IV. Eine seltsame Situation.

Ich habe oft in meinem Leben Ahnungen gehabt, die eingetroffen sind, und so muß man es mir schon nachsehen, daß ich noch daran glaube, trotz des aufgeklärten Jahrhunderts, in dem wir leben. Eine solche hatte ich auch einst, und sie kam so urplötzlich, so ohne alle äußere Veranlassung über mich, daß ich ihren Eingebungen auf der Stelle Folge leistete, was ich nie bereut habe, obgleich ich dadurch in eine der seltsamsten Situationen gerieth, in die ein junges Mädchen nur gerathen kann.

Es war im Sommer, etwa zu Anfang Augusts, und ich saß mit meiner lieben Stiefschwester Marianne unter dem Schatten der hohen Kastanien, die eine Zierde unsers überaus schönen[97] Gartens waren. Es war fast zwölf Uhr und die August-Sonne brannte heiß; wir aber saßen fröhlich plaudernd und nebenbei stickend unter dem schützenden Laubdache vor der Thür unsers Gartenhauses und erfreuten uns der erfrischenden Kühle.

Da mußte ich plötzlich und ohne die geringste Anregung von außen einer Cousine gedenken, die sonst oft zu uns zu kommen pflegte, nun aber schon in längerer Zeit nicht bei uns gewesen war.

– »Mein Gott, was mag Louise L. machen?« rief ich, den Faden des Gesprächs unterbrechend, plötzlich seltsam beängstigt.

– »Louise L.? wie kömmst Du auf die?« fragte die Schwester verwundert.

– »Es ist seltsam, ich mußte ihrer auf einmal gedenken,« erwiederte ich, »und bei dem Gedanken wurde mir so wunderbar ums Herz, so ängstlich, als sei ihr irgend ein Unglück begegnet. Ich muß wissen, was sie macht; auch ist sie so lange nicht hier gewesen.«

– »Du selbst bist eine seltsame Person mit Deinen Ahnungen und Deiner plötzlichen Liebe für Louise L., die sonst gar nicht Deine Passion ist,« erwiederte Marianne lachend. »Erinnre nur, wie Du neulich noch in die Dachrinne hinausflüchtetest,[98] um ihrem Besuche zu entgehen und einer Bitte, die sie, wie Du wußtest, an Dich hatte, und Du nicht gern gewähren wolltest, auszuweichen. Sie wird Dich trotz Deiner Flucht gesehen und sie übel genommen haben, wie sie denn überhaupt eben so empfindlich, als zudringlich ist, und deshalb so lange weggeblieben sein.«

Meine Angst und Besorgniß um die Cousine hatte indeß dermaßen zugenommen, und ich war in meinem Innern so fest davon überzeugt, daß ihr in dem Augenblick irgend ein Unfall begegne, daß ich vom Stickrahmen aufsprang, mir Hut, Handschuhe und Umschlagetuch holte, und der erstaunten Marianne er klärte, ich müsse zu Louise L. gehen, um mich zu erkundigen, wie es um sie stehe. Vielleicht lag mir das kleine, gegen diese etwas zudringliche Verwandte begangene Unrecht auf dem Herzen; allein es konnte dies nicht allein sein, weil ich mit den Geschwistern schon mehre Male über meine Flucht vor ihr durch die Boden-Luke, in die zwischen unserm und dem Nachbar-Hause befindliche Dach-Rinne hinaus, gelacht hatte. Die Sache war nämlich die:

Louise L. hatte die Gewohnheit, Alles zu leihen, was ihr an Andern gefiel und brachte dann[99] entweder das Geliehene gar nicht oder, wenn es Bänder, Kleidungsstücke u.s.w. waren, es doch verdorben und beschmuzt wieder. Nun war sie da gewesen und hatte mich um eine Sache gebeten – ich weiß nicht mehr welche – die ich ihr nicht gern leihen wollte. Als ich einige Tage darauf im Hintergrunde auf dem Flur stand, öffnete sich plötzlich die Hausthür und zu meinem nicht geringen Erschrecken erblickte ich das wohlbekannte Gesicht meiner Cousine in derselben. Dies sehen, und die Flucht ergreifen, war Eins; doch auch sie mochte mich erblickt haben, denn schnell wie der Blitz war sie hinter mir drein. Es war in unserm Stadthause und dies eins von den hohen, fünfstöckigen Kaufmanns-Häusern, wie man sie vielleicht nur noch in Hamburg findet. Endlich befand ich mich auf dem Boden, und konnte nun nicht weiter; aber o Himmel, da höre ich die Tritte der mich Verfolgenden auch noch auf der Boden-Treppe; ich sehe mich mit Verzweiflung um: kein Versteck, kein Rettungs-Ort! Da fällt mein Blick auf die Boden-Luke, ich ziehe den Riegel zurück, ich öffne sie und springe in die Dachrinne hinaus, die Thür der Luke hinter mir zuschlagend. Hier horche ich mit laut klopfendem Herzen und höre, wie meine[100] Verfolgerin den Boden mehre Male auf und ab geht, wie sie mich sucht hinter Kisten und Kasten und endlich, da sie nicht auf den Einfall kömmt, mich in der Dachrinne zu suchen, mit den Worten wieder hinabsteigt:

– »Die muß hexen können! Ich sah sie doch vor mir auflaufen – wo mag sie geblieben sein?«

Dies war mein letztes Zusammentreffen mit Louise L. gewesen und diese hatte sich seitdem, wahrscheinlich dadurch piquirt, nicht wieder bei uns blicken lassen.

Man wird zugeben müssen, daß dieser letzte Auftritt mit meiner Cousine nicht dazu geeignet war, mir das Wiederzusammentreffen mit ihr erwünscht zu machen; ich fühlte, daß ich mich kindisch und ungeschickt betragen hatte und fürchtete mich überdies vor dem etwas schneidenden Witz von Louise L., die mir an Jahren überlegen war und viel Verstand hatte.

Trotz dem mußte ich diese von mir gefürchtete Person jetzt aufsuchen, obgleich die Sonne brennend heiß war, und Marianne mir tausend Vorstellungen über meinen »Unsinn,« wie sie es nannte, machte, den weiten Weg zur Stadt – Louise wohnte in dieser und wir auf unserm Landhause – in der brennend heißen Mittags-Sonne machen[101] zu wollen. Ich widerstand allen ihren vernünftigen Vorstellungen und ging.

Auf dem Wege, den ich mit eilendem Fuße zurücklegte, will ich der freundlichen Leserin etwas Näheres über Louise L. mittheilen.

Diese stammte von französischen Eltern ab, die durch die Alles unter einander werfende Revolution nach Hamburg gekommen waren. Da man bei der eiligen Flucht nichts als das nackte Leben hatte retten können, mußte man, in Hamburg angelangt, darauf denken, es zu fristen, und der Vater machte sich zum französischen Sprachlehrer, während die Mutter eine kleine Schule errichtete, die aber, da es damals so viele in der Stadt gab, die auf gleiche Weise ihr Fortkommen suchten, nicht eben florirte.

Die Familie bestand aus Vater, Mutter, Sohn und Tochter, wurde aber sehr bald der Hälfte ihrer Mitglieder beraubt, indem Vater und Sohn kurz hinter einander starben.

Nie hat man wohl ein reizenderes Gesicht gesehen, als das Louisens. Sie hatte die schönsten, lebhaftesten schwarzen Augen, die man sich nur denken kann; eine feine, schön geformte Nase, einen reizenden Mund mit den allerköstlichsten Zähnen, einen blühenden Teint und das bewundernswertheste[102] dunkelbraune Haar; aber ach! alle diese Vorzüge wurden durch einen – Höcker verdunkelt: das arme Kind war so verwachsen, als man es nur sein kann. Doch erblickte man, seltsam genug, auf ihrem Gesichte keine Spur von der Difformität ihres übrigen Körpers, wie man es sonst bei Verwachsenen thut, deren mühseligeres Athmen den Nasen-Flügeln eine eigene Ausdehnung und Spannung gibt, so wie den übrigen Gesichtszügen einen ganz eigenthümlichen peinlichen Ausdruck.

Auch begegnete es Louisen mehre Male, daß junge Männer sich wirklich in sie verliebten, indem sie nur ihr schönes Gesicht sahen; denn eitel und gefallsüchtig wie sie war, suchte sie gern eine Ecke des Zimmers auf, in die sie sich setzte, und verdeckte obendrein ihren körperlichen Fehler durch ein sehr großes Umschlagetuch; sie zeigte sich dann als eine zwar kleine, aber überaus anmuthige Figur. So trug sich einst in unserm Hause eine überaus komische Scene zu. Ein junger Fremder von reicher und angesehener Familie, der an uns adressirt und in Folge dessen zu uns eingeladen worden war, erblickte die in ihre Ecke sich drückende Louise kaum, als sein vielleicht sehr empfängliches Herz auch schon in lichten Flammen aufloderte, und er war noch so jung, so wenig Herr seiner[103] selbst, daß er diese plötzlich entstandene Neigung offen zur Schau trug. Er wich nicht von Louisen, die wiederum nicht aus ihrer Ecke wich; er sagte ihr die schönsten Dinge und sie, sie schwamm in einem Meere von Wonne. Immer mehr verklärte sich ihr Gesicht, je unumwundener der junge Fremde seine Huldigungen gegen sie aussprach; immer lebhafter wurde ihr von Natur schon so blühende Teint, immer feuriger das schwarze Auge; sie war wirklich hinreißend schön.

Jetzt kam der kritische Augenblick: es ging zu Tische und unser Aller Augen waren auf das Pärchen gerichtet, weil uns die Scene, deren Ende wir voraussahen, schon lange belustigt hatte. Louise, der der junge Fremde natürlich den Arm bot, um sie zur Tafel zu führen, erhob sich und, trotz des sorgfältig zusammengehaltenen Umschlagetuchs, kam ihr ausgewachsener Rücken zum Vorschein. Wie wäre es mir wohl möglich, das Erschrecken dieses Mannes zu malen! Er erbleichte sichtbar, er trat einen Schritt zurück, er war so außer aller Fassung, daß er vergaß, ihr seinen Arm zu bieten; er stammelte, ich weiß nicht was, und erlangte erst, als er die Blicke Aller auf sich gerichtet sah, so viele Besinnung wieder, daß er sie doch zu Tische führte. Er sprach aber wenig[104] und aß noch weniger, auch entfernte er sich bald nach dem Essen, um nie wieder einen Fuß zu uns zu setzen, obgleich mein Stiefvater ihn dringend zu sich einlud, weil er ihm sehr empfohlen war.

Wie alle Verwachsenen, war Louise überaus eitel, und so nahm sie aus dieser, sie im Grunde tief verletzen müssenden Scene nur die Rosen für sich heraus und bekümmerte sich nicht um die Dornen; sie erkundigte sich oft und mit dem lebhaftesten Interesse nach dem jungen Manne und zeigte deutlich das Verlangen, ihn wiedersehen zu wollen.

Ueberhaupt brannte in diesem kleinen verwahrlosten Körper ein geheimes verderbliches Feuer; sie war in Gegenwart von Männern, namentlich von jungen und schönen, ganz anders, weit lebhafter, witziger und aufgeregter, als wenn sie blos von Frauen umgeben war, und erzählte uns jungen Mädchen gern im Vertrauen, welche Artigkeit ihr Dieser oder Jener über die Reize gesagt habe, welche sie wirklich schmückten; sie spielte und sang gern zärtliche Lieder und ließ ihren Witz brilliren, so oft Männer zugegen waren; kurz, sie war kokett und glaubte gefallen zu können.

Schon lange, bevor sich das zutrug, was ich[105] nachstehend mittheilen werde, hatte sie uns jungen Mädchen oft von einem französischen Vetter erzählt, der, obschon er verheirathet war, ihr den Hof machte, und, wie sie sagte, keinen sehnlichern Wunsch hegte, als wieder von seiner jungen Gattin getrennt zu werden, um sie heirathen zu können; auch zeigte sie uns kleine Geschenke, die sie von ihm bekommen haben wollte, und äußerte dabei eine Leidenschaft für diesen jungen Mann, die uns zu sehr erschreckte, um uns belustigen zu können. Wir machten ihr, obschon wir viel jünger waren, die lebhaftesten Vorstellungen über diese eben so unglückliche, als ungeziemende Neigung und baten sie, den Umgang mit diesem gefährlichen Vetter gänzlich aufzugeben und ihn weder in seinem Hause mehr zu besuchen, noch seine Besuche in dem ihrigen zu dulden, welches letztere um so unschicklicher war, da sie seit Kurzem auch ihre Mutter verloren hatte, und so ganz allein in der Welt dastand.

Sie versprach uns das unter einem Strome von Thränen, und unter der Versicherung, daß sie die unglücklichste Person von der Welt sei, indem der Gegenstand ihrer heißen Liebe nimmermehr der Ihrige werden könne; kurz, der allerschönste Roman war da; auch schwor sie uns, daß[106] ihr Vetter sie eben so heiß liebe, wie sie ihn, und daß seine Verheirathung das einzige Hinderniß einer Verbindung zwischen ihnen wäre.

So standen die Sachen, als jene zu Eingang beschriebene seltsame Ahnung mich zu Louisen trieb.

Ich langte, in Schweiß gebadet, in ihrer Wohnung an, die in einem entlegenen Theile der Stadt und in einer engen sehr häßlichen Gasse belegen war. Sie hatte sich ein Stübchen bei Handwerksleuten, ganz oben im Hause, gemiethet und lebte mit ihren Wirthsleuten, wie wir aus ihren Erzählungen wußten, nicht eben im besten Frieden, auch hatte sie die Wohnung zum Herbste gekündigt.

– »Ist Mamsell Louise zu Hause?« fragte ich beim Eintritt den Schuhmacher-Meister, der mit einem Burschen im Wohnzimmer saß und emsig sein Geschäft betrieb.

– »Ich weiß es nicht, doch glaube ich es,« war seine Antwort, die er mir mit mürrischem Tone gab; »Sie müssen auf ihrem Zimmer nachsehen,« fügte er hinzu: »wir bekümmern uns nicht um sie.«

Es blieb mir also nichts übrig, als die drei engen und dunklen Treppen, die zu Louisens Stübchen führten, hinaufzusteigen und, oben angelangt,[107] an ihre Thür zu klopfen; es erfolgte aber keine Einladung, einzutreten. Ich klopfte stärker und glaubte jetzt einen ächzenden Laut zu vernehmen, der mich durchschauerte, so daß ich schnell die Thür aufriß. Das Zimmer war leer; allein aus dem an der Wand stehenden Bette, dessen dunkelgrüne Vorhänge fest zugezogen waren, ertönte nochmals das Wimmern, das mich vorhin schon mit Angst erfüllt hatte; ich eilte an's Bett, riß die Vorhänge desselben weit auseinander und erblickte jetzt Louise in einem wahrhaft furchtbaren Zustande.

Ihre sonst so schönen, regelmäßigen Züge waren auf das schrecklichste entstellt; Todtenblässe bedeckte ihr Gesicht, auf dem der Schweiß in großen Tropfen perlte; ihr Haar hing aufgelöst und verwirrt um das Haupt und die großen dunklen Augen waren, wie aus ihren Höhlen herausgetrieben, starr auf mich gerichtet.

– »Louise!« rief ich, von einem Entsetzen bei diesem Anblick ergriffen, das zu schildern ich vergebens versuchen würde, »Louise, was ist Ihnen?«

Sie antwortete mir nicht, sondern starrte mich mit einem Blick an, in dem die furchtbarste Seelen-Angst sich abspiegelte; dann wollte sie reden,[108] vermochte aber nur zu lallen. Jetzt wurde sie von den schrecklichsten Convulsionen ergriffen, die sie im Bette hin und her warfen; kurz, sie befand sich in einem Zustande, der mich jeden Augenblick ihren Tod erwarten ließ.

Ich begriff, daß ich Hülfe herbeirufen müßte und eilte zu den Wirthsleuten hinunter, um diese zu bitten, sofort einen Arzt zu besorgen, allein ich traf den Mann nur allein mehr an, die Frau war, wie er mir sagte, auf den Jahrmarkt gegangen und den Burschen hatte er mit einem Paar geflickter Schuhe fortgeschickt, er selbst könne aber unter diesen Umständen das Haus nicht verlassen, das dann ganz allein stehen würde. Er meinte auch, die Krankheit werde wohl nicht so viel zu sagen haben; die Demoiselle L. sei alle Augenblick unpäßlich, und es gehe allemal so wieder vorüber.

– »Ich sage Ihnen aber, daß sie stirbt!« rief ich zugleich in der tödtlichsten Angst und empört über die rohe Gleichgültigkeit des Mannes.

Er aber lachte laut auf, und meinte: so leicht stürbe es sich nicht, doch versprach er, nachdem ich ihn nochmals flehentlich darum gebeten hatte, zu einem Arzte schicken zu wollen, so wie sein Bursche von dem Wege zurückgekehrt sein würde.[109]

Ich begab mich jetzt wieder hinauf und fand die unglückliche Louise noch in demselben schrecklichen Zustande. Sie schien mich nicht zu kennen, wenigstens that sie durch kein Zeichen kund, daß sie mich erkenne. Furchtbar war der Anblick, den sie darbot, wenn die Convulsionen sie ergriffen, aus denen sie, wenn sie nachließen, in eine Art von Erstarrung verfiel, die glauben ließ, daß sie schon todt wäre. Ich suchte nach etwas Riechwasser, um sie damit zu besprengen, fand aber nichts, und mußte zum kalten Wasser meine Zuflucht nehmen, um sie aus der Ohnmacht zu erwecken, in der sie lag. Sie erwachte endlich wieder daraus und griff nun, einen Schmerzensschrei ausstoßend, nach ihrem Leibe; ich fühlte mit der Hand nach der von ihr bezeichneten Stelle und entdeckte dort einen großen, harten Klumpen, den ich, in meiner Unwissenheit, für ein großes Geschwür hielt.

In dem Augenblick öffnete sich die Thür und ein junger Mann zeigte sich in derselben; in der Verwirrung und Angst, in der ich war, hielt ich ihn für den herbeigerufenen Arzt und redete ihn als solchen an, indem ich ihn um schleunige Hülfe für die arme Louise bat.

– »Mein Gott, ist sie krank?« rief der junge[110] Mann, in dem ich jetzt einen französischen Vetter Louisens, aber nicht den, welchen sie liebte, erkannte. Sie hatte diesen, der V. hieß, einmal zu uns gebracht, wir ihn aber seitdem nicht wieder gesehen.

– »Ich fürchte, daß sie stirbt,« flüsterte ich ihm zu; »sehen Sie sie nur einmal an!«

Der junge Mann trat jetzt an das Bett, fuhr aber gleich erschrocken wieder von demselben zurück.

– »Sie werden Recht haben,« sagte er, und die Thränen traten ihm in die Augen, denn er war sehr gefühlvoll und liebte seine arme Cousine von Herzen.

– »Wollen Sie nicht unsern Arzt holen?« fragte ich ihn, ihm die Wohnung desselben genau beschreibend. »Er ist geschickt und menschenfreundlich, und wird sogleich kommen, wenn Sie ihn nur zu Hause antreffen,« fügte ich hinzu.

V. eilte, so schnell er konnte und war bald wieder da; er hatte zwar den Arzt nicht zu Hause angetroffen, man hatte ihm aber gesagt, daß man seine Rückkehr jeden Augenblick erwarte und er dann sogleich kom men würde.

Indeß waren wir beiden jungen Leute mit der Kranken allein, und Gott weiß, welche Angst wir ausstanden! Louisens Zustand wurde immer schrecklicher,[111] die Convulsionen immer häufiger; wir hielten sie, wir rieben sie, wir nahmen sie wechselsweise in unsre Arme, und trockneten ihr den Todesschweiß von der Stirn, der in großen Tropfen darauf perlte. Wir dachten in unserer Herzensangst nicht an uns selbst, nicht einmal an die Schicklichkeit, und ich forderte V. auf, einmal zu fühlen, welches große Geschwür die unglückliche Louise an ihrem Leibe trage.

– »Das wird es sein,« sagte der junge Mann, der achtzehn Jahr alt und gewiß noch ganz so unschuldig war, wie ich, die ich funfzehn alt war; »es wird bersten wollen,« fügte er hinzu, »und das sie in diesen schrecklichen Zustand versetzen. Wenn der Arzt nur käme! Wir armen Kinder, was sollen wir wohl beginnen?«

Er brach bei diesen Worten in Thränen aus, und auch die meinigen flossen.

Indeß schien auf einen Augenblick ein Nachlaß der Krankheit einzutreten; Louise richtete die Augen auf uns, ließ sie von mir zu ihrem Vetter und von diesem wieder zu mir hinüberschweifen, dann seufzte sie tief auf und wandte ihr Gesicht, das sich mit Thränen bedeckte, von uns ab.

– »Louise, erkennen Sie mich?« riefen der Vetter und ich fast zu gleicher Zeit. »Wie ist[112] Ihnen, Cousine?« fragte V. – »Womit können wir Ihnen helfen?« ich.

– »Eine Hebamme! Eine Hebamme!« stöhnte die Unglückliche und verdeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

Wir standen wie versteinert lange da, und begriffen Beide in unserer Unschuld nicht, was sie damit sagen wollte.

– »Was sagte sie?« fragte der Vetter endlich.

– »Eine Hebamme! um Gotteswillen eine Hebamme!« rief Louise, die seine Frage gehört haben mochte, mit der letzten Anstrengung ihrer Kräfte. »Eine Hebamme, wenn ich nicht sterben soll!«

Der junge Mann, welcher noch nicht ganz fertig Deutsch konnte, verstand die Bedeutung des Worts nicht; ich mußte es ihm daher in's Französische übersetzen.

»Ah!« sagte er, mit einem komischen Ausdruck im Gesichte, »c'est drôle! Une sage-femme! Wo werde ich eine solche finden?«

– »Fragen Sie den Hauswirth,« antwortete ich ihm; »er wird Ihnen schon die Wohnung einer Hebamme bezeichnen, und rufen Sie sie sogleich her.«

Er ging; sein französisches Naturell machte[113] sich aber, trotz der eben ausgestandenen großen Angst wieder geltend, und ein Lächeln zeigte sich auf seinem eben noch von Thränen überschwemmten Gesichte.

»Une sage-femme!« wiederholte er nochmals mit einem possirlichen Ausdruck, und sprang die Stufen hinunter, um die benöthigten Erkundigungen einzuziehen und die Wehmutter herbeizuholen.

Ich blieb indeß mit der Kranken allein, die noch immer mit dem Gesichte gegen die Wand lag und keinen Laut weiter von sich gab. Doch bald kehrten die furchtbaren Convulsionen und stärker noch, als zuvor, zurück; die Leidende stieß ein mit Schreien vermischtes Aechzen aus; sie wand sich wie ein Wurm, sie riß sich das Haar aus; sie wollte aus dem Bette aufstehen, sank aber wieder kraftlos zurück; dann zeigte sich ein eigener, mir ach! nur zu wohl bekannter Ausdruck in ihren Gesichtszügen; ich hatte vor Kurzem eine Schwester, die einzige, die mir noch geblieben war, sterben sehen, und wußte so, daß es der Tod war, der sein Siegel auf dieses sich immer mehr verlängernde Antlitz drückte.

– »Louise!« rief ich, von Entsetzen überwältigt, »Louise, Sie sterben!« Ich hatte sie in[114] meine Arme genommen und ihr mit Todesschweiß bedecktes Haupt ruhte an meiner Brust; ihr Auge drehte sich in seiner Höhle um, die Nasen-Flügel sanken ein, die Unterkinnlade sank herab – die Brust athmete noch einmal tief und schwer; eine Pause erfolgte zwischen diesem Athemzuge und einem zweiten schwächeren; dann zog sie den Athem nicht mehr an sich, sondern blies ihn nur in kurzen Zügen von sich – dann stockte plötzlich Alles und ich sah schaudernd in ihr gebrochenes Auge! –

Ich hielt sie noch in meinen Armen, als der Arzt eintrat; er war der Erste, welcher kam, und einen Blick auf die unglückliche Louise werfend, sagte er:

»Ich kam zu spät: es ist Alles aus!«

Er untersuchte dann Puls und Herzschlag; sie war wirklich todt.

Bald darauf erschien der Vetter auch in Begleitung der Hebamme; man entfernte uns jungen Leute aus dem Zimmer und untersuchte die Leiche genau.

Das Resultat dieser Untersuchung, das ich erst in spätern Jahren, als ich selbst schon Gattin und Mutter war, von dem Arzte erfuhr, war, daß Louise wirklich vor allen Dingen der Hebamme[115] bedürftig gewesen war und ein Kind unter ihrem Herzen getragen hatte, die Frucht ihrer Liebe zu dem verheiratheten Vetter. Ihr unglücklicher Wuchs war ein unüberwindliches Hinderniß der Geburt dieses Kindes gewesen, das indeß doch vielleicht durch Hülfe der Kunst hätte geboren werden können, »durch den Kaiserschnitt,« wie der Arzt mir sagte. Die bei einem gefallenen Mädchen so natürliche Scham hatte sie aber daran verhindert, zeitig genug Hülfe zu suchen, und da man sich in ihrem Hause nicht um sie bekümmerte, da durch Zufall Keiner zu ihr gekommen war, hatte sie vielleicht schon lange in dem furchtbaren Zustande gelegen, in dem ich sie fand, als jene seltsame Ahnung mich zu ihr trieb, damit die Unglückliche doch nicht ganz verlassen sterbe.

– »Wie siehst Du aus!« rief mir Marianne zu, die lange vergebens mit dem Mittags-Essen auf mich gewartet hatte – die Eltern waren aus – als ich endlich gegen Abend mit todtenbleichem Gesichte zu ihr zurückkehrte; »und wo bist Du denn so lange geblieben?«

– »Bei Louisen,« versetzte ich, mich ermattet auf einen Stuhl niederwerfend.

– »Und sie hat Dich wegen Deiner neulichen[116] Flucht vor ihr tüchtig ausgezankt, nicht wahr? Das wolltest Du Dir ja eben holen, und warst nicht davon abzubringen!« zürnte sie; als sie aber meine Thränen fließen und mich in dem aufgeregtesten Zustande sah, wurde sie ernstlich beunruhigt, denn sie liebte mich mit der ganzen Kraft ihrer schönen, feurigen Seele.

Ich hatte sie, die sehr kränklich und schwach war, zu schonen und durfte ihr so das Vorgefallene erst nach und nach mittheilen; wie es sie erschreckte, und welchen Respect sie von nun an vor meinen Ahnungen bekam, kann man sich denken.

Dem jungen V. begegnete ich späterhin noch mehre Male auf der Gasse, und jedes von uns erröthete lebhaft beim Andenken an die seltsame Situation, in der wir uns einander gegenüber am Sterbebette der unglücklichen Louise befunden hatten; doch redete Keines das Andere je wieder an.[117]

Quelle:
Schoppe, Amalia: Erinnerungen aus meinem Leben, in kleinen Bildern. Altona 1838, S. 95-119.
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