Kapitel LVI.
De religione in genere
oder
Von der Religion insgemein

[221] Zu einer rechten vollkommenen Republik gehöret die Religion, welche ist eine Disziplin äusserlicher heiliger Zeremonien, durch welche wir an die innerlichen und geistlichen Sachen gleichsam als durch ein Zeichen erinnert werden; welche Cicero also beschreibet, dass sie sei eine Disziplin, durch welche der heilige Gottesdienst mit Ehrerbietung, feinen Zeremonien und Diensten exerzieret wird; und diese ist fürwahr einer Stadt sehr nützlich und notwendig, welches Cicero und Aristoteles bezeuget haben; denn so saget dieser in seinen politischen Büchern: Oportet principem prae aliis deicolam videri; minus enim putant subditi a talibus pati aliquid iniquum, et minus machinantur contra talem, tanquam habeat propugnatores etiam Deos. Das ist: Es muss ein Fürst vor allen andern gottesfürchtig scheinen; denn die Untertanen halten insgemein dafür, dass ihnen von einem solchen weniger Leides widerführe; sie führen gegen ihn nicht so leicht etwas im Schilde, gleich als ob die Götter selbsten vor ihm stritten und ihn beschützeten.

Die Religion aber ist dem Menschen von Natur so[221] eingepflanzet, dass dieselben durch sie mehr als durch die Vernunft von den unvernünftigen Tieren unterschieden sind; dass uns aber die Religion von der Natur ist eingegeben, das bekennet Aristoteles selbsten, denn wir lernen von demselben, dass, so oft der Mensch in plötzliche Gefahr und Furcht gerät, alsobald ehe er an was anders gedenket oder nach was anders fraget, so wird er seine Zuflucht zu Gott nehmen und dessen Namen anrufen, aus Ursache, weil ihn die Natur ohne Zuziehung eines Präceptoris gelehret hat, Gottes Hilfe anzurufen. Ja, gleich anfangs bei Erschaffung der Welt hat Kain und Abel Gott selbsten geopfert; Enoch aber ist der erste gewesen, welcher die Gebräuche gewiesen, wie man Gott anrufen soll; daher saget die Schrift von ihm: Tunc tandem invocari coepit nomen Domini. Das ist: Zu derselben Zeit fing man an anzurufen des Herrn Namen. Nach der Sündflut sind vielen Völkern viel Religionsgesetze gegeben worden. Denn Mercurius und Mena der König haben den Ägyptiern, Melissus den Kretensern, Faunus und vor ihm Janus den Latinern, Numa Pompilius den Römern, Moyses und Aaron den Hebräern, Orpheus den Griechen am ersten dergleichen Gesetze gegeben; Cadmus brachte aus Phönizien die Mysterien und Feierlichkeiten, die Weihungen und Hymnen. Auch den Göttern des Diebstahls und der Verbrechen wurden Namen gegeben und Opfer gebracht. Die Römer haben dem Gott Jupiter, dem Ehebrecher und Hurer, und dem Fieber einen öffentlichen Tempel im Palatio aufgerichtet und einen Altar dem Unglücke auf dem esquilinischen Berge; ja sie haben auch in der Hölle gewisse Götter gefunden, die sie geehret, und den Fürsten der Höllen selbsten, den armen Teufel, haben sie unter den Namen Ditis, Plutonis und Neptuni geehret und ihm den dreiköpfigten Cerberum beigesellet, als Hüter und Höllenhund, einen Fleischfresser, der da rumgehet und suchet, welchen er verschlinge; keinen verschonet er, allen ist er schädlich, alle klaget er an; daher ist der Teufel gleichsam[222] ein Ankläger genennet worden, wie der Poet davon schreibet:


Dux Erebi populo poscebat crimina vitae,

Nil hominum miserans, iratus omnibus umbris,

Stant furiae circum, variaeque exordia mortis

Saevaque multisonas exercet poena catenas.


Das ist: Der Höllengott strafet alle Verstorbene wegen ihrer im Leben begangenen Sünden; er erbarmet sich keines und lässet seinen Zorn über alle Seelen blicken; die höllischen Furien stehen um ihn her, die Verdammten zu binden und ewig zu martern und zu peinigen.

Vor Zeiten haben die Ägyptier nebenst ihren Göttern auch die unvernünftigen Tiere und die Missgeburten geehret; und es gibet noch heutiges Tages Völker, welche die Götzen und Bilder anbeten. Die Türken, Sarazenen, Araber und Mauritaner, auch sonst ein gross Teil der Welt, die ehren den Mahomet als den Erfinder einer ganz absurden Religion; und die Juden sind noch bis auf diese Stunde so verstocket und warten noch halsstarrig auf ihren kommenden Messiam.

Auch uns Christen haben zu unterschiedenen Zeiten und Örtern unterschiedene Päpste gewisse Gebräuche vorgeschrieben; wir sehen, wie sie sind seltsam diskrepant gewesen in Zeremonien, im Gottesdienste, in Speisen, in Fasten, in Kleidung, in der Pracht, in Suchung des Gewinnstes, in Bischofsmützen und Kardinalhüten und in andern Sachen mehr. Aber eines ist über alle Wunder und übertrifft alle Wunder, dass sie sich einbilden, sie könnten mit ihren stolzen Sitten den Himmel ersteigen, da doch Lucifer dadurch vom Himmel gestossen worden. Endlich, alle diese Religionsgesetze beruhen auf keinem andern Fundament, als auf dem Wohlgefallen desjenigen, der sie gegeben hat, und haben keine andere Regul der Gewissheit, als die Leichtgläubigkeit. Denket nur zurücke vom Anfang der Welt, wieviel sind Zeremonien, wieviel Ketzereien, wieviel Satzungen, wieviel Gebete und wieviel Gesetze sind gewesen; und doch[223] haben von so vielen Seculis her die Menschen es ohne Gottes Wort nicht zur rechten Religion bringen können, bis Gottes Wort ist Fleisch worden und an dem Kreuze über die Feinde triumphieret, bis die Tempel und Götzen sind weggetan, die Macht der Götter verstöret und die Oracula aufgehöret haben.


Ablata est Pythii vox haud revocabilis ulli,

Temporibus longis etenim jam cessat Apollo,

Clavibus occlusis silet: ergo rite peractis

Discedas patria et redeas ad limina sacris.


Das ist: Der Wahrsagergeist ist hinweg, dieweil der Apollo selbst vorlängst sich nicht mehr hören lassen, und sein Tempel verschlossen gewesen; kannst also nur deinen Gottesdienst verrichten und dich wieder nach Hause begeben. Denn nachdem Gottes Wort durch den Boten des Evangelii hat in der Welt angefangen zu scheinen, so sind alle der Heiden Götter gleichsam durch den Blitz gerühret und vergangen, wie Christus bei dem Luca spricht: Vidi Satanam sicut fulgur de Coelo cadentem. Ich sahe den Satan als einen Blitz vom Himmel herabfahren.

Aber was zum Glauben, zur Theologie und zum kanonischen Gesetze gehöret, davon wollen wir weiter unten handeln. Wir reden hier nur von der Religion, so ferne sie zu des Priesters Einkünften, zu der Republik mit ihren Bildern, Statuen, Gemälden, Kirchen, Sakristeien und äusserlichem Zierat gehöret; von welchen ich an einem andern Orte unter den Theologis mit ihrer Genehmhaltung im Jahr 1510 zu Cöllen mit einer weitläuftigen Rede disputieret habe; derohalben will ich anjetzo mit diesen kurzen Worten erweisen, dass auch in denjenigen Sachen, welche nur äusserlich zu Ehren und Dienste der Religion angestellet und zum Besten der Menschen sollen erfunden sein, oftermals ausser der Eitelkeit eine nicht geringe Bosheit gefunden worden ist. Welches, dass es nicht anders sei, das wollen wir jetzo dartun, wann wir von einem jedweden Stück insonderheit reden werden.[224]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 1, S. 221-225.
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