Konversation. Eng gedeckte Tafel. Menükarten. Das Wesentliche beim guten Diner.

[268] Man hat bekanntlich heutzutage, namentlich unter den großstädtischen Gesellschaftsmenschen, vielfach Nerven. Wenn schon ein einzelner Tischredner in einem vornehmen Kreise, mit Ausnahme dieser oder jener besonderen Kraftstelle seiner Rede, nicht lauter als nötig sein Organ erschallen lassen soll, um so mehr ist für die allgemeine Tischunterhaltung eine gedämpfte Sprechweise durchaus erwünscht. Schreien wirkt ansteckend. Abgesehen davon, daß es unvornehm ist, erreicht man auch nichts dadurch, da eben Andere, die auch gehört sein wollen, leicht in denselben lauten Ton verfallen. Natürlich lispeln und flüstern darf man auch nicht. Es ist für den Sprecher ebenso lästig, etwas, weil man nicht deutlich gesprochen, wiederholen zu müssen,[268] wie für den Zuhörer, darum zu bitten, namentlich wenn es sich um eine Unterhaltungsphrase handelt, die man nur vom Stapel gelassen hat, um mal wieder was zu sagen. Eine ehrliche Haut antwortete einmal in einem solchen Falle auf das »Wie meinten Sie?« seines Nachbars: »Ach, Sie haben weiter nichts dran verloren, wenn ich's auch nicht noch mal sage.« Wenn die Wirte unter ihren Gästen mehrere Hauptschwadroneure haben, so ist es praktisch, dieselben etwas zu verteilen. Zwei redselige Naturen nebeneinander werden oft über das Schicksal, das heißt über die Tischordnung, grollen, da sie einander daran hindern, die ganze Zeit allein sprechen zu können. Ein großes Glück für die gesellschaftliche Unterhaltung ist jene harmlose Eitelkeit, daß die Meisten sich gern selbst hören lassen. Wer die Anderen in einer Gesellschaft gut unterhalten zu haben glaubt, wird meist sagen oder denken: »Heute war es besonders nett.« Wenig reden ist bequem und verhilft anderen Gästen, die gern reden, dazu, um so mehr als Leuchten gesellschaftlicher oder auch wirklich geistvoller Konversation zu glänzen. Pech ist es nun freilich, wenn Alle so denken, und dann schließlich Keiner redet. Als Herr[269] muß man sich bemühen, mindestens seine Tischdame zu unterhalten; von dieser wäre es wenig zartfühlend, in auffälliger Weise ihren anderen Nachbar zu bevorzugen, auch wenn er ihr sympathischer ist als der eigene Tischherr, und dieser vielleicht nicht das Talent gesellschaftlicher Konversation besitzt. Durch ein solches Benehmen zeigt die Dame eine Mißbilligung der von den Gastgebern getroffenen Tischordnung. Die Gewandtheit in der Konversation entwickelt sich meist nur aus dem frischen Mut, darauf los zu reden. Natürlich empfehle ich dies nicht als Norm, sondern nur als Notbehelf, wenn man sich längere Zeit ausgeschwiegen hat und zufällig mal nichts Kluges zu verraten weiß. Aus einer nebensächlichen Bemerkung entwickelt sich oft eine anregende Unterhaltung. Also frisch drauf los, anstatt sein Hirn lange mit dem quälenden Gedanken zu martern, was in aller Welt man reden soll!

Sehr wesentlich für die Behaglichkeit bei einem Diner oder Souper ist ein bequemes Sitzen der Gäste. Und zwar sollte man diese Annehmlichkeit allen Gästen erweisen, nicht nur einzelnen derselben, die man besonders ehren zu müssen glaubt. Man sitzt schon zu eng, wenn[270] Jemand dadurch am Essen behindert ist, daß dem rechten Nachbar präsentirt wird. Probiren geht über Studiren! Wenn die Gastgeber im Zweifel darüber sind, ob die Tafel auch ausreicht für die Anzahl der Gäste, so nehme man das Centimetermaß, berechne wieviel Platz auf jeden Gast kommt, setze sich dann zu Dreien oder zu Vieren an die Tafel, und zwar in der verhältnismäßigen Ausdehnung, lasse durch einen dienstbaren Geist Schüsseln präsentiren entweder markirter Weise oder am praktischsten beim Mittagessen selbst, und probire, ob man sich beim Hantiren mit Messer und Gabel nicht belästigt fühlt. Eine kluge Hausfrau, deren Gatte wirklich Herr im Hause ist, setzt zum Mindesten diesen bequem, um sich Vorwürfe von ihm über etwaiges zu enges Sitzen der verehrten Gäste zu ersparen, das dann der für seine Person befriedigte Gatte oft garnicht bemerken wird! Sitzt man aber als Gast zu eng, so hat man eine hervorragende Gelegenheit, sich als ein Muster an guten Formen zu produziren, wenn man sich absolut nichts von seiner bedrängten Lage anmerken läßt. Wenn dem rechten Nachbar präsentirt wird, und man dadurch, bei eng gedeckter Tafel, an der Bewegung der[271] rechten Hand gehindert ist, so beschränke man eben ein paar Augenblicke lang irgendwie seinen Thatendrang auf die linke Hand, ohne durch Zeichen von Unmut oder Ratlosigkeit oder demonstrative Passivität den verehrten rechten Nachbar zu einem hastigen Zulangen von der ihm präsentirten Schüssel zu veranlassen. Solch Etiketten-Edelmut erwirbt einem den Dank einer sorgsamen Hausfrau und die Anerkennung aufmerksamer, etwa anwesender Etikettenkritiker. Manche Familien pflegen zweierlei Verkehr, sie teilen ihre Zeitgenossen, gegen welche sie Diner-Verpflichtungen haben, ein in die Klasse der ganz Vornehmen und in die Klasse der Vornehmen. Es ist nun praktischer, lieber die ganz Vornehmen eng zu setzen, als die »bloß normal Vornehmen«; denn bei ersteren hat ein enges Sitzen weniger die Gefahr gegenseitiger Anrempelung im Gefolge; weshalb sollen sie da außer dem ihnen oft gewährten Vorteil besserer materieller Genüsse auch noch besser sitzen als die minder bewerteten Gäste?!

Für Menü-Studien empfehle ich die Schaufenster eleganter Papiergeschäfte, in denen man die verschiedenartigsten lithographirten Menükarten ausgestellt findet. Man bezeichnet bereits seit[272] längerer Zeit die einzelnen Teile des Menü oder – auf gut deutsch – der Speisenfolge vielfach durch vorwiegend deutsche Ausdrücke. Gerade auf den Menüs an der kaiserlichen Tafel wird ostentativ statt des früher allein üblichen »Sauce« das biedere deutsche Wort »Tunke« gebraucht. Früher hätte sich die vornehme Welt beim Hören oder Lesen eines solchen »gewöhnlichen« Ausdruckes vielfach bemüßigt gefühlt, durch Nasenrümpfen ein besonders stark entwickeltes ästhetisches Gefühl bekunden zu wollen. Ich möchte die Worte »vielfach« und »bekunden wollen« besonders betonen; denn auch in früheren Zeiten gab es in den vornehmsten Kreisen Menschen, die, unbeschadet ihres Ansehens, jeder überzarten, zimperlichen Gefühlsäußerung durchaus abhold waren. Je mehr man ist, um so wohlthuender wirkt vornehme Einfachheit, wie in allen Dingen, so auch in der Ausstattung der Menükarten. Es ist sicher vornehmer, wenn zum Beispiel der Adlige nicht überall sein Wappen oder seinen Namenszug mit Adelskrone aufdringlich in womöglich starkem Golddruck anzubringen sucht.

Was es Alles bei einem Diner geben kann oder geben soll, das hängt natürlich von den[273] verschiedenen Gesellschaftskreisen ab, in denen man Diners giebt, und innerhalb dieser Kreise vor Allem von dem mehr oder minder großen Mammon der Gastgeber. Wer mit den Gütern dieser Welt besonders reich gesegnet ist, kann ein besonderes Taktgefühl dadurch zeigen, daß er den Schein des Protzenhaften zu vermeiden versteht. Je geheimer ein Kommerzienrat ist, um so verschwiegener sei er in Aeußerungen betreffs des Wertes seiner Weine; er lasse seine Weine ausschließlich durch deren Güte für sich selbst reden. Vielfach hat man die Bezeichnung Soloweine für jene kostbaren Sorten, die glasweise besonders vom Diener präsentirt werden. Ost ist der Diener angewiesen, während er präsentirt den Namen des Soloweines zu nennen. Mir erscheint diese Sitte etwas protzenhaft, auch finde ich es überflüssig, wenn Menükarten vorhanden sind, auf denen man die Weine neben den einzelnen Gerichten angeben kann. Nicht die Menge der materiellen Diner-Genüsse, der Speisen und Getränke, auch nicht deren Kaufpreis beziehungsweise Herstellungspreis ist das wesentliche Merkmal für die Güte und Vornehmheit eines Diners, sondern das Wesentliche hierfür ist folgender Umstand: Was man[274] seinen Gästen zum Diner vorsetzt – ob dies nun vielerlei oder wenig ist, ob es einfache Speisen und Weine oder ob es außergewöhnliche Genüsse sind – die Hauptsache ist, daß Alles, was man vorsetzt, auch gut ist; und gerade von außergewöhnlichen Sachen erwartet man, daß sie außergewöhnlich gut sind; es ist dies keine Anmaßung, sondern liegt in der Natur der Sache: »Wenn schon, denn schon!« Oder negativ und drastisch ausgedrückt: »Lieber keine Austern und keinen Kaviar, als schlechte Austern und schlechten Kaviar!« Dahingegen an der Wertschätzung jener Gäste, für die es eine Kabinettsfrage ist, ob's Austern gab oder nicht, braucht den Gastgebern wahrhaftig nichts gelegen zu sein. Das Diner soll doch auch für die Gastgeber ein Vergnügen sein: wer die Mittel zu dieser Ausgabe nicht ohne großes Kopfzerbrechen hergeben kann, der habe doch den Mut, entweder überhaupt kein Diner, oder aber in der einfachsten Form ein solches zu veranstalten. Durch den Mangel an natürlicher Offenheit macht man sich das Leben auch in gesellschaftlicher Hinsicht unnötig schwer. Weshalb könnte sich nicht folgender hochbedeutsamer Prozeß in folgender befriedigender Weise lösen: Das Ehepaar[275] A. ladet Herrn und Frau B. zum Diner ein. Das Ehepaar B. sagt dankend ab, da es nicht in der Lage ist, »die Diner-Einladung erwidern zu können«. Damit kann die Korrespondenz in dieser Frage beendet sein, man grollt sich nicht, ladet sich zu abendlichen Bratkartoffeln ein oder – noch einfacher – geht zusammen in den Grunewald und unterhält sich hierbei besser und billiger als bei Diners. Wenn aber das Ehepaar A. Herrn und Frau B., auch unter Verzicht auf die gleichwertige Gegenleistung eines Quittungsdiners, gern als Gäste bei ihrem Diner bei sich haben möchte, sollte doch Frau A. einfach der Gevatterin B. noch einmal schreiben und es einfach »als ein Zeichen besonderer Freundschaft oder besonderen Wohlwollens erbitten«, daß Herr und Frau B. trotzdem zum Diner erscheinen. Würde nun das Ehepaar B. thatsächlich gern am Diner teilnehmen, und sagt es trotzdem aus dem ebenso verbreiteten wie thörichten Grunde ab, »weil das doch nicht geht«, so ist das Ehepaar B. eben kleinlich, pedantisch und albern. Hoffentlich aber liest Frau B. diese Zeilen und schreibt umgehend – eventuell erst nach Belehrung durch den noch einsichtsvolleren Gatten – an Frau A.: »p. p.[276] Wir kommen sehr gern usw.« – Zu bedauern sind auch jene Ehepaare – und es giebt deren – die sich als Gäste den Genuß eines opulenten Diners durch den Gedanken beeinträchtigen lassen: »Bei uns hat es nicht soviel gegeben oder wird es nicht soviel geben.« Dabei bewirtet im Verhältnis zu seinen Mitteln gewöhnlich der Aermere den Reicheren besser! Verständige Gesellschaftsmenschen, die über gefunden Freimut verfügen, lassen sich durch solche kleinliche Gedanken nicht im Geringsten stören. Es wird zudem oft behauptet, gerade in Kreisen, in denen Küche und Keller in der Regel raffinirte Genüsse bieten, sei dem verwöhnten Magen hin und wieder ein einfaches Diner besonders willkommen. »Ja, aber nicht zu oft hin und wieder«, wird die Zunft der Schlecker mir vielleicht einwenden. Wer ein einfaches Diner giebt, der verschafft doch möglichen Falles auch diesem oder jenem Gast die freudige Hoffnung, ihn, den Gastgeber, leicht überbieten zu können! Jedenfalls aber begeht er insofern eine sittlich gute That, indem er durch sein mutiges Beispiel Anderen in der Vereinfachung gesellschaftlichen Aufwandes vorangeht.[277]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 268-278.
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