Große Gefahr gegen Gefälligkeit

[217] Jetzt erst übersah ich das Gefährliche, in meinem Aufzuge nach Flörsheim zurückzukehren, aber ich mußte es wagen. Nachdem ich daher von meinem Freund Abschied genommen hatte, ging ich in Pantoffeln und Schlafmütze und mit einer leeren Flasche in der Hand frisch durch die Truppen hindurch, von denen einige mir zuriefen: »He, Marketender! Branntwein!« – »Ja, ja«, erwiderte ich, »ich hole welchen«, und so kam ich unangehalten wieder bis über den Rhein. Noch stand ein Posten auf der Landseite, dieser frug mich: »Landsmann, was hat Er in der Flasche?« – »Branntwein«, antwortete ich in der Übereilung. – »Nun, so gib her ein Glas!« Jetzt mußt ich gestehen, daß ich keinen hätte, sondern erst welchen holen wolle. Darüber fand sich der Soldat beleidigt und sagte, was ich ihm weismachen und wohin ich denn in den Pantoffeln wollte. Ich wär ihm verdächtig, und er müsse mich arretieren. Hierauf schoß er sein Gewehr ab, und in ein paar Minuten kam ein Unteroffizier mit vier Mann und frug, was es gebe. Der Soldat erzählte, wurde darauf abgelöset und ich von ihm und der Bedekkung ins Lager geführt und ins Verhör gebracht. Es waren hier nur noch ein paar Kompanien von der Garde des Königs, unter welchen ich, zum Glück, zwei Offiziere kannte, welche wußten, daß ich unter dem Herrn Oberkommissär von Debitz stehe. Ich erzählte ihnen nun unumwunden den ganzen Vorfall und wie ich mich durch diese List hätte aus der Verlegenheit retten wollen. So kam ich wenigstens mit dem Gelächter davon, das meine Erzählung erregte, und kam ohne weitern Aufenthalt nach Flörsheim zurück, wo man unter der Zeit nach mir gefragt hatte, ohne Rechenschaft geben zu können. Ich erfuhr dies auf dem Wege und eilte auf das Proviantamt, wo man mich bis gegen Abend in Geschäften aufhielt, weil das Magazin den folgenden Tag nach Mainz verlegt werden sollte, wohin ich mit beordert war.[218]

Als ich abends nach Hause kam und etwas Geld aus meinem Mantelsacke nehmen wollte, da – war meine ganze Barschaft weg und blieb es.

Da dacht ich an meinen Vater zurück und sagte, zu meiner Beruhigung, für mich selbst: bis dahin sollst du kommen, und nicht weiter! – Ich hatte gedarbt, um zu sparen, und nun war ich auf einmal durch meine freundschaftliche, unbesonnene Dienstfertigkeit um all meinen erknickerten Reichtum gekommen. Saßen andere sonst bei einer Flasche Wein, so trank ich eine Flasche Bier; ja, über einen Monat lang hatte ich mich größtenteils mit Bier und eitelm Brote beholfen, um nur etwas zurücklegen zu können. Die sämtliche Herren Offizianten, welche von meinem Verluste Nachricht bekommen hatten, legten zusammen, um mich einigermaßen zu entschädigen.

Als ich mit dem Magazin nach Mainz kam, ward ich in ein vom Eigentümer verlassenes Haus einquartiert. Bald darauf mußt ich auf das Proviantamt, um das von den Franzosen zurückgelassene, noch ziemlich beträchtliche Magazin zu übernehmen. Als ich mich abends wieder in mein Quartier begeben und in ein Bett gelegt hatte, hörte ich plötzlich einen fürchterlichen Lärm im Hause, der mich aus dem Bette trieb. Es waren plündernde Preußen, welche dieses Haus für ein der Plünderung preisgegebenes Klubbistenhaus gehalten hatten und aus Wut, daß sie darin nicht fanden, was sie suchten, ihre Säbel an den Meublen übten, welche ohne Mitleid zu Feuerholze zusammengehauen wurden. Unter andern stand ein Fortepiano in einem Zimmer, auf welchem die Kriegshelden ebenso mit ihren Säbeln spielen wollten. Ich trat jetzt herbei und frug sie, mit welchem Rechte sie hier solchen Unfug trieben. »Es ist das Haus eines Klubbisten«, antworteten sie, »und da wird nichts geschont.« Ohne zu wissen, ob es so wäre, widersprach ich ihnen und sagte, daß dies keines Klubbisten Haus wäre und sie sich strenge Ahndung zuziehen würden, wenn sie nicht[219] augenblicklich sich entfernten. Schon war die Rede davon, das Haus in Brand zu stecken, als ich aber ihnen drohte, daß ich um Hülfe rufen und sie an zeigen würde, hielten sie's für geratener, sich ungesäumt aus dem Staube zu machen. Nun verriegelte ich hinter ihnen die Tür und begab mich wieder auf mein Zimmer. Kaum war ich hier, als ein starkes Pochen an der Haustür mich an das Fenster trieb. Ich frug, wer da wäre, und erhielt zur Antwort: »Der Eigentümer des Hauses.« Als ich ihn eingelassen und die Ursach erzählt hatte, weshalb ich die Tür verriegelt hätte, dankte er mir auf das herzlichste und wußte nicht, wie er mir für meinen Schutz genug danken sollte. Es war der Registrator Wintersen, welcher mir versicherte, daß er weder am Kriege noch an der Revolution den mindesten Teil habe. Die Nacht hindurch wurde wenig oder gar nicht geschlafen, sondern nur die versteckten Sachen hervorgesucht, wozu ich getreulich mithalf. Den andern Morgen kam auch die Hausfrau mit ihren Leuten zurück, und nun begann für mich eine höchst angenehme Zeit. Ich hatte nicht nur freien Tisch, Wäsche und alles, was ich brauchte, sondern wurde auch als Hausfreund angesehen und so liebevoll von allen im Hause behandelt, daß ich bei mir dachte: wenn's immer so wär! Das einzige, woran im Hause Mangel war, war Brennholz; ich verschaffte ihnen welches und wurde dafür von ihnen bezahlt, als ob sie's vom Höcken gekauft hätten. Ich vergaß bei diesen braven Leuten all mein ausgestandenes Ungemach und wurde von meinen Mitkollegen um mein Logis beneidet.

Doch diese Herrlichkeit dauerte nicht lange, denn da nach einigen Wochen meine Geschäfte in Mainz abgemacht waren, so erhielt ich Befehl, nach Wesel zu reisen, um Anstalt zu treffen, daß ein Magazin über den Rhein geschafft würde.

Von den besten Wünschen begleitet, nahm ich von meinen biedern Wirtsleuten Abschied, gab das mir wieder gesammelte Geld, mit einem Brief an meine Frau, auf die[220] Post und ritt noch denselben Tag bis Bingen, wo ein Jude von Wesel, unser Lieferant, ein Schiff erwartete, welches den andern Tag eintraf, wodurch mir die Reise nach Wesel erspart wurde. Ich meldete hierauf in Mainz die Ankunft des Schiffs und erhielt den Auftrag, das Getreide nach Kreuznach transportieren zu lassen. Hierauf mußt ich mich nach Oberstein begeben, einem kleinen Städtchen an der Nahe, wo gute Agate gegraben und Schnupftabaksdosen verfertigt werden und eine in Fels gehauene, vom Grafen Falkenstein erbaute evangelische Kirche, worin sich ein Brunnen befindet, bemerkenswert ist.

Nachdem ich hier das fehlende Stroh und Heu hatte herbeischaffen lassen, eilt ich nach Birkenfeld, um Salz nach der Armee zu senden. Von da begab ich mich mit dem Kommissär Kobus über Ottweiler nach Fürth, unweit Wiebelskirchen, wo ich bei der Feldbäckerei angestellt und über Saarbrücken, Homburg, Zweibrücken nach Blieskastel gesandt wurde, wo ich bald mein Grab gefunden hätte. Hier lag nämlich einer meiner Kollegen an der Ruhr krank; aus Gefälligkeit besuchte ich ihn sehr oft, bis ich selbst mich angesteckt fühlte, worauf ich nach Homburg, dem Standquartier, eilte, wo ich zu meinem Glück in der dasigen Bruchischen Apotheke einquartiert und so gut behandelt wurde, daß ich nach einigen Wochen wieder ausgehen konnte. Zwar kostete mich die Kur sechs bare Karolins, deren Rechnung mir vor kurzem erst durch die Hand gegangen ist, aber ich dankte doch dem Himmel, daß ich mit heiler Haut davongekommen war. Nach der Meinung des Arztes war die Feuchtigkeit bei der Feldbäckerei meiner Natur zuwider, deswegen, und weil dabei nicht viel zu verdienen war, bemühete ich mich, von derselben wieder loszukommen.

Mittlerweile rückten die Franzosen, von Bitsch her, immer näher, und schon flüchtete sich der größte Teil der Einwohner; ich mußte aushalten, denn noch war ich zu matt, um mich zu Pferde setzen zu können. Zwar gab ich[221] mir alle Mühe, die Feldbäckerei noch zu retten, aber vergebens; sie fiel dem Feind in die Hände. Bald brüllte rings um die Stadt der Kanonendonner; die Preußen retirierten, und französische Chasseurs sprengten in die Stadt ein. Da hielt ich's doch fürs beste, auch an meine Rettung zu denken, und kroch in das Laboratorium, welches sich unter der Erde befand. Doch bald machte der Kanonendonner mir diesen unterirdischen Aufenthalt so fürchterlich, daß ich mich wieder hinauf in das Haus wagte, wo ich nur noch den Provisor antraf, denn die Frau Bruchin hatte sich mit ihrer erwachsenen Tochter, aus Furcht vor Gewalttätigkeiten, geflüchtet. Ich ging daher dem Provisor zureichend mit an die Hand und war eben im Begriff, einem blessierten Franzosen, welcher sich bis auf das Hemde ausgezogen hatte, ein Pflaster auf den Arm zu legen, als sich zwei sächsische Husaren an der Türe zeigten, welche den Franzosen gewahr wurden und von den Pferden sprangen. Als dies der Franzose sah, ergriff er seine Montur und lief damit durch das Haus. Die Sachsen setzten ihm zwar nach, aber vergebens, er war ihnen glücklich entgangen. Nun kehrten sie fluchend zu dem Provisor zurück und wollten Händel mit uns anfangen. Glücklicherweise kannte ich den einen Husaren, er hieß Lindner, aus Weimar gebürtig; durch diese Bekanntschaft vergaßen sie alle Rache und Habsucht. Auch der Provisor antwortete ihnen ganz trocken, die Apotheke sei ein privilegiertes Haus, in welchem die leidende Menschheit Schutz finden müsse. Darauf ließen sie sich Spiritus und Pflaster geben und trabten wieder ab. In dieser ungewissen Schreckenslage befanden wir uns von drei bis abends acht Uhr, wo es auf ein mal hieß, daß sich die Franzosen zurückgezogen und die Preußen bei dem Lustschlosse, dem Karlsberge, postiert hätten. Zum Unglück war mein Pferd mir genommen worden, deshalb mußt ich meine Sachen meistenteils bei meinen Wirtsleuten zurücklassen und mich zu Fuße nach der Feldbäckerei begeben, von welcher die Franzosen über achtzig Faß[222] Mehl hinweggenommen hatten, und es war an kein Fortschaffen mehr zu denken. Um wieder zu den Preußen zu stoßen, nahm ich meinen Weg im Dunkeln durch die Weinberge. Auf einmal donnerte mich ein »Wer da!« an. – »Gut Freund«, war meine Antwort. – »Feldgeschrei«, erwiderte der Soldat. Ehe ich meine Entschuldigung vorbringen konnte, daß ich es nicht wisse, feuerte der Soldat schon sein Gewehr auf mich ab, daß die Kugel mir an dem Kopfe weg sauste und ich für Schreck auf die Erde sank. Noch lag ich da, als der barbarische Kerl mich aufriß und nach der Pikettwache schleppte. Unterwegs sagte er zu mir, ich müsse doch ein Spion sein, weil ich mich durch die Weinberge geschlichen und nicht gleich Antwort gegeben hätte. Bei unserer Ankunft bei der Wache bat ich den Offizier, mich ruhig anzuhören, und erzählte ihm, was mich zu diesem Wege veranlaßt hätte. Der Offizier bedauerte meinen Zufall und ließ mich an das Feuer bringen, wo ich ohnmächtig wurde. Zum Glück war ein Feldscherer zugegen, der mir Tropfen und ein Pulver eingab, welches mich wieder zur Besinnung brachte. Hierauf ward ich nach Landstuhl gefahren, wo es aber fürchterlich aussah. Die ganze Stube lag voller Verwundeter und Kranker, und es war darin ein so pestilenzialischer Geruch, daß man davon des Todes sein konnte. Für Geld etwas zu essen oder zu trinken zu erhalten, daran war gar nicht zu denken, und da ich sonst nirgends hin wußte, mußt ich die Nacht über in diesem Aufenthalte des Jammers und der Verzweiflung unter den winselnden Kranken und Sterbenden zubringen.

Als am andern Morgen die Streu aufgebunden wurde, sah ich mit Entsetzen, außer einigen Neugestorbenen, einen toten Körper, der schon die Spuren längerer Verwesung an sich trug und auf welchem man, vermutlich unbemerkt, schon einige Tage gelegen haben mochte. Ich dankte dem lieben Himmel, als ich am folgenden Morgen auf einem Wagen nach Kaiserslautern geschafft wurde. Unterweges fehlte nicht viel, so wär ich gefangen worden;[223] eben während der Fuhrmann angehalten hatte, um einen Schnaps zu trinken, kamen zwei französische Chasseurs, hielten am Wirtshause an und bemerkten mich. Als sie aber sahen, daß ich krank war, waren sie barmherzig genug, mich unangetastet liegenzulassen. Ich hatte zweihundert Reichstaler preußisches Gold bei mir und wäre keine schlechte Prise für sie gewesen, wenn sie mich hätten durchsuchen wollen. Kaum waren sie fort, so kamen sechs preußische Husaren, welche zwei Beutepferde bei sich hatten und nach Kaiserslautern wollten. Ich sagte ihnen, wer ich wäre, und wie sehr sie mich verbinden würden, wenn sie mich auf eins von den Beutepferden setzen lassen und bis Kaiserslautern mitnehmen wollten. Sie willigten gern ein, machten mir einen Sattel zurecht und nahmen mich mit sich. Es wurde an das Rathaus vorgeritten, um Einquartierungsbillette zu erhalten; das meinige brachte mich zu dem Ratsphysikus, Herrn Beck, ins Quartier, welcher mir meine Gesundheit völlig wiederherstellte. Bald darauf kam ich von der Feldbäckerei hinweg und wurde bei dem Hauptmagazin angestellt, wo ich mich verschiedenen sehr gefahrvollen Aufträgen unterziehen mußte. So mußte ich zum Beispiel, bei aller Unsicherheit der Straßen, zur Nachtzeit fouragieren, spionieren und dergleichen. Einmal erhielt das Oberproviantamt Nachricht, daß ein Offiziant zu Burg Albert (ein Kloster zwischen Trippstadt und Pirmasens) das Magazin verlassen hätte. Ich erhielt daher mitten in der Nacht den Auftrag, unter einer Bedeckung von sechs Mann Bostelscher Reuter und einem Wegweiser dahin abzugehen, um die Sache zu untersuchen. Schon hatten wir eine ziemliche Strecke zwischen Gräben und Wasser zurückgelegt, als auf einmal der Sturmwind die bei uns habende Windfackel verlöschte. Da hielten wir nun in der dicken Finsternis und wußten uns keinen Rat; wir riefen nach dem Wegweiser, aber da war keiner zu hören noch zu sehen. Endlich wurden wir von fern ein Licht gewahr, auf welches wir ungesäumt zuritten. Auf einmal[224] sah ich unsern Boten mit der Fackel querfeldein laufen: wir riefen ihm zu, innezuhalten, aber er hörte nicht, daher setzte ich ihm nach, holte ihn ein und gab ihm mit der breiten Klinge ein paar derbe Hiebe auf den Rücken. »Ach Gott, Herr«, rief er bittend, »ich höre nicht! Ich hatte nur die Fackel wieder angezündet und glaubte, Sie wären unterdessen vorwärtsgeritten, deswegen lief ich querfeldein; ich habe Sie nicht verlassen wollen.« Der arme Mann dauerte mich nun, und ich hätte ihm gern meine übereilte Hitze abgebeten, wenn er mich verstanden hätte. Er führte uns treuherzig weiter und in einen zwei Stunden langen Wald, wo das Windlicht abermals verlöschte. Hier sagte uns der Bote, er wolle in einer benachbarten Mühle sich eine Laterne borgen, wir möchten nur ruhig halten. Was wollten wir machen? wir mußten ihn gehen lassen. Zu unsrer Verwunderung kam er wirklich bald darauf mit einer Laterne ohne Glas zurück, mit der er uns glücklich bis an die Mühle brachte, welche ausgeplündert und mit Kranken und Blessierten angefüllt war, weshalb wir vorzogen, unter freiem Himmel zu übernachten. Unweit der Mühle gewahrten wir ein Feuer. Wir ritten auf dasselbe los und fanden einige blessierte kaiserliche Kroaten dabei, welche sich vom Galgenberge bei Kaiserslautern dahin geflüchtet hatten. Sie jammerten für Hunger und Schmerzen so sehr, daß ich aus Mitleid dem Boten drei Gulden gab, um uns Branntwein dafür zu schaffen. Er antwortete, daß, etwa eine halbe Stunde weit, welcher zu bekommen und er bereitwillig wär, uns welchen herbeizuholen. Ich traute ihm, und er ging fort. Da er aber über eine Stunde ausblieb, so sagten die andern, er würde sich wohl für die empfangenen Hiebe durch dies Geld bezahlt gemacht haben und außen bleiben, und schon stimmte ich dieser Meinung selbst bei, als ich, bei Tages Anbruch, ihn mit einer Flasche unter dem Arm auf uns zukommen sah. Er entschuldigte sich, daß man ihm die Tür nicht geöffnet habe, daß er nicht gleich Schnaps habe erhalten können und darnach hätte[225] herumlaufen müssen. Jetzt sahen wir alle beschämt unsern Irrtum ein und dankten ihm herzlich für seine Ehrlichkeit. Ich verteilte den Schnaps unter Gesunde und Kranke, von denen zwei unterdes ins Laub gekrochen und in ewigen Schlaf versunken waren, und gab dem Boten überdies ein Kopfstück (vierundzwanzig Kreuzer) für seinen Weg. Der Anblick der Entseelten rührte mich so sehr, daß ich die sämtlichen Anwesenden beredete, die unglücklichen Schlachtopfer des Krieges zu beerdigen. Sie wurden in eine Vertiefung gebracht, mit Erde überschüttet und dann, nach einem andächtigen Gebete, das Lied angestimmt: »Ihr habet überwunden, Kreuz, Leiden, Angst und Not« usw. Nach dieser Feierlichkeit setzten wir uns zu Pferde und eilten nach Trippstadt, wo ich einen andern Boten nach Burg Albert, einem ehemaligen Kloster, bekam, in welchem man ein Magazin angelegt hatte, von dem ich aber wenig mehr vorfand, weil, wie ich erfuhr, es von einigen frechen Menschen ausgeleert worden war. Ich begab mich mit meiner Bedeckung dahin und war so glücklich, noch einige mit dem preußischen Wappen versiegelte Säcke vorzufinden, welche sie mir nebst dem andern kleinen Vorrat nach Trippstadt transportieren mußten. Hierdurch gewann ich mit Recht zwanzig Gulden, der größte und letzte Gewinn, den ich auf einmal bei der Armee erlangt hatte. Ich hatte nämlich nur Befehl, über das im Magazin vorgefundene Getreide zu berichten, und nichts mehr. Meine Fourage verkaufte ich an den Hirschwirt in Trippstadt, welchem in der Folge sein ganzer Vorrat von den Franzosen geplündert worden ist. Mein Unternehmen war so verwegen als gefährlich, da die Franzosen nur eine Viertelstunde davon standen und uns leicht hätten überfallen können.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 217-226.
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