zu Ehren des französischen Divisionsgenerals, der als Oberbefehlshaber in Teullios Stelle getreten war, und ihre Kerntruppen rückten dort zur Besatzung ein. Wir an unsrer Seite waren jedoch nicht minder beflissen, dem Platz und dem Hafen gegen diese Seite eine neue Deckung zu geben, indem wir die Ziegelschanze (dicht hinter der Vorstadt Stubbenhagen[306] nordöstlich gelegen) möglichst verstärkten und darin auch, obwohl in unsern Arbeiten durch jenes feindliche Werk nicht wenig belästigt, glücklich zustande kamen.

Von hier ab bis zum 30. Junius nahm unser Geschick und unser Bedrängnis eine immer ernstlichere Wendung. Frische Truppenabteilungen verstärkten das Belagerungsheer und errichteten neue Lager unter unsern Augen. In eben dem Maße auch wurden die Schanzen rings umher an Mannschaften lebendiger; neue Werke stiegen empor; die Laufgräben näherten sich und schnürten uns auf einen immer engeren Raum zusammen. Die Beschießung des Platzes, täglich und mit Eifer fortgesetzt, zeigte sich auch täglich zerstörender in ihren Wirkungen. Besonders diente die große Marienkirche bei ihrer Lage mitten in der Stadt und als der hervorragendste Gegenstand allen feindlichen Geschützen gleichsam zum Zielpunkte und litt außerordentlich. Loucadou hatte diese wie andre Kirchen zu Stroh- und Heumagazinen ausgezeichnet, bis sein Nachfolger, von einem bessern Geiste beseelt, das Gebäude sofort der öffentlichen Gottesverehrung zurückgab und jene gefährlichen Brennstoffe am Glacis vor dem Münder Tore in abgesonderte Haufen aufschichten ließ. Nunmehr aber war eine dringendere Notwendigkeit eingetreten, diesen weiten und lustigen Raum der täglich wachsenden Zahl der Kranken und Verwundeten von der Garnison einzuräumen. Da nun die Kirche vollgestopft von solchen Unglücklichen lag, so mag man sich das Elend vorstellen, welches hier herrschte, indem die Kugeln durch alle Teile des Gebäudes hindurchfuhren. Ein Flügel desselben bewahrte nahe an hundert französische Kriegsgefangene auf, allein ihre Landsleute nahmen hierauf unsrer Hoffnung entgegen keine Rücksicht und beharrten auf ihrem Werke der Zerstörung.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Junius stand ich auf dem Walle an der Brustwehr der Bastion Preußen und in einer Unterredung mit dem Kommandanten begriffen, als eine feindliche Bombe kaum fünfzehn oder zwanzig Schritt von uns niederfuhr, in der Erde wühlte und brummte. Hastig ergriff ich meinen Nachbar bei der Hand, zog ihn etwas seitabwärts und rief: »Fort! fort! Hier ist nicht gut sein!« – Gneisenau aber, kaltblütig stehen bleibend, erwiderte: »Nicht doch, die tut uns nichts!« In dem nämlichen Augenblick auch platzte die Bombe, ohne uns weiteren Schaden zuzufügen, als daß sie uns über und über mit der aufgewühlten Erde bedeckte. Gesicht und Augen waren voll, und wir hatten genug damit zu tun, uns beide einander den Sand und Mulm vom Leibe zu klopfen.

Des folgenden Tages gelang es mir abermals, mit Hilfe des Lotsen Faßholz ein englisches Schiff, das uns neue Vorräte von Kanonen, Bombenkesseln, Bomben usw. zuführte, aus dem Bereich des feindlichen Geschützes am Strande, unter welches es geraten war, sicher in den Hafen zu führen. Am nächsten[307] Morgen wiederum versuchte ich, aber mit minderem Glück, die Gegend des Frauenmarkts hart an den östlichen Umgebungen der Festung, wohin unsre größere Inundation keinen Zugang hatte, vermittels einer künstlichen Wasserleitung gleichfalls unter Wasser zu setzen. Dies sollte durch die große Wasserkunst und fortgeführte hölzerne Rinnen geschehen; allein hatte gleich der Wasserlauf sein gehöriges Gefälle, so ging es doch damit viel zu langsam für meine Wünsche; denn nach zwei Tagen waren erst die niedrigsten Punkte jener Gegend überschwemmt.

An diesem Tage war es auch, daß unser Kommandant mich mit einer Sendung in das feindliche Hauptquartier nach Tramm beauftragte. Er gab mir dazu sein Pferd und zugleich ein offnes Schreiben an den General Loison, worin nur mit wenig Worten bemerkt war, daß mir für mein Anbringen voller Glauben beizumessen sein werde. Als ich damit bei den französischen Vorposten anlangte, wurden mir die Augen verbunden und das Pferd von zwei Begleitern am Zügel geführt, während zwei andre, mit Gewehr versehen, mir zur Seite gingen. So kam ich endlich in Tramm an, und hier ward mir auch das Tuch wieder von den Augen genommen.

Der erste, den ich hier zu meiner nicht geringen Verwunderung erblickte, war ein außerhalb der Stadt wohnhafter Offiziant, dessen Haus der Feind vor einigen Wochen bei einem Vorpostengefecht zerstört hatte, und der es, wie ich glauben muß, der mitleidigen Nachsicht der Offiziere vom Generalstab zu danken hatte, wenn er sich frei in ihrer Mitte aufhalten und hier überall ungehindert umherspazieren durfte. Da der Mann, wie ich wußte, ganz geläufig französisch sprach, während ich mir auf meine Fertigkeit hierin nur wenig zugute tue, so rief ich ihn heran und bat, mir beim General als Dolmetscher zu dienen. Dazu hatte jedoch der Herr, der überhaupt durch meinen Anblick wenig erfreut schien, keine Ohren, sondern wandte den Rücken und ließ mich stehen. Was er doch sonst wohl dort so Nötiges zu tun gehabt haben mag?

Gleich darauf ward ich zum General Loison geführt und brachte meinen Auftrag zur Sprache, der darin bestand, daß das feindliche Geschütz fernerhin nicht mehr auf denjenigen Teil der großen Kirche gerichtet werden möchte, wo die Verwundeten und gefangenen Franzosen untergebracht worden. Das Verlangen fand nicht nur eine willige Aufnahme, sondern ein Offizier begleitete mich auch auf eine Anhöhe, damit ich ihm von dort den Flügel des Gebäudes noch näher bezeichnete, wo seine Landsleute lägen. Möchten sie immer, setzte ich hinzu, den Wällen nach Belieben zusetzen, nur sollten sie das Gotteshaus schonen und ihren eigenen Leuten nicht hart fallen.

Nachdem noch einige Höflichkeiten gegenseitig gewechselt worden, begab ich mich auf gleiche Weise, als ich gekommen war, nach der Stadt zurück. Wovon ich im Hauptquartier hatte Zeuge sein dürfen, das deutete auf Vorbereitungen,[308] welche an dem Ernst der Belagerung nicht zweifeln ließen. Weniger glücklich war ich indes, irgendein Wort zu erhaschen, welches uns über die Lage der Dinge in Preußen einigen näheren Aufschluß hätte geben können, während uns von den dortigen neuesten Ereignissen schon seit längerer Zeit alle Nachrichten fehlten. Daß der Friede zu Tilsit in dem Augenblicke schon wirklich abgeschlossen worden, ahnten wir damals nicht auf das entfernteste. Allein unsre Belagerer waren nur zu wohl davon unterrichtet und boten darum von jetzt an auch um so mehr alle ihre Kräfte auf, sich Kolbergs zu bemächtigen, bevor die Friedensnachricht uns erreichte und ihnen die Waffen aus den Händen schlüge.

Diesen Plan verfolgten sie auch um so eifriger, da sich ihr Korps am 30. Junius noch um viertausend frische Truppen verstärkt hatte. Augenblicklich dehnten sie nun ihre Postenlinie über Sellnow hinaus bis an die Dorfschaften Alt- und Neuwerder, Alt- und Neubork und Kolberger Deep, setzten sich hier überall fest und legten hie und da bis hart am Strande mehrere Schanzen an, ohne daß die Bewegungen des Schillschen Korps aus der Maikuhle hervor und selbst die Unterstützung von drei Kanonenbooten, welche aus dem Hafen liefen und sich ihnen in die linke Flanke legten, sie daran zu hindern vermochten. Es ist wahr, die Leute taten brav wie immer; aber Schill selbst war leider nicht zugegen, und so fehlte dem Ganzen die eigentliche Seele!

Alles, was von Anbeginn der Belagerung bis jetzt vom Feinde unternommen worden, mochte indes nur als ein leichtes Vorspiel von demjenigen gelten, wozu die dritte Morgenstunde des 1. Julius die Losung gab. Denn mit derselben eröffnete er aus all seinen zahlreichen Batterien ein Feuer gegen die Stadt, so ununterbrochen, so von allen Seiten kreuzend und so mörderisch und zerstörend, wie wir es noch nimmer erlebt hatten. Die Erde dröhnte davon unter unsern Füßen, und man kann ohne Übertreibung sagen, daß es rings um uns war, als ob die Welt vergehen sollte. Sichtbarlich legten unsre Gegner es darauf an, uns durch ihr Bombardement zwischen dem engen Raume unsrer Wälle dergestalt zu ängstigen, daß wir, nirgends mehr unsers Bleibens wissend, die weiße Fahne zur Ergebung aufstecken müßten.

Ich befand mich in dieser entsetzlichen Nacht neben unserm Kommandanten auf dem Bastion Preußen, als dem höchsten Punkte, den unsre Wälle zum Umherschauen darboten. Von hier aus konnten wir beinahe alle feindlichen Schanzen übersehen, und ebenso lag die Stadt vor uns. Es ist nicht auszusprechen, wie höllenmäßig das Aufblitzen und Donnern des Geschützes Schlag auf Schlag und Zuck auf Zuck um uns her wütete, während auch das Feuer unsrer Festung in seiner Antwort nichts schuldig blieb. In der Luft schwärmte es lichterloh von Granaten und Bomben; wir sahen sie hie und da und überall ihren lichten Bogen nach der Stadt hinein wälzen, hörten das Krachen ihres Zerspringens sowie das Einstürzen der Giebel und Häuser, vernahmen den[309] wüsten Lärm, der drinnen wogte und tosete, und waren Zeuge, wie bald hier, bald dort, wo es gezündet hatte, eine Feuerflamme emporloderte. Von dem allen war die Nacht so hell, als ob tausend Fackeln brennten, und das gräßliche Schauspiel schien nicht ein Menschenwerk zu sein, sondern als ob alle Elemente gegeneinander in Aufruhr geraten wären, um sich zu zerstören.

Was aber drinnen in der Stadt unter dem armen, wehrlosen Haufen vorging, ist vollends so jammervoll, daß meine Feder nicht vermag, es zu beschreiben. Da gab es bald nirgends ein Plätzchen mehr, wo die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen mögen. Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer. Überall die Gassen wimmelnd von ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten und die unter dem Gezisch der feindlich umherkreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden; Geschrei von Säuglingen und Kindern; Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen in dem Gedränge und der allgemeinen Verwirrung verloren hatten; Geschrei der Menschen, die mit Löschung der Flammen beschäftigt waren; Lärm der Trommeln, Geklirr der Waffen, Rasseln der Fuhrwerke: – nein, es ist nicht möglich, das furchtbare Bild in seiner ganzen Lebendigkeit auch nur von fern zu schildern.

Indem ich selbst mich in diesem allgemeinen Tumult veranlaßt fand, einmal nach meinem eigenen Hause zu sehen, erwartete mich dort ein Anblick, der auch nicht dazu geeignet war, mich sonderlich zu erfreuen. Eine Bombe war, durch den Giebel einschlagend, durch zwei Böden bis in den Keller hinabgefahren und hatte, indem sie dort platzte, sieben Oxhoft voll Branntwein zersprengt, deren Inhalt nun gänzlich für mich verloren ging. Außerdem waren überall im Hause die größten Verwüstungen angerichtet, die ganze Eingangsflur aufgerissen und ebensowenig irgendeine Fensterscheibe als ein Ziegel auf dem Dache unbeschädigt geblieben. All meine Leute hatten, wie leicht begreiflich, das Weite gesucht, und so stand es nicht bloß bei mir, sondern auch links und rechts und in vielen Nachbarhäusern.

Wie gern aber hätte man jede eigne Not verschmerzt und vergessen gegen die tief niederschlagende Zeitung, daß um vier Uhr morgens die Maikuhle an den Feind verloren gegangen! Mitten unter dem heftigsten Bombardement, wodurch unsre Aufmerksamkeit von dieser Seite hatte abgezogen werden sollen, war auf diesen Posten von der äußersten westlichen Spitze sowie von der Seeseite her ein Angriff geschehen, der wohl für einen Überfall gelten konnte, da der dortige interimistische Befehlshaber der Schillschen Truppen, Leutnant v. Gruben I., auf ein solches Ereignis durchaus nicht gefaßt gewesen zu sein scheint: – eine Sorglosgikeit, die um so unbegreiflicher und tadelnswerter erscheint,[310] da die Bewegungen des Feindes Tages zuvor nur zu deutlich die Absicht verrieten, von neuem etwas auf dieser Seite zu unternehmen.

Auf solche Weise war die Erstürmung der Maikuhle das Werk weniger Augenblicke gewesen, da auch die Richtung des Angriffs weder dem Münder Fort nach der Morastschanze gestattet hatte, die Behauptung dieses Postens durch ihr Feuer zu unterstützen. Nur die schwedische Fregatte konnte es und verfehlte auch nicht, dem Feinde wohl gegen vierhundert Kugeln zuzusenden; allein wenn dieser auch dadurch für Augenblicke aufgehalten oder zurückgescheucht wurde, so sahen die Stürmenden sich alsobald durch ihr eigenes Feuer im Rücken und durch den Druck der nachfolgenden Massen wieder vorwärts getrieben. Jede noch so verzweifelte Gegenwehr von unsrer Seite ward auf diese Weise fruchtlos, und genötigt zum übereilten Rückzuge auf das rechte Stromufer, blieb dem Schillschen Korps kaum noch so viel Zeit und Raum, die Verbindungsbrücke hinter sich abzuhauen.

Den ferneren Rückzug nach der Stadt suchte dasselbe sich durch Anzündung der Münder Vorstadt und der Pfannschmieden zu decken; eine Maßregel, die um so unzweckmäßiger und übereilter scheint, da der Feind es weder versuchte, zu weiterer Verfolgung über den Strom nachzudringen, noch das Geschütz des Münder Forts und der Morastschanze ihm einen solchen Versuch gestattet haben würde. Schutzloser hingegen stand von dem Augenblick an das unlängst erst mit großem Kostenaufwande erbaute, sechstausend Fuß lange Gradierwerk, zur Saline gehörig, das augenblicklich vom Feinde angezündet wurde und zum Teil in hellen Flammen aufloderte.

Mit dem Verlust der Maikuhle war unsrer Verteidigung so gut als der rechte Arm abgehauen, denn nun war auch das Münder Fort zur Beschützung des Hafens nicht mehr hinreichend, und dies offenbarte sich auf der Stelle, als das englische Schiff, welches ich kaum zwei Tage zuvor mit Mühe hineingeführt und welches seine Ladung an Munition usw. kaum erst zur Hälfte gelöscht hatte, beim Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder die offene See zu gewinnen. Es gelang ihm nur mit harter Not und unter einem dichten feindlichen Kugelregen, wodurch ihm zwei Mann auf dem Deck erschossen wurden. Und so waren wir denn, vom Meere und aller von dorther zu erwartenden Hilfe abgeschnitten, fortan einzig unsern eigenen Kräften und Hilfsquellen überlassen, die sich von Stunde zu Stunde immer mehr erschöpften!

Mit wenig verminderter Stärke hielt den ganzen Tag des 1. Julius das Bombardement an und häufte Verwüstung auf Verwüstung. Dennoch waren unsre Löschanstalten wirksam genug, um immer noch des hie und da aufgehenden Feuers Meister zu bleiben. Erst am späten Abend zündete es wieder im Gouvernementsbauhofe, und da hier alles voll von brennbaren Materialien lag, mußte man es geschehen lassen, daß das Gebäude bis in den Grund[311] niederbrannte. Glücklicher war man jedoch bei Rettung eines königlichen Kornmagazins, wo das Feuer noch erstickt wurde, obwohl auf dem Dachboden, wo die Bombe aufschlug, eine große Menge von Bastmatten aufgeschichtet lag; aber die Entschlossenheit und Tätigkeit der Magazinbedienten wußte diesen gefährlichen Brennstoff schnell hinwegzuräumen.

Solchergestalt von Schrecken umgeben und auf noch Schrecklicheres gefaßt, sahen wir der nächsten Nacht entgegen. Das feindliche Geschütz vereinigte sich zu neuen, noch höheren Anstrengungen, und die zerstörenden Wirkungen desselben im anhaltenden Geprassel einstürzender Häuser, fallender Ziegel und klirrender Fensterscheiben betäubten das Ohr dergestalt, daß auch der Donner des Feuerns nicht selten dabei überhört wurde. Alle jammervollen Szenen der vorigen Nacht erneuerten sich in noch weiterem Umfange. Aber auch mitten in der ringsum drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei vielen, die nichts mehr zu Herzen nahm. War auch nicht der Mut, so war doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende Anspannung des Gemüts und Sorge für Weib und Kind und Eigentum fielen auf die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie selbst in den Trümmern ihrer Wohnungen sich ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.

Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle übrigen, in denjenigen Teil des Rathauses niederfuhr, wo sich die Ratswage befand, und ein hell aufflackerndes Feuer war die unmittelbare Folge ihres Zerspringens. Als naher Nachbar sprang ich auf, um, was ohnehin mein angewiesener Beruf war, schnelle Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben; denn an der Erhaltung des ansehnlichen Gebäudes, in welchem unsre Stadtarchive und so viel andre Sachen von Wert aufbewahrt lagen, mußte uns allen vorzüglich gelegen sein. Aber rundum in meiner Nachbarschaft regte sich keine menschliche Seele zum Löschen und Retten. Ich rannte hiehin und dorthin zu den nächsten Bekannten, braven und wackern Männern, um sie zur Hilfe aufzurufen; aber schlaftrunken und ohne Gefühl für die drohende Gefahr war mein Bitten und Ermuntern ebenso umsonst wie mein Toben und Schelten. Sie schlummerten fort und ließen es brennen.

In steigender Angst lief ich auf die Brandstätte zu rück, um Anordnungen zu treffen, die zu noch möglicher Bewältigung des Feuers mit jedem Augenblick dringender wurden. Was mir begegnete, packte ich an, um Hand anzulegen; aber kaum einer oder der andre schien auf mein flehentliches Ermahnen zu achten. Ein vierschrötiger Kerl, den ich nicht kannte, und dem ich auf diese Weise einen gefüllten Löscheimer aufdrang, nahm ihn und schlug ihn mir samt seinem nicht gar saubern Inhalt geradezu um die Ohren, so daß ich fast die Besinnung[312] verlor und, verbunden mit dem übrigen Schmutz und Ruß, womit ich bedeckt war, wohl eine sehr jämmerliche Figur machen mochte.

Alles dies achtete ich jedoch weniger als das Unglück, das dem Rathause bevorstand, und da ich wohl einsah, daß unter den gegenwärtigen Umständen eine wirksame Hilfe allein vom Militär ausgehen könne, so haftete ich mich, das nächste Wachhaus auf dem Walle zu erreichen und den dort kommandierenden Offizier um schleunigen Beistand zu bitten. Wild stürme ich in das halbdunkle Wachzimmer hinein. Ich sehe auf der hölzernen Pritsche sich eine Gestalt regen, die ich zwar nicht erkenne, aber sie für den Mann haltend, den ich suche, von ihrem Lager aufschreie, indem ich rufe: »Bester Mann, zu Hilfe! Das Rathaus steht in Flammen!«

Aber weniger meinen Schrei als mich selbst und mein Jammerbild beachtend, erhebt sich der Offizier mir gegenüber, schlägt die Hände zusammen und spricht: »Ach, du armer Nettelbeck!« – Jetzt erst an der Stimme erkenne ich ihn – es ist Gneisenau! Er hört, er erfährt, er gibt mir einen Adjutanten samt einem Tambour mit; die Lärmtrommel wird gerührt; Soldaten erscheinen, Patrouillen durchziehen die Straßen, kräftigere Löschanstalten kommen in Bewegung, die zwar den Brand nicht mehr zu unterdrücken vermögen, aber ihm doch dergestalt ein Ziel setzen, daß wenigstens doch zwei Seiten des ein großes Viereck bildenden Gebäudes erhalten werden, während der schon ergriffene Teil desselben noch bis zum Abend des folgenden Tages in sich selbst niederbrennt und fortglimmt. Zu gleicher Zeit war in der allgemeinen Verwirrung auch eine Anzahl Baugefangener aus dem Stockhause losgebrochen und begann hie und da in den Häusern zu plündern, wie denn auch das meinige von diesem Schicksal betroffen wurde, bis der tätige Eifer des Militärs die versprengte Rotte wieder einfing und für die allgemeine Sicherheit unschädlich machte.

So besonnen, wo es Handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine Gefahr nahte und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum Ziele führen konnte, wie der Kommandant in dieser furchtbaren Nacht sich zeigte, hatte er immer und überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens sich erwiesen. Seit Wochen schon war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen. Nur einzelne Stunden, die er ungern der Tätigkeit auf den Wällen unter dem heftigsten Kugelregen abbrach, ruhte er auf einer ähnlichen Pritsche als jene und in einem armseligen Gemach über dem Lauenburger Tore, aber jeden Augenblick bereit, mich oder andre anzuhören, wenn wir ihm etwas von Wichtigkeit zu melden hatten. Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, hielt er beider Herzen durch den milden Ernst seines Wesens wie durch teilnehmende Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das unbedingteste Zutrauen. Es schien unmöglich, daß sein geprüfter Wille und Befehl sich nicht stracks auch in den allgemeinen Willen verwandelte. Selbst die Unfälle,[313] die uns trafen, konnten in diesem treuen Glauben an seine hohe Trefflichkeit nichts mindern; denn nur zu klar erkannten wir darin die herben Früchte nicht seines, sondern eines früheren Versäumnisses.

Der Morgen des 2. Julius brach an, aber auch das feindliche Bombardement, so wenig es die Nacht geruht hatte, schien mit dem Morgen wieder neue Kräfte zu gewinnen. Not und Elend, Jammergeschrei und Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde Flammen: – das war fast das einzige, was bei jedem Schritte den entsetzten Sinnen sich darstellte. Mut und besonnene Fassung waren mehr als jemals vonnöten; aber nur wenigen war es gegeben, sie in diesem entscheidenden Zeitpunkt zu behaupten; noch wenigere vielleicht erhielten die Hoffnung eines glücklichen Ausgangs in sich lebendig, aber alle ohne Ausnahme gaben das Beispiel einer willigen Ergebung in das unvermeidliche Schicksal. Sie hatten es in Gneisenaus Hand gelegt, mit ihm standen, mit ihm fielen sie! Vertrauensvoll ließen sie ihn walten!

Höher aber und höher stiegen Gefahr und Not von Stunde zu Stunde. Um neun Uhr morgens, während noch das Rathaus loderte, geriet, durch eine andere Bombe entzündet, auch das Gebäude des Stadthofs in Flammen und pflanzte sich fort auf drei angrenzende Häuser. Die schwachen Versuche zum Löschen blieben aber bald dem Feuer nicht mehr gewachsen. Man sah sich genötigt, brennen zu lassen, was brennen wollte. Die gleiche traurige Notwendigkeit trat wiederum ein, als auch nachmittags um zwei Uhr ein Speicher in vollem Brande stand und niemand mehr wußte, ob es dringender sei, dem Feinde von außen zu wehren oder die Flammen zu löschen oder das eigne kümmerliche Leben vor den ringsumher sausenden Feuerbällen zu wahren. Des Feindes Mut und Anstrengung aber wuchs in eben dem Maße, als die Werkzeuge seiner Zerstörung sich in ihrer furchtbaren Wirksamkeit offenbarten.

Gneisenaus scharfes Auge aber, das mitten in diesem gräßlichen Tumulte jede Bewegung seines Gegners hütete, ließ es nicht unbeachtet, daß dieser bereits Vorbereitungen traf, sich von der Wolfsschanze aus auch über das Münder Fort herzustürzen und so auch die östliche Seite des Hafens zu überwältigen. Gegenanstalten wurden auf der Stelle getroffen, den bedrohten Punkt aufs kräftigste zu unterstützen; Befehle flogen; alles war in der lebendigsten Anspannung, und ein neuer Kampf von blutigster Entscheidung sollte losbrechen. Es war drei Uhr nachmittags... Da, plötzlich, schwieg das feindliche Geschütz auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem bei uns stockte; niemand begriff diesen schnellen Wechsel, dies schauerliche Erstarren so gewaltiger losgelassener Kräfte.

Da nahte ein feindlicher Parlamentär und neben ihm ein Mann, den man in der Ferne als eine Militärperson – dann aber, sowie die Umrisse der Gestalt sich immer deutlicher ausbildeten, unter Zweifel und Verwunderung sogar als[314] einen preußischen Offizier erkannte. Schärfere Augen versicherten sogar, sie unterschieden die Züge ihres Freundes, des Leutnants von Holleben, vom 3. Neumärkischen Reservebataillon, der erst vor einigen Wochen mit einer Abteilung Kriegsgefangener über See nach Memel abgegangen war. Das schien unmöglich, und doch war dem also! Das erste Wort, als er sich fast atemlos in den Kreis seiner Bekannten stürzte, war der Ausruf: »Friede! Kolberg ist gerettet!«

O des Freudenboten! O der willkommenen Botschaft! der zur rechten, rechten Zeit gekommenen! Er war unmittelbar aus dem Hauptquartier des Königs zu Piktupönen bei Tilsit als Kurier abgefertigt und der Überbringer der offiziellen Nachricht von einem mit Napoleon abgeschlossenen vierwöchentlichen Waffenstillstande, welchem unverzüglich der Friede folgen sollte. Eilend, wie es seine wichtige Zeitung erheischte, aber schon in weiter Ferne noch mehr beflügelt durch den dumpfen Donner des Geschützes, der ihm unsern noch ausharrenden Mut verkündigte, war er vor wenig Augenblicken erst in Tramm angelangt; schwerlich gern gesehen, aber auch schwerlich wohl mit noch neuer oder unerwarteter Botschaft. Indes – er war da, und die Feindseligkeiten mußten eingestellt werden! – Zwar meine ich nicht, daß Kolbergs Fall an seiner verspäteten Erscheinung gehangen haben würde; denn noch mußte der Platz sich wenigstens sechs Wochen halten können, bevor alle und jede Mirtel zum Widerstande erschöpft waren oder bevor der Hunger uns die letzten Waffen aus der Hand schlug; aber Dank seiner Eile wegen des gesparten Menschenlebens und des früher geschwundenen Elends, das mit unserer beharrlichen Pflichterfüllung unumgänglich verknüpft gewesen wäre!

Alsogleich auch ward die fröhliche Kunde den Bürgern durch die ganze Stadt unter Trommelschlag bekanntgemacht, samt der hinzugefügten Ermahnung, nunmehr mit verdoppelter Tätigkeit zur Löschung der immer noch brennenden Gebäude zu eilen. Es geschah, und die Flammen wurden nach wenig Stunden durch vereinte Anstrengung glücklich bezwungen.

Aber welche Feder, auch viel geübter als die meinige, reichte wohl hin, den trunknen Jubel zu schildern, der in so überraschendem Wechsel alle Gemüter ergriff und aus sich selber hinwegrückte! Man muß wahrlich selbst in der Lage gewesen sein, sich und die Seinigen samt Leben und Wohlfahrt gänzlich aufgegeben zu haben, um dies neue, kaum glaubhafte Gefühl von Ruhe und Sicherheit nachzuempfinden, wobei sich auf Augenbliecke wenigstens alles verschmerzt und vergißt, was man Drangvolles gelitten hat. Es ist wie ein böser Traum, den man endlich abgeschüttelt hat, und aus dem man nun zu vollem freudigen Bewußtsein zurückkehrt.

Allein nächst dem erfreuenden Gedanken an sich selbst heftete sich wohl bei jedem von uns allen der zweite, dessen wir fähig waren, unwillkürlich auf[315] unsern edlen Gneisenau, dem wir es nächst Gott schuldig waren, wenn wir uns dieser Stunde und eines so ehrenvollen Triumphs erfreuten. Dies Gefühl, auch wo es stumm in der Brust sich nur in einem dankbaren Blick auf ihn hin offenbarte, hat ihm auch sicherlich als der schönste Lohn seiner Anstrengungen genügt. Sein König lohnte ihn auf der Stelle, indem er ihm durch den Friedensboten selbst seine Ernennung zu einem höheren Militärgrad übersandte, bis sich ihm in schneller, aber verdienter Stufenfolge der hohe Standpunkt öffnete, von welchem der Gefeierte zum Heil des geretteten Vaterlandes erfolgreich zu wirken vor vielen berufen war.

Die Belagerung war geendigt; eine völlige Waffenruhe trat in unsern Umgebungen ein, und schier alle Bilder des Krieges verschwanden. Zunächst war zwischen dem Kommandanten und dem französischen General eine Übereinkunft getroffen, welcher zufolge den Einwohnern, mit welchen die Stadt noch immer überfüllt war, und wo sie sich zum Teil ohne Obdach und eigne Mittel der Erhaltung befanden, gestattet wurde, sich über die französische Postenlinie hinaus in die umliegende Gegend zu begeben. Nach einem anderweitigen Vertrage blieb zwar die Maikuhle noch von den jenseitigen Truppen besetzt; doch sollten Schiffe mit Lebensmitteln (mit Ausnahme der noch feindlichen schwedischen Flagge) frei in den Hafen zugelassen werden. Unsre tätige Freundin aber, die schwedische Fregatte, deren Station auf unsrer Reede nunmehr zwecklos geworden, verließ uns am 12. Julius, und fortan bis zu Ende des Monats räumten auch nach und nach die Belagerungstruppen ihre Schanzen und Lager, um etwas entferntere Kantonierungen in der Provinz zu beziehen.[316]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 298-317.
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Ausgewählte Ausgaben von
Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet
Joachim Nettelbeck, Burger Zu Colberg (3); Eine Lebensbeschreibung, Von Ihm Selbst Aufgezeichnet
Bürger zu Kolberg: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

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