Drittes Kapitel

[18] Im Monat August traf ich in Kolberg ein, fand meines Oheims Schiff bereits in der Ausrüstung und ging mit demselben auf die Rügenwalder Reede, wo wir unsere Ladung Holz einnahmen. Mit mir fuhr mein jüngerer Bruder, sechzehn Jahre alt, als Kajütenwärter. Auch hatte mein Oheim seinen eigenen vierzehnjährigen Sohn mitgenommen, und es befanden sich unsrer in allem dreizehn Menschen am Borde. Aber gleich der Anfang dieser Fahrt versprach wenig Gutes, da wir durch Sturm und widrige Winde dergestalt aufgehalten wurden, daß wir erst mit Ausgang Oktobers im Sunde anlangten.

Hier ging mein Oheim mit mir und noch drei andern Matrosen in der Segelschaluppe nach Helsingör an Land, woselbst seine Geschäfte ihn so lange verweilten, daß wir erst abends um neun Uhr auf den Rückweg kamen. Die See ging hoch, und unser Fahrzeug, das mit Wasser- und Bierfässern und andern Provisionen schwer beladen war, hielt wenig Bord. Zudem stand uns ein steifer Südwind entgegen, der uns zum Lavieren nötigte, und eben machten wir einen Schlag dicht hinter dem dänischen Wachtschiffe vorüber, als ein harter Stoßwind so plötzlich aufstieg und so ungestüm in unsere Segel fiel, daß die Schaluppe Wasser schöpfte, umschlug und im Hui! den Kiel nach oben kehrte.

Wir, die wir drinsaßen, wurden samt und sonders herausgespült. Ich ergriff ein Ruderholz und war so glücklich, mich über dem Wasser zu erhalten. Wo die andern blieben, sah ich nicht. Indes war unser Unglück von dem dänischen Kriegsschiffe nicht unbemerkt geblieben, und sogleich auch stieß ein Fahrzeug ab, uns zu retten. Allein es war stockfinster und von uns Verunglückten keine Seele aufzufinden. Nur die Schaluppe kam ihnen in den Wurf und ward geborgen; freilich aber war die ganze Ladung davongeschwommen und ging verloren.

Unter uns Umhertreibenden mochte ich wohl der erste sein, der sich glücklich aus diesem bösen Handel zog. Ich trieb nämlich gegen ein vor Anker liegendes Schiff und erhielt mich so lange am Ankertau, bis die Leute mich zu sich an Bord ziehen konnten. Mein guter Oheim hingegen ward ebensowohl durch den harten Sturm als die schnelle Strömung beinahe eine Viertelmeile weit bis unterhalb[18] des dänischen Kastells davongeführt. Aber indem er sich kümmerlich an einem Spriet festgeklammert erhielt, brauchte er wohl eine Stunde, bevor er mit Schwimmen das Land erreichte. Zwei Matrosen wurden durch eine Lotsenjolie gerettet; einer aber blieb leider verloren.

Erst am Morgen fanden wir vier Geborgenen uns in Helsingör wieder zusammen. Unsere Schaluppe ward uns von dem Wachtschiffe wieder zurückgegeben; wir ersetzten unsre verunglückte Ladung durch angekaufte neue Vorräte, versahen uns mit frischen Rudern und kehrten sodann nach unserm Schiffe zurück. Sobald auch nur Wind und Wetter wieder günstiger geworden waren, säumten wir nicht, unsere Fahrt trotz der späten und bösen Jahreszeit fortzusetzen.

Am 2. Dezember nahmen wir nicht ohne Beunruhigung wahr, daß ein gewaltiger Sturm aus Norden uns auf die flämischen Bänke geworfen hatte, deren Gefährlichkeit wir nur gar zu wohl kannten. Nur zu bald auch bekamen wir mehrere heftige Grundstöße, die unser Steuerruder aussetzten und uns seiner verlustig machten. Um nicht augenblicklich auf den Strand zu geraten, blieb nichts übrig, als uns auf der Stelle vor zwei Anker zu legen. Es war zehn Uhr vormittags, das Land eine kleine halbe Meile entfernt und unser Ankerplatz auf vier Faden Tiefe mitten in der schäumenden Brandung, während unsere Segel, die wir nicht mehr festmachen konnten, im Winde flatterten. Welle für Welle stürmte über das Verdeck hinweg, so daß wir in einem fort unter Wasser standen und, da wir hier keine Leibesbergung mehr fanden, uns sämtlich oben im Mast erhielten.

Unsere Lage ward noch unerfreulicher, da mein Oheim gegen uns bemerkte, daß wir uns hier im Angesichte der flandrischen Küste befänden und es kaum würden vermeiden können, auf den Strand zu laufen. Hier war also österreichisches Gebiet, wir preußische Untertanen, und Preußen mit Österreich seit kurzem im Kriege begriffen. Er verbot uns demnach für jenen Fall, es auf irgendeine Weise zu verraten, daß wir von Rügenwalde kämen und ein preußisches Schiff hätten. Vielmehr sollten wir in der Aussage übereinstimmen: Schiff und Ladung sei schwedisches Eigentum, komme von Greifswalde und sei nach Lissabon bestimmt. Sobald der Sturm es nur zulasse – setzte er hinzu –, wollte er hinabsteigen, die preußische Flagge vernichten und ebensowohl seine Schiffspapiere über Seite zu bringen als der bereitgehaltenen schwedischen Dokumente aus der Kajüte habhaft zu werden suchen.

Wirklich auch entschloß er sich zu diesem gewagten Versuche; aber beim Niedersteigen schwankte der Mast dergestalt, und ein unglücklicher Schlag des peitschenden Segels traf ihn so gewaltsam, daß es ihm unmöglich wurde, sich länger zu halten. Er fiel, stürzte mit dem Rücken auf den Rand des auf dem Verdecke stehenden Bootes, von da mit dem Kopfe gegen die scharfe Ecke eines[19] Pöllers und endlich auf das Deck, welches die Sturzwellen immerfort so hoch als die Seitenborde ragten, mit Wasser überschwemmt hielten, und so sahen wir ihn in diesem Wasser hin und her gespült werden. Der Anblick war so gräßlich, daß wir ihn länger nicht ertragen konnten. Ich wagte mich mit noch zwei Matrosen hinab in dieser Not; wir zogen ihn mit Mühe auf das Kajütendeck, wo doch nicht jede Woge eine Überschwemmung verursachte, und waren nun in der Nähe Zeugen von seinem jammervollen Geschick. Der Schlag des Segels hatte das linke Auge getroffen, welches weit aus dem Kopfe nur noch an einer schwachen Sehne hervorhing. Das Blut drang zugleich aus Mund, Nase und Ohren. Aus der hohlen Brust stöhnte ein dumpfes Röcheln, ohne Spur eines Bewußtseins. Trost- und ratlos schob ich ihm das hängende Auge in den Kopf zurück und band ihm mein Halstuch darüber. Um und neben ihm lagen nun ich, sein Sohn und noch ein getreuer Matrose in fester Umklammerung, um uns gegen die Gewalt der Sturzseen zu erhalten, und unbeweglich bis gegen fünf Uhr abends, da endlich unsere Ankertaue brachen, und wir bei halber Flut unaufhaltsam gegen den Strand getrieben wurden.

Endlich stieß das Schiff auf den Grund und hielt mit heftigen Stößen an, solange das Wasser im Wachsen blieb. Erst als die Ebbe wieder eintrat, saß es völlig fest; aber nun brachen sich auch die rollenden Wellen mit solcher Macht dagegen, daß jede einzelne darüber weg schlug, und Schaum und Gischt die volle Höhe des Mastes emporgewirbelt wurden. Allmählich brach auch das Gebäude in all seinen Fugen, und wir sahen die Stücke davon unter unsern Füßen eins nach dem andern davontreiben. So wie aber die Ebbe sich immer weiter zurückzog, ließ auch die zertrümmernde Gewalt des Wogendrangs nach, die uns sonst unausbleiblich in den Abgrund mit fortgerissen hätte; das Verdeck ward von Wasser frei, und wir konnten wieder einen Gedanken an Rettung fassen.

Es war Mondenschein, und am Lande erblickten wir eine Menge von Menschen, die uns aber bei unserer noch beträchtlichen Entfernung vom Ufer nicht helfen konnten. Zwar banden wir ledige Wasserfässer an Taue und warfen sie über Bord in der Meinung, daß sie dorthinwärts treiben sollten; allein die Strömungen der Ebbe rissen sie vielmehr in der entgegengesetzten Richtung mit sich fort. Jetzt fiel uns ein, daß wir einen Pudel auf dem Schiffe hatten, der wohl an Land schwimmen und die ersehnte Gemeinschaft mit jenen Helfern bewirken könnte, wenn wir ihm ein Tau um den Leib bänden und dieses nach und nach fahren ließen. Es geschah, doch das arme Tier wollte dem Schiff nicht von der Seite, und wenn auch eine Sturzwelle es eine Strecke mit sich fortschleuderte, so kam es doch alsobald wieder zurückgeschwommen und winselte, an Bord aufgenommen zu werden. Vergebens schlugen wir nach ihm mit Stangen und Tauen, bis es uns endlich erbarmte, und wir das treue Geschöpf wieder an Bord nahmen.[20]

So schlich die Mitternacht heran, wo uns deuchte, daß nunmehr die Ebbezeit wohl abgelaufen sein müßte. Jetzt also befanden wir uns dem Strande am nächsten, der, unserer Schätzung nach zwei- oder dreihundert Schritte entfernt sein mochte; und so war es denn auch an der höchsten Zeit, alles aufzubieten, um womöglich lebendig an Land zu kommen, bevor die Flut wieder stiege, deren Gewalt ohnehin das Schiff nicht mehr ausdauern konnte, ohne gänzlich in Trümmer zu gehen. Es mußte gewagt sein! Sowie demnach eine Sturzwelle nach der andern sich zu uns heranwälzte, so sprang auch der Reihe nach jemand von uns über Bord und ward sogleich mit der Brandung gegen das Ufer hin getrieben, wo die Menschen, uns aufzufangen und aufs Trockene zu bringen, bereitstanden.

Ich samt meinem Bruder und dem Sohn meines Oheims, wir waren die letzten, die um den Röchelnden her mit den Armen fest verschlungen, dies alles vom Kajütendeck mit ansahen, aber uns nicht entschließen konnten, dies teure Jammerbild dahinten zu lassen. Wir schrien, wir wimmerten und wußten nicht, was wir mit demselben anfangen sollten. Vom Strande her ward uns durch ein Sprachrohr unaufhörlich zugeschrien: »Springt über Bord! Springt über Bord! Wächst das Wasser mit der Flut wieder an, so seid ihr verloren – springt! springt!«

Angefeuert und beängstigt zugleich durch dies Rufen, zogen wir endlich unsern Leidenden, dessen Bewußtsein völlig geschwunden war, hart an den Bord des Schiffes und nahmen eine besonders mächtige Sturzwelle in acht, mit welcher wir ihn in Gottes Namen dahin fahren ließen. Zu unsrer unaussprechlichen Freude sahen wir, wie er mit derselben im Fluge dem Lande zugeführt wurde, und wie dort die guten Leute ihn auffingen, ehe er noch von der See wieder zurückgespült werden konnte. Jetzt trieb ich meinen Bruder, den entscheidenden Sprung zu wagen; dann den Sohn meines Oheims und ein Stein nach dem andern fiel mir vom Herzen, da ich sie alsobald gerettet und in Sicherheit erblickte. Nun warf ich mich gleichfalls, als der letzte, wohlgemut in die rollenden Wogen, und in der nächsten Minute umfingen mich auch bereits hilfreiche Arme, die mich den Strand hinauf ins Trockne trugen.

Es ergab sich, daß die Mehrzahl unserer menschenfreundlichen Retter aus österreichischen Soldaten bestand, welche hier, seitdem ihre Kaiserin Maria Theresia sich auch mit England im Kriege befand, zur Deckung der Küste postiert standen und etwa alle zweitausend Schritte ein Wachthaus am Strande hatten. In ein solches Gebäude ward nun auch unser armer, zerschmetterter Oheim von uns mit Hilfe der Soldaten an Armen und Beinen getragen, und man deckte ihn mit allem, was sich an trockenen Kleidungsstücken vorfand, sorgfältig zu, um ihn wieder zu erwärmen. Neben ihm zu beiden Seiten lagen sein Sohn und[21] ich, hielten ihn umfaßt und nahmen ihm von Zeit zu Zeit das geronnene Blut aus dem Munde.

So mochte er etwa eine Stunde gelegen haben, als er zum erstenmal wieder nach seinem unglücklichen Fall den Mund zu der hervorgestöhnten Frage öffnete: »O Gott! Ist mir noch zu helfen?« – Das war Musik in meinen Ohren! Mit freudiger Hast erwiderte ich ihm: »Ja, ja, lieber Vatersbruder! Gott kann – Gott wird Euch noch wieder helfen. Wir sind am Lande.« – »So bringt mich denn zu einem Doktor«, – war seine kaum verständliche Antwort, und ich konnte ihn damit trösten, daß bereits nach demselben geschickt sei.

Dem war wirklich also; denn sofort nach unserer Landung war auch an die nächste Garnison in Veurne, welches drei viertel Meilen entfernt lag, eine Meldung geschehen und um ärztliche Hilfe gebeten worden. Zugleich erfuhren wir von den Soldaten, daß wir uns hier drei Meilen von Nieuport und zwei Meilen von Dünkirchen befänden. Der Grund und Boden unter uns war österreichisch, aber die französische Grenze nach letzterm Orte hinwärts nur eine Viertelmeile entfernt. Als man uns (wie sofort geschah) über unser Woher und Wohin befragte, so erklärten wir uns der frühern Abrede eingedenk für Schwedisch-Pommern aus Greifswalde, die eine Ladung Balken nach Lissabon hätte bringen wollen.

Am 3. Dezember mit dem frühen Morgen erschien ein Fuhrwerk mit Stroh gefüllt und einer Leinwanddecke versehen, welches angewiesen war, unsern armen Oheim in das Lazarett nach Nieuport zu schaffen. Dieser Ort war mir aus Furcht einer möglichen Entdeckung unsrer wahren Herkunft nicht recht gemütlich; dagegen vermeinte ich unserm Elende in Dünkirchen vielleicht bessern Rat zu schaffen, wo ich vor ein paar Jahren bereits gewesen war und einigermaßen des Orts Gelegenheit kannte. Ich lag daher unserm Führer an, seinen Kranken lieber nach der französischen Grenzstadt zu bringen, und hierzu ließ er sich auch um so bereitwilliger finden, da er eine Meile am Wege ersparte.

Mit schwerer Mühe ward der Oheim auf den Wagen gehoben. Ich und sein Sohn legten uns zu beiden Seiten neben ihn und hielten ihn möglichst sanft in unsern Armen, während mein Bruder den Wagen begleitete, welcher den ebenen Weg längs dem Seestrande einschlug. Gott weiß aber, daß ich wohl nie mehr geweint und gejammert habe als auf dieser Fahrt. Der geringste Anstoß des Wagens verursachte dem Kranken die peinlichsten Schmerzen, daß er kläglich winselte und zugleich an den Stücken geronnenen Blutes im Munde und Halse zu ersticken drohte, wie sehr ich auch durch Herausnahme derselben bemüht war, ihm Luft zu verschaffen.

So kamen wir endlich nachmittags (es war an einem Sonntage) in Dünkirchen an. Ich ließ den Fuhrmann vor einem Wirtshause halten, welches das Schild »Zum roten Löwen« führte; denn hier hatte ich bei meiner früheren Anwesenheit[22] jezuweilen ein Glas Bier getrunken und rechnete mich also in meinem Sinn zu den Bekannten des Hauses. Das hinderte jedoch nicht, daß ich hier mit meiner unerwünschten Begleitung geradezu ab- und nach dem Klosterhospital hingewiesen wurde, wo der rechte Ort für fremde Kranke und Gebrechliche sei. Wirklich auch waren wir dort kaum angelangt und mein Oheim vom Wagen gehoben, so sahen wir ihn auch von einem Schwarm katholischer Ordensgeistlicher umzingelt, die ihn in Empfang nahmen und zuförderst auf einen langen und breiten Tisch ausstreckten, wo er bis auf die nackte Haut entkleidet wurde.

Hiernächst fand sich eine Anzahl von Doktoren und Chirurgen ein, welche nun zu einer genaueren Untersuchung seiner Verletzungen schritten. Die erste Operation geschah durch Lösung des Tuches, welches ich dem Armen gleich nach seinem unglücklichen Falle um das Auge gebunden. Jetzt war dieses mit dem geronnenen Blute an dem Verbande festgetrocknet und zog sich mit demselben weit aus dem Kopfe hervor. Da es nur noch durch einen dünnen Nervenstrang in der Augenhöhle befestigt hing, so war es freilich rettungslos verloren, ward kurzweg abgeschnitten und auf eine Teetasse hingelegt.

Bei weiterer Untersuchung ergab sich, daß das linke Bein oberhalb des Knies im dicken Fleische gebrochen war; doch am bedenklichsten blieb die Zerschmetterung eines Rückenwirbels dicht unterm Kreuz, und die dem armen Manne auch wohl die empfindlichsten Schmerzen verursachen mochte. Denn während man ihn nach der Kunst behandelte und die Gliedmaßen bald so, bald anders reckte und dehnte, hörte er nicht auf zu winseln und zu ächzen. Uns drei Jungen, die wir Zeugen von dem allen waren, schnitt jeder Klageton tief durchs Herz, und wir heulten und lamentierten mit ihm in die Wette, so daß man sich genötigt sah, uns aus dem Gemache fortzuweisen.

Nachdem der Kranke endlich geschient und verbunden worden, legte man ihn auf ein Feldbett, welches man in die Mitte des Zimmers hingestellt hatte. Eine Klosternonne (Beguine) saß neben ihm und flößte ihm von Zeit zu Zeit einen Löffel roten Weines ein, den sie auf einem Kohlenbecken zu ihrer Seite erwärmte. Am Kopfende des Bettes aber standen wir armen Verlassenen und weinten unsere bitterlichen Tränen, und so währte das bis abends, wo ein Pater uns andeutete, daß wir die Nacht über im Kloster nicht bleiben könnten, sondern uns nach einer andern Herberge umsehen müßten. Diese fanden wir denn auch zu unsrer notdürftigen Erquickung in dem vorgedachten Wirtshause; doch brachten wir eine schlaflose, trübselige Nacht zu und wußten nicht, wo Trost und Hilfe zu finden.

Kaum graute auch nur der Morgen, so machten wir uns wieder nach dem Kloster auf den Weg, wo wir unsern armen Leidenden unter fortwährendem Gestöhn und Seufzen noch in dem nämlichen Zustande wie gestern fanden. Was konnten wir abermals tun als um ihn her stehen und die Luft mit unsern Klagen erfüllen? Indes hatte man uns auf unsere Nachfrage verständigt, daß heute[23] Posttag sei, und so ließ ich mir im Gasthofe Papier und übriges Zubehör reichen und brachte den Rest des Tages damit zu, sowohl an unsern Schiffsreeder, Herrn Becker, als an meine Eltern nach Kolberg zu schreiben und ihnen Meldung von unserm erlittenen Unglück zu tun. Die Briefe wurden versiegelt, und am nächsten Morgen standen wir wiederum von Herzen betrübt am Bette unsers Kranken, ohne daß wir eine merkliche Veränderung an ihm spürten. Ich beugte mich indes dicht zu seinem Ohre und versuchte die Frage: »Lieber Vatersbruder, sollen wir auch nach Kolberg schreiben?« – Er hatte mich verstanden, denn er schüttelte mit dem Kopfe, als ob er nein sagen wollte. So schwach auch dieser Hoffnungsstrahl seiner wiederkehrenden Besinnung war, so erfüllte er mich doch mit Mut, daß wohl noch alles wieder gut werden könnte. Ich glaubte darum auch, daß ich die Briefe unbedenklich abgehen lassen dürfte, gab den andern beiden einen verstohlenen Wink und eilte mit ihnen nach dem Postkontor.

Unsere Abwesenheit mochte etwa drei viertel Stunden gedauert haben. Doch als wir wieder in das Kloster und das Krankenzimmer eintraten, fanden wir zu unserer höchsten Bestürzung und mit einem Schmerz, der sich mit nichts vergleichen läßt – nur unsers guten Oheims Leiche vor. Sie ward auch alsbald aus dem Bett genommen, auf den nämlichen Tisch wie vorhin ausgestreckt, abermals völlig entkleidet und der wiederholten, genauen Besichtigung der Ärzte unterworfen, wobei sich denn die zuvor bemerkten Verletzungen noch deutlicher bestätigten. Sobald uns aber die Doktoren verlassen hatten, traten einige Pfaffen herzu und fragten mich, zu welchem Glauben dieser unser Schiffskapitän sich bekannt habe. – Ich armer, religiöser Narr antwortete unbedenklich: »Ei, zum lutherischen!«

Sowie dies unglückliche Geständnis über meine Lippen floh, war es gleich, als ob das Gewitter ins Kloster geschlagen hätte. Alles geriet in Bewegung; der eine sprach hitzig mit dem andern; niemand wollte den Seligen anfassen, und doch mußten die Ketzergebeine, ehe die Sonne unterging, aus dem geweihten Bezirk fortgeschafft werden. Man steckte uns endlich eine beschriebene Karte in die Hand, die an einen Tischler lautete, welcher wohl die Lieferung der Särge für das Hospital auf sich haben mochte. Denn als wir ihn uns endlich ausgefragt hatten, fanden wir deren bei ihm einen reichlichen Vorrat vor und wurden bedeutet, unter denselben einen nach der Größe unserer Leiche auszusuchen. Unsere Wahl fiel auf den längsten, weil unser Oheim von einer ansehnlichen Statur gewesen war, und mit diesem Sarge wanderten wir nun nach dem Kloster zurück.

Hier trieb man uns, ohne sich zu irgend einiger Handreichung zu verstehen, mit barschem Ernst, den Leichnam unverzüglich einzusargen und ihn aus dem Gemache hinweg auf die Straße unter einen uns dazu angewiesenen Schoppen zu bringen. Unsere Wehmut kannte keine Grenzen. Indes taten wir, wie uns geboten worden; man reichte uns Hammer und Nägel, um den Deckel zuzuschlagen,[24] und nun hoben wir an, den Sarg mit den uns so teuren Überresten eine kurze Strecke auf den Flur fortzuziehen und zu schieben. Hier aber übermannte und lähmte der ungeheure Schmerz plötzlich all unsere Kräfte, und wir fühlten uns, in ein lautes und vereintes Jammergeschrei ausbrechend, ohne Vermögen, die geliebte Last auch nur einen Schritt weiterzubringen. Ich fiel vor dem einen Pater auf die Knie und bat um Gottes willen, man möchte sich unserer erbarmen, denn wir könnten hier nichts mehr tun.

Jetzt gab es ein kurzes Gespräch unter den Anwesenden; ein Aufwärter ward fortgeschickt und binnen einer Viertelstunde erschienen vier Kerle mit einer Trage und jeder mit einem Spaten versehen. Sie packten die Leiche an, und so ging der Zug zum Tore hinaus, etwa zweitausend Schritte weit und gerade auf eine Kirche zu. Wir, die wir den Trägern gefolgt waren, meinten, der Leichenzug eile dem Kirchhofe zu. Das war aber weit gefehlt; denn es ging, neben dem Gotteshause vorüber, wohl noch tausend Schritte weiter auf ein freies Feld, und da die Träger ihre Last wohl zwanzigmal niedergesetzt hatten, um frischen Atem zu schöpfen, so begann es bereits dunkel zu werden, bevor wir die Grabstätte erreichten.

Es war ein Fleck am Wege, der nichts hatte, was einem Totenacker ähnlich sah. Hier sollten wir nun ein Grab graben; da es aber den Kerlen damit zu lange währte, nahmen sie uns verdrießlich die Spaten aus den Händen, schaufelten und schalten uns »Ketzer«. Wir hingegen gaben alle möglichen guten Worte; und sobald auch nur das Grab so tief geöffnet war, daß der obere Sargdeckel unter Erde kommen konnte, senkten wir die Leiche mit Weinen und Wehklagen hinein, füllten die Erde drüber her, nahmen unter tausend heißen Tränen Abschied und wanderten bekümmert wieder auf unsern roten Löwen zu, doch nur, um nach einer ängstlich durchseufzten Nacht gleich am nächsten Morgen wieder das Grab des lieben Oheims aufzusuchen und auf demselben zu jammern.

Fürwahr, wer eine menschliche Seele hat, wird unser Elend mit uns fühlen! Da saßen wir drei Jungen, von achtzehn bis zu vierzehn Jahren herab, in der größten Leibes- und Seelennot – in einem ganz fremden Lande, auf dem freien Felde und über dem frischen Grabhügel unsers geliebten Vaters und Führers! – saßen, als eine arge Ketzerbrut von jedermann gemieden und ausgestoßen, ohne einen Pfennig im Vermögen, nichts in und wenig auf dem Leibe, in dieser rauhen Jahreszeit, ohne Trost oder Hilfe von Menschen! Betteln konnten und wollten wir nicht, lieber hätten wir hier auf dieser Grabeserde des geliebten Hingeschiedenen gleichfalls verscheiden und verschmachten mögen! Er allein war in diesen trostlosen Augenblicken unser Gedanke und unsre Zuflucht. »O Vatersbruder, erbarmt Euch!« riefen wir unaufhörlich, bis wir uns müde geschrien hatten und das Törichte unsers Beginnens einsahen.

Jetzt erst konnten wir uns untereinander beraten, was wir in dieser unsrer gänzlichen Verlassenheit anzufangen hätten. Der Schluß fiel dahinaus, daß wir[25] des nächsten Morgens zu unserm Schiff und unsern andern Kameraden zutückkehren wollten. Wo diese blieben, wollten auch wir bleiben und ihr Schicksal mit ihnen teilen. Unser einziger und letzter Notanker war aber des verstorbenen Oheims Taschenuhr, die wir an uns genommen hatten und, wenn uns zuletzt das Wasser an die Seele ginge, loszuschlagen gedachten. Ob dies schon im Roten Löwen würde geschehen müssen, wohin wir nun zunächst zurückkehrten, sollten wir alsbald erfahren. Gesättigt und durch einigen Schlaf erquickt, kam denn auch am Morgen darauf unsre bisherige Zeche zur Sprache. Doch der gute Wirt, den unser trauriges Schicksal erbarmt hatte, war mit unserm Dank und einem herzlichen Gott lohn's zufrieden; wir aber wanderten ebenfalls in Gottes Namen wieder den Strand entlang, um unsere zurückgelassenen Unglücksgefährten aufzusuchen.

Noch waren wir indes keine Meile gegangen, als unser Schiffskoch, namens Roloff, uns aufstieß und uns berichtete: Die österreichischen Strandwächter hätten unsre preußische Flagge von dem zertrümmerten Schiffe am Ufer aufgefischt; die Mannschaft sei hierauf nochmals in ein scharfes Verhör genommen worden und habe sich endlich zu ihrer wahren Landsmannschaft bekennen müssen. Von Stund an habe man sie als Kriegsgefangene und mit Härte behandelt; habe sie genötigt, die Trümmer des Schiffs und der Ladung mit angestrengter Atbeit ans Land bergen zu helfen, zugleich aber auch sie in so genauer Obacht gehalten, daß nicht einer ohne militärische Begleitung sich nur bis zwischen die nächsten Sanddünen habe entfernen dürfen. Dennoch sei es ihm selbst in dieser letzten Nacht geglückt, seinen Aufsehern zu entwischen, und er gedenke nunmehr nach Dünkirchen zu gehen, wo er in Sicherheit zu sein hoffe; – uns aber rate er wohlmeinend, auf der Stelle wieder mit ihm umzukehren.

In der Tat war auch dieser Vorschlag der beste und ward unbedenklich von uns angenommen. Indem ich aber in unsrer neuen Not alles reiflich bei mir überdachte, kam mir wieder der Kaufmann in Dünkirchen zu Sinn, an welchen Schiffer Damitz vor vier Jahren, als er mit mir von Liverpool kam, seine Ladung Tabak abgeliefert hatte. Sein Haus war mir noch erinnerlich, doch sein Name nicht. Indes beschloß ich, geradesweges zu ihm zu gehen, ihm unsre Not zu klagen und ihn um Rat und Beistand zu bitten. Daneben fiel mir bei, daß unser Schiff in Amsterdam für Seeschaden und Türkengefahr versichert gewesen, und daß der Kommissionär, der dies Assekuranzgeschäft besorgt hatte, den Namen Emanuel de Kinder führte. Ich konnte demnach den Dünkircher Kaufmann bitten, daß er an diesen Agenten unsers Reeders nach Amsterdam schriebe und in unserm Namen um einen Vorschuß von einhundert Gulden für Rechnung Herrn Beckers oder meines Vaters in Kolberg bäte. Damit ließ sich dann schon hoffen, unsre Heimat wieder zu erreichen.[26]

Alles dieses ging auch nach Wunsch in Erfüllung. Der Kaufmann war willig und bereit, uns in der vorgeschlagenen Weise zu dienen. Binnen acht Tagen ging auch eine Antwort von Emanuel de Kinder an ihn ein mit der Anweisung, daß, wenn wir des Nettelbecks Kinder wären, er uns die hundert Gulden, oder, falls wir es verlangten, auch das Zweifache auf dessen Konto vorschießen möge. Allerdings war das brav von dem Amsterdamer; aber noch heute diesen Tag freut es mich, daß ich diese Wohltat im Jahre 1783 – also 27 Jahre nachher – an seinem Sohne Florens de Kinder habe vergelten können, indem ich mich, mit einer reichen Ladung von Lissabon kommend, an diesen adressieren ließ, und gewiß hat er hierbei als Korrespondent über zweitausend Gulden gewonnen.

Ich war ein so guter Wirt, daß ich mich mit der Hälfte des angebotenen Darlehns begnügte, und das um so lieber, da uns der Dünkircher belehrte: es sei auf diesem Platze der Brauch, daß Seefahrer, die an der dortigen Küste ihr Schiff verlören, einen Son (etwa vier Pfennige unsers Geldes) für eine jede Meile bis nach ihrer Heimat als Reisegeld empfingen. Zugleich erbot er sich, jemand von seinen Leuten mit uns nach dem Stadthause zu schicken, um uns diesen Zehrpfennig auswirken zu helfen. Dort war jedoch den Herren, denen wir Kolberg als unsre Vaterstadt nannten, dieser Ort ein ganz unbekanntes Ding; denn damals hatten ihm die wiederholten Belagerungen noch keinen Ruf in der politischen Welt gegeben. Ich bat mir demnach eine Seekarte aus und wies in derselben die Lage dieses Handelshafens nach, ward aber zugleich auch aufgefordert, dessen Entfernung von Dünkirchen abzumessen. Dies trug über See gegen einhundertundneunzig Meilen aus, und ebensoviel Sous wurden auch jeden von uns dreien auf der Stelle ausgezahlt.

So waren wir denn mit unserm Reisebedürfnis notdürftig ausgerästet: doch nun galt es die Frage, welchen Weg wir einschlagen sollten, um wieder zu den Unsrigen zu gelangen? Es war Winter, und die See so gut als gesperrt. Zu Lande aber hätten wir uns durch die österreichischen Niederlande wagen müssen, wo wir als Preußen Gefahr liefen, gleich an der Grenze in Nieuport, Ostende, oder wo es sonst sei, angehalten zu werden. Indes ereignete sich über unser Erwarten bald genug eine Gelegenheit, die wir zu unserm Weiterkommen nicht glaubten versäumen zu dürfen. Die Dünkircher Kaper hatten nämlich einen englischen Kutter als Prise aufgebracht und denselben an einen Schiffer von Bremen, namens Heindrick Harmans, verkauft. Dieser belud denselben sofort mit losen Tabakstengeln und war willens, damit nach Hamburg zu gehen. Die gesamte Schiffsmannschaft bestand außer ihm selbst nur aus zwei Matrosen, und wir drei waren ihm als Passagiere um so lieber, da wir uns erboten, gegen die Kost, die er uns reichen sollte, die Wache mit zu halten.

Vier Tage vor Weihnachten gingen wir in See. Es begann hart zu frieren, und das ganze Fahrzeug nahm zuletzt die Gestalt eines großen Eisklumpens an.[27]

Da wir so wenig auf dem Leibe hatten, wurden uns unsre Wachen herzlich sauer. Uns fror jämmerlich; daher begruben wir uns, sooft die Wachzeit zu Ende lief, im Raume tief in die Tabaksstengel; kamen aber gewöhnlich ebenso erfroren wieder heraus, als wir hineingekrochen waren. Unsre Schiffsleute verfuhren auch so unbarmherzig mit uns, daß sie uns nicht in ihre Schlafkojen aufnehmen wollten, wiewohl dies, während sie selbst sich auf der Wache befanden, füglich hätte geschehen können. Ebensowenig ließen sie uns zu unsrer Erwärmung das geringste von ihren Kleidungsstücken zukommen, und selbst die kärglichen Mundbissen, die wir erhielten, wurden uns nur mit Widerwillen und Brummen hingestoßen.

So kamen wir vor die Mündung der Elbe. Da wir hier aber alles mit Eis bedeckt fanden und überdem auch sich ein Ostwind erhob, wurde der Beschluß gefaßt, wieder umzukehren und an der holländischen Küste einen Nothafen zu suchen. Vor der Insel Schelling fand sich auch ein Lotse zu uns an Bord, der uns schon bei später Abendzeit zwischen die Bänke im Vorwasser brachte. Weil uns indes der Wind entgegenstand und wir nicht weiter hineinkommen konnten, warfen wir Anker, und der Lotse ging wieder an Land mit dem Versprechen, sobald der Wind sich umsetzte, zu uns zurückzukehren. Aus den Äußerungen unsres Schiffers ging hervor, wie erwünscht es ihm sei, gerade an diesem Punkte an Land gekommen zu sein; denn sein Vater fahre als Beurtschiffer von Bremen nach Haarlingen, und eben jetzt müsse die Reihe an ihm sein; so daß er hoffen dürfe, denselben an letzterm Orte vorzufinden, von wo wir hier nur zwei oder drei Meilen entfernt seien.

Es war gerade der 1. Januar des Jahres 1757. Abends um zehn Uhr setzte sich der Wind in Nordwesten; und indem er zu einem fliegenden Sturm anwuchs, wurde das Schiff vom Anker getrieben; saß auch, ehe wir uns dessen versahen, auf einer Bank fest, wo die Sturzwogen unaufhörlich über das Fahrzeug hinwegrollten und bis hoch an die Masten emporschäumten. Das Schiff war scharf im Kiel gebaut; sooft daher eine Welle sich verlief, fiel es so tief auf die Seite, daß die Masten beinahe das Wasser berührten. Gleichwohl erhielt uns Gottes Barmherzigkeit, daß wir nicht vom Borde hinweggespült wurden. Diese ängstliche Lage dauerte wohl vier bis fünf Minuten, als endlich eine besonders hohe und mächtige Welle uns hob und mit sich über die Bank hinüberschleuderte.

So gelangten wir zwar für den Augenblick wieder in fahrbares Wasser; doch ehe wir noch Zeit hatten, uns unsrer Rettung zu freuen, jagte der Sturm unser Fahrzeug vollends auf den Strand, und die brandenden Wellen zogen aufs neue im schäumenden Gebrause über das Verdeck und unsre Köpfe hinweg. Der Schiffer mit seinen beiden Leuten befand sich zufällig auf dem niedriger liegenden Hinterteile des Schiffs; während wir drei Passagiere uns vorne in der Höhe befanden und den Fockmast umklammert hielten, um nicht von den spülenden[28] Wogen mit fortgerissen zu werden. Die Angst, mit etwas Hoffnung vermischt, machte uns mäuschenstill; jene aber schrien und wimmerten, daß die Luft davon erklang, ohne daß wir ihnen helfen oder sie zu uns emporklimmen konnten.

Die Nacht war ziemlich dunkel; auf dem Lande lag Schnee, und rings um uns her schäumte die Brandung; folglich war alles weiß, und es ließ sich nicht unterscheiden, wie nahe oder wie fern wir dem trocknen Ufer sein mochten. Je länger ich indes meine Aufmerksamkeit hierauf spannte, desto gewisser auch deuchte mir's, daß beim Rücklauf der Wellen nur ein kleiner Zwischenraum bis zum Lande stattfinden könne. Ich nahm einen Zeitpunkt wahr, wo das Verdeck auch vorn frei vom Wasser war, und kroch an dem langen Bugspriet hinan, das nach dem Strande hin gerichtet stand; da sah ich nun deutlich, daß jedesmal, wenn die See zurücktrat, das Ufer kaum eine Schiffslänge von uns entfernt blieb.

Jetzt schien mir unsre Rettung länger nicht unmöglich. Ich nahm behutsam den Rückweg zu meinen Gefährten, teilte ihnen meine glückliche Entdeckung mit und sprach ihnen Mut ein, mir nach auf das Bugspriet zu klettern. Sobald die nächste Welle sich weit genug zurückzöge, wollte ich's zuerst versuchen, mich schnell an einem Tau (deren dort überall eine Menge zerrissen hing) hinabzulassen, und wenn ich festen Boden unter mir fühlte, sollten sie auf mein gegebenes Zeichen, beim nächsten Ablauf einer Woge meinem Beispiele getrost nachfolgen. Auch den übrigen schrie ich zu, sich auf diesem Wege zu retten; allein das Sturm- und Wellengebrause war zu mächtig, als daß ich hätte können verstanden werden.

Unser Wagstück gelang nach Wunsch; wir kamen glücklich an Land und fielen alle drei voll Entzücken auf unsre Knie, um dem göttlichen Erretter unsern Dank darzubringen. Durchnäßt bis auf die Haut und erstarrt vor Frost, war indes hier nicht der Ort und die Zeit, lange hinter uns zu sehen. Vielmehr wanderten wir unverzüglich auf eine Feuerbake zu, die hier auf dem Schelling zum Besten der Seefahrenden unterhalten wird, und deren Licht wir etwa zweitausend Schritte von uns flimmern sahen. Wohl hundertmal fielen wir in der dicken Finsternis und auf den unebenen Sanddünen über unsere eigenen Füße; aber innig froh, dem tosenden Meere entronnen zu sein, hätten wir auch wohl größeres Leid nicht geachtet und gelangten endlich auch wohlbehalten zu dem Feuerturme. Die Tür desselben ward im Dunkeln ausgetastet; vor uns öffnete sich eine Wendeltreppe, die wir hinanstiegen, und droben im Wachstübchen fanden wir einen Mann auf der Pritsche ausgestreckt, dem bei unserm unerwarteten Eintritt im Todesschrecken das Pfeifchen aus dem Munde entsank, bis wir uns beiderseits besannen und näher miteinander verständigten.

Auf den Bericht von unsrer unglücklichen Strandung erklärte er uns, daß er verpflichtet sei, dies Ereignis sofort im nächsten Dorfe, welches kaum einige tausend Schritte entfernt liege, anzuzeigen. Er lud uns ein, ihn dorthin zu begleiten, kam uns erstarrten Burschen aber gar bald aus dem Gesicht und überließ[29] es uns, ihm, so gut wir konnten, nachzuhumpeln. Unzählige Male purzelten wir auf diesem kurzen Wege, kamen selbst in Gefahr uns zu verirren, und fanden uns nur dann erst zu dem Dorfe hin, als wir eine Glocke ziehen hörten, welche das Zeichen gab, daß alles Mannsvolk auf und empor sollte, um unser gestrandetes Schiff aufzusuchen und zu bergen.

Wir wurden indes in ein Haus geführt, wo des Fragens nach unserm erlittenen Unglück kein Ende war; wo aber die guten Leute zugleich auch trockne Kleider, Speisen, Warmbier und sogar Glühwein und was sie sonst irgend im Vermögen hatten, herbei brachten, um uns zu erquicken. Sie weinten in die Wette mit uns – wir vor Freude, sie vor Mitleid, und nicht eher verließen sie uns, als bis sie uns in einem warmen Bett zur Ruhe gebracht hatten.

Am Morgen, da wir uns wieder ermuntert hatten, erfuhren wir, daß die Dorfmannschaft von ihrem nächtlichen Zuge wieder heimgekehrt sei. Sie hatte das gestrandete Schiff in der Dunkelheit nicht finden können, war aber bei anbrechendem Tage auf die einzelnen, längs dem Ufer umhertreibenden Trümmer gestoßen, ohne jedoch weder einen lebendigen Menschen noch eine ausgeworfene Leiche anzutreffen. Wir blieben also leider die einzigen Geborgenen! Es ward uns indes angeraten, uns zu Mynheer de Drost, der die polizeiliche Aufsicht auf der Insel führte, zu begeben und demselben unser Unglück vorstellig zu machen, da zudem eine Kasse vorhanden sei, woraus armen schiffbrüchigen Leuten wie wir eine Unterstützung gereicht zu werden pflege. Auch möchten wir deren wohl um so mehr bedürftig sein, da jetzt zwischen dem Schelling und dem festen Lande alles mit Eis gestopft und sobald an kein Hinüberkommen zu denken sei.

Dieser Vorschlag kam uns gar gelegen. Ohne uns also zu äußern, daß wir noch mit Geld und mit einer Taschenuhr (beides hatte ich sorgfältig in meinen Beinkleidern verwahrt) versehen wären, machten wir uns zu dem Landdrosten auf den Weg, ihm unsre Lage zu schildern. Der brave Mann hörte uns mit dem äußersten Mitleid an; ließ auch sofort einen Schneider kommen, der uns eine tüchtige Jacke und Hosen anmessen mußte, und versah uns mit doppelten Hemden, Halstüchern, Strümpfen, einer Filzmütze und andern Notwendigkeiten mehr. Hiermit noch nicht zufrieden, ließ er einen Mann kommen, dem er uns in die Kost befahl, und so blieben wir in dieser menschenfreundlichen Pflege bis in die Mitte des Januars, als endlich das Eis zwischen dem Schelling und Haarlingen aufging, und wir ein Schiff von dorther nach dem Schelling durchbrechen sahen.

Sobald dies Fahrzeug an Land gekommen war, beeilten wir uns, den Schiffer, welcher schnell löschen und dann den Rückweg antreten wollte, dahin zu vermögen, daß er uns einen Platz an seinem Borde gestattete. Auf seine ausweichende Antwort, die uns wenig Hoffnung übrigließ, hielten wir's für das Geratenste, auf der Stelle unsern großmütigen Gönner, den Drosten, anzutreten und ihm unser neues Anliegen vorzutragen. Sogleich auch war er zur Vermittlung[30] bereit, ließ den Schiffer rufen, verdingte uns ihm als Passagiere bis Haarlingen und an seinen eignen Tisch, wie lang oder kurz die Überfahrt auch währen möchte, und berichtigte die Kosten mit fünfzehn Gulden vor unsern Augen. Es versteht sich, daß wir ihn aus Herzensgrunde und mit weinenden Augen dankten, indem wir zugleich Abschied von ihm nahmen, um mit unserm Schiffer zu gehen. Diesem halfen wir vergnügt löschen und eine neue Ladung einnehmen, und so konnten wir schon nach achtundvierzig Stunden mit ihm vom Schelling absegeln.

Wir brauchten einen Tag und beinahe die ganze folgende Nacht, um uns durch das Eis zu arbeiten, bis wir mit dem Morgen vor Haarlingen anlegten. Hier nahmen wir sofort unser kleines Bündel auf den Arm und waren im Begriff, längs dem Kai zum nächsten Tore hinauszuziehen, als wir zufällig an einem Fahrzeuge vorüberschlenderten, welches wie mehrere andere im Eise eingefroren war. Auf demselben stand ein kleiner alter Mann, der uns anrief, und dessen Neugier wir über unsre Umstände erst im allgemeinen und dann im besondern befriedigen mußten. Wir taten es als ehrliche Pommern in aller Unbefangenheit und nannten letzlich auch den Namen »Heindrich Harmanns«, als des Schiffers, mit dem wir unsern neuerlichen Unfall erlitten und der dabei ein Raub der empörten Wogen geworden.

Kaum ging der unglückliche Name über meine Lippen, so schlug der alte Mann die Hände über dem Kopf zusammen und schrie, daß es in die Lüfte klang: »Barmherziger Gott! Mein Sohn! Mein Sohn!« Zugleich sank er auf seine Knie nieder und mit dem Angesicht auf das Verdeck und jammerte unablässig: »Mein Sohn! Oh, mein Sohn!« – Uns schnitt der kägliche Anblick durchs Herz; wir weinten mit ihm und konnten nicht von der Stelle. Als wir uns beiderseits ein wenig erholt hatten, drang er in uns, ihm in seine Kajüte zu folgen. Hier mußten wir ihm den ganzen Verlauf umständlich erzählen; auch wollte er uns (als ob ihm dies einigen Trost gäbe) den ganzen Tag nicht von seiner Seite lassen; aber während er uns Kaffee, Wein und alles, was er nur bei der Seele hatte, vorsetzte, überwältigte ihn immer von neuem der Gram um sein verlornes Kind und preßte auch uns Tränen der Rührung und des Mitleids aus.

Gegen den Abend, wo es uns endlich die höchste Zeit deuchte, unsern Stab weiterzusetzen, hub er an: »Liebe Jungen, heute könnt und sollt ihr nicht mehr von dannen. Ich will euch in ein gutes Haus bringen, wo ihr euch die Nacht über erholen könnt. Aber morgen früh hol' ich euch ab und gehe eine Strecke Weges mit euch. Ihr seid jung und unerfahren und braucht Anweisung und guten Rat, wie ihr eure Reise weiter anzustellen habt. Kommt denn, in Gottes Namen!«

Unser Führer schien in der Herberge, zu welcher er uns geleitete, und wo es von Biergästen wimmelte, gar wohl bekannt. Er erzählte seines Sohnes und unser Unglück; auch wir mußten erzählen und so verstrich der Abend, bis der[31] Wirt in Ermanglung seiner abwesenden Ehegenossin uns in ein recht artiges Zimmer hinausleuchtete, uns dreien ein großes, mit Betten hoch ausgestopftes Nachtlager anwies und uns sodann eine freundliche Ruhe wünschte. Wirklich tat sie uns not, und wir krochen wohlgemutet und behaglich unter die Decke zusammen.

Leider aber hatten wir diesmal unsere Rechnung – zwar nicht ohne den Wirt, aber doch ohne die Wirtin gemacht! Denn kaum war uns so ein süßes halbes Stündchen zwischen Schlaf und Wachen verlaufen, so kam es unter Zank und Gepolter die Treppe hinaufgestürmt; unsre Zimmertür ward ungestüm aufgerissen, und eine gellende Stimme gebot uns, sofort das Nest zu räumen und ihr sauberes Bettzeug nicht zu verfumfeien. Da half kein Widerreden; wir sprangen auf, ließen die Ohren hängen und duckten uns in einen Winkel zusammen, bis die Betten, die der Dame so fest aus Herz gewachsen waren, mit einem Strohsack, einer Matratze und einer Art von Pferdedecke vertauscht worden. Das war ein böser Wechsel! und der unfreundlich genug ausgestoßene Wunsch einer guten Nacht, womit uns die gestrenge Hausfrau verließ, hinderte nicht, daß wir eine sehr böse Nacht unter Frost, Verdruß und Schlaflosigkeit zubrachten.

Unser ehrlicher Vater Harmanns, der in seiner Kajüte geschlafen hatte, und dem wir am Morgen unser nächtliches Abenteuer mitteilten, nahm sich den Affront, welcher seinen Schützlingen widerfahren war, mehr zu Herzen, als wir erwarteten. Trotz unserer Vorstellungen las er der Wirtin einen derben Text, sagte ihr und ihrem Hause, wo er so viele Jahre verkehrt hatte, alle Gemeinschaft auf und wollte jede Christenseele warnen, keinen Fuß über diese unwirtliche Schwelle zu setzen. Wir hatten genug zu tun, den lieben alten Mann zu beschwichtigen, der sich's nicht nehmen ließ, uns noch zu guter Letzt durch ein vollständiges Frühstück satt zu machen; ja auch alle unsre Taschen mit Brot, Käse, gekochtem Fleisch und was er sonst wußte und hatte, vollzustopfen.

Das getan, ergriff er seinen Stab und wanderte mit uns zum Tore hinaus, wie sehr wir ihn auch bitten mochten, umzukehren und seine Kräfte zu schonen. Vielmehr hörte er nicht auf, uns eifrig wegen unsers bessern Fortkommens zu beraten, und während dieser Besprechungen verlief ein Stündchen nach dem andern, es ward Mittag, und wir befanden uns in Franecker. Hier zog er mit uns in ein Wirtshaus, ließ auftragen, als ob wir uns für drei Tage sattessen sollten, und konnte sich endlich nur schwer entschließen, uns das Valet zu geben. Noch drückte er uns beim Abschied zwei holländische Dukaten in die Hände; wir aber schieden mit Tränen der Dankbarkeit von diesem Ehrenmanne und gelangten abends wohlbehalten nach Leuwaarden, wo wir übernachteten.

Die nächste Tagereise brachte uns spät in der Dunkelheit nach Dockum; aber es wollte uns nicht gelingen, hier eine Herberge zu finden. Überall, wo wir anklopften,[32] beleuchtete man uns sorgfältig von allen Seiten und zog dann die Tür uns vor der Nase ins Schloß, mit einem frostigen: »Geht weiter mit Gott!« – Es war eine kalte, stürmische Nacht; wir irrten umher und jammerten, bis wir endlich bei einem Hinterhause an einen Stall gerieten, wo ein Knecht noch den Dünger auskehrte. Vergebens klagten wir auch diesem unser Leid und baten ihn, uns die Nacht in seinen warmen Stall aufzunehmen; er fürchtete, sich dadurch Scheltworte bei seinem Herrn zu verdienen, und uns blieb zuletzt nichts übrig, als uns hinter einer Scheune zunächst dem Tore, wo es etwas Überwind gab, zusammenzukauern und uns recht herzlich satt zu weinen. Hatten wir eine Weile gesessen, so sprangen wir wieder auf und rannten auf dem Platze hin und her, um nicht vor Frost zu erstarren. Es ward uns aber wahrlich je länger je übler zumute.

Das währte so fort bis nach Mitternacht, als wir Räder rasseln und ein Posthorn blasen hörten. Eine Kutsche hielt am Tore, und auch wir kamen hinter unsrer Scheune hervor, um zu sehen, was es gäbe. Bis die Torflügel und Gatter sich öffneten, standen wir aus Langerweile um den Wagen her, an welchem der Schlag von innen aufgemacht wurde, und von woher ein lautes »Wer da?« an uns erging. Wir fanden keine Ursache, unsrer Personen, Drangsale und gegenwärtigen Not ein Hehl zu haben; und unser unwillkürliches Zähneklappern legte genugsames Zeugnis ein, daß wir die Wahrheit redeten.

Es fand sich nun, daß ein einzelner Mann im Wagen saß, und daß ihm unser trübseliger Zustand zu Herzen ging. Nachdem er seinem Unwillen durch einige Verwünschungen gegen die hartherzigen Dockumer Luft gemacht, uns um unsre Heimat befragt (freilich mochten wohl Pommern und Kolberg böhmische Dörfer für ihn sein!) und endlich noch erfahren hatte, daß unser Weg zunächst auf Gröningen ginge, so überraschte er uns durch die willkommene Einladung, zu ihm in die Kutsche zu steigen und ihn bis zu dem genannten Orte zu begleiten. Es versteht sich wohl, daß wir armen erfrornen Schlucker uns das nicht zweimal sagen ließen. Der Wagen rollte mit uns fort, und wir mußten unserm Wohltäter die ganze Nacht hindurch alle unsre erlebten Schicksale erzählen. Mit Tagesanbruch sahen wir uns nach Gröningen versetzt, und der Mann im Wagen fuhr seines Weges weiter, doch nicht, ohne zuvor uns mit drei holländischen Gulden beschenkt zu haben.

Wir sahen ihm mit herzlichem Danke nach; verfolgten aber gleichfalls unsre Straße zum andern Tore hinaus, nachdem wir bloß unsern Brotbedarf erneuert hatten, und erlebten an diesem Tage kein ferneres Abenteuer, als daß wir an einem Gittertore von einem barschen Kerle angerufen und uns sechs Stüber Zollgeld abgefordert wurden. Unser Protestieren, daß wir arme schiffbrüchige Leute seien, die man ja wohl verschonen werde, half zu nichts; wir wurden in die[33] Stube des Zollhauses gezerrt und sollten zahlen. Nun wäre die Summe wohl zu erschwingen gewesen, und meine Kameraden winkten mir auch zu, nur in Gottes Namen den Beutel zu ziehen; allein dieser, samt unserm ganzen kleinen Reichtum, saß so tief und wohlverwahrt in meinen Beinkleidern, daß ich ein billiges Bedenken trug, ihn vor diesen Zeugen zum Vorschein zu bringen. Darüber saßen wir hier wohl eine gute halbe Stunde lang gleichsam wie im Arrest, und es ward mit uns um die sechs Stüber kapituliert.

Ganz wie vom Himmel kam uns jedoch ein Erlöser in der Person eines Postboten, der zu uns eintrat, weil er hier Briefe abzureichen hatte. Er ließ sich den Handel von beiden Parteien umständlich vortragen und schlug sich wie billig auf unsre Seite, wobei es denn nicht ohne eine nachdrückliche Gewissensrüge an den unbarmherzigen Zöllner abging. Dieser aber blieb steif und unbeweglich auf seinem Zollreglement und seinen sechs Stübern bestehen, bis endlich unser eifriger Sachwalter den eignen Beutel zog, jenem das Wegegeld hinwarf, und uns nun triumphierend aufforderte, in Gottes Namen unsers Weges zu gehen. Das taten wir denn auch, ohne es an unsrer Bedankung für seine Großmut mangeln zu lassen.

Nun aber gerieten wir in andre Nöte. Meine beiden Begleiter, der angestrengten Märsche ungewohnt, hatten die Füße voller Blasen und fanden sich auch anderweitig unbequem, so daß mir's immer schwerer fiel, sie des Weges vorwärts zu bringen. Ging ich meinen guten Schritt vorweg und sah dann hinter mich, so war der eine noch immer weiter als der andere zurückgeblieben. Bat ich sie, sich zu fördern: – sie wollten nicht, sie konnten nicht; sie weinten. Es gedieh endlich so weit damit, daß mein Bruder auf einem Düngerhaufen am Wege sitzen blieb und unter heißen Tränen beteuerte: jetzt vermöchte er nicht weiter; ich möchte nur meinen Weg vor mich hingehen. Wollt' ich ihm von unserm Gelde nichts zukommen lassen, so möchte es sein. Es sei ihm ohnehin so zu Sinne, als müsse er hier sitzen bleiben und Hungers sterben.

Meine Angst war unaussprechlich. Ich weinte mit ihm um die Wette; ich tröstete, ich versprach ihm goldene Berge, wenn er nur aufstehen und es versuchen wollte, mit mir fortzuhumpeln. Nur bis ans nächste Dorf noch sollte er sich fortschleppen, bevor es Abend würde. Morgen wollten wir ein Fuhrwerk nehmen, und alles sollte besser werden. Unter solchem kräftigen Zureden nahm ich ihn endlich unter die Arme, hinkte mit ihm weiter und trug ihn mehr, als er ging, bis wir unser heutiges, abgekürztes Reiseziel erreichten. Ich hielt ihm indes Wort, und wir fuhren von Dorf zu Dorf, bis wir ins Oldenburgische kamen. Hier aber nahmen wir die halbe Post und erreichten Lübeck; doch griff dies schnellere und bequemere Fortkommen auch so gewaltig in unsre Reisekasse, daß uns, wie knapp wir's auch unserm Munde abdarbten und kaum mehr als das trockne Brot[34] mit einem Wassertrunk genossen, endlich doch der letzte Groschen aus den Händen zerronnen war.

Was blieb zu tun? Ich wandte mich in Lübeck an einen Kaufmann, Herrn Sengbusch, der mir von Kolberg her dem Namen nach bekannt war, und ersuchte ihn, uns auf unsre teuer gehaltene Taschenuhr zwanzig Taler vorzustrecken. Hierzu war der gute Mann auch willfährig; wir konnten nunmehr mit der Post nach Stettin weitergehen und fanden hier eine Gelegenheit, die uns vollends nach Kolberg förderte, wo wir in der Mitte des März mit einem baren Kassenbestande von sieben Groschen sechs Pfennigen anlangten und von den Unsrigen mit einer Freude, als wären wir vom Tode auferstanden, empfangen wurden.[35]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 18-36.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet
Joachim Nettelbeck, Burger Zu Colberg (3); Eine Lebensbeschreibung, Von Ihm Selbst Aufgezeichnet
Bürger zu Kolberg: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

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