Göttingen.

[182] Wir blieben bis in den Juni 1764 in Hannover und sollten nun auf vier Wochen nach Göttingen. Der Abschied von Hannover ging mir nahe, besonders von meinem alten Bothe. Es hieß zwar, wir würden den Winter wieder hinkommen; aber mein Herz sagte es mir: Du siehst deinen liebenswürdigen Alten nie wieder. Ich war untröstlich. Doch ich mußte fort. Nun waren wir in Göttingen und spielten bei reicher Einnahme mit sehr vielem Beifall. Wer weiß, was das sagen will, zu spielen auf einer Universität, wie die, die in Göttingen war, wo in so langer Zeit nicht gespielt worden, H. Ackermann auch bloß wegen der guten Aufführung seiner Gesellschaft in Hannover die Erlaubnis erhalten: wird wissen, daß Verstand und Talent erfordert wird, seine Rolle zu spielen so gut auf dem Theater als von demselben, und lieber einem Tadel als Schauspielerin sich unterwerfen, als dem einer guten Bürgerin. Ich nahm mir vor, bei all meiner Flüchtigkeit und meinem munteren Wesen sehr auf meiner Hut zu sein, jeder Gelegenheit einer Bekanntschaft auszuweichen, und wenn es auch mit dem Gesittetsten der Universität gewesen wäre. Nie ging ich allein über die Gasse; mein Bruder mußte mir seinen Arm geben. Ich war ohne Affektation gegen den, der sehr einfach, wie gegen die, die reich gekleidet waren, gleich höflich und freundlich. Alle möglichen Versuche wurden angestellt, mich zu sprechen in meinem Haus. Aber nie fand man mich, und oft war ich im Zimmer versteckt, daß mich keiner sah. Bald kamen sie um Komödienzettel, bald um Billette, bald frug man nach H. Ackermanns Wohnung, bald wollten sie die Stücke zum Durchlesen haben, die gespielt wurden usw. Endlich, da das kommen nicht aufhören wollte, sagte meine Mutter: »Meine Herren, ich bin gewiß, Sie wissen es besser, als ich's Ihnen sagen darf, daß hier bei mir weder Zettel, noch Billette, noch Bücher zu haben sind. Auch werden Sie besser wissen als ich, wo H. Ackermann wohnt, weil ich es nicht weiß, da ich noch nicht in seinem Hause gewesen bin. Was Sie vielleicht hier suchen, werden Sie nicht finden. Wir haben alle mögliche[183] Hochachtung für Sie. Aber Sie sind selbst alle zu vernünftig, um nicht selbst einzusehen, wie notwendig es ist, jedem Umgang und jeder Bekanntschaft auszuweichen. Verschonen Sie also meine Tochter und mich! Wie sehr würde es uns kränken, wenn wir Verdruß hier haben sollten! Und Sie sind gewiß alle zu sehr gesittet, um dieses zu wünschen.« Da standen sie alle, sahen einander an, wurden rot und lächelten. Endlich sagte einer: »Madame, Sie sind eine vortreffliche Frau. Sollen von uns allen, wie Ihre vortreffliche Mademoiselle Tochter, keinen Verdruß haben. Ich versichere Sie durch mich der Hochachtung der ganzen Universität. Keiner von uns wird es wieder wagen, Sie zu belästigen.« Sie bückten sich, und alle zum Zimmer hinaus und die Treppe hinunter, und ich kam unter dem Tisch hervor, wo ich immer versteckt war und mich keiner wegen des großen Teppichs, der herum war, sehen konnte. »Gott sei Lob und Dank!« sagte ich. »Nun kann ich endlich einmal ruhig in meinem Zimmer sein.«

In der zweiten Woche wurde das »Türkenballett« gegeben, wo mein Bruder als Mohr tanzte. Das forderte immer längere Zeit mit seinem Auskleiden, ehe er die Schwärze vom Gesicht wegwischte. Alle waren schon fort, und wir noch nicht. Nun hörte ich einen ganzen Schwarm von den Herren Burschen aufs Theater kommen. Kein Winkel zum Verstecken war da. Ich lief zu dem ersten Vorhang und ließ mich mit dem Theatermeister in ein Gespräch ein, aber nur, um ihm zu sagen: »Lösche nicht alle Lichter aus, bis ich mit meinem Bruder fort bin.« Hinter mir war's wie ein Bienenschwarm; doch wollte ich durchaus nichts hören, noch sehen, als einer anfing und sagte: »Guten Abend, Mademoiselle Schulze!«

Ja, nun half's nichts. Ich wendete mich um und antwortete: »Guten Abend, meine Herren!« Da standen sie alle in einem Zirkel, der nicht zu überzählen war, die Hüte in den Händen. Und zwei von ihnen führten das Wort, die andern waren alle still. Sie überhäuften mich mit Komplimenten, sagten mir so viel Schönes und Artiges, das ich gewünscht hätte zu verdienen, und wie sie damit fertig waren, schwiegen sie stille und warteten meiner Antwort. Habe[184] unter der Zeit ihrer Anrede mich gefaßt; denn, das weiß Gott, ich zitterte und bebte, ob das auch von Folgen sein könnte. Endlich, nachdem ich ihnen wieder mein Kompliment gemacht und gedankt für die gütige Nachsicht, die sie alle gegen mich hätten, hub ich an, ihnen zu sagen: »Aufrichtig, meine Herren, muß ich Ihnen gestehen, daß ich noch nie an einen Ort mit so vielem Widerwillen hingereist bin wie hierher nach Göttingen.« »Warum, Mademoiselle?« frugen sie mich sehr hastig. »Will's Ihnen gestehen, man machte mir so angst; unter einer so großen Zahl von jungen Leuten wär's unmöglich, daß nicht auch einige Wilde und Unartige sein sollten, die nur Verdruß machen würden, sich ungestüm im Theater betragen würden, Händel und Verdrießlichkeiten suchen. Nun aber kann ich Ihnen auch mit derselben Aufrichtigkeit gestehen, daß ich, ohngeachtet der kurzen Zeit, daß ich hier bin, noch nie an einem Ort gespielt habe, wo ich so viele Sitte, solch eine Stille im Schauspielhaus erlebt habe, wie hier. Welche Belohnung ist's also nicht dem Künstler, wenn er sieht, daß man Aufmerksamkeit für seine Arbeit hat! Dazustehen, zu spielen nicht für Pöbel, nein, für lauter Personen, die sich alle den schönen Künsten und Wissenschaften gewidmet haben. Von denen mit Beifall, mit gütiger Nachsicht beehrt zu werden, die wissen, daß nichts vollkommen ist oder sein kann, besonders bei unserm Stande. Bleiben Sie alle so ruhig, wie Sie bisher gewesen sind, so weiß ich gewiß, daß Göttingen, so lange ich leben werde, einer von den Orten sein wird, wo ich am liebsten gewesen bin. Und was ich in Ansehung meiner Rollen zu Ihrer aller Vergnügen werde beitragen können, werde ich gewiß nicht unterlassen. Nur nochmals bitte ich um Nachsicht. Ist nicht zu verlangen, daß wir bei so verschiedenen Rollen, wie wir Deutsche nun einmal spielen müssen, in allen gleich gut sein sollen.« Nun schwieg ich stille, und Beifall erschallte aus aller Munde. Nun kam mein Bruder und sagte mir: »Karoline, ich bin fertig.« Ich verneigte mich gegen sie alle, wünschte ihnen, wohl zu leben, und sagte gute Nacht. Noch war ich kaum auf der Treppe, als sie ein dreimaliges Vivat auf dem Theater erschallen ließen. Ich dachte, ich wäre des[185] Todes über den Lärm und eilte mit Karln nach Hause. Sie nun alle hinter uns beiden her, und wie wir zum Tor hinein waren, – denn das Schauspielhaus stand vor dem Weender Tor – liefen sie uns vor und machten den großen Torweg vor meinem Hause auf. Ich wohnte bei einem Bäcker, und das Haus hatte einen Torweg, wo ein aufgeladener Wagen mit Mehlsäcken hineinfahren konnte, der aber nur zu diesem Gebrauch ganz aufgemacht wurde. Nein, für mich machten die H. Bursche selbst beide Türen auf, stellten sich in einem halben Zirkel vor mein Haus, die Hüte in Händen, neigten sich tief, ich mich wieder vor ihnen, so tief wie ich konnte. Und wie ich (wie sie dachten) nun könnte im Zimmer sein, erschallte wieder ein dreimaliges Vivat. Ich trat ans Fenster, machte ihnen ein stummes Kompliment, und nun wanderten sie alle fort.

So schmeichelhaft es einer jeden anderen vielleicht gewesen wäre, so war es mir doch nicht. Denn immer war mir Angst für unangenehme Folgen. Den Tag darauf wurde Lessings, »Sara Sampson« gegeben. Das Haus war zum Brechen voll. Und ich zweifle, ob je so eine allgemeine Stille, während wir spielten, in einer Kirche gewesen ist. Nachdem das Stück aus war, wollten sie wieder aufs Theater und sich bei mir bedanken, weil ich den Tag gewiß vorzüglich gut gespielt. Dieses Kompliment machte mir selbst der große Ekhof, der in Hannover zu uns gekommen, kurz vor unserer Abreise, und mich die Rolle der Miß Sara noch nicht hatte spielen sehen. Dieser so sehr berühmte Schauspieler sagte zu mir: »Mademoiselle Schulze, ich bin nicht der Mann, der Komplimente macht. Bisher habe ich geglaubt, daß nur eine Starkin zu der Rolle geboren wäre. Aber Sie übertreffen diese vortreffliche Frau.« Das sagte mir Ekhof! Und doch sollte ich nachher seine Schülerin gewesen sein. Nicht als ob es mir nicht eine Ehre gewesen wäre. Nein, nur daß boshafte Menschen mir öffentlich alle Verdienste abgesprochen, und daß ich erst durch Herrn Ekhof hätte Einsicht bekommen, mit Verstand eine Rolle zu spielen, und vorher das unwissendste Geschöpf auf Gottes Erdboden (Theater gehört doch auch dazu, weil's Gott[186] so lange duldet) gewesen wäre. Doch von der Materie werde ich noch mehr zu sagen haben. H. Ackermann hatte aber welche vor die Tür stellen lassen, und die H. Bursche wurden abgewiesen. Mir mußte dabei am bängsten sein, denn stand ihnen nicht allen frei, zu denken, daß ich es H. Ackermann gesagt und ihn darum ersucht habe? Wie leicht hätten sie gegen mich einen Burschenstreich ausüben können, und wäre doch unschuldig gewesen. Auch waren unter ihnen selbst Händel. Einige sagten, ich hätte hin und wieder zu viel, andere, nein, zu wenig Affekt gezeigt, und die dritte Partei sagte: sie hat gut gespielt. Also über das zu viel und zu wenig, stark und schwach, und wieder: gut und recht, fuchtelten sich einige herum und machten sich blutige Finger, bis denn der gesetzte Teil sich einmengte und ihnen sagte: »Sind wir nicht ruhig, so bekommen wir niemals wieder Komödie her, und das war doch unser einziger Wunsch und ist hier unser bester Zeitvertreib.« Also wurde unter ihnen Friede, und ich wurde durch nichts in der Folge beleidiget; ob man wohl sagen konnte, hier war mehr Glück wie Verstand von Ackermanns Seite, der es gewiß klüger hätte machen können.

Wir spielten nun ruhig fort, und alle Abende hatte ich die gewöhnliche Begleitung und das dreimalige Vivat. Ja, wenn die Bäckerknechte vor dem Haus saßen, um sich abzukühlen von ihrem Backofen, und sie sahen den Zug von ferne, liefen sie von ihren Bänken und Steinen und machten die ganze Tür auf, den Herren die Mühe zu ersparen und mich hineingehen zu lassen. Als einmal ein neuer Rektor erwählt wurde, hatten sie einen feierlichen Zug. Auch bei meinem Hause mußten sie (ob's gleich nicht ihr Weg gewesen wäre) vorüberziehen, und ich bekam das zweite Vivat. Dann gingen sie erst nach den Häusern der Professoren und des alten Generals, der noch gesagt hat: »Haben recht getan. Hätt's ihnen übel genommen, wenn sie erst zu mir und dann zu dem lieben, braven Mädchen oder etwa gar nicht hingegangen wären.«

Ging ich in die Kirche, so konnte man nur glauben, daß ebenso viele Protestanten und noch weit mehr als Katholiken darinnen waren. Oft, um ihre Geduld zu ermüden, mich[187] nicht überallhin zu begleiten, blieb ich oft in der ganzen Predigt und dem ganzen Gottesdienst. Aber keiner wich! So lange ich blieb, blieben sie auch. Inzwischen war's doch zu etwas gut. Der Geistliche, der da war, hatte sehr wenige Einkünfte, mußte sich und alles, was zum Gottesdienst gehörte, aus dem Klingelbeutel erhalten: Wein, Lichte, Wäsche. War wohl nie eine Kapelle ärmer als die. Denn nie sah ich auf einem Altar Talglichter brennen wie in Göttingen. Ich versorgte also den Altar mit Wachslichtern. Der gute Alte kam zu mir, dankte für die Lichte und versicherte mich, nie wäre im Klingelbeutel so viel eingekommen, als seitdem ich dagewesen. Nun versäumte ich auch keine Predigt mehr, nicht des Vortrages wegen; denn er war ein guter Mann, aber kein Redner auf der Kanzel, sondern des Klingelbeutels wegen. Sollten, mich zu sehen, auch ebensogut bezahlen wie in der Komödie! War Leichtsinn dabei? Nun, so verzeihe es mir Gott! Ich war jung und gewiß die Begleitung mir nicht angenehm, also mußten sie doch eine Strafe dafür haben. Auch leugne ich es nicht, daß ich jeden scharf ins Gesicht faßte, vor dem der Klingelbeute hingehalten wurde. Sie mußten also einwerfen.

Von den breiten Steinen, die in allen Straßen an den Häusern sind, wäre gewiß keiner, wenn er mir begegnet, darauf geblieben, um so gegeneinander weg zu gehen. O nein, sie traten von denselben aufs Pflaster, blieben dann stehen wie die Soldaten vor ihrem General, und würden mit jedem sich herumgehauen haben, der's unterlassen hätte, mir mit weniger Aufmerksamkeit zu begegnen. Sind wir nicht alle Toren, wenn wir jung sind?

Nun kam die letzte Komödie. Aber wie solche aus war und das Ballett, da ließen sie es sich nicht wehren und wurde ihnen auch nicht versagt, kamen alle aufs Theater, bedankten sich in kurzen Worten bei mir, und küßten mir die Hände. Ich dachte, der Zug würde gar nicht alle werden. Spät war's in der Nacht, als ich erst vom Theater mit Karln nach Hause kam. Alle Burschen hatten sich in zwei Reihen von Weender Tor an bis an mein Haus gestellt. Durch diese Gasse mußte ich durch. Jeder sagte: »Gute Nacht – leben Sie wohl!«[188] Glückwünsche und Danksagung aus jedem Mund! Ich mußte weinen und kann sagen, daß ich gewiß ihre Güte und Liebe fühlte mit dem dankbarsten Herzen. Sobald sie Licht in meinem Zimmer sahen, donnerten sie wieder ihr dreimaliges: »Mademoiselle Schulz Vivat Hoch, und abermals Hoch!« daß man sie gewiß in ganz Göttingen gehört hatte und mir die Ohren gellten. Gott, bewahre, welch ein Lärm! Doch trat ich wieder ans Fenster, und alles zog stille fort.

Den Tag darauf zweifle ich, ob noch ein Pursch in Göttingen übrig war, der nicht auf meinem Zimmer gewesen. Ich war bei dem Einpacken und konnte solche Besuche nicht vermuten. Ich tat nichts, als daß ich dastand, mit beiden ausgestreckten Händen, die einer nach dem andern küßte. Die meisten sagten nichts, kaum: »Leben Sie wohl!« Aber viele weinten, und ich kleiner Narr stand da und weinte, daß eine Träne die andere schlug. Sind doch liebe, gute Jungens, dachte ich bei mir selbst. Und ob unter so vielen lieben, guten Jungens kein einziger war, der bei mir vorzüglicher wäre angesehen worden, möchte mancher vielleicht fragen wollen. Nein, gewiß nicht. Nicht einer, obgleich welche aussahen, daß Amor selbst nicht liebenswürdiger sein kann. Noch herrschte der Major ganz in meiner Seele. Und ob es ihm gleich gewiß gleichgültig geworden, weil ich nichts von ihm wußte, so freute ich mich selbst über meine Standhaftigkeit, wollte und wünschte noch immer, obgleich von ihm vergessen, ihm ewig treu zu bleiben. Den Morgen darauf verließen wir Göttingen und kamen wieder nach Braunschweig.

Quelle:
Schulze-Kummerfeld, Karoline: Lebenserinnerungen. Berlin 1915, S. 182-189.
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