Abgegessenes Büffet. Tellerrand frei! Falsche Prüderie. Zwei Damen führen.

[198] Zwei Zuschriften veranlassen mich, nochmals auf das materielle Thema »Büffet« einzugehen. Durchaus zutreffend ist folgende Bemerkung: »Am Büffet die Eßteller übermäßig mit Speisen zu beladen ist nicht nur unästhetisch, sondern es ist einfach eine die Gastgeber schädigende Verschwendung, wenn ein Gast sich mehr auf seinen Teller aufthut, als er zu essen vermag.« Die Einsenderin dieser Zeilen – oder, nach der Handschrift zu urteilen, vielleicht auch der Einsender – hat sich eine »sparsame Hausfrau« unterschrieben. Ich finde, daß man noch gar nicht einmal positiv sparsam zu sein braucht, wenn man einer absolut zwecklosen Verschwendung abhold ist. Wenn eine Dame bei einem solchen[198] Büffet von ihrem Herren mit einer Portion bedacht wird, die schon für einen Gardekürassier nach schwerer Felddienstübung reichlich bemessen wäre, sollte sie ihren Herrn erziehen und um einen leeren Teller bitten, um sich von dem übervollen Teller einen ihrem Appetit entsprechenden Teil herunternehmen zu können. Die verehrten Gäste brauchen die Teller nicht abzukratzen, aber nach geschlagener Büffet-Schlacht mit großen Ueberresten beladene, überall herumstehende Teller gewähren auch für nicht sparsam veranlagte Naturen einen unschönen Anblick. Auch das Aussehen des Tischtuches der eigentlichen Büffettafel und der darauf stehenden ganz oder teilweise entleerten Schüsseln p. p. berechtigen kritische Beobachter zur Kritik über die guten oder »noch besseren« Manieren der sehr verehrlichen Gäste. Wenn die Dame des Hauses nach dem Essen ihr Büffet kopfschüttelnd betrachtet, so hegt sie sicher im Busen den Gedanken: »Die haben aber übel gehaust.«

Eine andere Zuschrift kann ich trotz des hierfür verwandten hochvornehmen Briefbogens nicht billigen. Es wird da strikt dekretirt »Ein Kavalier führt seine Tischdame nicht ans Büffet, sondern bringt ihr Alles selbst.« Zum Besten[199] der Herren Brockhaus, Meyer usw. nehme ich an, daß man in keinem einzigen Konversationslexikon unter dem Wort »Kavalier« eine derartige Erklärung finden wird. Der Kavalier bringt seiner Tischdame nur dann Alles selbst. wenn sie es so wünscht; für diesen Fall, damit die Dame dem sie bedienenden Herrn ihre Wünsche offenbaren kann, ist es praktisch, wenn auf den einzelnen Tischen, an denen man soupirt, je eine Speisekarte liegt, ein Verzeichnis der Büffet-Herrlichkeiten. Wie schon öfters in meinen Plaudereien betont wurde: das Natürliche ist im Allgemeinen auch vornehm. Da man die materiellen Wünsche seiner Tischdame und ihren Appetit nicht kennt – auch äußerlich ätherische Wesen können schließlich einen Wolfshunger entwickeln –, was ist da einfacher und natürlicher, als die Gnädigste gehorsamst zu fragen, »ob se mit ans Büffet zieht«, oder ob sie es ihrem Herrn überlassen will, ihren Geschmack zu erraten. Im ersteren Fall kann man beim Entnehmen der Speisen am Büffet selbst doch den Wünschen seiner Dame betreffs des »Was und des Wieviel« direkt nachkommen. Und wenn die Gnädige erklärt: »Ich nehme mir am liebsten selbst,« so läßt man ihr eben ihren Willen ohne[200] vorherige Komplimentirbuch-Phrasen. Weshalb in aller Welt soll der Herr nicht so höflich und artig sein, die Wünsche seiner Dame zu respektiren, wenn das noch obendrein für ihn selbst bequem ist. Vielleicht will die Dame auch dem betreffenden Herrn einen Gefallen erweisen, wenn sie ihm die Sorge um ihr leibliches Wohl abnimmt oder erleichtert. Einem Anderen gefällig zu sein, macht doch auch Vergnügen; und wenn man selbst jener Andere ist, so gönne man doch seiner Dame das Vergnügen erst recht. Auch in der Art und Weise, in der man Gefälligkeiten annimmt, kann man gesellschaftlichen Takt und oft auch Takt des Herzens zeigen; andererseits kann Jemand durch gutgemeinte, aber aufgezwungene Höflichkeiten dem lieben oder der noch lieberen Nächsten lästig fallen.

Zum Thema »Entnehmen von Speisen« möchte ich noch Folgendes erwähnen. Mancher, der sich hierbei sonst recht manierlich zu benehmen versteht, macht bei Butter und Käse eine verdammenswerte Ausnahme, verdammenswert vom Standpunkt des Muster-Etikettenmenschen. Es ist ja immerhin löblicher, sich diese Haustier-Produkte auf den äußersten Rand eines Porzellantellers zu streichen, als meinetwegen[201] den Käse auf den Handteller und die Butter auf den Mittelfinger der linken Hand, – übrigens ist dieses Verfahren mangels anderer Aufnahmeflächen in Hungersgefahr vielleicht sogar empfehlenswert – ein Matador in Manieren und speziell in Eßmanieren nimmt sich aber Butter und Käse auf den allein zur Aufnahme von Speise bestimmten wagrechten Hauptteil des Tellers und streicht nichts Eßbares auf den Rand des Tellers. Wer sich bemüht, beim Aufthun von Speise und beim Essen selbst den Tellerrand frei und rein zu erhalten, der hat in diesem Tellerrand zwischen dem Tellerboden und dem Tischtuch ein neutrales Gebiet, auf das sich zur Not Speiseteilchen flüchten können, bevor sie über Bord gehen und das Tischtuch verunzieren. Wer nun behauptet, schon sehr vornehme Menschen gesehen zu haben, die sich Butter und das ihr verwandte duftende Etwas auf den Tellerrand streichen, dem ist einfach zu entgegnen: Diesen sehr vornehmen Menschen ist eben die Möglichkeit geboten, sich in diesem einen – wenn auch verhältnismäßig unwichtigen – Punkte noch vornehmer zu benehmen. Der Tellerrand muß sauber bleiben; jedenfalls fassen ihn in diesem Zustande saubere dienstbare Geister beim[202] Wegnehmen der Teller lieber an. Sogar von Fischgräten und Kartoffelschalen wird man den Tellerrand thunlichst freizuhalten suchen, wenn man eben Wert darauf legt, sich bei Tisch möglichst »erstklassig« zu benehmen. Wem dies nicht erstrebenswert erscheint, ist natürlich keineswegs für Zeit und Ewigkeit verloren. Gute äußere Formen zu beherrschen und zu beachten, ist entschieden lobenswert, aber doch nicht das Wichtigste im Leben; und eben deshalb ist es unbillig und engherzig, wenn routinirte Formenmenschen die hierin weniger Bewanderten streng verurteilen. Nicht wer unanständig ißt, sondern höchstens wer unanständig ist, den darf man verdammen.

Eine Anfrage aus dem Leserkreise betrifft ein nach der allgemein herrschenden Ansicht etwas heikles, aber andererseits entschieden wichtiges Thema; hierauf nicht einzugehen, wäre ein Zeichen thörichter, falscher Prüderie. Es ist thöricht, unrecht gegen sich selbst und durch das schlechte Beispiel auch indirekt für Andere nachteilig, sobald Jemand eine sogenannte Anstandsregel auch dann befolgt, wenn dies seiner Gesundheit zuwider ist oder leicht schaden kann.

Die feierlichste unserer normalen gesellschaftlichen[203] Institutionen ist das Diner, verständigerweise jetzt auf den Einladungskarten auch von tonangebenden Menschen meist mit dem bescheidenen einfachen Wort, »Mittagessen« benamst. Auch während eines solchen Diners soll man keiner falschen Scham nachgeben, sondern, wenn man es eben selbst für nötig erachtet, ohne Weiteres vom Tisch aufstehen und unbeirrt durch die Erwägung, wie Andere das aufnehmen, wieder an die Tafel zurückkehren. In solchen Fällen ist unnahbares Selbstbewußtsein durchaus am Platze. Die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der man sich entfernt und wieder zurückkehrt, soll den Gedanken durchblicken lassen: »Die eigene Ansicht ist einem in dieser Sache die maßgebendste; und daraus, daß man die Tafel verläßt, haben die verehrten Tischgenossen zu folgern, daß man dies eben selbst für nicht unanständig erachtet.« Von einem Formenmenschen hörte ich den praktischen Grundsatz aussprechen: Was man thut, ist vornehm; ich möchte für den vorliegenden Fall diesen Satz etwas bescheidener in folgende Worte umgestalten: »Was man thut, ist nicht unvornehm.« – In einer sonntäglichen Beilage der »Deutschen Warte«, in der »Gesundheitswarte«[204] Nr. 45, Jahrgang 1902, findet man das Gesagte durch folgende beherzigenswerte Worte bestätigt: »Wir sollen stets daran festhalten, daß wir Men schen sind und als solche auch menschlichen Bedürfnissen unterliegen, und daß es ein Zeichen sittlicher Höhe ist, natürliche Dinge rein und unbefangen aufzufassen. Hierzu gehörigen vor allen Dingen die Funktionen unseres Körpers. Wenn der Stoffwechsel nicht regelmäßig von statten geht, so muß unsere ganze Organisation schweren Schaden nehmen.« – Grade gesellschaftlich angesehene Persönlichkeiten sollten durch ihr Beispiel ungesunden Prüderien stets entgegenarbeiten.

Eine Anfrage lautet: »Wie verhält man sich, wenn man zwei Damen zu Tisch zu führen hat?« Wenn ein Herr nach eigener Wahl, wie dies meist bei Büffets der Fall ist, zu Tisch engagirt und bemerkt, daß die Damen in der Ueberzahl sind, so wird er sich als aufmerksamer Salon-Mensch erweisen, wenn er zwei zu ihm an Alter und Würde passende Damen auffordert, der älteren und angeseheneren Dame seinen rechten und der anderen den linken Arm bietet. Sind beide Damen so jung[205] oder so alt, daß es schwer zu entscheiden ist, welche die noch jüngere beziehungsweise die noch ältere ist, oder scheinen ihm beide Damen eben gesellschaftlich gleichwertig, so wird er betreffs der hochwichtigen Frage, wen er seines rechten und wen er seines minder angesehenen linken Armes würdigt, entweder den Zufall oder irgend welche Rücksichten entscheiden lassen, z.B. die Rücksicht darauf, wen von beiden Damen er lieber heiraten möchte. Auch diese Frage kann ihm allerdings – natürlich in einem für die Damen vorteilhaften Sinne – großes Kopfzerbrechen verursachen Wenn das Dreigespann nun Engen zu passiren hat, durch geöffnete Thüren laviren muß, so wird man eingehakt bleiben, wenn man eben den nötigen Platz dazu hat. Anderenfalls aber wird der Herr die Damen seinen Armen langsam entgleiten lassen, hinter ihnen das Defilé durchschreiten und ihnen dann wieder seine Arme anbieten. Ein schlangenartiges Hindurchwinden eines solchen Dreibundes durch eine Thür im Gänsemarsch und in eingehaktem Zustande sieht unschön aus und ist entschieden zu vermeiden. Der Herr soll der Führer der Damen sein und darf sich nicht von ihnen bugsiren lassen.[206] Wenn die Damen zu Tisch durch den Gastgeber an die Herren verteilt werden und ein Herr zwei Damen zu führen hat, so achte er darauf, daß er die ihm links angetraute, die morganatische Nachbarin nicht vernachlässige.[207]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 198-208.
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