4. Verlobungen.

[38] Sobald von einem entsprechenden Bewerber um die Hand einer Prinzessin des Königlichen Hauses angehalten worden ist, und Seine Majestät der König, sowie die Hoben Eltern und event. Grosseltern des betreffenden Paares die Einwilligung zu dessen ehelicher Verbindung zu ertheilen geruht haben, findet zwischen diesen beiden Letzteren nach altem Herkommen vorerst, und zwar in Gegenwart der nächsten Anverwandten, ein feierliches Eheversprechen statt, was zwar nicht als ein Familiengeheimniss behandelt, jedoch officiell nicht zu öffentlicher Kenntniss gebracht zu werden pflegt. Die eigentliche Verlobung wird erst später gefeiert. Dieselbe erfolgt bei einem Galadiner, welches Seine Majestät der König zu diesem Behufe in einem der Residenzschlösser zu geben geruhen. Diesem Diner wohnen ausser Ihren Königlichen Majestäten, den Prinzen und den Prinzessinnen des Königlichen Hauses und Allerhöchst- und Höchstderen Hofstaaten und Gefolgen bei: die Häupter der fürstlichen und der ehemals reichsständischen gräflichen Familien, sämmtliche Excellenzen-Herren, die General-Majors der Garde, der am hiesigen Hofe accreditirte diplomatische Vertreter des Landes, welchem der Hohe Verlobte angehört, event. auch der von dessen Souverain aus diesem besonderen Anlasse abgeordnete Bevollmächtigte, sowie ausserdem, nach Maassgabe des Ortes, wo die Feier stattfindet, gewisse ihrer öffentlichen Stellung wegen nicht unberücksichtigt zu lassenden Personen, in Berlin z.B. der Präsident und die Vice-Präsidenten der etwa gerade tagenden parlamentarischen Körperschaften, der Polizei-Präsident, der Ober-Bürgermeister und der Stadtverordneten-Vorsteher. Vor dem Diner geruhen Seine Majestät der König in dem Versammlungszimmer der Mitglieder der Königlichen Familie, in Gegenwart Höchstderselben und der dazu besonders befohlenen officiellen Zeugen, zu welchen grundsätzlich der Oberst-Kämmerer, der Minister des Königlichen Hauses, der diplomatische Vertreter und der Special-Bevollmächtigte, welche oben erwähnt[39] wurden, gehören, die Verlobung zu vollziehen. Seine Majestät richten dabei an das betreffende Hohe Paar eine entsprechende Anrede und übergeben demselben, altem Herkommen gemäss, Allerhöchst-Selbst die Verlobungsringe, worauf durch die Wechselung der letzteren das frühere Eheversprechen besiegelt wird. Nach der Verlobung findet die Beglückwünschung der Hohen Verlobten durch die Mitglieder der Königlichen Familie statt. Inzwischen ist die eingeladene Gesellschaft, für welche ein angemessen grosser Versammlungsraum gewählt werden muss, in demselben gruppenweise aufgestellt worden. Sobald dies geschehen, macht der Ober-Ceremonienmeister hiervon im geeigneten Augenblicke Seiner Majestät dem Könige Meldung, Allerhöchstwelche demnächst die Hohen Verlobten in jenen Versammlungsraum einführen, worauf die Begrüssung durch die Gesellschaft, und zwar zuerst von Seiten der Damen und sodann kategorienweise von Seiten der Herren (Hof, Militair, Civil) erfolgt. Nach dieser Begrüssung kehren Seine Majestät mit den Hohen Verlobten in das Versammlungsgemach der Königlichen Familie zurück, und es werden die eingeladenen Personen nunmehr zu ihren Plätzen nach dem betreffenden Speisesaal geführt, wohin Seine Majestät mit den Hohen Verlobten und den Höchsten Herrschaften Sich später gleichfalls begeben.

Es ist auch schon vorgekommen, dass die Begrüssung der Gesellschaft erst nach dem Diner stattgefunden hat, es dürfte dies jedoch nicht so correct erscheinen.

Bei dem Diner nehmen die Hohen Verlobten an der Hauptseite der Tafel in der Mitte unter dem Thronhimmel Platz, und zwar die Hohe Verlobte rechts von dem Hohen Verlobten. Neben Ersterer lassen Seine Majestät der König, neben dem Hohen Verlobten ihre Majestät die Königin Allerhöchst-Sich nieder. Im Vis-à-vis sind in der Mitte der Oberst-Kämmerer und an den entsprechenden Stellen daselbst auch der diplomatische Vertreter des Landes, welchem der Hohe Verlobte angehört, und der von dessen Souverain abgesandte Bevollmächtigte placirt.

Der Anzug bei dem Diner ist für die Damen in runden Kleidern, für die Herren vom Civil und vom Militair en gala mit weissen Unterkleidern und mit Ordensband resp. mit Schärpe. Auch die Ritter des hohen Ordens vom Schwarzen Adler legen das Band desselben an.[40]

Das freudige Ereigniss der Verlobung einer Königlichen Prinzessin wird dem ganzen Lande sofort durch den Königlichen Staats-Anzeiger bekannt gemacht.

Der Verlobung folgt baldmöglichst eine Gratulations-Cour bei den Hohen Verlobten, zu welcher das diplomatische Corps, insofern dasselbe eine diesfällige Demarche gemacht hat, sowie die ganze hoffähige Gesellschaft incl. der Officier-Corps der Garnisonen von Berlin, Potsdam, Spandau und Charlottenburg eingeladen werden. Es ist ein von den Durchlauchtigsten Eltern der verlobten Hohen Prinzessin festzuhaltendes Ehrenrecht, zu verlangen, dass die in Rede stehende Cour in dem von Höchstdenselben bewohnten Palais stattfinde; bietet dasselbe jedoch nicht die ausreichenden Räumlichkeiten zum Empfange einer so zahlreichen Gesellschaft, wie die bezeichnete, dar, so wird diese Cour im Königlichen Schlosse zu Berlin abgehalten. Das diplomatische Corps versammelt sich dabei mit dem Chef des Auswärtigen Amtes in einem besonderen Gemach, in welches die Hohen Verlobten nebst Gefolge eintreten und die Vorstellung der Erschienenen und deren Glückwünsche entgegennehmen. Sobald das diplomatische Corps entlassen ist, begeben die Hohen Verlobten Sich nach dem für diese Veranlassung zu einem Thronzimmer eingerichteten Gemach – aus welchem alle Möbel entfernt worden sind –, und nehmen daselbst unter dem Throne Ihre Stellung. Rechts vom Throne stehen die Damen, links die Herren des Gefolges der Hohen Verlobten. Das Zeichen zur Oeffnung der Thüren ertheilt der Ober-Ceremonienmeister, welcher dem Throne gegenübersteht. Hierauf defiliren die Erschienenen in ununterbrochener Folge dem Range nach vor den Hohen Verlobten, und zwar zuerst alle Damen, sodann alle Herren und schliesslich, unter Vortritt der Maison militaire du Roi, die schon genannten Officier-Corps. Die Damen gehen einzeln; die Herren treten kategorienweise, die Officier-Corps regimenterweise vor und machen je zu Zweien oder, falls die Breite der Eingangsthür dies gestattet, je zu Dreien bis Vieren ihre Verbeugungen vor den Hohen Verlobten.

Der Anzug ist wie bei den grossen Hofcouren, also für die Damen im Hofkleide (robe de cour), für die Herren in grösster Gala.

Die Einladung zu dem Verlobungs-Diner ressortirt von dem Königlichen Hofmarschall-Amte, während die Einladung[41] zur Verlobungs-Cour dem Hofmarschall desjenigen Hofes obliegt, welchem die Hohe Verlobte angehört. Wird diese Cour aber aus dem oben angedeuteten Grunde im Königlichen Schlosse zu Berlin abgehalten, so hat der Ober-Ceremonienmeister deren Einladung und Ausführung zu bewirken. In Bezug auf das letztere Fest dürften die beiden Beilagen, nämlich:

1. die Hofansage zu der am Montag den 16. April 1877, Abends um 8 Uhr, bei Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Charlotte von Preussen (Durchlauchtigsten Tochter Seiner Kaiserlichen und Königlicher Hoheit des Kronprinzen) und Seiner Hoheit dem Erbprinzen von Sachsen- Meiningen aus Veranlassung Höchstihrer Verlobung im Königlichen Schlosse zu Berlin, und zwar in den Königin-Elisabeth-Kammern und den angrenzenden Gemächern, stattgehabten Cour,

2. das Programm zu dieser Cour,

jede gewünschte Aufklärung gewähren.

Ausserdem wird hier auch noch auf die in Beilage 4 zu Abschnitt VI. dieses Buches mitgetheilte Beschreibung der Gratulations-Cour Bezug genommen, welche bei der Durchlauchtigsten Tochter Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Albrecht von Preussen, Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Charlotte aus Veranlassung Höchstihrer Verlobung mit Seiner Hoheit dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen am 29. December 1849 im Königlichen Schlosse zu Berlin stattfand.

Aus alter Zeit wird noch in Beilage 3 das

Ceremoniel, so bey der Verlöbniss Ihrer Königl. Hoheit des Preussischen Cron-Printzens Anno 1706 passiret

mitgetheilt.[42]

Quelle:
Stillfried-Alcántara, Rudolf von: Ceremonial-Buch für den Königlich Preußischen Hof I. - XII. Berlin 1877, S. 38-43.
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