Verhalten in bezug auf Leidenschaft und Temperament.

Im Allgemeinen muß der Grundsatz gelten, daß man Personen, von denen man Vorteile erwarten darf, so nehmen muß wie sie sind; die gleiche Lehre ist bei denjenigen zu befolgen, die uns zwar als Freund wenig nützen, als Feind aber vielleicht viel schaden können. Wir selbst haben nach solcher Vollendung zu streben, daß wir sind, wie wir sein sollen, und nicht so verbraucht werden müssen, wie wir eben sind.

Es gibt Personen, die gehässig und rachsüchtig sind, ohne daß man ihnen irgend welche Veranlassung dazu gegeben. Es liegt eben in ihrer Natur. – Solche Leute meide man, wo es irgend tunlich; denn Vorteile wird man von ihnen schwerlich erwarten können. Man suche also nur danach zu streben, sie nicht zum Feinde zu haben.

Selbstsüchtige Menschen werden anderen ebenfalls wenig nützen. Sie lassen anderen nur da etwas zukommen, wo sie hoffen, dadurch größere Vorteile erreichen zu können. Sie werfen, wie man sagt, mit der Wurst nach dem Schinken. Man tut am besten, einen anscheinenden Vorteil, den sie uns gewähren wollen, gar nicht zu benutzen, da man bei solchen Menschen nie weiß, was dahinter steckt. Der Habsüchtige ist der Spinne gleich, die in ihrem Netz auf das Insekt lauert, um es dann aussaugen zu können. Der Geizige meidet überhaupt jeden Umgang, weil er jeden als einen Dieb ansieht. Einen Geizhals wird man sich selten zum Freunde halten[27] können; denn wie kann er eines anderen Freund sein, wenn er sein eigener Freund nicht ist? Es steht doch außer Zweifel, daß er sich selbst weniger liebt als sein Geld. Auf seine Freundschaft ist absolut nicht zu rechnen. Um einem solchen Menschen aber nicht geradezu mißliebig zu sein, wird man gut tun, wenigstens in seiner Gegenwart ökonomische Gesinnung zu äußern und sich als ein unversöhnlicher Feind aller Pracht und Verschwendung zu zeigen. Zuweilen hat ein solcher Knauser auch wohl noch eine andere Leidenschaft, der er aber nur dann fröhnt, wenn sie mit seinem stärkeren Laster, dem Geize, nicht kollidiert. Man kann sich also bei ihm beliebt machen dadurch, daß man ihm Gelegenheit zur Befriedigung dieser Leidenschaft gibt. Ist er also ein Frömmler, so wird man gut tun, von ihm ruhig anzuhören, daß alle Welt von seiner Frömmigkeit spricht, aber man hüte sich, sein Befremdeu darüber zu äußern, daß er beim Verlassen der Kirche niemals einige Pfennige in die ausgestellten Becken wirft.

Mit arbeitsscheuen Menschen kann man, wenn sie sich in guten Verhältnissen befinden, sehr leicht umgehen. – Die Abnahme irgend einer kleinen Arbeit, das Verschaffen einiger Bequemlichkeiten setzt uns bei ihnen in Gunst. Wenn aber die Arbeitscheu sie bereits körperlich und geistig hat herunterkommen lassen, dann werden sie wohl uns kaum noch etwas nützen können, schaden können sie uns aber auch nicht, weil sie keinen Einfluß besitzen. Möglich wäre dieses nur durch eine Infamie. Gegen diese wird man sich aber überhaupt nicht schützen können. Sie rächt sich an ihrem Urheber ganz von selbst.

Am leichtesten umgehen kann man mit Personen, die Lieblingsneigungen haben. Einem Bücherwurm bringe man einen sogenannten alten »Schmöker« von Anno dazumal mit, und er freut sich, wie ein Kind. Einen Pferdeliebhaber bitte man, uns in seinen Stall zu führen und lasse sich von ihm erklären, daß das Graditzer Gestüt dem zu Trakehnen vorzuziehen sei. Auch höre man aufmerksam zu, wenn er erzählt, wie ein Pferdehändler ihn mit einem Fuchs anschmieren wollte, der eine Hornspalte hatte, daß man aber ihm, einem Kenner, mit[28] derartigen Faxen nicht kommen dürfe. Die Blumenfreundin hält dir einen stundenlangen Vortrag über Botanik. Höre ruhig zu, laß es dir aber nicht einfallen, dabei zu gähnen, sondern vergleiche die paar Kinder Floras anf dem Balkon der »Blumophile« mit den schwebenden Gärten der Semiramis und du bist sofort in ihrer Gunst.

Schwerer kann man mit genußsüchtigen Leuten umgehen. Sie stellen zu große Anforderungen, und es erfordert viel Klugheit, gut mit ihnen auszukommen. Den Umgang mit ausschweifenden Menschen vermeide man ganz, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil man auf ihre schändlichen Pläne eingehen muß, um bei ihnen etwas zu erreichen. Ihnen ist jedes anwendbare Mittel recht, das zu ihrem Zweck führt.

Die Blasierten haben gewöhnlich das Leben mit seinen Genüssen in vollen Zügen gekostet. Ihre Lebensweise hat die Nerven, die ganze Sinnestätigkeit überreizt, so daß sie jetzt unempfindlich gegen alles sind. Sie haben sich an das Gift derartig gewöhnt, daß selbst die stärkste Dosis bei ihnen keine Wirkung erzielt. Harte, abgelebte Züge kennzeichnen das Gesicht dieser Unglücklichen, die bei allem, was andere erfreut, empfindungslos bleiben. Ihr Gefühl gleicht einem ausgebrannten Krater, – es ist auf ewig tot darinnen. Sie sind keiner Leidenschaft, keiner Empfindung fähig, nichts erfreut sie, dumpf und mürrisch brüten sie für sich hin. – Mit solchen Leuten ist schwer auszukommen. Wenig oder garnichts kann man ihnen recht machen, und man tut am besten, sie einfach gewähren und ihren eigenen Weg gehen zu lassen.

Auch Säufer und Spieler sind eine schlechte Gesellschaft, da ihre Laster von ansteckender Wirkung sind.

Die Ehrgeizigen kann man durch eine Devotion sich zu Freunden machen. Da aber nichts widerlicher ist, als jene katzenartig schleichende Kriecherei, so ist zu diesem Verfahren nicht zu raten. Im allgemeinen sind diese Menschen auch neidisch und jede, selbst die geringste Fähigkeit, die sie bei uns entdecken, welche sie aber selbst nicht besitzen, jede uns gewordene Auszeichnung, erregt ihren Neid. Jede uns widerfahrende Zurücksetzung macht sie schadenfroh. Sie sind also, wenn irgend möglich, zu umgehen. Ebenso geht es mit herrschsüchtigen[29] und stolzen Leuten. Neben ihnen wird man nie existieren können. Man muß sich entweder ihnen unterordnen, oder aber – sie aus dem Felde schlagen.

Ganz ungefährlich sind die geistig trägen Menschen. Sie sind ein großes Nichts, einem alten Stück Möbel vergleichbar, das uns überall im Wege steht. Niemandem nützt es, aber auch niemand beachtet es.

Dem Streitsüchtigen, Rechthaberischen gebe man immer Recht. Widerspruch reizt ihn nur noch mehr. Der Versuch, ihn eines Besseren zu belehren, macht ihn rasend. Man meide ihn also, wenn man nicht mit ihm umgehen muß.

Wie der Geiz nach einem alten Sprichwort die Wurzel alles Uebels ist, so ist die Lüge die Mütter aller Laster. Schon Schiller sagt so wahr und treffend:


– »Das eben ist der Fluch der bösen Tat,

Daß sie fortzeugend Böses muß gebären«. –


Eine Lüge folgt der andern, und es wird zuletzt aus Lüge Gemeinheit, Niedertracht und Bosheit.

Im gewöhnlichen Leben stuft man das Gegenteil der Wahrheit in zwei Klassen ab, in Unwahrheit und Lüge.

Erstere kann unabsichtlich und absichtlich geschehen.

Man kann unabsichtlich eine Unwahrheit verbreiten, welche man selbst als solche nicht erkannt hat. Dieser Fall dürfte entschuldbar sein, wiewohl immerhin ein sträflicher Leichtsinn darin liegt. Man sollte stets bedenken, daß das einmal ausgesprochene Wort nicht wieder zurückkehrt, die vollbrachte Tat nicht ungeschehen gemacht werden kann. – Man kann sich aber auch absichtlich einer Unwahrheit schuldig machen, z.B. durch die sogenannte Notlüge. Wenngleich diese auch schwer zu entschuldigen ist, so macht sie ihren Täter doch nicht zum Lügner in dem Sinne, wie das Laster der Lüge aufgefaßt werden soll. Ist es beispielsweise nicht eine absichtliche Unwahrheit, wenn ein Gehülfe in Abwesenheit seines Prinzipals anstatt zu arbeiten andere Sachen im Kopfe hat und in dem Augenblick, wo der Prinzipal in das Zimmer tritt, so emsig und fleißig ist, als ob er keinen Augenblick von der Arbeit aufgesehen habe? – Ist es nicht absichtliche Unwahrheit, wenn der Käufer einer Ware im guten Glauben[30] sie rein und unvermischt zu erhalten, eine Mischung von guter und geringerer Qualität erhält? – Ganz gewiß. Ein derartiges Verfahren stempelt seinen Täter aber immer noch nicht zum Lügner in dem hier aufgefaßten Sinne.

Erst wenn ein Mensch die Sprache zu haben glaubt, um seine Gedanken zu verbergen; wenn er gewohnheitsmäßig entweder aus Eigennutz oder aus dem bloßen Gefallen an jenem lasterhaftem Vorgehen oder aus sonstigen Gründen beständig sich unwahr zeigt, wenn er mit einem Wort die personifizierte Lüge ist: dann gehört er zu jenem Ausschuß der menschlichen Gesellschaft, dem wir fliehen müssen, wie einer ansteckenden Krankheit.

Hierher gehört z.B. die Verleumdung, jenes hinterlistige Abschneiden der Ehre, eine Handlung, die geradezu gemein ist. Vor einem Diebe verschließt man seine Tür, dem Feinde im Felde tritt man bewaffnet entgegen, aber man kämpft mit offenem Visir, Mann gegen Mann. Man kennt seinen Feind und kann ihn taxieren. Der Verläumder arbeitet im Stillen. Man weiß nicht, daß man angegriffen ist, und man sieht seinen Gegner wie beim Meuchelmord erst, wenn man den tötlichen Schlag empfangen hat.

Nun giebt es noch eine Gattung von Lügnern, die ganz harmlos ist.

Man stelle sich einen Menschen im gereiften Alter vor. Er ist jovial und liebenswürdig im Benehmen, ein ganz angenehmer Gesellschafter, mit einem Wort ein recht gemütlicher alter Herr. Die Konversation ist in bestem Fluß und im Laufe derselben kommt das Gespräch auf die Jagd. Das aber ist die schwache Seite unseres »aufrichtigen Lügners«. Er erzählt mit einer Lebenswahrheit, welche ein klares Bild deutlich vor Augen stellt, Jagdgeschichten, die alle ihn, den Erzähler, zum Helden haben, von denen aber nicht ein Wort wahr ist. Wir Zuhörer wissen dieses freilich, amüsieren aber darüber und tun, als ob wir's glaubten. – Wenn dann der Erzähler nach Hause geht, so empfindet er eine wahre Herzensfreude. – In diesem Genre haben sich die Jagd-, Soldaten-, Reise- und Studentengeschichten einen gewissen Ruf erworben. Jeder Erzähler erfindet selbst immer neue hinzu. – Wie aber soll[31] man jene Leute klassifizieren? Sie verbreiten absichtlich und vorsätzlich Unwahrheiten; aber sie in die Klasse der Lügner einzureihen, wäre ungerecht, zumal sie uns absolut keinen Schaden zufügen. Man nennt sie im Leben kurzweg und bezeichnend »Münchhausianer« und ihre Erfindungen »Münchhausiaden«.

Gehen wir nun zu den Temperamenten über.

Mit dem Choleriker muß man zunächst zu sympathisieren suchen, also einen raschen und aufgeweckten Geist verraten. Alles müde, schläfrige und träge Wesen verabscheut er, seinen Versprechungen darf man trauen, denn er ist ein Mensch der raschen Tat und Entschlossenheit. Man widerspreche ihm nie, weil er der, Belehrung wenig zugänglich ist, nnd man hüte sich, es mit seiner Freundschaft zu verderben, weil er seinem Haß die Rache folgen läßt. Also sei vorsichtig dem Choleriker gegenüber, er kann Dir ein guter Freund, aber auch ein gefährlicher Feind sein!

Der Phlegmatiker wird Dir als Freund wenig nützen können, seine Tatkraft ist nicht weit her. Willst Du Dich bei ihm in Gunst setzen, so versuche, seiner Bequemlichkeit entgegen zu kommen und Dich ihm dadurch angenehm zu machen. Auf seine Versprechungen darfst Du keine Häuser bauen. Kannst Du Dir seine Freundschaft auch leichter erwerben als die des Cholerikers, so ist sie doch nicht von großem Wert. Als Feind wird er Dir nicht viel schaden, seine Bequemlickeit hält ihn von ernster Tat zurück.

Den Sanguiniker wird man sich ebenfalls leicht zum Freunde halten können, wenn man auf seine Zukunftspläne eingeht. Wenn Du ihm etwas versprichst, so erfülle es rasch, er wartet nicht gern lange auf etwas, und die Geduld ist nicht gerade seine Tugend. Hat er Dir etwas zugesagt, so wird er es auch halten, wenn es ihm nicht zu große Schwierigkeiten bereitet. Erfüllt er aber sein Versprechen nicht schnell, so brauchst Da wohl gar nicht darauf zu rechnen, denn mit Mühe Versäumtes nachzuholen, ist nicht seine Passion. Hüte Dich auch, Deinem sanguinischen Freunde Geheimnisse anzuvertrauen. Er spricht nämlich gern und viel, und seine rege[32] Phantasie malt sich leicht ein anderes Bild, als die ursprüngliche Skizze zeigte.

Der Melancholiker ist schwer als Freund zu gewinnen. Seinem in sich verschlossenen Wesen sagt der freundschaftliche Umgang nicht zu. Hast Du aber seine Freundschaft errungen, so halte sie fest, er ist ein treuer Freund. Auf seine Versprechungen kannst Du Häuser bauen, denn er schreckt vor keinem Hindernis zurück und löst sein gegebenes Wort jedenfalls ein. Ein furchtbarer Feind ist der Melancholiker. Die kleinste Beleidigung trägt er jahrelang nach und ruht nicht, bis sein Rachedurst gelöscht ist, darum sei dem Melancholiker gegenüber besonders vorsichtig! – –

Mancher der in das Leben hinaustritt, hat es sich leichter vorgestellt, die Menschen nach ihrem Werte zu taxieren, als es in Wirklichkeit ist.

Darum laß Dich die Mühe nicht verdrießen, immer wieder neue Vergleiche anzustellen und immer wieder neue Erfahrungen zu machen.

Wenn Du nur ein ganz klein wenig in die Erkenntnis des Seelenlebens anderer eingedrungen bist, so wirst Du ganz von selbst immer mehr Gefallen daran finden, Neues hinzu zu lernen. Die Menschenkenntnis ist eine Kunst, in der man nie auslernt.

Es gibt Menschen, die andere zu kennen glauben, und nicht einmal sich selbst kennen, sie täuschen sich selbst, sie überschätzen sich und unterschätzen andere und werden auch nicht eher zur wahren Einsicht kommen, bis sie am Ende ihrer Wanderschaft stehen und auf ein Leben voll Täuschungen und bitterer Erfahrungen zurückblicken.

Quelle:
Samsreither, J. V. & Sohn: Der Wohlanstand. Altona-Hamburg 2[1900], S. 27-33.
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