Aus meinen Kinderjahren

Hinterpommern! Puttkamerun!! – – Schon bei dem bloßen Gedanken an diese etwas verrufene Ecke unseres lieben deutschen Vaterlandes wird's einem so merkwürdig »östlich« zumute. Es ist, als wenn heute noch ein Hauch des Mittelalters über die pommerschen Flachfelder weht.

Ein Adelssitz am andern, Rittergut an Rittergut; Stammschlösser und Tagelöhnerkaten, Herrenmenschen und Heloten. Von Zeit zu Zeit ein mehr oder minder in der Kultur zurückgebliebenes Bauerndorf, und in respektvoller Entfernung voneinander die kleinen industriearmen Landstädtchen mit ihren Ackerbürgern, Kleinhandwerkern und – Honoratioren.

So präsentiert sich uns das Land der Herrn von Puttkamer, v. Köller, v. Zitzewitz, v. Bonin, v. Waldow, v. Kamecke, v. Glasenapp und wie die alteingesessenen blaublütigen Herrschaften alle heißen mögen. Und diese Gegend ist meine Heimat. In einem der hintersten Winkel von Hinterpommern, in dem Landstädtchen Nn., erblickte ich als Sohn eines Kleinhandwerkers das Licht der Welt.

Kindheit! für viele ein wonniges Wort.

Heimat! glücklich, wer sie preisen kann!

Mein Vater war Schneider. Ich sehe ihn noch vor mir, lang, hager, altmodisch; dabei seelensgut, leider aber schwach und kränklich – brustkrank nannten es die Nachbarn. Er selbst hörte es nicht ungern, wenn er »Meister« tituliert wurde.

Eine Werkstatt mit Gesellen und Lehrlingen hatte er freilich nicht. Das einzige Zimmer der kleinen Mietswohnung diente für unsere sechsköpfige Familie daheim gleichzeitig als Wohn- und Schlafraum, als Küche und – obendrein auch als Werkstatt meines Vaters. Hier saß er an seinem Tisch zwischen Lappen und Flicken und pickte und pickte von früh bis spät; Mutter half.

Zwar wurden damals – es war in den 70er Jahren – auch schon Nähmaschinen in Hinterpommern eingeführt, doch mein Vater[5] hegte arges Mißtrauen gegen die »neumodischen Dinger«. Sein Zunftsprüchlein war: »Maschinenarbeit ist nichts gegen Handarbeit!« Vielleicht hätte er sich dennoch eines anderen besonnen, wenn die Nähmaschinen nicht gar so teuer gewesen wären.

So pickte er denn als »Handschneider« weiter, ein Jahr nach dem andern, für Ackerbürger, Arbeiter und auch für die Bauern der umliegenden Dörfer, immer in rastloser fleißiger Arbeit – bis er nicht mehr konnte. »Hier, hier sitzt's«, sagte er bei den schweren Hustenanfällen keuchend und griff mit beiden Händen atemringend nach der Brust.

Für seine Familie sorgte er redlich, so wie die ärmlichen hinterpommerschen Verhältnisse es einem Kleinmeister eben gestatteten. Diese Verhältnisse aber zwangen von vornherein zur Dürftigkeit.

Geld hatte in jener industriearmen Gegend einen ungleich höheren Wert, wie in den modernen Industrieorten Westdeutschlands. Wer es in dem Städtchen zu einem Einkommen brachte, wie es etwa heute ein qualifizierter großstädtischer Arbeiter hat, der durfte sich ohne weiteres zu den »besseren Leuten« des Ortes zählen, er rangierte nolens volens in der Zahl der spießbürgerlichen Respektspersonen. Hieran kann man ungefähr ermessen, wie es mit den armen Schluckern bestellt sein mußte.

Hatte mein Vater z.B. einen Taler, so betrachtete er denselben mit ganz anderen Augen, als wie wir heutzutage diese ganz gewöhnlichen, ordinären drei Mark betrachten. Alle Wetter auch: das war ein »harter Taler«, ein »Rad«, und fast liebkosend glitt der Blick seines glücklichen Besitzers über das für ihn so außerordentlich wertvolle Geldstück. Was konnte man für einen Taler aber auch alles kaufen, und – wie schwer war er zu verdienen! Und wurde ein Betrag von 1,50 Mark vereinnahmt, oder – mußte er gar mit einem Male verausgabt werden, so sprachen wir nicht etwa geringschätzig von lumpigen 15 Groschen. Ach nein – das war ein »halber Taler«, ein »barer halber Taler«. Der Schweiß von anderthalb bis zwei Arbeitstagen klebte daran. So begreift es sich denn ganz von selbst, daß meine Eltern unter solchen Umständen mit jedem Pfennig rechnen mußten. Tatsächlich habe ich[6] zu Hause auch nie ein Zehn- oder Zwanzigmarkstück gesehen, an einen Hundertmarkschein natürlich gar nicht zu denken.

Was Wunder, daß da bei uns Schmalhans Küchenmeister war. Ach die »Küche«! Nie werde ich sie vergessen, diese hinterpommersche Kost. Knapp, sehr knapp haben wir beißen müssen.

Des Morgens gab's Kaffee. »Schlurck« nannte meine Mutter das edle Getränk. »Von 13 Bohnen 14 Tassen«, meinte sie zuweilen in einem Anflug von wütendem Humor. Murrend warf mein Vater dann ein: »Na, als Handwerker können wir aber doch nicht Mehlsuppe essen, wie die Tagelöhner.« Natürlich würde die Reputation der ganzen ehrenwerten Schneiderzunft darunter gelitten haben, wenn wir Mehlwasser anstatt Zichorienwasser genossen hätten! Als Zubiß erhielt dann jeder je nach Alter und Größe eine halbe oder ganze Pamel alias Schrippe.

Waren die Kaffeebohnen alle geworden und im Geldbeutel besonders starke Ebbe eingetreten, so mußten wir selbst auf die frugale Zichorienlake verzichten. Es wurde dann für 'nen Sechser Milch geholt und hier ein tüchtiges Quantum kochendes Wasser hinzugegossen. Damit diese dünne, bläulich-weiße Brühe dann nicht gar zu fad schmeckte, wurde sie kräftig mit Salz gewürzt. Probatum est!

Einst verhalf uns diese »Milch« wirklich zu einer denkwürdigen Art von Reputation. Da ich nämlich zur Schule in der Regel keine Frühstücksstulle mit bekam, teilte der Sohn eines Malermeisters öfters seine Stulle mit mir. Das sah eines Tages der Lehrer, und teilnahmsvoll fragte er mich, ob ich etwa gar mit nüchternem Magen zur Schule gekommen sei. »Nein, wir haben Milch und Pameln gehabt«, erwiderte ich prompt. Da meinte der gute Mann in eigentümlich gedehnter Betonung: »Na, wenn ihr des Morgens mit der ganzen Familie noch Milch trinken könnt – – –« Das übrige konnte ich mir denken. Freilich, er hatte ja keine Ahnung davon, was das für »Milch« gewesen war. Mein Vater aber freute sich zu Hause königlich darüber, daß der Lehrer von dem peinlichen Verdacht abgekommen war, als könne es uns schlecht gehen! Und ich? Nun, ich hatte damals gerade etwas von optischer Täuschung in der Schule gehört.[7]

Ebenso einfach wie des Morgens war unser Speisezettel auch am Mittag. In lieblicher Reihenfolge wechselten da miteinander ab: Kartoffelsuppe, Buttermilch und Kartoffeln, Wrucken und Kartoffeln, Kohl und Kartoffeln, Mohrrüben und Kartoffeln, Kartoffelpuffer in Talg, Kartoffelklöße usw., alles in schönster Kartoffelharmonie. Fleisch gab's nur ein- bis zweimal in der Woche, und dann auch nur ein »Häppchen«. Am Fleischtage schielte einer nach dem Teller des anderen, ob dieser vielleicht auch »zuviel« erhalten habe, und jeder fischte mit geschäftiger Emsigkeit nach den etwaigen Fettaugen in der Schüssel.

Wie häufig dachte ich da an das hübsche Märchen vom »Tischchen deck dich«. Was hätte ich uns alles für prächtige Speisen herbeizaubern wollen! Mindestens doch dreimal täglich Braten und dicken Reis mit Blaubeersauce. Dem Schlächter hätte ich gewiß alle Würste und dem Konditor rettungslos allen Kuchen aus dem Schaufenster weggezaubert. Denn jedesmal lief mir das Wasser im Munde zusammen, wenn ich vor deren Schaufenstern stand. Leider kam niemand, der mir solch Zaubertischchen verehrte.

Des Abends war das Menu noch einfacher. Im Sommer das hinterpommersche Leibgericht »Klieben und Klamörkens« – ein Gemengsel von Wasser, Mehl und alten Brotkrusten mit etwas Milch angeweißt. Im Winter: einen Abend Kartoffeln und Hering, den andern – Hering und Kartoffeln. Höchstens zwei Heringe auf die Familie. Das zog. Freilich, Athlet konnte man bei solcher Kost nicht werden.

Wie froh war ich mitunter, wenn ich in einem günstigen Augenblick einen kühnen Griff in den Brotschrank tun konnte. Schnell wurde ein Stück Brot abgesäbelt, unter die Jacke gesteckt und draußen an sicherem Orte mit Wohlbehagen verzehrt. Es schmeckte prächtig, wenn's auch trocken war. Mutter sagte ja immer: »Trocken Brot macht Wangen rot.« Allerdings konnte Mutter es regelmäßig an dem rauhen und schiefen Schnitt des Brotlaibes merken, daß dem edlen Manna wieder jemand eine unerlaubte Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Meistens wurde ich denn auch als derjenige, welcher angesehen und bekam deswegen[8] manchen herzhaften Knuff. Doch das mußte riskiert werden; dafür hatte ich ja auch vorweg meine Entschädigung – im Magen.

Nun darf man jedoch nicht annehmen, daß gerade in unserer Familie eine Ausnahmearmut geherrscht hätte. Durchaus nicht. Nein hundert anderen Familien ging es genau ebenso, ja vielfach noch kümmerlicher. Diese Ernährungsweise bildete dort schon seit Menschengedenken den Normalzustand für die unteren Volksschichten. Man weiß es nicht anders und kennt es nicht anders; man glaubt einfach, das müsse so sein. Es ist eben »hinterpommersch«.

Die Sorge um den Lebensunterhalt hält die Gedanken der ärmeren Familien denn auch sozusagen Tag und Nacht wach. Nahrung und Feuerung, darum dreht sich alles. Zunächst hieß es: Wie beschaffen wir die nötigen Kartoffeln? Kaufen konnte man sie unmöglich alle bei dem geringen Verdienst. Da wurden sie denn bei den Ackerbürgern »ausgepflanzt«.

Die Ackerbürger gebrauchen nämlich für ihr Land in der Regel mehr Dung, als sie bei ihrem beschränkten Viehbestand produzieren können. Deshalb nehmen sie ganz gerne den Dung, den die ärmeren Leute im Laufe des Jahres ansammeln. Im Frühjahr fahren nun die Ackerbürger diesen Dung gegen einen kleinen Fuhrlohn auf ihr Land, und soviel Land mit dem Dung bestreut werden kann, soviel Kartoffeln können dann die Leute bei dem Ackerbürger auspflanzen. Sind die Kartoffeln im Herbste abgeerntet, so wird dieses Land von dem Ackerbürger gewöhnlich mit Wintergetreide (Roggen) besäet, und der Dung kommt dann auch diesem Getreide zugute.

Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß jeder »Auspflanzer« möglichst viel Dung zusammenzuklauben sucht. Je mehr er davon hat, desto mehr Kartoffeln kann er bauen; ganz abgesehen davon, daß jemand, der etwa zwei bis drei Fuder Dung abfahren lassen kann, dem Ackerbürger auch entschieden lieber ist, als einer, der nur ein halbes Fuder hat.

Wer es irgend kann, hält sich deshalb eine Ziege, und wenn möglich auch ein Schwein. Wir brachten es nur zu einer Ziege, deren[9] Fürsorge hauptsächlich mir anvertraut war. Da galt es, im Sommer das nötige Futter heranzuholen, damit das Tierchen nicht »auftrocknete«. Nun, darauf war ich bald geeicht, ohne daß der Feldwächter mich beim Wickel kriegte. Aber auch die erforderliche Streu mußte herbeigeschafft werden, sonst gab's ja nicht genügend Dung. Auch das wußte ich zur Zufriedenheit der – Ziege zu besorgen. Vor den Scheunen der Ackerbürger oder auf den Feldwegen zur Zeit der Heu- und Kornernte wurde eben soviel zusammen»geharkt«. Auch Moos und Fichtennadeln aus den umliegenden Holzungen schleppte ich zu diesem Zweck zusammen. Es blieb sogar noch ein kleiner Vorrat für den Winter. War im Spätherbst kein Gras und Kraut mehr zu pflücken, so wurde die Ziege mit Kartoffelschalen und Wrucken (Kohlrüben) gefüttert. Wohl oder übel mußten dann aber auch 1–11/2 Zentner Heu gekauft werden. Um unseren Dunghaufen zu vergrößern, ging ich mit meiner Schwester im Sommer nach beendeter Schulzeit auch häufig, mit Sack und Karre ausgerüstet, auf den Chausseen und Feldwegen entlang und sammelten »Fallobst« ein. Als solches bezeichneten wir Roßäpfel und Kuhfladen, die je nachdem, bald in angetrocknetem Zustande, bald aber auch recht warm und frisch, sorgfältig aufgelesen und – je mehr, je besser – im Triumph nach Hause spediert wurden. Gar zu gern taten wir es allerdings nicht, denn das Geschäft war nicht nur ziemlich schmierig, sondern fiel zuweilen auch stark auf die Geruchsnerven. Doch was half's, Mutterns Wunsch war in diesem Falle Befehl, und – hernach gab's dafür ein Stück Brot extra.

Auch für Brennholz sorgten ich und meine Schwester nach Kräften. Mittwochs und Sonnabends nachmittags, wenn keine Schule war, wanderten wir beide mit unserer Karre nach dem reichlich eine halbe Meile entfernten Walde und sammelten uns eine Ladung sogenanntes Raff- oder Leseholz, was von der Försterei gestattet wurde. Besonders wurden zum Holzholen die großen Schulferien ausgenutzt; fast täglich waren wir dann im Busch. Galt es doch, möglichst viel Vorrat für den Winter zu sammeln. Häufig brachten wir hierbei auch eine Mahlzeit Pilze mit nach Hause. Das Schönste war bei diesen Buschgängen für uns aber[10] die Zeit der Beerenreife, wenn sie uns auch mitunter arge Bauchgrimmen verursachte.

So mußten wir Kinder uns schon im zarten Alter nützlich machen, weil die traurigen Verdienstverhältnisse jener Gegend es eben so mit sich brachten. Gewiß würden meine Eltern uns gerne ein besseres Los verschafft haben, wenn es ihnen möglich gewesen wäre. Doch der Knüppel lag beim Hund. Was nicht ging, das ging nicht. Resigniert sagte meine Mutter manchmal: »Kinder, ich glaube, wir sind nun einmal zur Armut geboren.«

Wie oft hatte ich mir schon mal ein Paar neuer Stiefel gewünscht, wenn ich sah, wie die Kinder wohlhabender Eltern vergnügt in solchen einherstolzierten. Leider aber blieb das für mich ein frommer Wunsch, der, solange ich zu Hause war, nie in Erfüllung ging. Vom Frühsommer bis in den kalten Spätherbst mußte ich barfuß gehen. Schuhzeug galt dann für »uns Schlag Leute« als ein überflüssiger Luxus. Nur des Sonntags durfte ich Stiefel anziehen, und die waren bei irgendeinem jüdischen Alt-Trödler für höchstens 12 bis 15 Groschen als »abgelegt« gekauft worden; geflickt und verriestert auf allen Ecken und Enden. »Wichst sie nur tüchtig«, meinte Mutter, »dann ist das nicht so zu sehen.« Im Winter lief ich werktägig stets auf Holzpantinen; die Strümpfe waren mit derben Flicken »versohlt«, damit die Stopfwolle gespart wurde.

Mit der Kleidung war es ja etwas besser bestellt. Wenigstens mangelte es nicht an den nötigen Flicken. Wozu wäre mein Vater denn auch Schneider gewesen! Zu einem neuen Anzuge aber reichte es selten. Mit Vergnügen entsinne ich mich noch, wie mir mein Vater aus dem uralten abgetragenen Rock eines verstorbenen Exekutors einen »nagelneuen« blauen Schoßrock zusammengebaut hatte. Stolz wie ein Spanier zog ich als zehnjähriger Knirps mit dem patentwürdigen Garderobestück des Sonntags zur Kirche, woselbst ich im Orgelchor der Stadtschüler mitsingen mußte. Ich ließ es mir auch wenig anfechten, daß mir die Rockschöße um die Waden schlugen und andere Jungen mich deswegen weidlich auslachten. Würdigte mich doch sogar unser alter Kantor wegen des Rockes einer bewundernden Besichtigung,[11] wobei er mit jovialem Lächeln bemerkte, ich sähe jetzt mindestens so fein aus wie Joseph in dem bunten Rock, den ihm der Erzvater Jakob einst gemacht hatte. Mein Vater aber sagte von wegen der langen Schöße und der aufgekrempten Ärmel bedeutsam zu mir, die seien deswegen so »vollkommen« gemacht, damit ich da hineinwachsen könne. Daran ließ sich ja so ungefähr ermessen, wie lange der alte »Wallmusch« noch halten sollte.

In jener Zeit hörte ich auch schon mit großem Interesse den »politischen« Gesprächen zu, die besonders während der langen Winterabende zwischen meinem Vater und einer Anzahl seiner Nachbarn und Bekannten geführt wurden. Bei uns in der »warmen Schneiderbude« war gewöhnlich der Treffpunkt dieser »Feierabends-Zunft«, wie sie sich nannte. Wenn draußen der Wind heulte und die Schneeflocken flogen, erzählte es sich am warmen Ofen ja auch ganz gemütlich. Von Zeit zu Zeit machte dabei eine riesige Schnupftabaksdose aus Birkenrinde die Runde in der Gesellschaft und jeder entnahm diesem sogenannten »Müllkasten« ein gehöriges Quantum seines braunen Inhalts, damit die Unterhaltung gleichsam neu belebend.

Das Hauptgespräch drehte sich in der Regel um Kriegsgeschichten. Es waren auch in der Tat fast alles Männer da, die auf diesem Gebiete selbst etwas erlebt hatten und aus eigener Erfahrung reden konnten. Ein Maurer und ein Schuster hatten den siebziger Feldzug mitgemacht, der eine als Infanterist, der andere bei den schwarzen Husaren. Letzterer bewahrte seine schwarze Husarenmütze mit dem Totenkopf noch immer wie ein Heiligtum auf. Ein Gärtner war 66 mit gewesen. Er erzählte mit Vorliebe von der Attacke der dritten Dragoner am 3. Juli 66, die er mitgeritten hatte und bei der er verwundet worden war. Ein Holzpantoffelmacher war Teilnehmer an dem polnischen Invasionszuge gewesen; dieser äußerte jedoch stets am wenigsten Kriegsbegeisterung. »Ja ja, wenn die ewigen Strapazen nicht wären und die schlechte Behandlung«, meinte er vielsagend. »Was hat man denn davon?« Die Senioren der »Zunft« aber waren zwei Invaliden aus den Freiheitskriegen, ein paar alte Veteranen, die von einem »Gnadensold« lebten. Sie besaßen noch ihre Mäntel aus[12] der Franzosenzeit, in denen sie unter York und Blücher gekämpft hatten und die ihnen oft in kalter Biwaksnacht als Schlafdecke hatten dienen müssen. Ich betrachtete die beiden verwitterten Gestalten stets mit einer Art ehrfürchtiger Scheu; schienen sie mir doch schon deshalb um so verehrungswürdiger, weil es wirkliche und leibhaftige Zeugen einer Sturmzeit waren, aus der es nur noch vereinzelte Überlebende gab.

Bei den Erzählungen dieser Veteranen wurden die Geschichten und Personen jener bewegten Zeiten, von denen wir doch auch in der Schule manches lernen mußten, vor meinem geistigen Auge förmlich lebendig. Wie malte ich mir in kindlicher Phantasie den ersten Napoleon, den Blücher, den Schill, den Nettelbeck, die französischen Garden, die preußische Landwehr, die russischen Kosaken. Kugelregen, Schlachtgetümmel, Reiterattacken schwebten mir vor – ein begeistertes gegenseitiges Morden »mit Gott für König und Vaterland«. So ungefähr wurde es uns ja auch in der Schule gelehrt.

Aufrichtige Bewunderung hegte ich natürlich auch für die deutschen Heerführer des siebziger Krieges. Alles, was preußisch war, erschien mir groß, erhaben, ideal. Und das speziell »Pommersche« hiervon dünkte mich noch um vieles größer und erhabener. Kindlicher Stolz schwellte meine Brust darüber, daß es gerade die Pommern gewesen waren, die »unter persönlicher Führung Moltkes« am Abend des Schlachttages von Gravelotte den Sieg der deutschen Waffen herbeigeführt hatten. Wie ich mir das vorstellte! Gerade so mußte es ja gewesen sein, wie ich es auf einem Ruppiner Bilderbogen so herrlich »abgemalt« gesehen hatte. Moltke mit gezogenem Degen auf prächtigem Kriegsroß voran. Hinter ihm her die Kolonnen der braven Pommern. Rechts, links und überall um ihn platzen die französischen Granaten. Reihenweise stürzen die tapferen Krieger bei dem blutigen Ansturm. In ganzen Haufen liegen und fallen Mannschaften und Offiziere, nur Moltke nicht. Unverwundbar wie der Kriegsgott selber spornt er seinen Rappen. Mit blitzendem Degen zeigt er auf den weichenden Feind, das Feldherrnauge rückwärts gewandt. So feuert er die pommerschen Grenadiere mitten im heftigsten[13] Kugelregen an und führt sie in schneidigem Bajonettangriff über die geworfenen Rothosen hinweg zum Siege. Wirklich, dabei mußte doch jedes – Kind patriotisch werden.

Und nun erst Bismarck! War er nicht unser Speziallandsmann? Gewiß, ihm gehörte ja das pommersche Gut Varzin. Nur wenige Meilen von uns lag's entfernt mit seinen ausgedehnten Waldungen. Also hatten wir alle Ursache stolz zu sein.

Übrigens gab es ja auch in der näheren Umgebung unseres Ortes eine ganze Anzahl adeliger Gutsherrn, die an den letzten Feldzügen teilgenommen hatten, als Herr Leutnant, Herr Hauptmann, Herr Rittmeister, Herr Major oder auch als Herr Oberst. Häufig kamen diese Herren nach unserem Städtchen, jeder Zoll ein Edelmann. Im Sommer hoch zu Roß oder per Wagen, im Winter in eleganten Schlitten, in prächtige Pelze gehüllt, oft genug »viere lang« mit zwei Vorreitern, Kutscher und Diener in reicher Livree.

Honoratioren und Geschäftsleute standen dann nicht selten in ihren Haustüren und machten Bücklinge und Kratzfüße, und mancher zünftige Spießbürger rechnete es sich zur hohen Ehre an, wenn er das Glück hatte, derartig vornehme Herrschaften grüßen zu dürfen und gar – wieder gegrüßt zu werden. Die Herrschaften schienen diese ehrerbietigen Grüße der Einwohner als etwas ganz Selbstverständliches zu betrachten, denn meistens erwiderten sie jene Devotionen nur mit einem leichten, flüchtigen Kopfnicken; selten lüfteten sie die eigene herrschaftliche Kopfbedeckung. Wir Kinder aber freuten uns über die feurigen, schnaubenden Pferde, die dampfend und schäumend vor dem adeligen Gefährt prunkten. Ich versäumte zudem nicht, noch regelmäßig nach der Brust der Herren zu spähen, ob dort auch ein farbiges Ordensband im Knopfloch prangte. Erblickte ich es, so rangierte dessen Besitzer für mich ohne weiteres in der Reihe der tapfersten aller tapferen pommerschen Krieger. Er galt mir als eine Art höheres Wesen. In meinen Augen war er dann nicht nur ein geborener Führer und Offizier der gewöhnlichen Soldaten, sondern auch rechtmäßiger Herr und Gebieter in anderen Dingen, der ein natürliches Anrecht darauf hatte, daß ihm jedermann[14] mit Achtung und Zuvorkommenheit begegnete. So erzählten es uns auch die Lehrer in der Schule, und sie ermahnten uns oft, nur immer recht höflich und ehrerbietig gegen jene Herren zu sein, denn diese seien nach Gottes Willen die Obersten des Volkes. Und da mußte es doch stimmen.

Zu Hause wurden die patriotischen Empfindungen meiner regsamen Kindesseele jedoch zuweilen recht beträchtlich abgedämpft. Es war kein Zweifel mehr: Unser Vater war krank, schwer krank. Wie er dahinwelkte! Ein Schatten nur noch gegen früher.

Rund anderthalb Jahre war er dann bettlägerig, nur hin und wieder verließ er noch auf kurze Stunden das Lager, um sich am Fenster ein wenig zu sonnen.

Anderthalb Jahre ein schwerkranker Mann in der Familie! Sechs Personen in ein und demselben Zimmer, das für zweie eigentlich zu klein gewesen wäre, und dort wurde gewohnt, geschlafen, gekocht und gewaschen – und jetzt diente es auch noch als Krankenstube! »Kinder geht schnell zur Schule«, sagte Mutter des Morgens zu uns, »die Luft ist hier so dick, und Vater friert im Bett, wenn ich's Fenster aufmache.«

In diesen anderthalb Jahren kam kein Arzt über unsere Schwelle. Er war ja zu teuer. Mutter und die Nachbarn kurierten mit »Hausmitteln«; die sollten ja schon manchem geholfen haben. Um den Armenarzt zu bitten, das brachte mein Vater nicht übers Herz. Als meine Mutter gelegentlich eine diesbezügliche Andeutung machte, rief der Kranke erregt: »Was sollten wohl die Leute davon sagen, wenn ich als Schneidermeister – – nein, lieber will ich wie ein Hund krepieren, ehe mich der Armenschinder in die Finger kriegt.« So also bewertete mein Vater die Tätigkeit des freilich überall verrufenen Armenarztes, und so äußerte sich noch auf dem Sterbebett sein charakteristischer Handwerkerstolz.

Der Zustand des Kranken verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Sein Auswurf wurde stärker, und die Ausdünstungen benahmen uns zeitweilig fast den Atem. Eines Tages erschien dann in unserer Wohnung eine »barmherzige Schwester«, die kurz zuvor[15] nach dem Orte gekommen war. Sie unterzog den Leidenden einer teilnahmsvollen Besichtigung und reichte ihm zur Erfrischung eine Apfelsine. Draußen auf dem Flur sagte sie auf eine Frage meiner Mutter: »Machen Sie sich immerhin auf das Schlimmste gefaßt; soweit ich es zu beurteilen vermag, befindet sich Ihr Mann im letzten Stadium der Schwindsucht.« Tief erschüttert und mit schwerem Seufzer nahm meine Mutter diesen hoffnungslosen Ausspruch hin. Weinen konnte sie kaum noch, der Tränenstrom war während der letzten Monate schon zu reichlich geflossen. Die »Schwester« sprach ihr einige Trostworte zu und lobte es, daß die Stube »trotzdem« so reinlich aussehe. Im Fortgehen klopfte sie meiner Mutter aber bedeutsam auf die Schulter und meinte zu ihr: »Ich wundere mich nur darüber, liebe Frau, daß Sie und die Kinder unter diesen Umständen noch so gesund aussehen.« Jawohl, darüber habe ich mich später ebenfalls oft genug gewundert und ebenso darüber, daß meine Mutter unter der seelischen und physischen Last, die während der langen Krankheitsdauer meines Vaters auf ihr ruhte, trotz ihrer kräftigen Körperkonstitution nicht zusammenbrach.

Was hat diese brave starke Frau in jener Zeit alles geleistet! Bereits bevor mein Vater vollends bettlägerig wurde, verrichtete sie die Hauptarbeit in der Schneiderei. Der kränkelnde Vater konnte nur noch das Maßnehmen und Zuschneiden besorgen, die übrige Näharbeit sowie das Bügeln blieb zum größten Teil meiner Mutter überlassen. Unverdrossen, schier unermüdlich »pickte und stachelte« sie drauf los. Vielfach, besonders in den Wochen vor den großen Festen, war sie des Morgens schon lange an der Arbeit, ehe wir Kinder das Bett verließen, und des Abends nähte sie noch ebenso emsig Stich auf Stich, wenn wir schon längst wieder unser, ach so dünnes Bettchen aufgesucht hatten.

Als dann der Vater ans Krankenlager gefesselt war, lastete doppelte und dreifache Sorge auf ihren Schultern. Sie hatte nicht nur die Familie zu ernähren, sondern auch den kranken Vater zu pflegen. Mit der Schneiderei war es natürlich aus. Die Kunden – wer konnte es ihnen verargen – wünschten »gute Besserung« und blieben fort. Kurz entschlossen ging Mutter da als Arbeitsfrau[16] auf Tagelohn. Wegen ihrer für Frauen ungewöhnlichen Körperkraft fand sie auch glücklicherweise hinreichend Beschäftigung, als Waschfrau bei den Honoratioren, als Küchenarbeiterin in dem »ersten Hotel« des Orts und nicht zuletzt als Feldarbeiterin bei Ackerbürgern oder auf benachbarten Gutshöfen zurzeit der Korn- und Kartoffelernte.

Soweit es angängig war, kam sie im Laufe des Tages schnell einmal nach Hause und sah nach ihrem teuren Kranken. Wie ein Kind nahm sie ihn dann auf ihre starken Arme, bettete ihn um, ordnete und – reinigte sein Bett und legte ihn wieder zurecht. Dabei hatte sie, obwohl der Druck des Elends eine unverkennbare Gemütsverhärtung bei ihr hervorrief, immer noch ein paar freundliche Worte für ihn und uns, und dann ging sie ebenso schnell, wie sie gekommen war, wieder nach ihrer Arbeitsstelle. »Sie holt das Versäumte ja leicht wieder ein«, hörte ich die Nachbarn häufig sagen. Das wird wohl richtig gewesen sein. Wie sie es aber einholte, davon legten ihre rissigen, geborstenen Hände ein nur zu beredtes Zeugnis ab.

Schon damals waren die »Herrschaften« in Hinterpommern ausgesprochene Freunde einer möglichst langen Arbeitszeit, und es war durchaus nichts Seltenes, daß unsere Mutter des Morgens um 4 Uhr mit ihrer Waschbütte unter dem Arm fortging und erst abends um 10 oder gar 11 Uhr Feierabend machen durfte. Und für solch einen »Tag« verdiente sie dann 60 bis 75 Pfennige.

Leider hatten wir Kinder damals noch zu wenig Verständnis für die Wertschätzung der aufopfernden Gatten- und Kindesliebe und der fast übermenschlichen Anstrengung unserer guten Mutter. Soweit wir überhaupt darüber nachdachten – sei es weil die Nachbarn davon sprachen, oder unsere Mutter selbst einige Andeutungen hierüber fallen ließ – hielten wir es für ganz selbstverständlich, daß sie jetzt Sorge trug, unsere hungrigen Mäuler jeden Tag zu stopfen. Später aber gewann das Wort »Mutter« eine ganz andere Bedeutung für uns Geschwister. Nicht nur in natürlicher kindlicher Liebe, sondern in vollendeter Ehrfurcht und unbegrenzter Hochachtung gedachten wir der einfachen und[17] doch so hochherzigen Frau, die wir unsere Mutter nennen durften.

An den Zustand unseres kranken Vaters, an sein Husten, sein Seufzen und Stöhnen hatten wir uns in kindlicher Anpassungsfähigkeit nach und nach bereits gewöhnt. Nur wenn er nach einem besonders heftigen Hustenanfall völlig ermattet in die Kissen sank und uns so unvergeßlich traurig anblickte, oder wenn er aufstehen mußte und ihm die abgemagerten Beine den Dienst versagten, dann fingen wir Kinder wohl an zu schluchzen und sagten: »Vater stirb uns doch nicht.« Beängstigend leise und schwach klang es dann mehrfach von seinen trockenen Lippen zurück: »Ach wär's man erst zu Ende.«

Und das Ende nahte. Es war Nacht. Weinend weckte uns unsere Mutter. Schluchzend traten wir an das Bett des Sterbenden, um ihm noch einmal unsere Kinderhände zu reichen – zum Abschied für immer. Sprechen konnte er schon nicht mehr. Nur noch ein matter irrender Blick aus den glanzlosen Augen traf uns, während die Lippen sich wortlos bewegten. Dann wurde es stille. Der Tod hatte ihn von seinen Qualen erlöst.

Als wir dann von der Beerdigung nach Hause kamen, sagte unsere Mutter schluchzend: »Ach Kinder, nun liegt unser Vater in der Erde; was soll noch aus uns werden – auch ich fühle mich krank!« Die übermäßigen Anstrengungen der letzten anderthalb Jahre, die steten Sorgen, die vielen schlaflosen Nächte hatten auch ihre Gesundheit erschüttert.

O hätte ich doch helfen können! Wäre ich wenigstens schon ein Jüngling gewesen, wie hätte ich arbeiten wollen, damit wir nicht Not zu leiden brauchten. Doch ich war ja erst zwölf Jahre alt. Was konnte ich da ausrichten! Wunder aber geschahen nicht mehr, das hatte ich ja bei der Krankheit meines Vaters gesehen – trotz Singen und trotz Beten.

Glücklicherweise war die Krankheit meiner Mutter nur von kurzer Dauer. Ihre kräftige Natur überstand die heimtückischen Angriffe des Krankheitsdämons. Damit erwachte auch wieder ihre natürliche Energie und Tatkraft. »Es gibt ja viele Witwen, die alle sehen müssen, wie sie mit ihren Kindern durch die Welt[18] kommen«, pflegte sie jetzt zu sagen. Und sie ging rüstig ans Werk als Waschfrau und Tagelöhnerin. Mein älterer Bruder war bereits zu einem befreundeten Schneidermeister in die Freilehre gebracht worden, d.h. er mußte 4 Jahre lernen, wofür er von dem Meister beköstigt und gekleidet wurde.

Bald fand auch ich Gelegenheit, mich etwas mehr nützlich zu machen und einige bare Groschen mitzuverdienen.

In unserem Städtchen war ein Gymnasium, das unter andern auch von einer ganzen Anzahl Gutsbesitzersöhnen aus der Umgegend besucht wurde. Diese jungen Herren lebten größtenteils bei den sogenannten besseren Beamten, Lehrern, oder den kleinen Sechsdreier-Rentiers in Pension. Auch einer unserer Herren Pastoren, der Superintendent, hatte trotz seiner eigenen zahlreichen Familie noch ein halbes Dutzend solcher Gymnasiasten in Kost und Logis.

Hier bei Pastors fand ich jetzt Stellung als wohlbestallter Stiefelputzer gegen eine klingende Bezahlung von monatlich 2 Mark nebst täglichem Frühstückskaffee. Dafür hatte ich jeden Morgen vor der Schulzeit ein gutes Dutzend Stiefel und Schuhe zu putzen und die Kleider der ganzen Pastorfamilie sowie der Pensionäre zu reinigen. Zudem schleppte ich Holz und Torf aus dem Stall nach der Küche und besorgte des Nachmittags kleine Gänge, wofür ich dann mit einem Extrabutterbrot entschädigt wurde; auch fiel hin und wieder ein abgetragenes Kleidungsstück für mich ab.

Natürlich durfte ich nun des Morgens beileibe nicht die Zeit verschlafen, sonst stieg mir die Frau Pastorin arg aufs Dach. Bei der gab's nämlich keine Entschuldigung, selbst nicht im kältesten Winter, obwohl das Bett dann gerade am molligsten ist, wenn man heraus soll. Ach, und ich hatte einen Heidenrespekt vor der Frau, sintemalen sie mitunter recht unchristlich schimpfen konnte, besonders wenn sie ihr »Quartimmel« hatte; so bezeichnete nämlich Jette, das Dienstmädchen, die regelmäßig ausbrechenden Zornperioden ihrer Herrin.

Dennoch war meine rund zweijährige Tätigkeit als Stiefelputzer im Hause des Pastors von außerordentlichem Nutzen für mich,[19] vor allem in bezug auf meine geistige Entwicklung. Schon der allgemeine Umgangston war hier ein doch ganz anderer als zu Hause, wenigstens abgesehen von dem »Quartim mel«. Es wurde stets ein reines gutes Deutsch gesprochen. Ich hörte hier nicht die ständige Verwechslung von »mir« und »mich«, wie sie bei uns Volksschülern sonst durchweg üblich war. Die Kinder und Pensionäre des Pastors befleißigten sich stets einer korrekten, und in den Ausdrücken meistens sogar sorgfältig gewählten Aussprache. Und das färbte bis zum gewissen Grade auch bald auf mich ab. Von den jüngeren »meiner« Gymnasiasten wurde ich nämlich nach der Schulzeit des Nachmittags häufig zum Spielen eingeladen, was mir bei meinen nachbarlichen Spielgenossen aus der Volksschule freilich manch hämisches Wort der Mißbilligung eintrug. Denn seit jeher bestand nämlich zwischen Volksschülern und Gymnasiasten eine arge Schülerfehde, die nicht selten zu offenem Krieg ausartete. Auf der Straße kam es sogar zu regelrechten Schlachten zwischen beiden, wobei dann Lineale oder Schneebälle, mitunter aber auch gefährlichere Gegenstände als Kampfwaffen benutzt wurden. Selbst das Einschreiten der Polizisten und nachdrückliche Lektionen seitens der Lehrer vermochten dem Unfug nur zeitweise zu steuern. Jede Gruppe hatte natürlich ihren Spitznamen. Die Gymnasiasten hießen bei uns Schlemmer oder »Schlemmnasiasten«, während wir Volksschüler von jenen als Knoten bezeichnet wurden. Diese Gegensätze waren zwischen mir und den Gymnasiasten der Pastorfamilie in kurzer Zeit so gut wie ausgeglichen. Sie hatten mich gerne beim Spiel, und ich rang und balgte mit den jüngeren nach Herzenslust. Durch diesen Umgang eignete ich mir ebenfalls eine gewisse Gewandtheit in der Ausdrucksweise an, meine Manieren wurden etwas geschliffener.

Auch auf meine Schularbeiten war dieser Umgang von nicht zu verkennendem Einfluß. Einem jungen Tertianer machte es geradezu Vergnügen, mir Schulhilfe zu leisten und sich hierdurch gewissermaßen als meinen Privatlehrer zu betätigen. Auch ein 17jähriger Sekundaner korrigierte gerne in meinem deutschen Aufsatz herum und stellte mir die verschiedenartigsten Aufgaben.[20] Selbst der Herr Pastor erkundigte sich zuweilen wohlwollend nach meinen Schulaufgaben; lobte, wenn sie richtig waren, und tadelte leise, wenn er Holprigkeiten und Fehler entdeckte. Regelmäßig bekam ich hier lehrreiche Bücher zum Lesen, und ebenso regelmäßig wurde ich abgefragt, was ich mir aus dem Inhalt derselben eingeprägt hatte. So las ich Reisebeschreibungen von Forschern über fremde Länder und Erdteile, Biographien und Werke unserer Dichter. Ebenfalls wurde ich hier erst mit der alten Geschichte bekannt, aus der wir in der Schule ja so gut wie gar nichts zu hören bekamen. Auffallenderweise examinierte mich der Herr Pastor über religiöse Dinge nur äußerst selten, obwohl ich ihm gerne öfter einige Dutzend Bibelsprüche oder Gesangbuchverse aufgesagt hätte, denn hierin hatte ich in der Schule fast immer Nummer 1.

Mehrmals äußerte sich der alte Herr mir gegenüber, daß ich vielleicht einmal Lehrer werden könne, wenn mein Lerneifer anhielte und ich auch fernerhin gute Fortschritte in der Schule machen würde. Als ich diese Andeutungen meiner Mutter mitteilte, war sie anfangs ganz glücklich. Ihr Sohn ein Lehrer?! Ach ja, schön wäre es; in der Schule wurde ich doch ebenfalls als guter Schüler gelobt. Der Herr Rektor hatte es ihr selbst gesagt, als sie dort die Wäsche besorgte. Doch wo sollte sie als Waschfrau die Mittel dazu hernehmen? Je länger sie hierüber nachdachte, desto aussichtsloser erschien ihr die Verwirklichung jenes Gedankens, bis sie ihn schließlich vollends aufgab.

Unterdessen tat ich meine Arbeit als Stiefelputzer unverdrossen weiter. An jedem Monatsersten freute sich meine Mutter, wenn ich ihr stolz die verdienten 2 Mark in die Hand legte. »Es ist doch immerhin eine kleine Hilfe«, sagte sie dann. Mittlerweile bekam sie auf ihren Antrag auch von der Stadt eine Armenunterstützung von monatlich 3 Mark! Somit hatte sie also schon ganze 5 Mark pro Monat, die sie nicht erst selber zu erarbeiten brauchte. Ich erhielt aber noch bald einen weiteren Nebenverdienst.

Eines Morgens, als ich die gereinigten Stiefel und Kleider in die Zimmer der Pensionäre trug, nahm mich der Obersekundaner Manchow mit halb wichtiger, halb komischer Gebärde beim[21] Ohr, pflanzte sich in Hemd und Unterhosen vor mir auf und hielt mir in imitierter Studentenpose ungefähr folgende denkwürdige Ansprache:

»Höre mal Franz, alter Kronensohn, du bist hier Stiefelputzer, nicht wahr? Das ist ein unästhetischer Titel; akademisch nennt man das ›Wichsier‹, verstanden? (Ich nickte.) Du bist jetzt aber zu Höherem ausersehen, als nur zum Wichsier. (Ich horchte.) Ich habe dich nämlich bei unserem Präses, dem Primaner Kettner empfohlen – du weißt doch, hier nebenan beim Rentier Brennicke. Dort werden häufig unsere Vereinsabende abgehalten. Wir Primaner und Sekundaner haben bekanntlich einen akademischen Verein, der heißt Sphinx. Und hier brauchen wir ein Faktotum, verstehst du, Franz, ein Faktotum. Dazu habe ich dich auserkoren. (Ich lachte.) Siehst du, aus dir wird noch mal was! Wichsier bist du, und Faktotum wirst du, Mensch, was willst du noch mehr? Aber den Mund mußt du halten können, verstehst du? (Ich nickte.) In diesem Amt hast du erstmals Journale und akademische Hefte bei den Kommilitonen – nun, das sind die Vereinsmitglieder – auszutragen. Dann hast du bei unseren Kommersen – das sind die Kneipabende, du Schöps – Pfeifen zu stopfen, Fidibusse anzuzünden, Gläser zu spülen, Heringe abzuwaschen und – eventuell auch den Kotzeimer herauszutragen, verstanden? (Ich schüttelte mich.) Mach' nicht solch dummes Gesicht, Franz, das alles gehört mit zu deinem akademischen Dienst. Hoffentlich weißt du diese Ehre zu würdigen, mein Junge, nicht jeder ist dazu zu gebrauchen. Und nun ziehe in Frieden, heute nachmittag stellst du dich dem Präses vor!«

Pünktlich war ich beim Präses. »So, also du bist der kleine Steppke, den uns Manchow empfohlen hat«, meinte er kordial und fixierte mich durch seinen Klemmer. Darauf instruierte er mich ähnlich so, wie dies der Sekundaner bereits am Morgen getan hatte – und ich trat mein »akademisches Amt« an mit einem Monatsgehalt von 3 Mark!

Nun hatte ich Gelegenheit, ein Stück sogenanntes Studentenleben kennen zu lernen. Freilich waren die Mitglieder dieses Gymnasiasten-Vereins noch keine vollwertigen Studenten, doch die[22] meisten von ihnen wurden es bald. Deshalb schwelgten sie ja bereits in den Vorfreuden der kommenden Burschenherrlichkeit, und ihr Vereinsleben war schon völlig nach studentischem Muster zugeschnitten.

Am meisten interessierten mich anfangs die Kommersabende, die abwechselnd bei einigen »zuverlässigen« Sechsdreier-Rentiers abgehalten wurden. Es mußte bei dem »Soff« nämlich eine gewisse Vorsicht beobachtet werden, denn der Direktor des Gymnasiums hatte den Verein wohl zu gemeinsamen Studienzwecken gestattet, jedoch nicht zur Abhaltung burschikoser Kneipereien. »Saufen sollen wir nicht«, meinte der Präses zu mir, »das Vorrecht wollen die Philister alleine behalten; da kneipen wir eben ohne Genehmigung; verbotenes Bier schmeckt desto besser!«

Und wirklich, diesen Leutchen schmeckte es. Ich hatte die »Achtel« zu bestellen, den nötigen »Tobak« zu holen, Gläser und Kommersbücher zu plazieren; Heringe, Rollmöpse und Gurken zu beschaffen, sowie die erforderliche Anzahl Fidibusse bereit zu halten. Als Zeichen meiner Amtswürde mußte ich eine abgelegte Vereinsmütze tragen. Sie war zwar ein bißchen groß, doch ich legte so viel Papier hinein, bis sie paßte.

Im übrigen ging alles ganz kommentmäßig zu. Jeder qualmte aus seiner langen Pfeife, als wenn ein kleiner Bauer backt. Die »Füchse« holten »Stoff«. Der Präses klatschte alle Augenblicke mit dem Schläger auf den Tisch und rief sein »Silentium«, und die »Kommilitonen« redeten, sangen und soffen, daß es eine Art hatte, bis – sie alle oft besoffen waren.

Auch mir blühte dies edle Los einmal gründlich. In schönster Ulkstimmung waren nämlich einige eines Nachts auf den Einfall gekommen, ich solle ebenfalls ein Lied singen, aber auf dem Tisch. Der Gedanke fand Anklang. Ein hochaufgeschossener Primaner, dem ich fast zwischen den Beinen durchlaufen konnte, zog mir einen betroddelten Schlafrock an, steckte mir eine Pfeife in den Mund, gab mir einen Schläger in die Hand und hob mich auf den Thron. Dort oben malte er mir mit Lampenruß einen kühnen Schnurrbart, und nun sollte ich singen: »Vom Himmel[23] hoch, da komm ich her.« Wieherndes Gelächter erscholl bei diesem Vorschlag. Ein undefinierbares Gefühl aber sagte mir, es sei doch wohl nicht recht, einen Choral auf diese Art ins Banale zu zerren. Deshalb erhob ich verschämten Einspruch. Der Primaner meinte zwar, ich sollte nur getrost drauf los gröhlen, das schade heute nichts, in der Kirche könne ich das Lied ja ohne Schnurrbart und Schlafrock singen – doch schließlich waren alle damit einverstanden, daß etwas anderes gesungen werde. Da mir nichts Gescheiteres einfiel, sang ich einen Gassenhauer, der damals auf allen Leierkästen gespielt wurde. Gleich sang alles mit, und zum Schlusse wurde mir allseitig zugeprostet. Bei dieser Gelegenheit bekam ich nun als dreizehnjähriges Bürschchen einen wahren Kanonenrausch. Ich wußte kaum, wie ich nach Hause gekommen war.

Pünktlich am anderen Morgen wurde ich wieder geweckt. Ach, war mir elend zumute! Doch Mutter verstand keinen Spaß. Ich mußte heraus, ob ich nun wollte oder nicht. Auf »nüchternen Magen« gab's zunächst eine Strafpredigt, die sich gewaschen hatte, und dann: marsch, hin nach Pastors zum Stiefelputzen. Die frische Morgenkühle tat mir zwar gut; doch als ich bei Pastors in der warmen Küche war, da gab's kein Halten mehr. Mein armer Magen drehte sich mir förmlich um.

Da kam auch schon die gefürchtete Pastorin. Mein schuldbeladenes Gewissen sagte mir, daß jetzt wohl ein gelindes Donnerwetter auf mich zerknirschten Sünder herniederprasseln würde. Jedoch höchst angenehm wurde ich enttäuscht! Nichts als aufrichtige Teilnahme sprach aus den Zügen der sonst so strengen Frau, als sie mich in meinem »leidenden« Zustande erblickte. Wie eine Samariterin band sie mir ein nasses Tuch um den kranken Kopf, und ihre Hand fuhr mitleidig über meine blassen Wangen. Na, sie hätte nur wissen sollen!

Des Mittags, als ich mit hohlem Darm aus der Schule kam, empfing mich meine Mutter mit den Worten: »So Bürschchen, jetzt werde ich mal hingehen und mir deinen sauberen Herrn Präses ins Gebet nehmen; der mit samt seinen anderen Schlemmnasiasten sind selbst noch nicht einmal trocken hinter den[24] Ohren, und da wollen sie auch dir schon das Saufen beibringen! Na warte.«

Sie kam aber doch besänftigt wieder heim. Der Präses hatte einige Entschuldigungen geknurrt und ihr als Sühnegeld einen blanken Taler in die Hand gedrückt. Das linderte ihren Zorn.

Natürlich hielten die Mitglieder der Sphinx ihre ordentlichen und außerordentlichen Kommersabende auch weiterhin ab. Ich aber sah mich vor. Der Kater hatte gewirkt, und die Ermahnungen meiner Mutter taten das übrige.

Auf diesen Kneipabenden bekam ich zum ersten Male auch obszöne Bilder zu sehen. Was der Anblick dieser Photographien damals für Empfindungen in mir auslöste, läßt sich nur schwer beschreiben. Er brachte mich lange Zeit völlig aus dem seelischen Gleichgewicht. Meine kindliche Naivität war dahin. Hier sah ich also in naturgetreuester Darstellung Mann und Weib im intimsten Beieinander, jeden Zug, jeden Körperteil klar, verblüffend deutlich aufs Papier geworfen! Und richtige Photographien waren es. Das machte die Bilder erst recht interessant. Wären es nur Zeichnungen gewesen, so hätten sie vielleicht nicht eine so aufregende Wirkung bei mir hervorgerufen. Aber photographiert! Da mußten die Leute ja wirklich so ausgesehen haben, wie ich sie vor mir sah, und auch in Wirklichkeit das getan haben, was die Bilder darstellten. Ja es mußte sogar eine dritte Person dabei gewesen sein, um die Bilder aufzunehmen!

Doch das waren bald nur nebensächliche Erwägungen. Die Hauptsache blieb mir, daß ich jetzt in naturgetreuer Darstellung sah, was ich bisher nur unklar geahnt hatte. Auf Schritt und Tritt sah ich schließlich die Bilder vor mir. Zu Hause, in der Schule, im Bett schwebten sie mir vor. Ich träumte davon. Von da ab betrachtete ich die erwachsenen Frauen und Mädchen mit ganz anderen Augen. Es war mir, als müßte ich immer quer durch ihre Kleider hindurchsehen.

Was Wunder, daß ich schließlich nur noch einen Wunsch hatte: nämlich solche Bilder selbst zu besitzen! Bald war's gemacht. Bei dem nächsten Kommers meiner »Sphingiten« stibitzte ich einfach einige der saftigsten von der »Serie«. Ohne Gewissensskrupel[25] wußte ich sie aus dem Überzieher ihres glücklichen Besitzers hervorzuholen und in meiner Tasche verschwinden zu lassen.

Wer war froher wie ich! Gleich nachdem mein kühner Griff gelungen war, hatte ich mich, Kopfschmerz vorschützend, aus der fidelen Gesellschaft entfernt, und betrachtete nun mit innigstem Behagen mein gemaustes Gut beim trüben Schein einer einsamen Straßenlaterne. Von nun an trug ich die Bilder sorgfältig eingewickelt bei mir. Wo ich mich unbeachtet glaubte, holte ich sie hervor. Ich konnte mich gar nicht satt dran sehen.

Nach einiger Zeit aber empfand ich das Bedürfnis, auch anderen Knaben Mitteilung von meinem Schatz zu machen, denn: »geteilte Freude ist doppelte Freude«, sagte unser Rektor. Die gleiche Wirkung wie bei mir! Immer wieder wollten sie die Dinger sehen.

Was wohl die Mädchen zu den Bildern sagen würden? Ich mußte es doch mal probieren. Ganz heimlich zeigte ich eins davon Nachbars Berta, die so ungefähr in meinem Alter stand. O die kleine Berta! Rot wurde sie bis hinter die Ohren. Im ersten Augenblick maßloses Erstaunen; dann ein Pfui über das andere; zwischendurch verschämtes Kichern; Ausspucken; »na so was, nee!« Erneutes Kichern; ein Klaps auf meine Schulter; schließlich: »Ach zeig' doch noch mal!« Am andern Tage erzählte es die Berta ganz heimlich der Anna, die Anna der Ida, die Ida der Auguste. Nur einmal wollten sie's alle sehen; sie würden auch nichts nachsagen. Über die komisch-ernste Entrüstung, das drollige Kichern und die eigenartig empfindungsvolle Röte auf den Wangen meiner Gespielinnen konnte ich mich damals gar nicht genug freuen. Unbewußt kam ich mir vor, wie ein Stück Schürzenheld im Kleinen. Meine Gymnasiasten würden auf ihre Art gesagt haben: Salonlöwe.

Mein Hochgefühl der Freude bekam aber doch schließlich einen argen Stoß. Versetzt wurde er mir von der kleinen Anna, und zwar in einer Weise, die mir unvergeßlich sein wird. Wir spielten im Rudel »Greif« auf dem Scheunenberg. Anna stand abseits. Keck forderte ich sie auf, mit am Spiele teilzunehmen. Doch abwehrend, halb von der Seite traf mich ein Blick aus ihren großen[26] klugen Augen. Dann wandte sie sich ab und rief mir mit unverkennbarer Gebärde des Abscheus zu: »Geh, du bist 'n Ferkel! Mit dir spiel ich nicht mehr.« Das traf mich! Ich wußte, wo das hinzielte, und schob ab wie ein begossener Pudel. Ein Endchen weiter aber griff ich nach der Tasche mit den Bildern und murrte für mich: »Wenn ich ein Ferkel bin, dann sind meine Gymnasiasten Schweine!«

Quelle:
Rehbein, Franz: Das Leben eines Landarbeiters. Hamburg 1985, S. 5-27.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Leben eines Landarbeiters
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