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In seinem letzten Buche: »Feierabend« schreibt der Pfarrer Hansjakob gar lieb über mich und gedenkt unserer kurzen Altersfreundschaft. Er sagt auch, daß er mich ermuntert habe, meine Lebensgeschichte vom Wälderbübli bis zur Exzellenz zu schreiben, ein Hans-Thoma-Büchle für das Volk; daß, wenn er jünger und öfters um mich wäre, er mir keine Ruhe lassen würde, bis ich dies Volksbüchlein schriebe.

Ich lernte Hansjakob nicht früher als im August 1911 persönlich kennen, und zwar zufällig, indem wir uns im Gasthaus St. Blasien trafen; ich besuchte ihn dann im Pfarrhaus in Freiburg, wo er mich und meine Schwester im Kreise einiger Freunde und Freundinnen gar gastlich köstlich am Mittagstisch bewirtete, er war von warmer Herzlichkeit gegen mich – wie sie nur ein tieferes Seelenverständnis – eine Wesensverwandtschaft, die über dem persönlich Trennenden Verschiedenen der eignen Art eine Brücke schlägt, hervorbringen kann, – eine Freundschaft, wie sie zwischen in hohem Alter stehenden Persönlichkeiten ganz besonders schön sein kann.

Hansjakob hat mit großer Bedächtigkeit sich sein eigen Grab gebaut, ja man könnte fast sagen, daß er mit einer gewissen Behaglichkeit um die ihm werdende Ruhestätte herumgeflattert ist. Wenigstens hat er mir ernstlich zugeredet, ich solle mich doch nicht in der Stadt begraben lassen, sondern ich soll mir eine Ruhestätte auf dem Bernauer Gottesacker gründen – der allerdings sehr schön liegt. Nun mußte ich gestehen, daß ich nie viel Sinn hatte dafür, was mit meinem Staubleib nachher geschieht. Wenn man achtzig Jahre die Unruhe des Lebenswillens mitgemacht hat, so soll man froh sein, wenn man zur Ruhe[1] kommt – beim Abschied den Staub abschüttelt, ihn irgendwo wieder der Erde zurückgibt. Hansjakob war eine Kämpfernatur und hatte eine Künstlerseele – er war eine tiefempfindende von reichem Leben bewegte Natur, kein Wunder, daß er sich in Sehnsucht nach Frieden sein Grab baute. – Nun ruht er dort!

Sein Wort: »Schade! Wenn ich jünger wäre und öfters um den jungen Altmeister, würde ich ihm keine Ruhe lassen« – kommt jetzt aus dem Grabe. Haben nicht auch die abgeschiednen Seelen noch Macht über die noch im Leibe wandelnden? »Ich würde ihm keine Ruhe lassen« klingt mir gar merkwürdig, so daß ich es jetzt noch unternehmen will, schon nahe an des Grabes Rand stehend, eine Art von Lebensbild zu entwerfen – geb' Gott wie weit ich damit komme. Aus alten Erinnerungen will ich es weben, auch aus alten noch vorhandenen Aufzeichnungen, die ich spärlich besitze. Ich habe meine Tagebuchaufzeichnungen fast immer, wenn ich sie später durchsah, als unnötiges Zeug vernichtet. Ob ich nun an ihrer Ehrlichkeit zweifelte oder auch manchmal an ihrer ungeschminkten Ehrlichkeit mich ärgerte – warum soll man denn Sachen ausbreiten vor andern die man selber gern vergessen möchte? Da ich mich aber einmal entschlossen habe zu schreiben, muß ich halt meine Worte so mischen, wie es mir notwendig scheint, um andern verständlich zu sein.

Hansjakob hat es gut erraten und in seinem, »Feierabend« auch verraten, daß ich auch jetzt noch die Schüchternheit des Wälderbüblis nicht ganz abgelegt habe.

Schüchternheit ist gewiß keine Tugend, sie ist eine Schwäche – der Schüchterne leidet unter dem Gefühl, daß er durch sein Dasein andre belästigen könnte und er meint leicht, daß er sich entschuldigen müsse, daß er auch da ist und Platz beanspruchen muß. – Schüchternheit ist aber doch eine schöne Seeleneigenschaft aus der die zarte Rücksichtnahme auf die andern erwächst – sie ist somit ein guter Nährboden für die Gewissenhaftigkeit.

So ein Büble, welches in der Einsamkeit eines abgelegnen Schwarzwalddorfes aufgewachsen ist, ist gar oft ein rechter Fürchtebutz, er sieht leicht Gespenster und vor fremden Menschen hat er eine natürliche Scheu, er fürchtet von ihnen eine Störung seines friedlichen Seins,[2] er traut der Sache nicht – er ahnt, daß es nicht so ganz sauber ist in den Zuständen, die im Menschenleben herrschen – denn die Menschen sind in ihrer Begehrlichkeit stets bereit, einander den Frieden zu rauben im Kleinen wie im Großen – das ist der Weltlauf, – das ist das Leben.

Je einsamer so ein Wälderkind aufwächst und je mehr es zu seinem Schutze an der Schürze der Mutter hängt, um so scheuer wird es den Menschen gegenüber sein, ja manchmal empfindet es schon den Vater als Menschen. Ich entsinne mich noch gut, welchen Eindruck mir das Wort Mensch gemacht hat als ich es als Kind in einem Gespräch zwischen Erwachsenen das erstemal hörte, sie sprachen von hinterlassenen Spuren, die nicht von einem Tier, sondern von einem Menschen herrührten. Ein Mensch, das war meiner Vorstellung etwas seltsam Unheimliches, mit dem ich nicht zusammenkommen möchte. – Es ist lange gegangen, bis ich erfuhr, daß auch ich ein Mensch sei; auch später im Leben war es mir immer am wohlsten, wenn ich gar nicht daran dachte, daß ich ein Mensch sei. Doch man gewöhnt sich an alles – nur beschleicht mich jetzt ein ähnlich unheimliches Gefühl, wenn ich von Übermenschen höre.

Ein Stadtkind, ein Bürschlein aus einer Industriegegend mag wohl diese Schüchternheit nicht haben, der Umgang witzigt es, es muß bald wehrhaft werden und so wird es frech und hat keine Furcht vor den Menschen – so wird auch das Gefühl, das wir Ehrfurcht nennen, es nicht leicht übermannen, ja es kommt wohl dazu, als Zeichen seines Widerstandes, als Symbol selbstbewußter Ichheit seinem Gegenüber die Zunge auszustrecken.

Aber beide Bürschlein müssen sich durch das Leben hindurcharbeiten – sie müssen Lehrlinge werden, was bekanntlich auch der Teufel, der alle Stände ausprobierte, als einziger nicht aushielt – – da ändern sich gar oft die Verhältnisse – man weiß, daß Schüchternheit gar leicht in trotzig tapfern Mut umschlagen kann, daß so ein Hasenfuß auf einmal seinen Mann stellt – so daß man sagt: Stille Wasser sind tief – auch da noch, wo manchem Frechdachs das Herz weit hinunterfällt. Der Wind des Lebens wirbelt eben gar seltsam Korn und Streu durcheinander. Die Romanschreiber haben es da gut, sie brauchen nur hineinzugreifen in den Wind des vollen Menschenlebens.[3]

So will auch ich nun tun und will dir, du alter Schwarzwäldergeist, der jetzt vom Grade her mahnt, nun folgen, will auch alle Schüchternheit ablegen, will erzählen und sagen, daß auch ich noch da bin. – Sich erinnern, erzählen, auch ein wenig fabulieren darf doch das Alter – die Kinder hören es gerne, diese Zuversicht muß das Alter haben, sonst schweigt es und setzt sich still auf die Ofenbank und zwirbelt die Daumen übereinander.

Das Leben ist keine freiwillige Sache, es ist Zwang wie es uns gegeben, wie es uns genommen wird – darum sagen wir: »Unser Leben steht in Gottes Hand«.

Ich will mich nun bestreben, in dem was ich über mich und mein Leben sage, so wahrhaftig zu sein – wie es mir paßt. Ich will mich auch bestreben, nicht in den immerwährenden Fehler zu verfallen, der manchem Deutschen anhängt, wenn er sich in der Öffentlichkeit bemerklich macht – daß er meint in gesteigertem Wahrheitsgefühl auf dies und jenes schimpfen zu müssen, was ihm im Wege steht – oft auch auf das, was er nicht kennt; er müßte jetzt so recht einmal seine Meinung sagen etwa nach einer Formel, die so lauten könnte: Im Deutschen schimpft man, wenn man die Wahrheit sagt. Das ist aber freilich nicht immer der Fall, daß der, welcher schimpft, die Wahrheit sagt.

Ich werde nun sicher nicht in solchen Fehler verfallen, schon deshalb nicht, weil ich ja über mich selber schreibe und ich mich doch nicht selber herunterputzen will, indem ich mir schimpfend die Wahrheit sage – der Gefahr die näher liegt, mich selber herauszuputzen, will ich so gut, als ein Rest von Eitelkeit, der mir vielleicht im achtzigsten Lebensjahr noch geblieben sein sollte, es erlaubt, entgegenarbeiten. Beruf, andern die Wahrheit zu sagen, habe ich nie in mir gespürt. – Ich hatte immer zu viel Respekt vor der Wahrheit, als daß ich sie dem und jenem an den Kopf werfen möchte. Wo ich nur kann, werde ich die Bravheit der Deutschen loben, die freilich mancher Urdeutsche Philistrosität nennt, ich habe jederzeit sein treuherziges Micheltum gern leiden mögen, ich habe sogar manchmal gemeint, daß er die festen Grundlagen seiner Kultur auf sein Micheltum aufbauen könnte, auf seine Treue und Ehrlichkeit, auf seine Gutmütigkeit und Gerechtigkeit, auf seine Deutlichkeit d.h. Deutschheit, so recht aus seinem Volkstum heraus.[4]

Quelle:
Thoma, Hans: Im Winter des Lebens. Aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen, Jena 1919, S. 1-5.
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