Belustigungen

[70] Mein lieber Schulgenosse und Freund Alfred Volkmann, ein hübscher und braver Junge, war mir bald der liebste unter den Gespielen meiner[70] Kindheit geworden, wie er denn auch der ausgezeichnetste und begabteste war. Etwas älter, aber zugleich verständiger als ich und mir in allem überlegen, zeigte er schon damals Eigenschaften, die für sein Fortkommen in der Welt Erfreuliches erwarten ließen. Namentlich verband er mit einem klug aufmerkenden Sinn in allem, was er trieb, gewissenhafte Ausdauer und viel Energie des Fleißes; daher er mir denn auch nicht selten als Muster vorgehalten wurde. Nachdrücklicher noch mochte indes sein Beispiel wirken, wie ich mich unter anderem eines Falles erinnere, da er mich zwar nicht durch Fleiß und Einsicht, wohl aber durch eine allerliebste Aufmerksamkeit gegen seine Mutter sehr in Schatten stellte.

Wir hatten nämlich, ich weiß es nicht durch welchen besonderen Glücksfall, ein jeder einige Groschen klingender Münze in unseren Besitz bekommen. Was ich für meine Person damit machen sollte, war mir nicht zweifelhaft. Ich ließ mich in der Portechaise über die Brücke tragen und wieder zurück, voraussetzend, daß Alfred sich sein Leibessen, nämlich warmen Quarkkuchen, vom Bäcker kaufen würde. Statt dessen aber hatte er, um seine damals etwas leidende Mutter zu erquicken, vom Konditor aus der sogenannten grünen Bude ein Glas Eis geholt, das sie besonders liebte. Oh, wie mich das beschämte! Hatte ich nicht auch eine kränkelnde Mutter? Und es war mir noch niemals eingefallen, zu ihrer Erquickung etwas beizutragen.

Die Achtung, die mein Freund mir abnötigte, hinderte mich indessen nicht, ihm gelegentlich auch einmal die Faust zu zeigen. Alfred, der freilich das meiste besser wußte als ich, war rechthaberisch und konnte, wenn er Widerspruch erfuhr, sehr maliziös werden; ich aber war so empfindlich wie eine Spinne, und beide waren wir heftig. Aber an Veranlassung zum Streite fehlt es ja bekanntlich unter Kindern ebensowenig als unter Potentaten, und so geschah es denn, daß wir uns im besten Spiele plötzlich an den Kragen fuhren und uns so lange prügelten und zerrten, bis wir aus Erschöpfung wieder Friede machten. Mit keinem meiner Freunde habe ich mich öfter und ernstlicher entzweit als gerade mit diesem Alfred; doch aber wüßte ich nicht, daß wir je als Feinde auseinandergegangen wären. War die Balgerei vorüber, so war es auch die Feindschaft, und in Liebe und Haß blieben wir uns unentbehrlich, solange wir beieinander waren.

Auch Alfreds Lieblingsbeschäftigung war das Zeichnen. Er exzellierte sogar in dieser Kunst, und ich bestrebte mich, es ihm darin in Sauberkeit und Akkuratesse gleichzutun. Gewöhnlich kopierten wir gemeinschaftlich einen und denselben Reiter oder sonst eine Figur aus den damals erschienenen Kriegsszenen von Sauerweid, und ich erinnere mich,[71] daß es mir dabei weniger darum zu tun war, das Original zu erreichen, als vielmehr den Reiz wiederzugeben, den die Kopien meines Freundes gleich bei der ersten Anlage für mich hatten.

Unsere künstlerische Tätigkeit beschränkte sich übrigens nicht bloß aufs Zeichnen, wir schnitzten auch aus Holz und kneteten allerlei Gelungenes aus buntem Wachs, z.B. kleine nackte Neger mit Palmbäumen und Kochfeuern, welche letztere aus brandgelbem Wachse dargestellt wurden. Endlich machten wir auch Papparbeiten und verfertigten überhaupt fast alle unsere Spielsachen nach Anleitung des Lehrers, der sehr richtig urteilte, daß eben dieses Anfertigen das Beste bei der Sache sei.

Das Genußreichste, was Senff uns lehrte, war die Kunst, gewisse kleine trianguläre Gestalten, sonst »Krähen« genannt, aus Papier zu falten, bei deren Anfertigung jedoch der letzte vollendende Bruch so schwierig war, daß er gar nicht gelehrt werden konnte; es mußte einem vielmehr wie zum Verständnis der Schellingschen Identitätsphilosophie erst eine glückliche intellektuelle Anschauung kommen oder mit anderen Worten ein großer Seifensieder aufgehen, ehe man es vermochte, die sorgfältigst vorbereitete Krähe durch jene letzte schöpferische Quetschung zu vollenden. Diese Vollendung pflegten wir daher geraume Zeit hindurch dem Altmeister Senff zu überlassen, bis wir endlich selbst, einer nach dem anderen, hinter die Schliche kamen. »Kannst du schon den letzten Bruch machen?« – Das war lange die brennende Tagesfrage unter uns, während es uns doch ganz einerlei war, ob einer schon die fünfte Deklination konnte oder nicht.

Inzwischen sollten jene Papierfiguren nach Senffs Willen nichts weniger als Krähen darstellen, mit denen sich nichts anfangen läßt, sondern vielmehr Soldaten, als welche unsere gehorsame Phantasie sie denn auch willig gelten ließ, da ihre völlig indifferente Form jedwede Deutung zuließ. Ja, unser guter Wille verbiß sich dergestalt in diese kleinen, kantigen Gestalten, daß sie uns bei weitem natürlicher erschienen als jene bleiernen Flachköpfe, die das Ansehen haben, als seien sie aus Herbarien entronnen.

Durch verschiedene Papierfarbe und kleine Veränderungen im Bruch stellten wir nun alle Waffengattungen, selbst Reiter dar, da Senff die Erfindung gemacht hatte, jene Soldaten durch eine höchst geniale allerletzte Manipulation dergestalt zu verändern und auszudehnen, daß sie ein fast transzendentales Aussehen gewannen und Pferden reichlich so ähnlich sahen als früher Menschen. Man brauchte eben nur das Fußvolk daraufzusetzen. Endlich wurden aus Federposen und Fischbeinbügeln kleine Wurfgeschütze gemacht, die für Kanonen galten und ihre Geschosse mit Vehemenz durchs Zimmer trieben.[72]

Kaum wüßte ich, daß mir jemals irgend etwas in der Welt mehr Vergnügen gemacht hätte als die Ausrüstung dieser Papierarmee und das Spiel damit. Wir brachten es nach und nach ein jeder auf die ungeheure Zahl von achthundert bis tausend Mann, für deren Aufstellung wir Risse und Spezialkarten mit Kreide auf die Diele zeichneten. Wer nach zehn Schüssen die meisten Leichen hatte, verlor an seinen Grenzen, und stündlich veränderte sich die Landkarte in unserem Zimmer wie draußen in der weiten Welt.

So arbeiteten und spielten wir uns in den Spätherbst und Winter hinein, bis die Weihnachtszeit sich mit ihrem wunderbaren Treiben nahte und auch unsere Beschäftigungen mit dem Stempel des Geheimnisses bezeichnete. Das gemeinschaftliche Spielen hatte nun ein Ende, jeder kramte und kleisterte für sich, und keiner durfte hinsehen, was der andere machte. Zu letzterem verpflichtete man sich durch Eide, die sehr leicht zu halten waren, da jeder, genugsam von seinem eigenen Werk erfüllt, wenig Neigung hatte, von dem des anderen Notiz zu nehmen oder etwas davon zu erwarten. Auch mag sich der alte Satz, daß Geben seliger als Nehmen sei, am meisten in den gegenseitigem Geschenken bewahrheiten, die sich Kinder machen, deren Gaben, außer dem sogenannten pretium affectionis, was jedoch nur der Geber damit verbindet, nicht den geringsten Wert zu haben pflegen, wie denn auch der Empfänger immer sicher ist, daß jener sich das Ding gewißlich nicht vom Herzen gerissen hat, sondern selber nicht gebrauchen konnte.

Wo nun die eigene Kunstfertigkeit nicht ausreichte oder es an Material fehlte, kauften wir das Fehlende auf dem Weihnachtsmarkt, der in Dresden nach einem eigentümlichen Backwerke der Striezelmarkt genannt wird. Acht Tage vor dem Feste pflegte sich der Dresdner Altmarkt mit einem ganzen Gewimmel höchst interessanter Buden zu bedecken, die abends erleuchtet waren und große Augenlust gewährten. Das Glitzern der mit Rauschgold, mit bunten Papierschnitzeln und goldenen Früchten dekorierten Weihnachtsbäume, die hellerleuchteten kleinen Krippen mit dem Christuskinde, die gespenstischen Knechte Ruprechts, die Schornsteinfeger von gebackenen Pflaumen, die eigentümlich weihnachtlichen Wachsstockpyramiden in allen Größen, endlich das Gewühl der Käufer und höfliche Locken der Verkäufer, das alles regte festlich auf.

Hier drängten auch wir uns des Abends gar zu gern umher, schwelgend in dem ahnungsreichen Dufte der Tannen, der Wachsstöcke, Pfefferkuchen und Striezeln, die in einer den Wickelkindern entlehnten Gestalt, reichlich mit Zucker bestreut, vor allen zahlreichen Bäckerbuden auslagen und Löwenappetit erregten. Nach genauesten Prüfung alles Vorhandenen[73] kauften wir dann einige kleine grüne oder rote Wachsstockpyramiden, auf Kartenblätter gewickelt, das Stück zu einem Pfennig, sogenannte Pfefferkuchenzungen zu demselben Preis oder ein paar Bogen bunten Papiers, um unsere Privatbescherung damit auszustatten.

Inzwischen konnten wir in unserem Eifer den vom Kalender angegebenen Zeitpunkt nie ganz erwarten und fingen schon an vorhergehenden Abenden an, in Alkoven oder anderen verdachtlosen Winkeln unseren Kram geschmacklos aufzustellen, zündeten einige Wachsstockschnittchen dabei an und überraschten uns dann gegenseitig unaufhörlich, bis der wahre heilige Abend herankam und uns alle überraschte.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 70-74.
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