Fünfter Abschnitt

[235] Es war am 28. April des Jahres 1799, als diese Greueltat von Szekler Husaren verübt wurde. Die französischen Gesandten fuhren nämlich gegen acht Uhr des Abends in acht Wagen nach dem Rheinauer Tor. Als sie dahin kamen, wurde ihnen von den dort aufgestellten Szekler Husaren das Herausfahren verweigert. Die drei französische Minister waren daher sogleich ausgestiegen und aufs Schloß zu dem kurmainzischen Minister gegangen, um die Ursach dieses Aufenthalts zu erfahren und um eine militärische Eskorte zu bitten, welche ihnen aber von dem Szekler Rittmeister unter der Bemerkung verweigert wurde, daß sie mit Sicherheit über den Rhein gehen könnten. Zwischen neun und zehn Uhr waren sie daher wirklich noch zum Tore hinaus abgefahren. Da es stockfinster war, so hatten sie sich einen Fackelträger vorleuchten lassen. Etwa eine Viertelstunde nach ihrer Abfahrt hatte der ligurische Gesandte Boccardi nebst seinem Bruder, die in dem letzten Wagen gefahren waren, die Schreckensnachricht in das Gesellschaftskasino gebracht, daß die Wagen der französischen Gesandten, dicht vor dem Tore, von östreichischen Husaren gewaltsam angefallen und mit dem Säbel auf die Kutscher und Fackelträger gehauen worden wäre. Einige Zeit darauf hatte der Fackelträger als Augenzeuge die Ermordung des französischen Ministers Bonnier in die Stadt gebracht. Hierauf war der badensche Major und Stadtkommandant von Harrant hinausgeritten und[236] hatte die Leichname von Bonnier und Roberjot auf der Erde schrecklich mißhandelt liegen sehen. Er hatte darauf sämtliche Wagen in die Stadt zurückgebracht. Die Gattin von Jean de Bry, dessen Töchter, die Gattin des Ministers Roberjot, Sekretäre und Bedienten wurden unverletzt, aber zum Teil ihrer Kostbarkeiten beraubt, und mit kaiserlicher Eskorte vor das Schloß gefahren, wo sich alles neugierig hinzudrängte, worunter auch ich mich befand, aber von den Husaren zurückgehalten wurde. Die Madame Roberjot war halbtot in das Haus des königlich-preußischen Gesandten, Freiherrn von Jakobi, getragen worden, die Madame de Bry mußte auf der Straße aussteigen und wurde in ihr bisheriges Quartier im Schlosse, dann aber in das Haus des braunschweigischen Gesandten geführt. Über die Ermordung des Roberjot hatte sein Kammerdiener ausgesagt: es seien Husaren an den Wagen gesprengt, hätten dessen Glasfenster zerhauen und dann gefragt: »Minister Roberjot?«, worauf derselbe französisch »ja« gesagt und seinen Paß vom kurmainzischen Direktorialgesandten vorgezeigt hätte; die Husaren hätten den Paß zerrissen, den Minister aus dem Wagen gezogen, auf ihn stark losgehauen, und wie der Unglückliche noch einige Lebenszeichen von sich gegeben und seiner Gattin zugerufen hätte: »O sauvez, sauvez!« – noch stärker zugehauen. Die Gattin habe sich auf ihn stürzen und auch zerhauen lassen wollen, aber der Kammerdiener habe sie umschlungen und ihr die Ohren zugehalten, damit sie das schreckliche Todesröcheln ihres Gatten nicht hören möchte. Darauf habe ein Husar den Kammerdiener aus dem Wagen gerissen, ihn gefragt: »Domestique?«, und wie er es bejaht habe, ihm mit Zeichen zu bedeuten gesucht, daß ihm nichts geschehen werde; doch habe man ihm die bei sich gehabten Uhren und Gelder abgenommen, auch die Madame Roberjot sei der bei sich gehabten Chatouille beraubt worden.

Morgens um vier Uhr war der Graf Solms und der Major[237] von Harrant unter Eskorte von einem kaiserlichen Korporal und vier gemeinen kaiserlichen Husaren ausgeritten, ohne den Minister Jean de Bry zu finden, aber der Schulze im Dorfe Rheinau hatte die wichtige Nachricht gegeben, daß bereits kaiserliche Husaren sich nach einem geflüchteten blessierten Franzosen angelegentlichst erkundigt und verlangt hätten, wenn man diesen von ihnen beschriebenen Franzosen fände, solle man ihn ja nicht nach Rastatt, sondern um die Stadt herum durch einen bezeichneten Weg zu ihnen nach Muggensturm bringen oder ihn nur sicher verwahren und melden, daß sie ihn abholen könnten.

Früh am 29. April ging auch ich mit hinaus, um die getöteten Minister zu sehen. Der bis auf die Unterhosen und die Nachtweste entkleidete Minister Bonnier lag tot auf der Chaussee mit zerspaltenem Kopf und Armen und ganz vom Blute bedeckt; der noch bekleidete, aber gleichfalls ermordete Minister Roberjot lag einige dreißig bis vierzig Schritte weiter. Um zehn Uhr wurden die Körper gerichtlich aufgehoben, in eine benachbarte Scheune gebracht und durch den Physikus untersucht. Was weiter mit ihnen vorgefallen ist, weiß ich nicht; aber es herrschte eine allgemeine Furcht unter den Einwohnern, und jeder fürchtete, daß diese Greueltat für die Stadt üble Folgen haben könnte. Es wurde Session unter den Gesandten im Kasino gehalten, wo der glücklich gerettete Minister Jean de Bry sein Ehrenwort gegeben hatte, daß die Untat weder den Herren Gesandten noch der Stadt zur Last gelegt werden solle. Über seine Lebensrettung hat der Minister folgendes ausgesagt. Er sei, nachdem man ihn ebenfalls gemißhandelt und schwer über den Kopf verwundet hatte, bewußtlos zur Erde gefallen, die Husaren hätten ihn wahrscheinlich für tot gehalten, und er wäre ruhig ausgeplündert worden; da er einige Besinnung bekommen, habe er sich in dem Chausseegraben befunden, worin er ruhig liegen geblieben, bis sich der Schwarm entfernt; darauf sei er[238] weitergegangen, aber seine Kräfte hätten ihn verlassen, und er wäre am hellen Morgen von einem Landmann von dem nahegelegenen Holze durch die Gärten in die Stadt gebracht worden; mehrmalen wären die Suchenden an ihm vorbeigeritten, so, daß der Huf des Pferdes ihn berührt habe.

Der Herr Legationsrat Weyland hatte seinen Wagen in Straßburg zurückgelassen und erwartete denselben mit Besuch zurück. Da aber einmütig von den resp. Gesandtschaften der Beschluß gefaßt worden war, ungesäumt Rastatt zu verlassen, so sah ich mich genötigt, aus Mangel an einer Postchaise, für mein Geld und zu einem hohen Preis den ersten besten Wagen zu kaufen, um nur schleunigst mit fort zu kommen.

Nachdem das übrige französische Gesandtschaftspersonale den andern Tag (als den 29. April) früh unter sicherer Eskorte über den Rhein war, traten die Gesandten ihren Abzug an. Da die Stadt nicht Pferde genug hatte, so waren über zweihundert Pferde von den Dörfern herbeigeholt worden; ein jeder mußte vorliebnehmen, was der Postmeister ihm zuschickte, und man war froh, wenn man nur fortgeschafft wurde.

Sämtliche Gesandtschaften reiseten über Karlsruhe, wo am 30. eine Konferenz gehalten wurde, nach welcher ein jeder seinen Weg nach seiner Heimat fortsetzte. Der Abmarsch von Rastatt dauerte gegen zehn Stunden, und der Wagenzug machte eine vier Meilen lange Reihe aus.

Ich hatte drei elende Pferde vor meinen ziemlich bepackten Wagen bekommen, daher kam es, daß ich öfters durch andere ausgestochen und nach und nach der letzte wurde, da mein Wagen auf halbem Wege nach Karlsruhe halten blieb. Ich hatte auf Befehl des Herrn Geheimden Rats von Gatzert aus Darmstadt acht Wagen zu eskortieren und bald vorn, bald hinten zu tun, wobei ich immer ein wachsames Auge auf meinen Wagen haben mußte; auf einmal ward ich gewahr, daß der Fuhrmann[239] in das Wirtshaus lief und die Pferde stehenließ. Ich eilte ihm nach; hier aber erklärte er mir, mit seinen Pferden könne er nicht weiterfahren, wir möchten sehen, wie wir fortkämen. Ich mußte mich endlich dem Fuhrmannsgeschäft unterziehen, aber die Pferde gingen nicht von der Stelle. Der Bauer hatte sich aus dem Staube gemacht; die Sache litt keinen Aufschub, deswegen ging ich mit einem badenschen Husaren in den Pferdestall eines Bauern und fand darin zwei starke Pferde, aber keinen Fuhrmann dazu. Ohne uns lange zu bedenken, legten wir ihnen das Geschirre an und wollten eben einen Versuch zum Fahren machen, als der Eigentümer der Pferde aus dem Hinterhalte hinzutrat und sich bewegen ließ, uns vollends nach Karlsruhe zu fahren. Schon hörten wir von Rastatt her einzelne Kanonenschüsse und glaubten uns von den Franzosen schon verfolgt. Doch gelangten wir ungestört in Karlsruhe an, wo ich die erste Reparatur an dem Wagen vornehmen lassen mußte.

Von Karlsruhe reiseten wir über Durlach, Bretten, Neckarelz und durch den Odenwald, eine böse und damals höchst unsichere Straße. Wir hatten uns deshalb mit den nötigen Waffen versehen. Zu Neckarelz mußt ich meinen Wagen abermals ausbessern lassen. Es war eben Sonntag; eine Menge Neugieriger umstellte den Wagen. Da der Wagner und Schmied so lange zauderten, so fuhren die andern Wagen voraus. Eh ich fortkam, brach die Nacht ein. Indem wir durch einen Wald fuhren, wurden wir von drei handfesten Kerls angehalten, von welchen einer uns frug, woher wir kämen, während die beiden andern den Koffer loszumachen suchten. Ich ward es gewahr, zog unversehens meinen Säbel und versetzte damit dem Kerl, welcher uns angeredet hatte, einen solchen Hieb über seinen Hirnkasten, daß er rückwärts zu Boden schlug. Jetzt zog auch der Herr Legationsrat Weyland seine Pistolen und schoß eiligst hinten zum Wagen hinaus, wodurch beide zur Erde fielen. Der Postillion sowie[240] die Pferde, von diesem Doppelknall aufgeschreckt, strengten jetzt alle Kräfte an, um schleunigst aus dem Walde zu kommen. Die Räuber mochten aus der Gegend sein, wo wir zuletzt den Wagen hatten reparieren lassen. Endlich gelangten wir nach einer fünftägigen Herumreise glücklich zu Lichtenberg bei Darmstadt an, und hier fand auch ich bei dem dortigen Herrn Rentamtmann Weyland eine freundliche Aufnahme. Von da setzten wir unsre Reise über Frankfurt fort und kamen nach neunzehnmonatlicher Abwesenheit gesund wieder nach Weimar, wo ich die Meinigen gesund und wohl antraf.

Das erste, was ich nun tat, war, daß ich mein baufälliges Häuschen einreißen und wieder aufbauen ließ, da Flikken nicht anwendbar war.

Während dieser Zeit ward ich 1800 bei dem wissenschaftlichen Fache Großherzoglicher Bibliothek als Diener angestellt, und um diese Zeit unterwarf ich mich dem Freimaurergesetz, zeitlebens als Erdenbürger für mein und andrer Wohl nach Kräften tätig zu sein, Gutes zu wirken und die Erdenleiden standhaft zu ertragen. Inwieweit ich diesem Gesetze nachgekommen bin, wird man nach meinem Tode in meinen Papieren aufgezeichnet finden, da ich alles Bemerkenswerte aus meinem Leben in mein Tagebuch treulich eintrage. Einen Beweis meiner Tätigkeit wird man schon in 122000 Büchern Großherzoglicher Bibliothek wahrnehmen, welche ich nach ihren Lokaten bezeichnet und gestempelt habe.

Unsere aus mehr als zwanzig Seitenlinien bestehende, von meinem Vater abstammende Familie hat sich, gleich den Vögeln, in alle vier Weltteile verbreitet; einige leben in Ober- und Niedersachsen, Thüringen und Franken, andere haben sich gar nach Afrika und Amerika gewandt, wohin auch ich vielleicht gekommen wäre, wenn das Schicksal nicht gewollt hätte, daß ich im Lande bleiben und mich redlich nähren sollte.[241]

Hiermit empfehle ich mich dem Wohlwollen meiner geneigten Leser und wünsche ihnen, wohl zu leben, ich aber


denke frei,

handle treu

und übe meine Pflicht

mit Lust und Zuversicht.[242]

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 235-243.
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