Zweiter Teil
Werden

Diese Fortsetzung schreibe ich, da ich an mein 60. Jahr unheimlich schnell heranrücke: Es kommt mir aber alles so gegenwärtig vor, als ob ich die Zeit erst gestern und vorgestern durchlebt hätte.

Ich ging also aus der Sekunda B mit dem Zeugnis für das Einjährigen-Examen ab. Leider muß ich gestehen, daß ich und die Lehrer uns sehr freuten, einander aus dem Gesichtsfeld zu kommen. Mein Vater war vielleicht der einzige, dessen Ziel mißlungen war, aus mir einen »Studierten« zu machen. So ging ich denn eiligst nach der Akademie in der Königstraße, um mich dort als Schüler anzumelden. Es fiel gerade Ostern mein Lebensberuf auf den Maler, denn fast jeden Monat hatte ich eine andere Leidenschaft, mein Leben einzurichten: Soldat, Matrose, vor allem Landwirt wechselten in buntem Reigen und heute wollte es das Schicksal, daß ich Maler werden wollte. Bei diesem Berufe verharrte ich nun treu und niemals wollte ich es bereuen. Es wäre denn der Jammer, welcher über jeden Künstler fällt, wenn er Leben und Kunst als verfehlt ansieht und über die Stärke seines Talentes Zweifel hegt.[67]

Die Akademie war jedem Königsberger vom Aussehen bekannt, ein viereckiger, mit Bronze beschlagener Schornstein ragte vor dem Biedermeier-Hause in die Luft und ein schöner lateinischer Vers stand über dem Gesims, daß dieses Gebäude zur Erziehung von jungen Künstlern gegründet wäre. Aber über das Tun der Maler waren die guten Königsberger ebensowenig instruiert, wie etwa über die Freimaurer, von denen sie glaubten, daß diese alle eines schönen Tages vom Satan geholt würden und zur Hölle abführen wie der Teufel mit dem Doktor Faust. Ich wußte über die Malerei nicht mehr als mystische Geschichten, welche mir die Tante erzählt hatte. Auch ein Schulfreund hatte mich schon einigermaßen bekannt gemacht mit Namen, Berühmtheiten, die aber für mich ein leerer Schall blieben.

Ich sah einen alten verwilderten Herrn mit breitkrämpigem Hut, weißem Schnurrbart, »Sanft-Jacke« und fliegender Kravatte über den Schloßberg eilen. Das sollte der frühere Direktor der Akademie sein. Er hieß Rosenfelder. Ich hatte sein großes Bild im Bildermuseum bewundert: Die Übergabe der Marienburg. In der Geschichte war ich gut bewandert und dieses Bild konnte ich nicht genug bewundern. Solche Bilder möchte ich malen: Harnische, wallende Mäntel, sammetne Draperien und namentlich, wie der Hochmeister in geäderter Hand den Festungsschlüssel hält. Das waren meine Motive um das Jahr 1876. Ein Kunsthistoriker würde darüber in seinen Heften notieren, daß die Historienmalerei zu jener Zeit am höchsten bewertet wurde und Wilhelm von Kaulbach, der Direktor der Münchener Akademie, als würdiger Nachfolger der Nazarener zu schätzen sei. Mit diesen schwachen Kenntnissen trat ich dann mit einigen Zeichnungen unter dem Arm aus dem[68] Gymnasium in die Akademie in das Atelier ein, wohin man mich gewiesen hatte, daß dort die Aufnahme stattfinden sollte.

Der fremde, vornehme Herr war der Professor Max Schmidt. Sein Bild war in der Stadt sehr berühmt, welches ein Waldbild mit einem stehenden Hirsche darin darstellte. Ich machte meine Referenz so gut es ging, stammelte meinen Wunsch vor und zeigte ihm meine Zeichnungen. Er ging alles durch und fand alles recht begabt. Nachdem er über meine pekuniären Mittel orientiert war, wurde der Herr schon weit gesprächiger, denn von jeher ist es immer besser gewesen, die Zeiten des Studiums wenigstens ohne Sorgen vor Geldmangel überstehen zu können.

Ich kam in die Kopierklasse, wo ich Vorlegeblätter nach »Julien« nachzeichnen sollte. Die höchste Kunst schien, und man hielt den für sehr begabt, welcher eine Kriehuber'sche Lithographie überwunden hatte. Der Lehrer meiner Klasse war der Kupferstecher Trossin. Sein Lieblingswort war: »Nicht zu pechig«, wenn die Vorlage zu schwarz mit der Kreide abschattiert war. Der alte Trossin gehörte noch zu den ganz Alten, er galt als sehr angesehener Kupferstecher, sogar einen russischen Orden sollte er aufweisen können. Die Mater dolorosa von Guido Reni hatte er gestochen und die Sage ging, daß er nur an dem Halse im Berliner Museum viele Monate gezeichnet haben sollte. Ich sah ihn noch später in München und dann später in Berlin, wo wir uns in Künstlervereinen trafen, und er über das Porträt meines Vaters ebenso entsetzt gewesen war, wie viele andere Kunstgenossen. Aber doch kam immer der gute, liebenswürdige alte Herr zum Vorschein. Ein jüngerer war der Professor Heydeck. Er korrigierte in der Gipsklasse und in der Modellklasse, sonst Malschule genannt. Heydeck war ein[69] naiver Streber. Aus Memel gebürtig, war er stark mit dem scheinheiligen litauischen Charakter seines Geburtslandes versetzt. Er hatte die Tochter des Direktor Rosenfelder geheiratet und kraft dieses Nepotismus hatte er die Würde des Inspektors bekommen, mit welchem Amt eine prachtvolle, schöne Wohnung mit Garten und allem möglichen Zubehör verbunden war. Er lehrte außer den Korrekturen in den beiden Ateliers die Perspektive. Dieses Studium der Perspektive war ein sehr wichtiges Fach, denn die Akademie hatte nebenbei das Recht, die Reife für das Zeichenlehrerfach auszugeben. In der ganzen Zeit, wo ich in der Akademie war, war sie deshalb viel von Elementarlehrern besucht. Die Lehrer wollten durch das Examen der Gipsklasse, ferner durch die Examina in der Perspektive und in der Anatomie eine höhere Stellung erringen, als es sonst in ihrem Fache möglich war.

Nach dem überstandenen Examen hatte ein Lehrer die Königsberger Akademie als zu schwächlich und korruptionslüstern in einer Zeitung denunziert. In der Tat verband ein Lehrer aus Bromberg zugleich mit seinem Studium eine Brunnenkur auf Anraten seines Arztes. Inzwischen arbeitete ein junger, armer Akademiker an seiner jungfräulichen Diana und so blieben ihm nur die mechanischen Fächer übrig, welche er glaubte, leicht überwinden zu können. So setzten bereits die kleinen Intriguen ein, die auch in dem heiteren und harmlosen Künstlervölkchen in der ostpreußischen Residenz üblich werden sollten. Wir zahlten drei Taler vierteljährliches Honorar und hatten dafür alles: Heizung, Handtücher, und die Bilderschüler sogar ein schönes Atelier. Ferner war für alle Akademiker einen Monat vor den großen Ferien Zeichnen und Malen nach der Natur. Zu diesem Zweck zog man an einen angenehmen[70] Ort der Umgebung Königsbergs, wenn er besonders mit einem Park oder nahem Walde verbunden war. Ein reicher Spender hatte den Malern und jungen Schülern das Mittagessen geschenkt und viele arme Schlucker lebten in diesem Monat angenehmer, als in den übrigen Zeiten des Jahres. Zu Weihnachten waren dann Stiftungen ausgesetzt für Arbeiten guter Studienköpfe, Aktzeichnungen, landschaftliche Zeichnungen und sogar für den Ankauf von Ölbildern jüngster Künstler. Diese Erwerbungen nannten wir zum Scherz »die Suppe«, weil, nachdem die Schulden notdürftig bezahlt waren, nur für einen Teller Suppe übrig blieb. Ich selbst hatte einmal so viele Prämien eingeheimst, daß meine Freunde sogar Austern essen durften, so viel sie wollten. Ich mußte nun immer an die eine Auster denken, von welcher meine Tante einstmals so viel erzählt hatte.

Als ich nach der Gipsklasse versetzt war, wurde auch ein neuer Lehrer für dieses Atelier angestellt. Er hieß Otto Günther, kam aus Weimar und war in Königsberg schon von der letzten Ausstellung im Moskoviter Saale rühmlichst bekannt. Es hieß: »Der Witwer«. Die Methode des Knaus und Vautier pflegte er. Zu jener Zeit war diese Manier gar sehr geachtet. Jedenfalls regte Günther uns vielfach an. Er gründete einen jüngeren Künstlerverein, der verbunden war mit einem Kompositionsabend und reizte uns, Reisen nach Berlin und sogar nach Thüringen zu machen. Mir persönlich hat Günther künstlerisch Anregungen gegeben, welche für mein vollkommen naives Gehirn leicht zu erfassen möglich waren. Diese Zeit war die schönste meiner Jugend: Frei von allem Schulzwang, eine anständige Wohnung bei meinem Vater und gleichgesinnte Freunde. Wir waren alle stark und jung. Ich muß vorausschicken, daß zu jener Zeit der Genuß alkoholischer Getränke[71] denkbar am höchsten gestiegen war und nun gar in meiner Heimat, wo der ostpreußische Maitrank weltberühmt war. Kein Student und kein Soldat konnte in den Augen seiner Mitmenschen für tüchtig gelten, wenn er nicht auch ein berüchtigter Trinker war. Diese Trunksucht wurde bald von uns zu großer Meisterschaft gebracht.

Kohnert, Minzloff und alle meine neu gewonnenen Freunde tranken und betranken sich, daß wir nicht unterscheiden konnten, wer von uns allen am meisten leisten konnte. Viele, die ich nur vom Hörensagen kannte, z.B. Borries und ein Pillauer, dessen Namen ich vergessen habe, entgleisten durch dieses Laster schon sehr früh und starben als Jünglinge, ohne daß ein Hahn nach ihnen gekräht hätte. Der Hauptgrund dieser Entgleisung war ihre geringe Schulbildung und ihre zu große Armut. Alle waren Stubenmaler gewesen. Der Alkohol hatte bei ihnen offene Tür, und wenn sie kein Geld hatten zu Grogg oder Schnaps, so nahmen sie auch mit Brennspiritus vorlieb, welchen sie auf der Bude ihrer Freunde stibitzten, und so hatten sie die paar Jahre eine traurige Berühmtheit für unsere Akademie erlangt.

Ich will mich nicht besser machen, als ich war. Ich habe alle Phasen kennengelernt, in den Dörfern, bei den Bauern, bei den Fischern; überall, wo es einen guten Tropfen gab, war ich mit meinen Freunden wohl gelitten und recht beliebt. Mit Kohnert und Minzloff zogen wir dahin, wo Kohnert in seinen früheren Studienzeiten Land und Leute kennengelernt hatte; manches Mal wurde der Besuch auch bei einer früheren Liebsten ausgedehnt. Denn unser Freund war der schönste Jüngling, den ich je gesehen hatte, und sehr beliebt bei den Damen. So waren wir eines schönen Morgens nach Wargen und Preil gegangen. Baumpartien[72] mit der rückwärts liegenden Kirchenspitze spiegelten sich in einem herrlichen blanken Binnensee. Wir hatten daselbst Bekanntschaft mit den Bauern, hauptsächlich war der Don Juan des Dorfes »Buchholz« unser beliebtester Freund und wohlerfahren und wohlbeschlagen bei den Töchtern des Landes. Tagsüber trieben wir uns dort herum, dann kamen wir zu viert, die Schlorren voll, nach Königsberg zurück und mußten uns da in einer unserer vielen Stammkneipen stärken.

Da es ein kalter Wintertag war, so genügte nicht die eine Kneipe. Wir hatten es bald heraus, daß auf einem Bein nicht gut stehen war und so kippten wir so lange, bis alle guten Dinge drei waren.

Zuletzt endeten wir in der Gambrinushalle in der Loebenichts'schen Tuchmacherstraße. Dieses Lokal genoß einen großen Ruf unter den zweifelhaften Gastwirtschaften Königsbergs. Tingeltangel blühte dort in schönster Art. Natürlich gehörten wir zu den besten Stammgästen des Wirtes. Der Wirt verbeugte sich stets sehr devot vor uns. Deshalb schien es uns leicht, auch in dem heutigen Zustande den Abend recht amüsant dort verbringen zu können. Wie erstaunt waren wir aber, als der Kassierer uns kurzerhand den Schalter der Kasse herunterschlug und uns anranzte: »Betrunkenen ist der Eintritt verboten«! Vorerst konnten wir es nicht fassen; da der dicke Wirt ganz in der Nähe war, so lief ich schnell zu ihm hin, um mich zu beklagen. Der Wirt brummte nur was von »Dummen besoffenen Jungens« in den Bart und das empörte mich so sehr, daß ich gegen seinen Bauch ansprang. Allmählich wurde dieser Streit zum regelrechten Aufruhr, Schauspieler eilten hinzu und fragten, was los sei? Die Kellnerinnen drängten sich heran, schließlich kam der Schutzmann, der wohlwollend begütigen wollte:[73] »Meine Herren entfernen Sie sich ruhig« rief er begütigend. Aber er hatte gut reden, wo wir bis aufs Äußerste beleidigt waren; zwar der Dorfbewohner und Minzloff hatten sich schon lange gedrückt und betrachteten sich den Trubel von der Straße aus. Aber Kohnert und ich hielten unentwegt aus, und ich rechnete es dem Kohnert hoch an, daß er treu zu mir hielt.

Als gar ein Stift noch herankam, der auf mich von lange her Rache hegte, faßte er mich meuchlerisch von hinten. Er erhielt aber einen Hieb, daß er auf die Straße flog. Nun stieg der Sturm auf das Äußerste. Auf der Straße hatte sich viel Volk angesammelt, denn der ganze Krawall hatte sich vom Innern des Restaurants durch das Drängen und Drücken allmählich vor der Haustüre abzuspielen begonnen. Der Schutzmann ließ die Wache von dem Schloß herholen. Da kam uns endlich die Idee, daß wir doch zu weit gegangen wären. Wir wollten beide ausreißen, aber da legte sich der Schutzmann dazwischen: »Nein! nun ist es zu spät«, sagte er »Sie sind arretiert«. Die drei Mann von der Wache umgaben uns und bald ging es von der Gambrinushalle fort, den »Schiefen Berg« herauf zur Französischen Straße und zur Junkerstraße nach dem Polizeigebäude. »Nach No. 8«. Es schien mir am klügsten, indem ich es auch zu Kohnert sagte: »Nur nichts gegen die Polizei«! Ein Bürger kam des Weges daher und traf auf den Schwarm. Bald fühlte er sich gemüßigt, der Staatsgewalt zu helfen und berührte Kohnert, trotzdem es doch nicht nötig war. Dieser warf den Helfer in den Rinnstein, daß er die Viere von sich streckte. Die kurze Strecke bis nach No. 8 war unsere Begleitung zu einem ganzen Heere angelaufen: Soldaten, der Schutzmann und wir wurden in das bekannte Tor hineingeschoben.[74] Die augenblickliche Ruhe der Korridore war beinahe wohltuend. Immer weiter wurden wir vorgeschoben bis zu einem letzten Tor, welches der Schließer aufriegelte. Ein winziger Hof lag vor mir. Da ich noch von dem Vorhergegangenen zu erfüllt gewesen war, vielleicht auch nicht schnell genug vorging, fühlte ich, daß mich jemand ins Genick faßte und dann mich mit aller Wucht vorwärts in den Hof stieß. Da ergriff mich die Wut! Ich stellte mich an dem Bretterzaun zur Wehr und als die Leute gegen mich angingen, schlug ich den ersten Besten zur Erde. Inzwischen sah ich meinen Freund seinen Wächtern entwischen, aber sie holten ihn bald ein. Ich selbst hatte beinahe Schadenfreude, daß sie ihn wieder hatten. Inzwischen hieb ich nach Herzenslust auf meine Angreifer und rief dazu und zwar so laut ich es vermochte: »Nur dem Schutzmann ergebe ich mich«. Der Schutzmann, welcher dem Frieden nicht recht traute, rief mir von der Ferne zu, doch vernünftig zu sein. Schließlich wagte er sich doch heran und ich ergab mich ihm. Unter Hallo zerrten mich alle in ein kleines Zimmer, wo friedlich eine Petroleumlampe auf dem Tisch brannte. Sie beschien einen weißen Kachelofen. Mit diesem sollte ich bald Bekanntschaft machen. Irgend jemand stieß mich mit dem Kopf in aller Wucht gegen die porzellanenen Kacheln. Ich war betäubt und sah Männer ihre Augen voll Haß auf mich richten und hörte wilde Flüche gegen mich ausstoßen. Von hinten wurde ich festgehalten, und gesichert stießen alle Verhöhnungen gegen mich aus: »Kick doch moal, wie hei glupt?« Sie streckten ihre Finger aus, ganz nahe vor meinen Augen. Da glaubte ich, Jesus Christus zu sein, wie er von den Kriegsknechten verhöhnt wurde. Ich sah alle der Reihe nach an und starrte sie solange an, daß sie fast verlegen wurden.[75] Jedoch nicht zu lange, da lag ich schon wieder auf dem Boden und ein unheimliches Gespinst verstrickte mich und drohte mich zu ersticken. Was mochte es nur sein? Es lag ganz eng um meine Glieder. Stockfinster war es um mich und ich fühlte, wie mich Stiefel und Beine auf das Gemeinste traten und stießen. Endlich schienen die Peiniger sich ausgetobt zu haben. Ich fühlte, wie man mich auf die Füße stellte. Ich stöhnte und wand mich vor Wut und war hauptsächlich neugierig vor dem Unbekannten, womit man mich umstrickt hatte. Da fühlte ich, daß etwas vorsichtig von meinem Leibe herabzog und endlich erblickte ich die Petroleumlampe mit ihrem friedlichen Schimmer. An eine Widersetzung dachte ich meinerseits nun natürlich nicht mehr. Nur neugierig war ich, was das Rätselhafte gewesen sein konnte. Da schaute ich dicht vor mir einen höhnischen Mann, welcher einen leeren Sack mit den Händen hielt. Dreißig Augen blitzten mir höhnisch entgegen und gehässig fletschten sie: »Nu wat hei doch genog heewe«.

Also die Bande hatte mich in einen Sack gesteckt. Dann hielt man mir wieder irgendetwas vor mit dem suggestiven Wollen, hineinzuschlüpfen. Instinktiv gehorchte ich und die Hände versenkten sich immer tiefer und tiefer. Die langen Ärmel verknoteten sie auf dem Rücken. Eine Zwangsjacke! durchfuhr es mich. Vollständig wehrlos war es mir ganz gleichgültig, wohin die Kerls mich führen wollten. Es ging auf einen Korridor in einen stockfinsteren Gang. Wir kamen in einen zementierten Raum ohne alle Fenster, wo man die Hand vor Augen nicht sah. Man warf mich auf den harten Boden und man zog mir zum Überfluß noch die Stiefel aus. Alsdann wurde ich einfach weiter gerollt wie ein Stück Holz. Aber ich blieb steif und fest liegen, wenn ich auch Anstrengungen[76] machte, mich aufzurichten. Das schienen die Vorteile einer Zwangsjacke zu sein, bewegungslos zu verharren und sich nicht rühren zu können. Wenn man mich in diesem schwarzen Raume vergessen, oder gar sterben lassen sollte! Ich bekam es mit der Angst; noch eine letzte Anstrengung, aber die Ärmel auf dem Rücken rückten und rührten sich nicht. Ich blieb wie ein Klotz liegen. Ich stöhnte und bejammerte mich. Ein kirchliches Lied fiel mir ein und ich sang: »Wer nur den lieben Gott läßt walten«. Ob ich nachher etwas geschlafen hatte, entzieht sich meinem Gedächtnis. Ich hörte aber Schlüsselrasseln, und derselbe Schutzmann, welcher mich arretiert hatte, befreite mich mit einem anderen Polizisten von den Fesseln. Dann brachten mich beide an die frische Luft. Der Schutzmann versuchte mich im dunklen Morgengrauen zu rühren und hielt mir mein Unrecht vor die Nase. Aber ich blieb verstockt. Nur noch mehr tauchte, wenn ich an die Mißhandlungen dachte, meine Wut auf und ich glaubte beinahe, daß der Schutzmann vielleicht aus Furcht, daß ich ihn anzeigen wollte, mir um den Bart ging und sich Liebkind bei mir machen wollte. Dann wurde ich in einen anderen Raum gebracht, wo schon übernächtigte Männer und Frauen auf den Pritschen herumlagen. Ich warf mich ebenfalls auf so ein hartes Bett. Nachdem ich etwas gedämmert hatte, schien mein entschwundener Freund Kohnert, ebenfalls von einem Polizisten geführt, vor mich hinzutreten. Ich sah ihn solange an, bis ich überzeugt war, daß ich nicht träumte. Seine Augen waren blutunterlaufen, die Lippen geschwollen, das Gesicht zerkratzt: Wie mag ich denn zuerst aussehen, wenn seine Schönheit nicht stichhalten konnte? Er sprach nichts, nur neugierig war ich immerhin, wohin er denn so schnell fortgelaufen sei, als man über mich loszog. »Er wäre[77] eine Treppe hinaufgelaufen«. Die Soldaten waren ihm nachgestürzt, ergriffen ihn, als er sich an dem Geländer festkrallte, rissen ihn mitsamt dem Treppengeländer herunter und nahmen ihn gefangen. Wir verharrten in dumpfem Schweigen und ein ganz klein wenig freute es mich dennoch, daß ich wenigstens die Geschichte nicht ganz allein auszubaden hatte. Wir wurden nun in das Büro hineingerufen. Sie gaben sich nicht die Mühe, jeden einzelnen zu vernehmen. Kohnert sollte zuerst sagen, warum er gestern arretiert sei. Er wußte nichts mehr, er sei betrunken gewesen. Das war für mich ein deutlicher Wink. »Arretierter verweigert jede Auskunft«, wurde ins Protokoll geschrieben. Ich aber glaubte, alles sagen zu müssen: Wie man mich mißhandelt hätte, sogar die Zwangsjacke und überhaupt das Kleinste und Unbedeutendste glaubte ich ja recht dick auftragen zu müssen, damit mir Recht würde. »Arrestant gesteht ein, beklagt sich über Mißhandlungen«. Ich unterschrieb. Nun gehörten wir wohl mehr zu der Gesellschaft, wenigstens kamen auch die Wächter von gestern und sahen uns als Wundertiere an. So was hatte man denn doch noch nicht erlebt. In allen Büros wurde über uns gesprochen. Dadurch erfuhr die Akademie es viel früher, als wir es selbst vermuteten. Neide's Bruder war Polizeiinspektor. Dieser trug ihm alles brühwarm zu; den einen hatten sie in einen Finger gebissen, dem Schutzmann die Schienbeine zerschlagen, einem Schließer den Ohrlappen abgerissen, den Soldaten ihre ganze Uniform kaputt gemacht. So was war noch nicht passiert, und was würde da ein Ungebildeter tun, warf hämisch Professor Heydeck dazwischen: »Er würde zum Messer greifen«.

Wir wurden nun entlassen. Vorn am Eingang wurden uns die wenigen Habseligkeiten zurückgegeben, welche sie uns den letzten Abend[78] abgenommen hatten. Mein Portemonnaie wurde um und umgekehrt, schließlich fielen drei Silbergroschen heraus »Dree ganze Dittchens« sagte höhnisch der Schließer »und da wollten Sie noch weiterkneipen?«

In der Straße war ein naßkalter Februartag. Mit Sorgen ging ich nach Hause. Ob mein Vater beunruhigt war, wo ich mich die Nacht herumgetrieben hatte? Als ich ihm zu Hause gegenüber trat und er mich mit fragenden Augen ansah, wurde ich klein. Stotternd erzählte ich, und je mehr ich erzählte, desto mehr erschien mir das Gestrige ungeheuerlich. Weinend stürzte ich in seine Arme und er war außer sich, daß ihm, einem Königsberger Bürger und Hausbesitzer mit seinem Sohn derartiges passieren konnte. »Der Staatsanwalt wird Dich nehmen«, rief er außer sich »und Dich ins Loch schmeißen«. Was wir auch immer anstellen wollten, wir fanden keinen Rat. »Geh in die Akademie und zuerst zu Günther«, auf den wir beide vertrauten. Kurz vor der Akademie lief ich doch schnell zu Kohnert, dessen Bude in nächster Nähe war und wollte sehen, welchen Entschluß er gefaßt hatte. Er lag mit verbundenem Kopf im Bett und war im höchsten Grade eklig. Er fühlte sich ganz krank, sollte ich den Lehrern sagen. So hatte ich nun doch die ganze Sache allein abzumachen.

Verängstigt ging ich in die Akademie, um dem Sturm, welcher nun losbrechen sollte, die Stirn zu bieten. Sie wandten sich alle gegen mich, mit Ausnahme Günthers, welcher mein Unglück wohl verstand und half, was er helfen konnte. Der stellvertretende Direktor Max Schmidt bot vor allem alles auf, daß der gestrige Spektakel nicht in die Zeitung kam, und wichtige Personen wurden aufgeboten, den Polizeidirektor und sonst einflußreiche Leute für uns zu gewinnen. Freilich konnte ich[79] den Professoren Schmidt und Heydeck ansehen, daß sie dieses alles für ihren Liebling, den schönen Kohnert, taten.

Es wurde uns durch einen festlichen Konferenzbeschluß befohlen, sämtlichen Beamten, welche wir mehr oder weniger mißhandelt hatten, Abbitte zu leisten. So gingen wir von neuem nach Nr. 8 und schüttelten den Beleidigten die Hände mit dem feierlichen Versprechen, es nicht wieder tun zu wollen. Zur Sicherheit hatte der kluge Heydeck uns eingeschärft, den Beamten unter keinen Umständen etwa ein Trinkgeld anzubieten.

So wäre zuletzt alles gut abgelaufen, aber der Schutzmann weigerte sich, die Versöhnung anzunehmen. Trotzdem wir ihn in seiner Wohnung besuchten und überreden wollten, blieb er hart: Er könne nicht, man hätte es ihm von der Polizei ausdrücklich verboten. Auch seine Frau, welche gerade das Mittagessen zusammenkochte, plaidierte für uns, indem sie nochmals den Vorgang vor der Gambrinushalle als Augenzeugin wiederholte: »Ich habe ja alles mit angesehen, die Kraft! Nein, die Kraft von den beiden! Gar nicht zu glauben!« Das sollte nun nicht kommen dürfen, denn des Schutzmanns Eifersucht wurde dadurch erweckt und es wäre besser ungesagt geblieben. Er rief ärgerlich: »Ach was, wie ich jung war, war ich auch so stark!«. Dabei blieb es und wir mußten gegen ihn von neuem agitieren, bis endlich alles geordnet war und wir zum Schluß einen Taler Ordnungsstrafe wegen Unruhe auf der Straße zahlen mußten.

Wenn es auch gut abgelaufen war, so blieb es für lange Zeit eine Lehre für uns, uns in keine weiteren Streitigkeiten einzulassen. Vorläufig ließen wir uns nicht auf der Straße sehen und blieben auf der Bude, welche Kohnert mit Minzloff bewohnte.[80]

Wir rauchten lange Pfeifen und lernten bei einigen Flaschen Bier Skatspielen. Ein litauischer Student brachte ihn uns bei. Wir nannten den Studenten: »Der Cousinen-Cousin« deshalb, weil er verwandt mit einer Cousine von Kohnert war. Die Zeit und der Skat milderten allmählich die Katastrophe und ließen die Verfehlung uns in sanfterem Lichte erscheinen. Ja, wir fingen schon ganz wenig an, die Nachtwächter auf dem Roßgärter-Markt zu verulken. Aber die kannten keinen Spaß und schrieen uns schon von weitem an: »Dat sen je de versoapne Maoler von Nr. 8«. Also hieß es vernünftig sein und brav sich benehmen.

Dagegen blühte eifrig eine neue Intrigue unter unseren Lehrern in der Akademie: Schmidt, welcher mit Günther so lange dick Freund war, hatte sich längst mit ihm entzweit. Unser Lehrer beeiferte sich nämlich, die wenigen Schüler der Anstalt anzuregen, Figurenmaler zu werden. Impulsiv, wie nun Günther einmal war, empfand er nicht, welchen Feindseligkeiten er sich bei dem ersten Lehrer aussetzte. Schmidt hatte bis dahin die meisten Schüler und mit Recht mußte er es unangenehm empfinden, wenn ihm die meisten seiner jüngsten Schüler von Günther abspenstig gemacht wurden.

Dann kamen noch vor allen Dingen Intriguen finanzieller Natur über das Gehalt des Direktors. Da die Professoren das Gehalt untereinander teilten, so war jeder auf den anderen argwöhnisch, wenn er glaubte, er ginge auf den Direktorposten aus. Vor allen Dingen war in diesen Machenschaften Heydeck der Allergefährlichste. Als Schwiegersohn Rosenfelders fühlte er sich schon sowieso als der natürliche Direktor.

Jedenfalls waren die Lehrer untereinander so verhetzt, und alle einigten sich, den neuesten und den am meisten künstlerisch empfindenden[81] Kollegen Otto Günther aus der Akademie herauszugraulen, daß er mit aller Gewalt seinen Abschied nehmen sollte. Er hielt es auch nicht länger in Königsberg als drei Jahre aus, zumal da er vielfach krank und zum Widerstand nicht kräftig genug war. Günther fing aber an, die wenigen Schüler, welche ihm anhingen, nach anderen Akademien zu dirigieren: zwei von ihnen nach Weimar und ich sollte nach München gehen, und er versprach mir, ein gutes Wort bei Defregger einzulegen, er sollte mich zum Schüler aufnehmen.

Wer war froher als ich, in eine neue Welt zu kommen, und gerade nach der Akademie von München, welche in Deutschland am berühmtesten war. Mit diesem Wechsel des Ortes fiel aber auch das Zusammenhalten und die Freundschaft, welche unsere künstlerische Jugend in Königsberg verband, auseinander. Zwei meiner Freunde, Wellner und Rentel gingen nach Weimar. Mit Kohnert kam ich überhaupt niemals mehr zusammen, trotzdem ich ihn hätte leicht in Berlin treffen können. Wie schon früher war ich nun in meinem ganzen Leben auf mich selbst gestellt. Ich lebte von jetzt ab einsam und leider ging es auch dabei nicht einmal ohne Konflikte ab.

Ich suchte in München Defregger auf. Am Englischen Garten hatte er ein sehr schönes und freundliches Anwesen. Defregger nahm mich liebenswürdig auf und sein Rat war ein vortrefflicher. Da ich noch nicht genügende malerische Qualitäten besaß, wollte er mich in die beste Malschule nach einiger Zeit einbringen. Alsdann konnte ich später arbeiten, bei wem ich wollte. Es war damals 1879 die Mode, daß man den Studienlauf auf diese bekannte Art innehalten mußte. Einstweilen sollte ich bei ihm in der Glückstraße, wo er einige Schüler hatte, Studienköpfe malen bis auf weiteres. Das war Sommer über und im Herbst[82] trat ich in die Malschule bei Loeffz ein. Diese Malschule genoß einen enormen Ruf. Es genügte schon, ein Malschüler bei Loeffz zu sein: »Der schlechteste Loeffz-Schüler ist immer noch besser als der beste Lindenschmidt-Schüler oder gar Seitz-Schüler.« Diese letzteren waren die Verpöntesten von allen Malklassen der Münchener Akademie.

Im Oktober 1880 trat ich in die Malschule bei Loeffz ein. Loeffz hatte zwei große vollbesetzte Ateliers. Ich bekam sehr schwer noch einen ganz kleinen Platz. Der erste Schüler, mit welchem ich bekannt wurde, war ein Darmstädter mit Namen Johannes Leonhard. Er hatte die Methode, welche Loeffz liebte, gut erfaßt und gehörte zu den besseren seiner Schüler. Er war eine überschwängliche Natur. Der Himmel hing ihm immer voller Geigen und er konnte sich nicht genug tun, einigen unserer Mitschüler, die mir zwar noch unbekannt waren, eine glänzende Zukunft zu prophezeien. Nannte er den Namen eines Begabten, so rechnete er sich selbst unwillkürlich hinzu. Manchesmal hoffte ich nun auch heranzukommen, zu den Begabten gezählt zu werden. Aber es war ein Irrtum meinerseits, denn an mich hatte er überhaupt nicht gedacht.

Allmählich lernte ich das heitere Münchener Leben von der angenehmsten Seite kennen. Leonhard brachte mich in den Künstler-Sänger-Verein, wo ich meiner Statur nach im zweiten Baß singen sollte. Aber seit meinem Eintritt in den Verein tadelte der Dirigent uns so oft, daß ein Schusterbaß zwischen uns wäre, daß es allen auffiel, und ich wohl annehmen mußte, der Tadel ging auf mich. Mit Recht durfte er mich als neues Mitglied und Schusterbaß tadeln.

Der Verkehr in den Wirtschaften war mir ein sehr sympathischer, auch war ich bei meinen Kollegen sehr beliebt.[83]

Im Mathäser-Bräu war eine große akademische Versammlung, es sollte eine maskierte Kneipe besprochen werden. Wir berieten hin und her, eine »Reise um die Welt« schien das Beste. Da wurde ich von einer Idee erleuchtet und bat den Präsidenten der Versammlung um das Wort: »Ich möchte einmal auch was reden!« war mein Anfang. Das erweckte aber ein solches Hallo und einen Sturm von Heiterkeit, daß ich es vorzog, diesen Erfolg einfach hinzunehmen, ich setzte mich und schwieg. Es wurde weiter organisiert und endlich war man entschlossen, eine Kneipreise um die Welt als Titel zu nehmen. Man nahm das größte Lokal Münchens in Aussicht, das war Kiels Kolosseum. In jeder Malschule sollte ein Abgesandter als Komiteemitglied gewählt werden nebst einem Entwurf, welches Thema jedes Atelier vorschlagen wollte. In unserer Loeffzschule plante man »Eine ostpreußische Fischerkneipe«. Zum Thema hatte ich absolut nichts beigesteuert, denn ich war still und schüchtern. Desto vorsichtiger sollte ich sein in Angelegenheiten, welche meine Person betreffen würden. Wie es kam, weiß ich jetzt nicht: Als ein Komiteemitglied gewählt werden sollte, fiel die Wahl auf mich. Stolz und Eitelkeit waren es besonders, daß ich, nachdem ich mich auf das ernsthafteste versicherte, es stecke keine Ulkerei dahinter, die Wahl annahm. Kaum zwei Monate in der Malschule und schon diesen Vertrauensposten! Das blähte mir die Brust. Leider war aber auf Seiten meiner Mitschüler das Vertrauen weniger ernst. Ich hörte und fühlte bald, daß meine Stellung in jeder Beziehung erschüttert sei. Ich hatte noch niemals einen Posten wie diesen bekleidet. Ich wußte kaum, was ich da eigentlich zu tun hatte. Nur war mir das eine klar, daß in den Komiteeversammlungen die übrigen auch nicht viel klüger waren, als[84] ich. Und nun war ich sogar in ein engeres Komitee gewählt! Einer aus meinem Atelier, welcher mir nicht besonders grün war – er hieß Viktor Thomas – sprach zuerst seine Unzufriedenheit und die der ganzen Klasse besonders aus. Ich widersetzte mich natürlich, so gut ich konnte, aber da meinte der Rädelsführer, ich wäre für München noch viel zu neu, ich freute mich nur, Gelegenheit zum Trinken zu finden oder zum mindesten, die Abende in angenehmer Gesellschaft zu verbringen, ich vergesse vollkommen die Würde der Loeffz-Klasse zu wahren und warum ich überhaupt so unhöflich wäre, denn er hätte mich des öfteren auf der Straße gegrüßt, ohne daß ich wieder gegrüßt hätte. Ich mußte mir ja selbst sagen, daß er beinahe in allem nicht so unrecht hatte. Deshalb trug ich an, ohne das Leben in der Malschule zu kennen, noch einmal gewählt zu werden. Zu meinem Glück ging ich aber wieder durch. Aber der Stachel blieb doch in uns allen sitzen. Ja, sogar mein erster Bekannter, Leonhard, rief höhnisch aus: »Sagen Sie bei der Komiteezusammenkunft, wir hätten überhaupt kein Mitglied«. Ich trug das natürlich der Komiteegesellschaft vor, aber die wollten von der Wahl eines anderen nichts wissen. Diese maskierte Kneipe endigte mit einer furchtbaren Katastrophe: etwa fünf junge Leute aus einer Bildhauerklasse verbrannten jämmerlich. Diese Episode fiel in den Februar 1881.

Wenn auch hin und wieder dem Vergnügen nachgegangen wurde, so wurde doch meistens sehr ernst gearbeitet. Gerade unsere Schule war durch die Strenge des Lehrers berühmt. Es kam ihm auch nicht darauf an, irgendeinen Schüler an die Luft zu setzen, indem er es zu begründen pflegte: »Es warten schon andere auf den Platz«. Die Modelle pflegten monatelang, ja bis zum halben Jahr zu sitzen. Namentlich beliebt waren[85] alte oder solche Modelle, welche kein Rot mehr im Gesicht hatten, Ruinen der Menschheit nannten wir sie. Man suchte etwas darin, die Studie in grau-grünlicher Stimmung wiederzugeben. Wir nannten eine derartige Arbeit: »Fein im Ton«. Loeffz kam dann und lobte, wenn ein Schüler in seiner beliebten Manier gearbeitet hatte: »Sehr gut im Ton« oder »Noch zwei Jahre bei mir und Sie sind ein fertiger Künstler«. Oder er hatte gar ein drittes Atelier erhalten, dann sagte er: »Ich werde ein Atelier für wenige und sehr begabte Schüler einrichten und dazu werde ich auch Sie erwählen«. Das hatte er auch zu mir gesagt, nachdem ich drei Jahre bei ihm studiert hatte. Das heißt also, ein Jahr fiel davon fort, weil ich das »Einjährige« abdienen mußte.

Ich kam in die Türkenkaserne in der Theresienstraße und stellte mich dem Arzt vor. Ich redete soviel ich konnte von krankem Herzen, schlechten Augen und was ich alles gehabt haben mochte. Er aber kniff mir in den Oberschenkel und sagte: »Mit den Muskeln wollen Sie frei kommen?« Es half eben nichts, und schweren Herzens mußte ich am 1. Oktober 1882 in dieselbe Kaserne eintreten und zwar in das zweite Infanterie-Regiment Kronprinz. Wir waren etwa 30 Einjährige. Ich und fünf davon kamen in die sechste Kompagnie. Diese sechste sollte nun gerade die strengste Kompagnie des ganzen Regimentes sein. Der Hauptmann war berüchtigt als sehr strenge und hieß Schuster.

Ich habe ihn Gott sei Dank nicht praktisch kennen zu lernen brauchen, denn ich wurde mit einem Einjährigen aus der zehnten Kompagnie ausgewechselt. Diese war nun die mildeste, ihr Hauptmann hieß Schneider. Er war liebenswürdig und schien einfältig zu sein. Oktober bis April waren wir vollständig unter dem Befehl des Instruktionsleutnants[86] Premierleutnant Sch. Zuerst tat er furchtbar streng gegen uns, er flaute aber bedenklich ab, bis er uns zuletzt riet, uns nicht so viel in den Café's herumzutreiben, damit es nicht heißen sollte, die Einjährigen des zweiten Infanterie-Regiments hätten nichts zu tun.

Einige von uns liebte er ganz besonders, namentlich diejenigen, welche glatte Gesichter hatten. Dann streichelte er und poussierte auf dem Kasernenhof herum, als wenn er Kellnerinnen aus dem Café Luitpold abknutschte. Er hatte sogar an einem schlappen Kerl einen solchen Narren gefressen, daß dieser sich herausnehmen mochte zu tun, was er wollte. Er besaß einen gewissen Humor, z.B. beim Parademarsch kritisierte er: »Sie kommen ja an, wie das letzte Aufgebot von Defregger«, oder den Unteroffizier Reig, welcher bei ihm in Ungnade gefallen war und dem er mit samt den Einjährigen des dritten Gliedes, welche ihm alle mißfielen, fortwährend am Zeuge flickte, tadelte er mit den Worten: »Das dritte Glied ist eine zwölffache Photographie von Ihnen, Unteroffizier Reig«. Die Ausbildung war, wie wohl jeder denken kann, vollkommen ungenügend. Im Großen blieb alles zu wünschen übrig und im Kleinen war eine überflüssige Genauigkeit. Mir war es gerade so recht. Im Jahre 1885 machte ich zuerst eine sechswöchentliche Übung in Metz auf dem Fort Saint Quentin und dann gingen wir nach Lothringen in das Manöver. Später waren noch zweiwöchentliche Übungen als Unteroffizier in Königsberg und Pillau. Wenn es auch im Ganzen mir recht schwer fiel, so schien mir doch der preußische Drill sachgemäßer und besser zu sein.

Als ich mein Jahr abgedient hatte, kam ich wieder in die Malschule von Loeffz. Er lobte mich sehr und sagte, daß ich während der Zeit[87] meines Dienstes unbewußt ausgezeichnete Fortschritte gemacht hätte. Bei diesem Fortschritt wäre es nur jedem zu wünschen Soldat zu werden.

Goethe sagt, wie Eckermann irgendwo mitteilt, daß er, falls er nicht künstlerisch tätig war, immer Rückschritte zu verzeichnen hatte. Demnach, sagt er, scheint sein Talent für die bildende Kunst nicht besonders groß gewesen zu sein.

Der große Goethe hat nicht so sehr unrecht gehabt. Ich habe selbst bei meinen Schülern dieselbe Beobachtung gemacht, daß die Talentloseren bei Unterbrechung ihrer Studien auch absolute Verschlechterung ihrer Arbeiten verzeichneten.

Quelle:
Corinth, Lovis: Selbstbiographie. Leipzig: Hirzel, 1926., S. 65-88.
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