Die äußere Erscheinung.

[15] Anstatt auf die vier liebenswerten Eigenschaften zurückzukommen, die die weibliche »Anmut« ausmachen, möchte ich über die äußere Erscheinung eines jungen Mädchens einiges sagen, um dadurch ein Bild zu erzielen, welches ihr dann mit größerer Leichtigkeit mit jenen Charakterzügen bekleiden könnt.

In der äußeren Erscheinung zeige dich stets reinlich und ordentlich. Reinlichkeit ist nicht nur eine Forderung der Gesundheitspflege, sondern auch des Anstandes.

Gesicht, Hals und Hände seien stets peinlich sauber; scheue nicht, je nachdem du eine Arbeit verrichtet, die Hände neuerdings zu waschen.

Eine besondere Sorgfalt ist auf die Fingernägel zu verwenden. Manche halten es für schön, wenn diese weit über die Fingerspitzen hinausragen; mir gefällt es nicht, schon deshalb nicht, weil es die Reinhaltung erschwert.

Niemals darfst du in Gesellschaft dich mit dieser letzteren beschäftigen.[15]

Vergiß nicht, daß eine wohlgepflegte Hand dennoch eine fleißige Hand sein kann und soll. Spuren der Arbeit entehren dich nie und nimmer.

Lege großen Wert auf deine Zähne, selbstredend, daß sie eher zweimal wie einmal im Tage geputzt werden müssen.

Nichts macht bei einem jungen Mädchen einen unangenehmeren Eindruck, als ein schlecht frisierter Kopf, umgeben von wirrem, nur in höchster Eile aufgestecktem Haar.

Sei also recht sorgsam in diesem Punkte. Die Mode ist eine strenge Gebieterin, gegen die jemand sich selten ungestraft auflehnen darf. Dennoch reicht ihre Herrschaft nicht so weit, daß alle Frisuren sich einem Muster fügen müßten.

So würde ich mich z.B. nie dazu verstehen, das Haar tief in die Stirne herabzukämmen. Wo ich dieses gesehen, hat es mir stets den Eindruck der Dummheit gemacht.

Und nun zur Kleidung, ein wichtiger Faktor der äußeren Erscheinung.

Die Kleidung hat einen doppelten Zweck: uns vor dem Einfluß der Witterung zu schützen und die Schamhaftigkeit zu bewahren.

Sorge also, daß sie diesen beiden Anforderungen stets genügt.

Dein Anzug sei einfach und sauber.

Gewiß sollst du nicht immer die neueste Mode mitmachen, jedoch ebensowenig dich absichtlich altmodisch kleiden. Beide Extreme machen lächerlich.[16]

Im Hause darfst du des Morgens, besonders wenn häusliche Arbeiten dich vielfach in Anspruch nehmen, ein sogenanntes Morgenkleid tragen.

Bei Tisch jedoch hast du stets in vollendetem Anzuge zu erscheinen.

Ich sehe junge Mädchen nicht gerne in »Morgenhäubchen«, es ist dies nach meiner Ansicht etwas, was nur älteren oder verheirateten Damen zusteht.

Die Pantoffeln gehören nur ins Schlafzimmer.

Die Schuhe seien stets sauber, nicht zu groß und nicht zu enge, da beides den Gang nachteilig beeinflußt, aus dem viele auf den Charakter einer Person schließen.

Deiner Wäsche, sowohl jener, die ins Auge fällt: Kragen, Manschetten, Taschentuch usw., wie auch jener, bei der dies nicht der Fall ist, wende große Sorgfalt zu. Ein seines Kleid und oer hlässigte Wäsche berühren immer unangenehm; ich fühle mich, wenn ich solches finde, stets versucht, die Trägerin eher nach der Wäsche als nach dem Anzuge zu beurteilen.

Sei keine Sklavin der Mode – ich jagte es schon. – Dein Kleid sei geschmackvoll und kleidsam. Gegen diese Anforderungen verstieße es zum Beispiel, wolltest du deine Kleid er mit Spitzen usw. überladen, Farben zusammenstellen, die nicht zueinander passen, oder wenn du dich in einer, deinem jugendlichen Alter nicht entsprechenden Weise kleiden wolltest.[17]

Helle Farben und Blumen sind das besondere Vorrecht der Jugend.

Ich sehe es nicht gerne, wenn junge Mädchen kostbare Schmucksachen tragen; ein einzelnes Stück, eine Vorstecknadel oder ein Armband, mag ja durchgehen; doch im allgemeinen gelte hier: Je weniger desto besser.


Intermezzo.

Vor nicht langer Zeit besuchte mich eine Bekannte aus der Residenz, die ich seit unserer Schulzeit nicht wiedergesehen hatte. Ich freute mich auf unser Wiedersehen um so mehr, da Frau B. auch ihr einziges Töchterchen mir vorstellen wollte, welches vor etwa einem halben Jahre aus einem Pensionate zurückgekehrt war. Ehe sie mit Mia in die weit entfernte Heimat im Pommernland, wo sie ein großes Gut bewohnten, zurückkehrte, sollte die Tochter bei den zahlreichen Verwandten ihre Besuche machen und kam dadurch in meine Nähe. Ob nun jede Tante und Base sich verpflichtet gefühlt hatte, das junge Mädchen mit zarter Aufmerksamkeit zu beschenken, ich weiß es nicht. Kurz, als Mia Hut, Jacke und Handschuhe ablegte, funkelten mir kostbare Haarnadeln, Spangen, Collier, ein dicke mattgoldene Uhrkette mit einem perlbesäten winzigen Ührchen, einige Vorstecknadeln, kostbare Gürtelschnallen und eine mit Ringen bedeckte Hand entgegen. Ich hatte Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken. Sicher aber glaube ich, das junge, an und für sich gar nicht üble Mädchen, hätte mir einen viel liebenswürdigeren Eindruck gemacht,[18] wenn nicht der »Schmuckladen«, den sie auf sich trug, ihre Aufmerksamkeit beständig in Anspruch genommen hätte. Bald mußte hier, bald dort befühlt, geschoben und gedreht werden. ....

Brigitt begleitete meine Gäste bis aus Gartentor und kam kopfschüttelnd und schmunzelnd zurück.

»Nun, was gibt's denn, Brigitt?«

Die Alte sah mich recht schelmisch an und meinte:

»Nee, nee, die trägt ja ein ganz Kapital am Leib – und was soll dich dann später der Bräutigam noch schenken? Der kann Kopfzerbrechens kriegen.«

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Also nur keine Überladung.

Mir gefällt es auch nicht, wenn die Uhr so getragen wird, daß sie jedem sogleich auffallen muß, es macht oft einen prahlerischen Eindruck, was doch wohl nicht beabsichtigt ist. –

In bezug auf den Stoff deiner Kleider richte dich nach deinen Verhältnissen. Gute Stoffe sind immer vorzuziehen; sie sind auch auf die Dauer die wohlfeilsten.

Wechsle die Kleidung nach den verschiedenen Gelegenheiten. Es wird dich ohne Zweifel verstimmen, wenn du merkst, nicht den Anzug zu tragen, der für die Gelegenheit angezeigt ist.

Besonders möchte ich dir raten, in der Kirche and vor allem beim Empfang der hl. Sakramente nicht in zu auffallender Toilette zu erscheinen.

Aber ebensowenig bin ich mit der Sitte jener einverstanden, die durchaus keinen Unterschied zu[19] machen wissen zwischen hohen Feier- und Sonntagen und gewöhnlichen Wochentagen. Ich habe selbst eine »Dame« gekannt, die mit besonderer Vorliebe an Sonntagen ihre »schlechten« Kleider trug. Ich finde das mehr wie abgeschmackt. Sonn- und Feiertage sind die besonderen Tage des Herrn, und es geziemt uns, an solchen unsere ehrfurchtsvolle Gesinnung auch durch unsere äußere Erscheinung zu bekunden.

Welchen Anzug du bei anderen Gelegenheiten zu wählen hast, wirst du in später folgenden Abschnitten erfahren.

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Quelle:
Tante Lisbeth: Anstandsbüchlein für junge Mädchen. Regensburg 4[o.J.]., S. 15-21.
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