Die Hochzeitsreise

Die Hochzeitsreise

[57] kann je nach dem Charakter der jungen Gatten sehr interessant und sehr langweilig, sehr erfreulich und sehr betrübend, sehr kurz und sehr ausgedehnt, sehr nützlich und sehr schädlich, sehr anstrengend und sehr erquicklich verlaufen.

Hat das junge Paar das Begehren, für recht geschmack- und taktlos zu gelten, so wird ihm dies mit leichter Mühe gelingen. Es braucht nur, wie dies üblich ist, überall, wo es öffentlich erscheint, zärtlich zu sein, wie man dies von älteren Ehepaaren nicht erwartet, und dadurch die Zuschauer zu genieren und sie zu zwingen, über das ihnen zum Besten gegebene Schauspiel unliebsame und zweideutige Bemerkungen zu machen.

Da das junge Paar sich auf seiner Reise sehr gut unterhält, so vergeht die Zeit so schnell, daß weder sie, noch er solche zu einem längeren Aufenthalt im Schmollwinkel findet. Augenscheinlich sind die beiden noch nicht ordentlich verheiratet. Gut Ding will eben Weile haben. Nur allmählich nistet sich die Ehe ein, indem Meinungsverschiedenheiten auftauchen. Anfangs harmlose, welche rasch beseitigt werden.[57] Sollten aber beide fürchten, daß die Harmlosigkeiten sich nicht verbösern, so mögen sie getrost annehmen, daß sie sich im Irrtum befinden. Sie verbösern sich.

Nach den ersten Thränen der jungen Frau sucht das junge Paar Postkarten, welche mit schnäbelnden Täubchen geschmückt sind, und sende sie an die Verwandten mit den Worten ab: »Wie die Sonne über uns herniederlacht, so ist unsere junge Ehe von der Sonne des Glücks durchleuchtet.« Es kann aber auch ein anderer Unsinn geschrieben werden, um die Verwandten beruhigend zu entzücken.

Hat der junge Gatte sein erstes Donnerwetter niedergehen lassen, so versäume er nicht, an den runden Tisch des heimatlichen Bierpalastes eine Karte zu senden, welche die als Illustration so beliebt gewordenen Schweine zeigt, an welche er die Bemerkung knüpft: »Wir haben leider kein Auge für die Schönheiten der Natur, da wir nur uns leben. In einer kleinen Pause trinken wir ein Glas Deutz und Geldermann auf Euer Wohl.« Beide unterzeichnen dann diese anmutige Unwahrheit.

Ist der junge Gatte nicht gewohnheitsmäßig gentil, so bändige er sich während der Hochzeitsreise derart, daß er seine Gattin nicht mit Geschenken überhäuft, namentlich auch dann nicht, um sie nach irgend einem Zänkchen wieder zu versöhnen. Denn die junge Frau gewöhnt sich nur zu leicht an solche freudige Überraschungen und vermißt sie um so schmerzlicher, wenn der Gatte nach den sogenannten Flitterwochen sich von seiner Gentilität wieder befreit und in seine frühere Knauserei zurücksinkt.

Der junge Gatte hat sich auch auf anderen Gebieten der Hochzeitsreise davor in acht zu nehmen, eine andere Rolle als die, welche ihm angeboren ist, zu mimen. Denn er wird sie ja doch nach der Heimfahrt abgeben müssen, abgesehen davon, daß das scharfe[58] Auge seiner Frau die Komödie längst durchschaut hat. Nichts ist schwerer, als in der Ehe die Durchführung einer Komödie über die Flitterwochen hinaus, und nichts gefährlicher, als nach der Hochzeitsreise plötzlich als ein anderer aufzutreten. Der »Geizige« soll nicht den »Verschwender«, der »Misanthrop« nicht den »Don Juan« spielen wollen, weil die nach der Hochzeitsreise eigentlich erst beginnende Ehe den jungen Gatten abschminkt und ihn in seiner wahren Gestalt zeigt. Sicher ist, daß diese Episode nicht immer einen Succès d'estime davonträgt, sondern meist mit einem vollständigen Fiasko abschließt.

Sollten die Neuvermählten ausnahmsweise vernünftig sein, was allerdings nicht zu erwarten ist, so lernen sie aus den Erfahrungen, die sie auf der Hochzeitsreise sammeln, von der Ehe nicht das Unmögliche zu verlangen, sondern einzusehen, daß sie wie alles Menschenwerk ihre Mängel hat, mit denen man sich zu befreunden gezwungen sei. Haben sie solches auf der Hochzeitsreise gelernt, so sind die Kosten, die sie verursacht hat, nicht zu hoch gewesen, die Summen, die sie verschlungen, vortrefflich angelegt und die Strapazen und die Unbequemlichkeiten, die sie verursachte, herrlich belohnt worden.

Zur Erreichung dieses Zieles ist die Hochzeitsreise niemals zu kurz. Oft genügt eine achttägige vollständig, und wenn die Baarmittel vorhanden sind, langt eine vierzehntägige. Hat sie aber einen Monat gedauert, so müssen die Reisenden über und über belehrt, oder guten Lehren vollständig unzugänglich heimkehren.

In seinem Heim angelangt, hat das junge Paar vor allem zu versuchen, sich mit der Ehe anzufreunden. Dies ist nicht so leicht, wie man dies anzunehmen pflegt, da noch der Aberglauben viel verbreitet ist, man sei zum Vergnügen verheiratet. Selbst die[59] glücklichsten Ehen haben wie die schönsten Sommertage ihre Schattenseite, nur mit dem Unterschiede, daß die Schattenseiten der Ehen nicht zu vermeiden sind.

Das in dem Bibelvers angegebene Leitmotiv der Ehe: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei« ist in vielen Ehen den peinlichsten Variationen unterworfen. Von Zeit zu Zeit kann es im Herzen des Mannes lauten: »Es ist gut, wenn der Mensch manchmal allein ist«, oder im Herzen der Frau: »Es ist nicht gut, daß der Mensch mich allein lässt«, oder im Herzen des Hausfreundes: »Es ist ganz gut, dass die Frau zuweilen allein ist.« Wahrscheinlich giebt es aber noch andere Variationen.

Fühlt der junge Gatte, daß er mit einem schönen Talent zum Pantoffelhelden begabt sei, so sträube er sich mit aller Kraft gegen die Ausbildung dieses schönen Talents. Es wird ihm jedoch nichts nützen. Bemerkt er aber, daß seine Frau eifrig sich bemüht, alles zu vermeiden, was ihm die Furcht einflößen könnte, daß er unter den Pantoffel komme, so darf er überzeugt sein, daß er bald unter den Pantoffel geraten wird.

Huldigte er während seiner Junggesellenzeit leidenschaftlich dem Wirtshaussport, so versichere er seiner jungen Frau, daß er dies nicht mehr begreife. Sie wird ihm dies aber nicht glauben und um so strenger darüber wachen, daß er besagtem Sport nicht weiter huldige. Er gestehe also ehrlich ein, daß er gerne mal ins Wirtshaus gehe, und er wird dies gleichfalls ohne Erfolg thun.

Sollte er auch nach der Hochzeit seiner Frau schwören, daß sie seine erste und einzige Liebe sei, verbrenne er sämtliche Liebesbriefe, welche er in seiner Junggesellenzeit erhalten und aufbewahrt hat. Seine Frau kennt sie nicht, kennt aber genau deren Inhalt und hält ihn während seines Falscheides für einen großen Spitzbuben.[60]

Auch die Photographieen in Visitenkarten- und Kabinettformat seiner in der Junggesellenzeit Angebeteten sind seiner Frau bekannt, ohne daß sie sie gesehen hat. Diese Bilder verbrenne er gleichfalls, wie seine Frau die von ihr aufbewahrten Briefe und Bilder verbrannt hat.

Hat der junge Gatte eine leichtgläubige Frau, so sage er ihr, daß der Hausschlüssel die beste Waffe sei, sich abends auf der Straße gegen rohe Angriffe zu schützen. Sie wird ihm antworten, daß sie fürchte, er könne mit dem Hausschlüssel einen Totschlag begehen, und ihn deshalb beschwören, nie den Hausschlüssel mitzunehmen. Der junge Gatte sinne nun auf andere Mittel, in den Besitz des Hausschlüssels zu gelangen, aber die junge Frau hat ihn längst durchschaut, und er gebe darum beschämt jeden weiteren Versuch auf.

Hat er aber den Hausschlüssel erwischt, so entferne er schleunigst alle Uhren aus dem Schlafzimmer unter der Versicherung, ihr Ticken lasse ihn nicht schlafen. Kommt er dann spät nach Hause, so weiß seine Frau trotzdem, was die Uhr zwei Stunden später sein wird.

Gefällt dem jungen Gatten eine Freundin seiner Frau und macht er ihr den Hof, so ergreife er jede unpassende Gelegenheit, um seine Frau zu bitten, nicht mit einem seiner Freunde schön zu thun, besonders wenn ihr dies nicht im Traum einfällt. Eifersucht ist aber ein probates Hausmittel des Gatten, die Aufmerksamkeit von eigener Untreue abzulenken. Auch die Frauen haben dies Hausmittel in Gebrauch, und der Gatte wird also gewarnt sein, wenn er von der Eifersucht seiner Gattin geplagt wird.

Ist der Gatte kein Freund von größeren Ausgaben, so verhindere er sorgfältig alles, was seine Frau veranlassen könnte, mit ihm zu schmollen oder[61] was ihr Gelegenheit geben könnte, in die bei der Trauer mit Recht so sehr beliebten Thränen auszubrechen. Denn es ist oft sehr kostspielig, sich mit der Frau wieder zu versöhnen.

Beiden ist dringend zu raten, nicht zu verschwenderisch mit der Erklärung: Ich lasse mich scheiden! zu verfahren, den Frauen speziell, nicht zu häufig ins Vaterhaus zurückkehren zu wollen. Das Ohr der Gatten gewöhnt sich schließlich an jedes Geräusch, wie das des Müllers an das Klappern in der Mühle, und schließlich fürchtet der Gatte nur, daß die Gattin anstatt in das Vaterhaus in ein Modemagazin flüchtet, und weiß die Gattin aus Erfahrung, daß der Gatte zu seinem Rechtsanwalt geht, um mit ihm anstatt über die Scheidung über den nächsten Skatabend zu sprechen.

Hat die junge Frau eine sehr gute Erziehung genossen, so schätze der Gatte sich glücklich und halte dankbar die kleinen Hausstandssorgen von ihr fern. So dulde er nicht, daß sie sich an den Küchenherd stelle, um ihm sein Leibgericht zu kochen, denn sie wird es verderben, und ein verdorbenes Leibgericht kann niemals ein Leibgericht werden.

Raucht der Gatte, so wird seine Frau außer sich sein, weil der Cigarrendampf die Gardinen verderbe und die Zimmerluft vergifte. Raucht auch die Gattin, so wird der Cigarettendampf weder die Gardinen verderben, noch die Zimmerluft vergiften. Es ist dies eine höchst merkwürdige Eigenschaft des Tabaks von dem Augenblick an, wo er von der Dame des Hauses geraucht wird.

Schließlich wäre es nicht überflüssig, den Gatten einiges über die Bücher zu sagen, welche sie ihrer Frau in die Hand geben sollen. Dies ist nicht nur nicht überflüssig, sondern auch dringend nötig, weil die Frauen Romane und zwar nur Romane lesen und der größte Teil der Romane aus schlechten und schlechteren[62] besteht. Der Gatte muß also den neuen Erscheinungen auf dem Gebiet der Romanliteratur, auf welchem mit mehr Fleiß, als selbst einer besseren Sache nützlich wäre, gearbeitet wird, ein reges Interesse widmen und in die neuesten Bücher wenigstens einen längeren genau prüfenden Blick werfen. Findet er bei solchen Gelegenheiten, daß der Roman einen starken Hautgoutgeruch verbreitet, etwas zu wenig stubenrein ist und eigentlich statt gebunden oder broschiert nur versiegelt verkauft werden müßte, so setze er seine Gattin von dem Resultat seines Studiums in Kenntnis und warne sie, den Roman zu lesen, weil er die Grenzen des Geschmackes verletze, oder den gesunden Sinn vergifte, oder diese beiden Übelthaten, in sich vereinige. Der Gatte wird dann den Triumph erleben, daß ihm seine Gattin Recht giebt, da sie bekanntlich die betreffenden Romane bereits gelesen hat.

Über die Bibliothek des jungen Paares, welches der sogenannten gebildeten Klasse angehört und für sehr belesen gilt, weil es auf ein täglich erscheinendes Blatt abonniert ist, wird man genaues mitteilen können, wenn man sie nicht gesehen hat. Außer einem Konversationslexikon findet man die teuersten Bände aus der Reclamschen 20 Pfg.-Bibliothek, einen Band der Gartenlaube und mehrere Bücher, die das Paar geborgt und natürlich nicht wiedergegeben hat. Hat man aber die Bibliothek gesehen, so wird man von ihr kein so glänzendes Bild entwerfen können. Der Schrank enthält dann außer etlichen Büchern viele Haushaltungsgegenstände, welche das Paar zuweilen braucht und darum so unterbringt, daß sie rasch gefunden werden können. Auch die Cigarren, die Spilkartenpresse und der Schlüsselkorb pflegen im Bücherschrank aufbewahrt zu werden.

Die Wirtschaft des jungen Paares erlebt eine vollständige Umgestaltung und ein anderes Aussehen,[63] wie die Ehe erst eine vollkommene wird, so weit eine Ehe vollkommen werden kann, durch


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1902, Bd. III, S. 57-64.
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