Rückkehr ins Elternhaus.

[7] An meine Nichte Johanna!


Liebe Johanna!


Daheim! Ja, es ist ein liebes, ein süßes Wort, besonders für Dich, mein geliebtes Kind, weil es eben gleichbedeutend ist mit dem unersetzlichen Vaterhause, in dem Dir noch die treuesten Herzen, die Elternherzen, schlagen. Und doch – ich verstehe es – kommt alles Dir jetzt, wo sich die Pforte des liebgewonnenen Institutes hinter Dir geschlossen und Du für immer ins Elternhaus zurückgekehrt bist, alles neu und verändert vor, und es will gar ein leises Heimweh nach der glücklichen Stätte sich in Dir regen, die Du verlassen hast. Laß Dich dieses Gefühl nicht betrüben, fast alle, die in Deiner Lage sind, teilen es mit Dir Es entspringt einer dankbaren Gesinnung und der kindlichen Anhänglichkeit an die teuren Personen, die Du verlassen, und die es so gut mit Dir gemeint. So ist es also eher etwas, was Dich ehrt als Dich beschämt.

Gewiß wirst Du Dich daheim bald ganz glücklich fühlen. Freilich, die Kinderschuhe sind nun abgestreift,[7] und wenn Du auch wieder unter dem schützenden Dache des elterlichen Hauses weilst, so beginnt doch jetzt eine neue, eine ernstere Zeit für Dich, in der Du mit besonderem Eifer über Dich zu wachen hast. Manches ist jetzt in Deine eigene Hand gegeben, worüber früher das Auge der Mutter ausschließlich wachte.

Und nun kommst Du zu mir, Deiner alten Tante, damit ich Dir einige Anweisungen und Ratschläge für Dein jetziges Leben geben soll. Ja, da hätte ich wohl vieles zu sagen, so vieles, daß ein einziger Brief nicht dazu genügt. Aber ich kann ja auch manches mündlich ergänzen und will Dir heute nur von wenigen Eigenschaften reden, die einem jungen Mädchen Deines Alters besonders zu empfehlen sind und den Umgang mit ihm wünschenswert machen.

Ich spreche hier natürlich nicht von jenem tief innerlichen Momente, ohne den ich mir überhaupt kein Glück in einer jungen reinen Menschenseele denken kann, ich meine: die wahre Frömmigkeit. Das kann meine Absicht nicht sein, und Du hast auch bei Deiner Bitte gewiß daran nicht gedacht.

Die Charaktereigenschaften, die ich Dir anempfehlen möchte, sind wohl Ausflüsse dieser Herzensfrömmigkeit, und sie werden sich um so schöner bei Dir entfalten und äußern, je tiefer und reiner die erstere ist.

Nichts empfiehlt ein junges Mädchen so sehr als Tätigkeit, Bescheidenheit, Einfachheit und Natürlichkeit, Gefälligkeit. Da nenne ich Dir gleich viere auf einmal, und doch kommt es mir vor, als seien[8] diese vier nur eins. Noch nie habe ich eine dieser Eigenschaften vereinzelt angetroffen, stets nur im engen Bunde. Gesellt sich zu ihnen die in jeder Beziehung bewahrte Beobachtung des guten Tones, so hast Du jenes unbeschreibliche, liebliche Etwas, das alle so sehr an Deiner früh heimgegangenen Großmutter, meiner unvergeßlichen Mutter, bewunderten: die wahre weibliche Anmut.

Um meine frühere Behauptung nochmals zu belegen, mein Kind, wiederhole ich es hier: diese Anmut kann nicht gelernt werden; sie ist eben die Frucht eines frommen Herzens, der Ausdruck einer schönen Seele.

Besitzest Du diese Anmut, so verstehst Du auch die Kunst, Dich im Verkehr mit allen Mitmenschen angenehm und liebenswürdig zu machen und keinen zu verletzen. Du wirst niemanden verachten, sondern allen Achtung entgegenbringen.

Vorläufig wird Dein Umgang sich auf Deine Eltern und Geschwister, Hausgenossen, Deine Freundinnen und gelegentliche Besuche beschränken. Vielleicht führt der Winter Dich auch in größere Gesellschaften; Du zählst ja nun 18 Jahre. Doch bis dahin sehe ich Dich wieder, und ich hoffe sogar, in einem gemütlichen Stündchen beim brodelnden Teekessel Dir und Hildegard, die Dich vielleicht begleitet, aus meinen Erinnerungen erzählen zu können. Ich halte mich gerne bei ihnen auf, denn wenn mir auch Enttäuschungen und Unannehmlichkeiten nicht erspart blieben, war doch meine Kindheit und Jugend eine sonnenhelle, glückliche! Und noch heute ist sie für mich[9] eine Schatzkammer, aus der ich schöpfe, Sonnengold schöpfe, wenn die Wolken der alten Tage und der Leiden sich auf mich senken.

Auch Deine Jugendzeit, geliebtes Kind, möchte ich so gerne Dir in der bisherigen glücklichen Weise erhalten sehen. Gott gebe, daß es geschehe!


Deine alte

Tante Lisbeth.
[10]

Wenn ich nach dem Mittagmahl meine Siesta halte, bringt Brigitt, meine gute Alte, mir irgend eine Lesung aus der Mappe, die in unserem Lesekränzchen – etwa 12 Personen – die Runde macht. Und sonderbar! Heute greift sie gerade etwas, was mir als Manuskript zu meinem »Anstandsbüchlein« paßt, etwas vom Unpolitischen. So nennt Nienkemper sich, den ich unter meine Lieblingsautoren zähle. Und da kam mir über dem Lesen der Gedanke, seine Gedanken an dieser Stelle hier wiederzugeben. Ich weiß nicht, ob es ganz streng zur Sache gehört, aber mein Büchlein soll ja kein systematisches Lehrbuch werden, und wenn es euch paßt wie mir, schweift ihr ab und zu ganz gerne etwas ab ...

»Der Lebenswandel der modernen Menschen gleicht so einer Kutschpartie auf überfüllter Straße. Da heißt es fortwährend Rücksicht nehmen links und rechts, ausweichen, sich durchschlängeln mit scharfem Augenmaß, mit seinem Gefühl für die Absichten der andern, mit schnellem Entschluß und gewandter Ausführung; sonst stoßen wir hier und dort an, machen Schaden und leiden Schaden.

Das ist eine Kunst, die gelernt und geübt sein will. Auch sie gehört zur Erziehung, und es ist falsch, wenn die Eltern und Erzieher bloß auf Wissenschaft und Frömmigkeit sehen. Zur Tugend und Weisheit[11] muß man auch Klugheit und Geschicklichkeit zu fügen suchen, indem man der Jugend Sinn für Anstand, Takt, Höflichkeit und gute Lebensart beibringt.

.... Über die Mädchen braucht man kein Wort zu verlieren. Jeder weiß, wie vorteilhaft es ist, wenn zu dem guten Herzen noch gute Manieren kommen, und wie manches Lebensglück schon gescheitert ist, weil das brave Mädchen den Fehler hatte, sich nicht richtig benehmen zu können. Es sei nur nebenbei erwähnt, daß das entwickelte Takt- und Schicklichkeitsgefühl auch eine Schutzwehr gegen manche Gefahren ist.


Der höfliche Mensch zeigt sich immer bescheiden, rücksichtsvoll, freundlich, zuvorkommend, dienstbereit. Das ist nichts anderes als angewandte Nächstenliebe, die wahre Höflichkeit wurzelt in christlicher Tugend. Der Formelkram der Etikette und der Komplimente ist ein Zubehör, das Wesen der guten Lebensart ist Liebe und Demut.

Also kann ein schlechter Mensch keine gute Lebensart haben? Nur dann, wenn er sich verstellt. Ein böser Mensch achtet und liebt seine Mitmenschen nicht, wie es sich gehört; aber wenn es darauf ankommt, so stellt er sich sehr rücksichtsvoll, bescheiden und wohlwollend an. Zu Hause – ... kehrt er oft seinen wahren Charakter hervor und benimmt sich roh, gemein und grausam; aber in der Gesellschaft kann er den feinsten Kavalier, den artigsten Festgenossen, den interessantesten Plauderer spielen. Er weiß, daß er etwas zu bedecken und zu beschönigen[12] hat, und deshalb gibt er sich besondere Mühe, um durch artige Manieren zu blenden. Er will mehr scheinen, als er ist; deshalb pflegt er die Kunst des schönen Scheines.

Wird nun ein guter Mensch immer eine gute Lebensart haben? Er könnte es leicht, aber manchmal ist es dennoch nicht der Fall. Er fällt oft in das andere Extrem. Er meint es gut mit allen Leuten und meint nun auch, die Leute müßten ihn doch kennen und davon überzeugt sein. In der Einfalt seines guten Gewissens läßt er sich gehen, verachtet und vernachlässigt die hergebrachten Formen, redet frisch von der Leber weg und benimmt sich mit unbesteckter Natürlichkeit. Dabei stößt er hier und dort an, führt durch unpassende Kleinigkeiten Verstimmung herbei, kränkt durch ein gutgemeintes unbedachtes Wort empfindliche Herzen: er findet bei all seinem guten Willen kein Wohlgefallen bei den Menschen ... Der Mangel an Lebensart verschließt ihm viele wertvolle Türen, hindert ihn auch vielfach in seiner Berufslaufbahn.

Die Kunst muß sich eben mit der Tugend vereinen

Fritz Nienkemper.


Sprüche.

»Die christliche Höflichkeit ist kein leerer Schein, sie ist kein äußerlicher Zwang, sondern der naturgetreue Ausdruck eines wahrhaft edlen Herzens. Deshalb verpflichtet sie auch bloß gegen Fremde,[13] sondern keine Vertrautheit und keine Dauer des Umgangs kann von ihr entbinden, nicht einmal vor Untergebenen.«

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»Die christliche Höflichkeit ist nicht bloß eine Verschönerung des Lebens, sondern eine wahre Kunstübung. Sie ist die Blüte der Tugend, der naturgemäße Ausdruck der Selbstbeherrschung und Nächstenliebe mit allen ihren Früchten.«

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»Die Höflichkeit ist nicht bloß ein Schmuck, sondern auch ein Schutz der Tugend, eine Festungsmauer der Herzensreinheit, eine Fernhaltung vieler Gefahren, ein Stützpfeiler der Selbstachtung wie der gegenseitigen Achtung.«[14]

Quelle:
Tante Lisbeth: Anstandsbüchlein für junge Mädchen. Regensburg 4[o.J.]., S. 7-15.
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