Vorwort.

Zu einer eingehenderen Beschäftigung mit FRIEDRICH RÜCKERTS indologischen Werken im weitesten Sinne führten mich zum ersten Male die Vorarbeiten zu einer Neuausgabe der Gitagowinda-Übertragung des Dichters, die im Jahre 1920 als Bändchen 303 der Inselbücherei des Inselverlages in Leipzig erschienen ist. Bei einer genaueren Prüfung der Rückertliteratur kam ich zu der mir besonders interessanten Feststellung, daß Rückert außer anderen wedischen Arbeiten, von denen die indologische Fachliteratur sonderbarerweise nichts erwähnt, eine umfangreiche Übertragung von Liedern des Atharwaweda hinterlassen habe. Wie mehrere gedruckte Zeugnisse von verschiedenen Seiten zeigten, konnte kein Zweifel darüber sein, daß die Atharwaweda-Version Rückerts irgendwann und irgendwo handschriftlich vorhanden gewesen war. Aber: war sie noch heute vorhanden? Und: wo konnte sie sich jetzt möglicherweise befinden? Das waren zwei Probleme, die bei der beispiellosen Zersplittertheit und dem gewaltigen Umfange des Rückertschen handschriftlichen Nachlasses zu lösen nicht leicht war. Ich wandte mich an alle irgendwie in Betracht kommenden Stellen, aber überall her kam die gleiche negative Antwort. Keine Bibliothek, kein Indologe, kein Literarhistoriker wußte über den Verbleib dieser zweifellos wertvollen Arbeit des Dichters irgendwelche Auskunft zu geben. Und als schließlich noch eine Anfrage bei der Familie Rückert, ob der Privatkatalog der in ihrem Besitze befindlichen handschriftlichen Nachlaßstücke etwas über das gesuchte Atharwaweda-Manuskript enthalte, auch noch erfolglos blieb, da war meine Hoffnung sehr gering, das Werk doch noch zu finden. Nun stellten mir die Erben des Dichters im Januar 1922 liebenswürdigerweise den ganzen riesigen Koburger orientalischen Nachlaß des Dichters zwecks wissenschaftlicher Bearbeitung zur Verfügung. Als die mehr als 40 zum Teil sehr umfangreichen Konvolute vor mir lagen, und ich daran ging, diese nicht ohne die größte Spannung durchzusehen, da stieß ich am 12. Januar 1922 auf ein umfangreiches Konvolut mit dem von späterer Hand auf den Umschlag geschriebenen viel- bzw. nichtssagenden Titel: »Weda-Übersetzungen mit Urtext« und erkannte darin zu meiner großen Freude sehr bald die lange gesuchte Atharwaweda-Übertragung Rückerts.

Das Manuskript, dessen genauere Beschreibung ich später geben werde, zeigte Spuren einer Beschädigung, woraus es sich erklärt, daß das sonst meist vorhandene Titelblatt von Rückerts Hand fehlt, dann, daß die Übersetzung ohne ersichtlichen Grund unvermittelt mit dem Hymnus 13 des ersten Buches beginnt. Es scheint mir sicher, daß mehrere Anfangsblätter des Manuskriptes bei der Beschädigung mitsamt dem Titelblatt verloren gegangen sein müssen. Und daraus, daß der Dichter diese wenigen Blätter nicht ergänzt hat, glaube ich schließen zu dürfen, daß die Beschädigung der Handschrift nach dem Tode des Dichters stattgefunden hat.

Das Manuskript enthält fast ein Drittel des ganzen Atharwaweda in lateinisch transskribiertem, accentuiertem und emendiertem Urtext mit darunter stehender metrischer Übersetzung und teilweise umfangreichen textkritischen, grammatischen, metrischen, prosodischen, mythologischen und etymologischen Anmerkungen. Mein Plan inbezug auf die Veröffentlichung des neuaufgefundenen Meisterwerkes ging zunächst dahin, die Übersetzung des Atharwaweda mitsamt den verwertbaren Noten des Dichters, die ich, wo nötig, ergänzen wollte, herauszugeben. Mit dem Druck der Übersetzung wurde baldmöglichst, im Spätherbst 1922, begonnen. Als diese Anfang März 1923 fertig ausgedruckt vorlag, stellte sich Heraus, daß deren Umfang allein bereits das vom Verlage ursprünglich vorgesehene Volumen ganz erheblich überschritten hatte. Dazu kam, daß es mir bis zum März 1923 infolge Überhäufung mit anderen dringenden Arbeiten nicht gelungen war, das Druckmanuskript der umfangreichen Anmerkungen einigermaßen zum Abschluß zu bringen. Da es mir weiter ebenso wie dem Verlage dringend wünschenswert erschien, unter Vermeidung eines zu hohen Preises das neue Werk Rückerts möglichst weiten Kreisen der deutschen Leserwelt zugänglich zu machen, bin ich mit Freuden dem Vorschlage des Verlages gefolgt, den Rückertschen Atharwaweda zunächst in einer kürzeren Ausgabe ohne Anmerkungen herauszugeben, der dann die große Ausgabe mit Erläuterungen später folgen soll. Der vorliegenden Ausgabe habe ich außer einer kleinen Einleitung über den Atharwaweda nur einen erklärenden Index der in Rückerts Übertragung vorkommenden Sanskrit-Namen und -Worte beigegeben. Die große Ausgabe, die erheblich umfangreicher sein wird als die vorliegende, soll außer Rückerts von mir allgemeinverständlich ergänzten und bearbeiteten Anmerkungen und einer zweiteiligen längeren, u.a. auch eine genaue Beschreibung des Rückertschen Manuskriptes enthaltenden Einleitung noch mit einem philologisch-kritischen Anhang ausgestattet werden, der alle zum Teil hochinteressanten rein philologischen Noten des Dichters der indologischen Fachwelt zugänglich machen wird.[9]

Zur vorliegenden Ausgabe sei im einzelnen noch folgendes bemerkt: die Entzifferung des oft schwer lesbaren Manuskriptes bot besonders dort, wo der Dichter viel in der Übersetzung korrigiert hat, nicht selten ungeahnte Schwierigkeiten, die zu überwinden ich mit allen Mitteln bemüht gewesen bin. Einige Stellen, an denen ich trotz aller Sorgfalt nicht zu sicheren Lesungen gekommen bin, habe ich in einem kleinen Verzeichnis der unsicheren Lesarten am Ende des Buches namhaft gemacht.

Die Anwendung der modernen Orthographie schien mir von selber geboten, da das Buch für weiteste gebildete Kreise bestimmt ist. Außerdem mochte ich den zweifellosen Mißgriff E. A. BAYER'S, der in seinen Rückertausgaben die abstruse und inkonsequente Orthographie des Dichters beibehalten hat, nicht wiederholen, da ich der festen Oberzeugung bin, daß gerade die abschreckende Rückertsche Rechtschreibung die Verbreitung der Werke des Dichters nicht wenig gehemmt hat. – Kommata und Apostrophen habe ich, wo es mir der Klarheit halber angebracht erschien, nicht selten hinzugefügt oder auch gestrichen. Offenbare Schreibfehler des Originals habe ich stillschweigend berichtigt, ohne sie immer namhaft zu machen. Subjektivisch gebrauchte Partizipien, die Rückert öfter klein als groß schreibt, habe ich durchweg groß gedruckt. – Bei der Schreibung der Sanskrit-Namen und -Worte habe ich mit Rücksicht auf den Charakter der Ausgabe eine diakritische Zeichen und Längenstriche vermeidende, der Aussprache angeglichene Transskription angewandt, die mit der übrigens nicht konsequenten Umschreibung des Dichters manches gemeinsam hat. Um den primitiven Charakter der atharwanischen Poesie auch äußerlich wirksam hervortreten zu lassen, habe ich die von Rückert stets nur angedeuteten litaneienhaften Refrains, über die H. SCHURTZ: Urgeschichte der Kultur, Leipzig-Wien 1900, S. 523 ff. zu vergleichen ist, stets vollständig abdrucken lassen. – Wo Rückert längere Hymnen in ihre Teile zerlegt und diese einzeln in der Weise numeriert, daß er beispielsweise mit XII, 1 beginnt, um dann mit XII, 1, a; 1, b usw. fortzufahren, habe ich diese Zählung durchgehends dahin abgeändert, daß ich XII, 1, a; 1, b; 1, c usw. dafür eingesetzt habe. – Abgesehen von solchen unwesentlichen Änderungen bin ich bestrebt gewesen, in der vorliegenden Ausgabe den Text des Rückertschen Manuskriptes auf das Genaueste und Sorgfältigste wiederzugeben und hoffe, daß mir das gelungen ist.

Zum Schluß ist es mir eine angenehme Pflicht, auch an dieser Stelle allen denen, welche die Herausgabe des vorliegenden Buches gefördert haben, meinen verbindlichsten Dank zu sagen: Zunächst der FAMILIE RÜCKERT, ganz besonders Herrn Geh. Justizrat H. RÜCKERT in Frankfurt a.M., der mir außerdem bereitwilligst zahlreiche wertvolle briefliche Auskünfte zukommen ließ, für die große Liebenswürdigkeit, mir den Koburger orientalischen Nachlaß Friedrich Rückerts zur Verfügung zu stellen. Dann Herrn Universitäts-Professor Dr. RICHARD SCHMIDT, der mich mit Rat und Tat zu unterstützen die Güte hatte. Endlich dem FOLKWANG-VERLAGE, vor allem seinem weitblickenden und großzügigen Leiter, Herrn ERNST FUHRMANN, für die geradezu hervorragende Ausstattung des Buches, die es zu einem der schönsten aller Rückertdrucke macht, die bisher erschienen sind.


Münster i. Westf., Ostern 1923.


HERMAN KREYENBORG.

Quelle:
Atharwaweda. Hannover 1923, S. IX9-X10.
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