Fünftes Kapitel

[46] Drei oder vier Wochen darauf begann die erste, von dem russischen General Palmbach geleitete Belagerung meiner Vaterstadt. Nun ist es bekannt, daß schon von alten Zeiten her die Einwohner von Kolberg durch ihren Bürgereid verpflichtet sind, zur Verteidigung der Festung Leib und Leben, Gut und Blut daranzusetzen. Sie blieben also auch bei dieser Gelegenheit als brave Preußen nicht hinter ihrer Schuldigkeit zurück. Meines Vaters Posten insonderheit forderte, daß er in dieser Zeit stets um die Person des Kommandanten sein mußte, und wo er war, da war auch ich, um ihm als ein flinker und rühriger junger Mensch zur Hand zu gehen. Der alte, wackre Heyden sah meinen guten Willen, und das gewann mir sein Wohlgefallen in dem Maße, daß ich beständig in seiner Nähe sein und bleiben mußte. Ich konnte solchergestalt für seinen zweiten Bürgeradjutanten gelten und wurde oftmals auf den Wällen von ihm gebraucht, seine Befehle nach entfernten Posten zu überbringen. In der Tat war dies eine gute Vorschule für mich, um zu lernen, was unter solchen Umständen zum Festungsdienste gehört, und die Lektion ist mir noch im späten Alter trefflich zugute gekommen!

Man weiß, daß diese Belagerung, obgleich ernstlich genug gemeint und mit überlegener Kraft begonnen, dennoch durch die Entschlossenheit unsers Anführers und seine geschickten Gegenanstalten fruchtlos blieb, und daß die Russen, nachdem sie eine Menge Pulver unnütz verschossen hatten, nach einigen Wochen wieder abziehen mußten. Sobald aber auch nur der Platz wieder frei geworden, war doch meines Bleibens nicht länger. Ich machte eine Fahrt nach Amsterdam, von der ich hier nichts Besonderes anzuführen habe, und traf hier wieder mit meinem alten, wertgehaltenen Kapitän Joachim Blank zusammen, den ich vor drei Jahren ungern verlassen hatte. Er hatte gerade eine neue Reise nach Surinam vor, wo es denn keines langen Zuredens bei mir bedurfte, um auf seinem Schiffe meine alte Stelle als Steuermann anzunehmen.[46]

Es war gegen das Ende Dezembers (1758), als wir mit einer großen Flotte von Kauffahrern und unter Bedeckung von drei holländischen Kriegsschiffen aus dem Texel mit einem tüchtigen Sturm aus Nordosten in See gingen. Allein es gibt so mancherlei Verzug und Beschwerde, sich – zumal bei den langen Winternächten – im Gedränge eines solchen zahlreichen Konvoi zu befinden, daß wir uns die erste beste finstre Nacht zunutze machten, uns heimlich von unserer lästigen Begleitung abzudrücken und unser Heil in uns selbst zu suchen. Der anhaltende günstige Wind ließ uns auch bald einen weiten Vorsprung gewinnen, so daß wir binnen kurzem die östlichen Passatwinde erreichten und die gesamte Fahrt vom Texel bis in den Fluß von Surinam – eine Strecke von 2200 Meilen – in der ungewöhnlich kurzen Zeit von achtundzwanzig Tagen zurücklegten.

Meine Beschäftigungen an diesem unserm Bestimmungsorte waren die nämlichen, die ich schon früher angeführt habe. Ich befuhr beide Ströme in der Kolonie, versah die Plantagen mit den bedürftigen Artikeln unsrer Ladung und brachte von dort eine neue Rückfracht an Zucker und Kaffee zusammen. Dies setzte mich nun mit einer Menge von Plantagendirektoren in Verbindung, die großenteils meine näheren oder entfernteren Landsleute waren und mir sämtlich viele Liebe und Güte erwiesen. Ihrer unbegrenzten Gastfreundlichkeit danke ich die vergnügtesten Tage meines Lebens, die unstreitig in diese achtmonatige Dauer meines Aufenthalts in dieser Kolonie fielen.

Auf unsrer Heimfahrt nach Amsterdam hatten wir einen der vermögendsten Plantagenbesitzer als Passagier an Bord, den die Sehnsucht nach dem vaterländischen Himmel zurück nach Europa trieb. Er hieß Polack, war ein geborener Wiener und in seiner Jugend als gemeiner Soldat nach Surinam geraten. Glück und Tätigkeit hoben ihn hier allmählich zu einer glänzenden Lage empor. Eine der größten Kaffeeplantagen, genannt »der Maasstrom« und am Kommendewyne gelegen, war sein Eigentum, das er unlängst seinem aus Europa zu sich berufenen Schwestersohne zum Geschenk übergeben hatte. Nie sah ich einen rührendern Anblick, als wie ich ihn von dort in unsrer Schaluppe an Bord abholte. Alle Sklaven der Pflanzung, vierhundert Männer, Weiber und Kinder an der Zahl, hatten sich versammelt, um ihrem alten, gütigen Herrn das Lebewohl zu sagen. Sie fielen rings um ihn nieder, weinten, umfaßten seine Füße und Hände und umklammerten seinen Leib, als wollten und könnten sie ihn nimmer von sich lassen. Dürfte man voraussetzen, daß das Schicksal allen Negersklaven in den Kolonien einen so menschlich denkenden Gebieter zuteilte, so würde das so laut erhobene Geschrei über die himmelschreiende Ungerechtigkeit des mit ihnen betriebenen Handels viel von seinem Nachdruck verlieren.

Sobald wir unter Segel gegangen waren, ersuchte uns Herr Polack, dem Schiffsvolk bekanntzumachen, daß er demjenigen, der ihm zuerst ansagen könne, er sehe europäische Erde – ein Geschenk von fünfzig Dukaten zugedacht habe.[47]

Diese Nachricht verbreitete unter allen eine gespannte Aufmerksamkeit, und der Wetteifer, eine so leicht zu verdienende Belohnung vor den übrigen davonzutragen, wuchs mit jedem Tage, der uns unserm heimatlichen Erdteile näher brachte. Selbst als wir in der achten Woche unsrer Fahrt, unsrer Schiffsrechnung nach, dieses Ziel erreicht zu haben glauben durften, blieb dennoch eine Ungewißheit von einem Dutzend Meilen übrig, da, wie bekannt, in jenen Zeiten die genaue Bestimmung der zurückgelegten Längengraden mehr auf einer mutmaßlichen Schätzung als auf astronomischen Berechnungen oder der Sicherheit der Seeuhren beruhte.

Jetzt wimmelte es schon seit einigen Tagen auf unsern Masten und Stengen von Menschen, die mit angestrengten Blicken nach Europa ausschauten. Eines Nachmittags, als ich meine Wache beendigt hatte und ehe ich mich in meine Koje verfügte, stieg ich nach oben, um mich nach allen Seiten umzusehen, wie dies denn nicht bloß damals, sondern zu allen Zeiten meine unverbrüchliche Weise war. Mein erster Blick nach dem östlichen Horizont hinaus zeigte mir etwas, das beinah wie eine entfernte Küste am Rande aufblickte. Dennoch stieg mir einiger Zweifel auf, ob nicht eine ähnlich gestaltete Wolke oder eine Nebelbank mich täuschte. Allein je gewisser ich mich von Jugend auf meinem falkenscharfen Gesicht anvertrauen durfte und je länger und sorgfältiger ich mir diese Erscheinung überlegte, desto zuversichtlicher ward binnen kurzem meine Überzeugung, daß ich recht gesehen hatte. Um mich her und hoch über mir saßen Matrosen, denen gleichwohl von meiner Entdeckung noch kein Schatten ahnte.

Auch ich schwieg still, begab mich aufs Verdeck hinunter und flüsterte unserm Obersteuermann ins Ohr: »Gelt Freund, ich sehe die englische Küste! Ich steige jetzt wieder nach oben, und wenn ich dann den Arm gerade nach dem Lande hin ausstrecke, so macht danach hier unten mit dem Kompaß die Peilung.« – Unbefangen nahm ich meinen alten Sitz im Mastkorbe wieder ein, überzeugte mich dann zuvor, ob unten mein Gehilfe mit seinem Instrumente fertig stand, und deutete nun bestimmt nach der erblickten Küste hin. Kaum nahmen meine Nachbarn umher diese Bewegung wahr, so schrien sie auch allesamt wie aus einer Kehle: »Land! Land! Land!« – aber zu spät! Ich hatte ihnen bereits vorgefischt!

Als ich mich wieder unten zeigte, forderte mich unser Kapitän auf, zu Herrn Polack in die Kajüte zu gehen und ihm zum Anblick von Europa zu gratulieren. Mein Ehrgefühl aber wollte es nicht zulassen, mir irgend den Schein zu geben, als habe ich mich unter die Bewerber zu seiner ausgesetzten Prämie gedrängt. Nicht so aber dieser Ehrenmann, der mich selbst zu sich hinab nötigte, mir das bestimmte Päckchen Gold in die Hand drückte und mich bat, es zu irgendeinem Andenken an ihn und diese Reise zu verwenden. Bald darauf langten wir auch glücklich im Texel an, und hier beim Abschiede wiederholte er seine Freigebigkeit[48] noch durch ein Geschenk, wovon der Obersteuermann zwanzig, ich zehn und die sämtliche Schiffsequipage zwanzig Dukaten empfing. Am 1. Dezember (1759) erreichten wir Amsterdam, und unsre Fahrt hatte diesmal ein rundes Jahr weniger einige Tage gewährt. Von unsrer Bemannung, die vierundvierzig Köpfe betrug, hatten wir neun Menschen durch den Tod verloren.

Untätigkeit und träge Muße waren mir unleidlich. Ich engagierte mich daher sofort wieder als Untersteuermann auf das Schiff de goede Verwachting unter Kapitän Siewert, welches schon im Texel lag, nach St. Eustaz bestimmt war und kurz vor Anfang des Jahres 1760 die Anker lichtete. Die späte Jahreszeit ließ uns eine schwere, stürmische Fahrt in der Nordsee und im Kanal erwarten. Auch traf diese Befürchtung nur zu pünktlich ein; denn wir büßten nicht nur mehrere Segel, sondern auch Stengen und Rahen ein, und fünf Matrosen samt dem Schiffszimmermann hatten das Unglück, ohne Rettung über Bord gespült zu werden. So kamen wir in einem äußerst beschädigten Zustande in St. Eustaz an, bewirkten jedoch binnen vier Wochen unsere Ausbesserung und Rückladung und mochten kaum die Hälfte unsers Weges nach Holland zurückgelegt haben, als wir von einem englischen Kriegsschiffe genommen wurden. Die gesamte Mannschaft bis auf vier Mann mußte an dessen Bord hinüberwandern, und so wurden wir im Monat Mai nach Portsmouth aufgebracht. Unser Prozeß, ob recht oder unrecht, kam zu einer kurzen Entscheidung; denn da man für gut fand, in unsrer Fracht französisches Eigentum zu wittern, so wurden Schiff und Ladung kondemniert, die Mannschaft aber mit der ausgezahlten Gage von einem Monat abgefunden. Noch verdrießlicher aber war uns das Erschwernis, welches wir fanden, England zu verlassen.

Unter diesen Umständen blieb mir nichts übrig, als Dienste auf einem englischen Schiffe unter Kapitän Keppel zu nehmen. So kam ich mit Anfang des Julius nach Danzig, von wo ich sofort an meine Eltern nach Kolberg schrieb und ihnen meine Lage schilderte. Dies hatte die für mich sehr überraschende Folge, daß meine gute Mutter persönlich mit der Post nach Danzig kam, sich hinter den preußischen Residenten steckte und durch diesen es mit leichter Mühe dahin brachte, daß ich als preußischer und also Untertan einer befreundeten Macht von dem englischen Schiffe entlassen wurde. Unmittelbar darauf ging ich mit meiner gütigen Befreierin nach unserer Vaterstadt ab.

Kaum fünf oder sechs Wochen hatte ich im väterlichen Hause zu meiner Erholung zugebracht, so trat für Kolberg der Zeitpunkt jener zweiten denkwürdigen Belagerung ein, und da die Russen diesmal beides zu Wasser und zu Lande operierten, so war auch der Hafen gesperrt, und ich saß also wieder in der Kaltschale! Indes tat ich meinen Dienst, wie ich wußte und konnte, ebenso wie vor zwei Jahren, nur ging es diesmal noch um vieles wärmer her. Glücklicherweise[49] dauerte unser Notstand nur etwa drei Wochen, da dann die Festung durch den braven General Werner wie durch ein Wunder entsetzt wurde.

Während dieser Zeit des Siebenjährigen Krieges blieb den preußischen Schiffen und Seeleuten, um ihren Erwerb nachzugehen, kaum etwas anderes übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren. In solcher Weise ging ich auch im Oktober von Danzig nach Königsberg und von Königsberg mit einem Schiff in See, das nach Amsterdam bestimmt war und von Karl Christian, einem in Pillau ansässigen Schiffer, geführt wurde. Ich hatte mich als Steuermann verdungen. Es war im November 1760, und so fehlte es in dieser vorgerückten Jahreszeit auch wiederum nicht an häufigem Sturm und Unwetter, womit wir besonders in der Nordsee viel zu schaffen hatten.

Wir bekamen einen Leck, mit dem es binnen kurzem sehr bedenklich wurde, weil die Ratzen die inwendige Fütterung des Schiffbodens durchgefressen hatten, wodurch das Getreide, welches unsere Ladung ausmachte, in den untern Kielraum geraten war und unsere Pumpen verstopft hatte. Der Sturm ward je länger je heftiger, und wir fühlten uns dem Sinken nahe. In dieser Not blieb uns nichts übrig, als das Schiff vor dem Winde hinlaufen zu lassen, die Luken zu öffnen und von unserer Ladung so viel wie möglich über Bord zu schaffen. Aber noch immer konnten wir keinen Hafen sehen oder erreichen, als wir mit Einbruch der Nacht in die Schären an der südlichsten Spitze von Norwegen gerieten, wo wir zwar mit Mühe auf siebzig bis achtzig Klafter vor Anker kamen, aber doch nicht verhindern konnten, daß das Hinterteil des Schiffs auf eine Klippe stieß. Durch die Gewalt dieses Stoßes zerbrach das Ruder samt dem Hintersteeven, und das Wasser im Raume stieg mit jeder Viertelstunde höher. Wir brachten eine Nacht voll entsetzlicher Angst zu und sahen unsern gewissen Tod vor Augen.

Endlich aber dämmerte etwas Tageslicht auf und zeigte uns eine Öffnung zwischen den Schären, die wir augenblicklich benutzten, indem wir unser Ankertau kappten, zugleich aber auch eines Lotsen mächtig wurden, der uns in den Hafen von Klewen, nahe bei Mandal, führte. Froh des geretteten Lebens, besserten wir hier unser hart beschädigtes Schiff aus, konnten aber erst im März 1761 und mit stark verminderter Ladung wieder in See gehen, worauf wir denn im April unsern Bestimmungsort erreichten, unser Getreide löschten und dann einige Wochen später mit Ballast nach der Insel Noirmoutiers weitersegelten, um hier eine Ladung Seesalz als Rückfracht nach Königsberg einzunehmen.

Während unserer Reise dahin und bei dem schönen Wetter, das wir im Kanal trafen, beschäftigten wir uns nebenher damit, die Kajüte neu auszumalen. Dem Schiffer ward bei dieser Arbeit übel, und er legte sich in seine Koje, während ich selbst einer Verrichtung auf dem Deck nachging. Kaum eine halbe Stunde nachher kam auch er wieder hervor, sah ganz wild und verstört aus und fragte mit[50] Ungestüm: was für Land dies sei und wo ich mit dem Schiffe hin wolle? Mit Verwunderung nahm ich seinen ungewöhnlichen Zustand wahr, brachte ihn jedoch durch gütliches Zureden in die Kajüte und auf sein Lager zurück, hatte aber kaum den Rücken gewandt, als ich hinter mir ein erstaunliches Brüllen und gleich darauf ein Gepolter hörte, welches mich bewog, der Veranlassung näher nachzuschauen.

Da fand ich denn den Kapitän, der aus seinem Bette herabgetaumelt war, auf dem Boden der Kajüte ausgestreckt lag, aus Mund und Nase stark blutete und ein Loch in den Kopf gefallen hatte. Sein Anblick war fürchterlich, und es schien sich kaum noch eine Spur von Leben in ihm zu regen. Ich machte flugs Lärm; unser Volk kam mir zu Hilfe; wir flößten ihm Wasser und Branntwein ein, rieben ihn, verbanden ihm seine Wunde und brachten ihn wieder zu sich. Auch sein gesundes Bewußtsein schien wiedergekehrt, so daß wir ihn mit guter Zuversicht vom Verdeck, wo wir ihn behandelt hatten, wieder in seine Koje zur Ruhe legen konnten. Zu noch besserer Vorsicht blieb ich bei ihm und streckte mich auf den Kleiderkasten, der vor seinem Bette angebracht war.

Nichtsdestoweniger überfiel es ihn gleich darauf von neuem; er taumelte über mich weg auf den Fußboden der Kajüte, war starr, besinnungslos und einem Sterbenden ähnlich, bis wir ihn abermals aufs Deck an die frische Luft brachten, wo er sich denn allmählich wieder erholte. Ich fiel darauf und bin auch noch jetzt der Meinung, daß der Grund dieser sonderbaren Wirkung in den frischen Ölfarben zu suchen sei, womit wir eben hantiert hatten, zumal in dem sogenannten Königsgelb, das wir zum Anstrich einiger Leisten dicht an seiner Koje gewählt, und dessen schädliche Ausdünstungen er unmittelbar mit dem Atem in sich gezogen haben konnte. Wir behielten ihn darum auch auf dem Verdeck und dann in einem luftigen Abschlage, bis wir ihn vollkommen wieder genesen glaubten.

Einige Tage später befanden wir uns morgens unter Quessant, als ich eben mit meiner Wache fertig war, und da der Kapitän aufs Deck kam, um mich abzulösen, bedeutete ich ihm: »Dort haben wir Quessant. Wir dürfen nicht südlicher steuern als südsüdwest, wenn wir nicht hier in die Bucht zwischen den Klippen verfallen wollen.« – Ich war auch zu dieser wohlgemeinten Weisung um so befugter, weil ich ohnehin auf dem Schiffe meist alles allein zu leiten hatte; denn mit des Mannes Steuerkunst war es herzlich schlecht bestellt, indem er zwar einige Reisen nach Ostindien, aber nur als Zimmermann gemacht hatte. Seine Anstellung als Schiffer hatte er lediglich der Gunst einiger Reeder in Königsberg, den Verwandten seiner Frau, zu danken. Auch wurden von seinen früheren Fahrten allerlei seltsame Dinge erzählt, die sein Ungeschick zu einem solchen Posten sattsam bewiesen. Als Seemann konnte er es übrigens mit den Bravsten aufnehmen.[51]

Während ich in meine Koje zur Ruhe ging, nahm jener sein Werkgerät und machte sich an der Zimmerung des Bootes etwas zu schaffen. Ehe mir aber noch die Augen recht zufielen, kam er aus demselben hervor, trat zu dem Matrosen am Steuer und fragte: »Was steuert Ihr?« – »Südsüdwest, Herr!« war die Antwort. – »Ei, warum nicht gar! Steuert südsüdost!« befahl der Schiffer. Ich erschrak und geriet immer mehr in Nachdenken, was ihn zu dieser Widersinnigkeit veranlassen könne. Kaum zehn Minuten später kam er nochmals und gebot dem Mann am Ruder vollends gegen Südost zu steuern. Sogleich sprang ich auf, überzeugte mich, daß dieser wirklich den anbefohlenen Kurs hielt, und tief nun augenblicklich dem Kapitän zu: »Um Gottes willen! Mit dem Südostkurs sind wir ja gleich im Unglück! Wir müssen wieder südwestlich steuern.«

Der harte Kopf tat als hörte er mich nicht, und gab keine Antwort. Ich rannte zu dem Matrosen und donnerte auf ihn ein: »Steuert südwest!« – Der Schiffer, dies hörend, warf seine Zimmeraxt über Seite, kam heran und gebot seinerseits: »Steuert südost!« – Was blieb mir jetzt übrig, als dem Kerl die Ruderpinne aus der Hand zu reißen und so meinen Willen zu erzwingen – bis jener sie mir wiederum mit Gewalt entriß und wütend erklärte, daß es bei südost verbleiben solle.

So abgewiesen, ging ich in den Roof, wo ich mein Wachtvolk herausrief und nun auch meinerseits erklärte: »Der Schiffer wolle uns mit seinem Eigensinne ins Unglück bringen; wir führen mit diesem Kurs dem Verderben in den offenen Rachen. Gleich hin nach vorn und ausgeschaut nach Klippen und Brandung!« – In der Tat auch war kaum eine halbe Stunde verlaufen, so schrien die Leute: »Ho da! Klippenbrandung vor uns!« – Jetzt hielt ich mich auch nicht länger; griff wie ein Sturm ins Ruder, holte es hart an die Backbordseite und sah mit Herzbeben rings umher ein Labnrinth von Klippen weiß aufschäumen.

Auch der Kapitän sah was vorging, und schlich bleich und zitternd nach der Kajüte, während ich mit Hilfe der übrigen das Schiff wendete und, da mir der Wind günstig in die Segel stand, auch das kaum verhoffte Glück hatte, mich mit Kreuzen und Lavieren endlich aus dem Untergang drohenden Gedränge wieder herauszufinden. Von unserm Schiffer war und blieb nichts zu sehen bis zur Essenszeit, da er mich wie gewöhnlich zu Tische rufen ließ. Kaum trat ich in die Kajüte, so fiel er mir um den Hals, gestand, er sei ganz von Sinnen gewesen, und bat mich, alles Geschehene zu vergessen, mit heiliger Zusicherung, daß er mir künftig ganz meinen Willen lassen wolle. Ich schärfte ihm jedoch ein wenig das Gewissen durch Vorstellung, wie nahe es daran gewesen, daß wir alle durch seine Schuld Kinder des Todes geworden. Er erkannte das, gab gute Worte, und damit war die Sache abgetan.

Auf der Heimreise hatten wir den Kanal bereits wieder passiert und bei Nacht die Leuchtfeuer bei Dover deutlich erkannt, indem wir bei einem zum[52] Sturm werdenden Westsüdwestwind herliefen. Weiterhin in die Nordsee, wo diese mehr Breite gewann, fanden wir gewaltig hohe Wogen, die unserm tief mit Salz geladenen Schiffe durch öfteres Überstürzen sehr beschwerlich fielen. Eben war meine letzte Nachtwache von zwölf bis vier Uhr zu Ende. Ich ging dem nach zum Kapitän in die Kajüte, um ihm zu sagen, daß seine Wache begönne, daß es gewaltig stürme, und daß, wofern der Wind nicht bald nachließe, es nötig werden möchte, die Segel einzunehmen und gegen den Wind zu legen. Anders sei mir bange, daß uns nicht Boot, Wasserfässer und selbst Menschen durch die Sturzwellen über Bord gerissen würden.

Müde suchte ich meine Lagerstätte, ohne jedoch einschlafen zu können. Ich hörte den Kapitän aufs Deck hervorkommen und wieder in die Kajüte zurückkehren, wobei er Morgen- und Bußlieder zu singen begann. Das deuchtete mir an ihm um so verwunderlicher, da er während der ganzen Reise außer der Zeit des gewöhnlichen Schiffsgebets nie ein geistliches Buch in die Hände genommen, noch eine Gesangsnote angestimmt hatte. »Das mag wohl gar ein Zeichen vor seinem Ende sein«, sagte ich zu mir selbst, »nun, so ist es doch immer das Schlimmste nicht, was er tun kann.«

Eine Stunde später trat er an mein Bett, um mich zu fragen, ob ich schliefe. – »Kann man es wohl bei Eurer seltsamen Musik?« war meine Antwort. Nun sagte er mir: es werde nicht anders sein, als daß wir die Segel einreffen und gegen den Wind würden drehen müssen. Zugleich bat er mich, daß ich mich etwas in die Kleider würfe und mit meinen Leuten auf dem Platze wäre, während er selbst mit seinem Wachvolk die Klieshack (Besane) einnehmen wolle. – Flugs sprang ich mit gleichen Füßen aus den Federn, machte Lärm und brachte meine Mannschaft auf die Beine. Aber noch steckte ich selbst erst halb in einem Stiefel, so begann der Mann am Ruder ein helles Geschrei, ohne daß ich eine Veranlassung dazu begriff. Ich stürzte hervor – »Kerl, bist du toll? Was ficht dich an?« – »Mein Gott! Mein Gott! Da vorn muß ein Unglück passiert sein. Sie lamentieren alle ganz kläglich durcheinander.«

In drei Sprüngen war ich vorn am Bug. »Was ist's? Was fehlt euch? Sprecht!« – »Ach, daß Gott erbarme! Der Schiffer ist über Bord!« – »Nun denn, nicht lange besonnen! Frisch, daß wir ihm helfen!« – Sogleich griff ich nach allem Tauwerk, das mir zunächst zur Hand kam, und ließ die Enden über Bord laufen, damit sich der Unglückliche vielleicht daran halten möchte. Das gleiche tat ich hinten auf dem Kajütendeck; aber immer noch, ohne zu wissen, nach welcher Seite ich ihn eigentlich zu suchen hatte, da das Schiff eine fliegende Fahrt lief. Endlich nahm ich wahr, daß er hinten im Kielwasser in die Höhe tauchte, sich in einer Entfernung von zehn oder zwanzig Klaftern hinter dem Schiffe zum Schwimmen umwarf und nun mit Macht zu rudern begann. Daß er ein fertiger Schwimmer sei, der in Ostindien wohl Strecken von mehr als[53] einer Viertelmeile zurückgelegt habe, hatte er selbst mir oftmals erzählt und auch wohl hinzugesetzt, er glaube gar nicht, daß er ersaufen könne.

Sobald ich seiner ansichtig wurde, holte ich das Ruder nach der Steuerbordseite, um das Schiff bei den Wind zu legen und dadurch möglichst aufzuhalten. In dieser Stellung aber legte es sich (da es ohnehin der tiefen Ladung wegen nur wenig Bord hielt) so übermäßig auf die Seite, daß sogar die Kajütentür unter Wasser geriet und dasselbe wie zu einer Schleuse hineinstürzte. In dieser Lage standen wir, wenn sie noch wenige Minuten anhielt, in der augenscheinlichsten Gefahr, auf der Stelle zu sinken. Ich mußte mich entschließen, das Ruder wieder nach der andern Seite zu holen, um das Schiff in die Höhe zu bringen, bevor es seinen Schwerpunkt verlöre.

Wohl brach mir mein Herz, wenn ich an den armen Kapitän gedachte, den wir noch von Zeit zu Zeit mit dem stürmenden Elemente kämpfend erblickten, sooft die Woge ihn emporhob. Es gab kein Mittel mehr, uns in seiner Nähe zu erhalten, da das Schiff, vom Winde gejagt, gleich einem Pfeile durch die Fluten dahinschoß. Der Unglückliche war nicht zu retten, selbst wenn wir unser eignes Leben hätten preisgeben wollen! Sogar jetzt, wo ich mich frei von der unsäglichen Bestürzung fühle, die in jenen schrecklichen Augenblicken auf uns alle drückte, weiß ich nicht, was noch anderes und mehr zu seinem Beistande von uns hätte versucht werden können.

Mittlerweile hielt der Sturm noch immer an, ohne jedoch härter zu werden. Ich wagte es daher, das Schiff vor dem Winde hinlaufen zu lassen, bis sich mit dem nächsten Tage das Wetter allmählich wieder besserte. Nun aber lag mir eine andere schwere Sorge auf dem Herzen, wie ich bei übernommener Führung des Schiffs den mancherlei Verantwortlichkeiten entgehen wollte, die über den Nachlaß unsers unglücklichen Kapitäns entstehen konnten. Unser ganzer Vorrat an Brot, Grütze, Erbsen und übrigen Lebensmitteln war in der Kajüte aufbewahrt, und Koch und Kochsmaat hatten täglich und stündlich ihren Gang in dieselbe, um das Nötige hervorzuholen. Zugleich aber lagen hier auch des Schiffers Habseligkeiten umher, und ich wußte, daß es ihm nicht an Geld und Geldeswert gefehlt hatte. Noch mehr; er hatte mir zuzeiten einen bedeutenden Vorrat von Kostbarkeiten an Gold und Silber vorgewiesen, zu deren Einkauf in Amsterdam ihm von seinen Königsberger Freunden Auftrag gegeben worden. Auch diese mußten in der Kajüte und, wie ich vermutete, in seinem Kasten befindlich sein.

Um mich diesertwegen auf jede Weise zu sichern, ließ ich gleich am andern Tage das ganze Schiffsvolk bis auf den Matrosen, der das Steuer versah, in die Kajüte zusammenkommen. In ihrer Gegenwart nahm ich ein schriftliches Verzeichnis von sämtlicher Habe unsers verstorbenen Schiffers auf; wir packten dies alles in die vorhandenen Kisten, Kasten und Säcke und schritten dann zu[54] einer allgemeinen Versiegelung derselben, damit weiter keine Hand daran rühren dürfte. Das dazu gebrauchte Petschaft aber ward von mir vor ihrer aller Augen durch das Kajütenfenster in die See geworfen.

Da bei dieser Verhandlung alle und jede Behältnisse hatten geöffnet werden müssen, um nachzusehen, ob sie keine Schiffspapiere enthielten, die mir im Sunde oder sonst nötig werden konnten, so erstaunte ich nicht wenig, daß sich hierbei nirgends weder Gelder und Barschaften, noch seine Taschenuhr und silbernen Schuh- und Knieschnallen, noch endlich auch jene vorerwähnten goldenen und silbernen Galanteriewaren vorfinden ließen. Unsere Meinung fiel endlich dahin aus, daß der verunglückte Eigentümer diese Sachen wohl hie und da versteckt haben möchte, um sie vor den gierigen Blicken und langen Fingern der Kapermannschaften zu sichern, die je zuweilen ungelegene Besuche an unserm Borde machten. Allein wie sorgfältig wir auch jeden Winkel der Kajüte durchsuchten, so ließ sich doch nicht die mindeste Spur des Verlornen entdecken.

Des dritten Tages nachher war ich im Sunde und zwei Tage später vor Pillau. Der Wind stürmte gerade auf das Land zu; es ging eine hohe See, und wie gern ich auch lieber geradenweges auf Königsberg gegangen wäre, so blieb hier doch nichts anderes zu tun, als in den Pillauer Hafen einzusetzen. Allein auch dies blieb ein Wagstück, wozu Mut gehörte. Sobald jedoch die nötigen Vorbereitungen getroffen, die Kajütenfenster vermacht und die Leute auf ihrem Posten waren, ließ ich das Schiff vor dem Winde laufen. Glücklich trafen wir das Fahrwasser zwischen den Baken; zugleich aber überflutete uns in der Brandung eine Sturzwoge nach der andern von hinten her; das Schiff stieß auf den Grund, hob sich jedoch mit der nächsten nachfahrenden Welle wieder, und ich wäre mit dem bloßen Schreck davongekommen, hätte nicht diese nämliche Welle uns das Steuerruder aus den Angeln gehoben und davongeführt. Noch aber verlor ich die Besinnung nicht, steuerte mit den Segeln so gut ich vermochte, und kam endlich bei Pillau, ohnweit des Bollwerks, wohlbehalten vor Anker.

Mein kühnes Beginnen hatte eine Menge neugieriger Menschen am Bollwerk versammelt, und das nur um so mehr, als man bald auch unser Schiff erkannte. Ich meinerseits bemerkte unter diesen Zuschauern mit wehmütiger Empfindung unsers verunglückten Schiffers Frau, die ihre Kinderchen zur Seite hatte und eifrig nach uns aussah. Kaum trat ich an Land und fiel ihr in die Augen, so rief sie mit sichtbarer Beängstigung: »Gott im Himmel! wo ist mein Mann?« – Alles, was zugegen war, umstand mich und fragte: »Wo ist Schiffer Karl Christian?« – »Krank! krank!« war meine zwar vorbereitete, aber durch Ton und Gebärde nur schlecht beglaubigte Antwort. Ich suchte nur mich loszumachen und eilte zum reformierten Prediger, dem Beichtvater der armen Frau, dem ich den ganzen traurigen Vorfall mitteilte und ihn mit der Bitte anging,[55] ihr die Todespost auf eine gute Weise beizubringen und mit seinem Troste beirätig zu sein.

Das geschah denn auch auf der Stelle. Ich selbst fand mich demnächst auch ein um der leidige Bestätiger seiner Zeitung zu sein, und ich darf wohl sagen, daß mir das ein schwerer und bittrer Gang geworden. Am nächsten Morgen, wo ich hoffen konnte, daß die unglückliche Witwe sich der Wehklage etwas begeben und zu mehrerer Fassung gekommen sein würde, ging ich wiederum zu ihr und kündigte ihr an, daß, da ich mit dem Schiffe unverweilt nach Königsberg hinausgehen müßte, ich ihr heute noch ihres verstorbenen Mannes Sachen und Gerätschaften vom Schiffe ins Haus schicken würde. Zugleich aber mußte ich ihr leider auch ankündigen, daß sowohl seine Barschaften als eine Menge anderer Sachen von Werte auf eine uns allen unbegreifliche Weise unter seinem Nachlaß vermißt würden, wofern sich nicht etwa noch in seinen Papieren darüber eine nähere Auskunft ergäbe.

Nach diesem betrübenden Abschiede langte ich mit dem Schiffe bei Königsberg an und meldete mich bei den Reedern desselben. Hier war es sofort das erste, daß wir sämtliches Schiffsvolk zu einer eidlichen Erklärung über alle einzelnen Umstände des dem Schiffer widerfahrenen Unglücks aufgefordert wurden. Wir alle, und ich insonderheit, mußten uns auf gleiche Weise von jedem Verdachte einer Veruntreuung seines Eigentums reinigen und unsre Unkenntnis, wohin die verschwundenen Sachen gekommen, erhärten. Hätte nur diese gerichtliche Prozedur zugleich auch meine Unschuld vor den Augen der Welt und der giftigen Stimme der Lästerung zu rechtfertigen vermocht! Aber leider fiel hier die Sache ganz anders! Ich mußte mir hinter meinem Rücken Dinge nachsagen lassen, an die meine Seele nie gedacht hatte. Ich galt wohl überall für den Dieb, der Witwen und Waisen verkürzt habe, und mußte es dulden, daß oftmals auch in meinem Beisein mit spitzigen Worten auf dergleichen gedeutelt wurde. Wie oft, aber auch wie schmerzlich bitter habe ich's Gott geklagt und darüber im stillen Tränen geweint![56]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 46-57.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet
Joachim Nettelbeck, Burger Zu Colberg (3); Eine Lebensbeschreibung, Von Ihm Selbst Aufgezeichnet
Bürger zu Kolberg: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

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