Für und wider die Schleppen. Anhauchen beim Sprechen. Ballmutter und Ballvater.

[177] Mein Zorn über die Schleppen im Tanzsaal ist inzwischen verraucht; die Verurteilung der Schleppen in meiner letzten Plauderei wird zwar die Zustimmung mancher Tänzer gefunden haben, die so ungeschickt waren, auf Schleppen zu treten oder darüber zu stolpern, aber dies muß man eben zu vermeiden suchen, indem man beim Vorwärtsbewegen in einem sehr vollen Tanzsaal – sei es, daß man tanzt oder herumgeht – mehr vorwärtsgleitet und nur die Fersen hebt und mit den Fußspitzen den Boden gar nicht oder nur wenig verläßt.

Diese Bewegungsart ist auch für ein glattes Parkett am meisten geeignet und wird zur Folge haben, daß man etwaige Hindernisse auf dem Boden, wie die Schleppe einer Dame, höchstens bei Seite schiebt. Das Gleiten muß[177] geräuschlos geschehen. Ein hörbares Scharren mit den Füßen, wie ich dies besonders bei Studenten beobachtet habe, wenn sie Verbeugungen machen – ein solches hörbares Scharren ist entschieden unschön. Belehrt und bekehrt durch eine liebenswürdige Zuschrift, – gehorsamen Dank dafür, meine Gnädigste! – thue ich kund und zu wissen: Zu einer eleganten Ball- oder Gesellschaftstoilette gehört die Schleppe. Durch ein Hoch- oder Anheben der Schleppe, je nach deren Länge, wird die Dame gebotenen Falles ein Betreten seitens unachtsamer Zeitgenossen zu verhindern suchen. Die Toilettenkunst widmet der Schleppe oft eine ganz besondere Sorgfalt, wie z.B. der Courschleppe einer bei Hofe erscheinenden Dame. Bekanntlich erfordert die Verbeugung einer Dame bei Hofe vor den Allerhöchsten Herrschaften, der sogenannte Hofknix, wegen jener pfauschwanzartigen Verlängerung des Kleides ein ganz besonderes Studium. Die Schleppe, auch eine nicht hofmäßige kürzere, hebt im Allgemeinen die Figur einer Dame, läßt sie größer und schlanker erscheinen. Auch hat eine graziöse Dame Gelegenheit, sich als solche zu zeigen durch die Manier, wie sie ihre Schleppe anhebt, trägt oder langsam wieder fallen läßt.[178] Ich begreife also absolut nicht, wie man ein Gegner der auf Gesellschaften getragenen Schleppe sein kann?!

Für Sport, wie Rad- und Tennissport usw., für Bergtouren verbietet sich die Schleppe von selbst. In der oben erwähnten dankenswerten Zuschrift aus dem Leser- oder vielmehr dem Leserinnenkreise wird die Schleppe auch für das einfache Straßenkleid verdammt. Da gehe ich nun entschieden weiter, ich verdamme die Schleppe für jedes Straßenkleid, auch für das komplizirte und raffinirte, ohne, wie bei der Schleppe des Gesellschaftskleides, mir das nächste Mal einfach zu widersprechen. Das Streben nach möglichster Sauberkeit und andere Gesundheitsrücksichten sind zu wichtige Momente in ethischer und physischer Hinsicht, um eine ihnen widersprechende Mode nicht zu verurteilen. Die Schleppe des Straßenkleides wird fast immer – mehr oder weniger – schmutzig werden. Schmutz ist unästhetisch, Schmutz ist ungesund. Wenn man aber beim Straßenkleide die Schleppe beständig anhebt, dann erfüllt sie doch ihren Zweck nicht, die Figur einer Dame durch rückwärtige Verlängerung des Kleides möglichst vorteilhaft erscheinen zu lassen. Manches Unglück ist passirt[179] durch Hängenbleiben der Damen mit ihren Schleppen. Das Aufwirbeln von Staub durch die Schleppen ist auch für die übrigen Passanten lästig, Staub verunziert ihren äußeren Menschen, Staub schadet ihren Lungen. Wenn auch nicht gänzlich fußfreie Kleider, so sollte man auf der Straße doch immer sogenannte »runde« Kleider, d.h. Kleider ohne Schleppe tragen. Ich werde nie – höchstens auf einem Kostümfest – ein Straßenkleid mit Schleppe anziehen.

Früher erwähnte ich, daß wir Herren auf Tanzfesten, abgesehen von wenigen Pflichttänzen, den Vorteil haben, nur tanzen zu brauchen, wann und mit wem es uns paßt. Diese Annehmlichkeit sollte uns nachsichtig stimmen gegen eine Dame, die, zum Tanz – nicht zum Bunde fürs Leben – aufgefordert, uns einen Korb giebt. Meist geschieht dies unter der Begründung, »nicht soviel tanzen zu wollen oder zu dürfen!« Ich bemerkte oft, daß dann der Herr verlegen wurde oder den Verletzten spielte, mit Argusaugen aufpaßte und noch ingrimmiger wurde, wenn er die Dame später mit einem Anderen tanzen sah. Da der Herr die Dame um einen Tanz bittet und ihn nicht von ihr fordert, so muß er doch auch den Fall gelten[180] lassen, daß die Dame ihm die Bitte, mit ihm zu tanzen, abschlägt. Ich finde eine solche Gereiztheit des Herrn unbillig und auch dann zum Mindesten kleinlich, wenn die Dame nur einen Vorwand bei ihrer Weigerung gebrauchte. Stolzer ist doch dann der Standpunkt, sich zu sagen: Mit einer Dame, der ich nicht sympathisch bin, habe ich garnicht das Verlangen zu tanzen, durch meine Abweisung erweist sie nicht nur sich, sondern auch mir selbst einen Gefallen. Das Verhalten Anderer immer so auszulegen, daß man sich nur ja möglichst gekränkt und verletzt fühlen kann, ist eine unglückselige und höchst unpraktische Manie und ein Zeichen von geringem Selbstbewußtsein. Sogar durch eine direkte Taktlosigkeit eines Anderen sollte der Betroffene sich mehr belästigt als beleidigt fühlen und diese Taktlosigkeit mehr als eine Blamage für seinen Gegner ansehen; ein überlegenes, mitleidsvolles Lächeln wirkt hierbei oft mehr als heftige Worte, die noch dazu für die höchsteigenen Nerven unzuträglich sind. Es geht nichts über »Wurschtigkeit« zu rechter Zeit am rechten Ort. Dies urwüchsige Wort ist übrigens nicht etikettenwidrig; Bismarck hat es gebraucht, Bismarck, der größte Staats-und[181] Lebensdiplomat, und Diplomaten sagen nichts Etikettenwidriges.

Ein Mann soll sich nicht so leicht verletzt fühlen, die Dame aber soll sich bemühen, ihm überhaupt keine Gelegenheit hierzu zu geben; denn unsere noch geltenden ritterlichen Anschauungen gestatten dem Herrn in der vornehmen Welt nur einen passiven Widerstand gegenüber der Kränkung seitens einer Dame.

Die Prinzessinnen souveräner Fürstenhäuser kommen nicht in die Verlegenheit, einem Herrn den erbetenen Tanz zu verweigern, denn sie suchen sich einfach ihre Tänzer selbst aus Da tritt ein Kammerherr oder sonstiger Abgesandter an den begünstigten Gardeleutnant heran mit den Worten: »Ihre Königliche Hoheit, die Prinzessin X., haben die Gnade, Sie zum Tanz zu befehlen!« – Weshalb giebt man nun nicht allen Damen, entsprechend unseren sonstigen Sitten der Verhätschelung der Damen, auch dies Vorrecht, sich ihre Tänzer selbst zu wählen? Der Grund ist sicher der, daß die Dame eben ihre Neigung nicht so zeigen darf wie der Herr, sie darf nicht werben, sondern soll sich werben lassen. Eine königliche Prinzessin aber steht nach der Hofrangordnung so hoch über ihrem Tänzer,[182] daß seine Kommandirung zum Tanz eben nur als ein Zeichen gnädigen Wohlwollens betrachtet wird. Besonderes Zartgefühl soll die Ansicht bekunden, man dürfe in den Zwischenpausen des Tanzes nicht rauchen, auch keine Spirituosen zu sich nehmen, um die Geruchsnerven der Damen, mit denen man tanzt, nicht zu beleidigen. In der Theorie bin ich überhaupt dem Alkohol und dem Tabak abhold, am gesündesten ist meinem Dafürhalten nach Beides, wenn es nicht genossen wird; aber in Wirklichkeit thut es mir doch um den schönen Durst beim Tanzen zu leid, um ihn ungestillt vorübergehen zu lassen. Mit Rücksicht auf die Nasen und Näschen der Damen Alkohol und Tabak zu meiden, diesen Grund lasse ich nicht gelten, er ist höchstens stichhaltig für Menschen, die jene üble Angewohnheit haben, beim Sprechen oder bloßen Atmen Andere anzuhauchen. Und dies Anhauchen ist ein größeres Uebel als Kneipen und Rauchen. Durch dies Anhauchen beim Sprechen macht man sich dem lieben Nächsten unangenehm, durch Kneipen und intensives Rauchen schadet man höchstens seiner eigenen Gesundheit. Am besten natürlich, man unterläßt alle drei Dinge nicht nur auf Tanzfesten, sondern überhaupt.[183] Aber das Anhauchen Anderer, bei Manchem sogar verbunden mit Ansprudeln, ist an und für sich so unappetitlich, daß seine Wirkung durch Alkohol und Tabak kaum verschlimmert, sondern höchstens durch gute Qualität dieser Genußmittel gehoben werden kann. Die üble Gewohnheit des Anhauchens beim Sprechen wird vom Gegenüber besonders unangenehm empfunden, wenn Jemand vom lieben Nächsten nicht Abstand halten kann, sondern ihm dicht auf den Leib rückt und fast unter Berührung der beiderseitigen Nasenspitzen auf ihn einspricht. Eine solche, meist unbewußte und ungewollte, äußerliche Zudringlichkeit verleitet lebhafte oder nervöse Menschen auch oft dazu, Andere während des Sprechens beständig zu betasten. Als Gegenmittel kann man dann höchstens vorgeben, kitzlich zu sein. Mag der »Angreifer im wahrsten Sinne des Wortes« diesen Vorwand immerhin als Ulk ansehen; wenn er Einem nur etwas weiter vom Leibe bleibt, so hat man den Erfolg für sich. Ein besonderer Auswuchs einer solchen Nervosität ist das Spielen und Herumdrehen an den Knöpfen eines Anderen. Da hilft vielleicht eine Lobeshymne auf den Schneider, etwa mit den Worten: »Ja, mein Schneider näht die[184] Knöpfe fest an, ohne Messer oder Scheere werden Sie meine Knöpfe schwerlich loskriegen!« Nach dieser Abschweifung zurück in den Ballsaal! Das Tanzen mit Damenwahl ist selten geworden. Ein Herr, der sich hierbei nicht mit souveräner Wurschtigkeit zu wappnen versteht und ein Sitzenbleiben fürchtet, der drücke sich doch einfach die Zeit über. Bemerkt man seine Drückerei, so hat man ja zu ihrer Auslegung und Erklärung einen weiten Spielraum, man kann da Bescheidenheit vermuten oder auch bei einem Löwen der Gesellschaft dessen Befürchtung, von den engagirenden Damen zu sehr begehrt zu werden. Erheiternd wirkt es, wenn ein Herr in einer kleineren Tanzgesellschaft beim Tanzen mit Damenwahl scherzhafter Weise den vielbegehrten Triumphator markirt und mit siegessicherer Miene und stolz erhobenem Kopf vor den anderen Herren sich besonders bemerkbar zu machen sucht. Wird er trotzdem oder vielleicht grade deshalb nicht engagirt, so kann er seine Rolle weiter spielen, indem er das für ihn »Unbegreifliche« dieser Situation durch wiederholtes Kopfschütteln und Achselzucken markirt.

Manche Herren, namentlich jüngere, begehen den Fehler, die Ballmütter mehr oder weniger[185] zu schneiden. Eine Ballmutter aber wird unter Umständen zur Schwiegermutter. Und wer sie noch dazu als seine eigene ersehnt und dennoch schneidet, der ist für die Diplomatenlaufbahn entschieden ungeeignet. Aber auch nicht heiratsdurstige Herren sollten mit den Ballmamas Mitleid haben und sie wenigstens ein einziges Mal an so einem lang ausgedehnten Tanzfest zu unterhalten suchen. Doch die Ballmütter haben ja allermeist noch ihr Interesse für die Damentoiletten, für diejenigen ihresgleichen und wohl in noch höherem Grade für die Toiletten ihrer Küchlein, auch weiden sie sich doch an dem Tanzvergnügen und den Triumphen ihrer Töchter. Aber was macht der arme Ballvater, namentlich der schon bejahrte? Er beneidet diejenigen seiner befreundeten Altersgenossen, die, von ihren Damen daheim gelassen, bereits den Schlaf der Gerechten schlafen. Erst beim Kotillon atmet der Ballvater auf, dies ist sein Lieblingstanz, denn er beschließt ja das Fest und ruft in ihm den trostreichen Gedanken wach: »Warte nur, balde ruhest auch Du!«[186]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 177-187.
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