VII. Ancona und Nördlingen.

[125] In den ersten Tagen des Oktober wurde die Reise nach Ancona angetreten. Es ging über Mantua nach Borgoforte, wo der Prinz mit seinem Gefolge zwei reich verzierte Schiffe auf dem Po bestieg, welche von Booten, jedes mit zehn Ruderern besetzt, gezogen wurden. Man fuhr die Nacht durch und noch erinnere ich mich des angenehmen Schlafens auf guten Matratzen bei dem sanft schaukelnden Wellenschlage des Stromes. Glücklicherweise gab es damals noch keine Dampfschiffe, sonst hätten wir nicht so gut geschlafen.

Von Ferrara an wurde die Reise wieder zu Land fortgesetzt. Ich fand den Weg am adriatischen Meere hin sehr abwechselnd und reizend. In Rimini sah ich zum erstenmale einen Hafen und die offene See, und zwar bei herrlichem Sonnenuntergang und sehr bewegtem Meere. Pfeilschnell flogen die Schiffe, um noch vor Einbruch der Nacht in den Hafen einzulaufen. Alles versetzte mich in Begeisterung und erregte in mir das größte Interesse. Ich athmete jetzt wieder freier und schüttelte meinen Kummer nach und nach ab. Der Vicekönig reiste nicht incognito, weßhalb er allerorten mit den ihm gebührenden Ehrenbezeigungen empfangen wurde.

Einen erhebenden Eindruck gewährte mir der Anblick des Hafens von Ancona und der originellen Stadt, welche ihn im Halbkreis umschließt, an einer Anhöhe sich erhebt und oben[125] von einem sehr schönen Dome geziert ist. Auf anderen noch höheren Punkten befinden sich Befestigungen, welche dem ganzen Bilde etwas Ernstes aufprägen.

In Ancona verweilte der Prinz vierzehn Tage, er bewohnte den dicht an der See gelegenen Palast des Marquese Triumfi. Ich bekam in ihm ein Zimmer im zweiten Stocke mit der Aussicht auf das Meer und den Hafen, was mich unendlich glücklich machte.

Eine neu ausgerüstete Kriegsflottille lag im Hafen vor Anker. Die Schiffe waren in einer gewissen Ordnung aufgestellt, und ihre vielen Masten, Taue und Takelwerk erinnerten an Spinnengewebe. Bei der Ankunft des Vicekönigs flatterten auf den ersten Kanonenschuß sämmtliche Segel, Flaggen und Wimpel, wie durch ein Zauberwort hervorgerufen, buntfarbig im tiefen Blau des Himmels, und von den Schiffen donnerte das Geschütz, daß Stadt und Gebirge das Echo zurückwarfen. Hierauf wurden die vorzüglicheren Schiffe inspicirt, wobei mich am meisten die innere Einrichtung und die auf ihnen herrschende Ordnung in Anspruch nahmen. Einige Tage später lief der Vicekönig mit der Flottille aus bei sehr unruhiger See, um an der dalmatischen Küste zu kreuzen. Mir machte es das größte Vergnügen, die Schiffe auf den Wellen gleichsam tanzen zu sehen, und das um so mehr, als die Seekrankheit spurlos an mir vorüberging, während andere aus dem Gefolge arg von ihr mitgenommen wurden. Ich aß mit Appetit, war immer in Bewegung und ließ mich von den Seeleuten über dies und das belehren.

Ueberhaupt führte ich in Ancona ein sehr bewegtes Leben, stieg auf den umliegenden Bergen herum, suchte die schönen Punkte auf und machte einen kleinen Ausflug nach dem bekannten Wallfahrtsort Loretto. Leider konnte ich blos einen Tag auf diese Parthie verwenden.

Gegen das Ende des Aufenthalts in Ancona bat ich um Urlaub, um den Winter in Rom zuzubringen. Ich erhielt ihn, und wer war glücklicher als ich. Hinreichend mit Geld versehen, voll Drang, in ein neues Kunsttreiben zu kommen und[126] an den Erinnerungen einer großen Vergangenheit mich zu erbauen, erwartete ich mit Ungeduld den Augenblick der Abreise. Aber dieses Glück sollte mir nicht beschieden sein. Die frohen Tage von Ancona endeten für mich sehr betrübend. Ich wurde von dem kalten Fieber gleich so heftig befallen, daß Assalini, der Leibarzt des Prinzen, abrieth, mich in diesem Zustande nach Rom gehen zu lassen. Mit einigen andern Fieberkranken (darunter der Mameluk Hakem) wurde ich in einen guten Wagen gepackt und nach Mailand geschleppt. Wir standen auf der Reise unter ärztlicher Behandlung und Aufsicht. Meine schönsten Hoffnungen sah ich nun auf längere Zeit vereitelt. Mailand und das kalte Fieber dazu – das war eine saubere Situation für mich. Es ist eigenthümlich, daß ich mich in dieser Stadt immer unbehaglich fühlte und stets heiterer und glücklicher wurde, wenn ich sie im Rücken hatte. Einige Wochen hielt ich noch dort aus. Mein Fieber war nicht geheilt, aber ein wenig gemindert. Indessen verfiel ich in eine so üble finstere Stimmung, daß ich unter dem Vorwande, Familienangelegenheiten ordnen zu müssen, um Urlaub nach München bat und trotz meines Zustandes im November bei schlechtem Wetter die Reise antrat. Vieles zu meiner trüben Stimmung mag das Verhältniß beigetragen haben, in welchem ich zu einem Wesen stand, bei dem mein Herz in einen peinlichen Conflikt mit der Vernunft und meinen Grundsätzen gerieth. Ich hatte mir selbst zu viel zugemuthet. Bisweilen unterliegt das Herz der Tyrannei der Vernunft, wenigstens kommt es in einen kränkelnden Zustand. In diesem Falle war ich. Nach einer nicht sehr angenehmen Reise von zwölf Tagen, während welcher ich öfters Fieberanfälle hatte, kam ich glücklich in München an, verweilte aber daselbst nur wenige Tage. Ich sehnte mich nach einer ordentlichen Pflege, welche ich in Augsburg in dem Hause Beyschlags fand. Hier fühlte ich mich, umgeben von lieben, vielerprobten Freunden, sehr behaglich; aber das Fieber trat, sobald ich recht in die Ruhe kam, wieder sehr heftig auf. Man ließ einen Medicinalrath rufen, der als Autorität galt. Ich erklärte ihm aber von vornherein, daß ich kein China mehr nehme, ich hätte seit der[127] Abreise von Ancona so viel von diesem Medikament ohne Erfolg verschluckt, daß ich nichts mehr davon wissen wolle. Allein nachdem er mich acht Tage mit, ich weiß nicht was, behandelt, sagte er mit wichtiger Miene: »Jetzt müssen wir eben doch zur China schreiten.« Das Recept wurde in die Apotheke geschickt und es kam ein großer Pack Chinapulver, welches elf Gulden kostete. Das war mir zu viel, ich verschenkte diesen Schatz, packte zusammen und reiste mit meiner Mutter, welche auf Besuch nach Augsburg gekommen war, im Januar 1811 nach Nördlingen mit dem Vorsatze, dort abzuwarten, bis ich vollkommen hergestellt sei, oder an dem Orte, wo ich geboren, zu sterben.

In einer kleinen Provinzialstadt, die, wie Nördlingen damals, ganz den Charakter einer freien Reichsstadt trug, ist ein Mann, der etwas gesehen und erlebt und eine so auffallende Carrière gemacht hat, eine hervorstechende Erscheinung. Es konnte darum nicht fehlen, daß mir viele Aufmerksamkeiten erwiesen wurden, die freilich auch lästig werden können, im Ganzen aber doch etwas Ermunterndes haben. Als ein blutarmer Junge hatte ich vor sechs Jahren meine Vaterstadt verlassen und kam nun als eine angesehene Persönlichkeit zurück. Dieser Umstand gereichte indessen meiner Börse zum Nachtheil. Ich hatte zwar meine armen, in großer Dürftigkeit lebenden Eltern seit Jahren unterstützt, allein wer von früher her eine Forderung zu machen hatte, belästigte sie jetzt doppelt mit ungestümen Mahnungen, und um ihnen Ruhe zu schaffen, zahlte ich Schulden, welche meinen Seckel bald erleichterten. Es gab übrigens in meiner Vaterstadt einige sehr angenehme und gebildete Familien, in deren Umgang ich mich recht heimisch fühlte. Besonders ging man in einem Hause ganz aus dem kleinstädtischen Tone heraus: Kunst, Musik und Litteratur hatten dort eine warme Pflege gefunden durch die Frau des Hauses und ihre beiden gebildeten Töchter. Ich erfreute mich auch hier wieder der besonderen Gunst der Damen. Sie trugen dazu bei, mich manches Trübe vergessen zu machen und bereiteten durch ihren Umgang mir viele genußreiche Stunden, die ich noch in dankbarem Andenken bewahre.[128]

Mein Fieber zeigte sich sehr hartnäckig, ich schleppte mich sieben Monate damit herum. Ich nahm meine Zuflucht zu einem braven Arzte, der mich von früher Jugend an kannte, aber nach einer dreimonatlichen Behandlung nichts ausrichten konnte. Ich mußte viel Opium schlucken, welches mich zwar in sehr lebhafte Träume versetzte, aber nicht vom Fieber befreite. Endlich gab ich den Bitten meines Vaters nach und unterzog mich der Behandlung eines Doktors, welcher bei den höhern Ständen als eine Art Quacksalber galt, bisweilen aber doch Wunderkuren machte. Dieser Mann nun, der viel Originelles in seiner äußern Erscheinung wie in seinem Charakter hatte und gescheidter war als er aussah, befreite mich innerhalb vier Wochen so vollkommen von meinem Fieber, daß ich mein früheres blühendes Aussehen wieder vollkommen erhielt und ohne Bedenken zur Rückreise nach Italien mich anschicken konnte.

Bevor ich Nördlingen verließ, versorgte ich eine jüngere Schwester noch in einem Pensionate und that für meine armen Eltern, was ein ordentlicher Sohn thun soll, aber von der mitgebrachten Summe blieb mir gerade noch so viel, um anständig die Rückreise für mich und meinen Bruder Heinrich, den ich von München nach Mailand mitnahm, bestreiten zu können. Das kümmerte mich aber gar nicht sehr, denn obgleich ich frühzeitig den Werth des Geldes schätzen gelernt hatte, so legte ich doch auf den Besitz desselben nie zu großes Gewicht. Das Bewußtsein, meinen Eltern durch meinen viermonatlichen Aufenthalt eine leidlich angenehme Lage verschafft zu haben, lohnte mich reichlich.[129]

Quelle:
Adam, Albrecht: Aus dem Leben eines Schlachtenmalers. Stuttgart 1886, S. 125-130.
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