Aquarell, Gouache.

[118] Ich habe stets betont, daß die einzelne Art der Ausführung in der Malerei niemals Selbstzweck sein soll, sondern nur ein Mittel, um Erscheinungen aus der Natur, die man künstlerisch zu verwerten denkt, zum Ausdruck zu bringen.

Um eine künstlerische Wirkung in irgend einer Malerei zu erreichen, ist deshalb das Streben nach Richtigkeit der wiederzugebenden Natur als erster Zweck ins Auge zu fassen.

Man soll die Werke unserer bedeutendsten Künstler studieren; in ihre Gedanken hineinzudringen versuchen, ebenso die Art ihrer Handschrift kennen lernen; aber man soll sie nicht imitieren.

In den eigenen Arbeiten soll man auch die eigene Behandlung anstreben und sich nicht entmutigen lassen, wenn die ersten Zeiten zufriedenstellende Resultate nicht aufweisen; ist doch das ganze Leben des Künstlers dem ewigen Wechsel des Suchens und Findens und neuem Suchen geweiht.

[119] Wie von der Ölmalerei bereits gesagt ist, ist sie als Technik für die anderen Arten zu malen als maßgebend anzusehen.

Auch in dem Aquarellieren ist das Prinzip zu befolgen: je frischer, unmittelbarer die Farben hingesetzt sind, desto größer wird der Eindruck sein. Das eigentliche prima Malen (naß in naß), wie bei Öl, ist aber im Aquarell nicht so leicht anwendbar, weil das Wasser schneller trocknet, und wenn auch das Papier künstlich naß erhalten wird, die Farben ineinanderlaufen. Dazu kommt noch bei dem richtigen Aquarell das Fehlen von Weiß für Aufhellungen von zu dunkel geratenen Tonwerten; ebenso wird auch das höchste Licht nicht durch Aufsetzen von Weiß erreicht, sondern durch das Stehenlassen des weißen Papiertons.

Aus all diesen Gründen ist ein öfteres Übergehen der Farben, wie es beim Ölmalen ist, nicht immer möglich – eben nur in die größere Tiefe hinein. Daher ist eine größere Sicherheit im Erfassen der Formen und der Tonwerte absolut notwendig, um eine Aquarellmalerei gut zustande bringen zu können.

Um die Fehler der falsch angebrachten Tonwerte zu umgehen, wird meistens geraten, das Aquarell gewissermaßen aus hellen Tönen zu präparieren und allmählich in die Mitteltöne überzugehen, und dann die tieferen Töne dunkler zu färben, bis man am Schluß die größten Dunkelheiten einsetzt.

Dieses ist ein Schema, mit welchem man so für den Hausgebrauch recht angenehme Resultate wird erreichen können; ich für mein Teil bin dennoch mehr dafür, dem Temperament nachzugeben und auch im Aquarell zu versuchen, sogleich die Tonwerte in ihrer richtigen Form und in ihrer richtigen Stärke hinzusetzen.

Sollte es selbstverständlich am Anfang mißglücken, so lernt man doch durch die Arbeit und durch jeden neuen Versuch, und am Ende muß man doch die Sicherheit erlangen, die richtigen Farbflecke nebeneinanderzusetzen.

Eine derartig zu Ende geführte Arbeit wird einen weit größeren Kunstwert, eben vermöge ihrer einfachen Mittel, aufweisen, [120] als eine auf jene erste Art ausgeklügelte und allmählich zurechtgeflickte Rezeptmalerei.

Das reine Aquarell mit strengster Vermeidung der weißen Farbe wird heutzutage wenig mehr geübt; es war in der Mode in den sechziger und siebziger Jahren von 1800. Namentlich die Engländer hatten darin eine große Vollkommenheit erreicht.

Wir ziehen das Gouache vor.

Diese Art Malerei verwendet mit den Aquarellfarben zusammen das Deckweiß. Dieses wird überall hineingemischt, wodurch ein derartiges Bild einen kreidigen, trockenen Charakter erhält. Es ist glanzlos und ist zu seiner Beurteilung von keinem Seitenlicht abhängig, wie es hauptsächlich die Ölmalerei ist.

Die Art zu malen und die Farben aufzusetzen ist genau wie bei den Ölfarben, nur fällt das Naß-in-Naß-Malen vollständig fort. Man kann über das Troc kene hinübergehen, so viel es notwendig erscheint; vermöge des trockenen Aussehens fällt die Notwendigkeit, aus einem Guß zu malen, vollständig fort.

Die großartigsten Leistungen in dieser Gouachemalerei hat Menzel vollbracht, sowohl in handgroßen Miniaturbildern, als auch in lebensgroßen Studien von Händen und anderen Teilen des menschlichen Körpers. Mir selbst ist eine seiner eigenen Hände, die Tuschschale haltend, als eines der größten Meisterwerke aus unserer Zeit immer in Erinnerung geblieben.

Quelle:
Corinth, Lovis: Das Erlernen der Malerei. Berlin: Bruno Cassirer, 1920, S. 118-123.
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