IV.

Vom [8. April] 1821 bis 1827

[100] Da meine Wohnung in dem unmittelbar an die Markuskirche stoßenden Dogenpalaste noch nicht ganz hergestellt war, so wurde mir ein einstweiliges Absteigquartier im Patriarchalseminär Alla Salute bereitet, wo mich das Kapitel empfing. Am folgenden Morgen geschahen die Aufwartungen in corpore. Erst kam der Gouverneur mit allen Räten des Guberniums, dann die Senatspräsidenten des Appellations-, des Kriminal- und des Landrechts (Prima Istanza) mit den ihrigen, der Podestà von Venedig mit den Magistratsräten, die Chef's der Kommerzkammer, der Militärkommandant F.M.L. Marquis Chasteler mit den Offiziers von allen Graden; also mit solchen der Kommandant des Arsenals,[100] Marchese Paolucci, endlich zahlreicher Adel und selbst die Vorsteher der jüd. Gemeinde. Groß war die Neugierde, den neuen Patriarchen zu sehen, da man es sich lange Zeit gar nicht erklären konnte, wie ihnen ein solcher aus Ungarn zukommen sollte? Da ich an jenem Tage von einer besonderen Heiterkeit beseelt fertig italienisch mit allen wie ein längst Bekannter sprach, so war, dem Himmel sei Dank, mein Glück bei ihnen gemacht, und ich fand meine seither beklommene Brust auf einmal erleichtert. – Am folgenden Palmsonntag geschah mein feierlicher Einzug aus der Pfarrkirche San Moisè über den Markusplatz bei einem großen Zulauf des Volkes in die Patriarchalkirche, wo dann meine Installation vor dem gesamten Klerus und im Beisein der höchsten Zivil- und Militärautoritäten erfolgte. Am Ostersonntage hielt ich während des feierlichen Gottesdienstes die erste Predigt in italienischer Sprache an das Volk und sagte unter anderem: »Ein Bischof oder Oberhirte dürfe nirgend als ein Fremder betrachtet werden, denn er müsse mit seiner ihm anvertrauten Herde geistig verwandt und verbunden sein, und so würde auch ich hinfort dem venezianischen Volke mit ganzer Seele angehören und ihr zeitliches und ewiges Wohl zu befördern suchen.«

Ich durchschaute meine Lage ganz und begriff, was mir not tat! Ich kündigte sogleich die kanonische Visitation für sämtliche in der Stadt und am Uferlande gelegenen Pfarren und Kurat-Kirchen an, begann sie am 4-ten Sonntag nach Ostern und setzte sie am darauf folgenden Tage fort; und so geschah es jeden Sonn- und Montag den ganzen Sommer hindurch, da ich die übrigen Tage bei der heißeren Jahreszeit in meiner Villa an der Brenta zubrachte. Diese pflichtgemäße Amtshandlung – in Venedig in solcher Form nie erlebtes! – war für die Sache und für mich von den erfreulichsten Folgen. Von Woche zu Woche war das Zuströmen der Zuhörer aus allen Klassen größer in den Kirchen, wo in meiner Gegenwart der Pfarrer oder einer der Kapläne eine Predigt halten mußte, ich darauf die Messe las, die Firmung erteilte und die Kinder aus dem Christlichen Unterrichte prüfen ließ oder selber prüfte. Endlich wurden die hl. Geräte, z.B. die Kelche, ob innen gut vergoldet, und die Kirchengewänder, so auch die Matrikeln, Tauf-, Sterb- und Trauungsregister und die Stole- und Meßkataloge untersucht, was alles in meinem Zirkularschreiben, welches die kan. Visitation anordnete, vorgeschrieben war. Tag und Nacht wurde vor derselben gearbeitet, um alles zu meiner Ankunft vorzubereiten, deshalb sagte einer meiner Domherrn scherzend nach der Visitation der ersten Pfarrkirche, das ganze sei schon halb gediehen. Bei der 5-ten (Pfarre San Martino) sagte mir jemand vor dem Eintritt in dieselbe, ich würde an jenem Tage[101] eine besondere Freude haben, da ein wohlhabender Krämer fünftausend Lire hergegeben hätte, selbe zu meinem Empfang auszuschmücken. Diese in Italien gewöhnliche Ausschmückung, wo oft die schönsten Marmorsäulen mit rotem geblümtem Damast umzogen und statt der Kapitelle mit goldenen Fransen behangen werden, war zwar nicht nach meinem Geschmack, aber sie diente doch dazu, die Kirche festlicher aussehen zu machen. Und so ging das ganze glücklich weiter fort. Bald hieß es durch ganz Venedig, wenn vom Patriarchen die Rede war: »E Nostro!« Dies wurde zum Teil durch folgendes veranlaßt. Die Venezianer lieben ihre Kinder sehr, und es ist unbeschreiblich, wie sie ihnen auf jede Art schön zu tun wissen. Wenn ich nun in der Kirche durch die lange Reihe der Knaben und Mädchen auf- und abschritt, während einer der Pfarrgeistlichen katechisierte und er gewöhnlich nach geschehener, von mir angegebener Frage meistens größere und solche zu antworten aufrief, von welchen er wußte, daß sie mit Ehre bestehen würden, so fiel ich ihm öfters in die Rede und bezeichnete dazu meistens die Kleinsten, deren feurigglühende Augen mir ihre Begierde und ihr Bewußtsein, antworten zu können, verrieten, und da ich fast jedesmal den Rechten herausfand und ihnen nach erhaltener Antwort die Wangen streichelte und sie laut belobte, so war des Entzückens besonders der Venezianerinnen, die mit ihren kleineren Kindern im Arm sogar auf die Bänke stiegen, um alles genauer sehen zu können, und mir oft weinend und lachend zugleich in ihrem Venezianer Dialekte zuriefen: »Sias tu benedetto da Dio!«, kein Ende.

Auch war meine große Vorliebe für die Meisterwerke der Kunst, besonders für Gemälde, die ich teils in den Kirchen, teils in öffentlichen und privaten Sammlungen und auch bei den Malern und Bildrestauratoren häufig aufsuchte, etwas, was mich mit den Venezianern schnell befreundete. – Nachdem ich auf jene Art die Visitation aller in der Stadt liegenden Pfarrkirchen, deren 30 an der Zahl sind und zu welchen noch 24 Succursali und 16 Oratorien gehören, von welchen viele schöner und größer als die Pfarrkirchen selber, mit einem eigenen Pfarrgeistlichen versehen, zum täglichen Gottesdienste gleich jenen verwendet werden, vollbracht hatte, so fuhr ich in einer vierrudrigen gedeckten Barke, Murano und Burano seitwärts lassend, mit meinem Gefolge nach Tre Ponti, dem ersten Pfarrorte in dem sogenannten Aestuario-(Morast)-Land der Venediger Diözese und nach der dort vollbrachten Visitation nach Caorle (der vormals römischen Stadt Caprulae). Sieben Stunden lang dauerte die Fahrt in einem breiten Kanal zwischen zwei hohen Wänden des grünen Geröhres hin, und nur die eben[102] wiederholt ausbrechenden Gewitter mögen die Ursache gewesen sein, daß mich die Myriaden von Schnacken besonders des Nachts nicht sehr belästigt hatten. Außer der gut gebauten alten Pfarrkirche hat Caorle nur armselige, obgleich stockhohe Häuser aufzuweisen, und den wohlhabenden Apotheker ausgenommen, in dessen Hause ich wohnte, leben die Bewohner desselben in sehr dürftigen Zuständen. Dennoch gab es am Abende nach meiner Ankunft eine Illumination! Aus allen Fenstern leuchteten Öllampen, und mitten auf dem breiten Marktplatz brannte eine große Pyramide, die aus den dürren Zweigen der abgeschnittenen Weinreben und der Bäume aufgeführt war, und um welche hüpfende Knaben und Männer ihr Evviva! emporjauchzten. Ein deutsches Sprichwort sagt: »Ein Schelm, der mehr gibt als das, was er hat.« Ich hatte von Herzen gern mit ihrem guten Willen vorlieb genommen. – Die drei Inselstädte Torcello, Burano und Murano mit ihren Pfarrkirchen wurden später visitiert. Die erstere, vormals eine bedeutende, besteht nur aus wenigen Häusern, ist aber wegen seiner alten Kathedrale, die ganz die frühere Form der Basiliken zeigt, besonders sehenswert; die letztere ist wegen ihrer Glasperlenfabriken merkwürdig. Zwischen Murano und Venedig liegen die zwei Nachbarinseln San Michele mit einer schönen Kirche und den Gebäuden des vormaligen Klosters der Kamaldulenser, unter welchen der verstorbene Kardinal Zurla, und der jetzt regierende Papst Gregor XVI. zu jener Zeit lebten, als ich Venedig im J. 1792 das erste Mal besucht hatte – und San Cristoforo, die jetzt für Begräbnisplätze der Venezianer dient. (Dort hatte ich auf das schöne marmorne Grabmal der in Venedig 1824 verstorbenen edlen Gattin meines vieljährigen Freundes, des jetzigen Hofkammerpräsidenten Baron v. Kübeck, eine kleine Inschrift verfaßt). Zurla war bei meiner Ankunft und noch das ganze Jahr Professor der Moraltheologie im Patr. Seminär Alla Salute und bat um Erlaubnis, die nächste Vakanzzeit in Rom zubringen zu können, von wo er aber nicht wieder zurückkehrte.

Nach vollendeter Visitation sandte ich einen erschöpfenden Bericht über den Zustand der Kirchengebäude, so wie über jenen des Klerus und des Volkes dem Kaiser ein, mit welchem er sehr zufrieden war. Indessen waren die Bestimmungen über die mir versprochene Entschädigung der Übersiedlungskosten, der Erkaufung einer Villa für mich und meiner jährlichen Revenuen erfolgt. Ich erhielt nebst den gewöhnlichen Revenuen des Patriarchats von 20 tausend Gulden, noch 16 tausend mehr ad personam, da mein jährliches Einkommen in der Zipß um diese Summe mehr betragen hatte. Die Villa lag an der Brenta nicht fern von Padua, wo ich bis zum Eintritt des Winters gegen die Hälfte des Monats[103] November, Sonn- und Montage ausgenommen, verweilte, da ich die beiden Tage in Venedig zubringen wollte. Wegen des Ab- und Zufahrens war die Anschaffung ein paar guter Wagenpferde unerläßlich, die mir auch sonst bei Garten- und andrer Arbeiten gute Dienste leisteten.

Schon das erste Jahr meines Wirkens in Venedig war ein erfolgreiches – obschon mit Anstrengung und harten Kämpfen verbunden; doch hievon weiter unten.

Eine meiner ersten Ausflüge von Venedig war nach Chioggia, wo ich vor dreißig Jahren (J. 1792) in dem Hause des guten Felice Padovano so viel Gastfreundschaft und Wohlwollen genoß. Der Alte lebte nicht mehr, wohl aber sein Sohn, dessen Gattin und Tochter, mit der, einem vierjährigen, überaus munterem Kinde, ich mich damals den ganzen Tag über spielend beschäftigte, und die nun selbst eine glückliche Gattin und Mutter von vier schönen Kindern war. Groß war die Freude über meine Ankunft in diesem damals noch so glücklichen Hause. Ach, daß oft das Erdenglück dem schrecklichsten Jammer weichen muß! Zwei Jahre später starb diese schöne, blühende Frau – die ich einst, als meine cara Tonina, oft Stunden lang auf den Knieen wiegte oder mich mit ihr im Garten herumtrieb – vor Schrecken über den unvermutet erfolgten schnellen Tod ihres Gatten, und ihr Vater folgte ihr bald von Gram gebeugt in das Grab nach!

Ende Juni unterbrach ich auf 14 Tage die Kirchenvisitation, und reiste über Verona und Brescia nach Mailand, um auch daselbst dem Erzherzog Vizekönig zum ersten Mal als Patriarch meine Huldigung darzubringen. Während der sechs Tage, die ich dort zubrachte, bestieg ich den höchsten Punkt des Domes, die sogenannte Guglia della Madonna und nahm die meisten Kirchen, die Bildergallerie in der Akademie alla Brera, die eiserne Krone in der Stadt Monza und den nahe anliegenden kais. Park samt dem Schloß in Augenschein. In der Bildergallerie entsprach das erste Originalwerk, das ich von Raphael sah, die Verlobung der hl. Jungfrau vorstellend, als eine Arbeit seiner Jugend meinen Erwartungen nicht. Auf der Rückreise wendete ich mich über Lodi und Piacenza nach Parma, wohin mich die Frau Herzogin, Marie Louise, sehr freundlich eingeladen hatte. Sie kam sogleich von ihrem Lustschloß Colorno nach der Stadt und ließ mich mit einem Hofwagen zum Abendessen abholen, der mir auch den folgenden Tag zur Besichtigung der Merkwürdigkeiten Parmas zu Gebote stand. Wie freudig überraschte mich ihre Huld, als man mir nach ihrem ausdrücklichen Auftrag in einem ihrer Zimmer unter den Porträten ihrer Freunde, wie sie vor mir sagte, nebst jenen aller Erzherzoge auch das meinige in einem Kupferstiche wies! Der hl. Hieronymus von Correggio, den ich in der herzoglichen Gallerie sah, wird mir unvergeßlich bleiben. Nach meinem[104] Urteil ist Raphaels Verklärung das erste, der hl. Hieronymus von Correggio das zweite, und die Assunta von Tizian das dritte Bild der Welt.

Die Rückreise ging über Colorno, Casalmaggiore und Mantua, wo ich die berühmten Frescogemälde von Giulio Romano in einem wenig beachteten Zustande fand.

Meine Lage hatte sich nicht ohne mancherlei Kämpfe und Widerstrebungen gestaltet. Der Kaiser hatte mir während des Mittagessens in Laibach gesagt, ich würde meinen Domherrn in Venedig eine sehr erfreuliche Nachricht bringen und sie mir dadurch schon zum voraus geneigt machen können, nämlich, daß für sie bereits eine bessere Dotation in Hinsicht ihrer jährlichen Einkünfte bestimmt sei. Kaum zwei Monate nach meiner Ankunft daselbst erhalte ich von dem dortigen Gubernium eine Zuschrift, ich möchte alles wohl erwogen einen Vorschlag machen, auf welche Weise jene Dotation ermittelt werden könnte? Ich glaubte, aus einem Traum zu erwachen, und gab dem Gubernium zur Antwort, was ich von dem Kaiser selber vernommen habe, und daß das der Landesstelle besser bekannt sein müßte, was ich als ein jüngst Eingetretener unmöglich wissen könne. Dessenungeachtet erfolgte dieselbe Aufforderung zum zweiten Male. Ich ging mit den Domherrn selber zu Rate, aber keiner wußte mir welchen zu geben. Nur der Kanzleidirektor, später mein Generalvikar, eröffnete mir in Geheim, am besten wäre es, die Einkünfte der Nove Congregazioni dazu zu verwenden. Mit diesem hatte es folgende Bewandtnis. Schon in vorigen Zeiten machten die Gläubigen von neun Pfarreien, eine jede bei der ihren, eine fromme Stiftung zur gemeinschaftlichen Erbauung bei bestimmten monatlichen Andachten, bei den Begräbnissen der Mitglieder und bei gewissen feierlichen Prozessionen, unter welchen eine war, wo der teilnehmende Klerus mit Vortragung der Fahne einer jeden der neun Kongregationen durch jene Kirche, in welcher der Patriarch öffentlichen Gottesdienst hielt, zog und bedachte sie mit ansehnlichen Summen. Diese wurden teils auf Kapitalien, teils in liegenden Gründen auf dem Festland fruchtbringend angelegt und daraus ein namhaftes Einkommen erzielt, welches dann unter den erwählten Gliedern der neun Kongregationen jährlich verteilt wurde. Nach und nach gestalteten sich diese Glieder zu einem Status in Statu, versteht sich clericali, und wurden von dem Volke als der vorzüglichere Teil des Klerus von Venedig angesehen. Sie hatten bei einer jeden Kongregation einen Vorsteher, der Arciprete hieß; hielten öfters Sitzungen, bei welchen die Rechnungen über Einnahme und Ausgabe vorgelegt und zensuriert und die Gelder unter die Glieder verteilt, endlich auch über etwaige Vergehen,[105] welche diese begingen, in Gerichtsform Strafen verhängt wurden, und sollte ein solcher straffälliger Priester selbst ein öffentlicher Lehrer oder Domherr gewesen sein. Alle ihre Verhandlungen wurden vor der Regierung und dem Patriarchen geheim gehalten.

Mein Ratgeber sagte, das Einkommen der Kongregationen werde schlecht verwaltet, und manche unwürdige Glieder seien in selbe aufgenommen worden. Nach sorgfältiger Durchsicht mehrerer den Gegenstand betreffender Akten ließ ich die sogenannten Arcipreti der neun Kongregationen vereint zu mir kommen und eröffnete ihnen offen alles, was ich von selben wußte, mit der Erklärung, daß ich gesonnen sei bei der Landesregierung ihre schlecht verwalteten Revenuen zur besseren Dotation der Domherren, unter welchen mehrere auch aus ihrer Zahl in der Folge als solche beteilt werden würden, in Vorschlag zu bringen.

Nach ein paar Tagen kam der damalige geistliche Gubernialrat und bereits ernannter Bischof von Padua, Modest Farina, sichtbar betroffen zu mir und beschwor mich, mein Vorhaben aufzugeben, da diese Kongregationen in ihrer Verfassung selbst unter der französischen Herrschaft unangetastet blieben, und ich mir durch diesen Schritt sicher gleich im Anfange die Abneigung der Venezianer zuziehen würde. Doch ließ ich deshalb den Gegenstand nicht fallen, und suchte die Kongregationen auf andere Weise für die Diözese nützlich zu machen; denn nachdem ihre Vorsteher nach wiederholten Aufforderungen von mir gar keine Konzessionen, obschon einige Monate darüber verflossen, machen wollten, so arbeitete ich für sie neue Statuten aus, zu deren Annahme sie auch allenfalls auf dem Wege der Regierung verhalten werden sollten. Die Hauptpunkte derselben waren 1-stens: Die Vorsteher der Kongregationen sollten künftig Rettori oder Anziani und nicht Arcipreti genannt werden, welcher Titel in der Ordnung der Hierarchie und mit der Seelsorge verbunden nur von der Anordnung des Bischofs ausgehen muß. 2-tens: dürften künftig zu Mitgliedern derselben nur solche, die als Pfarrer oder Hilfspriester dem Amte der Seelsorge obliegen, gewählt und das jährliche Einkommen zu einer besseren Dotation dieser verwendet werden. 3-tens: Wegen besserer Gebarung des Fondes und der zweckmäßigen Verteilung der Renten müßten ihre jährlichen Rechnungsausweise am Schlusse des Jahres von den betreffenden Dekanen mitunterfertigt werden. Ich hatte nämlich in den sechs Sestieri's oder Kreisen, in welche die Stadt geteilt ist, eben so viele Dekane ernannt und jedem derselben eine entsprechende Zahl von Pfarrern zugewiesen, an welche auch jene allein alle oberhirtlichen Dispositionen herabgelangten. 4-tens: Sie dürften künftig keine solchen Sitzungen mehr halten, bei welchen, wie bisher, wegen Vergehungen Strafurteile verhängt würden, indem solche Sittengerichte über den ganzen Klerus nur dem oberhirtlichen Amte zustehen. Indessen[106] sollen 5-tens die ersten Tage jeden Monats in der Wohnung des betreffenden Dekans Sitzungen andrer Art, nämlich solche, die zu Pastoralkonferenzen bestimmt würden, gehalten werden, und an diesen nicht nur sie, sondern der ganze Kuratklerus Venedigs Teil nehmen. Hiezu wurde die Einrichtung getroffen, daß drei Wochen vor jeder Sitzung aus einigen Gegenständen der Theologie, Dogmatik, Moral, Pastoral- und Ritual-Fällen von der Patriarchalkurie drei Fragen schriftlich an die Dekane zur gemeinsamen Bekanntmachung herabgegeben wurden, auf welche dann die Versammelten ihre Antworten entweder mündlich geben oder die schriftlichen laut herablesen konnten. Ich wohnte diesen Versammlungen bald an diesem, bald an jenem Orte bei, und der Beifall, den jene, die sich auszeichneten, allüberall erhielten, machte, daß das Interesse daran von Monat zu Monat zunahm, und die Nützlichkeit derselben allgemein anerkannt wurde. Auch beschloß ich, die Statuten drucken und unter sie verteilen zu lassen. Doch ehe das ganze so weit gedieh, mußte noch der letzte entscheidende Schritt geschehen. Als ich nämlich die Vorsteher der Kongregationen wegen Vorlesung und Übernahme der Statuten zu einer endlichen Sitzung zu mir beschied, und sie noch immer durch allerlei Einwendungen selbe hintanzuhalten suchten, da entbrannte ich vor Zorn, erklärte ihnen, daß ich in allem, was mein oberhirtliches Amt berühre, nicht haarbreit weichen würde und entließ sie mit den Worten, daß sie am folgenden Morgen einen schriftlichen Bescheid von mir zu erwarten hätten. Es stand in ein paar Tagen in der Kirche Alla Salute eine Feierlichkeit bevor, bei welcher ich fungierte, und die besagten neun Kongregationen während des Gottesdienstes mit ihren Fahnen durch jene ihren Durchzug halten sollten. Allein am vorhergehenden Tage erließ ich ein Dekret an sie, laut welchem wegen der mir bewiesenen Widersetzlichkeit sie jenen Umgang, der ohnedies nur ein leeres, die Andacht anderer störendes Gepränge wäre, in meiner Gegenwart nicht mehr halten dürften, und für sie die Kirchentüren verschlossen sein würden. Dies wirkte wie in unvermuteter Donnerschlag, der plötzlich aus den scheinbar harmlosen Wolken herabfährt. Bald nach der Mittagsstunde kamen ein paar der angesehensten Vorsteher von den Kongregationen abgesendet zu mir und erklärten im Namen aller, daß sie sich mit vollkommener Bereitwilligkeit meinen Verfügungen unterziehen und nach einem gemeinschaftlich gefaßten Beschluß obgedachte Statuten auf eigene Kosten würden drucken lassen. Nur möge ich jenes Dekret zurückbehalten, da das Ansehen der Kongregationen durch eine solche Maßregel bei dem Volke sehr herabsinken müßte. Der Friede war geschlossen, und die Verfügung hat sich durch ihre Nützlichkeit bewährt.

Nicht mit geringen Schwierigkeiten war eine andere Aufgabe durchzuführen, die in ihren Folgen noch nachhaltiger geworden[107] ist, nämlich die Einführung der Predigten bei dem Früh- und späteren Gottesdienst in den Pfarr- und Kuratkirchen. Früher war in Venedig, wie vielleicht an anderen Orten Italiens, außer der in der Fastenzeit (Quaresima) gehaltenen Predigten und zu welchen in den Städten aus allen Teilen der Halbinsel die renomierten Prediger wie die Opernsänger gegen Entgelt berufen werden und außer solchen, die bei den festlichen Novenen täglich abends üblich sind, waren an Sonn- und Festtagen keine anderen pfarrgottesdienstlichen Predigten zu hören, so daß in der Hinsicht besonders die unteren Volksklassen ohne weiterer Belehrung blieben. Nur bei der sogenannten Dottrina christiana, Christenlehre, welche bald nach der Mittagsstunde in den Kirchen gehalten wird, und wo größtenteils nur die Jugend anwesend ist, pflegten die Katecheten in den Reihen auf- und abgehend einige erläuternde Vorträge zu halten. Ich beschloß daher, die Predigten, wie sie in den übrigen österreichischen Provinzen und in jenen des ganzen kath. Deutschlands bestehen, nämlich um 6 Uhr morgens und später um 9 oder 10 Uhr bei dem Pfarrgottesdienst einzuführen und behufs dessen die sonn- und festtäglichen Evangelien- und Epistel-Abschnitte in einem Bändchen zum Gebrauche der Prediger drucken zu lassen. Die Dekane erhielten den Auftrag, diese Anordnung dem Kuratklerus bekannt zu machen, und nun hat, was kaum zu vermuten stand, ein lange dauerndes Widerstreben von seiner Seite begonnen. Erst jene, dann die Pfarrer, einzeln oder mit mehreren vereint, kamen mit ihren mündlichen und schriftlichen Vorstellungen, mich von dem Vorhaben abzubringen. Wiederholt erklärte ich ihnen, daß die Predigt einen wesentlichen Teil des Gottesdienstes ausmachen müsse, daß sie überall von anerkanntem Nutzen sich erwiesen und besonders in Venedig für die Gondolieri, Dienstboten und die Menschen aus der mittleren Volksklasse als Unterricht in der Religion verabsäumt worden seien. Der jedesmalige Refrain auf alle diese Vorstellungen lautete immer, dies sei nun einmal dort nie Sitte gewesen, den ich aber jedesmal gehörig zurückwies. Der Druck des besagten Evangelienbuches war bereits nach der Übersetzung des Martini, Bischofs von Florenz, begonnen; da kam einer und sagte mir, die hl. Schrift ohne erklärende Anmerkungen gedruckt, würde als verboten in den Index prohib. libr. zu stehen kommen. Ich beschied sogleich zwei Professoren der Theologie aus dem Patriarchal-Seminär zu mir und trug ihnen auf, die von mir mit Rötel bezeichneten dogmatischen Anmerkungen de Martinis unter den Text einzuschalten. Dies geschah während der Faschingszeit. Als am Ende derselben die beiden Professoren mit dem ergänzten Manuskripte zu mir kamen, sagten sie lachend: »Sua Eccelenza ci ha fatto un bel Carnovale!« –

Endlich nach anderthalbjährigem Eifern kam der bezeichnete[108] Sonntag, an welchem in allen Kuratkirchen das Halten der Predigten beginnen sollte. Nur ein Pfarrer, jener von San Silvestro, gedachte noch Widerstand zu leisten; als ich ihm aber mit der Suspension drohte, da fügte er sich und wurde in der Folge einer der eifrigsten Prediger, wofür er mir öfters dankte. Das Volk war über diese neue Ordnung des Gottesdienstes allgemein erfreut, und sein aus der Fremde gekommener Patriarch rückte ihm immer näher.

In dem Patriarchalseminär, wo neben der theologischen Klasse auch ein Konvikt für etwa 120 Zöglinge, die im selben Unterricht in den Gymnasialgegenständen, Grammatik und die Humaniora, erhielten, bestand, wurde auch manches in Hinsicht der Studien und der Vorträge vorgekehrt und die Disziplin gehandhabt. Die außer den Theologen größtenteils dem Zivilstand bestimmten Knaben und Jünglinge durften nicht mehr in geistlichen Kleidern, die sie zu Hause trugen, öffentlich erscheinen, sondern mußten weltliche Kleider von schwarzer Farbe tragen, und dies zwar nach einem bestimmten Schnitte. Der größte Teil der Eltern war mit dieser Anordnung sehr zufrieden.

Noch eine sehr wichtige Verfügung für Venedig, doch anderer Art, war ich so glücklich, schon im ersten Jahre meiner dortigen Stellung zu veranlassen. Der Kaiser hatte mich in den Stand gesetzt, ein, wie man zu sagen pflegt, schönes Haus zu führen. Ich erhielt 16.000 F. Zulage (da mein Einkommen in der Zipß 36.000 F. betrug) aus der Staatskasse jährlich. Jahr aus Jahr ein waren bei mir einige Gäste, Militär, Beamte, Geistliche, Künstler und oft auch durchreisende Fremde, besonders Gelehrte, zum Mittagstische geladen, an welcher auch ein Domherr A+ + + und meine Hausgeistlichen, drei an der Zahl, teilnahmen. Gegen Ende November von meiner Villa heimgekommen, wo gewöhnlich das Heizen der Öfen begann, äußerte ich bei solcher Gelegenheit öfters, welch eine Barbarei es von Seiten der französischen Regierung gewesen sei, die verschiedenen Ämter der Justiz, als das Appellations-, Kriminal- und Landrechts-Departement mit all ihren Beamten und Amtsdienern in die herrlichen Säle des Palazzo Ducale, wo sich in allen die Meisterwerke der größten Maler vorfinden, einzuführen, denn es sei für diese nicht nur der Kerzen- und Lampendampf nachteilig, sondern es drohe diesem merkwürdigen Palast voll der reichsten Kunstschätze die gänzliche Zerstörung durch Feuersgefahr, da man in alle Lokalitäten desselben Öfen setzte, aus welchen der Rauch nur dadurch abgeführt werden könne, daß man ihn die Wände durchbohrend in eisernen Röhren von außen aufwärts steigen lasse. Bekanntlich wurden diese Räume zur Zeit der Republik nie geheizt. Nachts elf Uhr[109] desselben Tages, als ich dieses sprach, ertönt von dem Wachtschiff im Hafen ein Kanonenschuß, die große Glocke im Markusturm wird angeschlagen; ich sehe an dem ausgesteckten Zeichen, daß die Gefahr ganz nahe sein müsse; ergriff Mantel und Hut und eilte durch die Sala dei Banchetti, an welche meine Wohnung stieß, auf den Platz hinabzukommen. Auf der Treppe kam mir schon mein Domherr fast atemlos entgegen und rief: Ecco, was ich befürchtet hätte, geschieht – in der unteren Abteilung, wo sich die Ämter der Prima Istanza (Landrecht) gerade unter dem großen Bibliothekssaal (einst die Sala del Maggior Consiglio) befinden, sei Feuer ausgebrochen. Später ergab sich's, daß ein Beamter beim Weggehen das Licht ausblies und den Leuchter in einen Kasten stellte, wo dann der glimmende Docht durch das Zuschlagen der Türe sich wieder entzündete. Auf die Piazetta hinabgekommen hörte ich oben die Fenster im Gang der Colonette einschlagen und nach Wasser! Wasser! rufen. Ich schrie dasselbe eifrig nach, munterte die haufenweis versammelte Menge zur Hilfeleistung auf, lief bald da, bald dort durch sie hin und kam einigemal dem Rande des Quais so nahe, daß mich der Domherr bei dem Mantel faßte, um mich der Gefahr des Hinabstürzens in die Lagune zu entreißen. Es war, als ob alle Anwesenden den Kopf verloren hätten; man hörte wohl wehklagen und auch Tadelworte aussprechen, aber niemand wollte Hand anlegen, Hilfe zu schaffen, obgleich oben das Rufen nach Wasser! Wasser! fortdauerte. Endlich eilte der Oberste des dort garnisonierenden Inf. Regiments mit ein paar Kompagnien Soldaten herbei und stellte sie auf der Piazetta auf. Ich bat ihn wiederholt, er möchte sie zum Löschen verwenden lasse. Auf seine Äußerung, daß das Militär bei Zivilgebäuden beim Löschen nicht Hand anlegen dürfe, nahm ich die Verantwortung auch mich, und so ließ er von den Soldaten die Gewehre und die Patronentaschen unter den Arkaden in Sicherheit bringen und sie von dem Palazzo bis zur nahen Lagune in eine Reihe stellen. Mit den herbeigeschafften Geschirren wurde aus dieser Wasser geschöpft, das aus einer Hand in die andere gegeben, über eine Leiter, die bis an die Colonette reichte, an die betreffende Stelle gelangte. Erst nach einer halben Stunde kam ein Offizier aus dem Arsenal mit ein paar Feuerspritzen und mehreren Soldaten an. Ich beschuldigte ihn, aufgeregt wie ich war, der Saumseligkeit, und da er mich in der Dunkelheit nicht gleich erkannte, so fuhr er ziemlich derb auf mich los; doch erschrak er, als ich meinen Mantel öffnete und ihm meinen Namen nannte, und wälzte die Schuld von sich ab. Um ein Uhr nach Mitternacht war das[110] Feuer gelöscht und die schrecklich drohende Gefahr beseitigt. Der Boden des großen Bibliotheksaals, unter welchem es aus den aufgehäuften Amtspapieren aufloderte, war schon so erhitzt, daß die Arbeiter Mühe hatten, sich auf demselben zu erhalten; denn der besorgte Bibliothekar, Abate Bettio, suchte durch sie wichtige Druck- und Handschriften in Sicherheit zu bringen, und bekanntlich bestehen in Venedig derlei Fußböden aus Balken und quer darauf gelegten Brettern, auf welche dann die sogenannten Terazzi (ein Gemenge von Kies, Sand, Marmorstaub, Kalk und Öl) festgeschlagen und zierlich politiert werden. – Ganz erfüllt von dem Schrecken der vergangenen Nacht machte ich am folgenden Morgen darüber dem Kaiser einen langen Bericht und bat ihn, daß er die Staatsämter wegen der unvermeidlichen Heizung im Winter aus dem Palazzo Ducale entfernen und ihn vor solcher Gefahr für immer schützen wolle. Ich schlug zugleich für jene die vorhandenen Lokalitäten vor, nämlich für die Appellation-, Landrecht- und Religionsfond-Ämter die sogenannten Fabbriche in der Nähe der Rialto-Brücke, die schon zur Zeit der Republik zu öffentlichen Ämtern gedient hatten, in neuerer Zeit aber, an zahllose Parteien zu Zinswohnungen stückweise vermietet, der gänzlichen Zerstörung immer näher gebracht wurden; für das Kriminalgericht wies ich ein hinter den berühmten Prigioni (Gefängnisse) liegendes, dem Staate gehöriges Haus an. Ich führte ihm besonders zu Gemüte, welch ein unersetzlicher Verlust die Vernichtung dieses herrlichen Palastes voll Meisterwerke aus früheren Jahrhunderten durch Feuer wäre; wie man durch ganz Europa ein Geschrei gegen die österreichische Regierung erheben würde, selbe nicht durch frühere Maßregeln verhindert zu haben, und bat vor allem um eine baldige Entscheidung, da die gefahrdrohende Winterszeit herannahe, und vorerst schon während diesem keine Öfen mehr im Palazzo Ducale geheizt werden sollten.

Ich hielt den getanenen Schritt vor aller Welt geheim, weil ich voraussah, daß viele damit wegen der Entfernung von dem geliebten Markusplatz und Wohnungsveränderungen nicht zufrieden sein würden. Doch was erfolgte? Nach ein paar Wochen kam ein scharfer Befehl von dem Kaiser an das Gubernium, daß in Folge der letzten Feuergefahr sogleich alle Öfen aus dem Palazzo Ducale geschafft werden sollten, daß obgesagte Ämter aus demselben entfernt in den Ärarialgebäuden der Fabbriche Platz fänden, und deswegen in kürzester Zeit Bauüberschläge gemacht und alle Vorbereitungen zur schleunigsten Ausführung getroffen werden müßten, die Allerhöchste Genehmigung würde ohne Verzug erfolgen. Und so geschah's. Schon im nächstfolgenden Jahre war das Appellationsgericht am Rialto untergebracht, und ein Jahr später folgten die anderen, zuletzt wurde dort die Domänenadministration und hinter den Gefängnissen das Kriminalgericht[111] mit dem gehörigen Lokale versehen. Nur die Börsenhalle verblieb in den unteren Räumen des Palazzo Ducale, wo keine Heizung nötig war.

Daß ich dies alles veranlaßte, blieb noch immer dem Publikum verborgen, bis es endlich der Kaiser selber scherzend verriet, als im folgenden Jahre nach dem beendigten Kongreß von Verona der Kaiser Alexander nebst einigen anderen Landesfürsten in Venedig zum Besuch erwartet, und ihnen ein feierlicher Empfang bereitet wurde. Zu Fusina am Ufer der Lagune erwartete der Kaiser in einem eilig errichteten Pavillon, von mehreren Adeligen und den höchsten Autoritäten Venedigs umgeben, von der Nachtstation Strà, dem herrlichen Lustschlosse, seinen Gast, K. Alexander, und unterhielt sich abwechselnd mit den Anwesenden. Plötzlich kam er auf mich zu, der ich mich dort mit einigen Herrn besprach, und fragte, von was unter uns die Rede sei? »Vom Palazzo Ducale« – war die Antwort. »Wissen Sie«, sagte er zu diesen, »wem Sie es zu verdanken haben, daß er von nun an vor Feuersgefahr sicher sein wird? Dem da« – indem er mit dem Zeigefinger auf mich wies – »der hat mir weiter keinen scharfen Brief geschrieben!« (»M'ha scritto una lettera forte!«) – Dann hieß es wohl öfter: Man hätte sich's ohnehin gedacht! – Abate Bettio schrieb einige lateinische Distichen auf den Retter des Markuspalastes, die sich unter seinen Schriften vorfinden müssen.


J. 1822.

Nach einem überaus milden Winter, während welchem ich obbesagte Diözesan-Angelegenheiten zur Reife brachte, unternahm ich im nächsten Frühjahr in Gesellschaft des Arciprete Lorenzo Crico, später Domherrn von Treviso, eine kleine Reise durch die Provinz nach Bassano und Possagno, um dort den Bau von Canova's Tempel und was links und rechts am Wege von Kunstsachen zu sehen war, in Augenschein zu nehmen. Über Canova's Tempel und Museum werde ich später Gelegenheit haben, zu sprechen. L. Crico gab dann über diese Fahrt sein Werkchen »Viagetto pittorico« heraus.

Gegen Ende Juni machte ich mich auf, über Valsugana, Trient und Innsbruck in die Bäder von Gastein zu reisen. Als ich hinter Trient nach mehr als anderthalb Jahren wieder in das erste deutsche Dorf kam, ringsum wieder Berge und Tannen und Wildbäche wie in Österreichs Gebirgen ersah, und insbesondere jetzt das erste Mal das teure Land meiner Voreltern betrat, da wurde es in mir rege; es sang und klang alles um mich her, und ich fühlte mich so überselig, daß ich jeden Baum am Wege in der Freude meines Herzens hätte umfassen mögen. So konnte es nicht lange bleiben. Ich ahnte es, ein bedeutender Augenblick meines Lebens sei nun wieder gekommen. Ich suchte in meiner Rocktasche nach[112] einem reinen Blatt Papier, ergriff das Reisblei und entwarf den Plan zu einem neuen Epos – zu »Rudolph von Habsburg«, zu welchem ich schon vor einiger Zeit die nötigen historischen Notizen gesammelt und laut meiner obigen Äußerung (S. 97) bereits das ganze Werk im Geiste entworfen hatte. Nach etwa fünf Tagen, an jenem meiner Ankunft im Wildbad, war ich mit dem 1-sten Gesange fertig; der 2-te ward daselbst niedergeschrieben; der 3-te kam auf der Rückreise bis Wien und der 4-te von dort bis Venedig zu Stande. Ich dachte mir, zwei folgende solche Jahre und Reisen – und ich bin am Ziele! –

Doch bald nach meiner Heimkunft fuhr ich am Schlusse des Kongresses zu dem Kaiser nach Verona, wo er sich noch mit den übrigen Monarchen befand. Im Vorsaal kam ich mit dem französischen Gesandten und seinem Begleiter, dem berühmten Chateaubriand, zusammen. Dieser war sehr einsilbig und machte durch sein Äußeres wenig Eindruck; mich freute übrigens, ihn gesehen und gesprochen zu haben, da er mir durch seine Schriften schon lange wert geworden war.

Der freundliche Empfang, der mir am Abend desselben Tages bei dem Kaiser ward, erfreute mich umso mehr, da ich ihm eine Angelegenheit von ganz besonderer Art vorzutragen hatte. Gegenüber meiner Villa am rechten Ufer des Brenta-Kanals, an welchem die berühmten Villegiaturen des vormaligen venezianischen Adels lagen und der Padua mit der Lagune verbindet, lebte damals der beinahe siebzigjährige Marchese Manfredini, vormals österreichischer, im letzten Türkenkriege öfters mit Ruhm genannter General, Inhaber eines k.k. Inf. Regiments, Maria-Theresia-Ordens-Ritter, Großkreuz des österr. Leopold-Ordens und k.k. wirkl. Geheimer Rat. Am toskanischen Hofe war er früher Erzieher der Erzherzoge Franz (nachmals Kaiser), Ferdinand, Karl und Johann und später Minister des Großherzogs Ferdinand. Daß er diesen vermochte, in dem Kriege gegen die französische Republik der erste zu sein, der sein Land für neutral erklärte, zog ihm den Unwillen der übrigen koalierten Fürsten zu, in Folge dessen er dann auf einige Zeit nach Sizilien in das Exil wandern mußte, was sein Gemüt für immer mit einem tiefen Unwillen erfüllte. Zurückgekehrt lebte er im Privatstande auf seinen Besitzungen in der Provinz von Padua. –

Zur Zeit, als der Kaiser Napoleon mit seinem Heere gegen Wien vorrückend das bekannte Manifest erließ: »Les Princes de Lorrain ont cessé de regner« etc., berief er durch eine Estafette den Marchese Manfredini nach Wien, um sich mit ihm wegen der Teilung der österreichischen Monarchie besonders in Hinsicht Ungarns zu besprechen. Er sprach sich abratend ganz kurz aus und kehrte in größter Eile wieder heim. Dort – dies habe ich alles aus seinem Munde – machte er den nicht genug erwogenen Schritt,[113] dem Kaiser Franz Dienst, Rang, Orden und Titeln heimzusagen, damit er in voller Unabhängigkeit sich weder undankbar gegen ihn, noch ungehorsam gegen den K. Napoleon, der ihn zum Senator bei der ital. Regierung zu ernennen gedachte, erweisen möge. – Es ist leicht zu erachten, welch unangenehmen Eindruck dieser Schritt seines vormaligen Erziehers auf den Kaiser Franz machen mußte und zu welch verschiedenen Vermutungen er über dessen Ursache allenthalben die Veranlassung gab. Die meisten glaubten, daß er dadurch bei dem K. Napoleon eine höhere Stellung zu erlangen gesucht habe, was er vor mir wiederholt feierlich in Abrede stellte. Als nun im J. 1816 nach Wiedererlangung des lombardo-venezianischen Königreiches der Erzherzog Johann abgesendet wurde, die Huldigung der venezianischen Provinzen im Namen des Kaisers in Venedig entgegenzunehmen, und Manfredini sich unüberlegterweise den Deputierten der Provinz Padua als Landbesitzer beigesellen wollte, so fand es der Erzherzog nötig, ihn davon auszuschließen – ohne Zweifel infolge des obbesagten Schrittes. Dies tat ihm besonders wehe, da er dadurch in der Meinung des Publikums, bei welchem er wegen seiner vielen Verdienste und guter Eigenschaften in hoher Achtung stand, verlieren mußte. Umso mehr zog er sich immer mehr zurück und kam nie wieder nach Venedig.

Kaum hatte ich mich nach der vollendeten kan. Visitation auf meine Villa an der Brenta begeben, so kam Manfredini auf Besuch zu mir herüber. Ein Mann von seinen ausgebreiteten Kenntnissen, seiner Welt und Menschenkenntnis, seiner einstigen hohen Stellung, in welcher er mit den meisten Monarchen Europas und mit den ausgezeichnetesten, in jedem Fach eminenten Männern seiner Zeit in Briefwechsel stand, und von so heiterem Humor wie er mußte eine reiche Quelle der interessantesten Unterhaltungen darbieten. Wir hatten uns wechselseitig recht bald liebgewonnen; wieder ein Beweis, daß mir der Umgang mit ausgezeichneten Militärs besonders zusagte. Seitdem kam er öfters zu mir her – ich zu ihm auf seine herrlich ausgestattete Villa hinüber meistens zum Mittagessen, wobei uns häufig Abate Moschini, Professor im Patriarchalseminär in Venedig und später Domherr von San Marco, ein gebildeter, jovialer, von dem ganzen alten venezianischen Adel hochgeschätzter Mann, eigens geladen Gesellschaft leisten mußte. Abate Moschini war Herausgeber einiger Jahrgänge des Wegweisers zu den Kunstgegenständen Venedigs, und da Manfredini selber eine auserlesene Sammlung von Gemälden aus allen Schulen Italiens und eine noch auserlesenere von Kunststichen besaß, so gab auch dies alles einen unerschöpflichen Stoff zu unsern gemeinschaftlichen Besprechungen.

Als Manfredini erfuhr, daß ich mich zu dem Kaiser nach Verona begeben wolle, so kam er zu mir und schüttete einen[114] Wunsch seines Herzens vor mir aus. Keineswegs – sagte er – könne es ihm beifallen zu erwarten, daß ihm der Kaiser seine vorigen Titeln und Ehrenzeichen zurückstellen werde; aber er wünsche, im Bewußtsein der Gnade seines guten Herrn zu sterben, und würde es als ein Zeichen derselben ansehen, wenn ihm der Kaiser – etwa sein Portrait in Brillianten gefaßt übersenden möchte, damit er es öffentlich auf der Brust tragen könnte. – Nachdem ich dem Kaiser in der Abendaudienz in Verona, die er mir bestimmte, um, wie er sagte, länger mit mir sprechen zu können, über Amtsgegenstände referiert hatte, brachte ich ihm die ehrfurchtsvollen Empfehlungen Manfredinis vor; sagte ihm, in welcher nahen Berührung ich öfters mit ihm lebe und bemerkte, daß ich bei einer solchen Gelegenheit unter seinen vielen wichtigen Briefen einen durch weiland Kaiser Joseph II. an ihn als seinen damaligen Erzieher geschriebenen gelesen hätte, den ich etwa nach Manfredinis Ableben nicht gerne in jedermanns Händen sehen möchte und darum hoffe, daß er ihn auf mein Zureden Sr Majestät durch mich werde zusenden lassen. Der Kaiser sagte, ich soll es versuchen – im Fall er es aber nicht zu tun gedächte, so möge er ihn behalten!

Nach einer kurzen Pause trug ich ihm den Wunsch Manfredinis in Hinsicht der Auszeichnung vor, worauf er aber ganz rasch antwortete, das könne nicht geschehen! Fast wehmütig fuhr ich fort, er habe ja auch dem Fürsten Auersberg (der im J. 1805 den Franzosen die Donaubrücke bei Wien übergab) und dem General Mack, welche beide durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilt wurden, Verzeihung angedeihen lassen. »Ja, sehen Sie«, sagte er, »die beiden haben Fehler begangen und für diese haben sie Verzeihung erhalten können; aber Manfredini war in nichts beschuldigt, und so kann auch von keiner Verzeihung die Rede sein. Er hat alles, was er an Rang, Titeln und Ehrenzeichen von mir erhielt, zurückgestellt – ich kann ihm nichts weiter geben. Übrigens«, setzte er mit großer Wärme hinzu, »schätze ich ihn hoch, denn ich habe ihm viel – ja, alles – die guten Grundsätze, die ich habe, zu verdanken«. – Der Mensch macht sich oft Illusionen! Ich hatte, obgleich in harmloser Absicht, vor der Darlegung der Manfredinischen Bitte des Briefes von Kaiser Joseph II. Erwähnung getan und hoffte, daß das Darauffolgende leichteren Eingang finden würde, allein der Kaiser stand mit seinem geraden Sinn immer auf einem Isolierschemel, auf welchem ihm nicht leicht beizukommen war!

Übrigens habe ich bei meiner Heimkunft den besagten Brief aus den Händen Manfredinis sogleich erhalten und ihn dem Kaiser noch nach Verona zugesendet. Höchst angenehm war es dann für mich das Lob, welches der Kaiser ihm spendete, allenthalben bekannt zu machen, wodurch er wieder in der Achtung des[115] Publikums mehr gewann, als er im J. 1816 als seinwollender Deputierter verloren hatte. – Auch empfing ihn der Kaiser in einer angesuchten Privataudienz später in dem kaiserlichen Lustschloß Strà auf das freundlichste, setzte sich mit ihm auf ein Kanapee nieder und sprach über eine Stunde mit ihm – meistens von seinen Kindern, von welchen er mit ihm, seinem gewesenen Erzieher, am füglichsten sprechen konnte. Als aber Manfredini zitternd und mit Tränen in den Augen über den einstigen unseligen Schritt einige Entschuldigungen vorbringen wollte, da stand er auf, ergriff mit den Worten seine Hand: »Lassen wir das gut sein – jene Zeiten sind vorüber!« – und führte ihn so an der Hand bis in den Vorsaal hinaus, wo er ihn im Angesicht der dort Anwesenden auf das gnädigste entließ. Ich führe dies alles an, weil es, glaube ich, zur Charakteristik des guten Kaisers Franz gehört. In Verona verweilte ich nur ein paar Tage und merkte auf der Rückreise sogleich, daß die Zeit der Weihe noch nicht vorüber war; ich griff daher wieder zu meinen Schreibrequisiten, und der 5-te Gesang war in unglaublich kurzer Zeit, nämlich von Verona bis Padua, vollendet. So ging es dann auf meiner Villa an der Brenta bis gegen Ende November und in Venedig den Winter über in den Abendstunden fort, und mir waren im Beginn des Frühjahrs nur noch zwei Gesänge zu vollenden übrig.


J. 1823. (Dies schrieb ich Ende August 1846 in Karlsbad!) Am zweiten Osterfeste des J. 1823 brach ich in Gesellschaft des gelehrten jungen Abate Ant. Rosmini von Rovereto, der sich später durch mehrere Druckschriften theologischen und philosophischen Inhalts ausgezeichnet hatte, nach Rom auf. Die Reise dauerte fünf Tage über Ferrara, Bologna, Senigállia, Ancona, Loretto, Tolentino und Foligno, und jener konnte sich nicht genug verwundern, daß ich links und rechts an der Straße alles während der Fahrt beobachtete, darüber sprach, dann wieder fortschrieb und kurz vor den Toren der Weltstadt Rom den 11-ten Gesang meines »Rudolphs von Habsburg« zu Ende brachte; der 12-te und letzte kam auf der Rückreise zu Stande. – Den dritten Tag nach meiner Ankunft führte mich der k.k. Botschafter, Graf Apponyi, bei Seiner Heiligkeit Pius VII., dann bei dem Staatssekretär Kardinal Consalvi und bei dem Dekan des Kard.-Kollegiums, Grafen Somaglia, feierlich auf. Bei noch anderen zweiunddreißig Kardinälen machte ich die Visiten im Verlauf von zwei Tagen, um in denen mir noch übrigen zweiundzwanzig Tagen alle Merkwürdigkeiten Roms gehörig besehen zu können. Nur zwei Kardinäle nebst den beiden erstgenannten, den Gran Penitenziere Grafen Castiglioni, nachmaligen Papst Pius VIII, und[116] den Fürst Odescalchi, habe ich noch ein paar Mal besucht. Den ersten Morgen nach meiner Ankunft ging ich zuerst zu unserem Botschafter und von ihm sogleich in die Peterskirche. Nur wenige Dinge hatten bisher meine Vorstellungen von ihnen übertroffen – diese Kirche aber vor allen. Ich habe sie siebenmal besucht und zwar zu verschiedenen Stunden des Tages, selbst in jener, als sie vor einbrechender Nacht geschlossen ward, sah das Colosseum wiederholt bei Tageslicht und im Mondschein und Maria Rotonda, das vormalige Pantheon, öfter; aber was sind diese weltberühmten Gebäude gegen die Peterskirche gehalten! Nur die Befangenheit kann zu einem anderen Urteile führen. Ich stand auf der höchsten ersteigbaren Höhe der Peterskirche, zeichnete dort, weil man es verlangte, meinen Namen in das Fremdenbuch ein und durchwanderte außer der Stadt die unterirdischen Räume der Katakomben. Den Vatikan mit seinen Kunstschätzen besuchte ich viermal. Ich will die vielen Beschreibungen der Merkwürdigkeiten Roms nicht durch die meinige vermehren; aber über einen Gegenstand will ich mich hier äußern – über die berühmte Verklärung Raphaels. Man sagt, diesem Meisterwerke fehle die Einheit in der Komposition – es enthalte deren zwei. Aber nachdem ich es einige Zeit schweigend betrachtet hatte, dachte ich mir, wie konnte man dem Raphael im Kulminationspunkte seiner Künstlergröße einen solchen Mißgriff zumuten? Der Heiland wird auf dem Berge Tabor vor dreien seiner Schüler verklärt; Moses und Helias schweben ihm zur Seite; in gehöriger Entfernung knieen ein paar anbetende Leviten – sein hohes, königliches Priestertum andeutend. An sich ein unfruchtbarer Gegenstand auch für den ersten aller Maler, wenn nicht ein anderer damit in Verbindung gebracht werden konnte. Am Fuße des Berges sind die übrigen Aposteln beschäftigt, einen besessenen Jüngling, für welchen Vater und Schwester dringend um Hilfe flehen, zu heilen; aber so eifrig auch einer und der andre selbst in den heiligen Urkunden nach einem Heilmittel zu forschen scheint, so hat doch nur jener aus ihnen den rechten Punkt erfaßt, der da mit seiner erhobenen Hand nach dem Berge hinaufdeutet – und die Einheit in der Konzeption des Künstlers wird uns klar, denn er sagt: Jener dort, der im Strahl der Gottheit sich enthüllt, ist der alleinige Helfer – er hat Macht auch über die Geisterwelt – seine Verklärung offenbart den Sieg über jene des Satans. Nunc judicium est mundi, nunc Princeps hujus mundi ejicietur foras. Joan. XII. Cap., 31. V. Wahrlich, der höchste, erhabenste Gegenstand für ein Gemälde, den nur der himmlische Genius eines Raphael erfassen konnte. Diese Idee hat C. Zurla zu einem Aufsatz benützt.[117]

Bei meinen täglichen Ausflügen hatte ich gewöhnlich A. Weissenburg, einen Architekten aus Norddeutschland, der einige Aufsätze über meine Werke in Oken's Isis einrücken ließ, und den 73jährigen berühmten Dichter Friedrich oder Maler-Müller, der durch seinen Faust und Genoveva sowohl Goethe als Tieck das Vorbild gab, zu Begleitern. Müllern erging's, wie mehreren deutschen Künstlern – sie kommen in jüngeren Jahren der Studien wegen nach Rom, können sich von ihr nicht mehr trennen und beschließen ihr Leben daselbst. Auch der nachmalige Kardinal Zurla zur Zeit, als ich nach Venedig kam, noch Prof. der Theologie im Patr. Seminär daselbst, war dabei häufig an meiner Seite. In dem Kamaldulenser-Kloster S. Gregorio, wo Mauro Capellari (Papst Gregor XVI.) der erste und Zurla der zweite Abt war, besuchte ich jenen einige Mal, und er hat mir sein Wohlwollen bis zu seinem Tode bewahrt – eine der ehr- und liebenswürdigsten Persönlichkeiten der Welt! Der deutschtümlerischen Maler-Schule in Rom konnte ich keinen Geschmack abgewinnen, und alles, was ich später daraus in München sah, hatte mein Urteil nur bekräftigt. In der Umgegend von Rom besuchte ich Frascati, Tivoli, Castel Gandolfo, Albano und die Paulskirche, die noch damals in ihrer ganzen altertümlichen Schönheit prangte.

Der ehrwürdige Papst Pius VII. empfing mich viermal bei sich, wo ich jedesmal über eine Stunde an seiner Seite saß und die interessantesten Gespräche, während welcher er mich immer bei der Hand hielt, über seine früheren Schicksale aus seinem Munde vernahm. Hier nur einiges davon. Da ich über die erste Besetzung Roms durch den französischen General M(iollis) und sein und des Papstes Benehmen mancherlei vernommen und es ihm fragend vorgebracht hatte, so berichtigte er es dahin. Nachdem der General M(iollis), weil der Papst seine ersten Forderungen vom Entsagen der weltlichen Herrschaft usw. zurückgewiesen hatte, vor seine Fenster mehrere Kanonen aufführen und diese gegen sie richten ließ, so zog er seine Fensterbalken zu – nicht aus Furcht, sondern um ihm zu zeigen, daß er seine Drohungen nicht achte. – Ein paar Tage später trat dieser abermals vor ihn und nachdem er in einer langen Rede viel von Verehrung gegen den Hl. Stuhl und ihn gesprochen hatte, so faßte ihn der Papst am Arme, führte ihn rasch nach der Türe und sagte ihm dort, er wisse wohl, welchen Grund diese Ehrfurchtsbezeugungen hätten; ein Beweis davon sei der gewesen, daß er die Kanonen gegen seine Wohnzimmer habe aufführen lassen; er wünsche wohl, daß er ein guter Katholik sei, wie er es von sich gerühmt hatte; indessen werde er für ihn zu Gott bitten. Dann machte er ein Kreuz über ihn und öffnete ihm die Türe. Alle, die im Vorsaal gegenwärtig waren, behaupteten, daß der General ganz verstört herausgetreten sei.[118]

Als er als Gefangener über den Berg Simplon von Grenadieren in einer Sänfte getragen wurde, war er schon früher krank dem Tode nahe, weswegen er sich unterwegs mit den hl. Sterbesakramenten versehen ließ. Oben im Markt Simplon angekommen stellten ihn die Grenadiere mit der Sänfte in eine Wagenremise und sperrten sie zu. Doch kam rückwärts ein altes Weib zu ihm herein und trug ihm weinend etwas Suppe an. Er aber erbat sich nur ein paar weichgesottene Eier von ihr.

Von Napoleon sprach er überaus gerne. Als er zur Zeit, da der Kaiser aus dem russischen Vernichtsungskriege nach Hause kam, in Fontainebleau krank lag, so kam er zu ihm, setzte sich vor sein Bette und erzählte ihm all seine Unfälle so, als ob sie einen dritten betroffen hätten. Sprach er über geistliche Angelegenheiten, und der Papst war ihm in einem und dem anderen entgegen, so stampfte er wütend den Boden – gleich darauf war er aber wieder ganz freundlich gegen ihn. Lächelnd sagte er dann zu mir: »Era in fondo un buon uomo!« Wie hell und weise er dachte, erhellt auch aus Folgendem: Als ich ihm sagte, in Venedig gehört zu haben, wie mein Vorfahrer, Patriarch Giovanelli seligen Andenkens im Konklave J. 1800, in welchem er zum Papst erwählt ward, nach S. Giorgio Maggiore zu ihm kam, sich ganz erblindet auf die Kniee niedergelassen und ihm seine Erwählung prophetisch vorausgesagt habe. Er wendete sich mit kleinem Kopfschütteln lächelnd zu mir und sagte: »Nein, nein, so war es nicht; er äußerte nur wiederholt den Wunsch, daß die Wahl auf mich fallen möge.« Als ich ihm beim Abschiede voll Rührung gestand, wie glücklich ich mich für immer schätzen werde, daß ich ihm persönlich meine Verehrung habe bezeugen können, erhob er sich von seinem Armstuhle, breitete seine Arme gegen mich aus und sagte: »Auch mich freut Ihre Bekanntschaft sehr; geben Sie mir einen Kuß – wir sind Brüder! Mi dia un bacio – siamo fratelli.« (Als Bischöfe oder Klostergeistliche? Wir waren beides). Mir stürzten die Tränen aus den Augen. Nie werde ich diese Szene vergessen.

Kardinal Consalvi, dieser höchst interessante Mann, kam vor meiner Abreise noch um zehn Uhr abends zu mir und hätte mich gerne beredet, noch einige Tage länger in Rom zu verweilen; allein die Pfingstfeiertage riefen mich nach Hause.

Im Rückweg fuhr ich abermals über Terni, um den berühmten Wasserfall zu sehen, dann über Perugia nach Florenz. Der damalige Großherzog Ferdinand lud mich sogleich zur Tafel, und ich[119] brachte drei vergnügte Tage in dieser herrlichen Stadt in der Besichtigung der auserlesensten Kunstschätze zu. Hier und später in Bologna bekräftigte sich mein Urteil über Raphael und seine unübertrefflichen Schöpfungen, welche die Deutschtümler übertreffen zu können glauben, wenn sie in den Bildern der alten deutschen Meister und jener vor Raphael trotz der steifen Perücken der Engelsköpfe und ihrer schleppenden Gewänder und trotz der dünnen Beine und Arme des gekreuzigten Heilands, Johannes des Täufers und noch anderer Heiligen und des altdeutschen Kostüms Mariä und der übrigen Frauen mehr Ausdruck, Wahrheit, Unschuld und weiß Gott was noch alles in den Physiognomien und Stellungen gefunden haben. Mit Recht sagt Goethe von ihnen: »Raphael und seine Zeitgenossen waren aus einer beschränkten Manier zur Natur und Freiheit durchgebrochen. Und statt daß jetzige Künstler Gott danken und diese Avantagen benützen und auf dem trefflichen Wege fortgehen sollten, kehren sie wieder zur Beschränktheit zurück. Es ist zu arg, und man kann diese Verfinsterung der Köpfe kaum begreifen.« – Ich konnte Männer wie Overbeck und Cornelius nur bedauern.

Kaum war ich in Bologna angelangt, so kam Kardinal Spina zu mir in den Gasthof und lud mich für den folgenden Tag zum Mittagessen, wo ich auch den berühmten, sprachkundigen Abate Mezzofanti kennenlernen sollte. Indes sah ich ihn schon morgens in der Bibliothek und fand das Gerücht von seinem sonderbaren Talent vollkommen bestätigt, denn er sprach mit mir anfangs italienisch, dann ganz geläufig ungrisch, deutsch und französisch und mit meinem Sekretär polnisch, so daß ich seiner Versicherung, er spreche zwanzig lebende Sprachen, gerne Glauben beimaß.

Vor Ferrara kam mir der Legat, Kardinal Arezzo, mit einem Galawagen und einigen berittenen Dragonern entgegen und holte mich also in seinen Palast ein. Diese Ehrenbezeugungen sowohl in Bologna als auch hier waren großenteils die Folge vorausgekommener Gerüchte, daß ich, ein Liebling des Papstes, nächstens mit dem Purpur bekleidet werden würde. Selbst Zurla hatte mir einige Male die Kunde davon gebracht. Man wußte aber nicht, daß ich vor dem Gran Penitenziere, Kard. Castiglioni, der nach Auftrag mit mir zweimal davon sprach, mich auf das bestimmteste dagegen erklärt hatte.

Ariostos Nachlässe und Tassos zweifelhafter Kerker waren bald besehen. Und so kam ich wohlbehalten und überaus vergnügt über die freundliche Aufnahme, die mir allenthalben ward, über all das Schöne und Herrliche, das ich gesehen hatte, und seelenfroh,[120] daß mir auf dieser Reise die Vollendung meines Gedichtes gelang, in meinem lieben Venedig wieder an.

Besagtes Gedicht wurde im folgenden Jahre unter dem Titel »Rudolph von Habsburg«, Heldengedicht in 12 Gesängen bei Anton Strauß in Wien zum ersten Mal und zwei Jahre später zum zweiten Mal gedruckt und von der Karl Beck'schen Buchhandlung in Verlag genommen. Das Manuskript davon auf einzelnen mit Reisblei beschriebenen Blättern befindet sich mit Ausnahme des 1-sten Gesanges, der auf ungleichen Blättchen während des Abschreibens verloren ging, in der Bibliothek des Patr. Seminärs in Venedig, da mich der damalige Bibliothekar, Abate Moschini, darum ersucht hatte. Den 12-ten Gesang nahm H. Buchhalter Lacher nach Graz mit, von dem er zurückzufordern wäre. Der Vorzug, den ihm viele vor der »Tunisias« einräumen, mag wohl auf nationalen und lokalen Rücksichten beruhen. Freiherr von Merian-Falkach, russischer Staatsrat in Paris, rief sogar in die Welt hinaus, in ihm hätte ich das deutsche Epos vollbracht und alles überflügelt, was nach Homeros gekommen. Wollte Gott, es wäre so!

In diesem Jahre stieg das durch den Sturz mit dem Reisewagen (J. 1821) erzeugte Unbehagen, welches mich besonders am anhaltenden Sitzen hinderte, stets höher, und in Gastein, wohin ich nicht lange nach meiner Zurückkehr von Rom notgedrungen reisete, von dem dortigen geschickten Arzt Dr. Storch untersucht fand es sich, daß meine ledierte Rippe durch eine zunehmende lymphatische Geschwulst Gefahr drohe. Er wies mich auf der Rückreise nach Venedig in Wien an geschicktere Ärzte, als er sei, an, welche Äußerung mir großes Bedenken machte. In Kemmelbach fand ich ein kleines Zettelchen auf der Post, welches mich nach Persenbeug, dem jenseits der Donau liegenden Lustschloß des Kaisers zum Mittagessen lud. Es war mir um so erwünschter, da ich von dem indessen verstorbenen Papste der Kaiserin einen schönen Kunststich die Madonna vorstellend als Andenken zu übergeben hatte. Lachen mußte ich heimlich, als der Kaiser bei Erwähnung des Geschenkes zu mir sagte: »Stellen Sie sich vor, der arme Teufel (im Volksdialekte ein Ausdruck des Bedauerns) hat sich den Schenkel gebrochen und ist bald darauf gestorben.« Er sah mich bei diesen Worten innig betrübt an. Er pflegte, mit seinen Untertanen immer im Volksdialekt zu sprechen.

In Wien unterwarf ich mich der chirurgischen Behandlung durch den berühmten Stabsfeldarzt Dr. Wehring, der mich zwar durch angewendete zahlreiche Blutegel von meinen Schmerzen großenteils frei machte, aber versicherte, daß diesem Übel[121] schwerlich mehr ganz abzuhelfen sein würde, und wirklich hatte ich im folgenden Jahre wiederholt ärztlicher Hilfe nötig.


J. 1824.

Schon im Monat Februar mußten wegen der Anschwellung der Rippengeschwulst fünfmal Blutegel angewendet werden, um mir das Atemholen zu erleichtern. Gleich darauf kam ein furchtbares Übel zum Vorschein – die Zona Galeni, Gürtelbrand, eine rotlaufartige Entzündung, die sich halbseitig von dem Nabel bis zum Rückenmark erstreckt, zwar nicht tödlich ist, aber unsägliche Schmerzen verursacht. Ließ ich mich auf dem Bette nieder, so glaubte ich in Flammen zu liegen; daher ging ich mehrere Tage und Nächte hindurch in meinem Zimmer stöhnend auf und nieder und wußte jeden Augenblick, was auf dem Markusplatz vorging. Die Ärzte versicherten, es sei kein Mittel dagegen wirksam – non c'è altro che pazienza – bis es nach und nach austobt – und so ward es auch!

Früher als sonst machte ich mich von meiner Villa an der Brenta auf die Reise nach Gastein auf und kam in kleinen Tagereisen im Wagen liegend am siebenten Tag daselbst an. Der Arzt erschrak über mein Aussehen und sagte, es noch nie so schlecht gefunden zu haben; indessen diente mir Gastein auch diesmal zu einer bedeutenden Erholung. Nun etwas über diesen berühmten Kurort. Das ursprüngliche Wildbad liegt in einer engen, von einem großen Wasserfall fort und fort dröhnenden Gebirgsschlucht und bietet nur wenig Raum mehr dar, die dortige Badeanstalt auf eine genügende Art zu erweitern. Es gab sowohl unter der kön. bayerischen, als auch später unter der kais. österr. Regierung verschiedene Projekte hierüber, da außer dem Schloß, das der letzte Fürsterzbischof Colloredo für sich zu einem Badehause erbaute, Kaiser Franz I. aber es im J. 1807 zum Gebrauche des Publikums überließ, der über 300 Jahre alten Straubinger Hütte und dem Mitter- und Grabenwirtshause nur noch einige zur Aufnahme von Badegästen brauchbare Häuser sich vorfanden und zu jener Zeit, als ich im J. 1817 zuerst hinkam, kaum 130 Kurgäste während der ganzen Badesaison daselbst Aufnahme finden konnten, weswegen im In- und Auslande häufige Klagen erhoben wurden. Schon im vorigen Jahre (1823) trug mir der Kaiser auf, ihm auch eines vorzulegen, da ich, wie er sagte, nach öfterem Besuchen desselben es am füglichsten tun könnte. Ich war lange für das kön. bayerische Projekt, das unterhalb liegende mit einer hübschen Kirche versehene Dörfchen St. Nikola, wo mehrere geräumige Wohngebäude erbaut werden konnten, durch eine Röhrenleitung des Wassers mit der oberen Badeanstalt zu verbinden; da ich aber an der entgegengesetzten Seite des Tals bemerkte, daß der ganze Boden, worauf es stand, ein von dem Felsenkern des Zehner-Kogels[122] herabgeschobenes Erdreich sei, welches bei großen Elementarzufällen noch leicht in die Tiefe der Gasteiner Ache hinabrollen könnte, so entschied ich mich, den Markt Hofgastein in Vorschlag zu bringen, der ungefähr eine Stunde Weges vom Wildbad entfernt unten in einem breiten Talgrund liegt und mit einer schönen Kirche, Schule, dem k.k. Pfleggericht, zahlreichen Häusern und Handwerkern aller Art versehen ist, folglich alles darbietet, was bei einer Kuranstalt erfordert wird, wenn es nur gelänge, das Quellwasser warm genug hinabzuleiten. Das war demnach die Aufgabe. Ich ließ durch den kais. Werkmeister Gaintschnig von Lend die nötigen Erhebungen machen, nivellieren, zeichnen und Kostenüberschläge verfertigen und brachte alles dem Kaiser nach Wien mit. Von ihm gelangte es im ordentlichen Wege zur Hofstelle, woher ich mir keinen baldigen Erfolg versprach. Man sandte später einen Baurat nach dem Wildbad ab; der machte Pläne zu großen Bauten, zu welchen Hunderttausende erforderlich, aber nicht disponibel gewesen wären. Als aber ein paar Jahre später ein mächtiges Hochwasser den ganzen Grund wegschwemmte, auf welchem er bauen wollte, so sagte der Kaiser: »Nun tue ich das, was mir der Patriarch geraten hat«, und es gelangte erst im J. 1828 die landesfürstliche Bewilligung dieser Leitung herab. Sie wurde von einer kleinen Aktiengesellschaft von dortigen Bürgern, zu welchen auch ich mich gesellte, bewerkstelligt und versprach seitdem den Erwartungen vollkommen. Im Monat Juli des J. 1830 badete ich zum ersten Mal in Hofgastein mit dem besten Erfolg. Von Jahr zu Jahr vermehrt sich die Zahl der Badegäste; die Wirkung des Badewassers ist unten wie oben ganz gleich, und den sonst verarmten Markt sieht man zu größerem Wohlstand gedeihen. Ich muß hier noch einiges später Erfolgtes kurz zusammenfassen. Da in Hinsicht des erforderlichen Wärmegrades Zweifel obwalteten, so ließ ich im J. 1826 ein Faß von zehn Eimern davon bei ziemlich kalter Witterung (3 Grad über Null) bis nach Salzburg, also acht Posten weit führen, und das Wasser, welches in Gegenwart achtbarer Zeugen mit 36 Grad Wärme in das ganz gewöhnliche Faß eingefüllt wurde und 13 Stunden unter Weges war, hatte noch bei meiner zwei Stunden später erfolgten Ankunft 29,5 Wärme, da nur 27 oder 28 als die höchste zum Baden erfordert werden. –

Im J. 1826 kaufte ich ein am oberen Ende des Marktes Hofgastein gelegenes, zwei Stock hohes aber verödetes Haus mit einem Garten, ließ es nach und nach mit bedeutenden Kosten herstellen, auch ein Badhaus damit verbinden und widmete es dann im J. 1832 zu einer Badeanstalt für das k.k. Militär, worüber der sel. Kaiser die Schenkungsurkunde mit großer Freude aufnahm.[123] Im ersten Stockwerk können 36 Gemeine und im zweiten 10 Offiziere zu gleicher Zeit bequem bequartiert werden. Seitdem hat die Militärbehörde mit Gutheißung des Kaisers einen marmornen Denkstein über dem Eingang desselben mit folgender Inschrift setzen lassen: Saluti Militum D.D. Joannes Ladislaus Pyrker, A Eppus Agriensis 1832. Auch habe ich später 10 Aktien für dies Badehaus der k.k. Militärbehörde übergeben und sie dadurch in die Zahl der Aktionäre mit dem zukömmlichen Stimmrecht gesetzt. Diese ist die wahrhafte Geschichte der Entstehung der Badeanstalt in Hofgastein – der ich nur noch beifügen muß, daß der bürgerliche Bräuer, Gastwirt und Besitzer mehrerer Realitäten, Joseph Moser, durch Sachkenntnis, unermüdete Tätigkeit und bedeutende Geldauslagen das Unternehmen vorzüglich gefördert habe und darum den Dank seiner Mitbürger für immer verdiene.


Im vorigen Jahre wurden die gefangenen Carbonari von Mailand nach der Insel San Cristoforo bei Venedig transportiert, um vor den Tribunalen der letzteren Stadt ihr Endurteil zu vernehmen. Es waren in allem fünfzehn Personen, welche später in einem turmartigen Gebäude, das unmittelbar an die Patriarchal-Wohnung stieß, untergebracht wurden. Oft, wenn ich in der Sala dei banchetti, wo vormals der Doge des Jahres einigemal öffentliche Tafel hielt und der nun zu meiner Wohnung als Vorsaal gehörte, war, sah ich durch die hohen Fenster desselben sie hinter ihren Gittern mit einander durch Zeichen korrespondieren und sah und hörte dort auch den Silvio Pellico, der mit einer Frau und ihren Kindern im benachbarten Hause kurze aber freundliche Worte von oben herab wechselte. Daß er es war, erfuhr ich aber erst, nachdem ich seine höchstinteressante Schrift »Le mie prigioni« gelesen hatte.

Endlich wurde die Sentenz gefällt. Vor dem bestimmten Tage der Exekution kamen abends zwei Beamten des Kriminalgerichts im Namen ihres Präsidenten mit dem Ersuchen zu mir, daß ich einen der zum Tode Verurteilten, der ein Priester wäre, am kommenden Morgen zeitlich nach kanonischer Vorschrift degradieren, d.h. ihn der priesterlichen Würde entsetzen möchte, weil nur dann die Sentenz an ihm vollzogen werden könne. Ich schauderte zusammen! Also auch das, dachte ich mir, muß dir in deiner gegenwärtigen Stellung zuteil werden! Der Morgen erschien, er war düster im Nebel und Schneegestöber des unfreundlichsten Februars, den ich in Venedig erlebt hatte. Dieser traurige Akt ging in einer finsteren, neben der Sakristei der Markuskirche[124] liegenden und nun verschlossenen Kapelle vor. Außer meiner geistlichen Assistenz waren nur die beiden Beamten des Kriminalgerichts und der Delinquent zugegen. Als ich eintrat, stand dieser mit den Meßgewändern angetan vor einem Wandschrank und beugte sein Haupt mit beiden Händen vor der Stirne auf dessen Tafelbrett nieder. Der ganze vorzunehmende Ritus ist für den schauerlichen Akt berechnet und überaus ergreifend. Als ich mich auf meinen erhöhten Stuhl niederließ, trat er von zwei Diakonen geführt, den Kelch wie sonst zur Messe in der linken Hand vortragend an dessen Stufen. Nach einer kurzen Anrede, wie er sich unwürdig gemacht habe, die Geheimnisse des Heils mehr zu feiern, mußte er den Kelch und die Hostie mit den Fingern berühren; und als ich ihm den Kelch entriß und einem der Umstehenden übergab, da brach er in ein heftiges Weinen aus und wie er dort leichenblaß und mit dem Todesschweiß an der Stirne vor mir bebend stand, da mußte ich mich selber gewaltsam ermannen, um nicht die nötige Fassung zu verlieren. Mit ähnlichen passenden Anreden wurden ihm dann die Meßgewänder Stück für Stück vom Leibe genommen, insbesondere die Stola ihm um beide Wangen geschlagen, weil er, als der Verkündiger des Evangeliums, an ihm treulos geworden sei, und endlich wurden ihm symbolisch die beiden Daumen und Zeigefinger und die Tonsur am Haupte, beide als besonders geweiht, mit einem stumpfen Messer abgeschabt. Zum Schlusse folgte an ihn eine Ermahnung zur wahren, gottversöhnenden Reue und an die weltlichen Richter die Bitte, daß sie den Unglücklichen nicht verstümmeln möchten. Dann wurde er in ihrer Begleitung abgeführt. Als ich zurückging, fand man, daß ich sehr blaß aussah, und die Eßlust hatte ich auf die drei folgenden Tage verloren. – Dieser unglückliche Geistliche war Schulhalter in der Polesine gewesen und ist Gott weiß wie in diese unselige Gesellschaft geraten. Er war nebst vier andern zum Tode verurteilt, wurde aber nach der eben beschriebenen Funktion mit allen seinen Gefährten auf ein auf der Piazetta errichtetes Gerüst geführt und vernahm nach der von Wien eingelangten Begnadigung, daß sein Todesurteil auf fünfzehnjährigen schweren Kerker abgeändert war, die er auf dem Spielberg in Mähren erleiden sollte, wurde aber wegen guten Verhaltens schon nach fünf Jahren entlassen. Confalonieri, das Haupt der Verschwörung, erhielt zwanzig und Silvio Pellico zehn Jahre. Sie alle wurden später in Freiheit gesetzt.

Den Abend zuvor, ehe ich dieses Jahr nach Gastein abreiste, kam ich im Volksgarten (Giardini Pubblici) mit dem Präsidenten[125] des Kriminalgerichts, Grafen von Gardani [zusammen], dessen Freundlichkeit und milde Denkungsart sonderbar mit seiner ernsten Geschäftstätigkeit kontrastierte, und hörte von ihm die Klage, daß noch immer kein Endurteil über so viele des Carbonarismus beschuldigte Individuen von Wien aus erfolge. Halb Mailand stehe in Trauer, wo diese den Gatten, jene den Bruder oder Sohn in den Kerkern wissen, und noch fortwährend geschähen auf neue Anzeigen neue Verhaftungen, wo sodann der Jammer unabsehlich werde. Man solle die Abgeurteilten zur Strafe ziehn, für die andern aber die Amnestie verkündigen mit der Drohung, daß bei erneuerter Schuld nach der größten Strenge der Gesetze verfahren werden würde, und die Ruhe der in Ungewißheit schwebenden Gemüter wäre hergestellt.

Diese Worte machten auf mich einen tiefen Eindruck, und es erstand der heiße Wunsch in mir, ihnen Folge geben zu können. Als ich dann von Gastein nach Wien kam und für den folgenden Tag zur Audienz bei dem Kaiser bestellt war, so beriet ich mich vorher mit meinem erhabenen Gönner, dem Erzherzog Karl, und fragte ihn, ob es wohl zu wagen wäre, über diesen delikaten Gegenstand mit dem Kaiser zu sprechen? Er ergriff meine beiden Hände und rief sie heftig drückend: »Oh, tun Sie es, der Himmel wird es ihnen lohnen!« Ich stutzte ein wenig und dachte bei mir, was der hochgesinnte Mann und Bruder des Kaisers in dieser auch von ihm anerkannten dringenden Angelegenheit nicht zu tun wagte, dem soll ich mich unterziehn? ... Der Kaiser, der jeden Augenblick seines Lebens der Herrscherpflicht und dem Wohl seiner Untertanen weihte und sich, gerecht zu regieren, bewußt war, konnte, obgleich sonst voll Huld und Milde, nur gegen jene, die sich gegen seinen Thron auflehnten, hart und unerbittlich sein. Doch die Wichtigkeit meines Schrittes für so viele Unglückliche, meine Stellung als einer der Oberhirten des Reiches, dem hier insbesondere die Stimme der Pflicht gebot und selbst das Wohlwollen des Kaisers für mich gaben mir Mut, und ich trat am kommenden Morgen entschieden, das Möglichste zu tun, vor ihn.

Nachdem die Diözesan-Angelegenheiten besprochen waren, so wendete ich mich mit flehenden Blicken an ihn und sagte, daß ich seiner väterlichen Huld bewußt entweder auf die Gewährung meiner Bitte oder, im Fall es nicht geschehen könnte, auf seine Verzeihung rechnete, da ich über einen Gegenstand, der nicht direkt in die Sphäre meiner Amtstätigkeit gehört, vor ihm zu sprechen unternommen habe. Er sah mich etwas befremdet schweigend an, und ich trug ihm nun all das vor, was ich aus dem Munde des Präsidenten Gardani vernommen hatte. Bald ging er[126] mit gesenktem Antlitz und die Hände am Rücken faltend vor mir auf und ab, ohne einen Laut von sich zu geben. Am Schluß obiger Bemerkungen sagte ich ihm mit erheitertem Tone, ich wisse es, daß er schon lange eine Reise nach Mailand vorhabe, doch sie eben wegen jenes ihm so mißfälligen Umstandes immer wieder verschiebe; möge nur jene Amnestie erlassen werden, so würde er durch die ganze Lombardei und besonders in Mailand mit einem Jubel empfangen werden, der noch seinesgleichen nicht gehabt hat. Er wendete sich rasch zu mir und sagte: »Nun – ich werde es probieren« und entließ mich mit den Worten: »Addio, ich hoffe, Sie im künftigen Jahre wiederzusehen.« – Bald nach meiner Heimkunft kam Graf Gardani und erkundigte sich, ob er in Hinsicht der bewußten Angelegenheit etwas Günstiges von mir erfahren, und ob die dringende allerhöchste Entschließung nun bald erfolgen würde? Meine Antwort war: »Ich hoffe es!« Er zuckte betrübt die Achseln und empfahl sich. Doch etwa nach vierzehn Tagen trat er mit leuchtenden Augen zu mir herein und rief: »Die Amnestie ist erfolgt – ganz so, wie es gewünscht ward; oh, Sie haben gewiß davon gewußt! Ihre Worte: ›Ich hoffe es‹ zeigten an, was Sie verschweigen wollten und mußten.« Er war außer sich vor Freude. Doch zu sagen, was in mir vorging, dazu finde ich keine Worte mehr!


J. 1825.

Im Monat Juni fuhr der Kaiser mit der Kaiserin nach Mailand. Wir hörten in Venedig von großen Vorbereitungen zu seinem Empfange; wie allgemein der Enthusiasmus über seine Ankunft war, erhellet auch daraus, daß von Brescia an bis dorthin ganze Gemeinden mit Wasserfässern an die Straße zogen, sie zu bespritzen, damit er nicht vom Staube belästigt werde. In Mailand wetteiferten alle Stände, ihre Freude über seine Ankunft zu bezeugen. Großartige Festlichkeiten fanden statt, und die Huldigungen aller Art mußten echter Natur gewesen sein, da der Kaiser stets heiter war, sogar einen Ausflug nach Genua machte und statt vierzehn Tage sechs Wochen in Mailand verweilte. Der Tag seiner Ankunft in Venedig wurde mehrmal verschoben; endlich kam er, stieg aber in dem herrlichen kaiserlichen Lustschlosse Strà (vormals Pisani) ab, wo er ein paar Tage verweilen wollte. Meine Villa (vormals Giovanelli) lag nur eine halbe Stunde Weges davon entfernt, und den folgenden Tag, der ein Sonntag war, ließ er mich durch den Hofrat Baron v. Kübeck, jetzigen Hofkammerpräsidenten, mittels eines Schreibens zum Mittagessen laden. Sogleich nach meiner Ankunft wurde ich zu ihm gerufen, und ein[127] paar freundliche Blicke, die er mir gleich beim Eintritt entgegenwarf, waren für mich eine Bestätigung, daß ich ihm seine Zufriedenheit mit den Mailändern im vorigen Herbste treffend vorausgesagt hatte. Dieser Tag war ein verhängnisvoller für mich und die Venezianer.

Noch immer war ich in Folge des Sturzes mit dem Wagen von Zeit zu Zeit leidend und sah dann gewöhnlich sehr blaß aus. Dies bemerkte der Kaiser sogleich und sagte, er habe gehört, daß mir die Lagunenluft nicht gut tue; da nun das Erlauer Erzbistum eben erledigt sei, so werde er mir selbes verleihen. Ich erklärte, daß ich sehr gerne in Venedig verbleiben wolle; aber er sprach mit Rührung, er kenne in dieser Hinsicht meine Gesinnungen, doch wäre es ihm nicht lieb, wenn ich ihm dort zugrunde ginge. Nach Tische fragte er mich, wen ich ihm unter den venezianischen Bischöfen zu meinem Nachfolger vorschlagen würde? Ich nannte ihm den jetzigen Patriarchen, Kardinal Monico, und er sagte beifällig, ich hätte den rechten Mann genannt.

Doch – ich stand heute als der Anwalt der Armen Venedigs vor dem Kaiser! Als Präsident der Wohltätigkeitskommission (Commissione di Pubblica Beneficenza) hatte ich seither gehörige Einsicht von ihren ämtlichen Akten genommen; verfaßte darauf ein Promemoria an den Kaiser und wollte es ihm in Venedig überreichen, tat es aber nun hier, da sich eine so günstige Gelegenheit dazu geboten hatte. Zugleich legte ich ihm eine statistische Tabelle über den Zustand aller Volksklassen Venedigs im J. 1797, wo die Republik durch die französische Invasion ihr Ende erreichte, und im J. 1824, wie ihn der Rechnungsabschluß mit Ende Dezember auswies und wo beinahe die Hälfte der Population auf der Armenliste stand, bei. – Der Kaiser legte beide Schriften auf ein Tischchen nieder, sah aber einen Augenblick in die letztere und rief die Hände zusammenschlagend aus: »Nein, so arg hätte ich es mir doch nicht vorgestellt!« Es war ein kühner Schritt, den ich da mit obigem Promemoria tat, denn es handelte sich um nichts Geringeres, als um die Zurückgabe aller Besitztümer, welche dem Armenfonde unter der Herrschaft Napoleons ungerechter Weise entrissen worden waren, und die ich, gestützt auf seine angeborene Gerechtigkeitsliebe, von ihm zurückforderte. Die Sache verhielt sich so: Der Armenfond in Venedig betrug vor dem Falle der Republik an Kapitalien in der Bank (Zecca) über vier Millionen[128] Lir. Venet. allein; nebstdem hatte er auch liegende Gründe besonders am Po und rings um Venedig herum, die in den sechs Sestieris (Kreisen) der Stadt von eigens bestellten kleinen Ämtern, die man Fraterne hieß, administriert wurden. Sie bestanden aus dem Pfarrer, einigen Bürgern meistens aus dem Handelsstande und einem Advokaten zum Schirm der Rechtsbedürftigen und Schlichtung vorkommender Händel. Die Fraterne hatten die Obliegenheit, am Ende jeder Woche die Namen der Unterstützungsbedürftigen klassifiziert der Behörde hinaufzugeben, die dann in einer Sitzung über die abzureichenden Beträge in letzter Instanz entschied. – Napoleon nahm das Wort Fraterne irrig für Confraternite (Bruderschaften), die er samt allen dort noch bestehenden Klöstern aufhob und ihr liegendes und bewegliches Eigentum dem Staatsfonde beilegte. Um in der Folge das begangene Unrecht wieder gut zu machen, setzte er eine runde Summe von fünfmalhunderttausend Franken fest, die jährlich an die verschiedenen Stabilimenti der Stadt, als Waisen- und Findelhaus, das Institut der Zitelle (für Erziehung einer Zahl der Bürgerstöchter), für den Kultus, endlich für den Armenfond insbesondere mit einmalhundertdreiunddreißigtausend Franken hinausbezahlt werden sollten. Da aber diese Summe während meiner begonnenen Amtstätigkeit bei weitem nicht hinreichte, die täglich sich mehrenden Armen gehörig zu beteilen, so lag es an der Wirksamkeit der jetzt errichteten Commissione di Pubblica Beneficenza, das noch fehlende bestmöglichst aufzutreiben. Sie wurde hauptsächlich zur Abstellung der besonders in Venedig so lästigen Straßenbettelei er richtet und bestand aus einem Präsidenten, dem jeweiligen Patriarchen, einem Vizepräsidenten, dem Podestà (sonst Lordmajor oder Bürgermeister) und noch zehn anderen aus den ersten Familien des Landes, wie Contarini, Gradenigo, Renier, Erizzo, Giovanelli usw., ohne Entgelt dienenden Räten, zwei Mitgliedern aus dem Handelsstande, zwei Advokaten und einem beständigen Sekretär. Zu Anfang Juli jeden Jahres gingen jene adeligen Räte mit dem Subskriptionsbogen in der Tasche in die Bureaus der[129] Militär- sowie auch zu allen Angestellten der Zivilbehörden, endlich auch von Haus zu Haus und notierten die Namen der Geber und der angebotenen Beträge, die nun samt dem obigen jährlich vom Ärar geleisteten und gewissen von den Logen der Theater und der Casotti's an der Riva dei Schiavoni eingehenden Summen über dreimalhunderttausend Franken hinaufstiegen; aber was war auch dies noch zu jener Zeit, als ich dem Kaiser mein Gesuch vorlegte, und mehr als die Hälfte der Population Venedigs als unterstützungsbedürftig auf der Armenliste stand?! –

Nachdem der Einzug des Kaisers in Venedig für den folgenden Abend bestimmt war, so reiste ich morgens frühe dahin ab, um bei seinem Empfang gegenwärtig zu sein. Mehrere hundert Barken aller Art und Gondeln, von welchen jene teils festlich geschmückt und teils von Musikbanden besetzt waren, setzten sich nachmittags gegen Fusina hin in Bewegung. Allein ein plötzlich sich erhebender furchtbarer Sturm hemmte die Weiterfahrt so, daß wir an der Insel San Giorgio in Alega (vormals ein Kloster regulierter Chorherrn) halten und die Fahrzeuge in Sicherheit bringen mußten. Auch der Kaiser harrte lange am Ufer stehend den Kommenden entgegen und mußte sich dann, als es bereits dunkler ward, nach Mestre hinüber begeben, wo er die Nacht zubrachte, und erst den nächsten Morgen wegen einer gestern am Meeresufer sich zugezogenen Verkühlung sehr unwohl aussehend in die Stadt kam. Nachdem wir drei: der Landesgouverneur Graf Inzaghi, der Kommandant Marquis Chasteler und ich ihn in seine Apartements begleitet hatten und uns empfahlen, eilte ich durch den kleinen Garten des kön. Palastes den nächsten Tag meiner Gondel entgegen; aber der Adjutant des Kaisers rief mich vom Fenster aus mit den Worten zurück, der Kaiser wolle mich sprechen. Eintretend sah ich ihn zittern vor Schwäche und bemerkte ihm, wie blaß er aussehe, und er gestand, daß er sich sehr unwohl fühle und sich sogleich zu Bette begeben werde; dann begleitete er mich bis zur Türe und sagte: »Hören Sie! Ihr gestern mit der statistischen Tabelle überreichtes Promemoria geht mir nicht aus dem Kopfe. Sie kennen Venedig, das habe ich aus Ihrem vorjährigen Visitationsbericht ersehen. Machen Sie mir einen Vorschlag, wie den guten Venezianern aufzuhelfen wäre? Ich habe sie lieb, denn sie sind mir jederzeit treu und anhänglich geblieben, und unter ihnen haben sich keine Carbonari gefunden.« – Ich erwiderte ihm, daß ich gleich nach seiner Abreise nach Gastein aufzubrechen gedenke, wo ich während der Kurzeit mich bemühen werde, seinem allerhöchsten Auftrag zu entsprechen und ihm dann meine Vorschläge schriftlich vorzulegen. Die Festlichkeiten wurden auf ein paar[130] Tage verschoben. Sie bestanden in der Beleuchtung des Markusplatzes und der Kirche; dann der Palladiani-Bauwerke, San Giorgio Maggiore und Santissimo Redentore und der Kirche della Salute, was alles sich herrlich ausnahm, endlich in einer glanzvoll ausgeführten Regatta. Auch wurde den Venezianern eine öffentliche Audienz zum Besten gegeben. Ich trat der Etiquette gemäß auf einen Augenblick zum Kaiser hinein und sagte klagend, kaum wäre er genesen, und es stünden gewiß über zweihundert Personen draußen im Vorsaal, die in der bis gegen Mitternacht dauernden Audienz seine Kräfte noch mehr erschöpfen werden! »Je nun«, rief er lächelnd, »das ist nun einmal mein Brot!« (Amt, Anstellung – sich gegen seine Untertanen dienstwillig zu erweisen). Auf meinen Rat, er möchte sie sitzend empfangen, gab er mit komischem Blick zu Antwort: »Oh, da brächte er sie gar nicht an«, sie würden gar nicht aufhören zu schwätzen; so aber könne er ihrer leichter los werden. Welche bonhomie und praktischer Lebenssinn zugleich! Während seines Aufenthaltes in Venedig geschah es, daß der Polizeidirektor, Hofrat Freiherr von Kübeck, morgens frühe voll Hast in mein Zimmer trat, mit den Fingern auf seine linke Brust wies und fragte, ob ich es schon wisse, daß mich der Kaiser eben von einem Besuch im Arsenal, wo auch vieles zu meinem Lob ertönte, heimkehrend durch ein Handbillet zum Ritter der eisernen Krone I-er Klasse ernannt habe? Ich eilte sogleich nach dem Palaste, um ihm und dem Erzherzog-Vizekönig zu danken. Da hörte ich die erfreuenden Worte: »Nu, wenn Sie es nicht verdienten – wer denn sonst?« Am folgenden Tage geschah die Accollade, wo ich den herzlichen Kuß des Kaisers gerührt an den Wangen spürte und während des Mittagessens viele freundliche Worte von ihm hörte.

Am Morgen darauf begleitete ich ihn in meiner Gondel bis Mestre. Ehe er in den Wagen stieg, lud er mich noch huldvollst ein, auf meiner Rückreise von Gastein der Krönung der Kaiserin Karolina Augusta zur Königin von Ungarn in Preßburg beizuwohnen.

Kaum war ich von Mestre nach Venedig zurückgekehrt, so trat der Vizepräsident, Conte Calbo, mit den übrigen adeligen Räten ein und hielt eine lange Danksagungsrede an mich, weil ich dem Kaiser die auch ihm bekannte Bittschrift wegen Wiederherstellung des Armenfondes überreicht habe. Calbo war ein alter, echter Venezianer, der bei jeder Gelegenheit einige scherzhafte Äußerungen in Bereitschaft hatte. So sagte er jetzt mit komischen Gestikulationen: »Unser Patriarch hat wahrlich viel Courage –[131] ich hätte es nicht gewagt, jene Bittschrift dem Kaiser zu übergeben.« »Warum nicht?«, sagte ich, »die Erfüllung einer Pflicht ist immer mit Mut gepaart!« Diese Scherzrede hatte ihre Folgen – wie es sich weiter unten zeigen wird.

In Gastein angekommen, arbeitete ich in Stunden der Muße an der Gedächtnisschrift für die Erhaltung der Stadt Venedig und ihrer verarmten Bewohner. Sobald sie fertig war, schickte ich sie dem Kaiser nach Wien zu, gleichsam ein Pendant zu jener, die ich ihm mit einer statistischen Tabelle belegt für die Rückgabe des Armenfonds als Präsident der Pubblica Beneficenza überreicht hatte. Ich fand in Hinsicht beider die stärkste Opposition bei dem dortigen Gubernium. Von Seiten der Hofkammer hieß es, die Zurückgabe des eingezogenen Armenfonds sei unmöglich, denn die liegenden Gründe seien nach den Stipulationen des Wiener Kongresses als Entschädigung an die Herzogtümer von Parma und Modena übergeben worden, und die verschlungenen Barschaften ersetzen, hieße soviel, als die Staatskassen in die größte Verlegenheit bringen zu wollen. Ich bekämpfte mündlich und schriftlich vor dem Kaiser diese Gegengründe mit dem einfachen Satze, dies alles sei wohl möglich, aber die Gerechtigkeit heische die Wiederersetzung des Armenfonds, ohne welcher die Bewohner Venedigs ohnehin in die fürchterlichste Lage kommen würden. Die zweite für die Erhaltung Venedigs nach allerhöchstem Auftrag von mir in Gastein verfaßte Denkschrift fand in einem hochgestellten Mann den größten Widersacher, welcher behauptete, Venedig sei nicht wichtig genug, um bedeutende Summen auf ihre Aufrechterhaltung zu verwenden, da sie nach dem Lose alles Vergänglichen in vierzig oder fünfzig Jahren zu einem Steinhaufen verfallen würde. Übrigens wäre auch eine große Aufregung davon die Folge, da Triest als ihre unermüdete Rivalin bezeichnet werde. In Hinsicht dieses Punktes habe ich mich in meiner Denkschrift bestimmt geäußert, nachdem ich ein paar Mal heimlich nach Triest hinüberfuhr und dort mich mit dem Chef des ersten Handelshauses (Reyer) über alles sorgfältig besprochen hatte, worauf sich mir die angebliche Rivalität Triests in einem ganz anderen Lichte sehen ließ.

Meine beiden Denkschriften haben auf ämtlichem Wege sehr viele Debatten veranlaßt, deren Ende die nie gehoffte Erfüllung der kühnsten Wünsche war. Der Ruf davon verbreitete sich weit umher, besonders nachdem die oben angeführte Äußerung des Podestà, daß er den Mut nicht gehabt hätte wie ich, jenes Promemoria dem Kaiser zu übergeben, [bekannt würde]. Was muß es doch in sich enthalten haben, daß der Nichtvenezianer sich dazu entschloß, und der Einheimische, das Beste seines Volkes vergessend, davor[132] zurückbebte? Es fehlte dabei für Calbo an tadelnden Worten nicht. Die Neugierde war zu groß, und der Mann, sie zu befriedigen, bald gewonnen; denn ein Beamter des Archivs der Beneficenza ließ während meiner Abwesenheit in Gastein eine Abschrift meines Aufsatzes machen und so kamen solche hauptsächlich durch die Verwandten und Freunde jener jungen Leute, die bei dem Fall der Republik als Jakobiner bezeichnet und von dem österr. Kommissär Pesaro hart verfolgt sich nach Paris und London geflüchtet hatten, in die öffentlichen Blätter, die »Times« und in das »Journal des Debats«. Dies gab dem damaligen Diplomaten Chateaubriand die Veranlassung, in dem Parlamente gegen Österreich sich auf meine Denkschrift beziehend mit ungerechten Beschuldigungen loszuziehen. Ich getraue mich, vor alle Welt hinauszurufen, nicht die österreichische Regierung, nicht eine andere Herrschergewalt, sondern eben die Invasion unter Napoleon (damals noch Bonaparte) hat Venedig zu Grunde gerichtet, denn mit seiner unbegrenzten Macht, Energie und steten Hinneigung zur Willkür, mit welcher er auch das Privateigentum nicht schonte, wie bei der Beschlagnahme des Venediger Armenfonds, hob dort sogleich alle noch bestehenden Klöster und Bruderschaftsvereine auf, und es ist unglaublich, welche große Schätze er an edlen Metallen, die im Lauf von vielen Jahrhunderten die Pietät der Venezianer dort aufgehäuft hatte, auf solche Art in seine Hände bekam. Die öffentlichen Kassen wurden ohnehin sogleich in Beschlag genommen, und die Zecca (Bank und Münzhaus) mit allen Vorräten von Gold und Silberbarren, Münzen und vielen Kunstschätzen ausgeleert. (Man spricht noch von sieben großen Saphirsteinen, welche der Vizekönig von Italien, Beaurharnais, davon zu seinem Anteil bekam). Das Schlimmste aber, was da geschah, war Folgendes. Die Republik Venedig ging wie eine schonende Mutter mit ihren Kindern mildreich um, lieh ihnen Kapitalien, gleichsam à fond perdu, gegen geringe Prozente (zu 2 u. 21/2) und kündigte selbe fast nie auf. Die Schuldbücher lagen offen in der Zecca da, und die Franzosen beeilten sich, da sie vielleicht nur auf kurze Herrschaft rechneten, die Kapitalien zu künden und sie streng einzutreiben, wo sodann die Insolventen nach bestimmter Frist im Wege öffentlicher Feilbietung um alle ihre Habe sowohl in der Stadt, als auch auf der Terra ferma gebracht wurden. Dies war die Ursache ihres so furchtbaren Falles und die hätte Chateaubriand mit seinen Kollegen, ehe er Schimpf auf Schimpf häufte, früher erwägen sollen.

Noch mehr Widerspruch fand meine zweite Denkschrift für die Erhaltung Venedigs, die ich auf ausdrückliches Verlangen[133] des Kaisers verfaßte, da sie in mannigfaltigeren Beziehungen in den Bereich der obwaltenden Staatsrücksichten kam. Für die Erhaltung Venedigs forderte ich

1-stens: Den Freihafen – (er ward bewilligt).

2-tens: Die Herstellung des Hafens von Malamocco durch einen Riesendamm, da er der einzig brauchbare ist, durch welchen die größeren Schiffe in die Lagunen gelangen. (Ward im J. 1845 vollendet mit einem Aufwand von mehr als vierthalb Millionen Franken und zeugt rühmlich für Österreich).

3-tens: Verminderung der Zölle hinsichtlich der Viktualien aus ganz besonderen Lokalrücksichten. (Ward in Vollzug gesetzt).

4-tens: Den Betrieb des Schiffbaus im Arsenal. (Schon drei Wochen nach der Einreichung dieser Denkschrift gelangte eine allerhöchste Entscheidung herab, wodurch die Zahl der Arbeiter im Arsenal von drei- auf achthundert Personen erhöht wurde).

5-tens: Die Koordinierung der Stadt, usw. –

Alle diese Anträge erheischten vielfältige Erwägung und Besprechungen, da eine übereilt-definitive Entscheidung höchst nachteilige Folgen hätte veranlassen können. Sie erfolgte endlich, aber auf welche Art? Dies habe ich erst später bereits als Erzbischof von Erlau erfahren. Baron Krieg, jetzt Präsident des Guberniums in Lemberg, früher Referent in Kommerzsachen bei der Allg. Hofkammer in Wien, den ich zuvor nicht kannte, war sehr erfreut, mich eines Abends im Garten des Herrn v. Kleyle, Hofrat des Erzh. Karl, zu treffen, und er säumte nicht, mir die Ursache davon, auf und ab wandelnd, zu eröffnen. Meine dem Kaiser überreichte Denkschrift, sagte er, habe damals viele Köpfe und Schreibfedern in Bewegung gesetzt, ohne daß man zu einem befriedigenden Resultate hätte gelangen können, da die Wichtigkeit des Gegenstandes verbunden mit unzähligen nach jeder neuen Diskussion neuauftauchenden Schwierigkeiten Aufschub auf Aufschub veranlaßte. Da habe ihn der Kaiser zu sich rufen lassen und ihm mit der Beobachtung des strengsten Stillschweigens aufgetragen, auf Staatsunkosten nach Triest und Venedig zu reisen, über jeden in meiner Denkschrift vorkommenden Punkt genaue Erkundigungen einzuziehen und ihm Bericht darüber zu erstatten. Sein Bericht war, er habe alles genau so gefunden, wie es der Patriarch angegeben hatte. Der Freihafen ward dekretiert. Groß war der Jubel Venedigs. Der Markusplatz und das dort aufgestellte Porträt des Kaisers, des Vizekönigs und meines, welches die Kommerzkammer durch Johann Ender in Wien hatte malen lassen, waren glänzend beleuchtet. – Der Erzherzog-Vizekönig ließ mir gleich den folgenden Tag durch seinen Hofrat und Kanzleidirektor, Vinzenz Freiherr v. Grimm, schreiben,[134] ich möge teilnehmen an dieser Festlichkeit, da eigentlich ich sie veranlaßt habe. –

Der Nutzen dieser Maßregel erschien anfangs problematisch so zwar, daß die größten Handelshäuser Venedigs, Baron Treves, Papadopoli, Zanona, Revedin usw. fast feindselig dagegen auftraten, indem sie den Schiffen die Assekuranz verweigerten. Indessen hat die Folge alle ihre Befürchtungen widerlegt, da sowohl diese von dem Kaiser veranlaßte Denkschrift für die Erhaltung Venedigs, als auch jene, wodurch ich die Zurückgabe des entrissenen Armenfonds verlangte, sich für Venedig höchst vorteilhaft erwiesen haben.

Sonst war noch dieses Jahr reich an wichtigen und angenehmen Ereignissen für mich, unter welche ich vorzüglich jenes zähle, daß mich der sel. Max Joseph, König von Bayern, durch seinen in Gastein anwesenden Minister, Grafen von Thürheim, einlud, ich möchte in der Rückreise zu ihm nach Tegernsee kommen, er habe schon so viel von mir reden gehört, daß er mich auch persönlich kennen zu lernen wünsche. Ich fuhr demnach von Salzburg über Rosenheim nach jenem reizenden Sommeraufenthalte und werde die huldvolle Aufnahme, die mir vom Könige und der Königin, wie auch ihren jüngsten Prinzessinen-Töchtern Marie und Luise ward, und der schönen Stunden, die ich dort verlebte, nie vergessen!

Der König wünschte, daß ich seine neu errichtete Badeanstalt in Kreith in Augenschein nehme und ließ mich in der Begleitung des Staatsrates Kobell in einem mit sechs Pferden bespannten Hofwagen dahin führen. Obschon das dortige Mineralwasser keines der stärkeren, heilkräftigen ist, so hat der Schöpfer dieser Anstalt mit wahrhaft königlicher Munifizenz so vieles dafür getan, daß sie den Münchner Herrschaften jedenfalls eine interessante Sommersaison bietet. Dort traf ich in einem der Zimmer den berühmten Mechaniker Dr. von Reichenbach, der einige Zeit vorher irrsinnig geworden war. Als er über die Verwirrung seines Kopfes klagte, und ich ihm sagte, er habe zu viel gerechnet, so bejahte er es mir mit einem unaussprechlichen Lächeln, und wie ich ihm zum Abschied tief ergriffen die Hand drückte, dachte auch ich bei mir: »Das ist das Los des Schönen auf der Erde!« [Schiller, Wallensteins Tod IV, 12].

Im Rückweg besuchte ich München und verweilte zwei Tage daselbst. Noch war damals außer der fast vollendeten aber noch nicht eingerichteten Glyptothek (Klenzens nicht glänzendem Debüt) von den späteren Merkwürdigkeiten Münchens nichts zu sehen. Jenes Gebäude mit dem häßlichen Portikus machte einen[135] widrigen Eindruck auf mich. Es scheint durch einen Elementarzufall einige Schuhe tiefer in die Erde gesunken zu sein und sich nicht wieder erheben zu können. Dies beweist innen auch der sogenannte Römersaal, dessen Boden wegen der Erzielung einer Proportion tiefer gegraben werden mußte, so daß man hier fünf Stufen ab und drüben eben so viele aufwärts steigen muß, um in das Niveau der übrigen Zimmer zu kommen. Ewig schade, daß König Ludwig, der für die verschönernden Künste allein mehr tat, als alle zu seiner Zeit lebenden Monarchen Europas zusammengenommen, keinen großen Architekten, wie Palladio es war und Joseph Hild in Pesth es noch ist, zur Disposition hatte. Vor meiner Abreise drängte es mich auch noch, den berühmten Optiker Frauenhofer, der eben mit der Aufstellung eines Refraktors von zehn Zoll Weite für die Sternwarte in Dorpat beschäftiget war, zu besuchen. Als ich ihm sagte, er habe es in seiner Kunst weit gebracht, gab er mir zur Antwort: »Es ließe sich noch viel weiter bringen.« Bayern hat in kurzer Zeit zwei Sterne erster Größe, Reichenbach und Frauenhofer, verloren. Man erzählte mir, jener habe diesen aus einem einstürzenden Hause als einen Knaben von acht Jahren gerettet und für seine weitere Ausbildung gesorgt. Meister und Lehrling sind in ihrer Art groß geworden! –

Nach einem kurzen Aufenthalte in Wien begab ich mich der erhaltenen kaiserlichen Einladung zufolge nach Preßburg und wohnte vom Kaiser besonders ausgezeichnet der mit großer Pracht vollzogenen Krönung der Kaiserin bei.

Auf der Heimreise nach Venedig dachte ich der Vollendung meiner »Perlen der hl. Vorzeit«; begann während der Fahrt den »Moses« und vollendete ihn daheim bald nebst dem Gedichte »Samuel« und dem letzten Gesang der »Makkabäer«, »Judas Makkabäus oder Der Sieg«. Im nächstfolgenden Jahre (1826) wurde die neue, vermehrte Auflage in Wien bei Strauß gedruckt und ausgegeben. Sowohl nach der Vollendung meines Gedichtes »Rudolph von Habsburg«, als auch nach dieser letzteren Produktion fühlte ich meine Nerven wieder sehr stark angegriffen.


J. 1826.

An einem feuchtkalten März-Morgen ging ich in meinem Zimmer heftig gestikulierend auf und ab und schlug die Hände, wie es die Fischer zu tun pflegen, kreuzweis über beide Schultern, um mich etwas zu erwärmen. Plötzlich spürte ich an der Stelle, wo mein Schlüsselbein gebrochen war, einen brennenden Stich, den ich mir nicht erklären konnte. Bald darauf fuhr ich über Fusina nach Padua ab, wo ich, wegen einer Universitätsfeierlichkeit von dem dortigen Bischof zum Mittagessen geladen war. Ich klagte ihm über den Schmerz in meiner Schulter, und er sagte, nachdem [136] Caldani, der Professor der Anatomie, auch bei Tische sein würde, so möge ich mit ihm sprechen. Dieser trat mit mir vor Tische in ein Nebenzimmer, zog meine Rechte einigemal hin und her, indem er die Finger der anderen Hand auf die gebrochene Stelle legte, und schrie auf: »È rotto!« (Ist gebrochen!) Ich sah ihn erschrocken an und fragte endlich, was er damit sagen wolle. Da hieß es, das gebrochene Schlüsselbein sei nie recht geheilt, d.h. zusammengefügt gewesen und werde es auch nie wieder werden. Ich sah und hörte während des ganzen Mittagessens nichts mehr und fuhr betrübt nach Hause. Dort ließ mir der Prior der Barmherzigen Brüder von San Servolo, ein berühmter Chirurg, Portalupi, ein Stahlplättchen mit elastischen Bändern darauf befestigen, welches ich ein ganzes Jahr hindurch trug, und welches doch den Vorteil hatte, daß die Natur ein dichtes Geflecht über die Beintrümmer zog und sie niederhielt. Nun konnte ich mir erst die auch früher immer fortwährende Schwäche meines rechten Arms erklären!

Der allgemein hochgeachtete Pfarrer von St. Stefano in Venedig, Angeli, ein ehrwürdiger achtzigjähriger Greis, kam eines Tages zu mir und eröffnete mir, daß er ein Kapital von etwa dreißigtausend Franken (10.000 C.M.) bei Händen habe, die zur Zeit, als die französischen Truppen Venedig in Eile räumen mußten, zur Sustentation des ärmeren venezianischen Klerus, auf Meßstipendien usw. angewiesen waren, aber nicht ausbezahlt worden sind, weswegen sie der Vorsteher des Zahlamtes ihm als einem durchaus akkreditierten Manne auf sein gutes Gewissen zur Weiterförderung heimlich übergeben habe. Der ganze Betrag bestand in öffentlichen Papieren, die dann seither durch Verlosung in die Reihe der zahlbaren gekommen und erst kürzlich bei dem Mailänder Monte di pietà ganz ausbezahlt worden sind. Pfarrer Angeli übergab mir das Geld, damit ich darüber verfügen möge. Mir war, als ob es vom Himmel mir in die Hände gefallen wäre! Schon lange ging ich mit dem Gedanken um, für die alten abgelebten Priester der Stadt Venedig, die nie eine Anstellung als wirkliche Seelsorger hatten oder nach derselben in Dürftigkeit fielen und die oft wahrlich nicht zur Erbauung der Fremden sowohl als auch der Einheimischen in bettelhaft schmutzigem Anzug auf den öffentlichen Straßen und Plätzen zu sehen waren, ein ständiges Defizientenhaus zu errichten. Ein vormaliges Kloster mit einer kleinen, aber hübschen Kirche, die ein wohlhabender Krämer schon vor Jahren an sich gebracht, einen Teil der Gebäude in eine Fabrik umgestaltet, die Kirche aber samt einem Seitentrakt des Klosters aus Pietät in gutem Baustand erhielt, hatte ich dazu ausersehen, und er war bereit, mir selbe zu obigem Zwecke um eine sehr mäßige Summe zu überlassen. Ich ließ sogleich die Dechanten und alle Vorsteher der Kirchen zu mir kommen, eröffnete ihnen auf[137] unwiderlegbare Gründe gestützt den wohltätigen Zweck meines Vorhabens und besonders auch jenen, daß, nachdem nach Verlauf von so vielen Jahren schon viele von jenen, die auf dieses Eigentum des Venezianer Klerus Ansprüche machen konnten, gestorben sind, von den Überlebenden aber vielleicht nur wenige die ihrigen gültig erweisen könnten, er mir das Ganze zu seinem alleinigen Besten zur freien Disposition überlassen möge. Bald liefen von allen Pfarreien die schriftlichen Erklärungen ein, die mich mit der nötigen Vollmacht bekleideten; bald war das Defizientenhaus errichtet, mit allem Nötigen versehen und mit einigen der verdientesten greisen Bewohnern besetzt. Ein Reisender, Graf Deym, kam einst zu mir und fragte, wie ich doch bei meinem Klerus mit solchen Reformen durchgedrungen wäre? Man sehe die Geistlichen nicht mehr in so lumpichten Kleidern durch die Straßen ziehen und sie nicht mehr in den Weinschenken (botteghe) sitzen. – Bevor ich Venedig verließ, bestimmte ich noch ein kleines Kapital für jenes Defizientenhaus und eröffnete den Weg zu weiteren Beiträgen.

Ich genoß in diesem Jahre einer besseren Gesundheit, kehrte vergnügt von Gastein auf meine Villa an der Brenta zurück, war heiter und froh und träumte von so manchen schönen Plänen für die Zukunft; da trat, so sind die wechselnden Schicksale der Menschen, ein Ereignis ein, welches mich tief verletzte. Es lebte seit einiger Zeit der Marchese Guiccioli, dessen berüchtigte Gattin die Mätresse des Lord Byron war, wie eingebürgert in Venedig. Da er mir als ein Mann von sehr bösem Charakter geschildert war und mich auch sein Äußeres anwiderte, so nahm ich seine Besuche nicht gerne an und entzog mich am Ende derselben ganz. Auf einmal hieß es, auch seine Frau sei angekommen und bewohne mit ihm denselben Palast am Canale Grande. Alle Welt erstaunte darüber, diese durch eine Reihe von Jahren so auffallend getrennten Eheleute wieder vereint zu sehen. Indessen ergab sich später, daß sie zwar dasselbe Haus, aber geschieden in zwei Stockwerken bewohnten und auch sonst in gar keiner Gemeinschaft lebten. Bevor dies geschah, kam von der Justizbehörde in Ravenna, wo eigentlich beide Eheleute zu Hause waren, eine ämtliche Anfrage über das Zusammenleben derselben an die Patriarchalkurie und zugleich die Anzeige der gerichtlichen Entscheidung, daß für den Fall einer künftig möglichen abermaligen Trennung Marchese Guiccioli seiner Gattin nicht tausend, sondern zwölfhundert Scudi als Jahresgehalt zu bezahlen habe, wobei gebeten ward, diese Entscheidung in das Zeugnis über das Zusammenleben der beiden Eheleute zum Gebrauche der Behörde aufzunehmen. Das Zeugnis wurde von der Kurie ausgestellt und[138] der Ordnung gemäß von mir unterschrieben. Die Marchesa, wahrscheinlich von Haus aus wohl unterrichtet, ließ bei der Kurie öfters darum nachfragen und wußte endlich meinen alten Kanzler zu bereden, daß er es ihr ohne mein Vorwissen einhändigte, indem sie ihn versicherte, es nach einigen Tagen selber nach Ravenna überbringen zu wollen. Richtig hieß es nach demselben, daß sie sich aus Venedig nächtlicher Weise entfernt habe – und so war es auch!

Tags zuvor kam sie noch zu mir und ließ nur auf einen Augenblick um Einlaß bitten, da sie mir einen Brief des Legaten von Ferrara zu übergeben habe. Der Brief enthält die Empfehlung ihrer Angelegenheit. Dann dankte sie mir für das erhaltene Zeugnis und fing in einem weinerlichen Tone an, über die an ihr verübten Grausamkeiten ihres Gatten zu klagen. Als ich bemerkte, daß sie ihm durch ihr Verhältnis mit Lord Byron dazu Veranlassung gegeben haben möchte, erwiderte sie ganz unbefangen, allerdings sei sie – Amica des Lord's gewesen; allein ihr Gatte habe sie, wo sie noch kaum fünfzehn Jahre alt war und von der Welt gar keinen Begriff hatte, aus dem Kloster geholt und sie dann später an Byron um eine große Summe Geldes förmlich abgetreten; denn obgleich überreich, sei er von einem ungeheuern Geiz besessen, und nur als Byron in der Folge ihm einen bedeutenden Teil der stipulierten Summe vorenthielt, habe er einen unauslöschlichen Haß gegen sie gefaßt, mit welchem er sie allenthalben zu verderben drohe. So entschuldigte sie auch nach einer Bemerkung von mir ihr abgesondertes Wohnen in demselben Hause in Venedig damit, daß sie in jeder Speise Gift witterte, und sooft er auf sie zukam, in seinem Rockärmel einen Dolch zu erblicken glaubte. Ihr Gesicht, von dem sie den herabhangenden weißen Schleier gar nicht aufhob, zeigte noch Spuren ihrer ehemaligen Schönheit, und ihr goldfärbiges Haar wußte sie auch noch jetzt in das gehörige Licht zu setzen. – Nun war sie aber aus Venedig verschwunden, und die Verwicklungen der gespielten Tragikomödie lagen entwirrt vor aller Augen. Der Geizhals Marchese Guiccioli expatriierte sich zum Scheine nach Venedig, um sich dem Spruch des heimischen Tribunals wegen der zweihundert Scudi plus zu entziehen, und die Signora Marchesa spielte die Finte eines scheinbaren Zusammenlebens mit ihm mittels des erhaltenen Zeugnisses durch; denn kaum zu Hause angelangt, wandte sie sich an die dortigen Gerichte, ließ auf die Weinvorräte Guiccioli's Beschlag legen und sich obgenannte Summe lebenslänglich versichern.

Als ich eines Abends von meiner Villa nach der Stadt kam, traten ein paar Beamte des Tribunals di Prima Istanza (Landrechten) bei mir ein, um mir eine gegen mich durch den Marchese Guiccioli daselbst eingereichte Klagschrift in aller Form einzuhändigen. Die Klage hieß, daß ich durch jenes ausgefertigte Zeugnis[139] ihn auf unbestimmte, vielleicht noch lange Zeit um jährlich plus zu bezahlenden zweihundert Scudi zu Schaden gebracht, und ihn deshalb durch eines zu Handen des Gerichtes zu erlegenden Kapitals pro 4000 Scudi (über 8000 F.C.M.) zu entschädigen habe. Die Beamten gingen. Ich stand lange wie versteinert in meinem Zimmer da! Ein Patriarch von Venedig vor Gericht belangt – zum Schadenersatz aufgefordert. Es war zu viel! Doch nach einigen Tagen antwortete ich dem Tribunal gehörigermaßen, zeigte, was die patr. Kurie von einer fremden geistlichen Macht delegiert tun konnte und nicht konnte, und legte die nötigen Papiere vor. Die Klage ward abgewiesen, und bald darauf entfernte sich auch Marchese Guiccioli von Venedig, um wahrscheinlich noch weiteren Übergriffen seiner Frau vorzubeugen. Und somit war auch diese unangenehme Geschichte zu Ende!

Der ungemein milde Spätherbst hielt mich bis gegen Mitte November auf meiner schönen Villa fest, wo ohnehin der venezianische Adel am Martinstag (11. Nov.) mit seinen Pächtern Abrechnung zu halten und dann wechselweise hie und dorthin geladen fröhlichen Gastereien beizuwohnen pflegt; die nennen sie Far San Martino. In der Stadt sind splendide Mahlzeiten bei ihnen etwas höchst seltenes.

Meine Gondel erwartete mich zur Heimfahrt wie gewöhnlich an dem Landungsplatz von Fusina. Als ich mich in selber niederließ, ersah ich neben mir einen Haufen Briefe, die sie mir entgegenbrachte, und wählte lange in selben herum, bis mir einer von unbekannter Handschrift besonders auffiel – ich öffnete ihn, und oh, welch eine neue Epoche meines Lebens war in demselben angedeutet! Der ungarische Hofkanzler beeilte sich mir die vorläufige Anzeige zu machen, daß mich der Kaiser zum Erzbischof von Erlau ernannt habe. Obschon mir diese Ernennung schon seit mehr als einem Jahre in der Aussicht stand, so kam sie mir jetzt, wo ich seit längerer Zeit gesund und darum seelenfroh war, so unerwartet und so tief ergreifend, daß ich meinte, durch die Trennung von Venedig müßte ich von dem Leben scheiden. Es ist sonst wohl eine schöne Sache, in sein Geburtsland zurückkehren zu können, allein ich, der ich in dem meinigen eine so wenig frohe Jugend genoß, der ich von meinem zwanzigsten Jahre an in dem freundlichen Österreich und in einer, wie es schien, für meine ganze Zukunft festbestimmten Stellung achtundzwanzig Jahre verlebte und im ganzen bereits sechsunddreißig Jahre in glücklichen Verhältnissen von jenem abwesend war, wußte mich für jene Idee nicht zu begeistern; ich folgte dem höheren Rufe, weil es mein mir jeder Zeit so gewogener Kaiser also beschlossen hatte. Hätte er nicht zugleich meinen Nachfolger für Venedig am selben Tage ernannt, so würde eine Erklärung von meiner Seite mein ferneres Verbleiben in Venedig zur Folge gehabt haben.[140]

Als die Nachricht von meiner neuen Bestimmung in Venedig ruchbar wurde, da begann ein für mich oft quälendes Lamento daselbst, welches bis zu meiner Abreise kein Ende nahm, die aber eingetretener Umstände wegen erst zu Ende April des folgenden Jahres erfolgen sollte. – Doch welche Freude bereitete mir jetzt noch mein unaussprechlich guter Kaiser! Bald nach meiner Heimkunft sprang eines Morgens der Präsidialsekretär des Guberniums zu mir in das Zimmer herein, hüpfte hoch auf und lachte und jauchzte, so daß ich meinte, er sei wahnsinnig geworden; endlich vernahm ich die Worte: »Eccellenza! Die Allerhöchste Resolution ist angekommen; der Kaiser bewilligte alles, alles, was Sie wegen der Zurückgabe des entfremdeten Armenfonds verlangt haben!« Er reichte mir zugleich das Dekret in Abschrift dar, und ich las nun am ganzen Leibe zitternd vor grenzenloser Freude dasselbe vor ihm durch; doch erstickten bei jener Stelle die Tränen meine Stimme, wo es heißt: Die Wohltätigkeits-Kommission werde hiemit bevollmächtiget, ihre unter der italischen Regierung entrissenen Besitztümer wieder sich anzueignen, wie es der Patriarch, als Präses derselben, allerhöchsten Ortes in Anspruch genommen hat. Das k.k. Gubernium solle daher ungesäumt eine Kommission von Räten und Buchhaltungsbeamten ernennen, deren Sitzungen auch der Patriarch als Mitglied derselben beizuwohnen habe, um ehemöglichst den ganzen Tatbestand erheben und die geeignetesten Wege der Wiederherstellung bestimmen zu können. Es ist leicht zu erachten, daß ich nun, im Begriff, von meinem bisherigen Wirkungskreis in Venedig abzutreten, restlos darauf drang, die Arbeiten der ernannten Kommission in das Leben treten zu lassen, was dann auch mit dem günstigsten Erfolg geschah. Bald hatte die Pubblica Beneficenza verdoppelte jährliche Einkünfte, die Subskriptionsbeiträge wurden minder nötig, die testamentarischen Dispositionen fielen ihr und nicht wie bisher der Domänenadministration zu, und so wurde der früher so rasch zunehmenden Verarmung des venezianischen Volkes Einhalt getan und ihm eine bessere Existenz gesichert, wovon mir der Sekretär derselben vor ein paar Jahren dadurch einen Beweis liefern wollte, daß er schrieb, im J. 1844 seien um hundertfünfzigtausend Pfänder weniger wo sonst in das k.k. Versatzamt gekommen. – Hiezu muß freilich auch die Bewilligung des Freihafens und all der Begünstigungen, die ich in meiner obenangeführten Denkschrift für die Erhaltung Venedigs bei dem Kaiser erwirkt hatte, gerechnet werden. Auf diesen Erfolg meiner Bemühungen für die Wiedererlangung des entrissenen venez.[141] Armenfonds gründet sich die Weihe jener schönen Denkmünze, welche die Mitglieder der Commissione di Pubblica Beneficenza im J. 1827 mir zu dankbarem Andenken prägen ließen und mir eine davon in Gold nebst einer begleitenden Zuschrift nach Erlau übersandten. Das Brustbild umgibt die Inschrift: Ladislao Pyrkerio Patriarchae Venetiarum – und auf der Kehrseite steht: Viro Doctrina Prudentia Gravitate Probatissimo Patrimonii Pauperum Strenuo Assertori Quindecim Viri Mendicitate Ex Urbe Tollenda Ut Tanti Praesidis Agriensem Pontificatum Adeuntis Nomen Honos Benefacta Aeternarentur MDCCCXXVII. – Abate Gagliuffi, rühmlichst bekannter Dichter und Improvisatore von Genua, schrieb folgende Distichen dazu, die nebst anderen Poesien und einer kurzen Geschichte der Veranlassung zu obiger Denkmünze durch eben jene Mitglieder der Pubblica Beneficenza zum Druck befördert worden sind. (Tributo d'onore a Sua Ecceellenza G.L. Pyrker etc. Venezia. Typis Gius. Antonelli 1829).


Epigramma


Praesentem Adriaca vidi Te, Pyrker, in urbe,

Quaeque Tibi Venetus serta ferebat amor:

Nunc vidi heu! serio rediens, insigne Numisma,

Absenti Venetus quod tibi cudit amor.

Hinc laetor plaudoque libens Venetisque Tibique.

Hinc simul est Venetis et Tibi rarus honor;

Rari etenim Proceres, quos gens abiisse quaeratur,

Raraque gens Procerum, postquam abiere, memor.


Durch diese hohe, in ihren Folgen so wichtige Resolution des Kaisers wurde mein Austritt aus meiner bisherigen Wirksamkeit recht eigentlich zur Verklärung gebracht; der Zartsinn, mit welchem er sie noch kurz vor meiner Ernennung zum Erzbischof von Erlau herabgelangen ließ, zeigt, wie wohlwollend sein edles, väterliches Herz für mich gestimmt war! –

Oh, Du Allerbarmer im Himmel und auf Erden, ich beuge mich im Staube vor Dir und kann nur schwache Laute des Dankes stammeln, daß Deine gütige Vorsehung mich, den anfangs Widerstrebenden, auf eine Bahn geführt hat, auf welcher ich, reich durch die Huld und das Vertrauen meines Kaisers, denen mir Anvertrauten so große Wohltaten zuwenden konnte! Nicht war es mein Verdienst – ich habe dabei nur meine Pflicht getan – es kam alles nur von Deiner Gnade allein. Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit!

Quelle:
Pyrker, Johann Ladislaus: Mein Leben 1772–1847. Wien 1966 (Fontes Rerum Austriacarum, Abteilung I: Scriptores, Band 10)., S. 100-142.
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