Konservativ oder liberal?

[52] Es soll tatsächlich noch Leute geben, für die der »Eiserne« – der Patentschlips – Inbegriff des Weltmanntums bedeutet. Über diesen Punkt gibt es überhaupt gar keine Diskussion – die Attrappe, das Seinwollende, der Schein vertragen sich nicht mit dem Begriff: Gut angezogen.


Konservativ oder liberal

Gebot für den Gentleman: Deinen Binder binde du selbst, Freund, Frau, Freundin, oder alles, was sonst dein ist! Auch der tückisch nachgeahmte Schwung der schwarzen Ripsschleife für den Smoking hat nicht einmal mehr beim Lehramtskandidaten Daseinsberechtigung. Der letzte Hinterwäldler in den kanadischen Farmen knüpft sich mit eigener Hand des Sonntags seine »tie« –

Erspart mir, von »Röllchen« zu reden! Es ist ein Kapitel der Ehrlichkeit und Körperästhetik. Anknöpfmanschetten unterliegen harter Strafe wegen unlauteren Wettbewerbs. Wer als Unbegüterter im Büro sparen muß, lege sich meinetwegen einen Schutz über den weißen Vorstehärmel – das kleinere Übel!

Das Trägheitsgesetz manifestiert sich in seiner elementarsten Form in den schlechten Gewohnheiten der Herrenwelt. Manche tun, als schrieben wir noch 1848, und glauben, Charakterstärke zu zeigen, indem sie kostümiert wie weiland Turnvater Jahn einherspazieren. Die winzigste Kleinstadt gibt zu solch törichter Verblendung keine Entschuldigung ab. Im Zeitalter der Dampfwäschereien und Modejournale, der Körperpflege und Massenfabrikation wirkt ein Jägerhütchen zum Ulster, vom Straßenlärm musikuntermalt, wie ein leibhafter Anachronismus.

»Gehst du zum Weibe – laß das Nachthemd!« Der Pyjama erhöht deine Chancen um 50 Prozent. Du siehst besser in ihm aus, die Lederpantoffel werden zu Galoschen des Glücks, und der elegante Schnitt der Jacke läßt deine Figur verlockender erscheinen[52] und deine bürgerliche Unbedeutung vergessen. Schlafanzüge sind keine Erfindung effeminierter Dekadenz, sondern Kinder der schnellebigen Zeit, die verlangt, daß der Erwachsene nicht seiner eigenen Tante gleichend, sondern wie der erträumte Märchenprinz dem Bett entspringt, wenn ihn plötzlich ein Ferngespräch, Geldbrief oder Freundesbesuch ins Wohnzimmer ruft. Ein Pyjama, in dem man nicht einschlafen kann und sich bedrückt fühlt, paßt nicht oder ist aus ungeeignetem Material. Je leichter und durchlässiger, weicher und schmiegsamer – desto besser! In fürnehmer Gestalt und Edelverarbeitung wird der Schlafanzug zum fashionablen Heimgewand.

Bedenke, daß du zum Widerspruch reizt und deine Beliebtheit aufs Spiel setzt, wenn dir unversehens ein Paar (sit venia verbo!) Hosenträger hinten lieblich herunterbaumeln. Der Anblick schreckt auch die hartgesottensten Spießer ab. Hosenträger, an und für sich schon von Natur aus häßlich und verabscheuungswürdig, sind als wunder Punkt der Manneskleidung schamhaft zu verstecken. Niemals – auch nicht nach zwanzigjähriger Ehe – dürfen sie zum Vorschein kommen, geschweige denn an Sommertagen in Gottes freier Natur, auf Hotelveranden und Parkwegen »das Licht der Welt erblicken«! Man töte die Frevler! Gürtel geben Vollersatz – für Empfindliche sind elastische vorhanden.


Konservativ oder liberal

Last, not least – die Unaussprechlichen! Die Unter–beinkleider haben, Gott sei Dank, in den smarten Yankeestudenten die ersehnten Reformatoren gefunden und erscheinen als kurze Kniehöschen, zu denen lange Strümpfe getragen werden. Jawohl, meine Herren, lange, damit die Haut nicht scheuert, die schändlichen Sockenhalter wegfallen, welche oft so neckisch beim Sitzen hervorlugen, und damit bei kalter Witterung der Körper Schutz findet. Eine weibische Mode? Rederei! – Was wurde in den Jahrzehnten der galanten Epoche und der stürmischen Eroberer angezogen – Socken oder Strümpfe? Also bitte! ...

Quod erat demonstrantum ...[53]

Quelle:
Reznicek, Paula von / Reznicek, Burghard von: Der vollendete Adam. Stuttgart 1928, S. 52-54.
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