der Abergläubische

[96] zu finden.

Man frage den Abergläubischen nicht, aus welchem Grunde er abergläubisch sei. Er weiß keinen Grund anzugeben, aber er schiebt Dir vielleicht die Schuld an einem Unfall zu, der ihm dann begegnet, indem er[96] sagt: »Du hast mich heut gefragt, aus welchem Grunde ich abergläubisch sei, und wenn ich das gefragt werde, dann weiß ich, daß mir ein Unglück, oder sonst was Unangenehmes passiert.«

Abergläubisch ist vielleicht jeder. Nur wenn jemand versichert, er sei nicht abergläubisch, dann ist er es ganz gewiß.

Man ist natürlich gleichfalls abergläubisch, trotzdem man vielleicht nicht behauptet, daß man nicht abergläubisch sei, aber wenn man um keinen Preis der Dreizehnte bei Tisch sein möchte, so erklärt man, es wäre den anderen zwölf Gästen unangenehm.

Trifft man einen Freund, der den Abergläubischen ironisiert, indem er sagt: »Ich bin so abergläubisch, daß ich annehme, ich hätte den ganzen Tag Unglück oder überlebte ihn nicht, wenn ich morgens Gift nähme,« so schämt er sich nur, offen zu bekennen, daß er überzeugt sei, es passiere ihm was Unangenehmes, wenn er eine offene Schere vor sich liegen sieht, oder die Schale des gegessenen Eies nicht zerdrückt.

Höchst drollig ist der Aberglaube des Spieler. Man reize ihn nicht, indem man in seine Karten sieht. Der Kiebitz ist ihm sehr willkommen, so lange er sogenannte gute Karten bekommt, bekommt er aber einmal schlechte, so sieht er den Kiebitz mit vernichtendem Blick an und behauptet, der unglückliche Vogelmensch habe die Karten verhext. Dann gebe man als der Klügere nach und überlasse ihn vertrauensvoll seiner Narrheit, welche ihn zu aberglauben zwingt, das Kiebitzauge habe den Wenzel in eine Sieben oder eine andere wertlose Karte verwandelt. Der Kiebitz, sagt er in seiner Narrheit, hat Aalaugen. Das Wort Narrheit ist der mildeste Ausdruck. Will man eine Arbeit unternehmen, welche kein Ende finden kann, so versuche man, alle Nuancen des Spieleraberglaubens[97] niederzuschreiben, eine Arbeit, die ich nicht unternehmen will.

Will man sich einem Abergläubischen angenehm machen, so rufe man: »Bravo! Das hilft!« wenn er bei irgend einer passenden oder unpassenden Gelegenheit »Unberufen!« ruft, dies wiederholt und dabei die Untenseite der Tischplatte beklopft.

Hat man in Gesellschaft eines Abergläubischen im Regen eine Droschke gefunden, deren Nummer sich nicht durch drei dividieren läßt, so wird sich der Abergläubische weigern, die Droschke zu nehmen. Man lasse sich aber selbst nicht abschrecken, sondern benutze den Wagen, denn bis der Abergläubische eine Droschke mit ungefährlicher Nummer findet, hat man sicher keinen trockenen Faden an Leibe, dafür aber einen Schnupfen, von welchem die Nummer, die durch drei dividiert werden kann, nicht befreit.

Hat man an einem Freitag um die Hand eines begehrenswerten Mädchens geworben und einen Korb bekommen, so hat nicht der Freitag, sondern hat man selbst Schuld, indem man dem Mädchen mißfällt, oder weil es einen anderen kennt, der ihr bedeutend besser gefällt. Man hätte ganz gewiß auch an einem anderen Tage einen Korb bekommen. Aber auch dann, wenn man am Freitag keinen Korb bekäme, sondern mit der Umworbenen eine unglückliche Ehe, so sei man nicht so dumm, dem Freitag die Schuld zuzuschieben. Man kann sich dann getrost auch an einem Freitag scheiden lassen und noch ganz glücklich werden.

Der Jäger gleicht im Aberglauben dem Spieler. Er aber glaubt, Pech zu haben, wenn man ihm eine glückliche Jagd wünscht, man muß ihm das Gegenteil wünschen. War er aber ein schlechter Schütze, so nützt auch das Unglückwünschen nur den armen Tieren.

Ist man ein Menschenfreund und trifft einen Sonntagsjäger, der zur Jagd geht, so wünsche man[98] ihm weder Glück noch Unglück, sondern bitte ihn, die Treiber zu schonen, und sage ihm, dies seien brave Leute, die ihm nichts getan hätten und schon aus diesem Grunde nicht verdienten, angeschossen zu werden. Vielleicht ist auch der Sonntagsjäger, um als wirklicher Jäger zu gelten, abergläubisch und bleibt wegen der an ihn gerichteten Bitte zu Hause. Dann hat man ein gutes Werk getan.

Falls man Operettenkomponist sein sollte und abergläubisch ist, so sei man es nicht so, wie es der Dieb ist, welcher den Ort verunreinigt, wo er seinen Diebstahl begeht. Man nehme die Melodie da, wo man sie in irgend einem älteren Musikwerk findet, ohne dieses weiter zu verunreinigen. Das Gegenteil wäre höchst unschicklich und überflüssig.

Ist man Kronprinz und folgt man seinem Vorgänger, welcher der Zwölfte hieß, so hänge man ruhig an seinen Namen die Ziffer XIII. Dann regiere man verfassungstreu und milde, volksfreundlich und gerecht, und die für ominös geltende Ziffer wird sich als ganz ungefährlich erweisen, trotzdem man, auch wenn man allein oder mit der hohen Gemahlin speist, auf dem Thron, im Ministerrat, oder zu Pferde sitzt, immer der Dreizehnte ist.

Man versuche nicht, einen abergläubischen Freund zu heilen, sondern sich selbst. Entgegnet man mir, daß man nicht abergläubisch sei, so ist das ein Aberglaube. Man ist es wie der Freund, den man heilen will.

Man sei vorsichtig im Darreichen oder gar Verschenken von Gegenständen, welche in der Phantasie der Abergläubischen eine Rolle spielen, da sie mit Gefahren aller Art verbunden sind. Es gibt bekanntlich Geschenke, welche mit Tod und Verderben, Haarausfallen, Zahlungseinstellung, Geburt von Drillingen, Kanarienvogelsterben, Hexenschüssen, Schreibkrampf, Glück des Hausfreundes und anderen traurigen Ereignissen[99] verbunden sind. So lasse man sich nicht hinreißen, einer Freundin eine Nadel zu reichen, da sie solche mit Entrüstung zurückweisen würde. Denn die Nadel hat bekanntlich die traurige Eigenschaft, die Freundschaft bis zur Unkenntlichkeit zu zerstechen. Es handelt sich hierbei um die Stecknadel in ihren verschiedenen Größen und Preisen. Wunderbar bleibt es allerdings immer, daß eine mit Diamanten und Perlen geschmückte Nadel von großem Wert, überreicht und angenommen, keine traurige Wirkung ausübt und deshalb jahrelang mit Glück getragen werden kann und am allerwenigste die Freundschaft zersticht, sondern im Gegenteil befestigt.

Schließlich mag noch auf das Zerbrechen von irdenen, gläsernen Porzellan- und ähnlichen Wirtschaftsgegenständen als glückbringend verschrieen hingewiesen werden. Man soll aber nicht vergessen, daß es im allgemeinen von abergläubischen Hausfrauen nur dann geschätzt wird, wenn sie selbst aus angeborener oder zufälliger Ungeschicklichkeit solche Gegenstände fallen lassen oder in anderer Weise zerbrechen. Wenn dies von weiblichen Dienstboten geschieht, so sind die Hausfrauen immer mehr geneigt, ihnen die ärgerlichsten und weitschallendsten Vorwürfe zu machen und sie zum Ersatz der zerbrochenen Gegenstände heranzuziehen, als in dem Zerbrechen irgend ein zukünftiges Glück zu begrüßen und somit zum Danken veranlaßt zu sein. Hat man dagegen als Gast solcher abergläubischen Frauen das Unglück, ein Glas oder eine Tasse zu zerbrechen, so werden sie zwar mit hinreißender Liebenswürdigkeit erklären, daß dies Glück bringe, aber es nicht ungern sehen, wenn man anderen Tags oder bei der nächsten passenden Gelegenheit eine Garnitur Gläser oder ein hübsches Kaffeeservice mit einer scherzhaften Erklärung sendet. Solche Gabe gilt dann als das Glück,[100] welches in dem betreffenden Zerbrechen vorausgesehen worden ist.

Ein ziemlich naher Verwandter des Abergläubischen ist


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1903, Bd. IV, S. 96-101.
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