Kindheit

[8] Wie an dem Tag, der sich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,

Bist also bald und fort und fort gediehen

Nach dem Gesetz, nach dem du angetreten.

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen, so Propheten;

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Goethe.[9]


Mein verstorbener Freund, Dr. Hübbe-Schleiden, der Vorkämpfer der okkulten Weltanschauung in Deutschland, erzählte mir einmal, er sei psychisch so weit entwickelt, daß er sich früherer Lebensabschnitte auf der Erde erinnere. So habe er mich bereits im dritten Jahrhundert nach Chr. in Alexandrien kennen gelernt. Dort habe er als kynischer Philosoph gelebt, ich aber sei byzantinischer Gouverneur gewesen. Ich habe ihn häufig zu mir kommen lassen und mich mit ihm unterhalten. Später sei ich als Dschingis-Khan wieder geboren. Er sei zu jener Zeit Mönch in Oberbayern gewesen und habe mich einmal in Polen kennen gelernt. Endlich sei ich als Pastorensohn in Neuhaus a.d. Elbe ins Leben getreten, und nun verkehrten wir in Döhren bei Hannover miteinander. Nach einem abermaligen Untertauchen in das erquickende Meer des Todes würde unser seelischer Verkehr bequemer sein, wir würden dann nicht mehr in Sprache und Worten, sondern uns durch unmittelbare Gedankenübertragung verständigen.

Sollte Dr. Hübbe-Schleiden recht gehabt haben, so müßte ich annehmen, daß ich mich als Dschingis-Khan großer Vergehungen schuldig gemacht und mein Karma ungemein verschlechtert habe. Denn die Umwandlung aus dem großen mongolischen Eroberer in einen lutherischen Pastorensohn in Norddeutschland würde eine ungeheuerliche Bestrafung für eine sich entwickelnde Seele sein. Aber ich glaube nicht mehr, daß Hübbe-Schleiden und der Buddhismus recht haben, mit ihrer Lehre von der Seelenwanderung. Ich[10] würde es für einen sehr schlechten Geschmack der Natur halten, alle einmal geschaffenen Persönlichkeiten immer wieder durch dieses Leben zu peitschen, bis das Nirwana sie endlich von diesem Dasein befreit, anstatt immer neue, womöglich vollkommenere hervorzubringen.

Genug, wie es sich mit den metaphysischen Anschauungen Hübbe-Schleidens auch verhalten mag, als ich in diesem Leben zum Bewußtsein kam, fand ich mich als das achte Kind unter elf Geschwistern, als der dritte und jüngste Sohn des Pastors Carl Peters zu Neuhaus im Lauenburgischen. Meine Mutter war eine geborene Elise Engel und entstammte dem Gut Thiedenwiese im Kalenbergischen. Meine jüngsten beiden Schwestern, Zwillinge, starben im zarten Kindesalter, und so sind wir als neun Geschwister herangewachsen.

Der Ursprung von Neuhaus ist augenscheinlich der Bau eines Schlosses, eines »Neuenhauses« der Herzoge von Lauenburg, damals Askanier, im Nordwesten des Dorfes Carrenzien, welches etwa aus dem Jahre 1250 stammt. Wahrscheinlich steht auch die Anlage des benachbarten Rosengartens mit dieser früheren Residenz in Verbindung. In ihren Ruinen haben wir Kinder noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gespielt. Einige alte Gebäude im Orte stehen im Zusammenhang mit dieser alten Anlage, so das Gefängnis, das Amtsgebäude, das alte hannoversche Amt, die Münze, meinem Geburtshaus gegenüber. Allmählich ist der Ort herangewachsen, so daß er mit dem benachbarten Dorfe Carrenzien zu einem Wohnort verwachsen ist. Neuhaus heißt noch heute »im Lauenburgischen«, obwohl das ganze Amt links der Elbe schon 1705 an das damalige Hannover abgetreten wurde.

Neuhaus ist ein anmutiger Flecken am Rande der Elbmarsch in einer lieblichen Gegend gelegen. Nach der Elbseite zu wird er durch drei flache Landseen, den Zeetzer-Carrenziener- und Sumter-See eingefaßt, nach hinten oder[11] gegen Osten liegt es an einer mit Föhren bewachsenen Sanddüne, dem letzten Ausläufer des uralisch-baltischen Höhenzuges. Der Ort liegt heute etwa 3 km von der Elbe entfernt, aber ich vermute, daß dieselbe in früheren Jahrhunderten ein anderes Strombett hatte, welches unmittelbar an Neuhaus vorbeilief, und welches heute noch durch die erwähnten drei Landseen angedeutet wird. Auf der Marsch, der Elbe zu, liegen üppige Eichen- und Buchenwälder, so der reizende Rosengarten unmittelbar am Ort, und in der Entfernung von etwa einem Kilometer um den Sumter-See der malerische Ratt und der Parenz. Ratt und Parenz sind ihrem Namen nach augenscheinlich Bestände aus der Wendenzeit, während die Deutschen jener Gegend sicherlich ursprünglich erobernde Einwanderer vom Westen der Elbe her waren. Das erklärt auch die Tatsache, daß fast alle Dorfnamen um Neuhaus herum wendischer oder slawischer Bezeichnung sind. Bekanntlich war die Elbe einmal die Grenze zwischen den Slawen im Osten und den Deutschen im Westen.

Der Ort war zu meiner Zeit ein Flecken von etwa 1000 Einwohnern. Hier wurde ich am 27. September 1856 geboren, als das achte Kind meines Vaters. Es ist mir später erzählt worden, daß dies an einem Sonntagmorgen geschehen sein soll. Mein Horoskop, welches mir Dr. Felkin später in London stellte, besagte, daß sich mein Lebenslauf unter Einwirkung des Jupiters abspielen solle. Ob das sich so verhält, kann ich nicht verbürgen.

Mein Vater gehörte theologisch der liberalen Richtung Bauers an, und ich habe hierin stets den eigentlichen Grund gesehen, weswegen er es in der hannoverschen Landeskirche nicht weiter als bis zum Pastor gebracht hat. Denn er war ein sehr befähigter, vielseitiger, energischer und selbstbewußter Mann, welcher sich manches Verdienst auch um die wirtschaftliche Lage von Neuhaus und seiner Umgebung erwarb. Insbesondere bekümmerte er sich um die Elbdeich- und[12] Wasserfrage. Er veranlaßte manche Maßregel, um der stets drohenden Überschwemmungsgefahr an der unteren Elbe entgegenzuarbeiten. Politisch schloß er sich dem Nationalverein des Herrn von Bennigsen an und war später die Hauptstütze der Nationalliberalen Partei im Amte Neuhaus. »Deutsche Einheit unter Preußens Führung« galt in unserm Elternhaus. Denn wir Kinder folgten naturgemäß der Anregung unseres Vaters. Meine Mutter war eine sanfte und zarte Frau, meinem Vater völlig ergeben. Wie frei dieser gesellschaftlich dachte, geht daraus hervor, daß er sich nicht für zu exklusiv als Geistlicher hielt, um der Präsident des sogenannten Honoratioren-Klubs zu sein, trotzdem derselbe bei seinen wöchentlichen Zusammenkünften an den Sonntagen im übrigen sehr harmlose Tanzvergnügungen veranstaltete. Während mein Vater meinen Geist schon sehr frühzeitig auf die Erforschung Mittelafrikas lenkte, wo ihn vornehmlich die Reisen Livingstones und Klaus von der Deckens interessierten, lenkten die Beziehungen meiner Mutter meine Aufmerksamkeit schon in der Kindheit auf die angelsächsische Welt, da ihr einer Bruder, Anton, eine Farm mit Schweinezucht bei Chicago in den Vereinigten Staaten betrieb, während ihr anderer Bruder, Karl Engel, der bekannte Musikhistoriker in London war. Von dem letzteren werde ich noch mehr zu erzählen haben. Er hat in meinen eigenen Lebenslauf bestimmend eingegriffen. Überhaupt war Neuhaus a.d. Elbe voll von überseeischen Beziehungen. Unsere nächste größere Stadt war Hamburg, und fast jede Familie hatte einen Verwandten, sei es in Nordamerika oder Südafrika, sei es in der Südsee.

Von meinen Geschwistern ist nichts zu erzählen, was meine Leser unterhalten könnte, mit Ausnahme der Tatsache, daß mein Bruder Hermann als Historiker der Heilkunde und Naturwissenschaften später einen größeren Kreis durch seine Arbeiten über die Medizin des 17. Jahrhunderts und über Leibniz angeregt hat. Sonst haben sie sich alle nur zu Angehörigen[13] der sogenannten ehrbaren gebildeten deutschen Mittelklasse entwickelt und gehören zum größten Teil dem geistlichen Stande an. Wenn ich wirklich der verblichene Dschingis-Khan war, wie Hübbe-Schleiden meinte, so hatte die Vorsehung mich wahrlich in eine sehr angemessene Umgebung versetzt.

So wuchs ich als »Pastors Karl«, oder, der breiten Lauenburger Aussprache gemäß, als »Pastors Kahl« in einer ländlichen Umgebung auf. Meine Hauptspielgefährtin in meiner frühesten Kindheit war meine Schwester Magdalene, heute Frau Superintendent Jacobshagen in Lüne bei Lüneburg, welche 5/4 Jahre jünger war als ich. Aber sehr bald dehnte ich meine Erforschungen auch über die Gassen des Fleckens aus und gewann Freunde und Genossen in allen Kreisen seiner Einwohner. Dem danke ich wohl mein breites Deutsch, welches mir durch alle Altersstufen geblieben ist und Fremde in meinen späteren Jahren oft zu der Meinung veranlaßt hat, ich spräche deutsch mit einem halb englischen Ton. Davon ist gar nicht die Rede, ebensowenig, wie ich mich jemals habe englisch naturalisieren lassen oder irgendwie in englischen Diensten gestanden habe. Das Lauenburger Deutsch aber habe ich nur in den Straßen von Neuhaus lernen können, da in meinem Elternhause »hannoversch« gesprochen wurde. Mein Vater kam aus der Peiner Gegend, während meine Mutter, wie gesagt, aus dem Kalenbergischen war.

Meine frühesten beiden Jugenderinnerungen, welche indes noch vor der Schwelle meines eigentlichen Bewußtseins liegen, sind folgende. Ich erinnere mich eines sonnigen Abends auf dem Hofe unseres väterlichen Hauses. Ich saß noch im Flügelkleide und spielte im Sande des Hofes zwischen Küchentür und Brunnen. Ich grub mit meinen kleinen Händen eine Uhrkette aus dem Boden heraus. Dann nahm mich jemand bei der Hand und brachte mich zu Bett. Im Triumphgefühl, einen Schatz gefunden zu haben, legte ich mich zur Ruhe und erwartete für den[14] nächsten Morgen großes Lob und viele Ehren. Zu meinem Erstaunen trat nichts dergleichen ein. Erst viel später erfuhr ich, daß die Kette eine wertlose stählerne gewesen sei. Etwa zu gleicher Zeit erinnere ich mich in einem Graben, welcher unsern Garten nach dem Carrenziener-See zu abschloß, ebenfalls in der Abendröte gespielt zu haben. Mein Vater war auf der Wiese in der Nähe beschäftigt, mit seinem Gärtner Bäume zu okulieren. Ich konnte ihre Stimmen in meinem Graben deutlich hören. Im Grunde desselben war ein Faß eingebaut, welches mit Wasser gefüllt war, aus dem die Pflanzen begossen wurden. Dieses Faß war mein Spiel-Schauplatz. Plötzlich hing ich mit den Beinen in dem Faß, stützte mich mit den Händen auf seinen Rand. Ich hörte die Stimmen in der Nähe immer noch, schämte mich indes, um Hilfe zu schreien. Mit einem Mal war es mit meiner Kraft zu Ende, meine Arme knickten zusammen, und ich sank mit einem Schrei ins Wasser. Weiter weiß ich nichts. Jedenfalls aber bin ich noch rechtzeitig aus dem Wasser herausgezogen. Durch meine ganze Kindheit ist mir eine Art ehrfurchtsvoller Scheu vor dieser Tonne verblieben.

Bei diesen Erlebnissen muß ich 3–4 Jahre alt gewesen sein. Ich will meine Leser nicht mit mehr solcher Erinnerungen ermüden, sofern solche nicht irgendwelchen Bezug auf meine eigentliche Lebenstätigkeit haben. Ich möchte hier auch keine »Wahrheit und Dichtung« erzählen, sondern nur die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit hinterlassen. Geschichtskenner, welche dies lesen, dürfen überzeugt sein, in der Zusammenstellung der nachfolgenden Tatsachen die Gesetze der wissenschaftlichen Quellenkritik genau so angewandt zu sehen, wie ich sie in der Ranke-Waitzeschen Schule auf der Universität gelernt habe. Das heißt aber, daß jede einzelne Mitteilung auf sicherem Grund und Boden steht.

Wenn ich meinen ganzen Lebenslauf von Anfang an an meinem Geiste vorüberziehen lasse, so finde ich wie[15] einen roten Faden zwei Gesichtspunkte hindurchgehen, welche ihm seine Richtung in jeder einzelnen Altersstufe gegeben haben. Zunächst ist es mir zu jeder Zeit wahres Bedürfnis gewesen, meine angeborene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen, das natürliche »Ich bin ich« zu behaupten. Sodann habe ich niemals den Drang gehabt, mich nach oben hin etwa bei Lehrern, Vorgesetzten oder Behörden beliebt zu machen, wohl aber hat mir von Kindheit an sehr viel an der Achtung meinesgleichen, meiner Umgebung oder auch meiner Untergebenen gelegen. Wie weit durch diesen mir angeborenen Zug meine eigentliche Karriere bestimmt worden ist, wird die nachfolgende Geschichte meines Lebens dartun. Wenn solche in Deutschland keinerlei äußere Ehren erzielen konnte, so hat dies nicht an einem Verstandesmangel gelegen, denn die Mittel, mit denen sie hätte gemacht werden können, erkannte ich sehr genau, auch hat es an den Gelegenheiten nicht gefehlt, sondern die Ursache lag stets an der Eigenart meines Charakters.

In Neuhaus gab es mehrere Bildungsanstalten. Zunächst die Vorschule des Herrn Bonatz. Darauf: einerseits die eigentliche Bürger- oder Kantorschule, welche mit der Konfirmationsreise für Knaben und Mädchen abschloß, daneben die sogenannte Honoratiorenschule, eine Art Vorgymnasium, ebenfalls für Knaben und Maedchen, welche der Regel nach an die Untertertia eines Gymnasiums oder einer Realschule anschloß und ebenfalls mit der Konfirmation seiner Schüler und Schülerinnen endete. Letztere hatte mein Vater begründet, der auch die Aufsicht ausübte.

Ich machte meinen Weg wie alle meine Altersgenossen. Mit sechs Jahren kamen wir in die Bonatz-Schule, wo wir Lesen, Schreiben, Rechnen lernten, mit sieben Jahren in die zweite Klasse der Honoratiorenschule, wo höhere Fächer, auch alle Sprachen gelehrt wurden. Später, je nach der Reise, wurde man in die erste Klasse versetzt. An der ersten Klasse war ein Studierter, meistens ein Kandidat der Theologie,[16] an der zweiten ein Seminarist angestellt. Ich war schon sehr bald Primus omnium der Schule.

Zu Anfang meines Schullebens steht eine weitere Erinnerung deutlich aus, welche ich niemals vergessen habe und welche kennzeichnend für mein ganzes Kinderleben gewesen ist. Wieder färbt die Abendröte den westlichen Himmel. Es war Ende September. Ich war acht Jahre. Wir befanden uns auf einer Wiese hinter unserm elterlichen Garten. Auf dem angrenzenden Felde schwelte ein Kartoffelfeuer. Ein ausgeprägter Duft von gerösteten Kartoffeln erfüllt noch in der Erinnerung die herbstliche Luft. Gegen den nordwestlichen Himmel hebt sich ein Leiterwagen, gefüllt mit Kartoffelsäcken, ab, dessen Räder die weite Landschaft mit lautem Geknarre erfüllen. Wir, d.h. ich und einige befreundete Knaben, jagen fünf Kühe zusammen, welche wir hinter dem Wagen hertreiben, dem heimischen Stalle zu. Das »Möten« (Hüten) der Kühe in den Herbstferien zur Zeit der Kartoffelernte war ein Hauptsport der Neuhäuser Jugend. Des Morgens zogen wir aus, des Abends zogen wir zurück, der zwischenliegende Tag wurde im Freien verbracht. Die Unterschiede des Standes verschwanden. Zur selben Zeit unterhielten uns die Obsternten in unseren Gärten: Apfel, Birnen, Zwetschen und Weintrauben.

Die Natur ist von meiner Kindheit an eine Hauptquelle meiner seelischen Genüsse gewesen. Schon als Knabe schwelgte ich in den verschiedenartigen Landschaften um Neuhaus. Hand in Hand damit ging ein tiefer Zug zur Einsamkeit. Ich konnte tagelang hingestreckt auf dem Rasen am Carrenziener-See verbringen und den Wolken nachträumen oder aber im Boden eines Ruderbootes auf dem See mich ausstrecken. Ich habe oft gesagt, daß dieses Gefühl für Landschaften das einzige Künstlerische in mir sei, dessen ich mich rühmen könne. Es hat später auch meinen Reisen in Afrika seine eigentliche Weihe verliehen.

Daneben war ich schon als Knabe mit Leib und Seele[17] Autodidakt. Mit dem Schulunterricht fand ich mich soweit ab, als ich es mußte. Das heißt, ich lernte, um meinen Kameraden nicht nachzustehen, gute Zensuren nach Haus zu bringen und meine Examina mit Lob zu bestehen. Mein eigentliches Wissen aber verdanke ich von Neuhaus an dem Selbststudium. Besonders vertiefte ich mich schon als Knabe in das Lesen aller möglichen weltgeschichtlichen Werke, welche ich in der Bücherei meines Vaters fand. Die Biographien großer Männer fesselten mich besonders. Mir ist später ein Erlebnis berichtet worden, welches ich als zehnjähriger Knabe gehabt haben muß. Meine Mutter begab sich zur Kirche, während ich emsig in Welckers Weltgeschichte las. Beim Weggehen reichte sie mir ein Paar reine Strümpfe mit der Ermahnung, meine alten damit zu vertauschen. Halb unbewußt nahm ich dieselben in die Hand, hob meinen linken Fuß in die Höhe, las indes weiter. Meine Mutter ging in den Gottesdienst, während ich bei meinem Buche blieb. Als sie nach zwei Stunden aus der Kirche zurückkam, fand sie mich in derselben Stellung lesend, wie sie mich verlassen hatte.

So wurden mir schon frühzeitig Miltiades, Themistokles, die Gracchen, Cäsar, Friedrich der Große und Napoleon usw. vertraute Persönlichkeiten, und meine jugendliche Phantasie entflammte sich an diesen Vorbildern. Eine normale Laufbahn, wie sie Söhnen aus derartigen kleinen Beamtenfamilien das Natürliche zu sein pflegt, war von vornherein nicht nach meinem Geschmack, schon eher dachte ich daran, in die Vereinigten Staaten zu gehen.

Meine Schul- und Spielgenossen waren die Söhne und Töchter des uns gegenüberwohnenden Apothekers, des einen von den beiden in Neuhaus ansässigen Ärzten, mehrerer dortiger »Kaufmanns«, d.h. Krämer; aber auch Bauern- und Lehrerssohne aus den umliegenden Dörfern, Handwerkerssöhne aus Neuhaus und Carrenzien. Namen im einzelnen zu nennen, hat keinen Zweck, auf meinen späteren Entwicklungsgang[18] hat keiner meiner Jugendgenossen Einfluß gehabt. Aber die Übung des Körpers im Turnen und Jugendspielen war ein Hauptziel aller unserer gemeinschaftlichen Betätigungen. Der Carrenziener-See, und später die Elbe selbst, luden schon sehr früh, ich glaube, noch bevor ich die Vorschule besuchte, zum Schwimmen, im Winter zum Schlittschuhlaufen ein. Die weiten Wiesen entlang der Sude, einem Nebenfluß der Elbe, zwischen den Dörfern Sükau und Preten, boten ein größeres Feld für diese gesunde Bewegung, welche wir uns nicht entgehen ließen. Mein Vater aber hatte schon vor meiner Geburt einen richtigen Turnverein für unsern Ort gegründet, dessen Protektor er blieb, und mein Ehrgeiz war größer, mich am Reck und Barren als auf der Schulbank auszuzeichnen. Bald, wohl schon mit zehn Jahren, war ich Vorturner in der zweiten Riege (zur ersten reichte mein etwas zu kurz geratener Körperbau nicht aus). Im Ringen aber nahm ich es schon in meiner Kindheit mit allen Altersgenossen und älteren Knaben von Neuhaus und Umgegend auf.

Mein Ehrgeiz richtete sich als Knabe darauf, nicht so sehr in der Schule zu glänzen, sondern der erste unter meinen Gefährten in Feld und Wald zu sein. Ich sah sehr früh ein, daß mir hierzu in erster Linie meine Muskel- und Körperkraft dienen würde. So war das »Prügeln«, und zwar möglichst mit älteren und einer Mehrheit von Knaben das Hauptziel meines jugendlichen Verlangens, und ich betrieb dies mit einem Eifer und einer Leidenschaft, daß meiner Mutter oft angst und bange bei meinen Unternehmungen wurde. Ich zog auf die umliegenden Dörfer, um als Einzelner Trupps von Dorfkonfirmanden anzufallen und durchzuwalken, wessen ich nur deshalb nicht mit Beschämung gedenke, weil es sich stets um mehr, und ältere, also auch größere Knaben handelte. So gewann ich alsbald in der ganzen Umgegend den Ruf: »Pastors Kahl is en smerigen Bengel« (Pastors Karl ist ein geschmeidiger Junge).[19] Aber aus demselben Grundzug meines Willens entwickelte sich bald eine zweite Neigung, welche mich schon in der Kindheit zur Politik trieb. Ich schaffte mir bereits als Knabe eine persönliche Partei, vermittelst deren ich mein Regiment unter meinen Altersgenossen, männlichen wie weiblichen, auf sehr feste Grundlagen stellte. In unserer Neuhäuser Schule hatten einzelne, welche ein Gymnasium beziehen wollten, Privatunterricht im Griechischen, andere, welche ihre Bildung in einer Realschule fortzusetzen beabsichtigten, Unterrichtsstunden im Englischen. Ich gehörte zu den ersteren. Diesen Gegensatz nahm ich zum Ausgangspunkt, um die ganze Honoratiorenschule in zwei Parteien zu spalten: Griechen und Engländer. Die Griechen – und wir waren ihrer von Haus aus nur drei – ordnete ich in drei Gruppen: Athen, Sparta, Theben. Ich selbst war Athen. Aber um den erheblich zahlreicheren Engländern den Rang abzulaufen, setzte ich fest, daß auch Schüler und Schülerinnen, welche gar keinen Privatkursus hatten, bei uns eintreten könnten. Um die Anziehung dazu zu verstärken, gründete ich bei unserer Partei ein Kränzchen, welches von Sonntag zu Sonntag von Familie zu Familie wechselte, mit allen möglichen Belustigungen. Bald war mehr als 4/5 der Schule Griechen, unter diesen aber war Athen naturgemäß der vorsitzende Staat. So wurde ich gewissermaßen spielend in die Politik hineingeführt, und dieser Zug ist mein ganzes Leben hindurch vorherrschend bei mir geblieben.

Wenn bei den meisten Persönlichkeiten irgendeine Neigung oder Befähigung sich besonders fühlbar macht und seine Berufswahl bestimmen sollte, so hat die Natur mich zum Politiker bestimmt und dies schon von meiner Kindheit an betont. Andere Anlagen, welche ich haben mag, spielen bei mir eine untergeordnete Rolle und ordnen sich dem Hauptzug meines Wesens unter.

Jedenfalls machte mein Vater mir bereits klar, daß mein Neuhäuser Lebensabschnitt für mich die Hauptvorbereitungszeit[20] für meine kommende Lebensarbeit sei. Vor allem wies er mich darauf hin, wie wichtig es sei, mein Gedächtnis rechtzeitig und unausgesetzt zu üben. Als ein gutes Mittel empfahl er mir, keinerlei Tagebücher zu führen, sondern alles, was ich zu behalten wünschte, durch einen bewußten Willensakt meinem Gedächtnis einzuverleiben. Sodann riet er mir häufiges Kopfrechnen. Dies begann ich bereits als Knabe und habe ich fast unbewußt mein ganzes Leben hindurch getan, auf Spaziergängen, im Bett, auf Märschen usw. Nicht nur nehme ich verwickelte Multiplikationen und Divisionen vor, sondern auch Quadraturen, Gleichungen und andere Rechnungen. Dies ist ein regelmäßiges Turnen des Gedächtnisses. Das ist demnach mein ganzes Leben hindurch so frisch gewesen, daß ich eigentlich nicht nur immer weiß, wo ich genau vor einem Jahre war, sondern auch, was ich an dem bewußten Tage getan, geschrieben, ja gedacht habe. Auf der anderen Seite ist es mir stets erschienen, daß die vielen Aktentaschen, welche man in Deutschland sieht – und ich kenne kein Land, wo sie so gewöhnlich sind – das Gegenstück zu den vielen Brillen in diesem Lande darstellen. Wie diese künstliche Krücken für die Augen, so bilden jene Hilfswerkzeuge für das Gedächtnis und das Gehirn. Daher auch die Aktenwut in Deutschland. Denn nur, »was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen«. Fragt man jemanden nach einer ganz gleichgültigen Sache, so zieht er sein Notizbuch aus der Tasche, um Antwort geben zu können. So gehen sie auch in der Regel durch dieses Leben in halb unklarem Zustande, wie Schlafwandelnde.

Neuhaus war, glaube ich, was die Einnahmen anbetrifft, im Vergleich mit anderen Landpfarren verhältnismäßig gut gestellt. Vor allem wurden die Abgaben zum großen Teil noch in Naturalien entrichtet, welche zu lächerlich geringen Preisen verrechnet wurden, was die Höhe des Gehaltes wesentlich vermehrte. Aber man bedenke, was es heißt, eine Familie von neun Kindern zu erziehen und unterrichten[21] zu lassen. Mein Vater bestimmte uns drei Söhne alle für eine akademische Laufbahn, die sechs Töchter wurden jede nach ihrer Konfirmation auf ein Jahr in eine Stadt geschickt (Hildesheim oder Lüneburg), um ihre Erziehung so zu beenden. Dabei unterhielten unsere Eltern allezeit ein gastliches Haus. Es ist mir stets ein Rätsel gewesen, seit ich begonnen hatte, darüber nachzudenken, wie eine solche Lebensführung bestritten werden konnte. Das Verdienst gebührte wohl in erster Linie der Wirtschaftlichkeit meiner Mutter.

Die Neuhäuser Pfarre beruhte, wie fast alle Haushaltungen auch der dortigen Beamten, auf einem kleinbauerlichen Betrieb. Sie hatte ein gewisses Maß von Ackerland, einen großen und einen kleinen Garten, Felder und Wiesen und einen Viehbestand. Wenn ich mich recht erinnere, schlachtete meine Mutter vier fette Schweine und jeden zweiten Winter eine Kuh. Dazu hielt sie eine Reihe von Milchkühen und mehrere Dutzend Legehühner. Hierzu kamen die Naturallieferungen der Dörfer: Korn, Flachs und andere Rohprodukte. Zu Ostern bekamen wir etwa tausend frische Eier geliefert und sechzehn fette Hühner, im Januar gab es Hunderte von geräucherten Mettwürsten (von je zwei Ellen Länge) und Spickgänse. Mochte es im Pfarrhause zu Neuhaus (Elbe) auch hin und wieder knapp an Geld sein, an Lebensmitteln fehlte es in den Tagen meiner Kindheit nie, und der Haushalt dort zeichnete sich stets durch eine gewisse Behäbigkeit aus. Ich will auf diesen Gegenstand hier nicht weiter eingehen, da ich meine Leser zu ermüden fürchte.

Mein Vater erteilte mir Nachhilfestunden in Lateinisch und Griechisch. Für die lateinischen Stunden bediente er sich des Übungsbuches eines gewissen Dölecke, aus welchem er selbst früher seine Kenntnisse geschöpft hatte und auf welches er schwor. Ich erinnere mich dieses Buches noch sehr wohl und habe es von einem Ende bis zum andern durchgearbeitet. Von den Wissenschaften interessierten ihn,[22] wie mir schien, am meisten Geographie und Astronomie. Aber auch an allen politischen Vorgängen in Europa und Nordamerika nahm er regen Anteil und wir natürlich mit. So erinnere ich mich noch seiner unterhaltenden und unterrichtenden Gespräche über den amerikanischen Sezessionskrieg, und seines Jubels, als die Schwarzen endlich gleichberechtigte Bürger der westlichen Republik wurden. Ganz Europa stand damals unter dem Einfluß der Schilderungen von Onkel Toms Hütte.

Im allgemeinen hatten wir als Kinder ein freies und ungebundenes Leben. Es vollzog sich wesentlich im Freien, in den Sommermonaten in Gärten und Wiesen, Wäldern und Feldern, im Winter auf der Eisbahn des Carrenziener-Sees, in allen möglichen Wintersports, und in den immergrünen Tannen im Osten des Geburtsortes, welche sich unübersehbar über eine Kette von Dünen parallel den »Elbbergen« an der anderen Seite nach Süden und nach Norden erstreckten. Unsere Spiele, an denen Mädchen und Knaben oft gemeinsam teilnahmen, wechselten mit den verschiedenen Jahreszeiten. Jede einzelne Familie, auch meine elterliche, hatte ihren kleinen landwirtschaftlichen Betrieb. So lebten wir wie auf, so mit dem Lande.

Der erste tiefere Eindruck von außen, welchen mein Gemütsleben erfuhr, waren die Kriege von 1864 und 1866 und das Aufgehen des Königreichs Hannover in Preußen; der Schluß der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde durch den heraufziehenden Krieg mit Frankreich beschattet, in welchem um die deutsche Einheit und die Neugestaltung unseres Volkes gekämpft werden sollte. Auch in unsern kleinen Erdenwinkel spielten die großen geschichtlichen Fragen des Tages hinein.

In meinem Elternhause pflegte der »studierte« Lehrer der oberen Schule in Neuhaus zu wohnen und mit an unserer Tafel zu essen. Meine beiden ältesten Schwestern haben solche Kandidaten, welche später Pastoren wurden,[23] geheiratet. Natürlich erhöhte solche Hausgenossenschaft die geistige Anregung auch unseres Kinderlebens. Der letzte solcher Lehrer, von 1869 bis 1870, war mein ältester Bruder, der also mein Lehrer wurde. Meine Mutter nahm außerdem in der Regel eine oder die andere junge Dame ins Haus, welche bei uns »den Haushalt« lernte und ihre Erziehung beendigte. Ferner waren bei uns in der Regel einige Kinder in Kost aus den benachbarten Orten, welche die Schule mit uns besuchen wollten und eine gemeinsame Erziehung mit uns erhielten. So war immer reges Leben im Hause unserer Eltern.

Als der Friede zwischen Preußen und Frankreich sich seinem Ende zu neigte, kam auch die glücklichste Zeit meines Lebens zu ihrem Abschluß. Ich meinte damals wohl, nun solle die Sache erst losgehen, und sah voll froher Hoffnung dem entgegen, was am Horizont der Zeiten für mich herauszog. Mein Vater pflegte sonst seine Kinder erst nach vollendetem vierzehnten Lebensjahr zu konfirmieren und in die Fremde zu schicken. Bei mir wollte er eine Ausnahme machen, vorausgesetzt, daß, wie er hoffte, ich die Reise für die Untertertia erlangt hätte. Im Februar 1870 fuhr er also mit mir nach Lüneburg, um dies durch eine private Prüfung feststellen zu lassen. In seinem Beisein fand ein Examen bei dem damaligen Klassenlehrer von Untertertia, Herrn Dr. Radeck, im Lateinischen und bei dem gefürchteten Mathematik-Lehrer, Dr. Gläue, in deren Privatwohnungen statt. Ich wurde als reif befunden, und stolz kehrten wir nach Neuhaus zurück.

Zu Ostern 1870, nach vollendetem dreizehnten Jahre, wurde ich demnach mit dem vierzehnjährigen Jahrgang in der Kirche zu Neuhaus von meinem Vater konfirmiert, und darauf begann ich meine höhere Schul-Laufbahn in der Untertertia des Johanneums der alten freien Reichsstadt Lüneburg.[24]


Quelle:
Peters, Carl: Lebenserinnerungen. Hamburg 1918, S. 8-25.
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