Florenz

[272] 1816


Florenz, den 28. Oktober [1816]


Die Reise hieher über die Apenninen war bei sehr schönem Wetter äußerst angenehm. Die Berge, obgleich bedeutend hoch, sind doch fast bis zu ihrer Spitze bewachsen, und die Bäume und Gebüsche prangen jetzt in ihrem Herbstkleide mit den schönsten Farben. Die Wälder auf dem Apennin bestehen größtenteils aus süßen Kastanienbäumen, Eichen und Zypressen, in den Tälern findet man Feigen, Oliven und Wein. Fünf Posten von Bologna und drei von hier übernachteten wir und hätten gern, wenn es nicht schon zu spät geworden wäre, eine dort eine halbe Stunde von der Post befindliche Merkwürdigkeit besucht, nämlich einen feuerspeienden Berg im kleinen. Auf einem Platze, etwa 30 Schritt im Umkreise, schlagen Flammen aus der Erde, die einen Schwefelgeruch in der Gegend verbreiten. Dieses unterirdische Feuer existiert schon seit undenklichen Zeiten; eine eigentliche Eruption hat aber bis jetzt noch nicht stattgefunden. Einen höchst reizenden Anblick gewährt das Tal, in welchem Florenz liegt. Man glaubt in das Paradies hinabzusteigen, wenn man alle die herrlichen Landhäuser und Gärten von oben übersieht.


den 2. November [1816]


Auch Florenz entspricht nicht ganz den Erwartungen, die von exaltierten Reisebeschreibern erregt werden. Man nennt Dresden das deutsche Florenz, ehrt es aber dadurch nicht sehr. Die Lage von Dresden sowohl als die Stadt selbst sind ungleich schöner. Der Arno ist ein schmutziger, unansehnlicher Fluß und kann sich mit der majestätischen Elbe gar nicht vergleichen. Die vier Brücken, die darüber führen, sind zwar fest und[273] gut, aber weder so lang, noch so elegant wie die Dresdener. Auch hat Florenz weder so schöne Gebäude noch so schöne Plätze wie Dresden und übertrifft jenes nur im Reichtum an allen Arten von Kunstwerken. Deren gibt es aber auch so viele hier, daß man kaum Zeit genug finden kann, sie alle zu sehen. Auf dem Platze vor dem alten Palaste stehen mehrere Gruppen kolossaler Statuen in Marmor und Bronze von den berühmtesten ältern Meistern, die diesen übrigens unansehnlichen und unregelmäßigen Platz für den Kunstkenner zu einem der interessantesten der Welt machen. Eine Gruppe in Marmor, den Raub einer Sabinerin vorstellend, hat uns besonders entzückt. Von diesem Platze hat man nicht weit zu der Kathedrale, einem kolossalen Gebäude mit einer Kuppel, die in Hinsicht auf Umfang und Höhe der von der Peterskirche wenig nachgeben soll. Das Äußere derselben ist ein wenig bunt und nicht sehr geschmackvoll; die Wände sind nämlich mit Marmortafeln von verschiedenen Farben belegt, die allerlei Muster bilden. Für das ungeheure Geld, welches diese Verzierung gekostet haben muß, hätte man sie wohl auf eine edlere, ihrer imposanten Form und Größe angemessenere Art dekorieren können. Neben der Kirche steht ein sehr hoher viereckiger Glockenturm, der auf dieselbe Art verziert ist. Noch gehört zur Kirche eine zwar von ihr abgesonderte, aber in demselben Stil erbaute Taufkapelle mit einer ebenfalls ziemlich hohen Kuppel. An dieser befinden sich die berühmten Türen von Bronze, von denen Michelangelo gesagt hat, sie verdienten am Eingange in die Wohnungen der Seligen zu stehen, denn für jedes irdische Gebäude wären sie zu schön. Es sind deren drei, von denen zwei in gleichem Stil gearbeitet und verziert sind. Die einzelne aber ist die bei weitem schönste und hat weit größere Basreliefs als die beiden andern. Man kann in der ganzen Welt nichts Schöneres in Gruppierung, Zeichnung, Perspektive, Zartheit und Reinheit der Ausarbeitung sehen als diese Basreliefs. Wenn man nun noch bedenkt, daß diese ungeheuren Türen aus einem Guß sind, so muß man das Genie des Künstlers bewundern. Die zwei andern, besonders früher besehen wie diese, setzen den Beschauer ebenfalls in Erstaunen und Entzücken. Über den Türen befinden sich Gruppen von Statuen aus Bronze, von denen eine Geiselung Christi, aus drei Figuren bestehend, besonders bewundert wird. Das Innere der Kapelle ist mit schönen Statuen in Marmor und mit Freskengemälden von berühmten Meistern verziert.

In einer andern Kirche sahen wir eine Reihe von Grabmälern, unter denen uns die von Michelangelo, Nardini und Alfieri besonders interessierten.[274] Auf dem Grabmale des Erstern befindet sich seine von ihm selbst gearbeitete Büste und drei weibliche Figuren (von einem seiner Schüler), die die drei Künste personifizieren, in denen er exzellierte: Baukunst, Malerei und Bildhauerkunst, die seinen Tod betrauern. Auf die Verzierung der übrigen besinne ich mich nicht mehr, sie war aber ebenfalls prächtig und würdevoll. Wie sehr ehrt es die Künstler, die sich solche prächtige Ehrendenkmale verdienten, und wie sehr auch ihre Zeitgenossen, die sie ihnen setzten! Wo findet man denn etwas Ähnliches in Deutschland? Wo haben Mozart und Haydn ihre Ehrensäulen? Man weiß in Wien nicht einmal, wo sie begraben liegen.


den 5. November [1816]


Am Tage unsrer Ankunft und seither fast jeden Abend besuchten wir das Theater in der Via della Pergola, welches eins der schönsten ist, die wir je sahen. Es ist zwar nicht so groß wie das in Mailand, aber von ebenso schönen Verhältnissen und noch geschmackvoller dekoriert. Zwischen den Logenreihen befinden sich einfarbige Gemälde, die sehr täuschend Basreliefs nachahmen, und die Decke prangt mit einem großen farbigen al fresco Gemälde. Man gibt jetzt eine große Oper von Rossini, »L'Italiana in Algeri«, und ein großes Ballett. Rossini ist jetzt der Lieblingskomponist der Italiener, und mehrere seiner Opern, z.B. »Tancred«, »Il Turco in Italia« sowie die obige, sind fast in allen italienischen Städten mit ausgezeichnetem Beifall gegeben worden. Ich war daher froh, nachdem ich in Mailand und Venedig seine Kompositionen schon so vielfältig hatte loben hören, endlich selbst etwas von ihm zu vernehmen. Diese Oper hat aber nicht ganz meine Erwartungen befriedigt; erstlich fehlt ihr, was aller andern italienischen Musik fehlt, Reinheit des Stiles, Charakteristik der Personen und vernünftige Berechnung der Länge und Kürze der Musik für die Szene. Diese unerläßlichen Eigenschaften, sobald man eine Oper klassisch nennen will, hatte ich übrigens gar nicht erwartet, weil man sie in einer italienischen Oper gar nicht vermißt. Man ist ja schon daran gewöhnt, dieselbe Person bald im tragischen, bald im komischen Stile singen und von einer Bäuerin dieselben pompösen Gesangverzierungen zu hören wie von einer Königin oder Heldin, bei der leidenschaftlichsten Situation eine der spielenden Personen allein viertelstundenlang, während die andern im Hintergrunde spazieren gehen oder, halb in den Kulissen, mit ihren Bekannten reden und scherzen. Wohl habe ich aber Eigenschaften erwartet, die Rossinis Arbeit vor der seiner Kollegen auszeichnen würden, nämlich Neuheit[275] der Ideen, Reinheit der Harmonie, Beobachtung des Rhythmus und eine vernünftige Benutzung des Orchesters; aber auch hiervon habe ich nicht viel gefunden. Das, was den Italienern in Rossinis Opern neu ist, ist es uns nicht, indem es größtenteils in Deutschland schon längst bekannte Ideen und Modulationen sind, z.B. der Vorhalt im Basse beim Anfang des beliebten Duettes im ersten Akt:


Florenz

Florenz

den mir die Musiker in Florenz als etwas ganz Neues, von Rossini Erfundenes vorrühmten. In Mailand, wo ich dasselbe Duett in einem Konzerte hörte, hatte man es wahrscheinlich zu hart gefunden und den fünften und sechsten Takt so geändert:


Florenz

Oder auch eine Modulation im Finale des ersten Aktes, die etwa wie folgt ist:


Florenz

Florenz

[276] Reinheit der Harmonie sucht man vergebens bei ihm auch ebenso wie bei allen andern neuern italienischen Komponisten, und Quintenfolgen wie die folgende habe ich mehrere gehört:


Florenz

In Beobachtung des Rhythmus und in effektvoller Benutzung des Orchesters zeichnet er sich aber aus und übertrifft darin sicher alle andern neuern italienischen Komponisten. Die Instrumentierung ist indessen im Vergleich mit der unserigen, von Mozart zuerst eingeführten, noch immer sehr mangelhaft, und sie kleben da immer noch zu sehr am Alten. Die Bratschen und Fagotts gehen fast durch die ganze Oper col basso und die Klarinetten und Oboen im Unisono. Da in den meisten italienischen Orchestern bei sechs bis acht Kontrabässen nur ein einziges, gewöhnlich nicht einmal vorzügliches Violoncell ist, so kennt man die seit Mozart übliche Benutzung der Violoncelle zu Mittelstimmen, die, gut angebracht, eine so herrliche Wirkung macht, hier noch gar nicht; auch weiß man aus den Blasinstrumenten bei weitem den Effekt nicht zu ziehen wie in Deutschland.

Am meisten hat es mich aber gewundert, in dieser Oper zuweilen sehr holprichten Gesang zu hören, da ein fließender und für die Stimme dankbarer und gut berechneter Gesang die einzige lobenswerte Eigenschaft der neuern italienischen Opernmusik ist und für alle übrigen Schwächen und Fehler einigermaßen entschädigen muß. Die beiden folgenden Stellen sind mir am meisten aufgefallen, die erste in einer Arie der Prima Donna, die zweite im ersten Finale, wo sie mehrmals wiederkehrt.


Florenz

[277] Beide Stellen sind neben dem, daß sie unsangbar sind, aber auch noch gewaltig fade, und die zweite besonders ist bei der ziemlich langsamen Bewegung, und da sie öfters wiederkehrt, völlig unerträglich.

Unter den Sängern dieser Oper zeichnet sich nur die Prima Donna, Madame Giorgi aus. Sie hat eine volle, kräftige Stimme von seltenem Umfange (von Florenz bis Florenz). Ihre Partie ist für einen Contrealt geschrieben, und sie kann daher ihre Höhe nur in Verzierungen zu hören geben; ob sie gleich Kraft genug in der Tiefe besitzt, so würde ihr eine tiefe Sopranpartie doch noch mehr zusagen. Sie hat ebenfalls, wie fast alle Sänger, die wir bis jetzt in Italien gehört haben, die Untugend, zuviel zu kolorieren, und weiß aus ihrer herrlichen Stimme nicht den gehörigen Vorteil zu ziehen. Da sie überdies, wie man es recht deutlich hört, nichts aus sich selbst nimmt, sondern ihr alles einstudiert werden muß, so bekommt man ihre Verzierungen, die sich Note für Note jeden Abend wiederholen, bald so überdrüssig, daß man sie ohne Widerwillen nicht mehr hören kann. Sie war ehemals bloß Dilettantin und singt jetzt erst auf dem dritten Theater; dafür aber ist sie schon eine recht gewandte Schauspielerin.[278]

Das Ballett, welches jeden Abend zwischen den beiden Akten der Oper gegeben wird, ist das prächtigste von allen, welche ich bis jetzt sah. Es heißt, glaube ich, »Die Zerstörung des okzidentalischen Reiches« und zeichnet sich dadurch vorzüglich aus, daß immer große Massen von Menschen in Tätigkeit sind und die kühnsten und überraschendsten Gruppen bilden. Es ist mit einer außerordentlichen Genauigkeit einstudiert und wird auch jeden Abend mit derselben Präzision gegeben. 5 Solotänzerinnen und 3 Solotänzer zeichnen sich besonders aus; ihre Namen weiß ich aber nicht, da nie Affiches ausgegeben werden. Zuletzt kommt ein Kavalleriegefecht vor, was indessen immer ein wenig steif und linkisch aussieht. Garderobe und Dekorationen sind gleich prächtig und geschmackvoll.


den 8. November [1816]


Gestern Abend fand unser Konzert im Theater della Pergola statt. Der Großherzog, dem ich einen Brief von seinem Bruder Rudolf gebracht habe, und der mich einige Male mit vieler Gnade bei sich empfangen hat, beehrte es in Gesellschaft seiner ganzen Familie mit seiner Gegenwart. Das zwar nur kleine, aber auserwählte Publikum war sehr animiert und ließ sich durch die Gegenwart des Großherzogs, der wie gewöhnlich mit einem Applaudissement empfangen wurde, nicht abhalten, auch mir seinen Beifall laut zu erkennen zu geben. Die Musik machte sich in dem großen sonoren Theater sehr gut; das Akkompagnement war aber nicht das beste. – Heute sind eine Menge Aufforderungen an mich gelangt, in nächster Woche ein zweites Konzert zu geben, von dem man mir einen bessern Erfolg verspricht. Ich will den Versuch wagen, obgleich der Großherzog, der morgen seinem Bruder Rainer bis Pisa entgegenreist, nicht hier sein wird. Das gestrige Konzert hat mir, das Ge schenk vom Großherzog abgerechnet, nicht mehr als die Abendunkosten eingetragen, da diese wie immer bedeutend waren, der Eintrittspreis nur drei Paul betrug und ich auch wieder nicht über eine einzige Loge disponieren konnte. Ein sehr vorteilhafter Bericht über mein Konzert ist heute nachmittag in der Zeitung erschienen.


den 12. November [1816]


Da wir jetzt mehrere Male die Galerie besucht und alles darin Enthaltene mit Aufmerksamkeit betrachtet haben, so will ich auch einige Worte nicht über die darin befindlichen einzig herrlichen Kunstwerke,[279] denn sie sind schon oft und vortrefflich geschildert worden, sondern über den Eindruck niederschreiben, den dieselben auf mich gemacht haben. Zuerst muß ich die in Italien gar nicht gewöhnliche Humanität loben, mit der die Galerie dem Publikum geöffnet ist. Man findet am Eingange in vier bis fünf Sprachen angeschlagen, daß es den Aufsehern der Galerie bei Verlust ihres Amtes verboten ist, das geringste Geschenk anzunehmen. Ob sie dieses nun gleichwohl nicht allzu streng befolgen, so ist man doch vor aller zudringlichen Bettelei, von der man in Italien überall verfolgt wird, an diesem durch die Kunst geheiligten Orte völlig sicher und kann sich dem Genusse ruhig hingeben.

Ich habe mir zu meiner Nacherinnerung das Lokal aufgezeichnet und die Plätze bemerkt, wo die Kunstwerke stehen, die den größesten Eindruck auf mich gemacht haben. Da ich mich nie weder eines Führers noch eines Buches bediene, um die Merkwürdigkeiten einer Stadt aufzufinden (ich mag mir nicht vorschreiben lassen, was ich bewundern soll, und mich nicht des Vergnügens berauben, die durch den Ruf mir bekannten Kunstwerke in einer Galerie selbst aufzufinden), so ist es leicht möglich, daß ich mich in mancherlei geirrt habe. Am ersten Tage, wie ich die Galerie besuchte, besah ich lange und aufmerksam die Kunstwerke, die in der Galerie selbst befindlich sind, ehe die Zimmer, in welchen sich das Auserwählte befindet, geöffnet wurden. Ich bin noch jetzt darüber froh, da ich später, nachdem ich das Vollendetste der Kunst gesehen hatte, mich nie mehr bei den in der Galerie aufgestellten Kunstwerken verweilen mochte. Eine Ausnahme hiervon macht die Gruppe des Laokoon, die ich immer mit erneuetem Genuß gesehen habe. – Als nun das Heiligtum der Kunst geöffnet wurde, erblickten wir zuerst die berühmte Mediceische Venus, deren vollendete, über alles reizende Formen durch einen hinter ihr hängenden großen rotsammetnen Vorhang noch mehr gehoben werden. Mit ihr in derselben Rotunde befindet sich das Höchste, was bis jetzt durch Meißel und Pinsel hervorgebracht ist, der Apoll von Belvedere und der Johannes von Raffael. Es gewährt einen ganz eigenen Genuß, in diesen drei Kunstwerken das höchste Ideal menschlicher Schönheit bewundern zu können. Nach wiederholtem Betrachten und langem Schwanken hat bei mir aber doch der Johannes den Preis davongetragen. Etwas Reizenderes und zugleich Edleres wie die ganze Gestalt dieses Jünglings kann sich die lebhafteste Einbildungskraft nicht denken. Ein wenig hat zu dem Siege auch wohl[280] der Umstand beigetragen, daß der Apoll sowohl wie die Venus in dreiviertel Lebensgröße sind, eine Proportion, die mir nicht ganz glücklich gewählt zu sein scheint, da den Figuren, so nahe an der wahren Größe, immer etwas zu fehlen scheint, was, wenn sie kleiner wären, nicht der Fall sein würde. Der Apoll hat doch eine wohl ein wenig zu weibische Schönheit, was nicht von mir allein, sondern auch von meiner Frau und mehreren andern Anwesenden bemerkt wurde. In diesem Zimmer befinden sich noch eine Menge anderer Meisterwerke, unter denen mir ein Kopf von Raffael, die Venus von Tizian und eine Fechtergruppe in Marmor den meisten Genuß gewährt haben. Von den in den Seitenzimmern nach den Schulen geordneten Gemälden hat mir ein weiblicher Kopf von Carlo Dolce am meisten gefallen; doch kehrt man nach kurzem Verweilen immer wieder zu den drei Perlen der ganzen Sammlung zurück.

Auf der andern Seite des Gebäudes befindet sich in zwei Zimmern die Sammlung der Bronzen, unter denen der berühmte auffliegende Merkur die meiste Bewunderung erregt. In einem andern Saale ist eine Sammlung von Nioben, unter denen auch herrliche Kunstwerke sind. Außerdem sahen wir noch unzählige Portraits von berühmten Meistern, größtenteils von ihnen selbst gemalt.


den 13. November [1816]


Hinter der Residenz des Großherzogs befindet sich ein großer Garten, den man, ich weiß nicht warum, Boboli nennt. Er ist am Sonntage und Donnerstage für jedermann offen und wird an diesen Tagen häufig besucht. Wir waren zweimal dort und bewunderten die Größe des Gartens, seinen Reichtum an Statuen, Springbrunnen und anderen künstlichen Anlagen, hauptsächlich aber die für einen Deutschen in dieser Jahreszeit merkwürdigen Baumgruppen und Laubengänge von immer grünen Eichen und Lorbeer. Der Garten ist im gemischten Stil angelegt; er hat wildromantische Partien im englischen – und schnurgerade Alleen und Bassins in alt-französischem Geschmack. Am andern Sonntag, wo wir ihn zum zweiten Male besuchten, hörten wir nachher in der Hofkapelle die Messe. Der Großherzog, der eine Sammlung von drei-bis vierhundert Messen von den berühmtesten Meistern aller Zeiten besitzt, hatte diesmal eine von Michael Haydn zur Aufführung gegeben; sie wurde ziemlich genau exekutiert, doch war man genötigt, ein sehr einfaches Solo für Tenorposaune auf der Bratsche zu spielen. Die Musiker fragten mich nachher, ob wir in Deutschland Posaunisten hätten, die solche Soli vortragen könnten![281]

Auf dem Rückwege machte uns unser Lohnbedienter auf den in bedeutender Höhe geführten bedeckten Gang aufmerksam, der von der Residenz durch mehrere Straßen bis an das Wasser, dann über eine der Arnobrücken quer über den Fluß und noch durch einige Straßen bis zum Regierungsgebäude führt, in welchem sich auch die Galerie befindet. Der Großherzog bedient sich dieses wenigstens eine Viertelstunde langen Ganges, um trockenen Fußes die Geheimeratsversammlungen zu besuchen.


den 15. November [1816]


Unser gestriges Konzert war nicht besuchter als das erste und hat uns folglich nichts eingetragen. Ich habe mich nun überzeugt, daß für einen Instrumentalisten auch unter den günstigsten Umständen, wenigstens in Florenz, nichts zu gewinnen ist, 1) weil die Italiener die Instrumentalmusik zu wenig achten und lieben, und 2) der Eintrittspreis im Verhältnis mit den bedeutenden Unkosten viel zu gering ist. Als etwas Merkwürdiges muß ich mir notieren, daß ein Teil des Orchesters, namentlich alle Geiger, keine Bezahlung genommen haben, was von Leuten, die von ihrem täglichen Gewinne leben müssen, und besonders von Italienern, die sich alles, wo möglich, dreidoppelt bezahlen lassen, allerdings zu verwundern ist. Übrigens wurde mein Spiel gestern mit noch größerm Beifalle aufgenommen wie das erstemal. Madame Giorgi sang die beliebte, in ganz Italien nachgesungene Kavatine aus »Tancred« von Rossini mit folgendem Thema sehr vorzüglich:


Florenz

Zu tadeln war wieder, daß sie das Thema bei seiner Wiederkehr so verzierte, daß vom ursprünglichen Gesange nichts zu erkennen war. Herr Sbigoli, erster Tenorist am Theater della Pergola, der auch schon im ersten Konzerte mitgewirkt hatte, sang wieder zwei Arien mit guter Schule und vieler Anstrengung, aber wenig Stimme. Er ließ sich ebenfalls wie die Sänger in Venedig und Mailand, die in meinen Konzerten gesungen haben, bezahlen, begnügte sich aber mit der sehr mäßigen Summe von einem Carolin für jedes Konzert.[282]

Wir machten heute nachmittag noch zu guter Letzt eine Wanderung an die Porta Romana, um dort das durch seine Entstehung merkwürdige Freskogemälde zu sehen, welches sich an einem kleinen, unansehnlichen Hause befindet. Man erzählt davon folgendes: Die Medicis hatten die berühmtesten Maler der damaligen Zeit aus Rom verschrieben, um eine Kapelle, glaube ich, al fresco malen zu lassen. Die Florentiner Maler erfuhren dies erst den Tag vor der Ankunft der Fremden, und eifersüchtig über den Vorzug, den jene erhielten, beschlossen sie, ihnen wenigstens zu zeigen, daß sie ebenso tüchtig zu der Arbeit gewesen wären, wozu jene berufen waren. Sie vereinigten sich daher und malten in einer einzigen Nacht beim Scheine der Lichter dieses große Freskogemälde, wovon jetzt zwar nur noch wenige Spuren da sind, die aber doch hinlänglich die Vortrefflichkeit der Arbeit bezeugen können. Da das Haus, in welchem sich dieses Gemälde befindet, so gelegen ist, daß es durchaus den ersten Blick des zum Tore Hereinkommenden auf sich ziehen muß, so bemerkten die fremden Maler auch sogleich das vor wenigen Stunden erst fertig gewordene Kunstwerk, und da damals die Bescheidenheit unter den Künstlern noch nicht so selten war wie heutigentages, so kehrten sie auf der Stelle wieder um und ließen den Medicis sagen: sie begriffen nicht, warum man sie verschrieben habe, da es in Florenz Künstler gebe, die in einer einzigen Nacht ein so vorzügliches Kunstwerk zustande bringen könnten, wie sie gesehen hätten. Man übertrug nun natürlicherweise die Arbeit den Florentinern.

Wir haben unsre Abreise auf morgen festgesetzt. Einiges Merkwürdige, wie z.B. das Grab der Medicis, welches wir noch nicht sehen konnten, müssen wir bis zu unsrer Zurückkunft verschieben.

Quelle:
Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. Tutzing 1968, S. 272-283.
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