Reise durch Deutschland und die Niederlande nach England

[58] 1819–1820


Wir gingen nun zunächst nach Gandersheim zu meinen Eltern, die die Pflege und Erziehung der Kinder während des Winters übernommen hatten.

Noch vor meinem Abgange von Frankfurt hatte ich ein Engagement bei der Philharmonischen Gesellschaft in London für die nächste Parlamentssaison angenommen, welches mir Ferdinand Ries, der berühmte Klaviervirtuos und Komponist, namens der Gesellschaft angetragen hatte. Diese war wenige Jahre früher von zwölf bis sechzehn der berühmtesten Künstler Londons, von den Herren Clementi, den beiden Cramer, Moscheles, Ries, Potter, Smart und anderen, deren Namen ich mich nicht mehr genau erinnere, gestiftet worden und hatte zum Zweck, jedes Jahr während der Dauer der Parlamentssitzungen acht große Konzerte zu geben. Der Zudrang zur Subskription für dieselben war trotz des sehr hohen Eintrittspreises so ungeheuer, daß mehrere Hundert von Unterzeichnern für den Anfang keinen Platz fanden und erst im Laufe der Jahre nach und nach eintreten konnten. Die Mittel der Gesellschaft waren daher auch so bedeutend, daß sie nicht nur für die Solovorträge in ihren Konzerten die ersten Virtuosen und Sänger Londons engagieren, sondern auch namhafte Künstler des Auslandes herbeiziehen konnten. So war auch ich für die Saison von 1820 engagiert worden und hatte gegen ein bedeutendes Honorar, welches mir die Kosten der Hin-und Herreise und eines viermonatlichen Aufenthaltes sicherte, eine vierfache Verpflichtung übernommen. Ich mußte nämlich einige der acht Konzerte dirigieren, in einigen Solo spielen, in sämtlichen als Orchesterviolinist mitwirken und endlich der[59] Gesellschaft eine meiner Orchesterkompositionen als Eigentum überlassen. Doch war mir auch noch ein Benefizkonzert im Lokal der Gesellschaft und unter Mitwirkung des Orchesters zugesichert worden. Obgleich Dorette bei diesem Engagement nicht beteiligt war, so konnte ich mich doch nicht entschließen, sie vier Monate lang zu verlassen. Es wurde daher im Familienrat beschlossen, daß sie mich begleiten und auch als Künstlerin in London, wenigstens in meinem eigenen Konzerte, auftreten solle. Da die Saison Mitte Februar begann, folglich die Überfahrt übers Meer in der rauhesten Jahreszeit zu machen war, beschlossen wir ferner, um diese möglichst abzukürzen, den Weg über Calais zu nehmen, und, um in den belgischen und französischen Städten auf der Reise dahin Konzerte geben zu können, diese sechs bis acht Wochen früher anzutreten.

Vorher machte ich mit meiner Frau, nachdem ich die Kinder in Gandersheim abgesetzt hatte, noch eine Reise nach Hamburg, um dort Konzert zu geben. Was mich dazu veranlaßte und wie der Erfolg dieser Exkursion war, ist mir ganz entfallen, und ich kann mich davon, daß sie wirklich stattgefunden hat, nur noch dadurch überzeugen, daß ich im Verzeichnis meiner Kompositionen das Lied: »Wenn die Reben wieder blühen« als in Hamburg im Herbst 1819 geschrieben vorfinde.

Diese Reise führte Spohr zunächst nach seiner Heimatstadt Braunschweig, wo er am 25. September 1819 konzertierte. Seinem Freunde Speyer schrieb er in einem Brief vom 26. September: »Meiner Künstlereitelkeit war es ein schmeichelnder Gedanke, mich meinen Landsleuten, die mich als Knaben und angehenden Künstler kannten, als reifen wieder darstellen zu können. Auch war der Enthusiasmus wie sonst nur unter einer weit südlichern Breite.«

In Hamburg, wohin Spohr anschließend ging, gab er, wie er Speyer am 19. Oktober 1819 mitteilte, drei Konzerte. Es lassen sich jedoch nur zwei öffentliche Konzerte im Apollo-Saal am 7. und 20. Oktober nachweisen, die eine Einnahme von 254 und 241 Speziestalern ergaben. Über das erste Konzert berichtete eine Besprechung im »Hamburger Korrespondenten« vom 12. Oktober 1819. Im zweiten Konzert hörten die Hamburger zum erstenmal die »Gesangsszene«; der Tenor Gerstäcker wirkte an diesem Abend mit. Über seine weiteren Erlebnisse schrieb Spohr in dem erwähnten Brief an Speyer: »... Meine neuen Quartette, die man hier schon gestochen hat, habe ich sehr oft, vortrefflich akkompagniert, vor gebildeten Zuhörern gespielt, das meiste Glück als Geiger aber, wie natürlich, mit den beiden Soloquartetten gemacht!. Auch die beiden Quintette haben wir einige Male gegeben. Der Enthusiasmus für diese Gattung von Musik ist hier größer wie irgendwo anders, Wien allenfalls ausgenommen ...«[60]

Das nächste Reiseziel war Berlin. »Da es jetzt in Berlin an einem großen und schicklichen Konzertlokal fehlt, so machte ich dem Grafen Brühl den Vorschlag, für die Hälfte der Einnahme mit ihm gemeinschaftlich Konzert im großen Opernhaus zu geben. Dieses wollte er nicht, bot uns aber ein Honorar von sechzig Friedrichsdor, wenn wir beide dort auftreten wollten. – Der Erfolg war für uns sehr glänzend und schmeichelhaft. Schon, daß man uns mit Applaudissement bewillkommnete, war eine in Berlin ungewöhnliche Auszeichnung ... Acht Tage später traten wir unter denselben Bedingungen zum zweiten Male auf. Das Haus war so überfüllt, daß nicht alle Platz finden konnten, und dieses Mal hatte der Graf gewiß einen großen Gewinn ...« In Ermanglung von persönlichen Erinnerungen an diese Reise schaltete die Erstausgabe der »Selbstbiographie« folgenden Zeitungsbericht über Spohrs erstes Berliner Konzert ein:


den 4. November 1819


»Wenn Ref. sich auch nach einem Zwischenraum von zehn Jahren noch sehr lebhaft der gediegenen, ernsten Tonschöpfungen – voller harmonischen Tiefe und Reichtum der Modulation – wie des in seiner Art einzig fertigen Violinspieles des Herrn Spohr erinnert, so scheint ihm dennoch die Fülle und Zartheit des Tones, welchen der fühlende Künstler aus seinem klangreichen Instrument zieht, und dessen trefflicher Vortrag des Kantabile noch gewonnen zu haben. Auch die bewundernswerte Fertigkeit in Oktaven-, Dezimenfortschreitungen, Doppel-, ja drei-, vierfachen Griffen, die Leichtigkeit und Sicherheit der gewagtesten Sprünge, der freie Bogenstrich bei der ruhigsten körperlichen Haltung voll edlem Anstand – alle diese noch in höherem Grade vervollkommneten und selten vereint angetroffenen Vorzüge eines ausübenden und schaffenden Künstlers, sie bekunden deutschen Fleiß, Genie und ernsten Willen eines für die höhere Bestimmung der so oft gemißbrauchten Tonkunst empfänglichen Gemütes. – Deshalb werde auch vaterländisches Talent nach Verdienst geehrt.

Die Form des von Herrn Spohr komponierten Violinkonzertes in ›Form einer Gesangsszene‹ ist neu und verbindet, dem Gesange nachahmend, Rezitativ, Arioso und Bravourallegro sehr geschickt miteinander, ohne durch Länge und verbrauchte Tuttis zu ermüden. Hier bildet alles ein harmonisches Ganze, voll Kunst und Ebenmaß.

Wenn der gewandte, ideenreiche Tonsetzer indes im vollen Orchester – wie auch in der viel modulierenden, gehaltreichen Ouvertüre – seine Instrumentalkenntnis im Großen zeigte, so fand doch im Duett für Harfe und Violine der denkende Virtuose noch mehr Gelegenheit, ganz die Kenntnis des Satzes mit gleichem Vorteil für beide Instrumente (ohne Begleitung) anzuwenden.

Mad. Spohr entwickelt in ihrem zarten und alle Schwierigkeiten der Modulation in die fremdesten Tonarten besiegenden Spiel eine höchst befriedigende[61] Verbindung von Kunstfertigkeit und Geschmack. – Die Komposition ihres Gatten sprach ungemein an, und es machte eine freundliche Wirkung, wie das anspruchslose Künstlerpaar sich im Einklange zarter Töne sanft vereinte und dann wieder im stürmischen Wechselfluge kühner Phantasie überbot.«

Vom 17. November 1819 bis Ende des Monats weilte Spohr in Dresden, wo er am 19. bei Hofe und am 24. im Hoftheater konzertierte und in regen Verkehr mit Weber und anderen Dresdner Künstlern kam.

Im Leipziger Gewandhaus brachte Spohr in seinem Extrakonzert am 29. November 1819 von eigenen Werken: Neue Konzertouvertüre, »Gesangsszene«, Adagio und Rondo für Violine und Harfe, Violinpotpourri (Dörffel a.a.O.). Über Spohrs Spiel an diesem Abend schrieb die Allgemeine Musikalische Zeitung: »Sein Spiel fanden wir, seitdem wir ihn nicht gehört (es mögen etwa 5 Jahre sein), noch edler, gesangvoller, sicherer, kräftiger und auch wieder zarter; und an vollkommener Besiegung der größten Schwierigkeiten kennen wir auf diesem Instrumente nichts Ähnliches, obgleich im Laufe der Jahre fast alle berühmten Geiger bei uns eingesprochen haben.«

Bald nach der Rückkehr von Hamburg wird dann wohl auch die Reise nach London angetreten worden sein, denn ich habe von der ersten Strecke derselben bis Brüssel ebenfalls keine andre Erinnerung mehr, als daß mir auf dem rauhen Pflaster der belgischen Landstraße ein Reif vom Rade meines Wagens absprang und ich nebst meiner Frau genötigt war, denselben zu verlassen und eine ziemlich weite Strecke bei schlechtem Wetter zu Fuß zu wandern, bis wir an einen Ort kamen, wo die Reparatur des Wagens stattfinden konnte. Von Brüssel, dem dort Erlebten und der weitern Reise nach London ist mir aber eine lebhafte Erinnerung geblieben, die durch öfteres Erzählen immer wieder aufgefrischt worden ist. –


In Brüssel fanden wir ein anderes reisendes Künstlerehepaar, das sich wie wir auf Harfe und Violine hören ließ. Es war Herr Alexander Boucher und Frau aus Paris. Ich hatte schon viel von ihm erzählen hören und war deshalb begierig, seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Boucher hatte den Ruf eines ausgezeichneten Geigers, aber auch den eines großen Charlatans. Er glich auffallend dem Kaiser Napoleon, sowohl in den Gesichtszügen als in der Figur, und suchte nun diese Ähnlichkeit nach Möglichkeit auszubeuten. Er hatte sich die Haltung des verbannten Kaisers, seine Art den Hut aufzusetzen, eine Prise zu nehmen, möglichst getreu eingeübt. Kam er nun auf seinen Kunstreisen in eine Stadt, wo er noch unbekannt war, so präsentierte[62] er sich sogleich mit diesen Künsten auf der Promenade oder im Theater, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen und von sich reden zu machen. Ja, er suchte sogar das Gerücht zu verbreiten, als werde er von den jetzigen Machthabern wegen seiner Ähnlichkeit mit Napoleon, weil sie das Volk an den geliebten Verbannten erinnere, angefeindet und aus dem Lande vertrieben. Wenigstens hatte er in Lille, wie ich dort später erfuhr, sein letztes Konzert in folgender Weise angekündigt: »Une malheureuse ressemblance me force de m'expatrier; je donnerai donc, avant de quitter ma belle patrie, un concert d'adieux ...« usw. Auch noch andere ähnliche Charlatanerien hatte jene Ankündigung enthalten, wie folgende: »Je jouerai ce fameux concerto de Viotti en mi-mineur, dont l'éxécution à Paris m'a gagné le surnom: l'Alexandre des violons.« Ich war eben im Begriff, Herrn Boucher aufzusuchen, als dieser mir durch seinen Besuch zuvorkam. Er erbot sich sehr freundlich, mir bei dem Arrangement meines Konzertes behilflich zu sein, und zeigte sich überhaupt, seine Ruhmredigkeit abgerechnet, recht liebenswürdig. Er führte uns bei einigen musikliebenden Familien ein, die uns dann auch durch Einladungen zu ihren Musikpartien Gelegenheit verschafften, das Bouchersche Ehepaar zu hören. Beide entwickelten in ihren gemeinschaftlichen Vorträgen viel Virtuosität; es war aber alles, was sie spielten, von dürftiger, gehaltloser Komposition, ob von der des Herrn Boucher selbst, erinnere ich mich nicht mehr. Vorher spielte Herr Boucher auch ein Quartett von Haydn, mischte aber so viel ungehörige und geschmacklose Verzierungen ein, daß ich unmöglich Freude daran haben konnte. Auffallend war, wie Boucher sich dabei von seiner Frau bedienen ließ. Nachdem er sich vor dem Quartettpulte niedergelassen hatte, ließ sie sich von ihm den Schlüssel zum Violinkasten geben, schloß auf, brachte ihm die Violine, dann den Bogen, den sie vorher mit Kolophonium bestrich, legte dann die Noten auf und setzte sich zuletzt neben ihn, um die Blätter umzuwenden. Als wir nun aufgefordert wurden zu spielen, begann die umgekehrte Prozedur, indem ich nicht nur mein eigenes Instrument herbeiholte, sondern auch die Harfe meiner Frau aus dem Kasten nahm, sie auf den Platz trug, wo musiziert werden sollte, und dann einstimmte, was bei der vorhergehenden Produktion alles von Madame Boucher besorgt worden war. Ich übernahm jedoch das Stimmen der Harfe bei jedem öffentlichen Auftreten nicht nur, um meiner Frau die Mühe zu ersparen, sondern auch um das Instrument völlig rein zu temperieren, was bekanntlich nicht so leicht ist. Wir spielten eins unsrer brillanten Duetten und ernteten großen Beifall ein. Besonders schien Boucher sehr entzückt[63] von meinem Spiel, und er mochte es wohl ziemlich aufrichtig damit gemeint haben; denn in einem Empfehlungsbriefe, den er mir an den Baron d'Assignies in Lille mitgab, und den dieser mir als ein Kuriosum zeigte, hieß es nach einer Charakteristik meines Spieles: »..., enfin, si je suis, comme on le prétend, le Napoleon des violons, Mr. Spohr est bien le Moreau!«

Mein Konzert fand im neuen großen Theater unter vielem Beifall statt; die Einnahme war aber nach Abzug der sehr bedeutenden Kosten eine geringe, weil unser Ruf noch nicht bis Brüssel gedrungen war. Zwar wurden wir von den Musikfreunden und in den öffentlichen Blättern aufgefordert, ein zweites Konzert zu geben; da sich aber nicht gleich ein passender Tag dazu finden wollte und der Aufenthalt in dem großen Gasthause, wo wir abgetreten waren, ein sehr kostspieliger war, so zogen wir es vor, unsre Reise nach Lille sogleich fortzusetzen.


Dort angekommen, war mein erster Gang zu Herrn Vogel, der mir als der beste Geiger der Stadt und als Dirigent der Dilettantenkonzerte bezeichnet war. Ich fand ihn nicht zu Hause, wohl aber Madame Vogel, die mich artig empfing. Als ich meinen Namen nannte, verklärte sich ihr Gesicht, und sie fragte mich mit Spannung, ob ich der Komponist des Nonetto sei, dessen Thema sie mir vorsang. Als ich lächelnd bejahte, fiel sie mir in einem Ausbruche französischer Lebhaftigkeit um den Hals und rief: »O wie wird mein Mann entzückt sein, car il est fou de vôtre Nonetto!« Auch war ich kaum ins Wirtshaus zurückgekehrt, als Herr Vogel schon mit freudestrahlendem Gesicht erschien und mich wie einen alten Freund willkommen hieß! In dem Hause dieses liebenswürdigen Ehepaares verlebten wir sehr frohe Stunden. Wir gaben ein von Herrn Vogel arrangiertes Konzert im Saale der Dilettantengesellschaft, da sämtliche Mitglieder den Komponisten des wiederholt aufgeführten Nonetts auch konzertieren hören wollten. Besonders bei unserm Zusammenspiele fanden wir einen so enthusiastischen Beifall, daß sogleich der Tag zu einem zweiten Konzert angesetzt wurde. Einige Musikfreunde aus dem benachbarten Douay, die zu dem Konzerte herübergekommen waren, luden uns namens der dortigen Musikgesellschaft ein, auch in Douay zu spielen, und garantierten uns den Absatz von 400 Billetts zu fünf Franken. Ich hatte daher die schönste Aussicht, recht viel Geld aus Lille mit fortzunehmen, als ein unerwartetes Ereignis meine Hoffnungen zertrümmerte. Schon war der Wagen gepackt, und wir standen im Begriff, nach Douay abzureisen, als sich das Gerücht in der Stadt verbreitete, der Telegraph habe soeben aus Paris die Nachricht[64] von der Ermordung des Herzogs von Berry gebracht. Es dauerte nicht lange, so wurden obrigkeitliche Plakate an die Straßenecken geheftet, die diese Trauerbotschaft den Bewohnern Lilles amtlich verkündeten und zugleich für die Dauer der Trauerzeit alle öffentlichen Vergnügungen, Theater, Konzerte, Tanzmusik usw. verboten. Es konnte daher weder das Konzert in Douay, noch das zweite in Lille stattfinden, und ich büßte dadurch eine Einnahme von mehr als 3000 Franken ein. Da nun alles Konzertgeben innerhalb Frankreichs aufhören mußte, der Zeitpunkt, wo mein Engagement in London begann, aber noch nicht herangekommen war, so ließ ich mich von den Herren Vogel, d'Assignies und andern Musikfreunden leicht bereden, noch länger in Lille zu verweilen. Es wurde nun fast täglich in Privatgesellschaften musiziert, und ich fand dadurch Gelegenheit, diesem Zirkel enthusiastischer Musikfreunde meine sämtlichen Quartetten, Quintetten und Harfenkompositionen vorzuführen. Ich hatte dabei ein sehr empfängliches und dankbares Publikum und erinnere mich daher dieser Musikpartien noch immer mit großem Vergnügen. Es wurde bei diesen Soireen auch noch allerlei Interessantes von Boucher erzählt. So hatte er einst mitten im Spiele, als ihm seiner Meinung nach etwas nicht recht geglückt war, plötzlich aufgehört, und ohne auf die Begleitenden Rücksicht zu nehmen, die verunglückte Stelle nochmals wiederholt, indem er sich laut zurief: »Cela n'a pas réussi, allons, Boucher, encore une fois!« Höchst komisch war auch der Schluß seines zweiten und letzten Konzertes gewesen. Bei der Probe bat er die Herren Dilettanten, die ihn akkompagnierten, nach dem Triller seiner Kadenz mit dem Schlußtutti ja recht kräftig einzusetzen, und fügte hinzu, daß er ihnen das Zeichen dazu durch Niedertreten geben werde. Am Abend, als diese Schlußnummer begann, war es aber schon sehr spät, und die Herren Dilettanten sehnten sich nach ihrem Souper. Als daher die Kadenz, in der Boucher noch einmal alle seine Kunststücke vorführte, gar nicht enden wollte, so legten einige der Herren ihre Instrumente in die Kasten und schlichen sich davon. Dies war so ansteckend, daß binnen wenig Minuten das ganze Orchester verschwunden war. Boucher, der in der Begeisterung seines Spieles davon nichts gemerkt hatte, hob schon beim Beginn seines Schlußtrillers den Fuß auf, um auf das verabredete Zeichen im voraus aufmerksam zu machen. Als er es nun am Ende des Trillers gab, war er des Erfolges, nämlich des kräftigsten Eintrittes des Orchesters und des dadurch hervorgerufenen Applaudissements der entzückten Zuhörer, ganz gewiß. Man denke sich also sein Erstaunen, als er außer seinem eignen, derben Fußtritt weiter nichts hörte. Erschreckt sah er[65] sich um und entdeckte nun die Leere hinter den Pulten. Das Publikum aber, das diesen Moment sich hatte vorbereiten sehen, brach in ein schallendes Gelächter aus, in welches Boucher wohl oder übel mit einstimmen mußte.

Es war nun die Zeit der Reise nach London herangekommen. Da ich willens war, meiner Frau in London eine neue Erardsche Harfe mit dem verbesserten Mechanismus à double mouvement zu kaufen, beschloß ich, das alte Instrument in der Verwahrung des Herrn Vogel zurückzulassen, und da nun auch unser großer Reisewagen, der hauptsächlich zum Transport der Harfe so groß und schwer gebaut war, entbehrlich wurde, so ließen wir auch diesen zurück, um die Kosten der Überfahrt über den Kanal und der Weiterreise in England möglichst zu ermäßigen. Das Vogelsche Ehepaar sah dies sehr gern, da sie nun sicher waren, ihre Freunde auf der Rückreise wiederzusehen.

In Calais angekommen, begab ich mich sogleich auf das Büro der Paketboote, um die Plätze zur Überfahrt zu belegen. Von da machte ich einen Spaziergang nach dem Hafen, um das Schiff, mit welchem wir nachmittags abfahren wollten, zu sehen. Als ich nun aber bemerkte, daß das Meer schon innerhalb des Hafens in großer Bewegung war, draußen aber so tobte, daß die Wellen hoch über den Hafendamm spritzten, so verlor ich die Lust zur Überfahrt bei so stürmischer See und eilte auf das Büro zurück, um die genommenen Plätze für den folgenden Tag umschreiben zu lassen. Bei einem Spaziergang, den ich nachmittags mit meiner Frau in der Stadt machte, hütete ich mich wohl, sie in die Nähe des Meeres zu führen, damit sie, die sich ohnehin vor der Überfahrt fürchtete, das Toben desselben nicht etwa bemerke. Der Gedanke, in so stürmischer Jahreszeit mit meiner zarten, reizbaren Frau überfahren zu müssen, beunruhigte mich die ganze Nacht; ich eilte daher, sobald der Tag angebrochen war, wieder zum Hafen, um zu sehen, ob der Sturm nicht nachgelassen habe. Es schien mir so. Ich holte deshalb Dorette aufs Schiff und beredete sie, sich sogleich in der Kajüte niederzulegen. Ein gutmütiger Deutscher, der als Matrose auf diesem englischen Paketboot diente, versprach mir, sich ihrer anzunehmen und für ihre Bedürfnisse zu sorgen. Ich konnte daher auf das Verdeck zurückkehren, wo ich in freier Luft hoffen durfte, der Seekrankheit einigermaßen zu widerstehen. Unterdessen waren die Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen. Das Schiff wurde nun dicht am linken Hafendamm von sechzig bis achtzig Menschen an langen Seilen bis zur äußersten Spitze desselben fortgezogen. Kaum hatte es aber diese überschritten, so wurde es auch sogleich von einer kolossalen[66] Welle gepackt und in einem Nu zur entgegengesetzten Seite des Hafens geschleudert, so daß es beinahe an der Spitze des rechten Hafendammes gescheitert wäre. Nun stürzten auch die Wellen sogleich über das Verdeck, und die Luken sowie die Kajütentür mußten geschlossen werden. Ich war allein von allen Passagieren auf dem Verdeck zurückgeblieben und hatte mich in der Nähe des großen Mastes auf eine Bank gesetzt, die innerhalb eines ziemlich hohen Kreises von aufgetürmten Ankertauen stand. Hier hoffte ich, vor dem das Verdeck überströmenden Wasser gesichert zu sein. Doch bald drangen die Wellen so hoch heran, daß ich, um von ihnen nicht durchnäßt zu werden, auf die Bank steigen mußte. Dies war kaum einige Male geschehen, als mich die Seekrankheit so heftig überfiel, daß ich die Kraft dazu nicht mehr hatte. Es dauerte daher auch nicht lange, so war ich trotz meines dichten Mantels bis auf die Haut durchnäßt, was meinen ohnehin trostlosen Zustand noch unerträglicher machte. Dazu packte mich der Krampf des Erbrechens, besonders als der Magen nichts mehr herzugeben hatte, so heftig, daß ich es kaum zu überleben hoffte. Glücklicherweise war die Fahrt, durch den Sturm begünstigt, eine ohngewöhnlich schnelle. Die drei Stunden, in denen sie zurückgelegt wurde, schienen mir nichts destoweniger eine nie enden wollende Ewigkeit! – Endlich war man vor Dover angelangt, aber ein neues Mißgeschick erwartete uns hier; denn man konnte wegen der Ebbe nicht in den Hafen einfahren und war genötigt, die Passagiere auf offenem Meere auszuschiffen. Man ließ deshalb, sobald die Anker ausgeworfen waren, die Boote hinab und rief uns zum Überfahren in den Hafen herbei. Nun sah ich meine Leidensgefährten blaß und schwankend wie Geister aus dem Grabe emporsteigen und merkte wohl, daß sie unten auch nicht besser daran gewesen waren als ich oben. Endlich erschien auch meine arme Frau, von dem freundlichen Matrosen unterstützt, in sehr leidendem Zustand. Eben wollte ich zu ihr eilen, als sich ein junges, schönes Mädchen, das ich zwar schon beim Einschiffen bemerkt hatte, mich aber damals keines Blickes würdigte, plötzlich an meinen Hals warf und, ohne ein Wort zu sprechen, daran festklammerte. Ich erriet leicht den Beweggrund zu so auffallendem Benehmen. Das arme, geängstete Wesen hatte nämlich mit angesehen, wie die ersten Reisenden ins Boot expediert wurden, das von den noch immer tobenden Wellen bald bis zur Höhe des Verdeckes emporgeschleudert, bald in einen Abgrund versenkt und wieder von neuem emporgehoben wurde, welches dann der Moment war, wo die Matrosen wieder einen Passagier oder ein Stück vom Gepäck hineinwarfen. Diese Prozedur hatte sie so erschreckt, daß sie den Arm ihrer[67] Begleiterin verließ und sich an mich anklammerte, da ich ihr wohl als der kräftigste von der Reisegesellschaft erscheinen mochte. Zu einer Explikation war keine Zeit; ich trug sie daher ins Boot und eilte dann zu meiner Frau, um auch diese zu geleiten. Kaum war ich mit ihr glücklich im Boot angelangt, als sich die geängstigte Schöne abermals fest an mich hing, zu nicht geringem Befremden meiner Frau! Doch die gefahrvolle Fahrt ließ keine Bemerkung aufkommen, und das junge Mädchen fühlte bei der Landung kaum festen Boden unter seinen Füßen, als es mich ohne ein Wort des Dankes losließ und mit ihrer Begleiterin davon eilte. Daß es eine vornehme Lady mit ihrer Gouvernante war, hat dies echt englische Benehmen wohl schon verraten!

Nachdem ich im Gasthause meine ganz durchnäßten Kleider mit trockenen vertauscht und wir den wiedererwachten Appetit an der table d'hôte gestillt und uns zur Weiterreise gestärkt hatten, nahmen wir sogleich Plätze in der nachmittags nach London abgehenden Postkutsche. Die Reise wurde fast ganz bei Nacht gemacht. Als wir am andern Morgen auf dem Posthofe zu London nebst unserm Gepäck abgesetzt wurden, fand ich mich in sehr großer Verlegenheit. Es wollte mir nämlich trotz aller Mühe nicht gelingen, weder dort noch im Büro jemanden zu finden, mit dem ich mich hätte verständigen können; denn ich wußte kein Wort Englisch, und alle, die ich anredete, verstanden weder Deutsch noch Französisch. Es blieb mir daher nichts übrig, als auf die Straße zu laufen und, während meine Frau das Gepäck bewachte, dort nach einem Dolmetscher zu suchen. Es war aber noch früh am Tage, und ich sah daher nur Leute niedern Standes, von welchen ich nicht erwarten konnte, daß sie eine fremde Sprache verstehen würden. Endlich kam ein Wohlgekleideter, dem ich erst deutsch, dann, als er den Kopf schüttelte, französisch meine Not klagte. Der Mann zuckte aber die Achseln und ging weiter. Ein anderer jedoch, der diese Szene mit angesehen hatte, näherte sich mir und fragte in gutem Französisch, was ich wünsche? Es war ein Lohnbedienter, der auf mein Verlangen sogleich einen Fiaker herbeiholte, um uns zu Herrn Ries, dessen Wohnung ich glücklicherweise wußte, zu fahren. Wir fanden Herrn Ries noch zu Haus und wurden von ihm in die für uns gemietete Wohnung gebracht, wo wir uns endlich von den Anstrengungen der See- und Nachtreise erholen konnten.

Quelle:
Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. Tutzing 1968, S. 58-68.
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