II. Der Musiklehrer.

Es war gleichfalls in dem Städtchen I., wo ich die erste Bekanntschaft eines der originellsten und zugleich besten Menschen machen sollte.

Schon das Aeußere desselben war auffallend und ließ die Meinung aufkommen, daß er ein Abkömmling des Volkes sei, von dem er den Namen führte: er hieß nämlich Grönland. Seine Gestalt war etwas unter der mittleren Größe und sehr mager; langes, ganz schlichtes und sehr dickes pechschwarzes Haar umgab ein sehr kleines Haupt; die Gesichtsfarbe war ein dunkles, fast in's Grünliche spielendes Braun; die Nase war klein und in der Mitte etwas eingedrückt, der Mund groß, die Lippen schmal, die Backenknochen hervorstehend, die Stirn klein und die tiefliegenden, aber freundlich und selbst zu Zeiten geistreich blickenden[57] Augen waren dunkelbraun, fast schwarz; die Haltung des Körpers schlecht und vernachlässigt.

Dieser Mann, der als Musiker ausgezeichnet und als Mensch in dem Städtchen geachtet war, gab trotz dem Stoff zu vielen kleinen Geschichten, in denen er eine lächerliche Rolle spielte, und in der That besaß er eine Seelen-Unschuld und Naivität, wie man sie wohl selten oder gar nicht mehr bei einem erwachsenen und gebildeten Menschen findet, und beide mußten in einer kleinen Stadt, wo man für Alles so beschränkte Maaßstabe hat, um so mehr auffallen, da Grönland, außer Elisen, wohl das einzige Wesen war, das es sich erlaubte, sich anders zu geben und zu zeigen, als alle Andern.

Man hatte mich gleich zu Anfang neugierig auf seine Erscheinung gemacht, und noch bevor ich ihn sah, wußte ich viele jener kleinen Klatschgeschichten von ihm, die den Stoff zur Unterhaltung in Landstädten hergeben müssen. So sollte er sich z.B. bei seiner Bewerbung um die Hand eines sehr gebildeten, geachteten und liebenswürdigen Mädchens – seiner nachherigen Gattin – höchst seltsam benommen und dies noch mehr an seinem Hochzeitstage gethan haben; worin diese Seltsamkeiten jedoch bestanden, habe ich leider wieder[58] vergessen. Vergeben konnte man es ihm aber durchaus nicht, daß er, der Höflichkeit zu Gefallen, nie auch nur um ein Haar breit von der Wahrheit abwich und Jedem unverholen sagte, was er von ihm dachte; dies mußte natürlich oft Anstoß geben, ohne jedoch der Meinung von seinem Charakter schaden zu können, der, wie bereits angedeutet, in gerechter Achtung stand.

Uebrigens konnte man seiner auch nicht entbehren und mußte sich schon etwas von ihm gefallen lassen, da er nicht nur ein ausgezeichneter Musiklehrer, sondern der einzige von Bedeutung in dem Städtchen war; beleidigte oder kränkte man ihn aber, so blieb er vom Unterrichte weg und war weder durch Bitten noch Versprechungen zu bewegen, den Unterricht weiter fortzusetzen.

Mit den seltensten theoretischen Kenntnissen verband Grönland einen ausgezeichnet guten Geschmack und eine wahrhaft vorzügliche Methode beim Unterrichte, den er mit der Gewissenhaftigkeit ertheilte, die ein Grundzug seines Charakters war; auch achteten und liebten ihn seine Schüler und Schülerinnen, da er zugleich ernst und sanft beim Unterrichte war. Auch Kenntnisse und eine allgemeine Bildung hatte er sich erworben und, irre ich nicht, so verdankte er alles Dies sich ganz allein,[59] indem er von niedrer Geburt war und nur einen sehr mangelhaften Unterricht in seiner Jugend empfangen hatte. Er las viel, aber mit Auswahl, und wußte über das Gelesene sehr angenehm zu sprechen; Jean Paul war und blieb bis zu Ende seines Lebens sein Lieblings-Schriftsteller und er hatte nicht nur Alles von ihm gelesen, sondern wußte ihn fast auswendig.

Ich sah diesen Mann zuerst in einer Gesellschaft, die einem jungen, außerordentlich reichen Husaren-Officier in dem Hause meiner Verwandten zu Ehren gegeben wurde; man hatte Grönland wahrscheinlich dazu gebeten, um die Fête durch sein Talent zu verschönern, auch ließ er sich willig finden, auf dem neuen, sehr schönen Clementischen Flügel einige Mozartsche Sachen vorzutragen und mit einer zwar schwachen, aber höchst angenehmen Stimme einige herzige Lieder zu singen. Er saß eben am Flügel, als ich in das Gesellschafts-Zimmer trat, und ich hatte daher Muße, ihn genau zu betrachten.

Wie ein ächter, von seiner zauberischen Kunst begeisterter Musiker, spielte er nicht nur mit den Händen, sondern mit dem ganzen Körper; bald neigte er, besonders bei sanften zärtlichen Passagen, den Kopf mit einer schmachtenden Miene vorwärts;[60] bald richtete er seinen Körper stolz empor und schaute mit gleichsam triumphirender Miene um sich; bald lehnte er, wie ein verschämtes, schmachtendes Mädchen, den Kopf auf die Schulter, bald fuhr er, bei Beendigung einer kräftigen Passage mit den Händen in die Höhe; kurz, er war so mit der Composition des Meisters und seinem Spiele Eins, daß man deutlich sah, die Musik habe ihm Blut und Nerven durchdrungen.

Der junge Husaren-Officier hatte sich, anscheinend ganz in Hören versenkt, wahrscheinlich aber allein mit seiner eben so zierlichen, als eleganten Figur beschäftigt, ganz dicht an das Instrument gestellt und wandte von Zeit zu Zeit mit den beringten Fingern das Notenblatt um, eine Mühe, die er sich wohl nur deshalb gab, um zu zeigen, daß auch er Musik verstehe – ich thue ihm, dessen ganzes Wesen Eitelkeit war, gewiß mit dieser Voraussetzung kein Unrecht – und als der Künstler endlich die Schluß-Akkorde kräftig ertönen ließ, klatschte er, als wäre er im Theater, in die Hände und ließ ein lautes »Bravo! Bravo!« ertönen.

Grönland trocknete sich den ihm in Perlen von der Stirn fallenden Schweiß ab, und wandte sich dann auf seinem Stuhle nach dem jungen Manne um, den er eine Zeitlang, und zwar so lange,[61] daß es den Beschauten verlegen machte, vom Kopf bis auf die Füße mit einer Art von Bewunderung, oder vielmehr Verwunderung, betrachtete; dann, die Hand auf die mit reicher Silber-Stickerei bedeckten karmoisinrothen Aufschläge des jungen Kriegers legend, fragte er mit verwunderungsvollem Tone:

– »Ist das Alles ächtes Sülber?« Er sprach nämlich das Wort Silber so aus, wie man überhaupt in Nord-Schleswig, da, wo die deutsche Sprache sich schon mit der dänischen zu vermischen anfängt, sowohl die Vocale, als Consonanten auf eine unangenehme Weise verdirbt.

– »Ja!« versetzte der Sohn des Mars nicht ohne inneres Wohlbehagen, »ja, mein Lieber, dies Alles ist ächtes Silber!«

– »Das hätten Sie auch leicht besser anwenden können, als hier auf der Uniform, mein Herr Leutnant,« sagte Grönland, und wandte sich wieder sei nem Instrumente zu.

Man muß wissen, daß das Husaren-Regiment, zu dem Herr von E., ein geborner Hamburger und Erbe eines außerordentlich reichen Vaters, gehörte, nicht nur das schönste in der ganzen dänischen Armee, sondern wohl eins der reichsten und schönsten Europa's war, so daß nur die Söhne reicher Eltern darunter gehen konnten. Der außerordentliche[62] Luxus, den die Officiere desselben trieben, und womit manche sich sogar ruinirten, bewog den König späterhin, es eingehen zu lassen. Keiner von den andern Officieren konnte es aber in Hinsicht der Pracht mit dem jungen von E. aufnehmen, dessen Uniform gleichsam mit edlem Metall überladen war; man erzählte sich von wahrhaft enormen Preisen, die sie kostete.

Ueber diese unnütze und fast lächerliche Pracht mochte sich unser Musiker ärgern, daher der Ausfall auf den jungen eitlen Gecken, der einen Augenblick dadurch beschämt war und mit komischer Verwirrung auf seinen schimmernden Tand sah, dann sich aber auf dem Absatze seines Stiefels von rothem Saffian herumdrehte und mir, die neben ihm stand, zuflüsterte:

– »Welch ein Grobian!«

Bei Gelegenheit dieses jungen Fants, der damit endete, sein ungeheures Vermögen durchzubringen, und dann nach Brasilien ging, wo er in Armuth und Kummer starb, fällt mir noch eine komische Geschichte ein, die diesem in Folge seiner Eitelkeit begegnete.

Herrn von E.'s Regiment lag nicht in I., sondern vier Meilen davon entfernt, in einem elenden Neste, dicht an der Elbe. Da er sich[63] aber in I. sehr gut gefiel, weil man ihm dort sehr den Hof machte, und er, obschon verheirathet, eine Liebschaft daselbst angeknüpft hatte, kam er oft herüber und blieb Tage oder Wochen, je nach Urlaub und Laune. In I. selbst lag ein Dragoner-Regiment, bei dem einer der seltsamsten und originellsten Menschen als Leutnant stand. Er war ein Westindier von Geburt, von der Insel St. Croix, und seine braune Gesichtsfarbe, sein krauses, schwarzes, wolliges Haar, die etwas dicken Lippen, die stumpfe, eingedrückte Nase mit breiten Nasenflügeln, verriethen nur zu deutlich, daß Negerblut in seinen Adern floß. Er hatte beide Eltern verloren, die unermeßlich reich gewesen, und deren einziger Erbe er war, und der König selbst war sein Vormund geworden. Man hatte ihn nach Europa herübergebracht und, da er Lust zum Militair-Dienste bezeigte, in der Cadetten-Schule zum Officier gebildet.

Jetzt war er Leutnant im Regimente Dragoner, und wir jungen Mädchen hatten ihm den Namen des Mordschützen gegeben, weil nicht nur die seltsamsten Geschichten über seine Neigung zu Duellen im Umlaufe waren, sondern er deren auch mehre während seines kurzen Aufenthaltes in I. fast bei den Haaren herbeizog. Er duellirte[64] sich unter andern mit einem jungen Officier seines Regiments, weil dieser bei einem Gelage falsch gesungen hatte, und er wollte, alles Ernstes, einen armen Brauer todtstechen, weil er von dem Genusse des von demselben gebrauten Bieres Leibschneiden bekommen hatte. Der arme Brauer, ein reicher und überaus feister Mann, hielt sich im wörtlichsten Verstande so lange versteckt, bis der »Mordschütz« wieder abgezogen war. Uebrigens war dieser seltsame Mensch gebildet, lag im Walde an schattigen und romantischen Orten mit dem Shakespeare in der Hand und weinte bei tiefergreifenden Stellen seine hellen Thränen. Dabei war er ein solcher Freund der Musik, daß er, wo er solche aus einem Hause erschallen hörte, ungeladen und ohne den Bewohnern desselben bekannt zu sein, hineinging, eine sehr hübsche Verbeugung machte, in seinem gebrochenen Deutsch weiter zu spielen befahl, sich niedersetzte, und mit Entzücken zuhörte, worauf er sich auf eben die Weise wieder empfahl, wie er gekommen war. Zum Schrecken für uns junge Mädchen, besaß unser »Mordschütz« auch ein sehr zärtliches Herz und ersah sich immer eine von uns aus, der er auf Wegen und Stegen nachging, der er zärtliche Blicke und Kußhände zuwarf, unter deren Fenster[65] er Nachts lag, auf die er auf Promenaden zukam und der er die reichsten Geschenke, von zierlich geschriebenen Billets begleitet, Blumen u.s.w. zusandte. Zum Glück dauerte seine Liebe aber kaum länger, als vierzehn Tage, wo dann eine Andere an die Reihe kam, die durch die lebhaften Beweise seiner ungestümen Zärtlichkeit eben so geängstigt wurde. Auch ich habe meine Tour gehabt, und Gott weiß, wie sehr ich mich gefürchtet habe!

Dieser seltsame Mann war, trotz seines Reichthums, nun eben so einfach in seiner Kleidung, als von E. übertrieben eitel und putzsüchtig war, weshalb ihn der »Mordschütz« auf den Tod nicht leiden konnte. Dieser Widerwille kam endlich zum Ausbruche, als der Creole an einem Morgen von E. in seinem Wirthshause mit Papilliotten im Haar am Fenster stehen sah. – »Du, sieh, sieh den Narren!« rief er seinem Begleiter, einem jungen Officier, zu, mit den Fingern auf von E. zeigend; »er macht unserm Stande durch sein weibisches Wesen Schimpf und Schande. – Ich muß ihm Eins in sein glattes Gesicht geben; ich kann sein glattes Gesicht nicht mehr ansehn, ohne mich zu ärgern; ich werde ihn auf Pistolen fordern, und Du wirst mein Secundant sein!«[66]

Es war vergebens, ihm dieses tolle Vorhaben auszureden; er ging nach Hause, um die Herausforderung zu schreiben, sein Begleiter war aber so klug, von E. anzuzeigen, welche Gefahr er liefe, wenn er länger in I. bliebe, und bevor noch die Herausforderung des »Mordschützen« anlangte, war er auf dem Wege zu seiner Garnison, denn der Muth gehörte nicht zu den Eigenschaften, die ihn zierten, und »sein glattes Gesicht« durch eine Kugel entstellt zu sehen, war ein Gedanke, der ihn in Verzweiflung hätte bringen können.

Ueber das fernere Schicksal des uns, trotz dem daß wir uns entsetzlich vor ihm fürchteten, interessanten »Mordschützen« habe ich nur noch hinzuzufügen, daß er endlich doch seiner Duell-Wuth erlag und auf einem Dorf-Kirchhofe in der Nähe von Hamburg begraben liegt. Es konnte nicht wohl anders kommen.

Jetzt, nach dieser kleinen Abschweifung, die den Leser hoffentlich nicht gelangweilt haben wird, zurück zu unserm Musiker.

Eine Reihe von Jahren war verflossen und mir von Grönland nichts weiter zu Gesicht gekommen, als etwa einige kleine, recht hübsch componirte Lieder, die ich mit Vergnügen sang und[67] spielte, als an einem Morgen an meine Thür geklopft wurde und auf mein »Herein« ein Mann zu mir eintrat, den ich auf den ersten Blick wieder erkannte, und mit dem freudigen Rufe begrüßte:

– »Sie, lieber Grönland? Sein Sie mir herzlich willkommen!«

Er war sichtbar erfreut über den herzlichen Empfang, und äußerte dies durch einen kräftigen Händedruck. In seinem Aeußern hatte er sich wenig verändert, nur war er etwas fetter geworden und trug das Haar so lang, daß es ihm tief auf den Nacken hinabfiel. Seine Kleidung war von einem altmodischen Schnitte und von sehr grobem, dunkelbraunem Fries; er hatte kein Halstuch um, obgleich es Winter war, und trug den Hals ganz, die Brust ziemlich offen; übrigens war er im höchsten Grade reinlich, auch sein Rock noch ziemlich neu.

Wir saßen bald ganz behaglich neben einander auf dem Sopha und plauderten von vergangenen Zeiten; ich ließ ein Frühstück und eine Flasche sehr guten Weins auftragen, und er genoß mit sichtbarem Wohlgefallen von beiden. Dann erzählte er mir, daß er von I. weggezogen sei und jetzt mit seiner guten Frau und vielen lieben Kindern[68] in Altona wohne, wo es ihm gut gehe und er viele Stunden zu geben habe. Für seine Kunst war er noch ganz so begeistert, wie früher.

– »Sie müssen meine kleine Wirthschaft einmal ansehen,« sagte er heiter und zutraulich. »Meine Frau kennen Sie ja schon, noch von I. her; allein meine zehn Kinder noch gar nicht.«

– »Zehn Kinder?« rief ich erstaunt; »welch ein Segen, lieber Grönland! Und die alle ernähren Sie durch Ihren Musik-Unterricht?«

– »Acht davon sind meine eigenen,« antwortete er, »zwei aber habe ich dazu angenommen. Sie müssen wissen, daß mein Schneider, ein sehr braver Mann, vor einigen Jahren erst seine Frau verlor, und dann selbst kurz hintennach starb. Zwei arme Waisen blieben zurück; die nahm ich zu mir, und dachte, wo deine acht Kinder satt werden, da werden diese es auch, und wo sie schlafen, da ist auch noch ein Plätzchen für die beiden Verwaisten und so ist's auch gekommen: wir sind noch keinen Abend, Gott sei gedankt! hungrig zu Bett gegangen. Uebrigens hilft meine Frau mit. Sie hat die Hebammen-Kunst erlernt und man ruft sie dann und wann, sie zu üben, wenn auch nur noch bei armen Leuten.«

– »Wer aber sieht auf die zehn lieben Kinder,[69] wenn Ihre Frau abgerufen ist und Sie Unterricht geben?« fragte ich.

– »Ein sehr braves Mädchen, das ich mir eigends dazu groß gezogen habe,« war seine Antwort. »Doch Sie werden das Alles mit eigenen Augen sehen; nicht wahr, Sie kommen? und da man es nicht aufschieben muß, Jemanden, wenn man es kann, eine Freude zu machen, so kommen Sie schon nächsten Sonntag und bringen Ihre drei lieben Knaben mit; das wird einmal eine Freude abgeben, wenn ich meiner Frau und den Kindern sagen darf: Die Amalia kommt; sie verschmäht es nicht, in unsre niedre Hütte zu treten; sie will euch sehen und lieb haben. Oder wollen Sie lieber, daß ich Ihnen erst die Meinen zuführe?«

Ich zog das letztere vor, und Tag und Stunde wurden zwischen uns verabredet.

Am nächsten Sonntag-Morgen hatte ich alle Hände voll zu thun, für so viele liebe Gäste – es waren mit Vater und Mutter, so wie mit dem Dienstmädchen, das er mitbringen zu dürfen gebeten hatte, dreizehn Personen, und dazu meine eigene Familie gerechnet! – ein anständiges Frühstück zu besorgen, und ich darf sagen, daß ich es mit Freude und Liebe that. Meine Vorräthe[70] wurden nicht geschont, Kuchen und Backwerk, Früchte und Eingemachtes wurden gehörig aufgetragen; der in Hamburg zum Frühstück unerläßliche Thee wurde bereitet und nebenbei vom besten Wein aufgesetzt. Ich war zufrieden, als ich die selbst gedeckte Tafel übersah, und freute mich schon im Geiste darauf, wie besonders auch die liebe Jugend schmausen würde.

Ueberdies hatte ich in einem Nebenzimmer noch eine kleine Ueberraschung für die Kinder meines wackern Freundes bereitet. Es war in den Weihnachts-Feiertagen und ich hatte es mir so hübsch gedacht, für jedes Kind eine kleine Bescheerung anzurichten. Auf einer langen, sauber gedeckten Tafel standen zehn Porzellan-Teller mit Naschwerk aller Art, als Lebkuchen, Pfeffernüsse, Mandeln, Rosinen, Confect, Feigen, Aepfel, Nüsse u.s.w., kurz, Alles was in unserer Gegend zu einem Weihnachts-Tische gehört, und auf jeden Teller legte ich auch noch ein kleines Geschenk. Ich darf sagen, daß ich nie eine lebhaftere Freude empfunden habe, als da ich diesen Tisch überschaute, an dem ich bald zehn vergnügte Kinder-Gesichter zu sehen hoffte.

Indeß es sollte anders kommen, wie die Folge zeigen wird.[71]

Als die bestimmte Stunde herankam, öffnete ich ein Fenster, um nach meinen lieben Gästen auszusehen, und erblickte jetzt einen Zug, den ich nie vergessen werde und der, zu meiner Beschämung sei es gesagt, mich der Nachbarn wegen in eine nicht kleine Verlegenheit versetzte; auch lockte er, trotz der großen Stadt, Alles an das Fenster, so daß ich verwirrt das meinige schnell wieder zumachte.

Vater Grönland eröffnete in seiner gewöhnlichen Kleidung diesen Zug; ihm zur rechten Seite ging seine Frau, die, für die Jahreszeit und rauhe Witterung, fast allzuleicht bekleidet war; auf der andern Seite des Hausvaters das Dienstmädchen, das den jüngsten Sprößling, der noch nicht gehen konnte, auf dem Arme trug. Ihnen folgten die andern neun Kinder, Knaben und Mädchen, sämmtlich sehr leicht gekleidet und gleichsam in einer Art von Uniform. Die Knaben hatten Hosen und Jacken von einem dunkelgrauen, sehr groben Tuche an, die Brust stand ihnen offen und der Kopf war weder mit einer Mütze, noch mit einem Hute bedeckt; die Kleidung der Mädchen erinnere ich nicht recht mehr, doch war sie gleichfalls sehr auffallend, und ein lang herabwallendes, schlicht gekämmtes Haar bildete auch ihre[72] einzige Kopfbedeckung. Daß weder an Handschuhe, noch an Mäntel, Oberröcke oder Umschlagetücher zu denken war, versteht sich wohl von selbst.

Dieser seltsame, die allgemeine Neugierde erregende Zug nahte sich jetzt meiner Hausthür, diese öffnete sich, ich vernahm Grönlands Stimme:

– »Nur herein, Kinder! Nur herein! Hier wohnt unsre gute Freundin!«

Und meine Diele füllte sich mit Gästen an, bald auch mein Zimmer, dessen behagliche Wärme den armen Durchgefrorenen angenehm anzukommen schien.

Ich lud Alle ein, Platz am Frühstücks-Tische zu nehmen, was man ungezwungen that; aus Bescheidenheit war das Dienstmädchen im Hintergrunde stehen geblieben, nachdem ihre Frau ihr das Kind abgenommen hatte, und ich gestehe, daß ich nicht auf den Einfall gekommen wäre, es einzuladen, neben der Gesellschaft Platz zu nehmen, vielmehr hatte ich meinem eignen Mädchen den Auftrag gegeben, für die gehörige Bewirthung ihrer Standes-Genossin Sorge zu tragen. Indeß wollte das Schicksal, oder vielmehr Vater Grönland, es anders, denn kaum hatte er sich gesetzt, so rief er dem Mädchen zu:[73]

– »Komm, Margarethe, setze Dich dreist zu uns; Du gehörst ja mit zur Gesellschaft, weil Du ein so gutes, braves Mädchen bist, und unsre Freundin wird es schon nicht übel nehmen. Nicht wahr,« wandte er sich dann an mich, »nicht wahr, Sie haben Nichts dagegen, daß Margarethe sich zu uns setze? Es ist ja, wie ich sehe, Essen und Trinken genug da, und Sie, liebe Amalia, sind gewiß längst über solche alberne Vorurtheile hinweg, und beurtheilen die Leute nicht nach ihrem Stande, sondern allein nach ihrer Gesinnung. Ich darf Ihnen sagen, daß unsere Margarethe ein braves Mädchen ist, und so wohl verdient, in Ihre Gesellschaft aufgenommen zu werden.«

Margarethe setzte sich jetzt, freilich mit einer etwas verlegenen Miene, aber doch ganz dicht neben ihren gütigen Gebieter, und ich hatte natürlich unter meinem eigenen Dache nichts dagegen einzuwenden.

Die Mutter aller dieser Kinder, die ich früher als ein rasches, blühendes und kräftiges Mädchen gekannt hatte, war nicht nur über ihre Jahre hinaus gealtert, sondern es zeigte sich auch in ihrem Gesichte ein Ausdruck von Leiden und Gram, der mich schließen ließ, daß sie, obschon[74] an den besten und redlichsten der Männer, und gewiß auch an den treuesten und zärtlichsten der Gatten, verheirathet, nicht ganz glücklich sei; auch war sie wortkarger, als in früherer Zeit.

Gewiß ist es mir, obgleich sie nie mit mir darüber sprach, daß die Bizarrerien ihres Gatten, die ihn gegen Alles verstoßen ließen, was in der gebildeten Welt und der gesitteten Gesellschaft Sitte und Gebrauch ist, sie tief verletzten und zu Boden drückten. Jetzt hatte sie sichtbar den Kampf aufgegeben und sich, des ehelichen Friedens wegen, in die traurige Nothwendigkeit geschickt, vor der Welt eben so bizarr zu erscheinen, als ihr Gatte, den sie übrigens, seiner sonstigen vortrefflichen Eigenschaften wegen, achten und lieben mußte. Allein wie schwer mochte der Armen eine solche Resignation geworden sein, und welche Kämpfe mochte sie in ihrem Innern bestanden haben, bis sie zu einer solchen Ergebung gelangt war, sie, die früher auf das Aeußerliche den Werth zu setzen gewohnt gewesen war, den man darauf setzen muß, um nicht gegen das Uebliche und Schickliche zu verstoßen und den Tadel der Welt auf sich zu laden.

Die Genialität, und vor allen Dingen die Bizarrerie, steht uns Frauen überall sehr schlecht;[75] wir bewegen uns, wie in einem uns durchaus feindlichen und fremden Elemente, nur mit Unbeholfenheit darin; und nun gar, wenn sie uns angezwungen wird!

Dies Alles dachte ich, als ich die Hebe dieses Olymps machte und geschäftig am Theekruge waltete, um meine Gäste mit diesem erquicklichen Zaubertranke zu versorgen. Meinem Gaste trug ich ad interim auf, die noch einen sehr lachenden Anblick gewährenden Reste eines gebratenen indischen Hahnes zu zerlegen und jedem sein Theilchen davon zukommen zu lassen, was er mit sichtbarem Vergnügen that. Allein nur seiner Frau, dem Dienstmädchen und sich selbst legte er davon vor, und eben so präsentirte er auch nur den beiden Erstern von den andern guten Sachen, die auf der Tafel standen, wobei er mit lautem Munde das gute Frühstück pries und mit dem besten Appetite davon aß.

– »Aber, lieber Grönland,« sagte ich, mit einer Ladung gefüllter Thee-Tassen vom Nebentische zurückkehrend, »Sie haben ja den armen Kindern gar nichts gegeben; sollen die denn leer ausgehen?«

– »Bewahre!« versetzte er, sich den Mund mit der Serviette abwischend; »bewahre, liebe[76] Freundin! Sie werden doch ein Schwarzbrot im Hause haben?«

– »Ein Schwarzbrot? – ei freilich!« versetzte ich nicht ohne einige Verwunderung. »Allein hier ist Weißbrot, hier sind Kuchen und sonstige Sachen, die den Kindern schon munden werden.«

– »Ja, hier ist genug vorhanden,« versetzte er, die Keule des indischen Hahns, welche er eben auf sei nem Teller für sich zerlegte, niederlegend; »allein das ist nicht für die Kinder, die bekommen nur Schwarzbrot, trockenes Schwarzbrot, und Milch, um die ich Sie auch noch bitten muß, denn sie darf bei ihren Mahlzeiten nicht fehlen.«

– »Sie werden heute, mir zu Liebe, bester Grönland, einmal eine Ausnahme machen,« bat ich, voll Mitleid auf die armen Kinder sehend, aus denen ich zehn Tantalusse wider meinen Willen gemacht hatte, und die mit niedergeschlagenen Augen und betrübter Miene vor ihren leeren Tellern saßen.

– »Um keinen Preis der Welt,« versetzte er eifrig, »würde ich eine Ausnahme machen und von meinen Grundsätzen abgehen. Seht, Kinder,« wandte er sich an diese, die, wie auf ein Commando-Wort, bei seiner Anrede plötzlich zu[77] ihm aufblickten, hoch auf der Gabel die Keule des Hahns emporhaltend, »seht, das schmeckt gut, das schmeckt vortrefflich! Und dies hier,« fuhr er fort, sich aus einer Schüssel eine gute Portion Eingemachtes nehmend, »ist sehr süß, sehr wohlschmeckend, und die frischen Kuchen, o wie gut und appetitlich riechen sie! aber dieses Alles ist nicht für Euch, es ist nur für uns Erwachsene da, für uns, die wir allenfalls schon dergleichen erwerben und uns verschaffen können. Ihr aber müßt euch zur Zeit noch in der Entbehrung üben; ihr müßt Alles sehen können, ohne auch nur das mindeste Verlangen darnach zu tragen, und Gott früh und spät dafür danken, daß eure Eltern euch das Nothwendige geben können, und es aus der Güte ihres Herzens euch verabreichen.«

So redete er noch eine Weile fort. Er hatte, wie ich sah, die flache, erbärmliche Erziehungs- und Entsagungs-Theorie des wohlseligen Campe aus dem Grunde studirt und wandte sie mit Uebertreibung bei seinen Kindern an. Diese saßen schweigend und mit niedergeschlagenen Augen da, und ich sah es ihren traurigen Mienen deutlich an, daß die Theorie des Vaters keineswegs mit ihren Neigungen im Einklange stand.

– »Jetzt, liebe Amalia,« wandte sich dieser,[78] nachdem er seine Rede geendet hatte, wieder an mich, »jetzt ein Schwarzbrot, wenn Sie so gütig sein wollen, und eine gute Schüssel mit Milch; die Kinder sollen heute einmal, Ihnen zu Ehren, hoch leben, denn sonst bekommen sie keine Milch zum Frühstück.«

Ich befahl seufzend, und, ich gestehe es aufrichtig, mit dem guten Manne wenig zufrieden, das Geforderte herbeizuschaffen, worauf Grönland sich erhob, die Hände faltete und ein kurzes Gebet sprach; dann schnitt er neun Stücke Brot ab – das Jüngste bekam etwas Milch und Zwieback – und reichte jedem Kinde eins davon dar; mit sichtbarem Appetit biß Jedes hinein und trank seine kalte Milch dazu.

– »Sehen Sie, wie es ihnen schmeckt?« wandte er sich triumphirend an mich. »Und nun unser Aller Gesundheit und sowohl geistiges, als leibliches Gedeihen!« rief er dann, für die Erwachsenen die Gläser mit Wein füllend, und sein Glas hoch emporhaltend.

Ich war verstimmt; ich konnte nur immer in das bleiche, abgehärmte und kummervolle Gesicht der armen Mutter sehen, die bei dieser Scene sichtbar litt, obgleich sie gewiß an ähnliche gewöhnt war.[79]

Man kann sich vorstellen, daß ich unter diesen Umständen nicht daran dachte, meine im Nebenzimmer aufgestellte Christ-Bescheerung in Anregung zu bringen, denn dadurch würde ich ja nur die Qual der armen Mutter und auch die der Kinder vermehrt haben; mit meiner erträumten Freude war es also nichts.

Nach dem Frühstück öffnete Grönland das Fortepiano und setzte sich daran; die neun ältesten Kinder mußten artige Lieder zu seinem Accompagnement singen, und thaten es mit Geschmack und Präcision; die ältesten trugen sodann selbst etwas auf dem Instrumente vor, und zwar recht gut für ihr Alter. Dann kam die Stunde der Trennung heran und der seltsame Zug setzte sich wieder in Bewegung, nachdem mir Grönland zuvor das Versprechen abgedrungen hatte, ihn mit meinen Kindern an einem bestimmten Tage auch in seiner Wohnung besuchen zu wollen. Er drang darauf, daß ich, »ganz genau« die Stunde angeben solle, wann ich kommen wolle, und dies fiel mir zum Glück um so mehr auf, da er, als ich sie genannt hatte, seine Frau mit einem lächelnden, bedeutungsvollen Blicke ansah. Ich hatte mich in meiner Voraussetzung nicht geirrt, wie die Folge zeigen wird.[80]

Am bestimmten Tage setzte ich mich, wie ich es versprochen hatte, mit meinen Kindern wirklich in Bewegung; statt aber zu Fuße zu gehen, ließ ich einen Wagen kommen. Dies war ein Glück für mich und eine nicht überflüssige Vorsicht; denn als ich durch das Thor fuhr und den Kopf aus dem Wagen steckte, um zu sehen, ob ich mich in meiner Vermuthung nicht getäuscht habe, erblickte ich meinen Grönland mit seiner Frau, dem Dienstmädchen und den zehn Kindern, die mir erwartungsvoll entgegensahen und gekommen waren, mich in Procession und gleichsam im Triumphe am Altonaer Thore in Empfang zu nehmen und durch die ganze Vorstadt, so wie durch einen Theil von Altona zu führen, eine Ehre, die ich nicht zu würdigen wußte. Ich nickte meinem seltsamen Freunde also aus dem Kutschenschlage einen Gruß zu und der Wagen fuhr rasch von dannen; jene folgten ihm eiligen Schrittes.

Ich gestehe aufrichtig, daß ich mit mir unzufrieden war, und mich vor mir selbst schämte, aus Furcht vor der Welt, oder vielmehr aus Scheu, mich vor den Augen Anderer lächerlich zu machen, zur dieser Auskunft meine Zuflucht genommen zu haben. Die Absicht Grönlands war so gut, sein Herz so voll Freundschaft gegen mich; ich hätte[81] an meinem innern Werthe nichts dadurch verloren, wenn ich den Zug durch die Stadt mitgemacht hätte; allein dieses Raisonnement half nichts, meine Abneigung dagegen, mich lächerlich aus Liebe zu einem Freunde und guten Menschen zu machen, war so unüberwindlich, daß ich den Wagen nicht halten ließ, um auszusteigen; ja, ich bestellte ihn sogar um die Stunde der Rückkehr wieder, um nicht beim Nachhausegehen demselben Schicksale ausgesetzt zu sein. Tadle mich, wer besser zu handeln vermag, als ich es in dem Augenblick that!


Begreiflicherweise langte ich in meiner Kutsche weit früher an, als die Fußgänger, und hier hätte ich, die ich gegen die Kälte so außerordentlich empfindlich bin, und überdies, da ich fuhr, nur leicht bekleidet war, meine Strafe gefunden, wenn Grönlands unübertreffliche Güte dem nicht zuvorgekommen wäre. Ich fand nämlich die Thür seiner Wohnung verschlossen, weil alle Bewohner derselben, auch eine Miteinwohnerin, sie verlassen hatten, und hätte lange in der Kälte stehen können, wenn Grönland nicht fast athemlos mit dem Schlüssel herbeigeeilt wäre. Diese Güte rührte mich so, daß ich auf dem Punkte stand, ihm[82] meine Schwäche einzugestehen und ihn um Verzeihung zu bitten.

Er aber schmollte!

– »Bei solchem herrlichen Winter-Wetter zu fahren! Mein Gott, wie verweichlichen Sie sich und die Kinder, liebe Amalia! und welche Freude haben Sie uns verdorben! Aber es ist wahr,« fügte er, sich gleich wieder besänftigend, hinzu, »Sie haben an Blutspeien gelitten; Sie sind die Stärkste nicht; da haben Sie doch gut gethan, zu fahren, und ich hätte mir denken können, daß Sie es thun würden. Jetzt geschwind in's warme Zimmer; Sie sollen sehen, daß es auch bei mir behaglich und nett ist, wenn gleich nicht so elegant, wie bei Ihnen. Sie haben nur drei Kinder, ich deren zehn, und dann liebe ich die Eleganz auch nicht, wie Sie wissen werden, und was ich übrig habe vom Nothdürftigsten, das gehört den Armen.« Darin lag ein Vorwurf für mich, er wurde aber mit solcher Gutmüthigkeit ausgesprochen, daß ich ihn nicht übel nehmen konnte.

So in einem fort plaudernd, führte er mich in das zwar für eine so zahlreiche Familie äußerst beschränkte, aber höchst reinliche und ordentliche[83] Zimmer, dessen Mobilien von grobem Holze, aber wohl erhalten waren.

Endlich langten auch die Uebrigen an; es wurde Thee gemacht und Butterbrot präsentirt; dann ging Grönland mit einer sehr vergnügten Miene an sein Schreibpult, schloß es auf, nahm eine große Tüte daraus hervor, öffnete sie, ließ jedes der zehn Kinder mit geheimnißvoller Miene hineinschauen und breitete dann mit einer wahrhaft herzlichen Freude den Inhalt derselben vor mir auf dem Tische aus; es war Confect und Backwerk darin enthalten, und nicht nur ich, sondern auch seine Frau sollte dadurch überrascht werden: er hatte es heimlich früh am Morgen selbst eingekauft.

Die Kinder erhielten aber natürlich nichts davon, auch die meinigen nicht, und zu meiner Freude zeigten die letztern, daß, obgleich sie nicht nach der Campeschen Entsagungs-Theorie aufgezogen worden waren, sie doch von ihnen gern genossene Dinge sehen konnten, ohne ihrer zu begehren oder unwillig zu werden, daß man sie ihnen nicht anbot. Wahrscheinlich war es von dem guten Grönland darauf abgesehen, mich ein wenig zu beschämen, denn er hatte bereits bemerkt, daß mir seine Erziehungs-Theorie nicht in [84] allen Punkten zusagte, und hoffte so wohl, mich zu derselben zu bekehren, wenn meine Knaben sich bei dieser Gelegenheit blamirten. Das thaten sie aber zu meiner Freude nicht, sondern sie aßen Milch und Brot mit den andern Kindern und warfen nicht einmal einen Blick auf den mit Confect bestreuten Tisch.

Dann ging es an ein Besehen der Häuslichkeit meines Freundes, und nicht genug kann ich die strenge Ordnung und Reinlichkeit loben, die in allen Theilen des Hauses vorherrschte; dies war offenbar ein Verdienst der trefflichen Hausfrau und ihres gewiß braven Mädchens.

Zwei Schlafzimmer, wovon eins für die Mädchen, das andere für die Knaben bestimmt war, boten Merkwürdiges dar. In einer langen Reihe lagen nämlich die Betten derselben, und zwar auf dem bloßen Fußboden. Jedes hatte einen Stroh- oder Tang- (Seegras-) Sack, darüber war ein Betttuch gebreitet, und ein rundes Kissen; zur Decke diente eine sehr leichte Matratze – und es war mitten im Winter und wir hatten vielleicht 18 bis 20° Kälte! Das Waschwasser in den Handbecken war wenigstens zu Eis gefroren, und die Kinder mußten es erst aufschlagen, um sich darin waschen zu können.[85]

Eine Boden-Kammer enthielt eine Menge Geräthschaften, womit die Knaben allerlei artige Sachen in ihren Freistunden zu verfertigen verstanden; eigentliches Spielzeug sah ich nirgends. Dann mußte ich auch die Schreibbücher, die Zeichnungen, die kleine, aus lauter Lehrbüchern bestehende Bibliothek derselben besehen; es wurden mir Aufsätze vorgelegt, die nicht nur schön geschrieben, sondern auch durchdacht waren; einige der Kinder verriethen ein hervorragendes Talent zum Zeichnen, und ich zweifle nicht daran, daß Eins oder das Andere Maler geworden ist. Als einen Zug ihrer großen Gutmüthigkeit muß ich noch anführen, daß sie nicht ruhten, bis sie mir ein kleines Geschenk, einen Briefhalter von weißem Marmor, den ich noch jetzt bewahre, aufgedrungen. Sie hatten ihn, nebst andern Kleinigkeiten, von einem in Archangel lebenden Oheim erhalten und schienen großen Werth darauf zu setzen. Wie freute sich ihr Vater darüber!

Die Kinder selbst waren in ihrer Wohnung weit heiterer und unbefangener, als bei mir, und ich durfte nicht länger daran zweifeln, daß sie sich glücklich fühlten; auch waren sie artig und bescheiden in ihrem Benehmen und antworteten auf an sie gerichtete Fragen mit Verstand und[86] Offenheit. Ihr Vater war ihr einziger Lehrer und ging auf die liebevollste Weise mit ihnen um, indem er doch zugleich sehr ernst gegen sie war.

Nur die Mutter der Kinder schien nicht glücklich zu sein; man hatte in ihrer Nähe beständig das Gefühl, als laste ein Druck auf ihr, und dem war wirklich so. Grönland gab so gern, und trotz seiner beschränkten Lage mit so vollen Händen, daß oft das Nothwendigste in seiner eigenen Wirthschaft fehlte. So stellte er auch von seiner Brutto-Einnahme der Behörde jedes Jahr den zehnten Theil für die Armen zu, obgleich man sich sträubte, dieses Geld anzunehmen, da man schon im Voraus wußte, daß, bei den steigenden Bedürfnissen der Familie und der Abnahme des von Grönland ertheilten Unterrichts – er verlor manches gute Haus durch seine Bizarrerien – die Armuth endlich bei ihm selbst einkehren würde. Er aber ließ sich nicht abweisen, sondern brachte treu seinen Zehnten alle Jahr auf das Rathhaus, und außerdem unterstützte er noch Nachbarn und Freunde nach Kräften; ja, er war unaufhörlich darauf bedacht, Andere an seinen kleinen Freuden und Genüssen Theil nehmen zu lassen. So rief er am Sylvester-Abend, um Mitternacht, die Nachtwächter in sein Haus, um mit ihnen seinen[87] Punsch zu trinken und dem scheidenden Jahre Valet zu sagen; so theilte er, wenn er für den Winter Feuerung einnahm, den angekauften Vorrath mit armen Nachbarn. Schulden hat er nie gemacht.

Die arme Frau mochte mit ahnungsvollem Geiste schon lange den Sturm vorhergesehen haben, der das Glück ihrer Häuslichkeit vernichten sollte. Grönland verlor nach und nach den größten Theil seiner Schüler; theils, weil er Manchen vor den Kopf stieß, indem er seine Seltsamkeiten geltend machte; theils, weil man weniger Werth als früher auf einen gediegenen, theoretischen Unterricht setzte; theils, weil er die neuern Meister nicht anerkennen wollte und fest an den alten, namentlich an Gluck und Mozart, hing; theils endlich auch, weil neuere Lehrer ihn verdrängten, und so kamen denn die Zeiten schwerer Sorgen heran, in denen oft selbst das Allernothwendigste der Familie fehlte.

Die umsichtige und menschenfreundliche Behörde hatte dies vorausgesehen und demgemäß ihre Maaßregeln genommen. Mit kluger Vorsicht hatte man die von Grönland alljährlich für die Armen gegebenen Summen zurück-, vielleicht gar auf Zinsen gelegt, und als es endlich so weit kam,[88] daß er selbst der Hülfe bedurfte, zahlte man ihm Alles wieder aus, was er früher für die Armen beigesteuert hatte.

Bald darauf starb er. Die Familie scheint sich wacker durchgeschlagen zu haben und die Kinder sind nicht nur wohlgerathen, sondern es sollen sogar einige sehr talentvolle junge Männer unter den Söhnen sein.

Ich selbst kam, ohne mein Verschulden, einige Zeit vor Grönlands Tode außer Berührung mit ihm. Er mußte mir etwas übel genommen haben – was? weiß ich zu dieser Stunde noch nicht, doch war er sehr empfindlich und konnte es nicht wohl leiden, wenn man in seine Ideen nicht einging – denn er hörte plötzlich auf, mich zu besuchen. Vielleicht wollte er sich mir, gegen die er immer geprahlt hatte, daß es ihm und den Kindern bei ihrer Genügsamkeit nie fehlen könne, in seiner Armuth nicht zeigen, eben weil ich es mir zuweilen erlaubt hatte, ihn auf die Pflicht aufmerksam zu machen, für die Zukunft der Seinen durch kleine Ersparnisse zu sorgen. Eine solche Mahnung verstimmte ihn jedesmal sichtbar, und er behauptete, für die Zukunft müsse man Gott den Vater sorgen lassen.

Wie dem auch sei, ich habe sein Bild liebend[89] im Herzen bewahrt und rufe ihm aus voller Ueberzeugung in sein Grab nach, daß es gewiß nie einen durch und durch bravern, edlern und wahrhaft gebildetern Mann gegeben hat, als ihn, unbeschadet der kleinen Seltsamkeiten, die ihm anklebten und ihn so oft zum Gegenstande bittern Tadels oder lieblosen Spottes machten.

Es schien mir der Mühe werth, einen so auffallenden Charakter in einem kleinen Bilde festzuhalten und ihn, wenn auch nicht der Nachwelt, doch der Mitwelt, in dieser Skizze vorzuführen.

Bedauert habe ich es immer, daß ich mir von Grönland nicht erzählen ließ, wodurch sein Geist und Charakter eine so eigenthümliche Färbung gewonnen und eine so ungewohnte Richtung genommen hatten; es müßte besonders interessant gewesen sein, dies aus seinen eigenen Erzählungen in Erfahrung zu bringen. Ich verschob es aber leider von einer Zeit zur andern, ihn über seine Jugend und Erziehung zu befragen, und endlich ist er darüber weggestorben.[90]

Quelle:
Schoppe, Amalia: Erinnerungen aus meinem Leben, in kleinen Bildern. Altona 1838, S. 55-91.
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