Die Polonaise.

[233] Sie ist ein Tanz von ernster und würdiger Natur. Ein graziöser, ja gewissermaßen gravitätischer Schritt ist ein[233] Haupterfordernis der Polonaise. Woher die Polonaise gekommen, läßt sich nicht genau nachweisen. Jedenfalls müssen wir, um auf den Ursprung zu kommen, in der Geschichte weit zurückgreifen. Nach alten Schriften, Gedichten, Gesängen, Tanzliedern, nach Bildern und alten Deckengemälden zu urteilen, bestand der Tanz anfänglich überhaupt nur daraus, daß die Personen sich einfach nebeneinander oder im Kreis hintereinander herumbewegten, entweder bei ruhiger Haltung langsam gehend oder bei lebhafter Bewegung hüpfend und springend. Dieses geschah nach Musik oder Gesang oder nach beiden zugleich. Zuweilen wurden Musik und Gesang von den Tanzenden selbst, oder die Musik von anderen zur Begleitung des Gesanges ausgeführt. Man faßte sich entweder dabei gar nicht an oder nur an dem Ärmel des Gewandes oder an den Fingerspitzen, oder auch man gab sich die Hand. Das richtete sich immer nach dem zeitweiligen Gebrauch; auch war dabei maßgebend, ob der Tanz bei Festlichkeiten ein Ausdruck der Freude oder Trauer sein sollte. Man bediente sich auch dabei der Feier entsprechende Requisiten, beispielsweise der Fackel. Der Gebrauch der Fackeln stammt von den Römern, die bei besonderen Festlichkeiten zu gewissem Zeremoniell Fackeln zu benutzen pflegten. Im 12. Jahrhundert gab es schon einen Tanz, bei welchem Fackeln benutzt wurden, und den man deshalb als Fackeltanz bezeichnete. Dieser Tanz ist wohl als der erste höhere Gesellschaftstanz anzusehen. Der Fackeltanz bestand in einem Umzug der fürstlichen Persönlichkeiten mit ihren Ehrengästen, denen verschiedene Hofchargen als Fackelträger voranschritten. Der Herr schritt neben der Dame oder führte sie an der Hand zu seiner Rechten. Noch heute gilt der Platz zur Rechten einer Person als der Ehrenplatz und wird den Damen oder Respektspersonen eingeräumt.

Alle Erscheinungen deuten darauf hin, daß dieser Tanz ruhiger und zeremonieller Natur war, und man nimmt deshalb an, daß in früheren Zeiten überhaupt mehr als jetzt in der Musik der 3/4 oder 3/4 Takt vorherrschte. War dies der Fall, so hatte man auch einen dieser Taktart und ihrem Rhythmus entsprechenden Schritt, wobei abwechselnd der rechte[234] oder linke Fuß auf den schweren oder guten Taktteil kam, wie es heute noch bei unserer Polonaise ist. Betreffs des Namens war allgemein die Meinung vorherrschend, daß die Polonaise ein polnischer Nationaltanz sei. Man ist auch geneigt, den Ursprung derselben nach Frankreich zu verlegen, wo sie wie Menuett und Gavotte an dem üppigen Hofe Ludwig XIV. entstanden sein soll. Am sichersten ist jedoch die Annahme, daß die Polonaise sich an dem glänzenden Hofe des sächsischen Kurfürsten August des Starken aus dem Fackeltanze entwickelt hat. Bekanntlich wurde August der Starke 1697 König von Polen und residierte abwechselnd in Dresden und Warschau. Durch die Tatsache, das nachweislich die Polonaise in ihrer jetzigen Form Anfang des 18. und Ende des 17. Jahrhunderts in Sachsen erschien, gewinnt die vorstehende Behauptung an Wahrscheinlichkeit und wird die Annahme bekräftigt, daß die Polonaise deutschen Ursprungs ist. Die Polonaise hat sich derartig eingebürgert, daß man fast auf jeder Tanzordnung zur Eröffnung des Balles die Polonaise findet. Ihre außerordentliche Beliebtheit verdankt sie ihrer leichten Ausführbarkeit, welche es jedem, ob jung oder alt, gewandten oder wenig gewandten Tänzer, möglich macht, an derselben Teil zu nehmen. Die leichte Ausführbarkeit ist nach Einführung des Marsches in 2/4 Takt als Polonaisemusik erhöht worden, da das Marschieren danach leichter ist, als nach der Polonaisemusik im 3/4 Takt. Zum guten Gelingen der Polonaise gehört vor allen Dingen ein kundiger Führer. Wer soll Führer sein? Es läßt sich über diesen Punkt viel streiten und wohl nur die Regel aufstellen, daß auf einem Privatballe der Gastgeber, auf einem Ball, der von einem Klub veranstaltet ist, ein Mitglied des Vorstandes die Ehre hat, die Polonaise anzuführen. In Privathäusern hält man es außerdem vielfach so, daß der Hausherr mit der vornehmsten Dame oder der vornehmste Herr mit der Hausfrau das erste Paar bilden. Der Hausherr kann auch durch ein Mitglied der Familie vertreten werden. Mag man dies nun halten wie man will, zu berücksichtigen bleibt immer zweierlei: Erstens darf sich niemand dazu vordrängen, in einem fremden Hause als Unberufener den maitre de plaisir[235] spielen zu wollen, und zweitens soll jemand, dem wohl die Ehre zusteht, den Reigen zu eröffnen, diese Ehre an einen der Sache Kundigen abtreten, wenn er selbst nicht im Stande ist, nach den Ansprüchen der Gesellschaft die Polonaise zu führen. In vielen Fällen wird die Polonaise auch durch eine sachkundige Person, einen Tanzlehrer geleitet, dem das ganze Tanzarangement des Balles übertragen ist. Bei Ausführung der Polonaise ist folgendes zu beachten. Um die Aufstellung der Paare in die Wege zu leiten, läßt der Leiter zunächst von dem Orchester acht Takte vorspielen und veranlaßt nun die Aufstellung der Paare mit einem Abstand von wenigstens zwei Schritten, welcher auch während der Ausführung beizubehalten ist, damit sich die Paare nicht durch Drängen belästigen oder auf die Kleider treten. Bei Wiederbeginn der Musik nimmt der Tanz seinen Anfang. Die Ausführung der Polonaise besteht in Marschieren. Die Schritte sollen jedoch nicht militärisch stramm, sondern leicht, graziös, gravitätisch ausgeführt werden. Besonders ist darauf Acht zu geben, daß man die von dem Leiter gegebenen Anweisungen genau befolgt und nicht durch Unaufmerksamkeit die Ordnung störe, wodurch leicht Unordnung in die mit vielem Fleiß kombinierten Figuren gebracht wird. Bei der Polonaise führe man die Dame an der Hand und nicht am Arm, weil dadurch manche Figur unmöglich wird und die Polonaise ihren Charakter als graziösen Tanz verliert und mehr einem gemütlichen Spaziergange gleichkommt. Dem Verabschieden oder Wiederzusammentreffen zwischen Dame und Herr muß immer eine Verbeugung voraufgehen. Alle Figuren werden an derselben Stelle des Saales begonnen, vorzugsweise wählt man hierzu die Breitseite, und wenn sich an dieser Seite das Orchester befindet, beginnt man die Figuren vor demselben. Es gibt recht viele Polonaisetouren, einige der einfachsten mögen hier Platz finden.

Figur 1. Rundgang. Das erste Paar umschreitet den Saal, so daß der Herr nach innen geht und führt dann die Reihe durch die Mitte des Saales.

Figur 2. Solo-Promenade. Beim Anfangspunkt angekommen, trennt sich das Paar, die Dame geht rechts und der Herr links. Wenn Dame und Herr an der dem Anfangspunkt[236] gegenüberliegenden Seite zusammentreffen, weichen sie einander rechts aus und umschreiten nochmals den Saal.

Figur 3. Kreise. Beim Wiederzusammentreffen weichen Dame und Herr einander links aus. Die erste Dame sucht die letzte zu erreichen, um einen Kreis zu bilden, ebenso der erste Herr. So entsteht ein innerer Damen- und ein äußerer Herrenkreis.

Figur 4. Kehrt. Die beiden Kreise bewegen sich auf das Kommando »Kehrt!« nach der entgegengesetzten Richtung; nochmalige Wiederholung desselben Kommandos.

Figur 5. Schlange. Treffen der erste Herr und seine Dame wieder zusammen, so reicht der Herr seiner Tänzerin die rechte Hand und beide gehen in Schlangenlinie durch den Saal bis an das gegenüberliegende Ende. Von hier aus umschreitet wieder das Paar wie Fig. 1 den Saal bis es das dem Anfangspunkt gegenüberliegende Ende erreicht hat.

Figur 6. Teilung und zu Vieren. Von hier aus bewegt sich das Paar durch die Mitte des Saales. Beim Anfangspunkte erfolgt die Teilung der Reihe, indem das erste Paar sich nach links, das zweite nach rechts wendet und so fort. Am entgegengesetzten Ende treffen natürlich die Paare zusammen, und die beiden ersten Paare gehen zu Vieren durch die Mitte des Saales. Oben angekommen, schwenkt wieder ein Paar links und das andere rechts.

Figur 7. Einreihen. Wenn die Paare zusammentreffen, tritt das zweite hinter das erste usw.; so wird die Reihe wieder hergestellt und bewegt sich durch die Mitte des Saales.

Figur 8. Bunte Reihe. Am Ende angekommen, tritt der Herr hinter seine Tänzerin, die übrigen Herren folgen diesem Beispiel. Die erste Dame führt nun die bunte Reihe in Schlangenwindungen im Saale herum und sucht schließlich durch Erreichung des letzten Herrn einen Kreis zu bilden. Ist dies erreicht, bleiben alle Damen stehen, und die Herren stellen sich ihrer Tänzerin gegenüber.

Spalier. Hierauf beginnt der Rundtanz, gewöhnlich wählt man hierzu Walzer. Das erste Paar und der Reihenfolge nach alle Paare tanzen in entsprechenden Zwischenräumen durch die Doppelreihen. Am Platze angekommen,[237] stellen sich Herr und Dame wieder einander gegenüber, bis alle Paare durchgetanzt haben, worauf sämtliche Herren gleichzeitig, jeder vor seiner Dame, Verbeugung ausführen und auf ein gegebenes Zeichen alle Paare zu gleicher Zeit zu tanzen anfangen und dadurch die Polonaise beenden.

Quelle:
Samsreither, J. V. & Sohn: Der Wohlanstand. Altona-Hamburg 2[1900], S. 233-238.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Titan

Titan

Bereits 1792 beginnt Jean Paul die Arbeit an dem von ihm selbst als seinen »Kardinalroman« gesehenen »Titan« bis dieser schließlich 1800-1803 in vier Bänden erscheint und in strenger Anordnung den Werdegang des jungen Helden Albano de Cesara erzählt. Dabei prangert Jean Paul die Zuchtlosigkeit seiner Zeit an, wendet sich gegen Idealismus, Ästhetizismus und Pietismus gleichermaßen und fordert mit seinen Helden die Ausbildung »vielkräftiger«, statt »einkräftiger« Individuen.

546 Seiten, 18.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon