Im Gefängnis.

[12] Viel Zeit zu Betrachtungen hatte ich nicht. Der Eine, der mit mir fuhr, war ein Deutsch-Böhme, von Profession Schuhmacher und im Verdacht, gestohlen zu haben. Der Andere war gut gekleidet, und war Schreiber, war wegen Naschen an unreifer Frucht erwischt worden. Das Mädchen sagte gar nichts in ihrer ärmlichen Kleidung und sah mich tieftraurig an.

Was wohl dies arme Mädchen getan hat? Fragen konnte ich sie nicht, weil der Schutzmann sein Augenmerk auf mich richtete.

Der Wagen hielt an. Wir waren im Gefängnishof und stiegen aus. Das Mädchen wurde nach der Frauenabteilung gebracht. Die zwei Mann und ich wurden von einem Schließer nach dem Aufnahmebureau geführt. Zuerst wurde ich nach Stand und Namen gefragt, mußte alles genau angeben, was in Akten notiert wurde, sogar meine Körperlänge mußte ich angeben; dann visitierte man mich. Man fand nichts bei mir. Ein Stück Kautabak hatte ich in der Hand.

Darauf brachte man mich nach dem Baderaum. Mechanisch entkleidete ich mich und badete. Ein Gefangener sah meine Staude (Hemd) nach, ob ich Bienen (Läuse) hatte. Er fand keine. Der Gefangene, welcher sich von meiner Reinlichkeit überzeugt, brachte mir ein grobes, weißes Hemd, eine graue[13] Hose und Jacke, vom selben Stoff eine Kappe, ein Paar Schlappen und Strümpfe. Ich zog diese mir verhaßten Brocken widerwillig an. Meine Kleidung kam in einen kleinen Sack der zugebunden und mit einer Karte, auf der mein Name stand, versehen wurde. Ein Schließer brachte mich die Treppen hinauf, und schloß eine Mansardenzelle auf.

Es waren elf Mann darin. Man zeigte mir meinen Platz, einen niederen Schemel, und sagte in barschen Worten:

»Sie müssen Tauzupfen!«

Einer von den mir zunächst Sitzenden schob mir auch ein Bündel kurz gehacktes Schiffstau zu und meine Beschäftigung begann. Der Schließer sah uns eine Weile zu, dann ging er und schloß die Zelle ab.

Kaum knarrte der Schlüssel in der schweren Tür, da fragten mich die Kameraden, welche mich kannten und eine längere Freiheitsstrafe abzumachen hatten:

»Amerikaner, bist ja auch schon wieder hier, dieses Mal gibt es aber Ueberweisung und Du kommst mit uns auf die Klappe (Gefängnis)! Na, so schlimm wird die Sache bei Dir nicht, die reißt Du auf eine Backe ab; da brauchst keine zwei. Was wollen wir denn machen? Der Bäcker hat ein und ein halbes Jemmchen (Jahr). Der Zimmermann dreiviertel und dort der olle Knaster zwei Jemmchen und ich werde zwei Jemmchen bekommen; schon weil ich einmal in »Glückstadt«, dann auf dem »Strauß« (Arbeitshäusern) war, und jetzt geht es nach Großsalza; dann kommt dazu, ich habe ein Mädel dicke gemacht und Alimente bezahlte ich nicht, konnte durch Arbeitslosigkeit nicht bezahlen. Wird nun machen Summa summarum zwei Jemmchen, dabei bin ich kreuzfidel. Was soll man sich ärgern über die Schmiermichels und das schöne Gefängnisleben!«

Mit diesen Worten drückte mir ein gewesener Kellner die Hand. Wir hatten uns schon vor fünf Wochen hier getroffen. Dies war meine letzte Strafe gewesen. War dazumal mit einem blauen Auge noch davongekommen. Der Richter beantragte[14] damals vierzehn Tage und Ueberweisung. Die Schöffen nahmen mir die Ueberweisung noch einmal ab.

Die Leute waren durch die viele Freiheitsberaubung abgebrüht. Auch ein Pole war unter uns. Einen Tag früher, als ich, war er gekommen. Auch er war wegen Bettelns inhaftiert. Der war traurig, weil er getrennt von seinen Kindern war; seine Frau war vor kurzer Zeit gestorben und weil er keine Beschäftigung finden konnte, wurde er beim Talfen erwischt und erwartete hier seinen Termin. Ein junger Kellner, zwanzig Jahre alt, machte im Gefängnis den Kalfaktor, er nahm seine Strafe nicht an. Sein Termin ging an eine höhere Instanz. Seine Verurteilung blieb dieselbe. Er wurde 4 Wochen früher nach »Salza« geschickt, als ich. Ein alter Mann. welcher schon mehrmals auf der Winde war, nahm auch seine Strafe nicht an. Die höhere Instanz ließ ihn warten, er hatte den Vorteil, länger inhaftiert zu sein. Er war schon ziemlich geistesschwach, trotz alledem sprach der Doktor zu ihm:

»Sie sind gesund, Sie halten diese Strafe noch ab!« Als der Alte mir dies sagte, zitterten ihm Arme und Beine.

Mir selbst war diese Haft bis zu meinem letzten Termin mehr wie eine Hölle auf Erden. Gedankenlos, mechanisch zupfte ich mein Tau zu Werg, machte nicht mehr und nicht weniger als meine Leidensgefährten. Wenn auch leise mal meine Kameraden einen groben Witz auf mich rissen, dann fand ich kaum die treffende Antwort darauf. Dieses Alles ekelte mich an. Meine Unglücksgefährten waren in keiner Organisation. Sie hatten es nicht jung begriffen, was der Verband für einen Riesenwert hat; hätten sie es begriffen in ihren jungen Jahren, beim Zeus, wir brauchten nicht hier zu sitzen, auch ich nicht. Wenn sämtliche Arbeiter einer einheitlichen Organisation angehörten, dann gäbe es Arbeit für Jeden zum Existieren. Kein Kapitalist könnte mehr Arbeiter maßregeln, und alte von der Arbeit gebrochene Leute brauchten von Rechts- und Staatswegen nicht mehr in das Arbeitshaus zu[15] kommen. Die Arbeit bekäme ihr Selbstbestimmungsrecht und vermittels eines Fonds würden Invaliden und altersschwache Leute reichlich und menschenwürdig unterstützt, und nicht wie jetzt mit einer so niederen Rente, wie in Deutschland, abgespeist. Die Kost in diesem Gefängnis war, so wie sie in Preußen ist, morgens Kaffee und ein Stück Brot. Mittags gab's dreimal Hülsenfrüchte, Erbsen, Bohnen, Linsen. Einmal gab es ein Gemisch von Erbsen und Graupen, wir nannten es Rumfutsch. Sonntags gab es Reis und ein Stück Rindfleisch. Die übrigen Tage einmal Sauerkohl und auch Graupen, im Volksmunde wurden diese »Kälberzähne« genannt. Am Donnerstag gab es einmal Fleisch, sehr kurz geschnitten ins Essen. Abends gab es Mehlsuppe, Reis- oder Brotsuppe. Das Essen war reichlich. Mittags und abends erhielten wir ein Stück Brot zum Essen. Alle 14 Tage Sonntags gab es abends keine Suppe, aber ein Stück Brot in doppelter Auflage. Die Arbeitszeit war von morgens 8 Uhr bis abends 5 Uhr. Die übliche Mittagszeit war eine halbe Stunde. Um 6 Uhr ging es nach den Schlafsälen. 61/2 Uhr wurden wir geweckt. Jeden Abend mußte Jeder seinen Strohsack, Bettwäsche und Decken nach seinem vorgeschriebenen Platz bringen und auf dem Boden herrichten. Es ging dies Hand in Hand; wenn ich meinen Strohsack an meinen Platz trug, so brachte ein Gefährte auch meinen Kopfkeil, Bettwäsche und Decken. Jeder Mann erhielt seine Wäsche und Decken beim Strafantritt und mußte sie auch wieder abliefern. Auch gab es ein Handtuch. An der Wand beim Arbeitsplatz hing die Gefängnisordnung, ebenso im Schlafraum. Früh, wenn wir geweckt, brachten wir unser Lager an Ort und Stelle und schichteten unsere Strohsäcke auf. Dann wuschen wir uns. Nach dem Waschen putzten wir abwechselnd der Reihe nach die Waschbecken und die mit Blech beschlagenen Waschbänke, erst auftrocknend und dann mit Putzpasta, die zum Messerputzen benutzt wird. Auch die Nachtkübeldeckel wurden gescheuert. Das Kehren der Zelle wurde[16] auch der Reihenfolge nach besorgt. Ebenso ging das Kübeln der Nachteimer der Reihe nach, heute diese und morgen die andere Abteilung. So genau, wie angegeben, wurde auch mittags und abends im Arbeitssaal beim Kübeln verfahren.

Schlaf- und Arbeitssaal lagen in einer Fluchtlinie.

In der Woche wurde keine Andacht gehalten. Doch Sonntags mußten wir die Kirche besuchen, mir war es jedes Mal ein Ekel. Wir mußten, frei kam Keiner davon. Ein Gerichtssaal war dazu eingerichtet. Die nötigen Bänke waren darin, sowie ein Harmonium. Ein gedeckter Tisch stellte den Altar dar. Die Predigt hielt ein Pfarrer; wenn wir sangen, beobachteten die Schließer uns, ob auch jeder sein Gesangbuch in der Hand aufgeschlagen hielt. Ich sang nicht mit. Damit der Gesang kräftig durchdrang, sangen die Aufseher und die alten Bekannten von dem Gefängnis am lautesten. Was der Pfarrer predigte, darauf habe ich keine Acht gehabt, weil ich die Kirche hasse und jede Heuchelei mir zuwider ist. Nach der Kirche sagten meine Kollegen: »Heute hat der Amerikaner wieder nicht mitgesungen, das muß aber ein ganz gottloser Mensch sein!« und kicherten sich eins. Mancher sagte: »Verdenken kann ich es ihm gar nicht, denn was ist Gott? Was ist ein Pfarrer? Der ist auch bloß ein Mensch, weil er gut bezahlt wird, und denkt, weil es ihm gut geht, geht es Anderen auch wohl!«

Sonntags gab es dann Bücher, meistens Traktätchen, oder fromme Emilsgeschichten, dann auch den Stöckerschen Arbeiterfreund, das evangelische Sonntagsblatt usw. Aus langer Weile habe auch was gelesen, geistig verdauen konnte ich dieses Gemüse nicht. In jedem Buch, in jedem Blatt, klang der Hohn heraus: »Jesus nimmt die Sünder an!« Selten war ein Buch dabei, was etwas Wissenschaftliches behandelte. Der Sonntag war jedes Mal ein Greuel für mich.

An einem Morgen mußten wir Kartoffeln schälen, vier Mann und ich. Ein Schneider war dabei. Wir frugen ihn:[17]

»Weshalb bist Du denn hier?« »Ich habe nicht getalft!« war seine Antwort. Wir uzten ihn und sagten: »Das sagt Jeder, wer hier reinkommt; da sind dann alle so gut und trüben kein Wasser.«

Ein Anderer sagte: »Schneider, wo hast Du denn Deinen Familienwagen gelassen?«

Da wurde er wild und sagte: »Da müßt Ihr auf das Präsidium gehen, die wissen schon, wo er ist!« Dann fing er an zu erzählen: »Ostern bin ich nach Sudenburg gekommen, mit meiner Frau, mit meinem kleinen Mädchen, ein Kind von fünf Jahren, einem Mädchen von 20 Jahren und meinem Hund. Beim Kristallpalast trafen wir junge Leute und die animierten uns, in den Garten zu gehen, und traktierten uns mit Bier. Ich soff wie ein Bürstenbinder. Meine Frau war am Tage schon eifersüchtig und durch den Biergenuß fing meine Alte Krach mit der Schickse (Mädchen) an. Die jungen Kerle freuten sich darüber und bezahlten noch mehr Bier und Schnaps für uns. Wir betranken uns so, daß ich meiner Frau eine ins Gesicht gab, weil sie das Keifern nicht lassen konnte und mich einen Hurenkerl nannte. Wir verließen den Garten und draußen standen Leute an unserem Wagen. Ich spannte meinen Hund ein und mein kleines Mädchen legte ich in den Wagen. Es sollte schlafen. Dabei machte meine Alte weiter Krach mit mir und mit der Schickse. Wir wollten noch weiter fahren, doch es kam anders. Meine Alte hatte durch ihren Skandal eine Menschenmenge herangelockt. Ein Polizist kam und wir wurden verhaftet! Nun bin ich hier und meine Frau ist in der Frauenabteilung eingesperrt!«

»Wo ist denn nun das Mädchen von zwanzig Jahren und Deine Kleine?«

»Das Mädchen ist auch in der Frauenabteilung gewesen, wurde aber am dritten Tage von ihren Eltern abgeholt, die haben gleich Kleider mitgebracht, daß sie sich hat neu einpuppen können, und mein Töchterchen haben sie in Pflege gegeben!«[18]

Leise sagte ich dem Schneider darauf: »Du bist ja eine schöne Rübe, erst hast den Braunschweiger Ballert (Wald) unsicher gemacht mit Deinem Schäferkarren. Hast wie der Graf von Gleichen »Mormonismus« studiert, Deine Alte und die Schickse racheilt (coitiert), und dann kommt noch dazu, daß Deine Olsche und die Schickse für Dich talfen (betteln) mußten. Hier werden sie Dir und Deiner Rieke schon die Flötentöne beibringen und zu Winde verknacksen (verurteilen). Da kannst Du den feinen Salzgeruch vom Soolbad bei Großsalze schnuppern!«

Der Schneider lachte selbst darüber und wir mit dazu. Doch boshaft erwiderte er: »Was ist denn mit Dir los, Du hast doch seit anno Tobak auch nicht gearbeitet und vor fünf Wochen warst auch schon hier. Wenn ich Salze besuchen muß, dann treffen wir beide uns dort und mehr als Du bekomme ich auch nicht!«

Wir schälten dabei die Kartoffeln, als ging es in Akkord, denn die anderen drei Mann wollten zeigen, was für arbeitswillige Leute sie waren. Sie lebten in der Einbildung, darum weniger Strafe zu erwischen.

Die Kartoffeln stanken aus den Körben heraus, weil im Juni bald keine mehr tauglich ist, und wir hatten viel Abfall. Daß es in unserer Zelle stank, trotzdem das Fenster geöffnet war, soll nur nebenbei erwähnt werden!

Dann unterhielten wir uns über das Kittchen. Der eine sagte: »Bin schon vier Wochen hier und nächste Woche am Donnerstag komme ich heraus. Die vergangene Woche waren die Kartoffeln noch viel schlechter, die stanken wie die Pest, und es konnte nur ein Teil verbraucht werden, die anderen waren nicht zu genießen. Der Lieferant wollte noch mehr solche Ware bringen, aber der Oberaufseher ließ ihn die Kartoffeln wieder auf den Wagen laden und am anderen Tage brachte der Lieferant etwas bessere Ware!«

»Was meinst Du wohl, im Jahre 1898 habe ich bei einem Armeelieferanten Kartoffeln sortiert. Es war in Magdeburg-Neustadt[19] am Nikolai-Kirchplatz. Da sind Kartoffeln abgeliefert worden, das war die reine Affenschande, und die sind auch in der Küche verarbeitet worden. Retour kamen sie nicht und ich war bald vierzehn Tage da. Wer gut schmiert, der gut fährt. Für den gemeinen Mann ist alles gut genug, und wie es beim Militär zugeht, so ist es auch beim Gefängniswesen.«

»Die Beamten brauchen ja unser Futter nicht zu essen,« warf ich ein.

Dann brachen wir von dem Thema ab und foppten den Schneider:

»Na, alter Mückenfett, wie lange war denn die Schickse in Eurer ehrenwerten Gesellschaft und was hast denn gemacht, daß Deine Alte so rabiat geworden ist?«

»Ja, das möchtet Ihr gern wissen! Von mir könnt Ihr aber nichts erfahren.«

»Na, wieviel Bienenzucht (Lausezucht) hast denn in Deine fahrende Lausekommode angelegt! Da wird wohl die Polente (Polizei) ihren Dampf gehabt haben, um das Ungeziefer richtig auszubeizen. Du und Deine große, heilige Familie, Ihr müßt ja erst vollständig eingepuppt (eingekleidet) werden, wenn Du und Dein alter Drachen die schöne Sommerfrische Großsalze betreten. Was ist denn nun aus Deinem kleinen »Mächen« geworden? Die werden sie wohl bei eine Engelmacherin in Pflege gegeben haben, und Deine Hundetöle, die wird bei Rostenbecken schon als »falsches Karnickel« von Proleten verzehrt sein!«

»Was wollt Ihr denn,« erwiderte der Schneider leise, aber seine Stimme zitterte vor Wut, »ich komme nicht nach Salze, denn ich habe immer gearbeitet, habe Kiepen geflickt und alte Sachen repariert; aber Du kommst nach Salze, Dir bringen sie die Flötentöne bei, mir nicht!« Dabei zielte der Schneider auf mich.

Wir schälten weiter, denn wir hörten Tritte. Ein Aufseher öffnet die Tür und wir gingen nach der Küche, um[20] unser Essen zu holen. Es gab Erbsen und Kartoffeln. Jeder nahm seinen Napf und sein Brot und ging wieder in unsere Zelle zurück. Die Hände konnten wir nicht waschen, also aßen wir unsern Zug Essen mit den nach faulen Kartoffeln riechenden Händen. Später bekamen wir noch einen Zug, uns ging es wie eingesperrtem Raubzeug, wir konnten schwer achillen (essen), unser Magen war eben unergründlich.

Bloß dem Schneider schmeckte es nicht besonders, der jammerte: »Wenn ich nur meine Alte mal sprechen könnte; die Weibsleute sind so dumm und verpfeifen alles. Sonst ist sie gar nicht so unrecht. Was nur aus meinem Kinde wird!«

»Was soll da werden,« sagte ein Anderer. »Dein Mädchen, die ist in Fürsorge, die kriegst nicht wieder, denn bei Dir lernt das arme Wurm doch nischt Gutes!«

Darauf sagte ich: »Bei fremden Leuten ist so ein armes Wurm nicht besser aufgehoben als bei seinen Eltern, und wenn diese auch nicht viel wert sind oder gar Verbrecher wären. Sehr selten, daß mal Leute, welche in guten Verhältnissen sind und keine Kinder haben, so ein Kind aufnehmen, zumal es schon über fünf Jahre alt ist. Die Polente und Armenverwaltung gibt doch auch am liebsten die Kinder da hin, wo am wenigsten für deren Unterhalt verlangt wird, und was ist das Ende vom Lied? So ein Kind verlebt dann eine Jugend, daß es seine Erzeuger am liebsten in seinen verständigen Jahren verfluchen möchte. Da brauchst nicht Deine Augen so aufzureißen, so ist es; deswegen darfst nicht denken, daß ich so verroht bin, weil ich sagte – Dein Kind haben sie bei eine Engelmacherin untergebracht –. Die meisten Leute, die Kinder annehmen, wollen daran verdienen. Bekommen sie wenig, so wollen sie eben auch profitieren und das Ende vom Lied ist: es wird hungerleiden und frieren müssen, hat keine rechte Ordnung, kriegt wenig Schlaf, wird herumgestoßen, kriegt schließlich feste Puffe und stirbt entweder oder es verwahrlost, maust, wo es was erwischen kann, oder läßt sich[21] schon, ehe es aus der Schule kommt, verführen und dann ist die Dirne fertig. Das haben wir dem lieben Gott dann zu verdanken. Hab' ich nicht recht, Schneider?« –

Er gab mir auch die Hand darauf. – – –

Mit Kartoffelschälen waren wir fertig. Die Kartoffeln brachten wir, je zwei Mann an einem Behälter, in die Küche. Einer von den Küchenarbeitern – auch Gefangene – gab uns ein Stück Brot. Wir versteckten es in der Jacke, damit es der Aufseher nicht sah. Den Kartoffelabfall und die Schalen brachten wir auf den Hof in einen Verschlag, welcher jeden Tag von Leuten abgeholt wurde. So war es auch mit den anderen Speiseabfällen.

Die Aufseher waren nicht streng gegen uns, mancher gute Mann war darunter. Was sollten denn die Leute bei dem Gehalt, den sie bekamen, auch anfangen? Da konnten sie auch nicht fett dabei werden. Wie manchmal sind wir mittags nach dem Essen eingeschlafen und ein Aufseher schloß die Türe auf und sah, daß die Arbeit nicht mehr vorgeschritten war. Doch es wurde nicht geschimpft.

Die Zeit in den Wochentagen floß für uns schnell dahin. Jeder Tag brachte Neues und wir waren manchmal bis über 20 Mann in einer Zelle. Es kamen welche, und andere wurden entlassen oder wurden nach ihrer Haftstrafe wieder nach dem Polizeipräsidium gebracht, um bis zum Mittwoch zu warten, dem dazumaligen Transporttage nach dem Orte der Ueberweisung an die Landespolizei.

Abends im Schlafsaal war die Kontrolle auch nicht scharf. Jeder Aufseher war froh, wenn der für ihn langweilige Tag zu Ende war. Man zählte uns, schloß den Schlafsaal ab und wir erzählten uns aus vergangenen Tagen. Daß dabei auch mancher eine pikante Geschichte erzählte oder auch vorlog, ist selbstverständlich. So erzählte uns ein Mann von fünfzig Jahren, er hätte schon den Papa für ein »Freudenmädchen« gemacht. Das hübsche Kind hätte ihn elegant eingepuppt und[22] er hätte den Beschützer gemacht, selbstredend hätte die respektable Dirne nicht unter Kontrolle gestanden. Die feinsten Cafés und Restaurants hätten sie besucht in Berlin. Wenn das Fräulein nun »Einen« gekapert hatte, bekam der die Adresse und das Mädchen ging mit dem Alten zur Straßenbahn, fuhr heim und der neue Freier fuhr allein nach der angegebenen Wohnung. Das schöne Frauenzimmer hielt sich einigermaßen anständig, kleidete sich niemals auffällig, aber sehr nobel. Der Alte versicherte, er hätte die schönsten Tage verlebt bei dieser Dirne. Der Herrenbesuch konnte nicht auffallen, weil er seinen Namen angab, und die Herren besuchten dann ihn und nicht die Dirne.

Wir uzten natürlich den Alten: »Wenn es Dir so gut gegangen ist, weshalb bist Du denn hier?«

»Ja, wenn die Sittenpolizei meine Dirne nicht erwischt hätte in einem feinen Hotel, wo ein reicher Schlaks seine Wollust an dem Mädchen kühlte und den hohen Preis dieser Nacht ungern bezahlte, und der sie nicht aus Rache bei der Sittenpolizei denunziert hätte, wäre es heute noch so. Wie mein Mädchen früh das Hotel verließ, stand ein Sittenkommissar vor dem Hotel. Mit den Worten: »Erna, kommen Sie mal mit!« brachte sie der Sittenpolizist zur nächsten Droschke und es ging hinaus nach Moabit, wo sie dann eingespunnt und wegen Erpressung und gewerbsmäßiger Unzucht verknackst wurde.« So erzählte der Alte. Schweinigeln konnte der alte Knopf riesig. Als junger Kerl von 18 Jahren sei er in Charlottenburg in ein feines Haus gekommen im dritten Stock. Da hätte auf dem Schild ein adeliger Name gestanden. Er sei natürlich in dufter Schale gewesen und habe geklingelt; ein hübsches Mädchen von 18 Jahren habe geöffnet mit der Frage, was er wünsche! »Mein Fräulein, ich habe kein Geld und hungrig bin ich auch, bitte geben Sie mir etwas zu essen!« Das hübsche Kind hätte ihm geöffnet und ihn eingeladen, in ihr Zimmer zu treten. Sie hätte ihm ein feines Frühstück mit Wein vorgesetzt und sich mit ihm unterhalten und nach[23] dem Essen das Ansinnen gestellt, sie wolle es ihm gut bezahlen, er solle doch Cunnilingus mit ihr treiben. Er hätte sich erst geweigert, aber sie habe ihm die Backen gestreichelt und weil sie ihm 20 Mark bot, hätte er es getan, bloß um des lieben Geldes willen. Nachdem habe ihn das hübsche Kind geküßt und mit der Bitte, es niemand zu sagen, hätte sie ihm 20 Mark in die Hand gedrückt und er sei gegangen.

Der Pole war den ganzen Tag traurig, weil er wie ich nach der Winde mußte, und noch drei Kinder hatte. Seine Frau war, wie ich schon erwähnte, über ein halbes Jahr auf dem Friedhof. Seine Kinder waren bei seiner Schwester untergebracht. Er sagte, um seine Person sei ihm wenig gelegen, aber seine Kinder, für diese könnte er nun nicht das Pflegegeld entrichten. Es wäre zum Rasendwerden. Jetzt gerade im Sommer müßte dies passieren und im Winter käme er dann heraus, dann würde sicher das Elend wieder anfangen. Er konnte sich auch nicht recht erklären, wie es zuging, daß er arbeitslos war, und dadurch fand er keinen Trost und konnte sich schwer in das Gefängnisleben fügen.

Dies war nun bei mir nicht der Fall, ich philosophierte: »Bei allen Gelegenheiten kann sich jeder Mensch bloß satt essen und auch bloß einen Anzug tragen.« Dies hatte ich und sogar noch etwas mehr als bei Arbeitslosigkeit auf der Landstraße. Ich brauchte mir keine Türe vor der Nase zuschlagen zu lassen und keinen Hut vor Menschen abzunehmen, die zu hart waren, um mich zu verstehen oder mir Beschäftigung zu geben, welche meinem Körper einigermaßen zuträglich sei. Ich bin kein Riese und habe ein Körpergewicht von nur 105 Pfund. Der Hauptfehler von mir war, daß bei Lohnabzügen in einer Fabrik ich der Erste war, der dagegen aufmuckte, selbst wenn ich nicht davon betroffen wurde. Ich war es, der die Arbeiter aufhetzte, sich diese Knebelung nicht gefallen zu lassen. Mein Instinkt und meine Erfahrung schrieben die kurzen Worte in mein Gehirn, gleich einem Mene tekel upharsin: Heute Dir und morgen mir. Dann verpfiffen (verrieten) mich gewisse[24] Freunde beim Fabrikanten. Man schikanierte mich, und das Ende vom Lied war, ich flog raus; meistens ging ich selbst.

So war es auch in Magdeburg gewesen. Durch Arbeitslosigkeit war meine Erbitterung gestiegen bis in die höchste Dimension. Eines Tages las ich in der Zeitung: Gerhard Terlinden, der Organisator der vereinigten Stuhlfabriken am Niederrhein, der diese in eine gemeinschaftliche Aktiengesellschaft umwandelte, dann Riesensummen unterschlug und mit seiner Kassiererin nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika entfloh, sei dort verhaftet worden. Terlinden und Fräulein Barth waren nach Milwaukee in Wisconsin geflohen, führten dort ein Schlaraffenleben in Nachtcafés, vornehmen Kneipen und ließen den Herrgott einen frommen Mann sein. Der deutsche Konsul hielt aber über Terlinden und Fräulein Barth den Omahaer Regenschirm, bis es die Milwaukeer Arbeiterschaft und das ehrliche Bürgertum satt hatte und sich durch die Presse beschwerte. Nach geraumer Zeit wurde Gerhard und seine Kassiererin verhaftet und nach Deutschland transportiert. Terlinden wurde zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt.

Mir fiel dabei ein, daß ich oft in Wut geraten war, wenn ich so herumirrte und keine Beschäftigung finden konnte, und mir die Sache von Gerhard Terlinden aus Oberhausen Rheinland, in das Gedächtnis kam. Das Bureau der Metallindustriellen, respektive der Arbeitsnachweis, war zur Zeit in der Wilhelmstraße in Magdeburg. Ich ging hin, es war neun Uhr morgens, und fragte den Beamten, ob er nicht so freundlich sein könnte und mir den Aufenthalt von Terlinden sagen. Er sei Holz- und Metallindustrieller, und weil ich durch seine Agenten von einem Arbeitsplatz zum anderen gehetzt worden sei und noch gehetzt würde, sollte der Beamte mir gütigst mitteilen, wo sein neuer Wohnsitz sei. Ich wollte den Herrn begrüßen. Um nicht als Feigling zu gelten, zeigte ich meine Legitimation vom Deutschen Metallarbeiterverband vor und sagte, durch diese Hetzjagd von dem Terlinden an meiner[25] Person könnte ich keine Invalidenkarte aufweisen. Der Beamte tat natürlich, als ob er es mit einem Verrückten zu tun hätte, und sagte: »Ich kann Ihnen keine Auskunft über den Wohnsitz von Terlinden geben. Schreiben Sie doch an seine Familie in Oberhausen, die müssen es wissen!«

So hatte ich es bei der Firma Hauswaldt, Kaffeezusatz- und Schokoladenfabrik in Magdeburg-Neustadt, gemacht. Ich schrieb 1903 einen Brief an den Kommerzienrat Hauswaldt und rechnete ihm vor, wieviel ich im Punkt Lohn von der Firma betrogen worden sei, als ich dort beschäftig war. Leider war der alte Mann tot und der Brief kam wieder an mich retour. Wer weiß, ob er nicht geöffnet worden war? –

In Nordhalben hatte ich eine zwölftägige Haftstrafe wegen Bettelns zu verbüßen und mußte alte Kuverts umwenden. Dort lernte ich das Brieföffnen, ohne den Umschlag zu beschädigen. Mit einem spitzen Federhalter löste ich den Umschlag zwischen den geleimten Seiten los, ohne das Papier zu verletzen. Der Schließer lernte mich an. Von dieser Zeit an weiß ich, wie man Briefe öffnen kann, ohne sie aufzureißen oder aufzuschneiden. Was Gutes lernt man überhaupt nicht in den Gefängnissen. – Durch mein radikales Benehmen bekam ich erst recht keine Beschäftigung. Am Bau konnte ich nicht arbeiten, weil diese Arbeit für mich zu schwer war. Versucht hatte ich Vieles, um mich über dem Sumpf zu erhalten. So hatte mir u.a. ein intimer Freund, William Bromme aus Friedrichshaide bei Ronneburg, welchen ich zwei Jahre früher traf und kennen lernte in der Wesselmann-Bohren-Kompanie, Werkzeug- und Werkzeugmaschinenfabrik in Zwötzen bei Gera, dringend empfohlen, an den Verlag von Edmund Günther in Leipzig zu schreiben und mir Probebände von »Weltall und Menschheit«, »Das deutsche Recht« und Auszugbände deutscher Klassiker schicken zu lassen. Ich schrieb an die Firma und erhielt auch das Material. Auch dieser Versuch schlug fehl; nicht ein einziges Werk setzte ich ab, ob wohl die Bezahlung nicht schlecht war. Ich hätte beim[26] Absatz eines einzigen Werkes fünf Mark verdient. Es half eben nichts. Ich mußte, um ehrlich zu bleiben, die Probebände wieder nach Leipzig schien, unter Entschuldigung, weil ich das Geld für Porto nicht hatte, unfrankiert per Post.

Nun muß ich noch hinzusetzen, daß ich sogar die Herren Geistlichen besucht hatte und diesen das Werk »Weltall und Menschheit« empfahl und in heimlichem Spott betonte, sie sollten das Werk kaufen, um besser gegen das Werk »Babel und Bibel« vorgehen zu können. Aber wie gesagt, bei diesen schwarzen Herren hatte ich auch kein Glück. Sie lernte ich kennen als fromme, aber recht gefühllose Menschen.

Auf diese Weise sank ich immer tiefer in den Sumpf der Existenzlosigkeit und wünschte mich selbst in solchen schwachen Stunden nach dem Arbeitshaus. Schlechter war sicher das Leben nicht als auf der Landstraße oder als Bettler in einer Großstadt. Da brauchte ich nicht den elenden Fusel zu saufen ....

So kam nun mein Termin vor dem Schöffengericht. Der Anwalt beantragte vier Wochen und Ueberweisung an die Landespolizei. Der Richter und die Schöffen bestätigten das Erteil, weil ich ein arbeitsscheuer Mensch sei. Ich bäumte mich dagegen auf, nahm bloß die vier Wochen Haft an und legte Berufung ein. Acht Tage später kam mein Termin an eine höhere Instanz. Das Urteil blieb dasselbe. So kam denn der Tag heran, es war am 27. Juli 1903. Meine Gefängnisstrafe hatte ich verbüßt. Meine Bettwäsche und Handtuch hatte ich zusammengepaßt beim Aufstehen. Der Schließer rief meinen Namen auf, ich drückte noch meinen intimeren Leidensgenossen die Hand. Der Schließer ging mit mir die Gefängnistreppe hinunter. Der Mann sprach mir Mut zu mit den Worten:

»Schuchardt, das halbe Jahr geht auch hin und dort wird auch Brot gebacken!«

Im Baderaum erhielt ich meine eigenen Sachen und übergab dem Badekalfaktor meine Gefängnissachen.[27]

Ein alter Mann, 68 Jahre alt, welcher auch Ueberweisung bekommen hatte, wurde mit mir in den Gefängnishof geführt. Ein Transporteur in Zivil holte in der Kanzlei unsere Papiere. Er brachte uns nach dem Wagen. Wir stiegen ein und er schloß die Wagentür. Der Wagen fuhr nach der Ulrichstraße zum Polizeipräsidium in das Polizeigefängnis. Vor der Tür des Kittchens stiegen wir aus und der Transporteur übergab uns dem Kittchenboß (Gefängnisvater), denn wir mußten die Tage bis zum Weitertransport nach dem Arbeitshaus dort verbringen. Wir wurden in einer Zelle im oberen Stock eingesperrt.

Die Zelle war freundlicher, als jene im Souterrain. Der Boden war sauber. Die Wände sahen reinlich aus, auch waren bloß zwei Pritschen darin. Strohsäcke waren zwei in der Zelle. Wir bekamen vom Kittchenboß jeder eine wollene Decke und unser Abendbrot, ein Stück Brot; dann schloß er uns ein. Wir aßen unser Brot, viel Worte wechselte ich mit dem Alten nicht, weil er mich verpfiffen (verraten) hatte im Gefängnis, wegen eines Stücks Kautabak. Der Aufseher fand keinen Tabak bei mir, weil ich ihn in einer Kachelritze im Gefängnisofen heimlich versteckt und einem Freund ein Stück gegeben hatte und dem Alten keinen. Aus Aerger hatte mich der Alte denunziert. Ich kam mit einem blauen Auge davon, denn die anderen sagten, sie hätten bei mir keinen Tabak gesehen. Der Alte war in der ganzen Abteilung verhaßt.

Nach dem Essen richtete ich mein hartes Lager ein. Zog meine Joppe aus, legte sie unter meinen Kopf und warf mich auf die Pritsche. Einschlafen konnte ich nicht und so passierte Erlebtes vor meinem geistigen Auge. Ich dachte an meine Mutter, der ich sehr viel Geld gekostet hatte, und ich schämte mich, daß ich ein Vagabund, ein Strolch geworden war und jetzt den Stempel durch meine Papiere aufgebrannt bekam, – als Arbeitsscheuer. Ich sollte eine deutsche Galeere durchkosten, ein sogenanntes »Deutsch Sibirien«. Im Anfang dieses Jahres[28] hatte mir meine Mutter noch mit hundert Mark ausgeholfen. Ich wollte handeln mit verschiedenen Artikeln, aber ich bekam keine Konzession, keinen Gewerbeschein. Trotzdem ich mich einrichtete, war nach 13 Wochen das Geld alle und ich konnte wieder betteln gehen, denn Arbeit bekam ich nicht. Es war eben ein flaues Geschäftsjahr, 1903.

Meine Schwester war ein gutes Kind zu Hause und hatte sich mit einem jungen Kaufmann verheiratet, welcher in guter Kondition war. Bloß ich war ein Strolch – ein Landstreicher. Am liebsten hätte ich meinem Leben ein Ende gemacht.

So grübelte ich vor mich hin, bis mich der Schlaf ereilte.

Sogar im Schlafe fand ich keine Ruhe und es träumte mir, ich sei in einem tiefen, offenen Zwinger und alle Arbeitgeber grinsten mir zu; ich lag am Boden und sie weideten sich an meinen Qualen und Stimmen riefen:

»Ja, so geht es, wenn man sich gegen Arbeitgeber auflehnt!«

Mit den Worten »verfluchtes Pack« drehte ich mich um und erwachte. Es war ja nur ein Traum.

Wieder schlief ich ein und mein Gehirn arbeitete fieberhaft weiter. Es träumte mir: Schnee lag auf der Landstraße und in dicken Flocken fiel er vom Himmel; ich wollte heim zu meiner Mutter, ich wollte ihr beichten, mein ganzes Leben, und ich ging rastlos vorwärts, daß meine Füße brannten von dem kalten Schnee, der sich in meine zerrissenen Schuhe zwang – – und ich kam nach Hause. Die Türe war verschlossen und an einer Tafel stand: »Deine Mutter will nichts mehr wissen von einem Landstreicher!«

Und ich fühlte die ganze Hölle auf Erden wie der ewige Jude.

Weiter träumte es mir: Ich bin in Gotha auf dem Friedhof. Eine warme Sommernacht war es. Das Krematorium lag friedlich da, wie die Menschen unter dem Rasen dieser geweihten Stätte. Vor einem schmucklosen Grabe kniete ich nieder. Vor dem Hügel, unter dem meine Großmutter[29] gebettet war. Sie war eine gute Frau, leider manchmal zu gut gegen mich. Beten konnte ich nicht, meine Augen brannten, keine Träne floß. Ich konnte durch die Erde bis in den Sarg sehen. Die alte Frau sah mich vorwurfsvoll an und drehte ihren Körper mit dem Gesicht nach dem Grund. Mein Herz krampfte sich zusammen. Verfemt, verstoßen wie Ahasverus!

Ich erwachte, mein Gaumen brannte, ich spülte meinen Mund aus und trank in gierigen Zügen aus dem Gefängniskrug.

Mein Partner schlief noch. Es war Tag und dumpf grübelte ich vor mich hin, im Herzen ein Rachegefühl über meinen elenden Zustand und den festen Vorsatz, mich zu fügen in die neuen, ungeahnten, qualvollen Verhältnisse.

Es war Tag und bald wurde unsere Zelle geöffnet. Wir wuschen uns und reinigten unsere Zelle. Wir beide bekamen Kaffee – ein Getränk, was den Namen nicht verdiente, und jeder ein Stück Brot. Dann wurden wir unten eingesperrt. Mehrere Mann waren da, die eine kurze Polizeihaft zu verbüßen hatten. Der alte Mann, der die letzte Nacht meine Zelle teilte, kam in eine andere Zelle. Ich erzählte den Leuten, daß ich Ueberweisung bekommen hätte und bis zum Mittwoch warten müßte, um dann nach Großsalze transportiert zu werden. Da ich keinen »Stift« hatte, gab mir Einer ein Stück Kautabak und fünf Pfennige, damit ich mir Tabak vom Kittchenboß bringen lassen konnte. Die Leute waren wegen Ruhestörung in der Nacht verhaftet worden. Bloß Einer hatte eine Polizeistrafe von zwei Tagen »abzureißen«. Dieser gab mir ein Stück Wurst, die er von zu Hause mitgenommen hatte.

Wir erzählten uns leise etwas; da wurde die Tür aufgeschlossen und der Kittchenboß fragte mich, ob ich Rolle drehen könne. Ein Mädchen wolle Wäsche mangeln für das Polizeipräsidium. Das Mädchen ging mit mir zu einer Bodenräumlichkeit unter dem Dache. Da stand eine Wäschemangel, ein alter Kasten. Ich half dem Mädchen den Korb vom[30] Rücken heben und die Arbeit begann. An den Wänden hingen Ketten mit Schließeisen, wahrscheinlich alten Systems. Die Kettenglieder waren sehr stark und schwer. Ein alter hoher Stuhl stand dort, der altersschwach schien und wahrscheinlich die Kontrolle von Freudenmädchen nicht mehr aushielt, oder durch einen verbesserten aus seiner früheren Stelle verdrängt worden war. In einer Kiste lagen alte Bücher ausgeschichtet und alte Zeitungen füllten eine zweite Kiste. Die Arbeit dauerte eine Stunde. Das Mädchen gab mir für die Beschäftigung eine Flasche Bier. Als wir fertig waren, bekam ich ein Butterbrot und half dem Frauenzimmer den Korb wieder auf den Rücken heben, ging mit ihr die Treppe hinunter und der Schließer sperrte mich wieder ein.

Am Nachmittag wurde ich vor den Kriminalbeamten F. gebracht. Dieser wollte gern wissen, wo ich meine anderen Sachen hatte, zumal ich bei einer Frau Scharke gewohnt hatte, deren Sohn den Polizeispion machte. Scharke ist in Magdeburg als Vigilant bekannt. Vorher wußte ich dieses leider nicht und K., den ich schon von Anfang der neunziger Jahre an in Magdeburg kannte und der auch in diesem Haus wohnte, hatte es mir nicht gesagt, sonst hätte ich bei diesen Leuten keine Schlafstelle genommen. Am Wahltag hatte ich auch für K. die Volksstimme ausgetragen, weil er als Beisitzer im Wahllokal in der Jakobstraße beschäftigt war. Vermittels einer Liste hatte ich die Tageszeitung an die Abonnenten besorgt, aber nur einen Teil, den anderen Teil haben seine Kinder besorgt. Nun war ich durch mein radikales Benehmen der hiesigen Polizei schon aufgefallen. Aber Scharke und seine Mutter hatten mich auch noch denunziert. Ich sollte die Polizei hassen und bei jeder Gelegenheit verspotten, und der Kriminalbeamte wollte nun gern wissen, wo ich meine anderen Sachen hätte. Doch ich gab ihm zur Antwort:

»Die habe ich verbrannt!« Was natürlich gelogen war, denn sie befanden sich in guten Händen. Ich hatte meine übrigen Sachen und Schriften bei einer Gothaer Schulkollegin[31] untergebracht, deren Mann selbst Vertrauensmann einer Gewerkschaftsfiliale war.

Mit der Drohung entließ mich der Beamte: »Wir bekommen doch alles heraus!«

Ich hatte darauf bloß ein spöttisches Lachen.

Nun mußte ich zu dem Doktor in ein anderes Zimmer. Der untersuchte mich, ob ich tauglich für das Arbeitshaus sei, und stellte anthropometrische Daten bei mir fest. Ein Schreiber buchte alles. Dann kam ich wieder in meine Zelle. Vom Kittchenboß wurde ich gefragt, was ich an Kleidungsstücken brauche. Mein Anzug war gut und auch die Schuhe, nur mein Hemd war schmutzig, deswegen bestellte ich mir eins. Die Anderen wurden vollständig oder teilweise mit alten Kleidern und Schuhen versehen. Den anderen Morgen mußten wir baden. Der Kittchenboß sah unsere Kleider nach, ob wir Bienen (Läuse) hatten. Er fand keine bei uns. Ich bekam mein Hemd, nebenbei bemerkt: war mein altes besser als das neue. Das alte mußte ich zurücklassen. Ich zog mich wieder an und so ging es der Reihe nach weiter. Wir waren 8 Mann, die nach der Winde mußten. Den Alten hatte man in einen hellbraunen Ueberzieher gesteckt, er sah so komisch aus, zur Zeit der Hundstage im Ueberzieher. Der Pole Barnack hatte ein Paar alte Schuhe und ein Jackett erhalten.

Um 9 Uhr erhielten wir ein Stück Blutwurst und Brot die sogenannte Henkersmahlzeit, denn der »blaue August« wartete schon auf uns. Für jeden Korrigenden war ein Transporteur zur Stelle. Vor dem Hauptbahnhof hielt der Wagen. Ein Transporteur löste die Billette bis Schönebeck. Der Alte wurde nach Zeitz gebracht. Die Transporteure brachten uns vier Mann in eine 3. Wagenklasse und saßen uns gegenüber. Ich saß neben Barnack, neben dem saß ein Bäcker von ungefähr 45 Jahren und ein Mann, der per Transport gestern nach Magdeburg kam.

Die Zeit während der Eisenbahnfahrt war kurz. Zwei Haltestationen dazwischen, Buckau und Westerhüsen. Von den[32] Wagenfenstern aus sah man schon die Schornsteine der Industriestadt Schönebeck. Noch eine Minute, der Zug hielt. Die Transporteure stiegen mit ihrer menschlichen Ware aus und der Weg ging durch die Bahnhofshalle nach der Straße, in der Richtung Großsalze.

Die Straße war breit und hatte zwei Bürgersteige. Da standen Bäume in gleichmäßiger Reihenfolge. Es war ein heißer Julitag. Die Sonne zeichnete kurze Schatten auf den Bürgersteig. Die Straße war wenig belebt. Ein leerer Omnibus, mit ein paar alten Gäulen bespannt, denen bei der Hitze auch der nicht besetzte Wagen zu schwer schien, fuhr vorüber.

Ein alter Mann mit einem jungen Weib sahen uns belustigt nach, wie wir im Gänsemarsch, je ein Transporteur und ein Mann, hintereinander nach der Anstalt zutippelten. Es schienen Sommerfrischler zu sein, die von dem Kurhaus Elmen kamen und nun eine Sonnenbadtour unternahmen. Den Dickkopf hätte ich gern an meine Stelle gewünscht wegen seines herzlosen Benehmens gegen uns. So kamen wir vor die Türe zum Eintritt in die Korrektionsanstalt. Ein Transporteur klingelte. Es wurde geöffnet.

Wir waren nun in dem Bereiche des Armen- und Arbeitshauses Großsalze, des früheren Rittersitzes »Burg Schadeleben.«

Quelle:
Schuchardt, Ernst: Sechs Monate im Arbeitshaus. Erlebnisse eines wandernden Arbeiters, Berlin [1907], S. 12-33.
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