3. Auf eigenen Füßen.

[40] Solange ich im Hause Gschirhackls lebte, kümmerten mich die materiellen Verhältnisse wenig. Ich fand täglich auch für mich den Tisch gedeckt und freundliche Pflege in gesunden wie in kranken Tagen. Familienfreuden hatte ich zwar im Hause, wo stets Krankheit herrschte, selten genossen, aber dennoch mich niemals allein und verlassen gefühlt. Das änderte sich mit einem Schlage, als die Witwe Gschirhackl starb, das Haus sich auflöste und gleichzeitig die mir bis zum zwölften Jahre bewilligte Klosterpension aufhörte. Dieselbe bestand, wie bei allen von Klosterbeamten hinterlassenen Kindern, aus einem reichlichen Naturaldeputat, Holz, Korn, Butter (selbst der Weihnachtstisch und das Osterbrot fehlten nicht) und ersetzte größtenteils das Kostgeld. Nun mußten mein Bruder und ich sehen, wie wir mit dem kleinen, von den Eltern geerbten Vermögen auskamen. Nähere Verwandte besaßen wir nicht, Freunde ebensowenig. In der ganzen Stadt gab es nicht eine Seele, welche sich um uns gekümmert hätte. Der von der Behörde ernannte Vormund, ein wildfremder, ungebildeter Mann, seines Zeichens ein Hufschmied, verwaltete bloß die[40] Zinsen des väterlichen Vermögens und sorgte dafür, daß sie uns in regelmäßigen Raten ausgezahlt wurden. So waren wir auf uns allein angewiesen. Die nächste und schwerste Ausgabe war, ein neues Kosthaus für uns zu entdecken. Mein Bruder durchstöberte wochenlang alle Winkelgassen der Altstadt, wo die meisten Studentenwohnungen lagen, bis er endlich, hart an der Judenstadt, einen alten Tischlermeister fand, der sich gegen mäßiges Entgelt erbot, uns in Kost und Wohnung zu nehmen. Der Zufall war uns günstig gewesen. Der alte Wrba erwies sich als ein kreuzbraver Mann, welcher weit mehr an uns that, als seine Pflicht erheischte. Er erlaubte uns, in seiner Wohnstube zu arbeiten, da unser Stübchen keinen Ofen besaß. Er erging sich gar – er hatte als Soldat gegen Napoleon gekämpft und seitdem für die Weltbegebenheiten einen regen Sinn bewahrt – in politischen Gesprächen mit uns und sprach den Dank dafür, daß wir ihm bei seinen Rechnungen und Überschlägen halfen, nicht nur durch Worte, sondern durch Thaten aus. Der Mann hatte sich aus den niedrigsten Verhältnissen zu einer gut geordneten Stellung aufgeschwungen, erst in späten Jahren Lesen und Schreiben gelernt. Da imponierte ihm freilich unser Bücherreichtum und unsere Schreibfertigkeit. Wir waren in seinen Augen Gelehrte, die mit Achtung behandelt werden mußten. Leider vergrößerte sich sein Geschäft, auch unser Stübchen wurde mit einer Hobelbank besetzt und wir zur Auswanderung gezwungen. Wir versuchten unser Glück noch einmal bei einem Barbier, einem Klempner, einem jüdischen Krämer. Doch nirgends[41] fanden wir eine ähnlich freundliche Aufnahme. Alle moralischen Erniedrigungen und materiellen Entbehrungen, welche rohe, auf Ausbeute ihrer Kostgänger erpichte Menschen auferlegen können, hatten wir bis zum letzten Tropfen durchgekostet.

Für Obdach und notdürftige Leibesnahrung war durch unser väterliches Erbe gesorgt. Wollten wir für Vergnügungen und Büchereinkäufe Geld haben, so mußten wir es selbst erwerben. Dazu gab es nur einen Weg: Stundengeben! Große Ansprüche konnte ich vierzehnjähriger Knabe nicht machen, aber auch bescheidene Anforderungen lockten lange Zeit keinen Schüler, bis endlich ein alter Schustergeselle mir seinen kleinen Enkel, ein siebenjähriges Kind, anvertraute. Ich sollte ihm die Kunst des Buchstabierens beibringen und durfte dafür eines Monatssoldes von einem Gulden gewärtig sein. Auf diese Weise vergrößerte sich unser Geldschatz freilich langsam. Ich empfing aber bald noch andere Schüler zugewiesen, mein Bruder war gleichfalls ein in kleinbürgerlichen Kreisen beliebter Privatlehrer oder »Informator«, und einzelne außerordentliche Einnahmen stellten sich auch ein. So spielte mein Bruder in Handwerkerfamilien, wenn sie sich am Karneval erlustigten, zum Tanze auf, ich stellte einzelnen Gewerbetreibenden die Jahresrechnungen zusammen.

Sobald wir über eine größere Summe verfügten, eilten wir, den alten Herzenswunsch zu befriedigen und schafften uns Schillers sämtliche Werke an. Natürlich ungebunden. Ein gebundenes Buch zu kaufen oder vom Buchbinder einbinden zu lassen, wäre uns eine arge Verschwendung erschienen.[42] Wir hatten nicht umsonst stundenlang vom Straßenfenster aus in die Werkstätten der Buchbinder geguckt, um ihnen ihre Kunstgriffe abzulernen. Eine Heftlade war bald improvisiert, eine alte Presse von dem Trödler erworben und so machten wir uns unverzagt an die Arbeit. Schön sahen die Bücher nicht aus – ich besitze noch jetzt einzelne Proben meiner Buchbinderkunst – aber die Bogen hielten zusammen und, was das Wichtigste war, wir sparten Geld, das wir für neue Büchereinkäufe verwenden konnten.

Damals 1840–1843 begann die czechische Litteratur ein regeres Leben zu entfalten. Mein Bruder, welcher unter seinen Studiengenossen mehrere czechische Litteraten zählte, überhaupt einen stark ausgeprägten Lokalpatriotismus besaß, trug der nationalen Bewegung ein großes Interesse entgegen. Mir lag zwar die Sache ferner, doch plagte auch mich die Neugierde, die neuen Bücher und Zeitschriften, von welchen ich so viel sprechen hörte, näher kennen zu lernen. Der Vorschlag, uns auf die beliebtesten czechischen Wochen- und Monatsschriften (Kwety, Blüten, und Wlastimil, Vaterlandsfreund) zu abonnieren, hatte meinen vollen Beifall. Der Einblick in das czechische Litteraturtreiben war lehrreich, aber wenig erfreulich. In dem Betriebe der Zeitschriften herrschte die größte Unordnung. Die Wochenschriften erschienen regelmäßig einige Tage, die Monatsschriften einige Wochen später, als die Ankündigung lautete. Einige Stunden mußte man namentlich im Buchladen, in welchem die Kwety expediert wurden, warten, ehe[43] man die feuchten Abdrücke empfing. Dafür bot sich Gelegenheit zur Bekanntschaft mit czechischen Litteraten, welche zur Winterszeit sich gern im geheizten Buchladen einzufinden pflegten und dort ihre Interessen besprachen. So hatte ich mir nicht Schriftsteller, ideale Führer eines Volkes vorgestellt. Meistens waren es schäbige Gesellen, welche ihre Thätigkeit als reine Handwerksarbeit auffaßten und stets über die schlechte Entlohnung schimpften, verunglückte Theologen oder Juristen, welche zur Litteratur nur als Notnagel bis auf bessere Zeiten gegriffen hatten und in ihren Genossen die brotverkleinernden Konkurrenten haßten. Der Inhalt der Zeitschriften entsprach der Persönlichkeit der Verfasser. Die lyrischen Beiträge mochten einen Funken von Poesie besitzen. Aber gegen die Lyrik verhielt sich meine Natur immer spröde. Ich habe nie ein Gedicht verfaßt; ich war nicht einmal im stande, ein Lied mir wortgetreu zu merken, obschon ich sonst mich eines trefflichen Gedächtnisses erfreute und lange Reden und Abhandlungen mit der größten Leichtigkeit auswendig lernte. Alle übrigen Beiträge stießen durch Trivialität und Geistlosigkeit ab, und führten mich nur auf ein noch eifrigeres Studium der deutschen Litteratur zurück. Als ich vollends durch Freund Kolar, der selbst czechischer Dichter war, in die intimen Verhältnisse der czechischen Schriftstellerwelt eingeweiht wurde, verlor ich auch den letzten Rest des Interesses an dem nationalen Treiben. Mit bitterem Humor erzählte Kolar, daß ihm für die Übersetzung einer Shakespeareschen Tragödie ein Mittagessen als Honorar angeboten wurde,[44] und wie der Verleger, der an Kolars Mienen eine geringe Befriedigung merken mochte, sich beeilte, noch eine Flasche Melniker Wein als Extrahonorar zu versprechen. Drastisch waren seine Schilderungen von den Gönnern der czechischen Belletristik, ehrsamen Müllern und Holzhändlern, welche nie dazu gebracht werden konnten, im Schriftsteller etwas anderes, als einen Hanswurst oder einen Schmarotzer zu erblicken.

Wir hatten allmählich eine ganze Reihe von Kosthäusern probiert, waren aber in jedem neuen schlechter gefahren. Da faßten wir den kühnen Entschluß, uns zu emancipieren; wir wollten einfach eine Stube mieten, uns aber, auf eigenen Füßen, in irgend einem Wirtshaus verköstigen. Zunächst – es war gerade ein schöner Frühlingstag – einigten wir uns, bis zum Herbst eine Wohnung vor dem Thore zu beziehen, also die Freuden einer echten Villegiatur zu genießen. Die passende Wohnung, ein kleines Parterrezimmer, in der unmittelbaren Nähe eines großen öffentlichen Gartens (Canalscher Garten), ungefähr eine Viertelstunde von der Stadt entfernt, war bald gefunden, auch die Übersiedelung rasch vollendet. Wir besaßen nur ein altes Klavier – noch ein Erbstück aus dem elterlichen Hause, unsere Betten, ein Büchergestell und eine große Kleiderkiste. Den Tisch und zwei Stühle borgten wir vom Trödler, einige Töpfchen und Teller schenkte uns eine mitleidige Seele. Wir schwelgten im Vorgefühle köstlicher Sommerfreuden. Wie prächtig würde sich in dem großen Garten in den Morgenstunden lesen und studieren lassen, wie süß[45] am Abend unter den alten Bäumen bei Mondenschein träumen. Nur zu bald kam die Enttäuschung. Damals rechnete man in kleinbürgerlichen Kreisen noch vielfach nach der sogenannten Wiener Währung und nicht nach dem offiziellen 21/2 Prozent höhern Konventionsfuße. Mein guter Bruder hatte selbstverständlich angenommen, daß die Miete in Wiener Währung gezahlt werden solle, und war daher nicht wenig überrascht, ja entrüstet, als der Wirt die Zahlung in Konventionsmünze forderte. Es half nichts, wir mußten bezahlen und die Differenz auf unser ohnehin knapp bemessenes Eß- und Trinkbudget nehmen. Dann hatten wir auf steten Sonnenschein und ewigen blauen Himmel gerechnet. Der Sommer 1843 war aber gerade regnerisch und brachte uns dadurch in die größte Not. Die benachbarte Restauration blieb an Regentagen geschlossen, in die Stadt aber zu wandern, wo sich unsere Wege trennten, war jedesmal nur einem von uns gestattet, da wir bloß einen Regenschirm besaßen. Abwechselnd fror und hungerte der eine in der feuchten Stube, bis der andere zurückkehrte und mit dem mitgebrachten Brot und Wurst den Hunger des unfreiwilligen Einsiedlers stillte. Unsere Gesundheit wurde durch diese Lebensweise arg gefährdet. Mein Bruder, der die Nachwehen eines schweren Typhus niemals ganz überwunden hatte, begann zu siechen. Ich selbst magerte sichtbar ab und verlor alle Verdauungskraft. Da kam unverhofft Erlösung. Zu gleicher Zeit wurden uns Hauslehrerstellen angetragen. Mein Bruder übernahm die Erziehung eines Neffen der Gräfin Sweert-Spork,[46] eines verwaisten Knaben von abenteuerlicher französischer Herkunft, ich übersiedelte in das Haus einer der angesehensten bürgerlichen Familien, wo ich bereits seit einiger Zeit befreundet war und als Stundenlehrer fungiert hatte.[47]

Quelle:
Springer, Anton: Aus meinem Leben. Berlin 1892, S. 40-48.
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